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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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Seinen Wählern sprach Otto offen aus, daß Preußens Macht zugunsten der Kleinstaaten vermindert werden solle. So geschah es: Sachsen und Hannover fielen zu Bayern und Württemberg ab, Österreich spiegelte Beitritt mit allen seinen Staaten, d. h. sämtlichen Slawen und Madjaren, zum einigen Deutschland vor, eine höhnische Perfidie, über die der deutsche Michel gerührt quittierte. Es war ein froher Augenblick für Radowitz, als er den glänzenden Erfurter Reichstag mit einer unionistischen Rede am 20. März eröffnete. Aber Otto, der wohl oder übel ein Mandat übernehmen mußte und am 9. April in Erfurt eintraf, sofort vom Bahnhof in die Fraktion geschleppt, hatte einen recht peinlichen Augenblick, da ihm als jüngstem Mitglied das protokollierende Sekretariat zufiel.

»Meine Herren,« begann er zu Ludwig Gerlach und Professor Stahl, »Ihnen überlasse ich die Ehre des Kampfes. Sie sind weit beredter als ich und werden daher –«

»Was!« unterbrach ihn »Onkel Ludwig« entrüstet.

Otto nannte alle älteren Freunde herablassend Onkel, so hieß Kleist-Retzow »der kleine, graue Onkel«, wie er denn auch vertrauliche Benennungen anwendete, wie »Stadträtchen« für seinen Gutsnachbar Gärtner. Dabei war er aber so frei von jedem Standesdünkel, daß er und Hanna von Redakteur Wageners Frau als »Rose« sprachen und Wagener mit ihm auf kordialstem Fuße verkehrte.

Stahl putzte seine Brille und unterstützte Gerlach in Ausrufen der Entrüstung, daß der Schönhauser Recke eine Fahnenflucht antreten wolle. »Vor Gott und den Menschen haben Sie eine Pflicht übernommen.« Seufzend ergab er sich in sein Schicksal.

*

Die Ferienpause in Schönhausen, nachdem Johanna Ende Dezember von einem Söhnchen Herbert entbunden, verlief nicht ganz sturmlos. Denn Mutter Puttkamer hielt manche Vorlesung über männlichen Egoismus, und er kehrte Ecken hervor, die sie als ungebührlich bezeichnete. Jetzt, zum Geburtstag Hannas (11. April) bat er brieflich an sie um Entschuldigung und dankte ihr für alle Sanftmut und Geduld, Liebe und Treue. Er ging einen Waldberg hinauf, den »Steiger«, und trank eine Steinkruke voll Felsenkellerbier leer. Später trösteten ihn kulinarische Gaben Hannas, Marzipan, Spickgans, Kibitzeier und dicke Würste. Dazu allerliebste Aussicht auf den Thüringer Wald, wenn er auf der Höhe unter alten Eichen lustwandelte. Leider hing sich ihm dabei ein Abgeordneter und Hofmann v. Röder an, ein braver, unbedeutender Mann, der bei Sonnenuntergang regelmäßig den nassen Jammer bekam, Volkslieder und Heine zitierte und sich nach einer »lieben, guten, frommen Frau« sehnte. »Sie, Verehrtester, besitzen solch ein Kleinod. Beneidenswerter! Doch Politiker wie Sie haben eben andere Ideale.« Otto erwiderte nichts und vertiefte sich in Betrachtung der niedlichen grünen Blätter von Haselnußstauden, Hagebuchen, Dorn- und Weißbuchen. In der Ferne rief ein Kuckuck, und er machte sich den Scherz, dies Orakel zu befragen, wie lange es wohl noch mit der deutschen Einheit dauern werde. Doch der spöttische Vogel rief so lange und so unregelmäßig, daß man nicht daraus klug werden konnte, ob er wirklich zehn oder zwanzig Jahre meine.

Wenn er vor dem dreifachen Lärm der Vormittagssitzungen in der Augustinerkirche, der mittäglichen klappernden Table d'hote und des abendlichen Gezänks vom Scheusal Fraktion müde in das unscheinbare Häuschen flüchtete, wo er wohnte, ging ihm der Gedanke an Luther durch den Kopf. Der hatte hier in der Universitätsbibliothek zuerst die Bibel entdeckt, in der Augustinerkirche die erste Messe gelesen. Wer hätte dem kleinen, hageren Mönchlein damals prophezeit, er werde deutschen Geist vom römischen Joch befreien! Wunderbar verschlungen sind Gottes Wege, niemand weiß, was aus einem Menschen werden kann. Er erinnerte sich spöttisch, wie der eitle Heine irgendwo sich in der Hoffnung wiegte, zum Haus in der Düsseldorfer Bolkerstraße, wo er geboren, würden englische Touristinnen wallfahrten. Gottlob, daß die Ruhe des Privatlebens, wo man nur gelegentlich in die Arena hinabsteigt, durch solche Eitelkeiten nicht getrübt wird. Gottlob, daß niemand in Luthers Erfurt eine Tafel über diese Haustür hängen wird, weil ein obskurer Abgeordneter dort ein- und ausging. Diese Erfurter Langeweile muß noch überstanden werden, dann aber Schluß!

»Hätten Sie Lust, mit mir Auerhähne zu schießen?« lud ihn Oberforstmeister Wedell ein, der an dem baumlangen Recken einen weidmännischen Gefallen fand. Geheimrat Oppermann, ein großer Nimrod vor dem Herrn, regte die Partie an. »Beim berühmten Oberförster Klingner, dem erprobten Hahnenjäger, kriegen wir Auerhahnbalz wie noch nie«, frohlockte er in Arnstädt, wo er mit Bismarck ein üppiges Frühstück von schmackhaften Schmerlenfischen und vierzigjährigem alten Wein aus Bocksbeuteln einnahm. »Der Nektar stammt aus dem Kometenjahr 1811. Das hatte es in sich, Vorbedeutung von Napoleons Untergang und Deutschlands Befreiung. Heut erleben wir so was nie wieder.« Da aber Otto vorm Schlafengehen in Schleusingen diesmal Forellen in Bier tauchte, befand er sich bald in traurig eruptivem Zustand, da sein verwöhnter Magen die ungewohnte Kost nicht vertrug. »Nu grade nich!« Statt Pfefferminztee zu trinken und im Bett zu bleiben, ging er trotzdem mitternachts als Jäger los, wie einst nach durchkneipter Nacht zur Mensur. »Grog am Abend wird mich kurieren«, lehnte er ab, und Oppermann dachte: Der halsstarrige Trotz, den seine Gegner ihm zuschreiben, scheint kein leerer Wahn, wir Jäger erkennen das Wild am winzigsten Huftritt und so den Mann an Kleinigkeiten.

Also auf nach einem Eisenhammer im Waldgebirge! Im Dunkel sahen die Werkleute dort wie dunkle Dämonen aus, vom Feuerschüren angeglüht. Der Regen fiel in Bächen, der schwarze Mantel behinderte beim Steigen im tiefen Dunkel auf abschüssig steilen Höhen, von denen himmelhoch Tannenwälder herunterstarrten, wüst und spitz wie Koboldmützen. Er mußte sich mit den Händen anklammern oder nach dem Arm des Jägers greifen, den er nicht mal deutlich sah. Rechts im Abgrund ein tosender Wildbach, links ein Teich mit schlüpfrigem Ufer. Einer Ohnmacht nahe legte er sich ins Heidekraut, das von Tau und Regen triefte. Lieber einregnen, als so weitermachen! Doch er raffte sich auf, fern balzte ein Auerhahn, einer kam ihm auch vor den Schuß. Im Dickicht schrie ein Uhu, und es war unheimlich. Da ging der Mond auf, die Luft klärte sich, Drosseln schlugen, Bergtauben gurrten mit eigentümlichem Baß, Buchfinken und Rotkehlchen trillerten im Chor. Als es bergab ging, dämmerte die Sonne, doch blieb sie verhangen im Regenflor, und in Erfurt mußte er vierzehn Stunden ausschlafen, um sich zu erholen, erhob sich aber dann doppelt gestärkt.

Was nicht der Mensch aushalten kann! Wer eine gute Natur hat, dem gibt's der Herr im Schlafe. Sollte das auch nicht so sein in geschichtlichen Dingen? Da gibt sich ein Held wohl mal einen besonderen Ruck und strengt sich übermenschlich an, etwa wie Luther in Worms, aber dann muß er gut ausschlafen können, wie Luther in der Wartburg. So ist nun auch dieser höchst ungeschichtliche, unbedeutende Otto Bismarck. Er kann sich furchtbar abplagen und auch unmenschlich faul sein, die Zeit verschlafen wie ein Klotz. Was soll man auch besser mit einer Zeit anfangen, wo kein Mensch uns braucht!

Auch beim endlosen Redegeplätscher unter ihm, wo er als Sekretär auf hohem Präsidialthron neben dem ihm verhaßten Simson hockte, nickte er öfter sanft ein. Mal zankte der feierliche Gagern mit dem ungestümen Vincke, mal Bourgeoisliberale mit Proletarierradikalen zum Gaudium der Rechten, mal verdrehte der liberale Beseler dem konservativen Jesaias Stahl die Worte im Munde. Diesen alttestamentarischen Propheten verehrte die Fraktion als Führer und schätzte seine geistreichen Sophismen als Perlen, weil er sie vor demokratische Säue warf. Otto schrieb ihm ins Album: »Unsere Losung ist nicht Bundesstaat um jeden Preis, sondern Unabhängigkeit Preußens um jeden Preis.« Doch unter den Perlen des »geliebten Stahl« ahnte er manche falsche und sah voraus, ihre Pfade würden sich einst noch trennen. Was trennt sich nicht alles mit den Jahren! War er so sicher, daß Hans Kleist-Retzow, der kleine Streber, der hier jeden Abend in weißer Weste und Halsbinde Gesellschaften ablief, nicht auch mal von ihm abfallen könne? Die leidige Politik macht alle Menschen zu Phantomjägern, und doch ist das Privatleben viel ernster und wichtiger. Dem guten, kleinen Massenbach das vierzehnte Kind geboren, dem armen Egloffstein der einzige Sohn gestorben von eigener Hand, junger Kürassierleutnant, aus grundloser Hypochondrie! So häufen sich die Gegensätze, und wir mittelmäßigen Söhne dieser Erde müssen froh sein, wenn unser bescheidenes Dasein still und friedlich verfließt.

Nur einige aufmunternde Scherze erfrischten die Dürre dieser akademischen Debatten, worin Gagerns hohles Gemurmel vorherrschte. Als Jurist Simson den Präsidentensitz einnahm, flocht er die geschichtliche Erinnerung ein, vor 1000 Jahren habe ein Reichstag hier getagt. Sein Sekretär aber ergänzte dies mit ernst harmloser Miene, der damalige König der Deutschen habe auf die Tagesordnung gesetzt, Juristen und Winkeladvokaten zu züchtigen, die laut dem Chronisten Spangenberg viel Unheil anrichteten. Unter donnerndem Beifallsgelächter der Rechten über diese boshafte Anspielung fuhr er fort: Wenn der heutige Reichstag diesen Zweck verfolge, ja dann werde er glauben, daß die Raben am Kyffhäuser nicht mehr flattern und der Tag deutscher Einheit nahe sei. Ihm würde übel von der verwickelten Maschine fürstlicher Kollegien, die den fadenscheinigen Rock französischer Konstitution über die ungefügen Schultern Deutschlands werfen sollte. Das alles werde auf Depossedierung des Preußenkönigs in seinem eigenen Lande hinauslaufen.

»Wenn ich das Schwarzrotgold auf allen Sesseln und auch dem meinigen sehe, dann sehe ich rot, so steigt mir das Blut zu Kopfe,« bekannte er zu Stahl, »Schwindel wie alles, denn diese Farben sind nie die des deutschen Reiches gewesen. Weit eher der schwarze Adler auf weißem Feld, wie der deutsche Orden, dies Sinnbild des Reiches, ihn vom Kaiser auf die Fahne erhielt und den heut wir Preußen führen, statt des Schwarzrotweiß von Kurbrandenburg. Wir also sind die wahren Erben des deutschen Reiches.«

Seine tiefe Kenntnis der deutschen Geschichte überraschte immer wieder den gelehrten Stahl, der sich nachdenklich fragte, wo der bescheidene Gutsherr von Schönhausen, der nicht mal sein Hauptstaatsexamen bestand, das alles aufgelesen habe. Es fiel ihm ein, wie die Minister des ersten Konsuls sich über den Korsen wunderten, der alles wisse und doch nichts studiert haben könne. Daß alle schöpferischen Geister in gewissem Sinne Autodidakten sind und sein müssen, weil sie unüberwindlichen Widerwillen gegen die ausgetretenen Gleise haben, zu solcher Erkenntnis versteigt ein Professor sich freilich nie. Es gehört mit zum ewigen Kapitel menschlicher Blindheit, daß nicht einer in Parlament und Presse über den Schönhauser anders urteilte, als über einen patenten Kerl, der ein schneidiges Maulwerk am rechten Fleck hatte. Sein umfassendes Wissen, seine hohe Bildung, sein von geistreichen Einfällen funkelnder Esprit, seine vornehmen, weltmännischen Umgangsformen, das alles faßte man in den Satz zusammen: »Ein typischer Junker!« Der kleine Kleist-Retzow und andere große Kinder der Fraktion dünkten sich geradeso viel wie er, während sie zu Herrn Professor Stahl mit abergläubischer Ehrfurcht emporschauten. Otto wußte das und scherte sich keinen Deut darum. Seine Gleichgültigkeit gegen alles Äußere machte sich auch in einer gewissen Knauserei bemerkbar, die sich bei ihm plötzlich nach früherer Verschwendungssucht herausbildete. Triumphierend schrieb er an Hanna, daß er mit seinen Diäten hier übergenug habe, nicht nur auskomme, sondern noch Schätze nach Hause bringe.

Wenn er seine Galle gegen diesen monarchisch angehauchten Reichstag erleichterte, der ihm noch minder mundete als der weiland Frankfurter, konnte dies dem König nicht angenehm sein. Radowitz schrieb wütende Berichte nach Potsdam, da sich Manteuffel auch mit ihm überwarf. »Der kleine Mann hat diesmal Mut,« lobte Otto den Minister, »er will nicht im Amte bleiben, wenn die Erfurter Mißgeburt nicht krepiert. Er hätte schon offen mit dem Schwefeler R. gebrochen, wenn nicht Brandenburg wäre.«

»Hat R. den wirklich umgarnt? Sie sprachen ja neulich mit dem Premier«, forschte Stahl. »Man sah Sie zusammen zwischen Stadt und Steigerwald spazierengehen. Er hat Sie sogar abgeholt, und Sie gingen auf einsamen Wegen.«

»Hm, darüber darf ich wohl nichts sagen. Sein Standpunkt ist sonst ein recht gewinnender, doch hat er für die Erfurter Politik mich nicht gewonnen.«

In Wahrheit hatte der ritterliche General, der vom mitdurchlebten Milieu der Befreiungskriege zehrte und deshalb deutschnationaler dachte als die neupreußischen Tories, materiellen Machtzuwachs Preußens im Auge. Der König schrieb ihm, der Bismarck habe einigen Einfluß bei der äußersten Rechten, dem müsse man beikommen, und so wandte er sich an Ottos Borussentum: »Welche Gefahr läuft denn Preußen? Man nimmt, was man kriegen kann, verzichtet einstweilen auf das, was sie einem nicht bieten wollen, und sackt die Verstärkung des Staatenbundes ein.«

»Mit dem Kauf aller schlechten Verfassungsbestimmungen, die können wir uns nicht gefallen lassen.«

»Auf die Dauer wohl nicht. Das wird die Erfahrung lehren. Geht's nicht, so geht's nicht. Dann ziehen wir einfach den Degen und jagen die Kerls zum Teufel.«

Otto sah den braven General, dessen nach englischer Sitte geschnittener Backenbart bei rasiertem Kinn ein ehrlich männliches Gesicht umrahmte, überrascht an. Doch im nächsten Augenblick sank ihm der Mut, denn die allerhöchste Person war nicht danach angetan, kühne Entschließungen zu treffen, und ganz anderen Einflüssen zugänglich, als denen eines bescheidenen Generals. Nur der gelehrte Radowitz zeigte sich des allerhöchsten Vertrauens würdig.

»Was würde unser Reichskommissar für das Auswärtige dazu sagen?«

»Der ist ganz zuversichtlich, auch Österreich gegenüber, wie Sie ja gestern auf der Soiree beim General Pfuel hörten. Das österreichische Heer in Böhmen gibt gewiß Anlaß zu Kriegsgeschrei, und ich täusche mich darüber nicht, daß es ein Gegengewicht bilden soll, eine Art Korrektiv für Erfurt. Man nannte Zahlen bis zu 100 000 Mann. Sie hörten, wie Radowitz lange zuhörte und dann ruhig sagte: »Man hat in Böhmen 28 000 Mann und 7000 Pferde.« »Pardon Exzellenz, er setzte auch noch die Hunderte dazu, etwa 28 254 und 7132. Ein fabelhaftes Gedächtnis!«

Brandenburg verstand nicht die beißende Ironie, sondern nickte beifällig. »Gewiß, er ist doch ein bedeutender Mann. Diese unwiderlegliche Gewißheit muß imponieren und jede abweisende Ansicht zum Schweigen bringen. Zu guter Letzt wird er als unser amtlicher Vertreter, der direkt mit Majestät und dem Kriegsministerium verkehrt, es am besten wissen aus kompetentesten Quellen.« Otto schwieg. Dieser Hanswurst oder Verräter! dachte er grimmig. Ich wette meinen Kopf, daß er die genauen Ziffern sich einfach aus den Fingern sog und sie reinweg nach Bedarf in der Minute erfunden hat. Die Österreicher sind wahrscheinlich doppelt und dreifach so stark. Entweder weiß er das und will uns hineinreiten, oder er will wenigstens uns hier düpieren, damit sein Erfurter Werk nicht scheitert.

Manteuffels unansehnliche Erscheinung stach auch äußerlich von Radowitz ab, dessen regelmäßige Züge, verbindlich arrogante Manieren und entscheidender Ton durch eine Maske staatsmännischer Ruhe noch eindringlicher hervorgehoben wurden. Den Schönhauser betrachtete er als ein vorsündflutliches Megatherion von hohem Alter, noch im Ancien Régime grauer Vorzeit geboren, dessen fossilen Überrest er mit Verachtung strafte, obschon das tote Ding eklige Beißzähne vorschützte. Da hier eine Verständigung ausgeschlossen, sollte Manteuffel eine solche mit Gagern herbeiführen. Er fügte sich gehorsam dem Willen des Königs, lud den kleinen intriganten Bismarck und den großen Vertrauensmann deutscher Nation zu Tische, ließ sie dann plötzlich bei der Flasche allein. Jede persönliche Vermittelung vermied er geflissentlich, weil er das Zwecklose der Aussprache voraussah. Ohne jede Einleitung begann da Gagern zu deklamieren, wobei er nicht mal geruhte sein Gegenüber eines Blickes zu würdigen und schräg den Himmel ins Auge faßte. Außer Dienst war er eigentlich ein gutmütiges Dickerchen, eine aufgetriebene Fleischmasse, aber im Dienst der deutschen Nation nahm diese Fleischlichkeit eine geistige Aufgeblasenheit an. Da er weder klar noch geschäftsmäßig reden konnte, hielt er an den stupiden märkischen Junker eine Volksrede. Ein paar nüchterne Einwände des unbedeutenden Schönhausers verletzten seine staatsmännische Würde. Er zog die Brauen hoch, rollte die Augen zur Decke empor mit einem so furchtbaren Jupiterblick, daß sie ihm fast aus den Höhlen traten, und schüttelte sein ambrosisches Haar. Üppig langer Haarwuchs gehörte damals zum guten Ton freiheitlichen Strebens, womit der mäßig haarbegabte Otto nicht aufwarten konnte. Es war mit einem Wort eine haarige Sache. Auf eine nochmalige Replik des dreisten Junkers einzugehen, durfte man diesem Posaunenbläser der Frankfurter Ruhmeszeit nicht zumuten. Was er maßgebend als sozusagen Interimspräsident der deutschen Völker dekretierte, hatte des kleinen Mannes unmaßgebliche Meinung demütig hinabzuschlucken. Nachdem er sein rollendes falsches Pathos ausspie, genehmigte er ein düster vornehmes Schweigen, das seiner herablassenden Geringschätzung unnachahmlichen Ausdruck verlieh. So saß man mehrere Minuten schweigend.

Roma locuta est, der historische Togazipfel ist entfaltet. Welch ein Idiot, vor allem welch ein Dilettant, zu jeder politischen Arbeit verdorben! Otto begriff mehr denn je Napoleons Haß gegen »Ideologen«, worunter der keineswegs Idealisten verstand, da wahre Idealisten immer irgendwie Könner und Realisten sind. Ein Vertrauensmann der Nation und nicht mal ein Geschäftsmann. So macht man Politik in diesem Volk der Dichter und Denker. Der Mensch ist ja entsetzlich dumm, nichts als eine weitbauchige Gießkanne von Phrasen, ein Wassergott, um papierene Blumenbeete von Theorien zu tränken.

Manteuffel kam wieder mit einem kurios listigen Gesicht, Heinrich v. Gagern verabschiedete sich majestätisch, ganz Jupiter, und verabreichte in mitleidiger Barmherzigkeit an den unwillkommenen Tischgast ein gnädiges Kopfnicken. »Was hat er denn gesagt?« fragte Manteuffel neugierig.

»Jottedoch, er hielt mich für eine Volksversammlung. Er muß etwas kurzsichtig sein.«

Nachdem er sich ausgelacht, bemerkte Manteuffel: »Wie doch das Schicksal spielt! Seinen Bruder, General Friedrich, ermordeten badische Freischärler infam, als er mit dem Unhold Hecker menschenfreundlich parlamentierte. Und den Bruder unseres Stänkers Auerswald ermordeten die Freischärler, weil sie ihn für Radowitz hielten.«

»Schade um das Versehen!« brummte der gute Hasser in den Bart.

»Dieser preußische General rühmte sich, er sei hundert Meilen geritten, um Bauern bei Wahlen aufzuhetzen. Das hatten sie nun davon! Beides wohlmeinende Patrioten in ihrer Weise, Erzliberale. Das Volk erkennt nicht mal seine eigenen Freunde, wenn sie Uniform tragen.«

»Sehr wahr«, nickte Otto finster. »Bei mir zulande bin ich der richtige Volksmann und würde mich mit jedem ehrlichen Hacketauer duzen wie Vater Blücher. Doch das souveräne Volk verlangt ganz einfach einen Souverän, einen Exerziermeister. Die Armee ist das Volk, wie es leibt und lebt. Der kleine Korporal – sinnbildliche Bezeichnung!«

»Aber für den korsischen Parvenu!« mahnte Manteuffel gewichtig.

»Nu, wenn schon!« rief Otto ungeduldig. »Das macht wenig Unterschied. Empfehle mich, Exzellenz, werde morgen eine Rede schwingen.« Manteuffel sah ihm betroffen nach. Extravaganter Mensch! Der wäre fähig, sich einem Bonaparte mit Haut und Haaren zu verschreiben, wenn der Preußen groß machen könnte, die deutsche Einheit als Markknochen der Suppe dazu. –

Otto sprach mit äußerstem Nachdruck gegen das Erfurter Verfassungsprogramm. Bald würde es alle Welt betrachten wie die zwei Doktoren in Lafontaines Fabel den toten Patienten. Der Preußengeist werde ein Buzephalus sein, der seinen gewohnten Herrn mit Freuden trage, doch den Sonntagsreiter abwerfen werde, trotz seiner Schabracke von Schwarzrotgold. Seine Unpopularität wurde noch erhöht, als er in seiner Eigenschaft als Reichstagssekretär den Korrespondenten der mächtigsten deutschen Zeitung, der »Augsburger Allgemeinen«, von der Reportergalerie ausschloß wegen parteiischer Berichterstattung. »Dann werden wir alle nicht mehr berichten«, drohte eine Journalistendeputation. Er lachte: »Diese fürchterliche Drohung führen Sie nur aus. Die moralische Blutvergiftung durch die Presse wird noch allgemeinen Krebs verursachen.«

»Und die Kreuzzeitung? Die ist wohl immun?«

»Darauf lasse ich mich nicht ein. Weisen Sie mir dort falsche Berichterstattung über die hier gehaltenen Reden nach! Adieu!« Damit nicht genug, trat er noch für äußerste Beschränkung des Versammlungsrechts ein, des Blasebalgs der Demokratie, der Schere, mit der die konstitutionelle Delila dem monarchischen Simson die Locken stutzt, um ihn den radikalen Philistern zu überliefern. Das seien seine letzten Worte in einer Versammlung, die auf einen Schluck eine unsinnige Verfassung hinunterwürgte und nun wie toll schrie: »Stört nicht meine Kreise«, betrunken von theoretischer Obstruktion.

Und es kam zu nichts. Radowitz' Gesicht wurde immer länger. Der äußere Sieg war ein Pyrrhussieg. Der Reichstag wurde vertagt, in Wahrheit aufgelöst. Die Fürsten wollten nicht, die Verfassung blieb ein toter Buchstabe, ein verwehtes Kartenhaus. Die Nation verfolgte dies Redeturnier ohnehin mit Gleichgültigkeit oder Mißtrauen. Niemand trauerte ehrlich dem totgeborenen Kinde nach, obschon die Presse wütend die engherzigen Junker anklagte, die ein so hohes Werk zu Falle brachten. Als ob die numerisch so kleine »äußerste Rechte« so etwas fertiggebracht hätte! Die gegen Preußen verräterischen Fürsten, wobei der Württemberger eine schwer beleidigende Thronrede gegen Preußens Ehrgeiz nicht scheute und das »gefährliche Traumbild« eines deutschen Einheitsstaates brandmarkte, und Österreichs drohende Haltung erzwangen die Rückkehr zum alten Bundestag. Schmählich ging der Ende Februar wieder aufgenommene Krieg gegen Dänemark zu Ende, obschon Preußen und Reichstruppen unter Prittwitz genug Erfolge errangen und der vollständige Sieg von zwei Strandbatterien bei Eckernförde über drei dänische Schlachtschiffe um so mehr Jubel erregte, als dort der Herzog Ernst von Koburg, eine Nassauer Batterie und das winzige Kontingent von Reuß-Greiz ihren Anteil hatten, also das verschiedenste »deutsche Vaterland«. Aber drohende Noten von Rußland und Frankreich regneten herein. Der Zar sah das Legitimitätsprinzip durch die »holsteinischen Rebellen« bedroht, und England zeigte im »Londoner Protokoll« aller Großstaaten seine Mißgunst. Im August überlieferte man endgültig die stammverwandten deutschen Lande an den »rechtmäßigen« dänischen Tyrannen, und das Maß deutscher Schande schien voll, als die Kreuzzeitungspartei ohne Ehre und Scham dies als Sieg des monarchischen Prinzips feierte. Doch der Kelch enthielt noch eine letzte bittere Neige.

*

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