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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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Der Juni kam, Rochow war wieder da, nicht aber kam Ottos Ernennung. Er vertrieb sich die Zeit mit Staatsbesuchen, in Darmstadt bei einer preußischen Nebenprinzessin, in Bieberich beim Herzog von Nassau, an dessen Schloß er einst mit Nanne vorüberfuhr. Es gab bei Tafel die ersten frischen Heringe, die ersten Erd- und Himbeeren.

»Compliments of the season!« meinte der Herzog. »Die Briten haben doch für alles die feinsten Ausdrücke. So anmutig wird Deutsch nie. Heut ist übrigens der Jahrestag, wo meine glorreichen Truppen in Belgien landeten, um unter dem erhebe mein Glas zum Andenken an den unsterblichen Feldgroßen Wellington die Schlacht bei Waterloo zu schlagen. Ich Zeile fehlt im Druck. Re. herrn und meine brave Armee!«

Kein Wort von Blücher und Preußen! Jeder kleine Gernegroß unter den Kleinstaaten prahlt heute noch, wie er unter Marlborough oder Napoleon in fremden Diensten zu Englands und Frankreichs Erfolgen beitrug. Der Herzog erkundigte sich dann, ob die Thun noch immer brav sei und sich zweideutige Redensarten vom Halse halte, wie sie in der Frankfurter guten Gesellschaft bevorzugt würden. Otto bejahte mit Wärme, und der Fürst nickte befriedigt, denn deutsche Landesväter halten auf gute Sitten, die Landgrafen von Hessen (»Kabale und Liebe«) waren doch meist Seltenheiten. Sodann fragte er, ob der Herr Geheime Legationsrat zur Denkmalseinweihung für gefallene preußische Husaren und Dragoner (Badischer Aufstand) nach Philippstal fahre. »Ihr junger Prinz Friedrich Karl soll sich da große Meriten erworben haben. Ja, es fehlt dem erlauchten Herrscherhause der Hohenzollern nie an militärischen Köpfen. Auch wir Oranier hatten ja Moritz den Großen.« Da es Otto nicht unbekannt war, daß auch die Weimarer einen Bernhard den Großen für sich hatten, so überraschte ihn nicht diese historische Separaterhöhung. Da ja der eigenartige, bedeutende und wohlmeinende erste Ludwig von Bayern jetzt auch schon bei seinen Untertanen der Große hieß, so hatte Deutschland eine Mustergalerie von »Größen« zur Auswahl. »Kennen Sie den preußischen Geschäftsträger in Karlsruhe, Herrn Charles v. Savigny?«

»Zu Befehl, Hoheit. Ein Jugendfreund.«

»Sehen Sie mal an! So treffen sich die Söhne aus guten Häusern doch alle im Leben wieder, weil das Talent sich Bahn bricht. Für Militär und Diplomatie darf immer nur der Adel dienen, weil diesem die nötigen Talente innewohnen.« Diese feierlichen Platitüden sprach der hohe Herr mit vieler Selbstverständlichkeit aus, doch Otto dachte unwillkürlich, wo Charles Savigny wäre, wenn sein Vater nicht Minister und Hofmann war. Auch schmunzelte er bei der Erinnerung über das naive Staunen von Freund Savigny, daß ein Referendar a. D. ohne jede Vorbildung es bis zum Gesandten bringen könne. Abderitentum ohne Ende! –

Einige Zeit darauf aß er ein üppigeres Diner, woneben die herzogliche Tafel sehr abfiel, beim alten Amsel Rothschild, der ihn innig empfing: »Haben Se mir sagen lassen, Herr Baron, Se würden kommen, wenn Se noch lebten. Ich denk', mich soll treffen der Schlag. Allen Leuten hab' ich's erßählt: Was soll er nich leben, was soll er sterben, der Mann! Is er doch jung und stark. Was sollen da erst fürchten wir alten Leute!«

»Ich meine nur, Herr Baron, wir stehen in Gottes Hand. Sie hatten die Güte, mich schon vor zehn Tagen einzuladen. Das ist eine lange Zeit, rasch tritt der Tod den Menschen an.«

»Gott, is das scheen gesagt von unserm Goethe! Gott soll mich strafen, wenn ich nicht habe gemacht ein traifes Geschäft schon oft in zehn Tagen oder fünf. Und das Geschäft, Herr Baron, is so ernst wie der Tod.«

Unser täglich Brot gib uns heute! Die Tafel strotzte von Silber zentnerschwer, von goldenen Gabeln, von den edelsten Weinen, von Treibhaustrauben und Pfirsichen. Dazu pflog die Hochfinanz wahrhaft bedeutende Gespräche über Lafitte und andere Pariser Bankhäuser, über die neue Anleihe von Peru, über Baring Brothers und die Verzinsung der englischen Nationalschuld. Teilnehmend und väterlich fühlte der Geldkönig den preußischen Finanzen den Puls, dagegen war er fest auf das kaiserlich königliche Budget.

»Sie müssen es besser wissen«, holte Otto vorsichtig aus, »doch das Publikum sprach immer von Staatsbankerott.«

»Wie heißt! Wird Österreich immer sein ein großer Herr. Nu ja, ein Kavalier macht Schulden, aber mir is ein schlampeter Kavalier immer sicherer als ein bescheidener Schlucker. Ach, was is for a graußer Herr der Fürst Schwarzenberg. Immer kulant und wußte, was er schuldet gediegenen Bankiers. Da will ich Ihnen erzählen eine faine Geschichte, Herr Baron oder soll ich sagen Herr Geheimrat oder richtiger Exzellenz, was is eine große Ehre vor mein Haus, den hohen Herrn Gesandten von der Großmacht Preußen an meinem bescheidenen Tisch zu sehen. Exzellenz kennen gewiß den Baron Haynau, Exzellenz und Feldmarschall?«

»Nur per Renommee.« (Die Hyäne von Brescia!)

»Ein graußer, aber ä grauser Mann. Der hat unsere Lait in Budapest ßu einer Kontribution verurteilt, die nicht war erschwinglich für die armen Mitbürger mosaischer Konfession. Und als se haben gebetet, hat er gebrüllt, der Tiger (Gott soll ihn verderben!), sie sollten sein froh, daß er nicht alle aufhänge. Da war ein Erleuchteter in Israel, der Großrabbiner. Hat er gesagt: Da müssen wir fahren nach Wien zu Rothschild. Und sind se gekommen ßu meinem Neveu und hat er angehört gnädig, wie er is, und hat er getröstet: Ich wer' mal kommen lassen den Schwarzenberg. Und am andern Tag, als die armen Juden sind gekommen ßu Audienz, da hat er ihnen aufgesteckt eine Leuchte in Israel: Ziehet hin in Frieden mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, jeder Kreuzer is euch erlassen, nix habt ihr ßu bezahlen. Sehn Se, das is nobel, so geht's zu in Österreich (soll es lange leben!) zwischen Kavaliere in de höchsten Kreise.«

Dem Patriarchen bebte die Stimme vor Rührung.

Übrigens war er sonst ein gemütlicher und wohltätiger alter Herr, dem man nicht gram sein konnte, obschon die Dynastie Rothschild ihre natürlichen Grenzen mit einer reißenden Schnelligkeit erweiterte, als wäre sie die große Nation, die laut Talleyrand und Napoleon »nur die Grenzen anerkennt, welche die Natur selber gesetzt hat«, eine etwas unnatürliche Ausdehnung. Ja, so geht's in Österreich, so geht's in der Welt, der Schacherjude regiert. Und gerade weil der greise Stammeshäuptling der regierenden Familie nichts sein wollte als Proßentchemacher, darum gefiel er Otto leidlich, und er ehrte die peinliche Sorgfalt, womit der streng Orthodoxe von seinem Diner nichts anrührte und nur Gekoschertes aß.

»Wollen uns machen eine Motion, Herr Beraun, 's hilft für de Verdauung, will Ihnen zeigen mein kleines Gärtchen, was is mein Augentrost. Ich bin so für Natur, Herr Beraun Johann, nimm epps Brot vor die Rehjer«, beauftragte er den nachfolgenden Bedienten. Das kleine Gärtchen war natürlich ein großer Park, in dem es von zahmen Rehen wimmelte und die Flora sich endlos entfaltete wie ein Kurszettel Rothschildscher Börsenwerte. »Die Pflanze hier koscht mich 2000 Gülden, uf Kavaliersehr' 2000 bare Gülden, lass' Se Ihne vor 1000 oder wolle Se habe geschenkt, soll er Ihnen bringen ins Haus, der Johann.«

»Verbindlichsten Dank, aber ich habe bei mir nicht Platz.«

»Gottswunder, ein feiner Herr, der nichts will haben geschenkt. Sonst kommen de Lait und wollen nur haben eppes geschenkt vom alten Rothschild.« Das magere eisgraue Männchen zwinkerte schlau mit den Äuglein. »Meine Herrn Neveus aus Wien und London und Paris machen nur Visite dem alten Mann, wenn se wollen epps geschenkt. Bin sonst ßu unfein vor die Herren Neveus. Habe nich Kind noch Kegel, meine gute Sarah is gegangen lange in Abrahams Schoß, und da sitz' ich in mein' Palais und habe so viel Milliönchen, und alles erben die Herren Neveus, die kein Herz haben für den alten Mann.«

Tiefbewegt sah Otto auf den armen Teufel nieder, der inmitten seiner Schätze verhungerte. Denn was ist solch ein Leben als seelischer Hungertod! Er sagte ihm ein paar tröstende Worte, von Herzen kommend. Der Alte sah ihn dankbar an: »Waiß Kott, hab' ich mer nicht getäuscht, der alte Amschel täuscht sich selten, ßu viel Lait hat er gekannt, die Fürnehmsten im Land, die haben bei ihm gebettelt um Almosen – – wollte sagen: Darlehen, wo man wiederkriegt kaum de Zinsen, sechs Prozent. Als ich Se habe gesehen, Herr Beraun, hab ich gesagt zu mir: das is a scheener Mann, aber was de scheenen Männer sonst sind selten, a braver Mann, und was de braven Männer auch sind selten, a bedaitender Mann. Hab gehört, daß Se sind ein Feind von Israel, von de Emanzepation, was is das Gegenteil von dem, was sie haben genannt Ghetto, wo die Juden noch waren fromm nach der Lehre der Väter, und heut sind se Gottesleugner und lassen sich taufen und frisieren sich französisch und kleiden sich englisch, und jeder will heißen Beraun oder Graf oder sonst eppes Heidnisches von de Gojim. Ich sag' Ihne, liebster Exellenzherr, da frag' ich nix nach, ob einer haßt unsere Lait. Denn wenn er schwatzt, er liebt unsere Lait, will er machen a Geschäft oder heiraten eine Kalle vor sein Portemonnai. So einer sind Se nich, und, weiß Kott, ich schätze Se aufrichtig. Ich seh's Ihne an, daß Se sind a gediegener Mann, a treuer Mann und a guter Mann für Weib und Kind. Vorhin haben Se Blättchen gepflückt von de kostbare Pflanze, de koschere Pflanze (koscht mar 2000 bar), für Ihre hochgeborene Frau Gemahlin, die soll schützen Jehova. Da hab ich gelesen in Ihre Augen, die waren da ganz weich. Und sonst sind se fest und kalt, de Augen, wie von 'nem Geschäftsmann erster Güte. Werden Se sein ein graußer Geschäftsmann, nich in Papierche an der Börse, sondern in andere Papierche, die man nennt Staatsakte, und die just geradeso steigen und fallen, wie was gehandelt wird an der Börse. Das sagt Ihnen der alte Amschel, der is jung gewesen und alt geworden und kein Christenmensch und kein Judenmensch hat ihn je hinters Licht geführt. Leben Se wohl, Herr Beraun, und wenn ich noch bin am Leben, besuchen Se mal wieder den alten Mann, und wenn Se ihn mal brauchen in Geldsachen, dann seien Se willkommen. Hielt nie viel von Preußen, nix vor ungut, denk' dabei immer an Herrn v. Habenichts, aber nu wer' ich mer korrigieren. Muß ä faine Gegend sein, wo solche faine Laite herkommen. A scheener Mann und doch ä braver Mann, a braver Mann und doch ä bedaitender Mann, das is was Rares. Schlagen Se Ihre Feinde wie Simson, und gebe Jehova Ihne die Beute von Pfeil und Bogen!«

An der Parktür Abschied nehmend, drückte Otto dem ganz gegen seine Gewohnheit redseligen Alten die Hand: »Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre hohe Meinung, die ich bei einem Herrn von Ihrer Welterfahrung zu schätzen weiß. Nur eins bitt' ich Sie: Sagen Sie's nicht den andern!«

»Versteh' schon, de Konkurrenten!« Amschel lachte meckernd. »So is' recht, immer besonnen, der Herr Beraun. Sind se meine alten Kunden, de Herrn Österreicher, aber Gott soll mich strafen, wenn ich sage ein Sterbenswörtchen, daß Se sind ein gefährlicher Reisender von der Konkurrenz. Gott soll Se segnen auf alle Ihre Wege!«

Aber Thun mußte doch ein Haar in der Suppe gefunden haben, das Schwarz-Weiß des Fremdlings schien ihm nicht schwarz-gelb nach Wunsch, denn Österreich wühlte in Berlin gegen seine Ernennung und steckte sich dabei hinter die liberale Presse. Da all seine Briefe im Schwarzen Kabinett des k. k. Postamts verlesen wurden, streute er regelmäßig Sätze in seine Briefe ein: »Dem Schafskopf, der diesen Brief erbricht, werden diese Notizen unverständlich bleiben.« Seine Korrespondenten, wie der Oberpräsident Senft v. Pilsach oder Kleist-Retzow, schrieben Politisches in orakelhaftem Ton und ohne Unterschrift aus zarter Rücksicht auf den Zensor, vulgo Postspion. Die allgemeine Spitzelei dieser schönen Zeit bewog ihn, seine Frau vor jeder auch nur flüsternden Bemerkung über Persönlichkeiten zu warnen. Das werde nachher in Sanssouci mit Sauce serviert. Thun nahm schon bedeutenden Anstoß an einem harmlosen Renkontre, das freilich eigentümliche Schlüsse darüber zuließ, daß der Vertreter Preußens (als solcher galt er trotz Rochows Weiteramten und dem immer noch Ausstehen des Ernennungspatents) sich nichts gefallen lassen wolle.

In einer amtlichen Bagatellsache suchte Otto den Bundestagspräsidenten in seinem Amtsbureau auf und fand ihn unter Papieren vergraben und leidenschaftlich drauflospaffend.

»Ach bitt' schön, warten's a bissel, liebster Geheimrat.« Thun wies mit der qualmenden Zigarre, die er nur einen Augenblick aus dem Mund nahm, nachlässig auf einen Sessel, arbeitete und schmauchte fort. Die Sorte, die er raucht, ist gut! dachte der Kettenraucher. Und mir bietet er nicht mal eine an. Als nun eine Weile verging und Thun weiterblätterte und -kritzelte, blaue Rauchringel in die Luft stoßend, während Bismarck wie ein Bittsteller auf seinem Stuhl hockte, nahm dieser gelassen eine Zigarre aus dem Etui und forderte mit einer gewissen Schärfe in der Stimme: »Darf ich Sie um Feuer bitten?«

Thun machte große Augen, schob aber behend Kerze und Fidibus hin und seine Papiere beiseite: »Womit kann ich Euer Exzellenz dienen?« Otto erledigte die schwebende Frage kurz und höflich und empfahl sich mit ausgesprochener Kühle. Thun sah lange auf die Tür, hinter der die hohe Gestalt verschwand, in Gedanken verloren. Dann schüttelte er den Kopf und murmelte vor sich hin: »Bloß empfindlich oder gefährlich?« Dann ließ er alles stehen und liegen, um einen Geheimrapport nach Wien zu senden. Der neue Gesandte sei angenehm im Umgang, doch könne schroff werden, wenn er sich zurückgesetzt glaube, und da frage sich, ob dieser Unwille nur persönlicher Eitelkeit entspringe oder nicht vielmehr einem Würdegefühl für Preußens Stellung. Und was das besondere Österreichertum dieses sonderbaren Preußen anbelange, so mache er sich darüber schon eigene Gedanken. Es wäre ratsam, in Berlin alle Minen springen zu lassen, um seine Ernennung zu verhindern.

Die Gesandten der Kleinstaaten gingen ihm möglichst aus dem Wege. Redete er einen an, so schnitt der ein gravitätisches Gesicht und überlegte jede Antwort, und sei das Thema noch so gleichgültig, ob er nicht zu viel sage oder sich eine Blöße gebe. Jede Äußerung des Ungenierten gab Anlaß zu der Erwägung, ob man nicht darob ein Memorandum an den heimischen Hof zusammenbrauen könne, was höchstenorts als Pflichteifer wohlgefällig vermerkt werden dürfte.

»Jetzt haben wir also den bekannten Heißsporn hier! Wie gefällt Ihnen unser neuer Kollege?« fragte der badische Gesandte v. Marschall, der gern zwischen zwei Stühlen saß, den von Hessen-Darmstadt.

»Wie man's nimmt. Es empfiehlt ja den Herrn v. Bismarck jedem loyalen Gemüt, daß er so emsig daran arbeitet, uns den lieben alten Statusquo zurückzuführen. Aber, aber!«

»Ist er Ihnen zu preußischer Gesinnung verdächtig? Scheint doch nicht. Er ist beim Wiener Hof gut angeschrieben wegen seines Eintretens für die Olmützer Konvention. Hehe,« der liebenswürdige Diplomat dämpfte seine Stimme, »wer das herunterschlucken kann, ist fürwahr ein lieber, guter Mensch und recht ungefährlich.«

»Richtig! Aber sieht er Ihnen aus, verehrter Kollege, als ob er nicht einige Haare auf den Zähnen hätte? Sehen Sie, unser neuer hochgeschätzter Kollege ist gewiß konservativ bis in die Knochen. ›Antediluvianisch‹ schimpfen ihn die Demokraten, hehe! Aber er ist noch so jung – was soll man sagen – so grün. Und vor allen Dingen nicht vom Bau. Sozusagen ein Selfmademan, nie Diplomat gewesen.«

Herr v. Marschall nahm eine Prise. »Was Sie nicht sagen! Aber das ist ja rührend. Ein Anfänger unter erfahrenen Meistern vom Bau wird doch die natürliche Bescheidenheit bewahren, meinen Sie nicht auch? Das kann unsern Interessen nur lieb sein. Preußen als Herr v. Bismarck ist hier unter uns sozusagen ein etwas unmündiges Kind, das erst gehen lernt.«

» C'est cela! Glauben Sie wirklich, dieser lange Preuße wird am Lutschbeutel saugen? Dazu sieht er mir zu klobig aus.«

»Nun, wenn er strampelt, dann haben wir eine k. k. Amme. Unser erhabenes Präsidium, Österreich, der natürliche Protektor aller Souveränität der Mittelstaaten, wird dafür sorgen, daß in Notfällen auch eine Rute parat liegt.«

»Pst, pst, nicht so deutlich werden! Was ich fürchte, ist nämlich ein gewisser enthousiasme du départ, ein allzu feuriger Anfängereifer. Dieser gute Landjunker v. Bismarck ist ganz einfach ein Amateur und Dilettant in politischen Staatssachen. Solche Leute wollen anfangs immer hoch hinaus. Und dann hat er so was – wie soll ich sagen – so was Burschikoses. Tudesque! Man merkt ja nur zu wohl, daß er am grünen Tisch nicht zu Hause ist. Er möchte sich am liebsten die Hemdärmel aufkrempeln, der brave Landmann, und mit Gabel und Dreschflegeln hantieren. So taxier' ich ihn.«

» Fi donc! Nun sagen Sie bloß noch, teuerster Kollege, daß er die Mistgabel brauchen möchte. Wir sind doch kein Augiasstall, und er ist kein Herkules.«

»Die Statur hat er danach. Doch mit Muskulatur ist hier nichts getan, wir sind keine Preisboxer. Um Ihnen das Schlimmste zu sagen: ich weiß aus guter Quelle, daß der Geheimrat v. Bismarck nicht nur nie im Amte war, sondern daß er – leihen Sie mir Ihr Ohr, man darf so Trauriges nur im tiefsten Vertrauen weitertragen –« er tuschelte durch die hohle Hand: »daß er durchs Staatsexamen gefallen ist.«

»Aber das ist ja schauerlich!« Marschall hob wehevoll die Augen zum Himmel. »Das schreckliche Geheimnis bleibt natürlich unter uns.« Er bringt's allmählich durch die ganze Stadt! dachte der Hesse. »Ja, ich beuge mich Ihrer tieferen Einsicht. Von einem solchen Unglücklichen ist das Unerfreulichste zu befürchten.«

»La carrière ouverte aux talents!« dachte der andere. »Seine Majestät der König von Preußen spielen den Napoleon als Talententdecker. Doch wir werden diesem Ikarus die Flügel beschneiden.«

Die beiden gewiegten Diplomaten wandelten majestätisch die Zeil hinauf, überall ehrfurchtsvoll begrüßt. Waren sie doch die deutschen Männer, die seligmachen und verdammen konnten. Die siebzehn Delegierten hielten so prächtig das europäische Gleichgewicht in Händen, indem sie das deutsche Gleichgewicht mit schweren Hanteln wie Athleten und mit der Balancierstange wie Seiltänzer in der nötigen Schwebe erhielten. Österreich, Preußen, Bayern, Sachsen, Hannover, Württemberg, Baden, Kurhessen, Großherzogtum Hessen waren in der hier gegebenen Reihenfolge ihrer Wichtigkeit vertreten, aber von da verwirrte sich das Bild, so bunt wie die deutsche Landkarte. Mit unfreiwilliger Komik bedeutete der Vertreter Nummer Zehn: »Dänemark für die Elbherzogtümer«, Nummer Elf: »Die Niederlande für Limburg und Luxemburg.« Und die ferneren Vertreter hatten immer ein Doppelamt. Nummer Vierzehn für beide Mecklenburg mochte noch angehen, aber Nummer Dreizehn »Braunschweig und Nassau«, Fünfzehn »Oldenburg, Anhalt, Schwarzburg-Rudolstadt und Sondershausen«, Sechzehn (die »durchlauchten«) »beide Reuß, Schaumburg-Lippe, Lippe-Detmold, Waldeck, Hessen-Homburg« und – unglaublich zu sagen – Liechtenstein entbehrten nicht allzu gemischter bunter Reihe. Nummer Siebzehn, die hanseatischen Freien Reichsstädte, hätte Vernunft gehabt, wenn nicht die freie Reichs- und Kaiserstadt Frankfurt a. M. darin eingeschlossen wäre.

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