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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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Die Gesandten der deutschen Kleinstaaten, denen er sich nun der Reihe nach amtlich vorstellte, verhehlten kaum ihr Mißtrauen. Sie tuschelten untereinander, und jeder beschloß auszuspionieren, ob dieser hergeschneite Fremdling etwa eine besondere Mission habe, und es dann brühwarm an Serenissimus zu rapportieren, ohne aber einem befreundeten Kollegen je einen Wink darüber zu geben. Der Kammerdiener Hildebrand berichtete lachend, daß Unbekannte ihn ausfragten, ob sein Herr viel esse, wann er aufstehe, ob er wirklich ein so starker Raucher sei, da man ihn immer mit der Zigarre sehe, ob die Frau Gemahlin von altem Adel sei, und ähnliche hochwichtige Staats- und gelehrte Angelegenheiten. Der Pommer, dem ein Schalk im Nacken saß, band dann allerlei Bären auf. Schon bald bat Otto den heimischen Kammerabgeordneten ab, daß er über ihre würdevolle Wichtigtuerei so endlos spottete. Denn die Lappalienwirtschaft dieser hochmögenden Kleinigkeitskrämer übertraf jede Vorstellung. Der schlaue Franzose, der kühle Engländer, die feschen, gewandten Österreicher wußten natürlich längst, was sie mit diesen Nachfahren der Regensburger Reichstagsperücken, die sich gegenseitig den Staub und Puder ins Auge bliesen, anfangen sollten. Jedem achtungsvoll ein bedeutsames Wort zuraunen, etwa: »Schön Wetter jetzt in Deutschland« oder »mich däucht, ein kalter Ostwind bläst« oder »im Westen hat man starken Wind«, wohinter tiefsinnige politische Anspielung sich pythisch verbarg. Jeden in die Watte seiner Reservatrechte wickeln und sich anstellen, als sei die Stimme von Reuß-Greiz und Lippe-Detmold von weltbewegendem Nachdruck. Im übrigen die eigenen Wege gehen und rücksichtslos die Interessen der drei Großmächte unter sich abwägen. Seit der frühere russische Bevollmächtigte, Baron Budberg, sich über den Bundestag in satirischen Episteln ergoß, die dem grimmen Zaren Lachtränen entlockten, verschmähte der hochmütige Herrscher aller Reußen, den Posten dauernd zu besetzen. Es hing von seiner Laune ab, ob wieder mal ein Russe sich herabließ, als Gesandter in Frankfurt zu »verhandeln«, d.h. zu tanzen, zu flirten und gute Diners zu essen. Denn im ganzen lief die staatsmännische Arbeit darauf hinaus, es sei denn, daß Cowley und Tallenay das Bedürfnis spürten, mit eigenen Kurieren nach London und Paris kleine scherzhafte »Akten« abzuladen, d.h. sich über den kindlichen Bundestag mit seinen twopenny-concerns lustig zu machen.

Um sich von diesen Staatsmännern zu erholen, besuchte Otto den Kommandanten der Bundesfestung Mainz, nach wie vor von preußischen Truppen besetzt, deren Anblick ihm das Herz erfreute. General v. Schack bekannte seufzend: »Die moralischen Eroberungen – – ich höre immer: moralische – –, von denen Majestät so viel halten, lassen auf sich warten. Die kaiserlich königlichen Leute haben uns das Wasser abgegraben, die süddeutschen Bürger wollen nun mal von Preußen nichts wissen. Sind Herr Geheimrat schon beim General Peucker gewesen?« Er meinte den preußischen Militärkommissar in Mainz, der an der Niederwerfung des Badischen Aufstandes teilnahm.

»Er war bisher verreist. Ich hatte die Ehre, ihn einmal in meinem Elternhause zu sehen und habe ihm Anhänglichkeit bewahrt. Ein hochverdienter Mann!«

»Ein bißchen zu gelehrt für einen Frontoffizier, obschon Exzellenz ja noch unter York den russischen Winterfeldzug mitmachten. Man hört, er soll als Generalinspekteur des Militärerziehungswesens vorgemerkt sein. Dann wird er wohl den letzten Orden bekommen, der noch fehlt.« Der General lachte. »Sie kennen ja wohl den Berliner Witz: es peuckert.«

»Hängt er denn wirklich auch hier noch sämtliche Orden heraus?«

»Bis über den Nabel«, äußerte sich der Kommandant mit soldatischer Offenheit. »Ob er damit moralische Eroberungen macht? Die Frankfurter machen auch faule Witze darüber, die Gassenbuben drehen ihm lange Nasen hinterm Rücken, das feine Französchen, der Herr Marquis, nannte es öffentlich »schlechten Ton« und Exzellenz Graf Thun, der sich ja nie Zwang auferlegt, soll in einer Weinlaune von ›preußischen Pfingstochsen‹ schwadroniert haben. Müßte mir vor die Klinge, der Hochnasige, wenn er nicht exterritoriale Indemnität hätte. Und Peucker ist solch braves altes Haus. Warum macht er nur solche baufällige Sachen!« – –

Als Otto zu früher Stunde am Vormittag Peucker aufsuchte, um ihn bestimmt zu treffen, kam ihm dieser freundlich entgegen: »Ist mir eine Freude, werter Herr Geheimrat. Kannte Sie schon, als Sie noch ein klein Jüngelchen waren, und jetzt sind Sie so ein großer, schöner Mann.« Er selbst war sehr unschön und unansehnlich. Im ersten Augenblick staunte der Besucher, daß es gar nicht peuckerte, doch er sah sofort den Grund. Auf einem Tischchen lagen sämtliche Orden ausgebreitet, Kreuze und Steine, eine wahre Milchstraße.

»Ich komme, Exzellenz, um mich zu informieren, wie Sie als Militärkommissar – –«

»Ach, ich befinde mich in einem argen Dilemma«, unterbrach ihn hastig der alte Herr. »Se. Hoheit der Großherzog von Weimar haben geruht, mir höchstihren Hausorden vom Weißen Falken zu verleihen, nämlich den Stern dazu. Dieser unterbricht aber die gewohnte Ordnung der Kette. In meinen Augen – – ich weiß nicht, wie Sie darüber denken – –«. Er warf einen halb entsetzten Blick auf die fast jungfräuliche Brust des Besuchers in Zivil – »ist, die sachgemäße Gruppierung von Verdienstzeichen ein Kunstwerk. Beraten Sie mich! Wo soll ich den werten neuen Ankömmling einreihen?« Otto unterdrückte ein Lächeln und ging mit gebührendem Ernst auf Erörterung der großen Frage ein, zur Zufriedenheit Peuckers, den er dann mit Mühe auf ein geschäftliches Thema brachte.

»Ja, Preußen und Österreich – – dieser Kaiserstaat hat sehr vornehme Orden. Der Eisernen Krone bin ich teilhaftig geworden, das Maria-Theresien-Kreuz ist ja natürlich nur für heimische Größen wie Radetzky, und das Goldene Vlies – – ich hatte den Vorzug, es bei Sr. Gnaden Fürst Schwarzenberg auf dem Schlachtfeld von Leipzig erschauen zu dürfen, den es herrlich kleidete.« Er seufzte elegisch wie in Sehnsucht nach Unerreichbarem. Plötzlich sagte er kurz und scharf: »Wir müssen vor allem dafür Sorge tragen, daß in Mainz die preußische Besatzung dominiert. Damit veranschaulichen wir dem hohen Bundestag gleichsam das militärische Gewicht Preußens. Es kann nicht oft genug daran erinnert werden.«

Ein gescheiter, tüchtiger Kriegsmann, eine Leuchte der Kriegswissenschaft! dachte Otto, als er die Treppe hinabstieg. Und doch solche Schwächen! Vielleicht das Ewigweibliche – – der Häßliche hat eine hübsche Gräfin geheiratet, und die sieht wohl darauf, seine Blöße mit dem Feigenblatt schöner Orden zuzudecken. Aber solche Äußerlichkeiten bestimmen das Urteil der seichten Welt. Damit sind wir Preußen oft geliefert. Entweder haben wir einen barschen, rasselnden Kommandoton oder die schulmeisterliche Salbung eines professoralen Pedanten, oder wir machen uns lächerlich – – und dabei sind wir die humansten, gerechtesten Menschen, fleißiger, pflichttreuer, klüger und auch schöpferisch begabter als die meisten Ausländer, aber es fehlt an Takt, wir behalten etwas Bourgeoises und Parvenühaftes. Hängt wohl mit unserer Geschichte zusammen. Welch ein echtpreußischer Humanitätsdusel, von moralischen Eroberungen zu schwärmen! Die Leute wollen sich ja von uns nicht lieben lassen, überall flößen wir Abneigung und Mißtrauen ein, unsere besten Absichten werden verkannt. Da scheint mir vorzuziehen, daß wir auf die schätzbare Sympathie verzichten und uns lieber an die erzwungene Achtung halten. Wer liebt denn die Engländer! Aber wo man sie haßt, da fürchtet man sie, und aus solcher Achtung, aus Furcht keimt nachher ein Wunsch, sich vor der eigenen Selbstachtung zu rechtfertigen und im Gefürchteten allerlei Großartiges zu ehren. Daher das Getue von der englischen Kulturmission, mit der es gar nicht so weit her ist, denn mit Seife und gestärkten Hemdkragen allein zivilisiert man doch nicht das Erdenrund. Nicht um Liebe betteln, sondern Achtung einbläuen, mächtig werden, dann bekommen wir auf einmal die erhabensten Eigenschaften.

*

»Gestatte mir, mich bei Ew. Exzellenz anzumelden«, stellte sich ein junger Attaché vor, vorschriftsmäßig die Hacken aneinanderschlagend. Rochow verreiste auf acht Tage nach Warschau in politischen Angelegenheiten, und sein Wirklicher Legationsrat vertrat ihn. Der andere, aus Berlin beigegebene Geheimrat v. Gruner war Liberaler auf Leben und Tod wie die meisten höheren Bureaukraten, konnte den Schönhauser Junker nicht ausstehen und packte übrigens schon seine Koffer, um selber bei Rochows Scheiden mit diesem zu verschwinden. Außerdem befand sich noch hier ein alter Legationsrat, Otto Wentzel, der die Kanzlei unter sich hatte und bleiben sollte. »Dieser Herr Spätaufsteher hat manchmal trotzdem Gold im Munde, er spricht und schreibt fein, doch für unsere zähe Bundesakte ist er zu träge und hat von äußerem Schliff der Gesandtenturnüre noch keinen Schimmer,« urteilte Rochow, der über eine scharfe Zunge verfügte und Ottos spätes Aufstehen wegen zu langer nächtlicher Lektüre als groben Verstoß gegen preußische Pünktlichkeit verpönte. Bei den sachgemäßen Vorträgen über formalen Geschäftsgang, die er auf allerhöchsten Befehl dem Anfänger halten mußte, fiel ihm jedoch dessen blitzschnelles Begriffsvermögen auf, und er bildete sich heimlich eine günstige Meinung.

»Pst, ich bin noch nicht Excellenz. Graf Lynar, nicht wahr? Sie sind uns amtlich zugeteilt, um sich in diplomaticis umzutun.«

»Unter Ihrer bewährten Leitung – – «

»Oho, die ist noch gar nicht bewährt. Für Ihren schönen Zweck kommen Sie hier übrigens an die unrechte Schmiede. Nicht mal als Kocheleven möcht' ich Sie engagieren. Hier lernt man nur Wassersuppe kochen.«

»Ich verstehe nicht recht – – « Der junge Graf, intelligent, anständig und wohlerzogen, doch etwas verlegen und unsicher, weil tiefbescheiden, wußte nicht recht, wie er sich diesen burschikosen Hünen auslegen sollte, der in gelbem Schlafrock in seinem Hotelzimmer umherwandelte.

»Nu so! Wer weiß nicht, daß überall mit Wasser gekocht wird, sogar mit schmutzigem Wasser! Doch so 'ne nüchterne fett- und salzlose Wassersuppe wie die hiesige superkluge Charlatanerie ist mir noch nie vorgesetzt worden. Ich hab' meiner Frau geschrieben, sie soll mir ein paar Schulzen aus Hinterpommern herschicken, mit der Falstaffgarde will ich hier Staat machen wie mit den sieben Weisen Griechenlands. Sie speisen mit mir an der Table d'hote, wenn ich bitten darf, da werden Sie noch die zwei anständigsten Exemplare treffen, Schele von Hannover und Oertzen von Mecklenburg. Ab« der Rest: Les beaux restes endloser Amtstätigkeit im Nichtstun!«

»Aber man glaubt doch, hier werde sozusagen Deutschlands Schicksal verhandelt.«

»O, mein lieber Herr Attaché!« Bismarck schlug eine bittere Lache auf. »Sie als preußischer Edelmann leben in dem Wahn, daß männiglich seine Schuldigkeit tun müsse. Aber die Exzellenzen hier bestehlen nur den armen Steuerzahler, sie sind nicht das Papier und die Tinte wert, mit der sie ganze Bogen vollschmieren, sogenannte Gesandtschaftsberichte über nichts und wider nichts. Ich bin auch nicht besser. Ich habe schon mehrere Leitartikel ans hohe Ministerium gesandt, nur zu lang, um in einer Zeitung für Staats- und gelehrte Angelegenheiten zu erscheinen. Wenn der Premier mir nachher sagen kann, was eigentlich drinsteht, dann zahl' ich ihm 10 Taler preußisch Kurant. O, ich mache reißende Fortschritte! Was ist das diplomatische Metier? Eine Art Nebenressort des Journalismus, nämlich die Kunst, mit einem riesigen Wortschwall kein vernünftiges Wort zu sagen und zu verdecken, daß man gar nichts weiß.«

Der junge Graf lächelte verlegen. »Man weiß, daß Ew. Exzellenz immer ein besonderer Feind der Presse waren.«

»Ich bitte ihr vieles ab, denn wenigstens kann sie schimpfen. Nicht mal das bringen die Leute hier fertig, sie können nicht einen Tag lang wenigstens ehrlich ihr Gift verspritzen. Das wäre noch Wahrheit, aber dafür beziehen sie nicht ihre Gehälter. In fünf Jahren werden sie so wenig zustande bringen wie heut, und doch könnt' ich's an einem Tage machen. Da ist nichts zu wollen, mein Lieber, man muß mit den Wölfen heulen. Ach, wenn sie doch nur einmal laut und ehrlich heulen wollten, denn es plagt sie doch der Heißhunger, irgendwo einen fetten Bissen zu erschnappen, irgendein Seperatvorteilchen. Aber sie verbeißen sich jeden lauten Ton und belauern sich mit unhörbarem Knurren.«

Der junge Graf lächelte fein. »Verzeihen Exzellenz, aber wenn Wölfe gar nichts zu fressen bekommen, dann, sagt man, fallen sie sich untereinander an.«

» Tiens! Sehr gut gefolgert!« Bismarck sah den Jüngling wohlgefällig an. »Darin steckt mehr als Sie ahnen. Wissen Sie was, ich werde Sie zu meinem Vertrauten ernennen, zum Großsiegelbewahrer meiner tiefsten Geheimnisse. Ich habe nämlich keine. Doch um Gottes willen verraten Sie das nicht! Es wäre um mich geschehen, ich käme um Ehr' und Reputation. Denn jeder von uns hat seinen diplomatischen Fahneneid geleistet, sowohl er als die anderen verbergen erschütternde Entwürfe. Das gehört zum Metier, verstehen Sie, zum Standesbewußtsein, 's ist so 'ne konventionelle Fiktion.«

»Aber es ist doch unmöglich, daß man hier nicht tieferen Einblick –«

»Worin? In den Stadtklatsch der beau monde? Der kleinste Frankfurter Koofmich weiß so viel von hoher Politik wie wir, und Amsel Rothschild weiß es vermutlich besser. Ach, der ungläubigste Thomas unter nörgelnden Demokraten ahnt noch nicht den Umfang unserer Unwissenheit und Ohnmacht. Meine selige Frau Mutter wollte mich immer zum Diplomaten machen. Es ist erreicht, ich salutiere in Gedanken,« er tat es mit der Geste, »und melde gehorsamst: ich habe die Ehre.«

Diese eruptive Offenheit betäubte zwar den jungen Lynar, aber bezauberte ihn, er empfand sofort hohe Anhänglichkeit für diesen polternden Nicht-Diplomaten. Das wußte Otto mit seiner rein instinktiven Menschenkenntnis sehr wohl, sonst hätte er sich nicht so aufgeknöpft.

An der Table d'hote exzellenzte ihn schon jeder, was er wohlgefällig als Vorschuß und Abschlagszahlung einstrich, obwohl es ihm sonst Spaß machte, unter lauter Exzellenzen die einzig fühlende Brust zu sein. »Sehen Sie,« belehrte er den jungen Lynar nachher bei der Zigarre, »so sind nämlich die Menschen, und deshalb liegt ein tiefer Sinn darin, daß der Staat Titel verleiht. Geschähe es immer an die Würdigen, wär' es geradeso gerecht wie der wirkliche Geburtsadel. Denn glauben Sie mir, Cäsar und Sokrates in eigener Person könnten das Blaue vom Himmel herunterholen, solange sie simpel Herr Cäsar und Herr Sokrates heißen, fragt keine Katz danach. Aber der Feldmarschall Cäsar und der Wirkliche Geheime Hofrat Sokrates reden auf einmal lauter Evangelien. Der Wirkliche Geheimrat Witz, wie der boshafte Bengel Heine es nannte, kichert aber darin, daß der liberale Philister auf Rang und Titel und Hofgunst schimpft und doch dabei nicht ein Jota anders denkt als das kriechendste Hofgesinde. Eine Spielart davon ist auch der Professorenkultus, den wir hier in der Paulskirche unheiligen Angedenkens bewundern durften. Spricht Sokrates, so fragt der Zuhörer: wo ist er Professor? Hat er auch alle Examina gemacht? Was, nirgends? Er lehrt frei aus sich selbst heraus und weiß deshalb mehr als alle staatlich geeichten Rhetoren? So was erzählen Sie andern, ich hochgebüldeter teutscher Philister glaube nur an den Professor Ordinarius. Und der weiß natürlich alles, denn wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. O, ich sehe schon die Zeit kommen, wo die Herren Physiker Vorlesungen über Literatur halten und Bücher über metaphysische Nicht-Metaphysik verzapfen oder wo Mediziner die Staatswissenschaft chirurgisch und therapeutisch behandeln unterm johlenden Beifall der guten Deutschen.«

»Exzellenz haben eine sehr schlechte Meinung von den Menschen«, erlaubte sich Lynar zu bemerken.

»Man muß die Menschen verbrauchen, wie sie sind«, brach der Eruptive plötzlich kalt und trocken ab. »Wissen Sie was, ich lade Sie zu einem Spaziergang ein, wir wollen uns mal die berühmte Paulskirche besehen.« –

Die St. Pauligemeinde ließ in wahrhaft religiöser Ehrfurcht ihr zum Parlament geweihtes Gotteshaus unangetastet, nachdem die Pfingstapostelzungen dort längst verklangen. Die schwarz-rot-goldenen Fahnen nickten noch von den Pfeilern herunter. Statt der seit lange verrosteten Orgel schien wie der Geist Gottes über den Wassern die majestätische Stimme Gagerns oder Wilhelm Jordans noch über den leeren Bänken zu schweben. Die Kustodin trat sofort heran: »Wünschen die Herrschaften das Schreibpult des großen Märtyrers Robert Blum zu sehen? Wünschen Sie eine Reliquie?« Sie bot großmütig ein Messer an. »Manche Herrschaften schneiden sich auch von Trützschler ab, welcher selbige in Mannheim den Märtyrertod erlitt, von preußischen Schergen füsiliert.« Sie plärrte diese eingelernte Lektion eintönig herunter, wie ein Kastellan in fürstlichen Schlössern.

»Danke ergebenst, behalten Sie Ihr Messer, liebe Frau.«

»Ah, die Herrschaften sind mehr für Auerswald und Lichnowsky! Selbige Herren erlitten den Märtyrertod durch Kugeln von Schelmen, welche die gute Sache schädigen wollten. Selbige Märtyrer waren gemäßigt, Liberale, tiefbetrauert von der Mehrheit der hohen Versammlung, so da tagte in diesen für immer historischen Räumen«, sagte sie belehrend die weitere Lektion her.

»Auch dafür haben wir keine Verwendung.« Die Frau sah ihn mit offenem Munde an. Was wollten diese Leutchen denn hier? Die von der Preißchen Reaktion mieden doch die Paulskirche wie eine schwarze Messe des Gottseibeiuns, aber wer weder zu Blum noch zu Auerswald beten wollte, was suchte der hier? Ein honnettes Trinkgeld löste ihr freilich insofern die Zunge, als sie knixend gestand: »Nix für ungut, die Herren! 's isch ja auch nüt mit de Pultdeckel, die sein alleweil nicht mehr echt. Die Leut' haben schon dreimal all das Holz abgeschnitzelt. Aber sehen's, Märtyrer sein Märtyrer, und man will akkurat dieselbigen Deckel han.«

Beim Hinausgehen warf Otto einen düstern Blick auf die roten Quadersteine der Kirche. »Mir ist, als schwämme dies alles in Blut, verflossenes und künftiges.«

»Wie? Ich dachte doch, das wäre für immer erledigt.«

»Das? Was? Das war der Anfang, wir sind noch lange nicht zu Ende.« Sein wasserblaues Auge hatte einen seltsam verglasten visionären Blick, und er schüttelte sich wie in einem Schauer. Aber dann sagte er trocken: »Wir müssen uns in Wichs werfen, mein junger Freund, heut abend ist der große Ball beim englischen Gesandten zum Geburtstag der Königin Viktoria.« –

Er hatte seine Wohnung jetzt privat verlegt, Hochstraße 45, wohin er seinen Attaché Lynar mitnahm, der mit ihm zusammenzog. Die Frau des Hausbesitzers, Kaufmann Krug, knixte mit freudigem Stolz: »Det is uns eene besondere Ehre. Ick bin nämlich Berlinerin us die olle Zeit, ick habe noch Frau Dutitren gekannt.« Diese Lokalgröße war jedem Alt-Berliner ans Herz gewachsen, und Otto deklamierte sofort die berühmte Anrede der Dutitre an den Altmeister in Karlsbad: »Jöttlicher Joethe, wer sollte dir nich kennen! Festgemauert in der Erden steht de Form, aus Lehm gebrannt!« Darüber mußte Frau Krug sich krank lachen. »Ne, Herr Baron, ik sage man bloß, über Berlin jeht nischt, un' wenn man 'n Landsmann sieht, det is doch janz wat anders, als die faulen Ausländschen hier.«

Nachdenklich folgerte Otto: »Da schwatzen die deutschen Gelehrten von kosmopolitischer Weltverbrüderung und ist doch fauler Zauber. Das Heimat- und Stammgefühl ist vielleicht die stärkste menschliche Leidenschaft, nur schlummert sie latent und muß geweckt werden. Viele Deutsche bilden sich ein, sie seien darüber erhaben und liebten den Fremden brüderlich. Laß sie nur eine Weile im Ausland leben, dann umarmen sie den nächsten deutschen Grenzpfahl.«

Die Frau nannte die Frankfurter Ausländer. Nennen Sie das Stammgefühl?«

»Nein, verengtes Heimatgefühl. Wird es vernünftig erweitert, gewinnt es erst recht an Stärke. Ich bin gar nicht gegen Partikularismus, wenn das heißt, die Eigenart der engeren Heimat hochhalten. Wie kann der Bayer sich an der Elbe so heimisch fühlen wie an der Isar bei Leberknödel und Kalbshaxen und der Ostpreuße am Neckar, wo er keine grauen Bohnen findet! Aber Sie werden's noch erleben, lieber Graf – ich bin zu alt dazu –, daß der Hesse fühlt, auch ihm gehöre die Weichsel, und der Oldenburger, auch ihm gehöre der Main, daß alle Deutschen inne werden, sie seien eines Stammes.«

»Ich höre immer Deutsch«, maulte Lynar krittelnd. »Sie sind doch ganz Preuße.«

»Deshalb ganz Deutscher. Das eine schließt das andere nicht aus.« – –

Der Cowley-Ball war glänzend. Man spielte um Mitternacht die hehre Nationalhymne God save the Queen, englische Wappen und der Union-Jack erstrahlten transparent vom Sims bis zum Estrich an den Wänden, und die Spiegel warfen das erhebende Bild zurück, wie die Edelsten aller Nationen zum Kotillon antraten. Thun mit seinem Satyrlächeln liebte so sehr das Hüpfen, doch der belgische Gesandte Graf Briey und der steife Lord Cowley selber gaben ihm nichts nach. Allen tat es der französische Marquis zuvor. Der Kotillon dauerte zwei Stunden. »Ah la vieille roche!« hauchte der Gesandte von Hessen-Darmstadt dem interimistischen und bald wirklichen Vertreter Preußens, das er von ganzer Seele haßte, liebevoll zu. »Frankreichs alter Adel! Dies Vorbild feiner Sitte! Und diese echte Frömmigkeit, worin uns ja auch unser edler Präsident voranleuchtet!« Thun richtete soeben innige Blicke auf die unendliche Dekolletierung einer keuschen Britendame aus hohen Kreisen, der zu tun fast nichts mehr übrigblieb. »Doch ich vergaß, Euer Exzellenz sind Protestant.« Er grüßte verbindlich und bat sehr devot die Gräfin Thun um einen künftigen Walzer.

Der Tausendsassa! Da gab er mir fein zu verstehen, daß Hessen-Darmstadt unbedingt den katholischen Mächten folgt, nicht ohne Beigeschmack eines Schmachtens nach neuer Rheinbundszeit. Welch ein Meisterstreich! Er wird es seinen Kollegen Reinhard und Holzhausen im Siegel tiefsten Vertrauens ins Ohr flüstern, damit sie es in allen Salons unter dem gleichen Siegel öffentlich verbreiten. Diese antipreußische Clique denkt uns brüskieren zu können. Wir werden ja sehen.

»Der prächtige Tallenay!« räusperte sich neben ihm eine Stimme. »Ein Naturwunder! 65 Jahre alt! Wer möchte das glauben!«

»Wie beliebt? Ich dachte: 55«, wandte sich Otto zu dem Redenden um. Es war Herr v. Nostitz, der sächsische Gesandte, ein kluger Fuchs.

»Ach nein! Ich bin informiert. Entre nous soit dit,« er dämpfte den Ton, »er färbt seine weißen Haare, natürlich grau, damit es natürlicher aussieht. Natur, o Natur! Nein, da prangt doch unser herrlicher Thun in anderer Jugendfrische. Die Österreicher sind unverwüstlich, an ihnen nagt nie der Zahn der Zeit. Apropos,« er hob sich auf den Zehenspitzen, um Otto ins Ohr zu tuscheln, »muß er sich ewig dazu bequemen, seine Unterschrift zu leisten als Monsieur Marquis Tallenay statt Monsieur le Marquis de Tallanay, um nicht die Egalité zu verletzen? Ah les Republicains sont trop drôles! Au revoir, mon cher confrère, bonne chance!«

Wieder ein Meisterstreich, spottete Otto in sich hinein. Wie fein er mir zu verstehen gibt, daß Sachsen nur zu Österreich hält. Die Beziehungen der Großmacht Sachsen zu Frankreich sind entschieden erkaltet. Wir Sachsen fürchten nur Republiken und sonst nichts auf der Welt, am wenigsten Preußen, falls dieses etwa gar mit Republik Frankreich liebäugeln sollte aus liberalen Aufwallungen. Österreich allein ist unser Leibgericht, es ist die politische Hostie für alle deutschen Kleinstaaten, die ihren Beruf verstehen, denn wofür sind sie da? Um Preußen zu isolieren und einzukreisen. Es scheint jetzt die Losung ausgegeben, mit leisen Drohungen zu schikanieren und ausnahmsweise Farbe zu bekennen. Denn Preußens Langmut und Schwäche kennt man ja, unzarte Winke fallen dort immer auf guten Boden. Na wartet, meine Lieben, bis ich erst hier freie Hände habe!

Der Ball dauerte bis 5 Uhr morgens. In der gräßlichen Langeweile hatte Otto nur einen Genuß: die Höllenqual des guten Marquis, mit dem sich ein anwesender hoher Gast, die Herzogin von Cambridge, in einer unbekannten Sprache unterhielt. Man konnte nur erkennen: Englisch war es nicht, es hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Französischen. Das ganze diplomatische Genie Tallanays erschöpfte sich im Erraten. A merveille! Auch die beiden jugendlichen Töchter der Herzogin handhabten dies Volapük und Esperanto der Zukunft, das berühmte Anglo-Französisch, eine etymologische Entente Cordiale. Kein Zweifel, die Annäherung der Westmächte ist eine vollzogene Tatsache. Thun schickt morgen einen ellenlangen Bericht nach Wien. An den Vertreter Preußens verschwendete die Herzogin nur ein paar flüchtige Worte.

»Der Herr Baron spricht Englisch wie ein Engländer«, hatte Lady Cowley ihn vorgestellt. Diese Sprache schien jedoch der Herzogin weniger geläufig, man reist doch nicht auf den Kontinent, um Englisch zu hören. Ha, Preußen war abgeblitzt, beinahe geschnitten! Sämtliche Federn der Gesandtschaftskanzleien werden sich morgen rühren. Ein welterschütterndes Ereignis hoher Politik!

Uff, das tut gut. Vom Ball heimgekehrt, setzte er sich in das kleine Gärtchen des Hauses, wo er wohnte, und hörte einem Amselschlag zu. Ob wohl die Meinen jetzt gesund schlafen? Dies Heimweh macht mich wieder zum Menschen, mich auf Pappe geklebte Aktenrolle. Schmerz ist noch das einzig Wesenhafte in dieser leeren Welt.

*

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