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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
projectidd7010140
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Otto meldete sich in Berlin beim Kriegsminister Stockhausen in miltärischer Haltung ab, da er gleichzeitig als Abgeordneter zur Kammer einberufen sei, die natürlich vorgehe. »Ich brauche wohl nicht zu sagen, wie glücklich ich wäre mit einer Landwehrschwadron auf diese Halunken einzuhauen, die uns keine Ruhe gönnen.«

»Stecken Sie Ihre Plempe nur wieder ein, lieber Bismarck!« Der ihm gut befreundete alte General schnitt ein saures Gesicht. »Es gibt keinen Krieg, denn wir müssen für jetzt jeden Bruch vermeiden, weil wir die Österreicher beim Vormarsch auf Berlin nicht aufhalten könnten. Sie haben 150 000 Mann in Böhmen, dazu die Bayern, selbst wenn Sachsen neutral bleibt, und wir keine 70 000 Mann von heut bis in zwei Wochen. Wir müssen außerhalb der Mittelzone in Danzig und Minden mobilisieren oder in Königsberg und Koblenz, jedenfalls in zwei getrennten Lagern.«

»Herrgott im Himmel!« fuhr Otto auf. »Solche Zustände bei uns! Wohl alles Folge der Demokratenwirtschaft, die keine Gelder im Budget für Militärzwecke bewilligt.«

»Zum Teil ja, doch die Hauptschuld tragen wir selbst. Man hat damals in der Eile zu viel einzelne Kaderstämme nach Baden ausrücken lassen, die in ihrer Friedensformation jetzt im Südwesten verzettelt sind, fern von Ersatzbezirken und Zeughäusern. Das sind allein Kaders von 150 000 Mann, die dort unten stehen und die wir auf wenig gangbaren Wegen zurückholen müssen durch den Weserdistrikt.«

»Warum denn? Bei der allgemeinen deutschen Notlage – Hannover und Braunschweig gehören doch nominell noch zur Union –«

»Was wollen Sie! Man muß bis aufs äußerte die Empfindlichkeit der einzelnen Landesherren und ihrer Gebietsgrenzen schonen. Ich sage Ihnen, wir können nicht schlagen, wir müssen Zeit gewinnen, bis wir genug Kräfte zwischen Elbe und Oder bereit haben. Sie haben Urlaub von Ihrem Regiment, bleiben Sie bitte hier und wickeln Sie ab, was Sie können. Bis wir die Landwehr beisammen haben, darf man bei den Kammerverhandlungen sich nicht brüsten wie die führenden Preßorgane dies schon belieben. Ich versehe mich davon der schlimmsten Folgen für Beschleunigung des offiziellen Konfliktes. Wenn Sie Einfluß auf Ihre Kollegen haben, bearbeiten Sie sie mit Mahnung zur Mäßigung.«

»Steht es so? Das ist ja furchtbar!« rief Otto erschüttert. »Planlosigkeit, Knauserei und Leichtsinn im Bunde! hat der König denn nie eine kriegerische Möglichkeit im Auge gehabt?«

»Es scheint nicht, Majestät waren immer nur präokkupiert um die öffentliche Meinung der Zeitungsartikler. Ich bin nicht verantwortlich für alle Unterlassungssünden, obschon ich als Sündenbock der Kleinmütigkeit herhalten werde«, schloß der alte tapfere General bitter. »Ich werde Ihrem Kommandanten in der Lausitz befehlen, daß er Sie hier beläßt, komme was wolle.« –

Otto nahm es auf sich, den Justizrat Geppert für die traurige Auffassung zu gewinnen, daß man klein beigeben müsse, trotzdem das gekränkte Nationalgefühl eine Sühne heischte. Geppert, Führer der rechten Seite des Zentrums, ließ sich widerstrebend bewegen, für die Regierung einzutreten, wenn diese zu Kreuze krieche. Die Stimmung in Berlin blieb trotz turbulentem Säbelrasseln mit Papier und Tinte um so gedrückter, als Rußland sich übelwollend verhielt und Frankreich Lust zeigte, am Rhein zu profitieren.

»Man spräche davon, sich mit Österreich gütlich abzufinden und die einmal aufgebotenen Massen nach Frankreich zu werfen«, berichtete Wagener in der Redaktion, wo Otto sich informieren ging. »Der Prinz von Preußen soll dafür sein, um jeden Preis einen Krieg zu führen.«

»Er ist viel zu klug, um solche Schimäre auszuhecken. Wir sind in keiner Weise gerüstet. Setzen Sie in Nr. 269 der Zeitung morgen auseinander, was die Rechte befürwortet: Einteilung in Interessensphären, so daß Preußen und Österreich allein zusammen die Exekutivgewalt über die Kleinstaaten haben. Nur so ist ein ehrenvoller Ausgleich möglich. Den Sturz Manteuffels müssen wir mit allen Mitteln hindern.«

»Die Wogen gehen hoch gegen ihn, auch bei Hofe.«

»Ich weiß wohl, Radowitz und seine Hampelmänner Heydt und Ladenberg im Ministerium, die gegen ihren Chef intrigieren. Sie weben immer noch am Kaisermantel, wurmstichigem Hermelin mittelalterlicher Tradition, zugeschnitten nach moderner Revolutionsmode. Mir brennen die Sohlen vom Herumlaufen, um vernünftige Menschen zu entdecken. Ich wäre auch lieber Diogenes in der Tonne, als mit der Laterne auf der Straße. Schreiben Sie recht deutlich. Sie seien durch diplomatische Aufklärungen in den Stand gesetzt usw.«

»Manteuffel sieht sehr schlecht aus, als wäre er ein Todeskandidat; er wird noch Nervenfieber bekommen, wenn die Linke ihn weiter der Bestechlichkeit und Feigheit beschuldigt. Übrigens ist der russische Gesandte Meyendorf auf Urlaub, d. h. abberufen. Der Zar soll geäußert haben, er könne seinen besten Diplomaten nicht als Irrenarzt entbehren. Baron Budberg, bisher Geschäftsträger in Frankfurt, vertritt ihn.«

»Den kenn ich von früher her, wo er hier Attaché war. Er verkehrte bei uns im ›Kasino‹, das hat auf seine satirischen Rapporte aus Frankfurt abgefärbt, die den Zaren sehr belustigt haben sollen. Wenn aber ein Ausländer hochherab die deutschen politischen Professoren verspottet, habe ich dabei sehr gemischte Gefühle landsmannschaftlicher Solidarität. Es wurmt mich doch, daß der Michel als Hanswurst von hochnäsigen Moskowitern ausgelächelt wird. Mit Meyendorf sprach ich neulich, Budbergs Hohnberichte haben insofern genützt, als der Zar den deutschen Liberalismus nicht mehr ernst nimmt. Er hält Österreich für stärker und zuverlässiger, bedauert aber das altbefreundete Preußen, und wird seine Hand nicht zu unserer Demütigung hergeben, zumal er ein Eingreifen der ihm so tödlich verhaßten französischen Republik fürchtet.«

»Das wäre ja ausgezeichnet,« rief Wagener erfreut, »wenn uns Rußland nur einigermaßen den Rücken deckt, werden wir den nötigen Aufschub gewinnen, um gegen Österreich die Rüstung zu vollenden.«

»Und Rußland behält das Schiedsrichteramt«, betonte Otto bitter. »Nun gut, Stockhausen braucht sechs Wochen, um schlagen zu können, die müssen wir ihm in Kammer und Presse durch versöhnliche Reden verschaffen. Es ist zum Teufelholen, dieser bankerotte Donaustaat fordert uns zum Kapitulieren auf. Nur um Gotteswillen keine moralischen Eroberungen mehr, keine Oratorien von rührendem Deutschtum, das wir tugendhaften bescheidenen Preußen um einige Belohnung anbetteln!« –

Gerlach fand er jedoch umgekehrt allzu friedensbedürftig. »Oesterreich hat den Rechtsstandpunkt für sich, Radowitz hat Kassel ganz gegen Völkerrecht besetzen lassen, in dieser Patsche stecken wir nun. Ein Ministerium Pathow-Camphausen-Vincke im Kriegsfall ist unser Ruin.«

»Nun, dann wären die Herren ja so weit, wie ich immer sagte, mit ihrer Losung: Alles muß ruiniert werden, damit auf den Trümmern irgendeine Utopie erblühe. Aber wenn's zum Schlagen kommt, sind solche fromme Wünsche ebenso nichtig wie der Rechtsstandpunkt, der immer ein kitzlich Ding ist bei Völkerzwisten. Wer die Macht hat, hat das Recht.«

»Das sind höchst unmoralische Ansichten«, Gerlach bekreuzigte sich sozusagen. »Und wenig konservativ, verzeihen Sie mir.«

»Nur zu! Als ob wir immer so penibel wären! Viele, die auf die Verfassung vereidigt sind, würden sich nicht lange besinnen, sie zu durchlöchern. Sollen wir dulden, daß die Herren Kroaten sich zwischen unsern östlichen und westlichen Provinzen in der Lausitz aufstellen, als lebten wir in schönsten Siebenjährigem Krieg? Den Vers, »Ja, eine Grenze hat Tyrannenmacht« kann man paraphrasieren: Ja, eine Grenze hat die Lammsgeduld.«

»Man merkt, wie jung Sie noch sind«, fertigte der alte General spitz ab. »Es wäre ein Triumph der Revolution, wenn die zwei monarchischen Armeen sich zerfleischten, Tertium gaudens. Die Schadenfreude der Roten möchte ich sehen! Sie hetzen also für Bruch und Krieg?«

»Ich hetze überhaupt nicht und verbitte mir solche Ausdrücke. Ich arbeite mit Händen und Füßen für den Frieden. Doch bei allzu frecher Unverschämtheit des bankerotten Österreich bin ich eben dafür, daß wir uns nichts gefallen lassen, sonst stehen wir blamiert vor Europa da.«

»Europa! England hält uns platonische Vorlesungen gegen den Krieg, so schön wie Büchsel neulich über 90. Psalm gepredigt, und läßt uns dann feierlich im Schlamassel sitzen. Frankreich sorgt sich zärtlich um die arme deutsche Nation und sucht deshalb eine Kaiserkrone für seinen neuen Präsidenten im Kölner Dom. Unser einziger Allierter wäre der re traditore, wie Konservative und Revolutionäre ihn beide nennen, in Turin, für den wir Kastanien aus dem Feuer holen würden.«

»Ganz recht, und siegen wir mit Hilfe der deutschen Demokratie, wird sie ihre Wunden als Rechnung präsentieren, zahlbar auf Sicht. Das alles weiß ich. Aber Sieg bleibt Sieg, und die unheilbarste Niederlage wäre die ohne Kampf.«

»Sie werden sich auch noch die Hörner ablaufen und Wasser in Ihren Wein schütten. Wissen Sie, was Stockhausen einer gewissen sehr hohen Person erwidert hat, die ihm beleidigende Vorwürfe machte? ›Ich kenne keine Ehre, die anfängt, wo der gesunde Verstand aufhört.‹ Morgen fährt Manteuffel zur Konferenz mit Schwarzenberg nach Oderberg und bringt uns den Frieden heim. Die rheinischen Stellenjäger werden uns nicht besoffen machen mit dem Gebräu, das sie preußische Ehre nennen.«

»Könnt ich Ihnen doch so beipflichten, wie in Ihrer Verachtung dieser Simulanten! Doch die Kriegshitze der bewußten hohen Person werden Sie wohl nicht im Verdacht haben, daß sie aus unlauteren Motiven hervorgeht. Nun, hoffen wir das Beste von Manteuffels Reise, die mir eigentlich auch nicht recht gefällt, das heißt doch, dem Frieden nachlaufen. Doch, qui vivra verra.« –

Die Straßen lagen voll Schnee und aufgeweichtem Schmutz. Die Rinnsteine in der Bernburger Straße liefen über. Die Stadt befand sich in fieberhafter Aufregung. Überall sah man Büsten von Robert Blum, des »Märtyrers der Revolution«, vor denen Landwehrleute in Uniform ihre Andacht verrichteten, nachdem man vorsichtig diese Abbilder eines fanatischen Antipreußentums mit schwarzweißen Schärpen und Kokarden behängte. Die Mobilmachung nahm ihren Fortgang. Schwester Malwina erzählte weinend, auf ihrem Gute Kröchlendorf seien alle Leute ohne Ausnahme bei der Fahne. Der alte Vetter Theodor v. Bohlen stolzierte zur Ritterstraße als Chef einer Pommernbrigade. Ottos Leibschneider Sasselberg weinte vor Schreck, als ihm bedeutet wurde, gewisse lange Schnürgamaschen müßten bis zum Abend fertig werden, und weinte vor Freude, als Otto es wieder abbestellte, es habe keine Eile. »»O Jotte doch, Krieg! Solch Malheur für friedliche Bürger und Gewerbetreibende! Jedes Geschäft geht Pleite, und man war wieder so schön im Zuge.« So denkt der Philister überall, seufzte Otto, und wurde wiederholt grob, weil die Leute ihn auf der Straße und in seiner Wohnung mit Fragen überliefen, als sei er ein Großsiegelbewahrer von Staatsgeheimnissen. Er wußte so wenig wie ein anderer und befaßte sich damit, Rezepte für Nanne und die lieben Bälger aufzuschreiben. Noch glaubte man nach einer ziemlich energischen Thronrede an Krieg. Doch der österreichische Gesandte in Berlin, Herr v. Prokesch-Osten, wußte es besser. Er verlangte kategorisch Räumung von Hessen binnen 48 Stunden oder seine Pässe, und Manteuffel erbat sich in zwei Telegrammen einen Fußtritt von Schwarzenberg, der ihn gar nicht eingeladen hatte.

»Das übertrifft jede Befürchtung,« rief Wagener leichenblaß Otto entgegen. »Den 29. November wird man ewig im Gedächtnis behalten. Hier habe ich den Inhalt der Olmützer Punktation.« Union und Militärbündnisse aufgehoben, Hessen und Baden geräumt, Holstein den Dänen überliefert! Ärgeres hatte man noch nie einem Großstaat zugemutet, der ohne Schwertstreich sich selber ausstrich. Otto biß die Zähne zusammen und ging schweigend nach Hause, wo er auf einen Stuhl sank und lange vor sich hinstarrte. Er hatte, von der österreichischen Gesandtschaft, die einen wahren Übermut zur Schau stellte, das Wort Schwarzenbergs durchsickern hören: avilir la prusse, pois la démolir. Den ersten Teil des Programms hatte er erfüllt, jetzt galt es nur, dem zweiten in den Arm zu fallen. Überlistet und gedemütigt, aber noch nicht zerbrochen! Was nun? Den Tölpel Manteuffel fallen lassen, damit die gnädige Frau Ladenberg die Gräfin Brandenburg spielen kann? Seine knirschende Wut offenbaren, wie dies die Liberalen schon tun werden? Das ändert und bessert nichts. Lieber die Ohrfeige einstecken, als wäre nichts geschehen, und die Maske vorbinden, man danke gehorsamst für die heilsame Züchtigung. Aber geschenkt wird das Österreich nicht! – Ein zischender Laut entfuhr seinen krampfhaft aufeinanderschlagenden Zähnen: Rache! Hätte er sein Gesicht im Spiegel gesehen, möchte ihn wohl ein Schauder beschlichen haben. Es war ein furchtbares Gesicht.

*

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