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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die rosige Gräfin Elisabeth Stolberg-Wernigerode, die er Rosa unica taufte, und die von Johanna vergöttert wurde – zum Teil wohl auch, weil sie eine Erlaucht war – klagte ihm, daß sie auf Daguerrotype häßlich wie ein Pavian sei. Dafür führte er den kleinen Pavian Kleist-Retzow bei ihr ein und lobte ihr Ölbild. Ja, natürlich, dachte er, wir bedauern, daß wir uns für große Männer der Vergangenheit auf die Maler verlassen müssen, die doch nicht die absolute Ähnlichkeit herausbringen können. Welcher Irrtum! Den richtigen Ausdruck kann kein starres technisches Typen wiedergeben. Jeder grinst dabei oder schneidet sonst Gesichter, nur der Künstler sieht die Quintessenz eines Gesichts und malt gleichsam die Seele. All diese modernen Fortschritte sind im Grunde Humbug, und die Eisenbahn kommt letzten Endes nur dem Handel zugute. In der Postkutsche fuhr sich's unbequemer, aber poetischer. Man hatte was vom Reisen.

Auf dem letzten Hofball beim König tanzte er und schlief danach sehr gut. Doch sein Tanzen trug ihm Verdruß ein. Ein guter Freund klatschte Johanna, daß er mit Leidenschaft tanze, was zwar gelogen war, aber sie mißstimmte. Und der König, der beobachtend auf der Estrade stand, meinte zu Gerlach: »Da sehen Sie Bismarcken! Der wird noch Prinzessinnenvortänzer! Solche frivolen Jünglinge macht man nicht zu hohen Staatsbeamten.« Und der Prinz von Preußen stimmte zu: »Ganz deiner Meinung. Es widerstrebt mir, ernste Männer in Amt und Würde tanzen zu sehen. Das trifft freilich bei Bismarck nicht zu, aber der Mann hat ein gewisses Prestige und spielt eine politische Rolle. Es verträgt sich nicht mit meiner Anschauung, daß Staatsmänner wie ein Leutnant das Tanzbein schwingen.« Das kam Otto zu Ohren, und er dachte ärgerlich: ganz richtig, Bälle sind ein Sammelort für sinnliche Anziehung der Geschlechter, weiter nichts, und es liegt eine unbeschreibliche Roheit darin, daß die Frauen sich dekolletiert bloßstellen und sich von jedem Tänzer um die Hüfte fassen lassen.

Das sind unsere europäischen Sitten, die ein Orientale für Bordellwirtschaft halten würde. Dabei ist der Skandal noch gar nicht alt, denn erst vor dreißig Jahren eroberte der Wiener Walzer die Salons, vorher regierte das ehrsame Menuett und später die züchtige Polka. Wieder so ein gepriesener Fortschritt, das Moderne ist immer das Gemeine. Aber wenn man diesen öffentlichen Unfug feierlich sanktionierte und als Probe der guten Gesellschaft einführt, dann ist es wiederum Humbug, den gering zu achten, der den Scherz mitmacht. Alles eine große Heuchelei. O Gott, wie sehne ich mich nach Hanna und den Kindern!

Auch ein Vergnügen, mit Vincke, Saucken, Ulrichs und Wenzel, dem Randalmacher, in einer Kommission zu sitzen! Der unglückliche Regierungsvertreter hatte nur an Otto eine Schutzwehr, der forsche Vincke wurde ausfallend bis zum Pöbelhaften und der stramme Ostpreuße v. Saucken rief in seinem singenden Dialekt: »Erbarmen Sie sich! Die Regierung wird immer dümmer.« Die beiden Edelleute ließen sich nicht nehmen, sowenig wie Auerswald und Schwerin, den Bürgerlichen Mut zuzusprechen und beharrten bei ihrem Posten. Ein demokratischer Edelmann hat borstigere Haare auf den Zähnen als langmähnige Professoren. Otto konnte sich heimlicher Anerkennung für diese verruchten Standesgenossen nicht entschlagen. Ob auch in ganz Deutschland die Demokratie am Boden lag, in Preußen behauptete sie immer noch ihre parlamentarische Majoritätsstellung.

»Seien Sie künftig vorsichtiger, lieber Freund!« warnte er ärgerlich den beweglichen und leicht erregbaren Kreuzzeitungsmann Hermann Wagener, der sich einen leidigen Prozeß auf den Hals lud. Die ehrliche Borniertheit des Kleist-Retzow, der in sich einen Pedanten, Egoisten, Tyrannen vereinte und darüber eine Salbe frommer Selbstgerechtigkeit schmierte, nahm er geduldig hin. Aber er wußte sich trotz aller Freundestreue dem Eindruck nicht zu verschließen, daß Wageners Kenntnisse oberflächlich, seine Auffassung seicht, nur seine Dreistigkeit tief und gründlich seien, und daß er als parlamentarischer Klopfflechter zwar viel Gewandtheit, aber auch giftige Gehässigkeit zeigte. Das hieß ihm Prinzipientreue, und jeden Widerspruch erstickte er kurzerhand mit einem Phrasenschwall, wonach jeder Andersgläubige einfach als Revolutionär gestäupt werden solle. Ludwig v. Gerlach bewies wenigstens als Appellationsgerichtspräsident strenge Rechtlichkeit und blieb im Privatleben ernst und gewissenhaft. Aber es schien eine geschichtliche Ironie, daß die Junkerfraktion sich ihre zwei eigentlichen Führer aus bürgerlichen Kreisen verschreiben mußte, denn noch mehr als der fingerfertige Literat Wagener gab Professor F.J. Stahl mit seiner etwas schwülstigen, aber geläufigen Beredsamkeit den Ton. Dieser getaufte Jude wollte aus tiefster Überzeugung zum Christentum übergetreten sein. Nur schade, daß er damals erst 17 Jahre zählte, also gewiß keine nötige Reife für Überzeugungen besaß. Nachdem er an verschiedenen Hochschulen hospitierte und dozierte und eine abstruse »Philosophie des Rechts« als eine Art Ausläufer der Romantischen Schule losließ, hatte er vor sieben Jahren in Berlin Fuß gefaßt und seine Sophistik dem unheilbaren König zu Füßen geworfen, der nach jedem Strohhalm griff, um seine königliche Mystik über Wasser zu halten. Stahl brachte es fertig, den blauen Ultras eine gichtbrüchige Metaphysik als Halt unterzuschieben und den Schein einer tieferen Weltanschauung für Legitimismus und Feudalismus herzustellen, wie es früher Josef de Maistre und die hysterische Frau v. Krüdener für die heilige Allianz versuchten. Ein Meister bestechender Rede und stilistischer Schönfärberei, machte er die muffigsten Abgeschmacktheiten mundgerecht und verlieh sich den Nimbus der Kühnheit, indem er zu scharfer Attacke überging, sobald die Liberalen entweder keine Zähne mehr hatten oder schon lange nicht mehr beißen wollten. Sophist vom reinsten Wasser, ließ er das Unvernünftige als das Vernünftige schillern und schien halb Spinoza, halb Moses, wenn er Deutschland als Hort monarchischer Gesinnung pries, was man durch keine Antastung der gottgewollten moralischen Weltordnung von 35 angestammten Dynastien schmälern dürfe. Preußen sei Vormacht und Sinnbild dieser erhabenen Grundsätze im Verein mit dem wahren Protestantismus wie Kultusminister Raumer und seine Pastorenclique ihm offenbarten. »Und dabei ist er nicht mal Preuße, sondern in München geboren!« lächelte Otto in seinen Schnurrbart. –

Bei den Grafen Stolberg und Krassow und Schwager Oskar, wo die Carlsburger alten Bohlens ein paar Tage logierten, vernahm er Schauerliches über Vetter Fritz Bohlen, den guten, liebenswürdigen Menschen. Graf Solms klagte mit achtungsvollem Bedauern: »Das kommt von der Unverdaulichkeit. Hat Universitätskollege gehört, ehe er zur Armee eintrat, und jetzt hat ihn der Hofdemokrat Oriola in den Klauen.« Der alte Theodor Bohlen rief: »Seine Kameraden sind kühl gegen ihn, wie nicht anders möglich, andere Gutgesinnte auch. Fritz wird nächstens noch zinnoberrot anlaufen.« Die Mutter schwieg.

Ja, freilich, dachte Otto, die hohe Bildung! Umgang mit verdrehten Professoren! Die Frauen sind immer sentimental für die Menschenrechte, mein Muttchen Puttkamer auch. Bei denen überwiegt das Gemüt. Übrigens ist das schön. – Ja, es war schön. Die große Mehrzahl der damaligen Frauen tränte von Liberalismus zum Entsetzen ihrer Männer und Brüder. Nur Mut, die Sache wird schon schief gehen! Es wird eine Zeit kommen, wo die Weiber – nicht »Frauen« – von eklem Byzantinismus triefen und Streberei für das Normalmaß des männlichen Bewerbers halten werden. Alle Männer werden vom Weibe geboren, und wenn die bessere Hälfte, der wahrlich der Menschheit Würde in die Hand gegeben, nichts taugt, da taugen die Männer zehnfach nichts. Und abermals wird eine Zeit kommen, wo die Frauen, von Sklaverei befreit, das Heft in die Hand nehmen und ein neues Geschlecht gebären, das nicht um Windmühlen ficht, »liberal« und »konservativ«, »Republik« und »Monarchie«, sondern um die wahren Realitäten. Otto Bismarck war von seiner Mutter geboren. –

Väterchen Puttkamer schrieb ihm über die hochwichtige Frage, ob Gottberg, Schulte, Sprenger oder der Lauenburger Bonin im Kreis Stolpe Landrat werden sollte. Am besten kein sogenannter Junker! Das sind immer die humansten mit tausend Bedenklichkeiten und Gewissenhaftigkeiten! Die Reddenthins würden immer linkser. Kein Wunder, wenn Gott sie mit Erkrankung Albert Belows straft. An »Gehirnerweichung«, die man ihm mit christlicher Liebe andichtete, schien übrigens kein wahres Wort.

»Aber Alex Below hat sich gut gemausert«, frohlockten Frau Adolfine v. Rohr, geb. Kessel und Frl. Elise v. Lettow, Freundinnen Malles, auf einem Militärkonzert in Tivoli, wohin Otto die Damen ausführte. »Er ist jetzt ganz tapfer gegen die Demokraten.« Um ihre eigne Bravour zu betätigen, ließ Malvine standhaft das nachfolgende Feuerwerk über sich ergehen, vor dem sie sonst kreischend flüchtete. Und dabei möchte sie durch Demokratenblut waten, lächelte Otto mitleidig vor sich hin. Viele alte Weiber in Männerhosen schreien ja auch nach Blut, nachdem sie vor dem revolutionären Feuerwerk ausrissen.

Seine Frau bepackte ihn mit Kommissionen, worüber er gutmütig räsonierte, aber die Bürde als guter Ehemann streng verlangte; außer für Tüll und Gaze, das könne Julia Behr besorgen. »Wenn du mir nicht mit dem nächsten Brief eine Kommission schickst, liebst du mich nicht mehr.« Mitten in seiner Geschäftshetze hatte er immer Muße, für Hanna in Berlin herumzurennen und ihr lange Briefe zu schreiben.

Er besorgte ihr eine neue Goethe-Ausgabe und schenkte ihr Eichendorff, den er selber noch nie las. Obschon zugänglich für deutsche Minnigsinnigkeit, und die Natur mit Dichteraugen betrachtend, lag sein geistiges Bedürfnis mehr nach der Alpenrichtung. Shakespeare, Goethe und Byron hatte er ins Herz geschlossen. »Der gute Eichendorff lebt ja noch«, klärte ihn seine Schwester auf. »Lebt hier bei seinem Schwiegersohn, Lehrer am Kadettenkorps, und ist selber Regierungsrat, und zwar ein geheimer.«

»Ein Geheimrat, o Jemine! Morgens zur Kanzlei mit Akten, abends auf den Helikon. Ich fand immer, daß die Sinnigen und Überzarten, die Säuseler und Schmachter im Leben die ärgsten Philister sind, ledern wie eine alte Jagdtasche und kalt wie eine Hundeschnauze. Der Mann singt ja recht nett von Dorf und Eichen, doch was durch den deutschen Eichwald bläst, ist nicht eine Hirtenflöte, sondern der Gott, der Eichen wachsen ließ.«

Auf einem Diner der englischen Gesandschaft bemerkte ihm Lord Howard vertraulich: »Unsere Regierung und besonders Ihre Majestät die Königin und Seine Hoheit der Prinzgemahl sind einigermaßen betrübt und betreten über die Anzeichen einer allzu heftigen Reaktion. Das muß zu neuen Übelständen führen, von einem Extrem ins andere.« Otto suchte ihm dies auszureden. Die Kammer sei aus den Ferien viel zahmer und vernünftiger zurückgekehrt, der König werde sich ihr annähern. Doch er dachte, wie ihm den ganzen Morgen ein biederer Landrat v. Kröcher mit Lamentationen die Zeit stahl, daß noch immer nicht der richtige scharfe Wind wehe. Besonders die Justiz müsse schneidiger gehandhabt werden. Wie jämmerlich sei 1849 der Prozeß Waldeck in die Brüche gegangen! Damals trat leider gar nichts zutage, als ein Bubenstück von Regierungsorganen, und den Angeklagten hoben alle Unbefangenen auf den Schild fleckenloser Ehre. Seit aber im vorigen Jahr ein Irrsinniger am König ein Attentat verüben wollte, fürchtete dieser Schwächling überall Gewalttaten gegen seine heilige Person. Sein verdüstertes Gehirn umnebelten noch dunkler die Hochverratsmärchen und erfundenen Anschläge, durch deren Fabrikation die Berliner Polizei unter einem gewissen Hinkeldey unseligen Angedenkens sich reif zeigte, der berühmten vierten Abteilung der Petersburger Geheimpolizei nachzueifern. Russisch war überhaupt Trumpf, und der in seinem Rasen für das, was er »Integrität der Krone« nannte, völlig übergeschnappte Präsident Gerlach rief in einem Parteikonklave im Restaurant Schwarz über den Tisch: »Jeder Königstreue soll unseren herrlichen Zaren Nikolaus wie einen Vater ehren.« Otto wandte sich schweigend ab, eine Zornader schwoll ihm, doch es wäre unklug gewesen, durch Widerspruch eine Spaltung herbeizuführen. Auch die rabulistische Sophistik des glänzenden Redners Stahl, die oft selbst Feinde blendete, ließ ihn allmählich kühl bis ans Herz hinan. »Die kleine, aber mächtige Partei« mußte freilich insofern »mit der Revolution paktieren«, wie der König verschiedene Konservative ausschalt, als sie sich der verhaßten Waffen des Liberalismus, Parlament und Presse, selber geschickt bediente. Selbst Vereinsrecht und Wahlagitation mußten für ihre Zwecke herhalten.

Auf Ottos ausweichende Antwort, man sei in England wohl schlecht unterrichtet, zuckte Howard die Achseln. »Vielleicht doch nicht. Man nennt Sie hier im eigenen Lande, verzeihen Sie, die Rückschrittspartei. Ich lese Ihr Leibblatt, die Kreuzzeitung, und gestatte mir als Ausländer keine Kritik, doch unseren englischen Begriffen von politischem Anstand entspricht das nicht.« Es ließ sich nicht in Abrede stellen, daß die Kreuzzeitung schon jetzt den Grundstein ihres nachherigen Rufes legte als des nichtswürdigsten Zeitungswisches, der je die öffentliche Meinung verunzierte. Polternde Rüpelei, wie sie im Landtag aus dem Munde eines dummen Junkers nur Gelächter erregte, konnte hier straflos belfern, gewürzt mit schamlosen Denunziationen gegen jeden, der nicht dem rohesten Absolutismus huldigte, nicht etwa nur des Königtums, sondern des Adels, der Offiziere und protestantischen Pfaffen. Ein Hexensabbat von Niedertracht, der bald auch schwerste Rechtsbrüche nicht scheute und Preußen zu einem Polizeistaat im Sinne des guten Koaser Franzl erniedrigte. Otto mußte zu Howards scharfen Rügen schweigen und das Gespräch abbrechen, denn mit England sich verfeinden durfte man nicht wagen.

Das gesellschaftliche Leben, schon damals ungeheuer ausgebildet in Berlin (siehe darüber Schopenhauers Brandmarkung der affenhaften »Geselligkeit«), haßte er so bitter, daß er bei Ebernhard Stolberg, mit dem er sich duzte, Tee trank, wenn er auf drei Soireen hätte antreten sollen. »Sie sieht man auch nirgends, uns schneiden Sie ja«, schalt ihn Frau Professor Stahl, deren phantastisches Kostüm ihn anekelte, womit die kluge Dame Aufsehen erregen wollte. Aber als sie mit großem Eifer von seiner vortrefflichen Gattin sprach, verzieh er ihr alles und erklärte sie für eine kreuzbrave Frau. Dagegen berührte ihn peinlich genug der Bruderzwist im Hause Habsburg zwischen Präsident Gerlach und General Leopold, denen er beiden in Freundschaft zugetan. Bei des ersteren Geburtstag, wo Otto und der graue Hans und Stahl ein Stammalbum überreichten, ging Polte am Geburtstagskind mit einer Gebärde, die einem Handgeben glich, kühl vorüber, ohne ein Wort zu sagen. Die Präsidentin mahnte: »Heute ist Ludwigs Geburtstag.« Der General drückte die Stirne an die Fensterscheibe: »Ich gratulierte ihm schon.«

Otto aber amüsierte sich nicht über die stumme Bruderszene, sondern dachte wehmütig: Querelle Alemande! Natürlich politische Differenzen! Brave deutsche Männer! Deutsch sein, heißt sachlich sein. Sachfeinde und Sachfreunde, daneben gilt das Private und Persönliche nichts. Wäre die ganze deutsche Nation so, wie diese geschmähten Adeligen, dann würden wir uns zwar an der Kehle kriegen, aber uns danach auf dem vernünftigen Sachboden einigen. Gegen überzeugte Rote habe ich ja innerlich auch nichts, ich möchte sie umbringen, aber mit Respekt, nur die elenden Poseure, die sich an ihrer eigenen Windbeutelei berauschen, sind jedes Fußtritts würdig. –

Vinckes westfälische spitze Zunge sprudelte wieder Wasserfälle, doch sein Ansehen schwand schon so, daß man gegen ihn einen gewissen Winzler losließ, der wie der Mittler in Goethes Wahlverwandtschaften von einem zum andern lief und als Wilder abwechselnd bei beiden Partien hospitierte. Als Otto gerade beim russischen Gesandten Budberg zu Tische saß, stürzte ein Diener herein: »Die Zweite Kammer brennt.« – »Gott sei gelobt!« rief Otto und stürzte seinerseits unverfroren ein Glas eisgekühlten Champagners hinunter. Doch sein leichtsinniger Humor fand die gerechte Strafe, denn die Erste Kammer, das Herrenhaus brannte. Es war ein zauberhaftes Schauspiel, denn die Werdersche Kirche und das Schauspielhaus wurden förmliche Transparente, vom Brande beleuchtet. Otto hörte von den Zuschauern die schnoddrigsten Witze. »Siehste, da brennt Vinckes Rechtsboden.« »Und Bismarckens jugendliche Illusion!« »Det sind doch offenbar die brennenden Fragen!« »Wer sollte jloben, bat det olle Ding so ville Feuer in sich hätte!« »Endlich jeht ihr een Licht uf!« Als Zwischenakt wurden das Herrenhaus ausgepfiffen und die Polizei verprügelt. Na also, die Marterkammer des »Unterhauses« steht noch. –

*

In der Lästerallee am Hofjäger stieß er eines Nachmittags, als er dort lustwandelte und sich am schon sommergrünen Rasen ergötzte, auf einen hocheleganten Herrn, der mit ausgebreiteten Armen stehenblieb. »Sehe ich Sie endlich wieder, mon vieux

»Grüß Gott, Harry, ich dachte, Sie wären in Italien.«

»In Mission hier«, winkte Harry Arnim geheimnisvoll ab. »Mein Innenleben geht jetzt auf in dem da!« Er wies mit anmutiger Handgebärde auf seinen säugenden Stammhalter, den eine auffallend in Arnimschen Wappenfarben dekorierte Spreewälder Amme trug.

»Ah, gratuliere, wie geht's denn Elise?« Die Gattin Harrys, geb. v. Prittwitz, führte ein unscheinbares Dasein neben ihrem genial-dämonisch-romantischen Gatten.

»Danke der Nachfrage, etwas leidend«, versetzte der Graf kühl und ergoß sich dann in Extase über die Geistesgaben des Säuglings, über dessen künftigem Genie er segnend schwebte. »Es ist doch ein erhabenes Gefühl, Vater zu sein. Sie kennen das ja auch, Otto. Doch Sie nahmen die Seelenprobleme ja immer leichter als ich.« Da hörte denn doch Verschiedenes auf! Dies Modekupfer für männliche Schönheit mimt den ernsten Familienvater hier, wo die Spatzen auf den Dächern seine Lebemannsstreiche pfeifen! In der Tat biß Graf Harry, eine blendende Kavaliererscheinung, jetzt eine feierliche Würde heraus, wie sie am Hof dieses allerchristlichsten Monarchen zum guten Ton gehörte. Auch machte er in ästhetischer Bildung mit Schleinitz zusammen in den Teekränzchen der Prinzeß Augusta.

»Ihre parlamentarischen Erfolge,« fuhr er gönnerhaft fort, »sind bemerkenswert, ruhen aber wohl jetzt auf ihren Lorbeeren aus, denn die günstige Konjunktur für das laute Kammergeschrei ist vorüber. Wir Diplomaten machen nicht so viel Lärm, wir wirken im stillen.« Ja, verflucht! Sehr im stillen! Die ganze Diplomatie zeichnet sich besonders durch Schwerhörigkeit aus und weiß nie, was die Stunde schlägt. Es liegt im System. Die Gesandten machen sich lieb Kind bei den Höfen, wo sie akkreditiert sind, und so streut man ihnen jeden Sand in die Augen. Der arme Steuerzahler bezahlt die hohen Gehälter und Repräsentationskosten und kriegt nichts für sein liebes Geld. Wir werden zu schlecht bedient, diese Aktenklauber und Siegellackspritzer repräsentieren nichts als die eigene Eitelkeit. Zuletzt kann nur der Säbel gutmachen, was die Feder verdarb. »Ein bedeutender Posten ist jetzt fällig«, warf Arnim hin, der gern fachsimpelte, »Bevollmächtigter zum Bundestag. Wer da wohl Aussichten hat!« Otto zuckte die Achseln, was ging's ihn an!

Stundenlang lief er quer durch den Tiergarten bis zum Charlottenburger Salzufer am Charlottenburger Zollhaus auf der Chaussee, froh wie ein Schulknabe, wenn die Klasse aus ist. Des Reitens hatte er sich so entwöhnt, daß ihm nach jedem Galopp die Glieder schmerzten. »Ich schwitze wie ein Pferd«, bekannte er dem Schwager Oskar, der ein reizendes englisches Vollblut ritt, weil er mehr Moneten hatte. Auf einem Rout bei der schwedischen Gesandtin d'Ohlson erfuhr er von Manteuffel, daß eine neue Radowitz-Intrige drohe, und der König ungnädig gestimmt sei. »Am Hofe sind viele mir spinnefeind. Ach, wenn ich dort einen guten Freund hätte wie Sie! Möchten Sie nicht Kammerherr werden?«

»Jammerherr? das verbitt ich mir. Wenn ich mich gut aufführe, habe ich begründete Hoffnung zu bleiben, was ich bin, bis ich mal als alter Herr in Schönhausen Landrat werde. Höher versteigt sich mein Ehrgeiz nicht.«

Dagegen redete ihm Pastor Knack ins Gewissen, daß er ehrgeizig und weltlich sei, auch sein Tanzen und Theaterlieben sei sündhaft. Dies Zelotentum machte ihm geistiges Sodbrennen. »Nun ja, man ist wie eine lahme Ente am Ufer der großen Wasser, über denen Gottes Geist schwebt«, bemerkte er zum grauen Hans, »nur ein Adler kann da hinüberfliegen. Doch uns mindere Sterbliche so mutlos machen, ist auch kein Christentum. Man wird schon mutlos genug, wenn man das Leben prüft. Da ist dem braven Wagener seine liebe Frau Rose im Kindbett gestorben, und dazu hat er bösen Prozeß mit der Seehandlung, wobei ich als Zeuge geladen bin. Womit hat der tüchtige Mensch das verdient? Und der brave Reibnitz von der Gardeartillerie, der am schändlichen Märztag Schloß Monbijou so wacker gegen die Aufrührer verteidigte, hat sich gestern schuldenhalber erschossen. Der verdiente auch ein besseres Los.«

»Die Wege des Herrn sind über unser Verständnis«, predigte der künftige Präsident, der im Bewußtsein seiner hohen Zukunft schon sehr zugeknöpft wurde. »Deine Zweifel an der Allweisheit unseres Vaters im Himmel betrüben mein treues Herz. Ich werde für dich beten.«

Essen tat er für zwei bei einem Gastmahl des Lukullus, das Stolberg und Röder, der Bekannte aus Erfurter Zeit, für das Geburtstagskind Otto zusammenstellten, auch der Landrat von Münchhausen des Kreises Jerichow stellte sich ein und versicherte den Schönhauser seiner Protektion.

»Eigentlich ein komischer Einfall, am 1. April geboren zu werden«, lachte Schwager Oskar. »Von Rechts wegen müßtest du uns alle in den April schicken.« Die Schwester, eine jetzt vornehm aussehende große Dame, schwieg dazu und sah ihren Bruder bedauernd von der Seite an. Sie traute ihm das Zeug zu den gewagtesten Aprilscherzen zu, aber es schien so wenig Aussicht, daß er je etwas Ordentliches würde, was ihn wirklich über die Niederung erhob. Talent haben kann jeder, Titel haben ist die ewige Seligkeit. Als er am andern Morgen mit ihr ausritt, begleitete sie ein Fräulein v. Veltheim aus der Magdeburger Gegend, die neugierig fragte: »Bei uns spricht man oft von Ihnen, aber stellt Sie sich ganz anders vor, wie einen Papa Isegrimm. Ist's denn wahr, daß Sie alle Staatsämter ausschlugen?« Er lachte laut auf: »Man hat mir noch keines angetragen. Ich werd's mir überlegen.«

Am liebsten wanderte er mutterseelenallein durchs Brandenburger Tor ins Regenwetter hinaus, wo ihn kein Mensch störte, und er seine dicken Reitstiefel durch den Matsch patschen ließ. Dann summte er Zigeunerweisen einer ungarischen Musikkapelle vor sich hin, die gerade in Berlin Furore machte. Er nannte dies »Lenau – Lieder ohne Worte« in alter Anhänglichkeit an den Weltschmerzpoeten seiner Jugend, wie man das Leben verschläft, verträumt, vergeigt und es dreimal verachtet. Diese Schluchzer der Zigeunergeigen klingen krank und weh wie Wolfsgeheul auf unwirtlicher Pußta in öder Herbstnacht... ach, Deutschland war Heuer eine herbstliche Pußta voll von welken Blättern vergilbter Hoffnungen, und viele Wölfe heulten darüber hin. Man muß mit den Wölfen heulen? Kann man nicht lieber ein Feuer anzünden, sie zu verscheuchen?

*

»Glauben die Leute denn, daß wir kein Preußenherz im Leibe haben?« klagte Wagener sich aus. »Wir fühlen Olmütz so bitter wie jeder andere. Doch wir wollen nicht betrunkene Demagogen, sondern verantwortliche Politiker sein. Und Sie, verehrter Freund, würden mich nicht näher an sich ziehen, Sie würden nicht unser Parteigänger bleiben, wenn die Leitenden der Partei nicht mit den Absichten einverstanden wären, die Sie uns in denkwürdiger Nachtstunde beim Biere mal eröffnet haben, im tiefsten Vertrauen natürlich.«

»Pst, pst, davon soll man nicht reden!« winkte Otto eilig ab. »Ich gab auch nur so ein paar Fingerzeige... rein vertraulich, zur Anregung... ich hätt' es lieber unterlassen sollen.«

»Sie haben mich gewürdigt, mir einen Blick in Ihr geheimes Trachten zu erschließen, und ich darf dies wohl in dem Satz zusammenfassen: Rache muß kalt genossen werden.«

»Die Rache ist mein, ich will vergelten«, mahnte Otto sehr ernst. »Menschliche Kräfte wirken da nichts. Aber wo ein Unrecht geschah, wo frevler Übermut sich zu Ungebühr verstieg, da kommt früher oder später Vergeltung durch Gottes gerechte Hand. Seine Mühlen mahlen langsam, aber sicher. Heut bellt es auf allen Gassen: Reaktion! Das Wort bedeutet Gegenstoß. Wer sagt denn aber, daß bloß die Revolution hier zu reagieren einladet! Es kann auch andere Elemente geben, deren unmäßiges Vordringen einen Rückstoß nach sich zieht nach streng ballistischen Gesetzen. Die Politik im Völkerleben ist im Grunde nur ein Naturprozeß, wie jeder andere. Wer das erkennt, ist ein Staatsmann. Das bloße Fortwursteln der staatlichen Geheimräte ist eitle Quacksalberei und heilt keinen Patienten. An die Naturheilmethode muß man sich halten. – Ja, und was ich sagen wollte,« brach er ironisch ab, »die warme Küche beim k. k. österreichischen Gesandten war gestern wieder ganz vortrefflich. Es geht nix über Weaner Möhlspeis. Die darf man auch kalt genießen, z. B. Apfelstrudel.« –

In seinem Bestreben, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, gewann er es über sich, in der Kammer allgemeinen Lärm herauszufordern, verbunden mit einem Ordnungsruf, den ihm Präsident Schwerin überflüssigerweise erteilte, indem er für den alten Bundestag eine Lanze brach. »Man Zeige mir eine Periode seit den Tagen der Hohenstaufen, wo Deutschland sich größerer Achtung im Ausland erfreute; einen höheren Grad politischer Einheit, größere Autorität in der Diplomatie, als während der Zeit, wo der Bundestag die auswärtigen Geschäfte der Nation führte.« Das hieß den Geist Metternichs beschwören, welcher alte Gauner im vorigen Herbst wieder fröhlich in Wien einzog, um recht deutlich zu veranschaulichen, daß alles beim alten blieb. Dies neubelebte Gespenst der heiligen Allianz, dies erlauchte Vorbild der legitimistischen Kabinettspolitik, die in seidenen Unterröcken der Boudoirs besser Bescheid wußte als in Naturgesetzen der Nationalitäten, sollte wieder auferstehen? Doch so gerechte Flüche, den alten Bundestag früher begruben, und so widerwärtig obiger Lobspruch anmutete, so daß die Liberalen meinten, jemand müsse eine eiserne Stirn haben, um so etwas zu behaupten, durfte sich Otto sagen, daß er seltsamerweise nicht die Wahrheit fälschte. Denn vom inneren Treiben des Bundestages sprach er ja nicht, sondern von der äußeren Fassade. Und da muß man anerkennen, daß neben der völligen Zerrissenheit und Spaltung deutscher Stämme seit Untergang der Staufen bis zum zweiten Pariser Frieden die Einheit Deutschlands und Österreichs im Bundestag in schwarzrotgoldenem Licht erstrahlte. Und vollends heut das Ende der neuen Ära – was hatte sie gebracht als Verschärfung der allgemeinen Zwietracht, nicht nur der Völker und Regierungen, sondern der Regierungen untereinander? Wenn Otto vor dem Phaethonflug neupreußischen Strebens in Schleswig-Holstein früher warnte, jetzt kroch Preußen wirklich am Boden, ein Lahmer mit verrenkten Gliedern, aus Sonnenhöhe abgestürzt. Daneben war der alte Bundestag noch ein Ideal, und der neue konnte sein Gutes haben. Solange Österreich und Preußen in verschiedener Richtung getrennt jagten, konnte Deutschland glauben, sie rennten nach gleichem Ziel. Erst wenn man die zwei noblen Jagdhunde an einer Leine zusammenkoppelte, mußte den Deutschen offenbar werden, daß sie nach entgegengesetzter Richtung auseinanderstrebten. Bei diesem Gedanken warf Otto die Zigarre aus der Hand und sah in die Ferne, als schwebe ihm ein Heureka vor. Ja, Österreich auf den Leim locken, daß es mit uns zusammen etwas Gemeinsames unternimmt – ca ira, so würde es gehen! – –

Der kleine Hans tanzte ausgelassen in der Stube herum. »Meine Ernennung zum Präsidenten wird ein Ereignis sein. Das besagt, daß die Krone endgültig der Revolution absagte und sich auf ihre wahren Stützen besinnt, die altpreußischen Königstreuen und Frommen. Die Hydra der Demokratie ist tot.«

»Das Gleichnis ist etwas übel gewählt«, bemerkte Otto trocken. »Der Hydra wuchsen bekanntlich immer neue Köpfe nach. Glaube nur nicht, daß wir zum letztenmal von den Fortschritts gehört haben. Die schwören auch: Le roi me reverra! Na, vorerst haben wir der Schlange die Zähne ausgebrochen. – Was hast du denn eigentlich, Hänschen?«

Kleist-Retzow fiel ihm um den Hals: »Ich habe mich verlobt.«

»Ist's die Möglichkeit! Mit wem denn?«

»Mit Komtesse Charlotte Stolberg.«

»Ach, die Fromme! die bei Pastor Schulz in Bethanien Diakonissin werden wollte?«

»Ja, und nun will sie mich. Ich fahre jetzt nach Wernigerode, und dann wird geheiratet. O, ich möchte alle Welt umarmen! Nun ruhe aller Hader! Ich muß es heut abend allen Freunden im Klub erzählen.«

»Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein! Na, alter Sauertopf, komm an mein Herz! Seid umschlungen, Millionen!« Nun ist jedermann glücklich, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen, weil ein Hans seine Grete kriegt. Und solcher Kindskopf bildet sich ein, Gott belohne ihn mit besonderer Gnade von wegen seiner Kirchengängerei. »Es ist ja auch eine gute Partie.«

»Gräfin Ebernhard Stolberg, die ältere, ist eine geborene Prinzeß Reuß«, belehrte Hans würdevoll. »Es ist ein Aufstieg in die höheren Sphären. Morgen früh muß ich nach Potsdam zu Gräfin Keller, meiner künftigen Schwägerin, wo meine Braut wohnt. Ach, wir passen so gut zusammen, beide im Dienste des Herrn, Arbeiter im Weinberg!« Ja, ja, die kleinen Nichtigkeiten gehen so weiter, man freit und wird gefreit, und die großen Fragen der Menschheit bleiben unerledigt. Das deutsche Volk geht wieder an die Arbeit ums tägliche Brot, die oberen Zehntausend amüsieren sich wieder, und von all den hochgespannten Idealen, die seit Jahren in der Luft herumflogen, bleibt nicht einmal ein Sonnenfädchen zurück.

*

Der Mai war gekommen, und im Vossischen Garten schlug der Flieder aus, es schlugen Nachtigallen, und der grüne Frühling atmete um die Kastanien. Polte Gerlach redete auf Otto ein, doch der hörte nicht zu und befand sich in Traumregionen, wo er mit Hanna und dem Kleinen in Reinfeld spazierenging. Dort werden jetzt die Störche einkehren, und alles wird wohl voll weißer Blumen sein. »Lichten Sie den Anker und verlassen den heimischen Hafen, wenn die Losung an Sie ergeht!« hörte er, aus dem Traume erwachend. Wovon redete denn der gute Freund?

»Ich bin Gottes Soldat«, erwiderte er ruhig. »Ich meine damit: wo die Vorsehung mich hinstellt, da muß ich stehen. Unser Daheim wird uns zugeschnitzt von oben her, wir selbst schnitzeln uns hier und da ein paar Späne und auch das nicht mal aus eigener Kraft. Goethe meint: jedes hohe Fühlen und Denken müsse man dankbar und demütig bloß als Geschenk von oben empfangen. Das glaub' ich auch.«

»Prächtig! Werde das Majestät erzählen. Ich verstehe Sie immer, alter Freund.« Mit warmem Blick und Händedruck schied der alte General, der so geheimnisvoll tat, als habe er für Otto etwas in petto. Dieser schlenderte im Tiergarten umher, wo sich viel Fußgänger und Sonntagsreiter auf schon staubigen Wegen drängten und den Schatten alter Eichen suchten, obschon einzelne erst dünne Blättchen zeigten. Doch dickes Laub kam von den Buchen hervor, die Trauben der Kastanien waren im Aufbrechen, schattiges Dunkel- und hellgrün wob im Dickicht undurchdringliche Netze, dazwischen boten durchsichtige Lichtungen ein Farbenspiel von rotem Dorn, roten und weißen Johannisbeeren, weißem Obstblust über freundlichen Sträuchern. Doch den Mai in Deutschlands Seele fraßen Meltau und Frost, tiefe Nachtschatten lagerten darüber.

Die freien Konferenzen in Dresden hatten mit so unfreiem Nachgeben Preußens geendet, daß man dort nur einen Haufen Protokolle als »schätzbares Material« für spätere etwaige Verhandlungen am Nimmermehrstag mitnahm. Der neueröffnete Bundestag stand in vollem Flor, und eine erbärmliche verächtliche Reaktion setzte ein, die sich für die früher ausgestandene Angst an der Demokratie mit tausend Schikanen rächte. Schwarzrotgold wurde überall in den Kot getreten, nachdem es so lange selbst bei den Truppen als spezielle Reichsfarbe galt. Alle Versprechen der Regierungen, alle Anstrengungen der Vaterlandsfreunde, alle Träume der Dichter und Denker, alles Reden, Fechten, Blutvergießen umsonst, » Love's labours lost!« zitierte Otto aus seinem Shakespeare und tat, als freue er sich unbändig, daß die dreijährige Tragödie mit einem Satyrspiel endete. Die Errichtung des neuen Bundestages unter völliger Obermacht Österreichs, ein Ziel, aufs innigste zu wünschen! Da dürfte man wohl Napoleons Schmerzensschrei an der Bahre des sterbenden Marschall Lannes nachstöhnen: So endet also alles!

»Was Teufel!« Er ließ die Vossische Zeitung aus der Hand sinken, die Wagener ihm, rotangestrichen, schickte mit dem Vermerk: »Ist meist gut informiert durch liberale Hofkreise.« Da stand schwarz auf weiß: »Sicherem Vernehmen nach wird Herr v. Bismarck-Schönhausen als Gesandter zum Bundestag nach Frankfurt gehen.« Otto stutzte. Er wußte von nichts, wohl nur ein ballon d'essai.

Allein, die Dinge nahmen greifbare Gestalt an. Minister v. Manteuffel teilte ihm mit: »Es besteht allerhöchstenorts die Absicht, Sie irgendwie diplomatisch zu verwenden.«

»Meine Ankenntnis der aktenmäßig üblichen Formen würde mich der Blamage aussetzen. Danach spüre ich keine Sehnsucht.«

»Man findet einen Übergang, damit Sie sich einleben können.«

»Eine Stellung, wo ich nicht mit meiner Familie leben kann, paßt mir nicht. Die ewigen Trennungen von meiner Frau habe ich gründlich satt, sie verlieren sich sonst ins Unabsehbare.«

Manteuffel lächelte. »Seien Sie unbesorgt! Sie würden sich mit Ihrer Frau Gemahlin einrichten können.«

»Und wenn auch! Ich hoffte endlich, still und behaglich für mich zu leben. Es freut mich ja, daß Majestät meine Anstellung im Staatsdienste wünscht, aber –«

»Ist denn das nicht ein Erfolg für die gute Sache? Ein Pfand für Ihre Partei?«

»Das allerdings. Nun ich stehe in Gottes Hand und dränge mich zu nichts.«

»Rund heraus, wollen Sie als Bundesgesandter einspringen?« Eine Kette von Gedanken rollte sich blitzschnell in dem hohen breiten Schädel ab, dann sagte Otto einfach: »Ja!« –

Der König empfing ihn freundlich, doch mit einer gewissen Zurückhaltung. »Ich verfolge stets Ihre parlamentarische Laufbahn und gratuliere Ihnen zum neuerlichen Ordnungsruf. Sie zeigen ja viel warmes Interesse für den Bundestag, auch mit der österreichischen Gesandschaft stehen Sie gut, sind dort gerne gesehen. Freut mich. Meine loyale Anhänglichkeit an die alte Kaiserdynastie, die einstigen Lehnsherren, ist geschichtlich begründet. Sie wird das Fundament meiner Staatskunst bleiben.« Nach einer Pause, in der Otto wehmütig dachte: O weh! fuhr der Monarch fort: »Sie haben viel Mut, ohne weiteres eine Ihnen fremde Aufgabe zu übernehmen?«

»Der Mut ist eigentlich auf seiten Euer Majestät, mir ein so wichtiges Amt in die Hände zu legen.«

»Ja, seh'n Sie, der Präsident Senft v. Pilsach und General Gerlach schlugen Sie früher für ein Ministerportefeuille vor, was ich versagen mußte. Ihre hitzigen Kammergefechte sind auch nicht gerade die rechte Vorschule für Diplomatie, doch man hat mir vorgestellt, daß Ihre Unerfahrenheit sichtlich reifte. Ich brauche in Frankfurt hauptsächlich jemand, auf dessen Treue und Redlichkeit ich mich verlasse, und der gleichzeitig bei meinem hohen Verbündeten persona grata ist. Deshalb fiel meine Wahl auf Sie.« Otto verbeugte sich, erhielt aber gleich einen kalten Wasserstrahl. »Ich habe meinen Gesandten in Petersburg, den Rochow, provisorisch beim Bundestag akkrediert. Er soll Sie einführen und anlernen, ein gewiegter Diplomat, später dann auf seinen Posten beim Zaren zurückkehren. Sie und Herr v. Gruner sind als Legationsräte im Etat eingestellt. Doch, mein lieber Geheimrat, ich gewähre Ihnen die Aussicht, Rochow bald als Gesandter abzulösen.«

Otto verbeugte sich tief und verbarg ein Schmunzeln unterm Schnurrbart. Ich Geheimrat, der ich mein Lebtag auf alle Geheimräte schimpfte! Das sind mir Humore. »Eure Majestät sind ja nicht an meine Ernennung gebunden, bewähre ich mich nicht. Gewißheit, ob dies nicht meine Fähigkeit übersteigt, kann ich erst an Ort und Stelle gewinnen.«

»Sehr gut, treten Sie nur der Sache näher. Ich werde Sie so lange wie möglich aufrechthalten.«

»Untertänigsten Dank! Ich werde selber meine Abberufung beantragen, wenn's nicht geht. Ich gehorche dem Befehl, ich habe den Mut, wenn Eure Majestät den Mut des Vertrauens zu einem Anfänger haben.«

»Dann wollen wir es mit Ihnen versuchen.« –

Irgendwo im Himmel lächelte der Gott der Deutschen: Ja, wir wollen es mit Otto Bismarck versuchen.

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