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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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»Über meinen Chef möchte ich mich schriftlich nicht äußern«, schrieb Otto an den Kreuzzeitungs-Wagener. Auch beschwerte er sich in Briefen an Manteuffel, Herr v. Rochow lasse ihn absichtlich im Dunkel über laufende Geschäfte, weihe ihn nicht in die Aktengeheimnisse ein und beraube so seinen diplomatischen Säugling der zukömmlichen Nahrung. Das Verhältnis wurde gespannt, und die Verstimmung wuchs. Er beschuldigte Rochow in geheimen Kurierbriefen nach Berlin des Mangels an Initiative, an der Festigkeit, mit dem passiven Widerstand Österreichs zu ringen, der täglich deutlicher werde. (Und doch handelte es sich bisher nur um Kleinigkeiten). Daß Rochow nicht besonders erbaut schien, als Vorgesetzter einen jüngeren Untergebenen als bestimmten Nachfolger neben sich zu haben, konnte man ihm eigentlich nicht verdenken. Otto sah überall Mißgunst und äußerte zu Lynar: »General v. Rochow erinnert mich an seinen Ahnen, der als Kürassieroberst gegen den Kornett Seydlitz so viel Malice geübt haben soll, weil der nicht Order parierte. Und wurde nachher doch ein ganz brauchbarer Reitergeneral. Nun will ich mich gewiß nicht mit einem Seydlitz vergleichen, aber ich hoffe, der Mißachtung meines Chefs noch zu zeigen, daß aus solchem Holz zwar keine Reitergenerale geschnitzt werden, aber ganz erträgliche Geschäftsträger.«

»Ich hoffe, Eure Exzellenz noch als einen diplomatischen Sieger von Zorndorf zu begrüßen,« salutierte Lynar, »aber sollten Sie Herrn v. Rochow nicht am Ende doch unrecht tun? Ich halte ihn für einen Gentleman.«

»Ach was! Er molestiert mich.« Die nervöse Reizbarkeit des Geheimrats v. Bismarck hatte nicht viel von geheimrätlicher Würde. Und des Pudels Kern wäre das Bekenntnis gewesen: er steht mir im Wege. Nur mit dem Unterschied, daß der gewöhnliche Amtsstreber, wie er bis in die höchsten Sphären herumläuft, sich nie auf das eine berufen kann, was die Selbstsucht jedes Genialen nicht nur entschuldigt, sondern ihr zu einem heiligen Recht verhilft: »mir« im Wege heißt hier soviel als »meinem Werk« im Wege. Selbstverständlich darf man hier noch Moral heucheln und es empörend finden, wenn der Korse alles, was nicht glatt unter den Händen nachgeben wollte, nämlich Krawatten, Westen, Stiefeln, Königreiche, Völker in Stücke riß, weil es gotteslästerlich seinem Vizekönigtum des Schicksals widerstrebte. Friedrich der Große war nicht minder ungeduldig und unbändig in seinem Zorn, Cromwell brauchte unflätige Schimpfworte, Beethoven wurde sacksiedegrob, wenn man seine Arbeit störte. Das nervöse Temperament der Genialen bleibt sich immer gleich, Michelangelo war auch kein angenehmer Mitbürger.

Aber eine andere Lehre hätte Bismarck jetzt ziehen können. Weltkenntnis erwirbt man, selten Menschenkenntnis, denn dazu müßte man Menschen sehr genau und lange beobachten können und wer hat dazu Zeit! Als endlich Anfang Juli die definitive Ernennung des Legationssekretärs zum Gesandten eintraf, während Rochow auf den unliebsamen Posten in Petersburg zurückkehren mußte, schrieb der alte General an den Minister Manteuffel in den ehrendsten Ausdrücken über seinen Nachfolger, den er scharf beobachtet hatte. Gleich darauf bekam er Gelegenheit, fest bei der Stange zu bleiben und seine großmütige Unbefangenheit zu betätigen.

»Am 11. reisen Seine Königliche Hoheit der Prinz von Preußen hier durch nach Mainz«, eröffnete er seinem schmollenden Legationsrat oder vielmehr Nachfolger, »Höchstderselbe kehrt von der Großen Industrieausstellung aus London zurück. Indem ich Ihnen herzlich gratuliere, bitte ich mir zugleich die Ehre aus, Sie am Bahnhof zur Begrüßung des hohen Herrn bei ihm einzuführen. Nach Ihrem offiziellen Amtsantritt werden Sie ja auch eine bedeutende Titulatur führen. Wenn Ihr lieber Vater, der als Offizier unter mir diente, das noch erlebt hättet Als Knabe sah ich Sie im Elternhause. Was nicht aus einem Menschen werden kann!«

Sogar eine Exzellenz! dachte Otto belustigt.

Als der Prinz aus dem Extrazug stieg, begrüßte er zwar Otto: »Lieber Rochow, nach Ihrem Aussehen muß die Gesandtentafel gut bestellt sein. Ei, da ragt ja Herr v. Bismarck über alle hervor!« freundlich, wie bei den früheren Beziehungen nicht anders zu erwarten war, doch etwas flüchtig und sogar reserviert. Der neue Gesandte bemerkte mit Schmerz daß er nicht mehr in besonderer Gunst stand. Er wußte warum. Der ehrenhafte, männliche Fürst verzieh keinem, der die »Schmach von Olmütz« beschönigt hatte. Seine soldatische Ehre fühlte sich geohrfeigt durch die Demütigung Preußens, in seinem Herzen verzieh er es Österreich nie. Mit lebhaftem Unmut hatte er Bismarcks Eintreten für Manteuffels Schwäche, wie er es auffaßte, als unerträglich empfunden. Und wenn er dann wieder sich mit dieser Entgleisung aussöhnte oder vornehm darüber hinwegsah, so hatten andere seiner Umgebung und die von nicht unerklärlicher Abneigung gegen den »Ultra« erfüllte Prinzessin den Stachel tiefer eingegraben. Als er daher mit Rochow ins Hotel fuhr, fragte er mit einer gewissen Schärfe, indem er sich aus dem Schlag des wappengeschmückten Wagens lehnte und nach der vom Perron sich entfernenden Gruppe zurückblickte:

»Und wird dieser Landwehrleutnant wirklich unser Bundestagsgesandter?« Mit dieser militärischen Rangbezeichnung wollte er den Abstand erkennbar machen, der einen Generalleutnant wie Rochow an Ansehen und Rang, wie dem Vertreter einer Großmacht angemessen, von solchem Neuling trennte.

Daß dieser keine feinere diplomatische Toilette machte, als sich den Landwehrrock anzuziehen, die einsame Rettungsmedaille auf der Brust, vermerkte er zwar beifällig. Doch die rein soldatische Auffassung der Dinge, die man ihm fälschlich zuschrieb, färbte keineswegs bei ihm auf andere Staatsverhältnisse ab, die er alle mit gleicher Gründlichkeit und Pflichttreue sich zu eigen machte. Man begreift, daß er bei Lebzeiten seines Bruders vor dessen schillernder, glänzender Geistesfülle in den Hintergrund trat. Denn es muß immer wieder jedem Verdammungsurteil die Klausel beigefügt werden, daß der unglückliche König in seiner Weise ein ungewöhnlicher und bedeutender Wunsch gewesen ist, auch an ursprünglicher wohlwollender Güte unendlich vielen überlegen, die sich ihm gegenüber als »Charakter« spreizten. Dagegen begreift man nicht oder vielmehr begreift die lächerliche Seichtigkeit der öffentlichen Meinung nicht nur, sondern der Menschenbeurteilung überhaupt, daß niemand im Prinzen Wilhelm die Anlage zur höchsten Herrschertugend entdeckte, niemand in diesem nachdenklichen, ernsten Manne einen denkenden Staatsmann ahnte, ganz und gar nicht bloß in die Uniform eingezwängt, einen hoch über jedem Durchschnitt Außerordentlichen, dem nur die wilde Initiative des Genies fehlte, und dessen ehrenhafter Mut durch übermäßige Gemütsweichheit geschwächt wurde, welche seine Verkenner und Verleumder in ihm am wenigsten witterten. Dieser stramme, straffe, furchtlose Soldat haßte jede Gewalttätigkeit, an einem Kriege sah er zuerst die Opfer, und wenn sein hohes Ehrgefühl ihm die schwächliche Nachgiebigkeit seines Bruders verbot und er frechen Feinden unerschrocken die Stirn bot, so litt sein lauterer, im schönsten Maße vornehmer Sinn doch an Bedenklichkeiten über Recht und Unrecht, vor Gott strengste Verantwortlichkeit auf sich nehmend, bei aller Würde voll großer Demut. Seine fast krankhafte Bescheidenheit erbte er vom Vater (sein Bruder schlug nach der überschätzten ästhetelnden Mutter), dem vielverkannten, der bei einiger Schwäche und Beschränktheit doch einen hervorragenden trockenen Verstand und eine sehr vornehme Gesinnung in sich zur Ausbildung brachte, sich durch verständnisvolles Gewährenlassen von Scharnhorst, Stein, Gneisenau, Blücher Verdienst erwarb. Dieser sein Sohn stand freilich sehr viel höher in Geist und Willensartung und war, um es deutsch zu sagen, in seiner Weise ein großer Mann.

Doch wir tappen alle im Nebel. Denn ausschließliche Selbstsucht – das, was uns alle bändigt, das Gemeine – bestimmt nicht nur unsere Handlungen, sondern auch unsere Urteile. Wie kann da ruhige, unbefangene Beobachtung und Würdigung erwartet werden! Als die zwei Schicksalsmänner sich gegenüberstanden, zerriß da ein Blitz vor ihnen den Nebel, und sahen sie sich als Doppelstatuen Hand in Hand für alle Zeiten vor den Augen der Nation? Weit gefehlt! Sie fühlten sich »zueinander hingezogen«, wie die Sprache es mit einem Anflug ins Telepathische ausdrückt, und selbst das nicht mit deutlicher Bezwingung. Otto dachte, der Prinz sei ein braver, tüchtiger Gentleman, und der Prinz spöttelte: »Dieser Landwehrleutnant!«

Da erwiderte der General mit fester Stimme: »Jawohl, Königliche Hoheit, und die Wahl ist gut nach meiner unmaßgeblichen Meinung, Herr v. Bismarck ist frisch, stark und wird sicher jedem Anspruch gerecht werden, den ein Patriot an ihn stellen kann.«

»So!« Der Prinz sah nachdenklich vor sich hin. »Ich hatte ja stets die beste Meinung von diesem Manne, doch in letzter Zeit – er war immer ein guter Preuße, doch da –. Übrigens, tanzt er so viel, das verträgt sich nach meinen Begriffen nicht mit einem Staatsmann.«

»Das kann hier nicht auffallen, Hoheit, denn hier tanzt alles, je älter, desto toller.«

Der Prinz lächelte bitter. »Fängt das wieder an? Ich erinnere mich aus meiner Jugend, der Wiener Kongreß – Sie kennen ja wohl das Bonmot des Fürsten de Ligne: ›Der Kongreß marschiert nicht, er tanzt.‹ Sie kennen Wohl auch den französischen Spruch: ›Auf einem Vulkane tanzen.‹ In diesen ernsten Zeiten!«

»Hoheit irren sehr, wenn ich mir untertänigst eine Vorstellung gestatten darf, falls Sie Herrn v. Bismarck den nötigen Ernst nicht zutrauen. Entschiedenheit des Willens, Dekorum in der Haltung, jedoch Freundlichkeit im gesellschaftlichen Verkehr, Klugheit beim Reden, eine reife Kenntnis der Menschennatur mit der Gabe, Vertrauen zu erwecken – diese hier für Preußens Rechte nötigen Eigenschaften besitzt der ausgezeichnete Mann, den die Weisheit Seiner Majestät erkor.«

Der Prinz dachte vielleicht, der alte Hofmann rede nach dem Munde, um sich beim König beliebt zu machen, denn er zuckte leicht die Achseln: »Sie sind ein warmer Fürsprech, lieber Rochow, man muß das ehren. Aber der Mann ist doch zu jung und ohne jede Erfahrung im Dienst.«

»Das schleift sich ab, auch ist die Raschheit, mit der sich der Legationsrat in die Geschäfte einlebte, ganz überraschend. Wenn er graue Haare hätte, würde er vielleicht nicht jene Eigenschaften damit vereinen, die ich mir vorhin hervorzuheben erlaubte.«

»Das hat etwas für sich. Unstreitig ist er von ehrenfester Gesinnung.«

»Er ist eine Zierde unseres Adels,« rief der alte Kriegerdiplomat mit Wärme, »voll Hingebung für den Glanz der Krone und die Ehre des Vaterlandes.«

Der Prinz runzelte die Stirn. »Das hätten Sie nicht sagen sollen, lieber General. Auf den Glanz der Krone fiel ein trüber Schatten, und die Ehre wollen wir aus dem Spiel lassen – Sie wissen, wohin ich ziele. Ich werde erregt, wenn ich nur daran denke. Doch entschuldigen Sie,« fuhr er gütig fort, »Ihr Urteil hat bei mir viel Gewicht. Und mir ist, als ob eine innere Stimme mir sagte, ich hätte mich am Ende doch nicht in diesem Bismarck getäuscht, auf den ich von jeher ein Auge hatte. Er hat viele Feinde, muß ich bekennen. Doch viel Feind, viel Ehr'. Sie machen aber den Mann zu einem Phönix, als ob er noch zu gut für einen immerhin so hohen Posten wäre.«

»Jawohl, ich zögere nicht zu behaupten, daß er mir zu schade scheint, hier seine Energie zu vergeuden, in diesem Danaidenfaß, wo man immer ausschöpfen will und doch nie Grund findet. Der wäre an sehr hoher Stellung im Vaterland am Platze.«

»Warum nicht gar Premierminister!« Der Fürst sann wieder einen Augenblick nach. »Sie haben mich ganz für Ihre Meinung gewonnen, daß wir hier einen starken Mann brauchen, wie es dieser unstreitig ist. Ich werde unser Gespräch meiner Gemahlin mitteilen, die nicht so günstig denkt wie Sie.«

Rochow, viel zu vornehm, seinem Nachfolger auch nur die leiseste Andeutung seines Ritterdienstes zu machen, fühlte sich unangenehm berührt, als der Mann, für den er so brav einsprang, mit unverhohlener Kälte nachher sich von ihm zurückzog. Otto glaubte nicht anders, als daß Rochow den Prinzen gegen ihn eingenommen habe. Sein früherer Vorgesetzter ließ sofort packen und reiste in der nächsten Morgenfrühe ab, ohne sich zu verabschieden und seinem Ersatzmann die Akten feierlich zu übergeben. Denn das hinterlassene grüne Portefeuille mit den »laufenden Sachen« war leer. Aha, er eifersüchtelte bis zum Ende! Und diese Auffassung wurde Otto niemals los, er blieb dabei und flößte diese Ungerechtigkeit anderen ein, bis sie »geschichtlich« wurde. Einige Überlegung konnte ihm sagen, daß es sich nur um ein Versehen bei überhasteter Abreise handeln könne, denn der kluge Rochow würde doch wohl nicht eine so kindische Art oder Unart als parthischen Pfeil seines Mißvergnügens gewählt haben, da die betreffenden Akten ja natürlich sicher und unversehrt an anderer Stelle lagen. Nur daß er einem Wiedersehen und Abschied aus dem Wege gehen wollte, blieb als residuum mortum der ganzen Angelegenheit. Zu guter Letzt erwies sich Rochow schon früher bei jenem Zusammentreffen in Brandenburg freundlich und hatte zudem in freundschaftlichen Beziehungen zum alten Rittmeister, Ottos Vater, gestanden. Für die empfangene Belehrung der täglichen Vorträge schuldete ihm sein Nachfolger auch einige Freundlichkeit. Da schlug jedoch Otto das Gewissen, ob er nicht unfein einem alten Manne gegenüber handle, und er eilte persönlich zum Bahnhof, wo er noch knapp rechtzeitig den General beim Einsteigen abfing und ihm höflichen Dank für bewiesene wohlwollende Unterweisung abstattete. Er bediente sich der gewähltesten Ausdrücke und behauptete später immer, er habe Rochow in Verlegenheit gesetzt und ihm einen peinlichen Augenblick verschafft. Diese kleinliche Rachsucht kann nur dadurch entschuldigt werden, daß er die Wahrheit nie oder unvollständig erfuhr. Vielleicht spielte ihm auch seine Neigung zu sozusagen feuilletonistischer Ausschmückung einen Streich. Sein Wesen war so auf das bildlich Gestaltende gestellt, daß er eine Freude daran hatte, sich anekdotische Arabesken in seinen Lebenslauf hineinzumalen.

Rochow empfand wohl die Gewitterschwüle der unverhofften Begegnung, doch verbeugte er sich gemessen: »Ich danke Ihnen für diese Höflichkeit. Hoffentlich werden Sie einst mein Nachfolger auch dort, wohin ich jetzt reisen muß, dem Willen unseres Königs gehorsam.«

So sind deutsche Männer und preußische Militärs. Im Grunde konnte er wirklich Bismarck nicht leiden, aber ihn kümmerte nur der »Dienst«, was dem Staate fromme. Und weil seine erfahrene Klugheit die Begabung des Jüngeren erkannte, wurde er ihm ein nobler Sachfreund, so peinlich seine eigenen Wünsche durchkreuzt wurden. Denn, wie ein großer Deutscher es ausdrückte, deutsch sein heißt etwas der Sache wegen tun. Und hätte Preußen, hätte Deutschland nicht reichlich solche Männer, wo wäre heut das Werk dessen, der da kam!

*

Es verging nur kurze Zeit, daß der Prinz von Preußen wieder durchfuhr. Er kam von Rußland und ging nach Koblenz. Diesmal bewies er Otto aufrichtiges Wohlwollen. »Ihr Freund Kleist-Retzow wird Oberpräsident in Koblenz, das wissen Sie wohl. Ich werde also mit ihm zu tun bekommen.« Er war dem grauen Hans durchaus nicht hold als einem bornierten Reaktionär und versprach sich von dem beleidigend glücklichen Ehemann einer Stolberg – wie der unglückliche Strohwitwer Bismarck seufzend beneidete – nicht Angenehmes. Doch war er viel zu vornehm, um dessen Freund etwas Ungütiges zu sagen. »Ich sprach neulich über Sie mit der Prinzessin, wir schätzen Ihre hervorragende Kraft. Wie steht es denn hier?«

»Soso. Österreich wird uns noch viel Knüppel zwischen die Beine werfen.«

»Sie wissen, daß ich auf dies Reich nicht gut zu sprechen bin. Unser alter Feind würde uns jederzeit einen siebenjährigen Krieg machen. Mein Aufenthalt in Petersburg hat mich befriedigt und meine Auffassung etwas korrigiert. Der Zarewitsch, mein Neffe, ist ein herrlicher Mensch und hat die humansten Absichten. Man wird eines Tages davon hören, er wird Rußland sozusagen europäisch machen. Was den Zaren betrifft, so ist er natürlich der gleiche, nie kleinlich, sehr vornehm, aber leider –! Wer sich nur auf Bajonette setzen will, verwundet zuletzt sich selbst. Nun, ich weiß, Sie sind dort gut angeschrieben und beliebt. Was machen Sie für ein sonderbares Gesicht?«

»Halten zu Gnaden, Königliche Hoheit, als Diplomat – selbst als ein solcher Neuling wie ich – soll man sich zwar nicht geschmeichelt fühlen, aber eine so freundliche Meinung begrüßen – nämlich, wenn man sie nicht verdient. Als Mensch bekomm' ich einen Stich ins Herz, wenn das Ausland mich lobt. Das ist immer ein schlechtes Zeichen. Schimpfen soll man an fremden Höfen auf einen Gesandten oder Minister, das ist ein Testimonium, daß er auf dem rechten Wege ist. Und nennt man ihn gar da draußen einen Schurken und Gewalttäter, dann muß er sich um sein Vaterland wohlverdient gemacht haben.«

Der Fürst lachte herzlich. »Wie Sie doch immer die Dinge b«i Namen nennen! Es freut mich, daß Sie so denken. Übrigens lügt die Welt so viel. Mir sagt man auch russische Gesinnung nach, und niemand ist, weiß Gott, freier davon als ich. Wohin meine Neigungen gehen, ist Ihnen bekannt.«

»Nach England. Doch schon oft wagte ich untertänigst zu bemerken: Eines schickt sich nicht für alle. Die Verhältnisse sind so verschieden, das englische Verfassungsleben paßt nicht für uns. Außerdem, eine schwache Krone, ein regierender Adel – wir Preußen wollen das Gegenteil.«

»Zum Heile des Vaterlands.« Prinz Wilhelm sagte es ernst mit gewichtigem Nachdruck. »Aber es gibt doch ein Mittelding zwischen russischem Juchtenleder und englischer Baumwolle. Die scheußlichen Noten, die Preußen zugrunde richteten und denen wir ›Olmütz‹ verdanken«, sein Gesicht wurde bei dem Unheilsnamen hart und finster, »sind nun niedergeworfen. Doch die gemäßigt Liberalen sind gute, ehrliche Staatsbürger, und Ihre Freunde, die jetzt am Ruder sind, hausen viel zu schroff. Sie mögen sich denken, wie mich das aigriert, daß man gerade mich als Verfassungsfeind ausschreit. Die Gesinnungen der Prinzessin sind doch über jeden Zweifel erhaben, und ich selbst werde die Verfassung, die ich mitbeschwor, wahren bis zum letzten Atemzug. Ihre Kreuzzeitungsclique will ich mir nicht oktroyieren lassen, solches ist mein Raisonnement.«

Der Fürst teilte Ottos Vorliebe für Fremdworte, nur daß er sie in Briefen stets mit lateinischen Lettern schrieb, gleichsam um ihren undeutschen Ursprung hervorzuheben. Daß er gegen die neue Demagogenhetze und die reaktionäre Strömung in Berlin frondierte, daß der Polizeirat Stieber, Kleist-Retzows Entdeckung, sogar dem Thronfolger ehrfurchtsvoll Spitzel nachschickte, um seine Äußerungen aufzufangen, war kein Geheimnis. Otto lenkte rasch ab:

»Preußens Politik wird gottlob weder von der Kreuzzeitung noch anderen Presseorganen gemacht. Das Ministerium des Innern tritt heut an zweite Stelle, das des Äußeren hat das Wort. Hoheit erwähnten Bajonette, davon kann man nie genug haben, und unsere sind, hoff ich, scharf geschliffen.«

»Sehen Sie Verwickelungen voraus?« Der Prinz sah ihn scharf an.

»Nicht doch! Ich spreche von einst kommenden Tagen. Die Armee allein kann Preußens Bestimmung erfüllen.«

»Bravo! Und da tun Reformen not. Auf Wiedersehn, mein Lieber! Wir sprechen noch mal darüber. Und nicht zu österreichisch, Herr v. Bismarck!« Er drohte leicht mit dem Finger. »Der König, mein Bruder, ist darin anderer Meinung. Nun, ich will mich nicht in Ihre diplomatischen Geheimnisse drängen. Leben Sie Wohl, ich bleibe Ihnen gewogen.« Der so gnädig Entlassene seufzte. Zu österreichisch – zu russisch – jetzt fehlt nur, daß ich zu französisch bin! Ich tröste mich damit, daß man nicht zu deutsch sein kann. –

Wenn die Briefe von Nanne zu lange ausblieben, hatte er sich zu Geschäften unbrauchbar gefühlt. Seine Mitarbeiter, die ihn nicht kannten, wunderten sich über so viel Gemütsnervosität bei diesem eisern aussehenden Manne. Der ihm als Mitarbeiter anfangs beigestellte Geheime Legationsrat Grüner war mit Rochow verschwunden, dafür ein Assessor Rudloff eingetroffen, dem später ein Legationsrat Zittelmann folgte. Lauter fremde und unbedeutende Leute, zu denen er sich nicht aussprechen konnte. Zwar hatte er sich ausdrücklich vom König die Erlaubnis geben lassen, daß er eine Art Neben-Akkreditierung bei den süddeutschen Höfen erhalte, damit er diese zu politischen Zwecken kennen lerne. Doch er klagte zu Kleist-Retzow, den er in Koblenz aufsuchte: »Diese langweiligen Fürstlichkeiten zu sondieren, mich über das Terrain orientieren, ist keine angenehme Studienreise.« Der neue Oberpräsident machte dazu große Äugen, für den kleinen Streber war ein Besuch bei hohen Herrschaften ein Staatsakt von unermeßlicher Weihe. Seine Gemahlin Charlotte Stolberg hielt es für Pflicht einer christlichen Frau, ihrem Herrn und Meister in allem gefügig zu sein, alttestamentarisch, und der kleine Patriarch bildete sich zum Haustyrannen aus. Wühlen in den Akten war ihm ein höchstes Behagen, wie ein Maulwurf fraß er sich durch alle Bagatellen durch, natürlich immer bewehrt mit dem Saugrüssel seiner schnüffelnden Reaktionswut. Otto dachte sich im Stillen, daß diese forcierte Beamtenstrenge mal ein übles Ende nehmen könne, gerade im liberalen Rheinland. Auch versprach er sich nichts Gutes davon, daß der Prinz von Preußen und seine hohe Gemahlin oft in Nähe dieses tantigen und grantigen Oberpräsidenten hausen würden, der sich in seiner Allmachtswürde bis an die Zähne bewaffnete wie die drüben herüberdrohende Feste Ehrenbreitstein. Für seinen inneren Frost, der ihn in der Frankfurter Welt erkältete, konnte er sich beim grauen Haus auch keine Wärme holen. Selbst die christliche Bibelfestigkeit nahm hier streberhafte Mienen an. Als Otto klagte, er müsse aus dienstlichen Gründen immer Sonntags reisen, statt in die Kirche zu gehen, so werde er auch nächstens Seiner Majestät entgegenreisen, wenn der König nach Burg Stolzenfels komme, zog Kleist die Stirn in Falten und belehrte ihn: »Man soll dem Herrn dienen, doch auch dem irdischen Herrn, denn solcher ist von Gott. Nützlichkeit und Notwendigkeit des königlichen Dienstes gehen allem vor, darin wird unser gnädiger Vater im Himmel ein Einsehen haben.« Seine Frau verzog zwar ihren ernsten Mund, da sie als Pietistin dies heterodox fand, aber wagte nicht gegen ein Gebot des hohen Patriarchen sich aufzulehnen. Otto schied mit unbehaglichem Gefühl, als ob Onkel Hans auch mal für ihn eine verbrauchte Größe der Vergangenheit sein werde.

Seine freundliche Stimmung für den alten Rothschild, welche dieser auf harte Probe stellte, verflog auch. Otto hatte den Prinzen Wilhelm zum Gesandtschaftsdiner eingeladen, doch später am Tage lief Einladung Rothschilds ein, worauf der Prinz lachend erwiderte: »Mit dem Geld muß man sich gut halten, mir ist's gleich, mit wem ich diniere, doch ich muß mit unserem Gesandten konferieren.« Spornstreichs erschien der Geldprinz persönlich bei Bismarck: »Se müssen mer den hohen Herrn abtreten, Herr Beraun, Exzellenz, und Se selber kommen dann mit zu mein bescheidenes Dinerchen.« »Leider muß ich refüsieren.« »Wie heißt! Gibt mer der bedaitende Mann 'nen Refüs vor ein Diner bei Rothschild. Da lecken sich de seinen Herren sonst de Finger danach. Aber wissen Se was, ich will mer bescheiden damit, zu schicken Speis und Trank in Ihr hohes Haus. Gott gerechter, was kann da sein! Das Diner is parat und muß gegessen werden. Ich selber bin dabei nix nutz, weil ich nur esse koschere Ware, also essen Se mein Diner ohne meine werte Person!« Otto konnte sich kaum enthalten, über solche Naivität laut aufzulachen.

»Geht auch nicht, bester Herr Baron. Ihr Diner ist sicher viel besser als das meine, aber es verträgt sich doch nicht mit meinem Anstandsbegriff, mich in meinem eigenen Haus von Ihnen bewirten zu lassen und außerdem noch meinen hohen Gast.«

»Nu, wie Se wollen. Se sind ein Mann von Eisen, Sie bringt man von nichts ab. Hab' ich getan nach Kräften, zu zeigen meine Pietät für das graußmächtige Preußen. Werd' ich mer kommen lassen 'n Schock Österreicher, die essen gern bei Rothschild.«

Die unverfrorene Zudringlichkeit mißfiel Otto um so mehr, als er so Mißlichkeiten in politischen Geldsachen voraussah, da Rothschilds ganz im österreichischen Fahrwasser nach Profit angelten. Graf Thun fing an, seine Präsidentschaft noch unangenehmer zu gestalten. Im persönlichen Verkehr benahm er sich verbindlich genug, doch in den Sitzungen überschätzte er seine Amtswürde, als wäre er souveräner Herr. Er präsidierte in kurzer Sommerjoppe, die er zugeknöpft trug in Ermangelung einer Weste, um sich's bei der Hitze bequem zu machen. Seine Nankinghosen durfte die Versammlung bewundern, indem er die Beine von sich streckte, um den Hals hatte er kaum den Vorwand einer Binde, weil dies bei der hohen Temperatur ihm lästig fiel. Sein Vortrag glich einem Gesprächston mit Untergebenen. Dazu rauchte er wie ein Schlot und bediente sich einer Zigarrenkiste, ohne je einen einzuladen, seinen Genuß zu teilen.

»Nächstens kommt er in Hemdsärmeln«, beschwerte sich Otto zu seinem befreundeten Kollegen Schele. »Ich werde mir diese Inkorrektheit nicht lange gefallen lassen. Das ist ja eine wahre Geduldsprobe.«

»Das Vorgehen Thuns ist auch geschäftlich unerhört«, stimmte der Hannoveraner bei. »Er studiert nie die ihm ausgehändigten Papiere vorher und macht sich mit dem Inhalt durch eigenes Vorlesen bekannt. Neulich las er 40 Seiten auf einen Hieb vor, lauter Ziffern und Noten über die Flottenfinanz. Seine Lunge ist beneidenswert, doch ich zog es vor zu schlafen, Herr von Nostitz las einen extra mitgebrachten Roman, weil er Thuns Sport schon kannte, und unser Bayer, General Xylander, zeichnete phantastische Kanonen aufs Löschpapier. Remonstrieren hilft nichts, da wird er grob und prätendiert in richtig österreichischer Manier, er begriffe nicht, was man von ihm wolle und wie er die Geschäfte anders führen könne.«

»Er ist geradezu flegelhaft.« Otto schwang erbittert seinen Spazierstock in der Luft mit einem kommentmäßigen Fechterhieb. »Auf meinen ersten Besuch im Mai schickte er nur seine Visitenkarte, und seither hat er nie den Fuß in unsere Gesandtschaft gesetzt, selbst meine offiziösen Besuche blieben unerwidert. Wenn ich in Geschäften zu ihm gehe, läßt er mich im Vorzimmer warten. Neulich hatte er die Frechheit, mir nach langem Warten zu versichern, er habe soeben eine sehr lehrreiche Unterhaltung mit einem englischen Zeitungskorrespondenten gehabt. Den alten Rochow hat er geradezu schnöde behandelt, den ließ er mal zwanzig Minuten im Vorzimmer sitzen.«

»O, er ist unverbesserlich. Nie erhebt er sich, wenn man bei ihm eintritt, bietet nie einen Stuhl an, während er rauchend sitzenbleibt wie ein Jupiter in Rauchwolken. Man soll wie ein Bittsteller vor ihm stehen. Das geht nicht so weiter.«

In der nächsten Sitzung begann Schele einige Redereien Thuns zu kritisieren. Da wurde der so heftig und ausfallend, daß Schele aufsprang: »Sie werden von mir hören«, und Otto als Zeugen für eine Duellforderung wählte. Dieser sann nach: »Diese Lösung wäre pikant, aber zu gewaltsam. Ich werde Thun zur Räson bringen als Vermittler. Es ist doch eigentlich amüsant, wir sollten dies seltene Exemplar eines Diplomaten so ruhig und liebevoll betrachten wie ein Botaniker eine unbekannte Blume. Ich schmeichle mir, zu seiner gesellschaftlichen Politur noch manches Scherflein beizutragen.«

Was er mit Thun redete, erfuhr niemand, tatsächlich leistete dieser eine mürrische Abbitte und benahm sich öffentlich bei jedem Zusammentreffen liebenswürdiger und vertraulicher gegen Otto als zuvor, hinter dem Rücken sprach er natürlich anders, das hörte Otto aus manchem heraus. Thuns Maßregeln sollten »den Deutschen die Theorie einprägen, daß wir keine Parität der Autorität zulassen und Preußen gar nichts zu sagen hat«, wie er offen heraus seinen Koteriegenossen predigte. Ebenso offen bekundete aber Bismarck an Schele und Oertzen: »Ich werde ihn nachdenken lehren, mit wem er's zu tun hat. Seine Prätensionen, seine affektiert und studiert verächtlichen Manieren werd' ich ihm austreiben. Preußen willigte in Wiederaufleben des Bundestags nur unter der Bedingung, daß die reformierte Organisation uns volle Gleichheit gewährleistet. Für seinen Kontraktbruch wird Österreich Konventionalstrafe zahlen ... bei der Zollunion.«

*

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