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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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Anders freilich, als sonst dem profanen Auge sichtbar, dachte darüber ein sonderbarer Herr, der zurzeit im Kurgarten von Wiesbaden saß. »Das ist der königlich preußische Geheime Legationsrat«, vertraute der Direktor seinem Personal an, von dem Schauer ergriffen, der alle echtdeutschen Leute vor einem Titel ergreift. Der einfache Herr in Zivil ohne Orden war sofort geheiligt. Dieser brütete vor sich hin.

Diese deutsche Dezentralisation der Stämme, die unsere politische Ohnmacht ausmacht, würde zu ihrer höchsten Stärke führen, sobald das äußere Band der Einheit geschmiedet. Es ehrt nur den Deutschen, daß er die Anhänglichkeit an die besondere Provinzialgeschichte »seines« Herrscherhauses ehrt. Das gibt eine Stärke der Tradition, eine anhängliche Pietät für die eigene ererbte Scholle des ganz besonderen deutschen Staatswesens, welche nachher den Begriff des allgemeinen Vaterlandes im großen Volk der Deutschen nur höher emporheben muß. Die dem deutschen Indogermanen eigene philosophische Anlage wird dann die Vaterlandsliebe als Inbegriff alles deutschen Volkstums mit einer Inbrunst umfassen, wie der eitle Chauvinismus der Briten und Franzosen sie nicht kennt. Die alldeutschen Demokraten ahnen nicht diesen inneren Mechanismus deutschen Denkens. Nicht die Einheit ohne die Fürsten, ohne den Sonderpartikularismus, sondern die Einheit mit den Fürsten, mit dem Sonderbewußtsein der deutschen Stämme, die sich ja schon durch ihren Dialekt unterscheiden, muß erstrebt werden.

Jawohl, das möchten uns Briten und Franzosen hindern, wenn sie einen Blick auf die Wahrheit tun könnten. Gesegnet sei ihre Allwissenheit! Womit ich aber den Heilandsspruch: Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! durchaus nicht zugunsten dieser hochmütigen Selbstlinge anwenden möchte. Ich bin ein guter Hasser. Ich hasse sie alle und das hochmögende Österreich dazu. Mein Gott! Letzte Nacht träumte ich, ich gäbe meinem Jüngchen die Rute, bis Blut floß. Soll ich ihm abbitten, dem armen Stümper? Ich habe ja nicht ihn gemeint, sondern andere ungezogene Kinder, die ich übers Knie legen möchte. Träume sind Schäume. Aber wenn ich mir vorstelle, daß ein riesiger Germane als Schulmeister den Welschen und Verwelschten die Rute gibt, wie es dereinst vielleicht mal ein noch nicht Geborener tut, dann jauchzt mein deutsch-preußisches Herz.

Ach Gott, die menschliche Bedürftigkeit! Da sehne ich mich nach meiner alten Nanne so sehr, daß ich zu Geschäften unbrauchbar sein werde. Und die Kinder! Dies Sorgen durchkreuzt mir jedes »Geschäft«. Absence makes the heart grow fonder, sagen die Engländer. Daß ich die verdammte Gewohnheit nicht los werde, bei jedem Schritt fremdsprachige Worte um mich zu streuen! Ich bin halt ein richtiger Deutscher, was ich von meinem großmächtigen österreichischen Kollegen in Frankfurt nicht sagen möchte, so gern er das gemütliche austriakische »Halt« in seine Ergüsse einstreut. Dieser tschechische Hochadel mit den deutschen Namen hat das Slawentum im Leib und kein Herz für die deutsche Sache.

In Frankfurt lebt sich's bequem, doch ich gehöre nicht dahin, ich Stockpreuße lieb' nun mal meine Landsleute, die mit der Schnauze zwar nicht grob wie das Ausland lügen, aber stramm sind, dafür mit dem Herzen gut und warm. Hier im Süden ist alles fein und höflich mit der Lippe, doch das Herz möchte ich nicht untersuchen. Vielleicht tue ich den Frankfurtern unrecht. Die sind erstens reich und deshalb zweitens konservativ – eine Konservativität der Bourgeoisie, auf die ich spucke –, aber sind gutmütig und hätten wohl das Herz auf dem rechten Fleck, wenn man dies Herz nur zu packen wüßte. Leider alle österreichisch, die flotte Lebensart der Weißröcke zieht sie an. Nun, gegen die Tiroler Jäger hab' ich nichts, die in Frankfurt liegen (nach meiner Auffassung doch ausländische Soldaten). Die sind »gar lieb«, so lernt' ich sie schon in Salzburg kennen. Nun gut, das ganze Deutschland soll es sein, Tiroler sind weiß Gott Deutsche. Aber! Der Stoßseufzer wird nie verstanden werden, bis er Erfüllung findet – durch wen? Durch irgendein mäßiges Individuum wie mich? Nein, durch historische Entwicklung, wohl in hundert Jahren.

Der gute Röder von Erfurt schreibt mir aus Homburg, daß er mir »sehr wichtige Mitteilungen« machen möchte. O Himmel! Wenn jemand uns so was schreibt, dann sind die Mitteilungen ungeheuer wichtig für ihn, nur nicht für uns. Mir ist überhaupt, als ob die ganze Vergangenheit hinter mir versänke. So hat mich aus allen Sommerträumen Gerissenen das Rad des Schicksals gepackt, vorbei sind Spiel und Tanz des Lebens, ein trockener Aktenjäger muß das Talent haben, alt zu werden, wenn er zu Amt und Würden kommen will. Die arme Nanne! Die nimmt als Gottes Prüfung hin, was anderen ein Ziel, aufs innigste zu wünschen: steif im Seidenkleid auf dem Ehrensofa hocken und Exzellenz geschimpft werden. Ich hab' mich nicht danach gedrängt, eine sogenannte hohe Person vorzustellen, die eigene Persönlichkeit liegt mir besser. Aber man muß seine Schuld an den Staat bezahlen, ohne dem lieben Gott in die Karten gucken zu wollen. Das läßt er nicht zu und tut wohl daran. Wenn ich im Spiegel der Zukunft sähe, ich sollte fortan bis an mein seliges Ende als Verfertiger von Aktentratsch versauern, wer weiß, ob ich nicht gleich den ganzen Kram an die Wand hinge. Aber auch Frankfurt wurde nicht an einem Tage gebaut, wenn's auch nicht Rom ist, und ich spüre so was von einem Baumeister, Stein für Stein.

Die arme Nanne fürchtet sich vor der schrecklichen Vornehmigkeit hier für uns bescheidene Leute vom Lande. Bah, der biedere Schwabe forcht sich nit und verläßt sich auf seine Schwabenstreiche. Zur Rechten sah man und zur Linken einen halben Neidling heruntersinken. Preußen wird doch zuletzt der vornehmste bleiben, die Rüstung umgeschnallt und nicht den Geldsäckel. Dann wär' hier Rothschild der vornehmste. Und entkleidet man die diplomatischen Grandseigneurs ihrer Revenuen und Salärs, dann, nackt, wie sie Gott geschaffen, sehen sie so wenig vornehm aus wie ein gerupfter Pfau. Mein weltliches, von allerlei Versuchung zerstücktes Herz soll nicht mein Führer sein zu äußerem Glanz. Wir sind auf Erden, um unsere Pflicht zu tun, und damit holla, alles andere hat keinen Sinn. Ja, da sitz' ich, und die deutsche Einheit ist weiter als je. Ich kann's nicht ändern und nichts dazu tun. Nichts? Hm, was ist denn meine Pflicht? Das wird Gott mir sagen. Wenn ich, wie letzte Tage, still zu Hause sitze und lese und einsam im Wald mich herumtreibe, dann kommt doch nicht eher Stille über mich, als bis ich jeden Abend die Bibel zur Hand nehme, das Evangelium Johanni, und an die Ewigkeit denke. Im Anfang war der Geist, und der Geist war bei Gott, und Gott war der Geist. Und wir? Wie sagt der Psalmist? »Das Leben fährt dahin wie ein Strom, wie ein Schlaf, wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.« Bin ich schon wie ein Gras, das bald welk wird, wie herbstliches Laub? Das kann nicht sein, denn was mir damals groß schien, ist heut klein, auf was mein Aberwitz herabsah, groß: ein fromm Gemüt wie das von Nanne. Hier hab' ich gesessen mit der Britin. Wo die wohl ihr hohles, schales Herz heut herumtreibt! Der Kelch ist leer, der Champagner war Gift, selbst die schale Neige hat mich damals vergiftet. Unser Vater im Himmel, wie dank' ich dir, daß nicht die winzigste Narbe mich an die Wunde erinnert mit ihrer Blutvergiftung. Die Menschen leben so hin ohne Gott wie ein galizischer Jude, der nie sein schmutziges Hemd wechselt und sich wohlfühlt bei den Läusen im Kaftan. Ich bedarf mehr Reinlichkeit, und wäre mein Leben schmutzig, dann zög' ich es aus. Laß sie intrigieren und spionieren, mich finden sie doch nicht aus. Ich bin allein, aber allein mit Gott ...

In der Ferne spielte die Kurkapelle im offenen Konzertsaal die neunte Symphonie, in der Ferne ging die Sonne über dem Taunus unter. Und über der hohen Gestalt des Einsamen, der in die Ferne schaute, wehte ein mystischer Schauer. In den Lüften lag eine Stimme: Der kommt am weitesten, der nicht weiß, wohin er geht.

*

»Wir betrachten Sie ganz als einen der Unsern!« zeichnete ihn die Großfürstin Olga, auf Durchreise nach Baden-Baden, auf einem Fest der russischen Gesellschaftskolonie huldvoll aus. »Man kennt bei uns Ihre echtrussische Gesinnung und Ihre guten Grundsätze. Der allergnädigste Zar geruhte noch neulich zu äußern: ›Jetzt, wo die Jakobinerbrut in Preußen niedergeschlagen, wird dieser brave Staat wieder ein Bollwerk des göttlichen Rechtes sein.‹ Und dabei fiel Ihr Name.« Den Gesandten der französischen Republik würdigte sie keines Blickes, gegen Thun war sie mokant, diese weibliche Privatpolitik wurde natürlich als hochoffizielles Programm aufgefaßt. »Preußen stützt sich auf Rußland wie zuvor«, wisperten die diplomatischen Geheimnistuer einander zu. »Verstehen Sie die turmhohe Freundschaft der Dynastien!« Thun lächelte ironisch, er wußte recht gut, daß der Zar zwar den armen Preußenkönig wieder zu Gnaden annahm, aber mit väterlichem Wohlwollen den Kaiser Franz Josef als seinen Schützling betrachtete und es nie mit Österreich verderben wollte. Wenn die Russen sich nur nicht schneiden! überschaute Bismarck die Lage. Bei einem neuen Türkenkrieg wird Österreich den Wechsel nicht einlösen, den Rußland auf die Dankbarkeit zieht, und wir haben zurzeit nur Interesse daran, uns äußerlich mit Österreich gutzuhalten. Er hielt für nötig, Thun unter dem Vorwand einer gemeinsamen Landpartie nach der Taunusgegend einen Vortrag aufzudrängen, daß nur durch engsten Zusammenschluß der drei Monarchien ein Wall gegen die westliche Demokratie zu errichten sei, und daß er sich demnächst bei Seiner Durchlaucht dem Fürsten Metternich in Johannesburg über Erneuerung der Heiligen Allianz Rats erholen werde. Er sprach so eindringlich und ernst, daß alle auswärtige Politik einzig der Politik gegen den inneren Feind unterzuordnen sei, bis Thun zur Erkenntnis kam: »Den hab' ich überschätzt. Im Grunde doch nur ein ritterlicher Schwärmer. Uns kann so 'ne heilige Allianz nur passen, um Preußen kaltzustellen und um jede Sympathie des Volkes zu bringen.«

Als Otto mit dem jungen Lynar nach Rüdesheim weiterfuhr, um sich auszuspannen, hatte er den Kopf noch voll der Besorgnis, Österreichs stets reger Argwohn werde zu früh geweckt werden, wenn Rußland durch scheinbare Protegierung Preußens einen Keil zwischen eine Verständigung der beiden deutschen Großmächte treibe. Denn die Lage bedingte eine wenigstens äußerliche Aussöhnung und Verträglichkeit, um nicht neue Wirren in Deutschland heraufzubeschwören. Die preußische Demokratie erklomm den höchsten Gipfel ihrer widerspruchsvollen Charakterlosigkeit, indem sie eine platonische Liebe für Österreich heuchelte oder wirklich empfand, denn ihrer Unmündigkeit war auch dies noch zuzutrauen. Der erzkatholische slawisch-tyrannische damalige Donaustaat als Hort deutscher »Freiheit« wider die »preußischen Junker«! Man mußte sich durchaus gütlich mit Österreich verständigen, um die öffentliche Meinung zu beruhigen, und die Kunst eines preußischen Bundesgesandten konnte nur darin bestehen, dies zugleich mit festem Gegendruck gegen täglich deutlichere Anmaßung des Kaiserreichs zu vereinigen. Der preußische Militärbevollmächtigte, Graf Waldersee, hatte ihm auf gemeinsamem Spazierritt keine hoffnungsvollen Aussichten eröffnet.

»Der Affront von Olmütz wird sich nicht wiederholen, wir können heut viel rascher mobilisieren, aber der Effektivbestand genügt nicht, und woher Gelder nehmen für Heeresreform?«

»Seine Königliche Hoheit der Prinz von Preußen denkt Tag und Nacht an nichts anderes, aber solange wir uns von Gnaden einer liberalen Opposition regieren lassen, werden wir keinen Deut erreichen. Was denken Sie von den österreichischen Elitetruppen, die hier in Garnison sind, und überhaupt von den k. k. Truppen?«

»Sie sind gut, aber wir schlagen sie«, versetzte Waldersee lakonisch. »Ich meine die Qualität, doch die Quantität spricht auch ein Wörtchen.«

Natürlich Vermehrung der preußischen Heeresmacht bleibt das Alpha und Omega, ohne die wir nie die Gewaltpolitik buchstabieren lernen, wozu es eines Tages kommen muß.

In Rüdesheim stürzte sich Otto in den Rhein, um seine schweren Gedanken wegzuspülen. Erprobter Schwimmer, ließ er sich vom Strome treiben. Das Mondlicht flutete über ihn weg, von dessen weißer Umrahmung sich der Bingener Mäuseturm schwarz abhob. War es ein Sinnbild für dunkle Zwingburgen der Gegenwart und Zukunft, die über den Heimatstrom hindräuten, und das segnende, tröstende Schimmern des Himmelslichtes eine prophetische Mahnung, daß auch in tiefer Nacht der Gott der Deutschen über dem Rhein wache? Auf diesen Wogen schwamm einst in grauer Urzeit das Schifflein Siegfrieds des Drachentöters, als er zu den Nibelungen fuhr, den Hort zu erobern. Sieg-Fried, der Siegreiche, der den Frieden bringt und die Welt befriedet. Heut schwamm hier ein gar starker deutscher Mann unter dem klaren Mond, der wie ein unheimlich spukhaftes Götterauge auf den Einsamen herabschaute. Kein Laut in der Runde als das Plätschern, wenn der Schwimmer in leichten Stößen das Wasser zerteilte. Die Waldberge streckten ihre beglänzten Gipfel zum stillen, warmen Nachthimmel wie Arme von knieenden Betern. Der Äther badete sich im lauen Gewässer. Die Burgzinnen umwob gespenstiger Schein wie ein Gruß aus alten Tagen ...

Er saß mit Lynar auf dem Balkon und schlürfte goldiges Naß aus grünem Römer. Bei einer zufälligen Bewegung fiel ihm ein kleines, schwarzes Buch aus der Tasche. Als Lynar es aufhob und überreichte, staunte er verdutzt: »Das Neue Testament? Haben Exzellenz das als Ferienlektüre mitgenommen?«

»O nein, ich trage es überhaupt immer bei mir«, versetzte Otto gelassen. »Wenn mir die Stunde kommt, nehm' ich ein paar Tropfen Seelenwein täglich zu mir als Herzstärkung. Sehen Sie den Sternenhimmel über uns, jetzt wäre meine Stunde«

»Aber ist denn das möglich!« Der Jüngling starrte ihn an wie von abergläubischem Schrecken erfaßt, als sehe er plötzlich ein vorsündflutliches Ungeheuer aus den Fluten steigen.

»Sie sehen es. Sie sind religionslos?«

»Das möchte ich nicht gerade sagen«, stotterte Lynar verlegen. »Das heißt, in Ihrem Sinne doch wohl. Bibel und Kirche sind mir nichts. Mein Glaube ist das Ideal der Menschheit.«

»Hatten Sie ungläubige Eltern?«

»Die hab' ich fast gar nicht gekannt«, bekannte der junge Mann finster. »Meine Kindheit war ziemlich verbittert, ich zog mich selbst zurück. Man kann sich doch in unserer aufgeklärten Zeit nicht absperren gegen Vernunft und Wahrheit. Wozu braucht man denn einen persönlichen Gott in dieser endlosen Welt! Die Ideale der Moral, zu denen ich aufschaue, entstanden im Menschentum.«

»Ist das so sicher? Glauben Sie wirklich, der gewöhnliche, sündhafte Mensch dürste nach Moral? Den lenkt nur eins, der blinde Egoismus. Wenn also in erleuchteten Köpfen der Funke hoher Gesinnung und selbstloser Liebe glimmt, dann sind sie sozusagen nicht mehr menschlich, sondern treten aus dem Dunstkreis heraus. Kann das aus ihnen selber stammen, da sie doch sündhafte, gebrechliche Menschen sind wie wir? Nein, das ist Eingebung von oben.«

»Aber, Exzellenz! Wir Menschen sind gar nicht sündhaft, das predigen bloß die Pfaffen, wir sind von Natur gut, nur die Bosheit oder Torheit der Gesellschaft verdirbt uns ein wenig.«

»Ein wenig! Ach, die Tugend Rousseaus! Den verehren Sie wohl auch?«

»Ich leugne es nicht«, bekannte der Jüngling. »Mir eine Quelle der Erhebung!«

»Und warum ziehen Sie dann nicht die Konsequenz? Dann müßten Sie doch im demokratischen Lager stehen und sind doch ein militärfrommer, preußischer Edelmann, voll Pflichteifer für den bestehenden Staat.«

»Das ist etwas anderes«, wandte Lynar verlegen ein. »Ideal und Wirklichkeit decken sich nicht, unsere heutigen Demokraten sind Scheusäler, und die alte Guillotinenrevolution war gewiß nicht nach Rousseaus Herzen. Kennen Exzellenz übrigens dessen Schriften?«

Otto lachte. »Keine Kinderkrankheit, die ich nicht hatte. Merken Sie sich, junger Freund, ich habe unheimlich viel gelesen. Nihil humanum alienum a me puto. Kant kennen Sie wohl auch?«

»O ja, ich versuchte ihn zu studieren, doch offen gestanden, wird einem da schwindlig.«

»Dieser Architekt baut zu schmale Wendeltreppen und Bogenluken, eine über die andere, und sein Strebepfeiler verschwindet darunter, der kategorische Imperativ. Doch er ist da, fest eingegemauert. Das Wort wurde zur konventionellen Phrase mißbraucht, doch es ist tief. Daß es auf Tatsachen wurzelt, dafür haben wir Preußen das klassische Beispiel. Was machte aus dem genußsüchtigen, trägen Flötenbläser im seidenen Schlafrock, dem Ästheten und Belletristen, den eisernen Alten Fritz, der täglich, stündlich, minütlich sein Wohlbehagen opferte für sein Idol, den Staat, oder richtiger die von ihm erfundene nation Prussienne, dieser kategorische Imperativ? Und wo fand er den? Im eigenen Innern, nirgends sonst konnte er ihn lernen. Und seine ›Kerls‹, die ihm nacheiferten, haben's wohl von ihm gelernt? Mitnichten. Ja, großes Vorbild tut viel, dafür erweckte ja Gott die großen Männer, doch wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren, kein Alter Fritz kann den kategorischen Imperativ einpflanzen, wo er nicht schon im Keime steckt. Logik: in jedem Menschen steckt er, und daß er in uns Preußen klarer herausgehämmert durch die harte Not, das gibt meiner festen Hoffnung den Halt, daß wir allen überlegen sind.«

»Aber damit geben Sie ja die Vervollkommungsfähigkeit der Menschennatur zu.«

»Wen der Herr lieb hat, den züchtigt er. Auch ich bin dessen gewürdigt worden und preise meinen Gott, daß ich elender Sünder viel Leid ertrug. Aus der angeborenen Elendigkeit und Sündhaftigkeit kann uns nichts erretten als die Gnade Gottes, die uns erzieht, sehr streng, aber sehr liebevoll. Wehe dem Unglücklichen, dem kein Leid geschickt wird! Er ist verworfen vor Gott als unwert der göttlichen Gnade.«

Der Jüngling starrte ihn verständnislos an. »Exzellenz reden für mich Chaldäisch. Braucht es dazu einen Gott? Der Mensch ist eben ein höheres Wesen, das sich selbst zum Idealismus erzieht.«

»Kreuzmillionendonnerwetter! Der Mensch ist eine Kanaille, rund herausgesagt, seine schrankenlose Selbstsucht stellt ihn unter das Tier. Im geheimen freilich, im Innersten«, Bismarck schaute starr in die Ferne, das Wort vom »Unbewußten« konnte ihm damals nicht geläufig sein, »da lebt etwas anderes. Das ist nicht er, das ist Gott selber, der in allen ist. Denn in ihm leben, weben und sind wir, sagt der tiefe Apostel Paulus, ein gottbegnadeter Seher. Wenn es gelingt, die harte Rinde zu schmelzen, die das Ich bedeutet, dann gibt es eine vulkanische Eruption. Dann tritt der Mensch in die Freiheit ein, in das göttliche All. Wohl dem Menschen, wohl dem Volke, das eine solche Entladung erlebt! Dann erschauen wir die Wahrheit, weil wir Gottes Kinder sind.« Er sprach ruhig und bedächtig, doch sein großes Auge glänzte wunderbar. »Solche Prüfung der Gnade wünsche ich dem geliebten Volk der Deutschen. Und da wir von Kant sprechen, so werden Sie sich wohl erinnern, daß dieser große Denker sprach: zwei Beweise gebe es fürs Dasein Gottes, das unbeschriebene Sittengesetz in uns, der Sternenhimmel über uns. Blicken Sie hinauf! Als Bonaparte von Ägypten seinem Weltschicksal entgegenfuhr, dozierten ihm seine famosen Physiker, die er zur Armee mitnahm, den Mechanismus des Universums, daneben natürlich auch das ›öffentliche Geheimnis‹, daß nur Egoismus allein alle menschlichen Handlungen erkläre. Beiläufig stimmt dazu wunderbar, daß die radikalsten Enzyklopädisten, wie Holbach und Diderot, die selbstlosesten, edelsten Menschen gewesen sind. Natürlich auch aus Egoismus, weil ihnen das Wohltun Vergnügen machte, oder wie ihre Lehrer, Friedrich der Große und der alte Voltaire, sich freuten: Unsere Unsterblichkeit ist, den Menschen Wohltaten zu erweisen. Glauben Sie, der allmächtige, große Gott schaut nicht mit mehr Wohlgefallen auf solche sogenannte Atheisten, als auf pharisäische Heuchler vom Schlage unserer kirchentreuen Kollegen in Frankfurt? Doch das sind Abschweifungen.« Bismarck hatte das echtdeutsche Stil- und Redelaster, daß der unendliche Strom seiner Gedanken ihn zu Parenthesen zwang. Die französische clarté ist nichts als die französische Seichtigkeit. »Nun wohl, Bonaparte hörte geduldig zu und sagte kein Wort. Auf einmal hob er die Augen gen Himmel und fragte, die Sterne anschauend, darunter seinen Stern: ›Meine Herren, wer schuf dies alles?‹ Stand auf und verschwand. Warum? Weil der Aberwitz des Mechanismus und Atheismus seinem Genius blitzartig vor Augen lag. Das war eine Austerlitzschlacht. Auf Debatten läßt sich ein solcher Mann nicht ein, er könnte ja donnern ohne Ende und weiß doch mit dem Heiland: Wenn sie meinem Worte nicht glauben, so würden sie auch nicht glauben, wenn Moses und die Propheten von den Toten auferständen. Gewiß, die Herren Moleschott, Büchner, Vogt würden das für optische Täuschung erklären. Und merken Sie sich zum Schlusse eins, junger Mann, jeder glaubt, was ihm genehm ist. Ein allgerechter erhabener Gott in diesem unendlichen Sternenhimmel paßt kleinen Seelen nicht mit ihrem menschlich-kindlichen Größenwahn, den sie für Wissenschaft halten.« Und ohne jeden Übergang setzte er mit veränderter Stimme hinzu nach kurzer Pause: »Bitte, sorgen Sie dafür, daß Assessor Rudloff die Notizen über das Preßbureau handlich sammelt, das ist wichtig.«

Lynar sagte Gutenacht, zum Schweigen gebracht. Otto saß noch lange auf dem Balkon. Vor ihm lag Vater Rhein in ganzer Herrlichkeit, fern sang die Lorelei. Die verschimmelte Romantik. Aber die Kaiserpfalz bei Godesberg ist Wirklichkeit: Einst gab es ein Deutsches Reich.

Über dem Niederwald stand im Mondlicht ein breiter Schatten von mächtigen Umrissen wie eine verhüllte Bildsäule. War es Mutter Germania? Aus ferner Jugendzeit klang unhörbares Echo vom alten Turnerlied: Ich hab' mich ergeben mit Herz und mit Hand, dir Land voll Lieb' und Leben, mein deutsches Vaterland. Woher die Vaterlandsliebe mit unerbittlichem Zwang? Der kategorische Imperativ.

Drunten aber im Rhein schwamm ein singender Nachen vorüber. Ist der Deutsche glücklich, wird er sentimental. Ein fröhliches Liebespaar, das eine Mondnacht durchkosten wollte, versicherte sich in frischem Wechselsang, es wisse nicht, warum es so traurig sei. Ich glaube, die Wellen verschlingen am Ende noch Schiffer und Kahn ...

Und der Mann auf dem Balkon war einsam und allein, und der Himmel gab kein Zeichen.

*

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