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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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In der Deutschen Werkstatt

»Soeben eingetroffen, mein verehrtester Herr Geheimrat v. Bismarck? Wir haben heut den 11. Mai, ein denkwürdiger Tag ... für mich, denn ob ich noch einen ferneren Mai im lieben Frankfurt sitze, das wird wohl auch von Ihnen sozusagen abhängen.« Der alte Generalleutnant Rochus v. Rochow, Botschafter in Petersburg, vertrat auf Urlaub den Posten des preußischen Bevollmächtigten zum Bundestag und lieh es sich hier wohlergehen.

»Wie meinen, Exzellenz?«

»Wir wollen uns doch nichts vormachen, mein Hochverehrtester. Unser Allergnädigster hat Sie zum ersten Legationssekretär ernannt, aber Sie zu meinem Nachfolger ausersehen. Nun, wie Gott will. Aber sind Sie sicher, daß Ihnen der Posten zusagt? Er ist etwas dornig, und Sie sind ja ganz neu in dieser Karriere. Sehen Sie sich mal um in der diplomatischen Gesellschaft: Lauter große Herren mit ellenlangen Ordensbändern.« Sein Blick streifte unwillkürlich die von Orden unbefleckte Brust des neuen Ankömmlings.

»Gestatten Exzellenz, daß ich an die Weisung Friedrich des Großen an seine Gesandten erinnere, die sich von der Opulenz anderer Diplomaten bedrückt fühlten: ›Denke Er, daß 100 000 Bajonette hinter Ihm stehen.‹ Womit ich übrigens die ökonomische Frugalität nicht billigen möchte, denn der Gesandte einer Großmacht muß auch äußerlich repräsentieren.«

»Hm, der Posten ist nicht so übel besoldet, 21 000 Reichstaler und dazu Douceur für die erste Einrichtung. Natürlich beziehe ich mehr Gehalt in Petersburg, diese Stelle ist ja auch wichtiger, dies hier ist eigentlich ein Ruheposten für verdiente Veteranen.« Der frischgebackene Legationsrat machte unwillkürlich eine leicht ablehnende Bewegung, als sei er nicht damit einverstanden. »Ach, Sie werden bald erkennen, daß hier nicht viel zu machen ist, unter uns gesagt. Sie sind noch ein jüngerer Mann, daher etwas ehrgeizig. Ich wäre wahrlich nicht abgeneigt, meinen Petersburger Posten mit Ihnen zu tauschen. Würde Ihnen das nicht passen?«

»Ich kann nur erwidern, daß ich überall hingehe, wo unser König und Herr mich hinstellt«, lautete die ausweichende Antwort. »Doch für so hohe Verantwortung reicht meine Erfahrung nicht hin.«

»Da mögen Sie recht haben.« Rochow nickte bedächtig. »Das Hofleben dort strengt an und erst das Klima, oh! Hier am schönen Rhein ist das Leben so angenehm, mit den verschiedenen erlauchten Höfen in Süddeutschland verkehrt sich's leicht.« Einen Orden für jeden Besuch! stand im ironischen Blick, den Otto auf die schwere Ordenslast des Gesandten heftete. »Da hat man zum Beispiel ein reizendes Leben als Gesandter in Darmstadt, zugleich akkreditiert beim Herzogtum Nassau und bei dieser freien und munifizenten Reichsstadt Frankfurt.« Ja, er bemüht sich in Berlin darum, daß man mich auf diesen Nebenposten abschiebt, dachte der so leutselig belehrte Anfänger bitter. »Nun, das wird sich ja alles finden. Ich werde Sie natürlich sofort in die hiesige Gesandtschaft einführen, und Sie tun wohl daran, mein hochverehrter Herr Geheimrat, sofort Ihre Antrittsvisiten zu machen.«

»Ich stehe ganz zu Ew. Exzellenz Befehl und werde Ihren Rat befolgen.« – – Als er in sein Quartier im »Englischen Hof« zurückkehrte, wo er abstieg, empfing ihn sein treuer Kammerdiener Hildebrand. »Na, du siehst ja in deiner Livree wie ein Graf aus. Gefällt's dir?«

»Ja, ja, gnä' Herr, wenn nur allens so nett wäre. Aber man is doch hier in der Fremde, und sie reden so'n ausländisches Kauderwelsch.«

»Schafskopp! Ist Deutschland im Ausland? Das sind auch Deutsche hier, merk' dir das, so gut wie wir Altmärker.«

»Mag schon sind, gnä' Herr, aber justament auf uns Preußen haben sie einen höllischen Zahn, so viel bracht' ich schon 'raus. Wir haben ihnen doch nie was zuleide getan.«

»Bloß den fetten Bürgern Ruhe in ihren Betten verschafft durch ein königlich preußisches Regiment.«

»Ach so! Justament das kreiden sie uns wohl an. Undank ist der Welt Lohn.«

Wie wahr! Daß doch der einfache Sinn des Volkes alle hochpolitischen Dinge aufs ewig Menschliche zurückführt! Gerade daß Preußen mit tausend Bedenklichkeiten und Gewissensskrupeln die Rechte anderer nicht antasten möchte, verzeiht man ihm nicht. Denn jeder fühlt instinktiv die geheime Stärke, und daß ein Starker nie seinen Willen durchsetzt, erfüllt mit Argwohn als unnatürlich. So sind wir die Bestgehaßten wegen unserer Friedfertigkeit. Die Engländer laden ihre Bomben mit Humanität, die Franzosen mit Freiheit und Menschenrechten. Noch immer proklamieren sie den Kampf für die Menschheit, wenn sie auf Straßenraub ausgehen. Wir, wenn wir mal endlich zuschlagen, finden nie schöne Worte, nur stramme Hiebe, deswegen sind wir brutale Barbaren. Die Welt will betrogen sein, wußten die klugen Römer. Ach, du mein Gott, wir Deutschen sind das begabteste und klügste Volk der Welt, aber in puncto Diplomatie werden wir immer arme Schächer bleiben. Der Alte Fritz war gewiß schlau und gewandt, und doch mußte er den Krieg erklären und in Sachsen einrücken, um nicht erdrosselt zu werden. Was half ihm sein Manifest, er ziehe das Schwert zur Rettung deutscher Libertät! Ganz Deutschland war gegen ihn zugunsten der Welschen und Kroaten. Es muß etwas radikal Falsches, eine angeborene Schwäche in unserer Politik stecken. Unsere peinliche gefährdete Lage verkenne ich nicht, doch wir ahnen nie, wie stark wir sind. Hätte sonst Wellington sich im Waterloo-Jahr heimlich mit Frankreich und Österreich verbündet, um uns zu überfallen, bis ihm Napoleons Rückkunft einen Strich durch die Rechnung machte? Und wie bezahlte man die Waffenbrüderschaft von Waterloo? Der alte Raumer zeigte mir einen Brief von Gneisenau, wo er Stein und Bein über Englands Undank klagt. Was hilft das Klagen! Jeder nimmt so viel als er kriegen kann, und läßt sich jemand das Fell über die Ohren ziehen, so wird er eben geschunden. Blücher und Gneisenau waren gewiß die herrlichsten Patrioten, aber von den Geschäften verstanden sie nichts. Wäre beim zweiten Pariser Frieden ein richtiger Staatsmann für Preußen dabei gewesen, so hätten wir heut Sachsen. Hm! Wer weiß, wofür das gut ist, jed' Ding hat zwei Seiten, und ich bin gar nicht für leere Annexionen und Aufschluckung deutscher Reservatrechte. Gott besser's! Da sitz ich grüner Anfänger und korrigiere die Schulhefte preußischer Diplomatie. Was ich leisten würde, ist noch sehr die Frage. Aber – –! Den Rochow ›hab' ich weg‹, wie der kleine Bülow von Monsieur Bernadotte sagte. Ein Ruheposten soll hier sein? Nicht in Petersburg und Wien, hier wird Preußens künftige Politik gemacht, hier liegt die deutsche Frage. Das sollte mir passen, hier in abhängiger Stellung mich dem fremden Trubel anzubequemen, statt in Ruhe auf meiner Farm zu sitzen. Darf ich nicht auf meinen zwei eigenen Beinen stehen, so hol' der Teufel die ganze Bescherung. Mit 3000 Talern als Legationssekretär komm' ich hier ohnehin auf keinen grünen Zweig. Ein teures Nest! Ne, so haben wir nicht gewettet. Ich habe das Wort vom König und Manteuffel, und brechen sie's, dann adjes! Da will ich mich lieber als Abgeordneter in der Kammer abplacken, und als einfacher Gutsbesitzer auf meiner Scholle stehe ich mich besser. Wenn ich Preußen nützen soll, muß ich hier freie Hand haben. Ich werde an Manteuffel schreiben, daß Rochow nicht am Platze ist. Ein würdiger alter Militär, doch hat vermutlich von Diplomatie keinen Schimmer. Akten und Formalien. Damit lockt man keinen Hund vom Ofen. Ich will hier reinen Tisch machen mit den Zweideutigkeiten. Festigkeit ist die beste Politik. Mit Drehen und Wenden offenbart man nur seine Schwäche. Natürlich nicht mit der Tür ins Haus fallen. Fuchshaut überziehen, grob und liebenswürdig in holder Abwechslung. Staaten sind genau wie Menschen. Wer Menschen behandeln kann, wird auch mit den abgefeimtesten Staatsvertretern fertig. Da fällt mir ein, der alte Metternich lebt jetzt auf seinem Stammsitz Johannesberg. Den famosen Wein muß ich kosten, als Schüler den greisen Meister anschwärmen, andächtig zu seinen Füßen sitzen. Das wird guten Eindruck in Wien machen.

Über Rochow schreib' ich morgen vertraulich an Manteuffel. Man muß das Eisen schmieden, solange es warm ist. Weg muß er. Man soll ihn ja nicht brusquement fortschicken, eher seine Wünsche kajolieren. Zu guter Letzt übernahm er diese Mission, freilich ohne sich bewußt zu sein, wie schwierig sie ist, undankbar wohl nicht, dafür kommt es auf die Behandlung an. Bin ich etwa einer von denen, die mit Kritik leicht bei der Hand sind, aber kneifen, wenn es ans Handeln geht? Ich hoffe zu Gott: nein. Ich trete in diese Bresche und will sie allein verteidigen, aber auch ganz allein, da bin ich am stärksten. Wie sagt der alte Schiller? ›Der Starke ist am mächtigsten allein.‹ Ab und zu hatte der alte Schönredner doch sehr lichte Momente. Das scheint mir ein Schuß ins liberale Schwarze, ein richtiger Tellschuß. Und an das Tellwort will ich mich mein Lebtag erinnern: ›Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.‹ Ob wir die Besten sind, weiß nur Gott, aber an bösen Nachbarn ist Überfluß. Und wollen sie nicht Frieden halten, so muß geschossen werden. ›Du kennst den Schützen, suche keinen andern.‹ In Berlin werden sie mir ein Bein stellen. Besonders die liebe Presse. ›Wär ich besonnen, hieß' ich nicht der Tell.‹ Auch treffend gesagt, paßt aber schwerlich für mich. Die Kerls sollen noch inne werden, daß ich verdammt besonnen bin. Stottere ich etwa wie Percy Heißsporn? ›Sitz' ich zu Pferd, so will ich schwören, ich liebe dich unendlich.‹ Prachtvoller Shakespeare! Mit einer Zeile den ganzen Kerl. Doch nicht den, der ich bin.

Ach Hanne! Als er zu Bett ging, überfiel ihn die Sehnsucht nach Weib und Kind so arg, daß er laut schluchzte. So sind diese wunderlichen Gesellen, die Genialen. Ausschweifende Phantasie, eiskalter Verstand, eiserne Härte und weibliches Gemüt.

*

»Schauen's, lieber Geheimrat, das ist hübsch, daß Sie mich zu Haus treffen!« Graf Thun empfing ihn mit viel »Empressement«, wie man damals in unserem geliebten Deutsch zu sagen pflegte. Er hatte eine etwas pomphafte Erscheinung, eine gewisse Aufgeblasenheit mit einem Stich ins Leichtlebige eines Wiener Roués. »Die Gräfin wird sich serr freuen, Sie kennen zu lernen.« Diese stattliche Dame rauschte herein und wechselte die üblichen Begrüßungsphrasen. Sie hatte ein leicht verblichenes und verkniffenes, obwohl nicht vergrämtes, Aussehen. Der böse Leumund munkelte von allzu ausgedehnten Galanterien des Botschafters, der mit Vorliebe den hübschen Gattinnen reicher Kaufleute den Hof machte. Doch geschah dies mehr zur prahlerischen Schaustellung seiner Schwerenöterei als zum eigenen Hausgebrauch. Er war so gar a lieber, herziger Kerl und Kavalier, tanzte jede Nacht durch oder spielte Macao bis zur Morgenfrühe um hohe Summen und begoß dies alles unaufhörlich mit Champagner. Das freundlich vornehme Nichtsgeplauder, das sich als Ton der guten Gesellschaft gibt, kam ihm von Herzen oder schien wenigstens aus der Gegend zu kommen, wo anatomisch das Herz zu sitzen pflegt. » Nest-ce-pas, ma Chère?« berief er sich auf seine Gemahlin, »hier ist es charmant, hier lebt man wie Gott in Frankreich – – wollte sagen, in Frankfurt. Werden's Ihna amüsirrn, soag' ich Ihnen. Warst du heut in der heiligen Messe?« erkundigte er sich besorgt bei der Gräfin und bekreuzte sich dabei. » Oui? Mais c'est très bien, ma mignonne. Aus diesem sündigen Jammertal führen alle Wege nach Rom zu unserer heiligen Kirche.« Obwohl er sich erinnerte, daß der Preuße ein Protestant sei, unterließ er nicht diese kleine fromme Farce, die ihm übrigens nicht als solche erschien. Er erzielte Sündenablaß sowohl bei sich selber als bei seiner bigotten Gräfin, indem er streng alle Gebräuche des Katholizismus befolgte und sich dem Herzen Jesu sogar durch Fastenspeise am Freitag empfahl. Die Forellen aus dem Taunus schmeckten in der Tat sehr gut.

Als die Gräfin gegangen war und Bismarck seinen Hut ergriff, drückte ihn der biedere, leutselige Graf freundschaftlich auf den Sessel nieder. »Noch ein Wort zur Begrüßung unter uns Kollegen! Man vernimmt, unser lieber Rochow wird uns verlassen, und Sie treten an seine Stelle. Serr gut! Sie kohmähn frisch von Ihrem berühmten Athen – – wollte sagen Berlin am – – wie sagt man doch – – am grünen Strand der Spree. Waren's schon an der schönen, blauen Donau?« Otto verneigte sich. »Aber wohl nicht in ahmtlicher Eigenschaft?«

Die treuherzige Bosheit verstehend, versetzte jener kühl: »In privatester Eigenschaft ... auf der Hochzeitsreise.«

»Oh! Hab ich auch mal gemacht!« rief Thun mit echter Begeisterung. »Trauen's mir das nit zu?« O je, sogar ein Dutzend ähnlicher Reisen! dachte Otto belustigt, » La jeunesse dorée! Nun plauschen's mal offen, wertester Herr Geheimrat – oder soll ich schon sagen Exzellenz? –, wie hat's Ihna g'folln?«

»Ausgezeichnet!« beeilte sich der Preuße zu versichern.

»Wär' net zu verstähn, woans anders wär. 's gibt nur a Koaserstadt, 's gibt nur a Wean! singet der Fiaker, und wir drahn uns all mit. So a Weaner Walzer ihs zu kreuzfidöll. Ja, liebe Exzellenz, wir Österreicher sind halt gemütliche Leut' und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein, wenn ich mich so profan ausdrücken darf.« Er bekreuzigte sich rasch. »Gemütlichkeit ist unser Faible, und da sollten die lieben Preußen halt auch a bissel gemiehtlich sein. Mein einzig Bestreben in unserer hohen Versammlung ist gutes Einvernähmehn mit unserem nordischen Bruderstaat. Österreich und Preußen Hand in Hand für das Recht, für die moralische Weltordnung der legitimen Monarchien!«

Der Preuße erhob sich. »An mir soll es nicht fehlen. Es gibt ja auch so viel Berührungspunkte der Interessen. Und wo sie divergieren, wird sich ja wohl ein Ausgleich finden.«

»Meinen Sie?« Einen Augenblick riß die Larve der eleganten halbverächtlichen Nachlässigkeit eines Kavaliers am Hazardtisch, der dabei heimlich mit scharfer Profitgier die Chancen der Karten und ihre »Veine« Dusel, Glück berechnet. Otto sah auf einen Blick, daß er es mit einem ungewöhnlich schlauen und gewiegten Ränkeschmied (vulgo Diplomaten) zu tun hatte. »Aber ja! Je suis insouciant, moi, je m'en moque. Wozu so viel Trakasserie um reine Bagatellen! Wir verstehen uns, und das liebe, gute Teutschland schläft sicher in unserer Hut. L'Autriche et la Prusse c'est un mariage libre et l'Allemagne est l'enfant naturel de leur ménage. Verzeihen's, meine liebe Exzellenz, 's läßt sich nur auf Französisch sagen. Oh quelle langue!« –

Ganz recht, dachte der Preuße, als er in seinen Wagen stieg, um die Runde seiner Besuche fortzusetzen. Dieser geistreiche Unsinn, den er weiß Gott wo aufschnappte, läßt sich nicht auf Deutsch sagen. Die freie Ehe von Österreich und Preußen ... Deutschland als »natürliche Tochter« frei nach Goethe ... und dabei ist's unsere sehr natürliche Mutter, von der wir beiden höchst legitim abstammen. Ein gefährlicher Geselle! Wähnt er, ich werde ihm trauen? Der legt jeden hinein, wer ihm nicht mit gleicher Münze zahlt. Leute von der Schwarzenberg-Schule erachten niemals Gerechtigkeit und Billigkeit als gute Politik, und mir ist's recht, daß es so ist. Denn mit moralischen Rücksichten auf Mein und Dein bliebe man höchstens beim famosen status quo ante, und der gerade soll beseitigt werden. Jetzt haben sie Oberwasser, aber laß sehen, ob auf die Dauer. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich den Kleinstaaten nicht beibrächte, sie hätten Österreich geradeso zu fürchten wie uns. Die Manieren des guten Thun sind mir mißfällig. Er behandelte mich de haut de sa grandeur wie ein leutseliger, großer Herr einen armen Schlucker. Da werden wir ein Stöckchen vorstecken. Preußen klopft man nicht gnädig auf die Schulter. –

Er fuhr jetzt beim englischen Gesandten vor, Lord Cowley. Die Dame des Hauses, echte Weltdame, doch mit der wohlerzogenen, vornehmen kindness einer Engländerin high-bred, schien Wohlgefallen an ihm zu finden. Wohlwollend und schlangenklug wie jede wahre Frau, zugleich mütterlich-freundlich und kühl das Maß der Männer nehmend, hatte sie sogleich Verständnis für diesen stattlichen Herrn, der ihr very kind-hearted and yet very firm däuchte. Er merkte das und berechnete sofort, daß sie sich vielleicht mit der armen Hanne auf Freundschaftsfuß stellen werde, die hier wie verraten und verkauft in diese aalglatte Internationale hineinschneien würde. Er warb daher in aller Schnelle um ihre Sympathie für seine Frau, was ihm sogleich einen Stein im Brett bei ihr verschaffte. Der englische Ausdruck »ladies of easy access« (Damen von leichtem Zutritt) für Demimondainen deckt sich in anderem Sinne für die zugleich würdevolle und entgegenkommende Feinheit des Benehmens bei Engländerinnen, die auf den Titel Lady Anspruch erheben, was bei Salongrößen des britischen Adels sich zur Vollkommenheit steigert.

Der edle Lord ließ übrigens einfließen, daß er ein Neffe des seligen Herzogs Wellington sei, daher gewissermaßen zu Preußen erbliche waffenbrüderliche Beziehungen habe. »Das wird in Preußen nie vergessen werden«, beteuerte Otto aus vollem Herzen. Er registrierte nämlich heimlich: seinen Undank und seine Perfidie (»seinen« lies erweitert: England) werden wir Kundigen nie vergessen. »Ich bin überzeugt, das bei uns so hochverehrte mächtige England wird dies auch stets in wohlwollender Erinnerung halten. Blut ist dicker als Wasser, und unser verwandtes Blut hat sich Schulter an Schulter vermischt.« Lord Cowley sagte etwas Verbindliches und schmunzelte. Ein deutscher braver Träumer. England wird sich immer an eins erinnern: seine eigenen Interessen. Alles übrige ist für die Galerie des Theaterpöbels, der sich auf der Bühne allerlei Faxen vormachen läßt. Als daher Lady Cowley nachher meinte: »Ein angenehmer Mensch, sogar ziemlich imponierend. Wie Napoleon sagte: Das ist ein Mann!« berichtigte er gnädig: »Sagen wir lieber: Das ist ein Deutscher. Offenbar ein guter Mensch, der das Herz auf der Zunge trägt und in Gefühlspolitik schwelgt. Doch das soll ihm bei uns nichts schaden, im Gegenteil. Den hat auch Gott in seinem Zorn zum Diplomaten erkiest. Übrigens soll er gar kein Professional (Zünftiger) sein. Wir werden seine Bekanntschaft kultivieren, sobald er Gesandter wird. Von dem kann man sicher Informationen erhalten.« –

Otto machte sodann einer russischen Frau v. Stallupin mit einem Empfehlungsbrief seinen Besuch, die eine große gesellschaftliche Rolle spielte. Sie saß zwischen unzähligen Nippsachen wie ein Dalai-Lama. »Das ist schön von Ihnen, Herr Baron, wie unser Gesandter in Berlin mir schreibt, daß Sie so gut russisch sind. Ach das heilige Rußland! Man kennt noch nicht in Europa seine Tiefe.« Diese Phrase setzte sie als bloße konventionelle Scheidemünze in Umlauf, die von einer Hand in die andere ging. Durch Puschkin und Gogol besorgte man damals, was später Tolstoi und Dostojewski vollendeten. Europa, und natürlich der deutsche Michel obenan, kniete in Ehrfurcht vor solcher unergründlichen Gemütstiefe bis nach Sibirien hinein. Mit Speck fängt man Mäuse, und der furchtbare Despot Nikolaus war vornehm und klug genug, Herrn v. Puschkin, den »russischen Byron«, unter seinen Schutz zu nehmen, wenn die vierte Abteilung der Petersburger Geheimpolizei ihm zu Leibe wollte. Diese sogenannten Liberalen, die dabei, wie der spätere Muschikheiland Tolstoi, eingefleischte Stockrussen blieben, konnte man ganz gut als literarische Kosaken zur Invasion Westeuropas verwenden. »Kennen Sie die Novellen des Herrn v. Turgeniev? Jüngst erschienen.« Die Dame wies auf einen mit bri a brac übersäten sogenannten Schreibtisch. »Etwas freigeistig, etwas ... negativ, vous savez, aber sonst trèz comme il faut. Ein jüngerer Mann von sehr guter Familie, lebt in Baden-Baden.«

»Ich habe nicht das Vergnügen«, bekannte der ungebildete Deutsche.

»Wie schade, daß die Deutschen, sonst so gelehrte Leute, die Schätze der Weltliteratur nicht kennen! Ach, der russische Geist! Eine Tiefe, sag' ich Ihnen. Mais je vous n'en dis rien, Sie müssen russisch lernen, Herr Baron, unsere herrliche Sprache. Wir Russen von Bildung lernen ja alle Deutsch, warum sollten die Deutschen nicht für uns das gleiche tun? Das ist die wahre Verbrüderung der Nationen.« Bismarck schwor hoch und heilig, daß er sich im Russischen vervollkommnen werde, denn etwas Russisch verstehe er ja schon. Darüber verfiel die Dame in Verzückung. » C'est magnifique. Ich werde an all meine Kreise in Petersburg schreiben, welch ein erleuchteter Geist Sie sind.« Bei echtrussischen Leuten ist jeder erleuchtet, dem sie ein Talglicht anzünden. »Kennen Sie die Lieder des Herrn v. Lermontoff? Nicht? C'est dommage. Ein gewisser Bodenstedt in Wiesbaden, früher Hauslehrer in einer feinen russischen Familie, hat etwas übersetzt.« Sie zitierte mit Pathos:

Als mich die düstere Stunde gebar
Und nur der Gram mein Vater war.

»Leider so frühe weggerafft, im Duell gefallen, Gardeleutnant von sehr guter Familie im Kaukasus. Un peu Don Jouan, vous comprenez! Himmlisch teuflisch! Der wahre russische Lord Byron!« –

Als Otto davonging, lachte er auch ziemlich teuflisch. Der wahre russische Byron, das glaub' ich wohl. Karrikatur blasierter Affen. Mit Byron hab' ich gebrochen, doch es ekelt mich, wenn ich den großen Germanen mit allerlei slawischen und welschen Tröpfen in einen Topf geworfen sehe. In Paris hatten sie einen Monsieur de Musset, nicht ohne Talent nach den Proben, die ich las, in Italien einen buckligen Grafen, den unser hiesiger Frankfurter Schopenhauer als sauberste Weltschmerzblüte pries, dieser Leopardi besang die Wonne des Todes und riß vor jedem Luftzug aus, um nicht seine werte Gesundheit zu gefährden. Alles Hysterie, wahrscheinlich unterdrückte Erotik. Und solche Schmachtlappen will man mit dem trotzigen Berserker und Wiking, dem normannischen Dichterlord vergleichen, der hundertmal dem Tode trotzte und als Held starb und das bitterste Lebensleid bezwang und wirklich den Manfred-Kain-Lucifer-Weltschmerz im Busen trug! Ich hab' am Original genug und brauche keine Kopien, lese überhaupt keine Poesie mehr. Die Literatur langweilt mich. Wozu das alles! Das ist so 'ne Art Gretchen-Episode und Scharmutzieren mit der schönen Helena. Zu den Müttern hinabsteigen wie Faust, ist eine schwierige Sache, wo sind sie, diese Mütter? Aber als Reichskanzler mit Kaisern verkehren ist wohl auch kein Amüsement, das sah Faust ein, und wo fand er endlich Selbstgenügen? Auf freiem Land mit freiem Volk zu stehen. »Frei«, was heißt das? Niemand ist frei. Ich dien'. Aber einen Deichdamm bauen für künftige Geschlechter, das versteh' ich alter Deichhauptmann. O wolle doch Gott, daß Goethe im Faust einen Deutschen vorausschaute, der auch etwas baut für alle Ewigkeit! Ich glaube nicht an die deutsche Hamletschwäche, Goethe hat im Faust nicht den Menschen schlechtweg gebaut, sondern den Deutschen, der sich mit Phantasmen und eigenen Torheiten herumschlägt, bis er die schaffende Arbeit findet. Immer hab' ich das echtdeutsch gefunden, wie Faust am Ende dasteht, er organisiert. Was ist denn Preußen anders als ein Werk der Organisation? Dahin liegt unsere Bahn, die deutsche Kraft organisieren.

Also den Russen gelte ich als zarisch-russisch, den Österreichern als gut kaiserlich allezeit, ich habe einen soliden Leumund. Mit den Franzosen hab' ich's natürlich verdorben als strammer Feind ihrer Revolutionsbeglückungspläne, mit denen sie sich so liebevoll unserer annehmen wollten, doch warte nur, balde ruhest du auch, o zeitgemäße Republik an der Seine, über allen Wipfeln ist nicht Ruh', ich spüre einen Hauch von Louis Bonaparte. Dann kann man vielleicht politische Geschäfte machen. Les affaires sont les affaires. Ich würde mich dem Teufel verschreiben, wenn er Preußens Geschäfte fördert. Und wer weiß, wen wir noch gegen Österreich brauchen können. Da ist zum Beispiel Sardinien, das nächstens einen Bevollmächtigten herschickt. Danach muß ich mich umsehen. Aber nur reinen Mund halten, nie seine Karten aufdecken. Ich bin hier als treuer Freund und Bundesgenosse von Österreich, natürlich.

Bei einer Schwester des früheren russischen Gesandten in Berlin, des bekannten Meyendorff, einer Frau v. Brintz, deren Bruder Graf Buol in Wien Ministeraussichten hatte, war jeden Abend Jourfix, ein Stelldichein aller Diplomaten, wenn sie gerade nichts Besseres zu ihrem Privatvergnügen zu tun hatten. Freie Zeit hatten sie ja im Überfluß, und waren ja auch nicht hier, um zu arbeiten, sondern in Muße ihre Ordenssterne spazieren zu führen. Verschiedene deutsche Bundestagsvertreter begrüßten den neuen Legationssekretär mit gnädiger Herablassung, der französische Gesandte mit höflicher Verbindlichkeit. Das war ein Herr mit grauem Haar, ein »soignierter« Fünfziger, Marquis de Tallanay. Denn die jetzt schon dreijährige französische Republik ließ es sich nicht nehmen, dem feudalen Deutschland einen Gentilhomme mit Kreuzzugsahnen als Visitenkarte zu überreichen. In einer Ecke machte ein lebhafter junger Kavalier, der aus dem Globus von Ungarn stammte, der Gräfin Thun den Hof. Er trug den historischen Namen Graf Szecheny, hatte aber nichts gemein mit dem »großen Ungarn« dieses Namens. Ein Szecheny als schwarz-gelber Salonbummler vom Wiener Ballplatz, auch ein Zeichen, wie rasch die Hochgefühle sich abnutzen. Ein paar Jahre, und die Tragödie von Ungarn ist vergessen, der madjarische Adel fraternisiert mit dem zisleithanischen, die blaublütige Internationale ist geradeso farbenecht wie die rote und die goldene.

Die Gräfin Thun war übrigens, wenn man sie bei Kerzenlicht im Glanz ihrer Toilette besah, eine noch junge, sehr schöne Dame, die über viele platonische Kurmacher gebot. »Elle est ravissante. C'est épatant, n'est-ce-pas, Monsieur le Conseiller Intime?« leitete der Marquis ein Gespräch mit dem jungen Debutanten ein. Sein altes Aristokratenherz hatte sich einigermaßen dafür erwärmt, daß der »Baron« hier mit dem unaussprechlichen Namen ein Demagogenfresser sei, wie ihm Exzellenz v. Rochow berichtete. Die blaue Internationale hält auf diesem Punkt eine geheime Freimaurerverbindung unter sich. Er ließ sich daher, sobald ihm seine Tänzerpflichten eine Pause ließen, denen er mit Begeisterung oblag, in ein Gespräch über die französischen Radikalen ein, denen der Herr Botschafter von Frankreich nicht sehr gewogen sein konnte. Mit geheimnisvoller Verehrung munkelte er von Seiner Exzellenz dem Präsidenten der Republik, dem berüchtigten Abenteurer Louis Bonaparte, und brauchte manchmal, wie aus Vergeßlichkeit, die verbotene Bezeichnung »der Prinz«. Aber natürlich seien sie ja alle treue Republikaner, auf die Verfassung eingeschworen, obschon sich nicht ganz leugnen lasse, daß die republikanische Staatsform nicht ganz ... hm, nicht ganz dem französischen Wesen konform sei. Das möge der Herr Geheimrat nur mal einfließen lassen, wenn er Vortrag bei seinem erhabenen Monarchen halte. Das plauderte der nette, freundliche Franzose unbefangen und ungezwungen hin, betonte dabei auch gelegentlich, wie streng diszipliniert und gut im Stande die französische Armee sei, in den Algier-Kriegen geprüft und kriegsgewohnt geworden. Welche Offiziere! Zum Beispiel ein Freund von ihm, General Canrobert, auch andere, wie Pelissier, St. Arnaud, Mac Mahon, seien große Lichter, denen ein Auftauchen aus der Verborgenheit zu wünschen sei, und zwar mit Eklat.

»Avis au lecteur! dachte Otto. Nous l'avons eu, votre Rhien Allemand. Ging doch wieder das Lied in Deutschland um: sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein. Bei diesen und vielen folgenden leichten Gesprächen, natürlich immer andeutungsweise, wurde nicht ganz klar, ob der Franzose eine verhüllte Drohung oder vielmehr eine Anbiederung bezwecke, die Bündnisfähigkeit in militärischem Sinne betonen wolle. Der Marquis aber dachte, als er sich wieder in den Tanzstrudel stürzte, und behielt auch in späterer Zeit solche Meinung: dieser Geheimrat sieht mir aus, als ob er wohl was Geheimes mit sich herumtragen könnte. Er hat ein forschendes Auge, ein seltsam ernstes Gesicht, wenn er sich unbeobachtet glaubt, auch spricht er auffallend geläufig Französisch, also ein wahrhaft gebildeter Mann. (Ähnlich äußerte sich Lord Cowley über das Englische Ottos, denn bei Franzosen und Briten fängt die hohe Bildung damit an und schließt auch damit, daß man ihre Sprache beherrscht, während sie selbst kaum ein Wörtchen Deutsch radebrechen.) Es könnte einem unheimlich werden, ob er auch so ein deutscher Ochse ist wie seine Kollegen. Aber zu guter Letzt bleibt er doch eben ein Deutscher, und die sind zum Diplomaten verdorben. Wir werden Preußen gegen Österreich benutzen, wenn nötig, im übrigen die liebe alte Rheinbundszeit erneuern und uns die Kleinstaaten warm halten.

Der unermüdliche grauhaarige Tänzer stand auch am Spieltisch seinen Mann. Es wurde hoch gespielt. Als Frau v. Brintz ihn zum Partner forderte, lehnte Otto dankend ab. »Ich habe leider in der Jugend diesem Laster so gefrönt, daß ich es langweilig finde.«

»Wie kann man! Was wäre die gute Gesellschaft ohne ein flottes Jeu! Seien Sie doch nicht so ehrbar, Herr Baron!« schalt ihn die Dame mit erhobenem Finger. »Das Zuschauen wird Ihnen wohl kaum Vergnügen machen.«

»Doch!« lachte er. »Das Vergnügen, die Verlierenden auszulachen.« Monsieur de Tallenay zog die Augenbrauen hoch und dachte sich sein Teil. Hätte er je Shakespeare gelesen, so würde er zitiert haben: Der Cassius hat einen hohlen Blick, er denkt zu viel, die Leute sind gefährlich. Ein angehender Diplomat, der den Pharotisch meidet, das ist entweder ein Bärenhäuter oder ein kalter Ehrgeiziger, der sich immer im Zaum halten will. Aber als er sah, wie der »Baron« auf allerlei Faxen des lebenslustigen jungen Madjaren einging und auch gehörig dem Champagner zusprach, beruhigte er sich. Einfach schlechte kleinbürgerliche Erziehung! Wahrscheinlich ein armer Teufel, der sein bißchen Moneten nicht riskiert. Und er trinkt viel, da kann man aus ihm sicher was herauspumpen. (Du ahnungsloser Engel du!)

Otto setzte sich zu der schönen Gräfin und schöpfte dabei die Gewißheit, daß die Gute ihrem ungetreuen Haustyrann ganz ergeben sei. Graf Szecheny sprach von einer Mesalliance, daß ein österreichischer Magnat eine Tänzerin geheiratet habe. »Aber die Liebe! Aber die Kunst! Das adelt!«

»Mit Tanzbeinen? Offen gestanden begreif ich noch eher, daß ein Edelmann ein ehrsames Bürgermädchen heiratet.« Eine Wolke flog über das schöne Gesicht der Gräfin, und Szecheny räusperte sich leicht. Otto merkte, daß er jemand auf den Fuß getreten habe. An den Thuns nagte ein furchtbarer Schmerz, einer von den Ihren, nicht mal ein »jüngerer Sohn«, vergaß sich so weit, eine Pragerin aus unteren Ständen zu heiraten, deren Unbescholtenheit eigentlich die ärgste Untugend war. Bei einer Dirne hätte man es noch eher begriffen. Ein Skandal!

»Joa, wissen's, lieber Baron«, belehrte ihn der fidele Madjar, der ihn nach Haus begleitete, weil sie im gleichen Hotel wohnten. »Im Haus des Gehenkten redt man nit vom Strick.« Außerhalb des Salons sprach er fließend Deutsch in Wiener Dialekt, innerhalb diplomatischer Salons aber hätte man sich entehrt erachtet, etwas anderes als Französisch von sich zu geben. »Graf Franzl Thun hatte es halt mit der hohen Kunst und anderen Schrullen, z.B. untersuchte er Schädel. Wie nennt man's gleich mit so 'nem gelehrten Namen? Ein Engländer soll's ausgeheckt haben.«

»Wohl die Phrenologie des Dr. Gall.«

»Schauen's, was Sie net alles wissen! Ein Engländer von guter Familie, der 'ne Schwester vom Franzl heiratete, machte auch mit. Die untersuchen sämtliche Schädel, ob sie Hohlköpfe sei'n oder Raubmörder oder Genies. A Hetz! Als ob der liebe Gott hinten abdrücken würde, was er vorn auf der Visage schreiben kann. Jedem Menschenkind sieht man's halt an, was ihst ehs.«

»Sind Sie dessen so sicher?« lächelte Otto belustigt.

»Aber joa! Ohne uhnbescheiden zu sein, bei Ihna weiß man doch gleich, liebster Baron, daß Sie ein offener gerader Kerl sind.« Nicht gerade ein großes Licht, aber auch ganz hell für den Hausbedarf, setzte er in Gedanken hinzu. »Und a Jager sein's auch. Besuchen's mich in Keschkemat auf meine Güter. Da spendier' ich Ihna eine Bärenhatz, superbe. Au revoir a demain, à la bonne cameraderie!«

Otto lachte in sich hinein, als er die Bettkerze ausblies. Also ich bin erkannt, eine ehrliche Haut, abzulesen wie vom Blatt. Mutter selig hatte natürlich auch Lavater im Schrank, von dessen Physiognomielehre hab' ich damals genascht. Nun ja, jedes Menschen Geist und Charakter stehen wohl deutlich im Gesicht geschrieben, doch wer vermag es zu lesen und wer hat Zeit dazu! Nun ja, ich gebe zu: Napoleon, Friedrich der Große, Goethe, Byron, das sind die besten Beispiele dafür, daß jemand sein Genie auf der Stirne trägt wie ein Wappen. Aber man mustere doch sonst die Ahnengalerie unserer Menschheitsgrößen! Wie selten decken sich da äußere und innere Erscheinung! Gewiß nur für unsere Blindheit, wohl möglich. Na, etwas gescheiter bin ich schon, als ich aussehe. Man hält mich sozusagen für einen Vater Biedermann und ehrenfesten Landmann, wie ich häufig merke. Ei, mir kann's recht sein, dann band mir die Natur selber einen Schleier vor. Wie wär's, wenn ich ein bißchen die burschikose Note spielte? So ein biederer, knorriger Altpreuße in Hemdsärmeln? Nicht übel, das machen wir.

Gott, die arme Hanne! Wie soll sie so rasch Französisch plappern! Und die Sitten werden ihr gottlos erscheinen. Bah, zum Teufel, ich habe einen traulichen Kamin geheiratet, wo ich mich erwärme nach Frost und Wind, nicht einen Spiegel für meine Eitelkeit, eine Salongöttin zum Zeitvertreib der anderen. Ach, mein gutes Weib, könnt' ich dich wieder im Arm haben in der Tafelstube vor der Terrasse, dann fragt' ich wenig nach irdischer Ehre. Wenn ich morgen nach Hause schreibe, muß ich mich hüten, die Frankfurter Post ist einfach k.k. österreichisch, sie öffnet alle Briefe nach Berlin, das weiß ich schon. Ich werde zum Spott einfließen lassen: »Der Herr, der soeben diesen Brief liest ...«, vielleicht ärgert sie das als Schreckschutz oder vielmehr als blinder Böllerlärm, denn sie werden nach wie vor meine Briefe erbrechen. Die arme Hanne! Als Gesandter brauch' ich fünf Diener, drei Mägde, dazu Wagen, Pferde, Silbergeschirr. Jedes Behagen eine verbotene Speise. Wie tot und nackt ist diese große Welt, die sich groß nennt, weil sie so klein ist. Doch ich bin nicht hier, um Trübsal zu blasen und Weltschmerzsonaten vom Blatt zu spielen, sondern meine Pflicht zu tun und vielleicht mein Werk.

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