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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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Von Vetter Fritz dazu eingeladen, wohnte er einem Kavalleriemanöver bei, wo sechs Regimenter gegeneinander ritten. Trompeten schmetterten, Scheiden und Säbel und Zaumzeug rasselten, und ob man auch viel Staub schluckt, es ist was anderes als Aktenstaub. Die schnelle Bewegung der Massen, der Glanz ihrer Rüstungen gaben ein Bild von Kraft, während die Kammer – o je! Das ist wie der alte Papa Bismarck alle Büsche mit Mann und Hund abtreiben ließ und ernsthaft den Fuchs dahinter suchte, von dem er wußte, daß er durch Abwesenheit glänzte. Die Frankfurter Kohlköpfe bauen ihren Kohl nicht mal, sondern wärmen immer wieder den alten Kohl ihrer Redereien auf. Ihre deutschen Treibhausblumen wird über kurz oder lang der Meltau fressen, während eine königlich preußische Parade das Herz erwärmt. Die Armee! Das ist der Stein der Weisen für alle unsere Nöte. Ottos ererbtes Soldatenherz schwamm in Entzücken, und noch mehr, als ein huldvoller Blick aus Frauenaugen ihn traf.

Die Königin – »meine alte Flamme«, schmunzelte er – erkannte ihn, lehnte sich rückwärts über die Wagenlehne und winkte dreimal herzlich. »Die Frau weiß ein preußisches Herz zu würdigen!« schrieb er stolz an Hanna.

Diese drei Grüße waren ihm lieber als die Ehrung des Königs, »dem dreimal man die Kaiserkrone bot, die dreimal er geweigert«. Wäre es doch bloß Verschlagenheit gewesen, wie bei Shakespeares Cäsar! Übrigens mußte er auch beim König in Gnaden stehen, da die treffliche Königin doch stets nur ein rührendes Echo ihres vergötterten Gemahls abgab. Dessen Gunst bezog sich aber nur auf Menschliches, nicht auf Staatliches, denn für Staatsstellungen schien ihm Herr v. Bismarck viel zu jung und unreif. »Nur Geduld, mein Lieber,« tröstete er ihn gleichsam, ohne daß man diesen Trost begehrte, als er ihn mal bei einer Soiree der Prinzeß Augusta traf, »ich arbeite an Ihnen, ich werde Sie zu meinem Schüler erziehen.«

Ob ich da nicht ein unfleißiger Schüler würde? fragte sich Otto und schwor sich zu, jeden Vertrauensposten in der Nähe dieses Monarchen auszuschlagen, selbst wenn er ihm geboten würde. Ein innerer Ärger, der an ihm fraß, machte sich in verbissenem Schimpfen auf die Proletarier der Kammer Luft, und er schrieb seinem »geliebten Engel«, Johanna möge für ihn beten, weil er so weltlich und zornig würde. Um seine Verbitterung zu nähren, besuchte er mit seiner Schwester den Friedrichshain, wo er an den Gräbern der Märzgefallenen eine höchst unchristliche Wut austobte, als er die Kränzemassen sah und die Kreuzinschriften »Für Freiheit und Recht« las.

»Diese Verbrecher! Nicht mal den Toten kann ich vergeben, wenn ich sehe, was sie aus meinem Vaterlande gemacht haben, und den Götzendienst, den man mit ihnen treibt.«

Hinter einem Grabstein brummte eine derbe Stimme: »Habe dir man nich so! man nich so hitzig! Dem tat ooch ne Brauselimonade jut oder ne kühle Blonde.« Und ein paar Bengel drehten ihm eine Nase und wiesen mit Fingern auf ihn. »Kiekt den! Dat is ooch so'n jemeiner Junker!« Der Herbstwind pfiff durch den Kirchhof wie kichernder Hohn und spielte mit den roten Schleifen der Kränze.

Das aus sentimentaler Feudalromantik und gröbster hinterpommerscher Standesselbstsucht gemischte Gift, von dem sein Herz schwoll, sog doppelte Kraft aus verletzter Eitelkeit und persönlichem Ärger. Denn wenn die Märzgefallenen bis in hohe Beamtenkreise hinein als brave Jungen galten, die für ein gutes Ideal in den Tod gingen, dann mußten mittelbar die Feinde der Märztage unwürdige adelige Bauern von vernachlässigter Bildung sein, an denen nichts adelig ist als ihr »von«. Insbesondere den Schönhauser schilderte man als ordinären, brutalen Bramarbas, nur mit einigem Mutterwitz und scharfer Zunge ausgerüstet, nebenbei als Stellenjäger, der nach einem Posten schmachte. Otto lachte verächtlich darüber, aber es wurmte ihn doch. Und diese langweilige Kammer zwang ihn obendrein, sich so unverheiratet wie möglich in Berlin zu gedulden, indes sein »niedliches Liebchen« in Reinfeld sich härmte und einer neuen Entbindung entgegensah. Die solle aber in Berlin stattfinden, darauf bestand er. Zuerst suchte er eine Wohnung in der Lennéstraße (damals Schulgartenstraße) dicht am Tiergarten, dann mietete er ein Quartier in der Behrenstraße.

Leopold Gerlach vertraute ihm: »Sie wissen, daß ich mit dem Allergnädigsten in Teplitz war. Ein russischer Bevollmächtigter war auch dabei. Alles natürlich Frieden und Freundschaft. Der Allergnädigste ist selig über Österreichs Huld, uns nichts mehr wegen der deutschen Schwierigkeiten nachzutragen.«

»Das sind Flausen. Prokesch-Osten und Vitzthum-Eckstädt haben genug miteinander getuschelt. Die hiesigen österreichischen und sächsischen Gesandten standen sich auffallend gut, was für die sogenannte engere ›Union‹ mit Ausschluß Österreichs nichts Gutes bedeutet.«

Gerlach legte die Hand an den Mund und flüsterte ihm ins Ohr: »Wir sind gehörig eingeseift. Die deutsche Frage ist ein zäher Lehm, der an den Fingern kleben bleibt. Wir machen uns nur schmutzig und kommen doch nicht los. Der König wird Sie zur Domfeier in Arnstädt einladen und zur Hofjagd am Falkenstein, da werden Sie wohl Witterung bekommen.« Er tätschelte ihm wohlwollend auf den Arm. »Na, wohl bekomm's! Sie sind ja jetzt wieder der Bestgehaßte im lieben Berlin.«

Otto schüttelte sich, als streife er Spinnweben ab. »Diese Amphibien, die kein warmes Preußenblut im Leibe haben! Ob die mich verstehen oder nicht!«

Er ging nach Gungls Konzert, diesmal im Saal mit Tabaksqualm, um die Erinnerung wachzurufen, wie er dort mit Johanna und Marie im Freien saß. Da bereiteten ihm alle im Auditorium anwesenden Offiziere, alt und jung, nebst ihren Damen eine stürmische Ovation. Die Soldatennaturen waren stolz auf ihn, und das war auch kein Wunder nach seinem neulichen Päan in der Kammer über das preußische Offizierkorps. Der Staat werde darum beneidet von allen kriegerischen Völkern, und hier allein liege die Basis einer kühnen und ruhmvollen Politik für Preußen. Unser Offiziermaterial, vom Leutnant aufwärts mit einer Vollkommenheit gezüchtet, die kein anderer Staat nachmachen könne, an der Spitze eines neu gebildeten, stark vermehrten Heeres: dafür votiere er jede Summe, nicht für soziale Spielereien, für die man das Geld aus dem Fenster werfe. Das Finanzbudget sei ja durch Sparsamkeit in Flor, doch auf Kosten der Wehrmacht, Preußens Lebensnerv.

Solche Wahrheiten, heut selbstverständliche Gemeinplätze, Truisms, wie die Briten es nennen, erregten damals nur Heiterkeit. Der Liberalismus setzte die Achtung vor dem Heere mit allen Mitteln herunter, und der später so lasch und schlaff geführte Krieg mit Dänemark, den man anstandshalber wieder aufnahm, schien nicht geeignet, der Welt eine hohe Meinung beizubringen. Otto wies als erster auf die Tüchtigkeit des Hammers hin, den er allein zur Beschmiedung des deutschen Ambosses bestimmt glaubte. Vaterländisch bis in die Knochen, rief er der Kammer zu: »Ich schämte mich nie, ein Preuße zu sein, und besonders, wenn ich vom Auslande zurückkehrte.« Er verbitte sich das Experimentieren mit französischer Charlatanerie. In Europa hält man uns für ein Volk von Denkern, doch unsere Volksrepräsentanten berauben uns dieses guten Rufes, bloße Übersetzer französischer Packpapier-Theorien. Bleiben wir bei christlicher Tradition unserer Ahnen. Wenn alberne Schwärmer ihren Apostel Robert Blum mit dem gekreuzigten Heiland vergleichen, so hoffe er dies Narrenschiff der Zeit am Fels des Christentums scheitern zu sehen. Im Volke gelte Gottes Bibelwort mehr als irgendein Paragraph der Verfassung.

Jetzt hielt er eine große Rede gegen die Anmaßung der Kammer, sich in Steuersachen zu mischen mit Berufung auf das englische Unterhaus. Dort sei das Königtum nur eine ornamentale Kuppel des Staatsgebäudes, in Preußen der innerste Pfeiler. Das Nessushemd französischer Revolutionsregierung werde kein Gesunder sich umwerfen. Und wer schwimmen lernen wolle, stürze sich doch nicht ins Wasser, wo es am tiefsten ist. Die Majorität bei den Wahlen sei ein Lotteriespiel, und statt der zwei festumgrenzten Parteien in England habe man bei uns sechs, eine verwickelte Diagonale der Kräfte, die notwendig negativ ausfalle. Die preußische Erziehungsmethode von Professorenweisheit und Geheimratsallmacht zerstöre in jedem einzelnen, an dem man herumdoktere, das Vertrauen zu jeder Autorität und verleite ihn so zum Glauben an die eigene Unfehlbarkeit. Daher der Wirrwarr allgemeiner Nörgelei, daher Überwiegen professioneller Politiker und Gelehrter im Landtag, die gar nicht richtig die verschiedenen Standesinteressen abspiegeln. Das ist nicht mal die Genauigkeit einer hastigen Bleistiftskizze, geschweige denn einer Photographie. Die Quadratur des Zirkels sei nicht hoffnungsloser, als eine wirkliche Volksvertretung zu finden. Die Wahlbüchse sei nur ein Würfelbecher. So bemerkte er bei anderer Gelegenheit, indem er für erbliche Pairs im Herrenhause eintrat, wie im englischen Oberhaus. Nur so steuere man die Verfassung zwischen der Szylla eines wohlwollenden Säbelregiments und der Charybdis jakobinischer Übergriffe hindurch, als nötiger Ballast, der vom Kiel her den Segelschwung mäßige, aufgeblasen von jedem Wind des Zeitgeistes.

So verliehen seine geistreichen Gleichnisse den von scharfem staatsmännischen Verstand getragenen Ausführungen reizvolle Anschaulichkeit. Doch außerhalb seiner eigenen Partei, die ebensogern die Reden von Stahl und Gerlach hörte, und die ohnehin mit allem fürlieb nahm, was der Parteigeist ihrer Clique eingeben konnte, machten seine Reden wenig Eindruck. Um so mehr, als er oratorische Künste verschmähte und kein »Redner« im gewöhnlichen Sinne war, kein komödiantischer Kulissenreißer politischer Theater.

Aus der Harzpartie nach Arnstädt wurde nichts, obschon er dort gern wehmütige Erinnerung aufgefrischt hätte an die nahen Wälder. Dagegen erschien er zur Domfeier in Brandenburg, wo neunhundert Jahre früher das Kreuz gegen die Wenden errichtet wurde. Als Abgeordneter der Stadt ging er in der Kirche keck voran neben den Prinzessinnen, unter denen man die hohe Dame von Babelsberg vermißte. »Ist in Weimar«, raunte Hofmarschall Voß ihm zu, und Gerlach erläuterte: »Wohl wieder etwas Fronde.« Der König sprach ihn bei der Tafel freundlich an: »Sie vertreten würdig meine alte Kurstadt«, über die er sich mit üblicher salbungsvoller Beredsamkeit verbreitete. Dagegen fuhr er den Oberpräsidenten Patow an, den er bisher keines Wortes würdigte: »Herr, stehn Sie links, so stimmen Sie in drei Teufelsnamen links, von meinen Dienern aber verlange ich, daß sie zu mir stehen, verstanden?« Bei atemlosen Schweigen konnte man die Betrachtung anstellen, daß der König noch immer ganz den Absolutisten spielte, denn der Oberpräsident hatte natürlich nichts Pflichtwidriges getan, sondern nur gewisse liberale Stimmungen gezeigt. Anderseits wurde dann doch wieder offenbar, daß die höheren Beamtenkreise innerlich auf Seite des gemäßigten Liberalismus standen, dem ja auch die Gattin des Thronfolgers huldigte.

Otto hatte gewagt, der Königin mehrere Schulzen seines Wahlkreises als Königstreue vorzustellen, an welche sie mit ihrer liebenswürdigen Herzensgüte einige warme Worte richtete. Die ehrlichen Bauern umarmten in ihrer schluchzenden Rührung herzhaft ihren Abgeordneten, was bei Hofleuten Befremden erregte, die von des Schönhausers Hochmut gehört hatten. »Ik liebe dir, mein Sohn«, versicherte Papa Wrangel, diese widerliche Karikatur Blüchers, und gab dann einer Hofdame einen väterlichen Schmatz. Ob Otto sich gerade von dieser Verkörperung altpreußischen Kriegertums viel versprach, blieb sein Geheimnis.

Ein General mit Ordenssternen trat an ihn heran: »v. Rochow, Gesandter in Petersburg. Freut mich ungemein, Ihre Bekanntschaft zu machen, verehrtester Herr v. Bismarck. Ihr Ruf drang bis zu uns. Ihre Majestäten der Zar und die Zarewna, unseres Monarchen hohe Schwester, trugen mir allergnädigst auf, Ihnen viel Schönes zu sagen. Patow vorhin ... der sich duckte wie eine Ente bei Gewitter ... da freut man sich, Ihre aufrechte Gestalt zu sehen.« Otto drückte seine Erkenntlichkeit für die Gnade der russischen Herrschaften aus und fragte vorsichtig, ob man in Petersburg mit dem Gang der Dinge zufrieden sei. »Nicht immer. Unter uns, es weht an der Newa manchmal ein eisiger Wind. Der allergnädigste Zar beurteilen unsere Lage etwas ... russisch. Er ist tief indigniert, bei den Deutschen, die er für bescheidene geduldige Untertanen hielt, so viel Jakobinerei zu finden. Eine gewisse Hinneigung zu Österreich ist unverkennbar, ich sage dies im tiefsten Vertrauen.« Wundert mich, daß er dies sah, dachte Otto. Sonst merken doch unsere Diplomaten nicht die offenkundigsten Tatsachen. Die Herrscher aller Russen und aller Kroaten passen eigentlich zueinander, Österreich wird immer mehr slawisch, mit seiner deutschen Bestimmung ist's nicht weit her.

Er fuhr, weil in der Nähe, nach Schönhausen hinüber und dachte wehmütig an Hanna, als er über vergraste Steige dahinwandelte. Mit ihr ruhig zu Hause sitzen, was ist daneben alle Gunst der Potentaten! Jetzt ließ er nicht locker, dies Hundeleben ohne Hausfrau nahm ein Ende, sie kam nun endlich in seine Arme in die Behrenstraße.

Daß die Kammer schon wieder Schwerin und Simson als Präsidenten wählte, und die äußerste Rechte mit siebenundfünfzig Mann wenig bedeutete, daß der Dichterling Kinkel nach Naugard aufs Zuchthaus kommen sollte, nachher von Karl Schurz befreit, kümmerte ihn sehr wenig. Rauchfleisch der guten Schwiegermama schmeckte beim Frühstück. »Es ist zu gut für diese Welt, wir wollen es nicht lange leiden lassen«, aß er es eilig mit Hanna auf. »Doch zum Dank muß ich Muttchen etwas schwarzweiß anstreichen, sie und Tante Ulrike in Reddenthin jammern über Hahnaus Blutgerichte und reaktionäre Missetaten, womit auch meine böse Gesinnung getroffen werden soll, die sie durch den papierenen Festungswall meiner Kammergeschäfte wittern.« Von jetzt ab verlief das Leben glatt und eben, Weihnachten, Neujahr, Frühjahr.

Ende Februar 1850 atmete er erlöst auf: »Hanna, freue dich! Die Kammer geht auch nach Hause.« Doch er freute sich zu früh, denn nun tauchte der Spuk der Erfurter Reichsversammlung auf. Mit unverantwortlicher Schwäche trieben dieses Königs in allen Farben schillernde Politik die verräterischen Absichten Sachsens und Hannovers, die offenkundigen Feindseligkeiten der Südstaaten, deren Undank gegen das für ihre Throne vergossene preußische Blut zum Himmel schrie, einfach in Österreichs lauernde Arme. Dessen neuer Premierminister Fürst Schwarzenberg, ein hochfahrender und unfein protziger Magnat, und seine mit allen Salben geschmierten diplomatischen Helfershelfer schlossen ein »Interim« ab, das wahrlich wie das alte zur Reformationszeit den Schalk hinter ihm hatte. Die Einsetzung zweier preußischer und zweier österreichischer Kommissäre in Frankfurt als Zentralgewalt bedeutete einfach den Übergang zur Erneuerung des alten Bundestages.

»Für das Innere schicken wir Oberpräsident Bötticher«, teilte Gerlach vertraulich mit, »für das Äußere natürlich den unvermeidlichen Radowitz. Am Hofe betrachten die einen die ›engere Union‹ auch nur als Revolutionsprodukt, die anderen wollen dies Projekt bis aufs äußerste festhalten. Wie denken Sie darüber?«

»Ich denke gar nichts. Die Union stirbt ja schon eines Todes, den man je nach Belieben gewaltsam oder natürlich nennen kann. Die lieben Bundesbrüder werden ihren Verrat offen deklarieren und die Österreicher uns ins Schlepptau nehmen.«

»Aber was sonst beginnen? Die Frankfurter Verfassung war ja Quatsch. So 'ne Art Kopie der englischen Magna Charta oder vielmehr eine Durchpausung ihres Pergaments auf kontinentales Löschpapier. Doch irgendeine Reichsverfassung muß sein.«

» Il faut vivre? Je ne vois pas la necessité. Die Träumer, die seit dem Contrat social nichts gelernt und viel vergessen haben, mögen sich wieder Schlafrock und Pantoffeln anziehen. Ich verstehe darunter auch die erbkaiserlichen Gemäßigten des Herrn v. Gagern, die als Sezession der Frankfurter in Gotha als Rumpfparlament ihr Zelt aufschlugen. Wir werden nicht mal einen neuen Reichstag bekommen, denn wenn unser König einen ruft, wird fast niemand ihn beschicken. Enfin seuls! Preußen und die Gagernschen, angeblich Vertreter Deutschlands ohne jedes staatliche Mandat, werden unter sich bleiben.«

»Sie werden also das Ministerium in der Unionssache nicht stützen?«

»O doch, ich stimme dafür, weil es nichts schaden kann, daß die Utopie sich selber enthüllt wie eine platzende Seifenblase. Seit Brandenburg unseren Demokraten sein hysterisches »Nie, nie, nie!« bezüglich der Kaiserkrone entgegenschleuderte, stehe ich stets fest zu ihm. Aber ich hoffe, es ist das letztemal, daß kostbares Preußenblut ein vampirisches Gespenst füttert, unter dessen Löwenfell nur ein laut brüllendes, sonst sehr ungefährliches Tierchen ohne Zähne und Klauen steckt.«

»Sie meinen damit den revolutionären Zeitgeist?«

»Nicht nur ihn, sondern auch die belfernde Arroganz der Kleinstaaten. Diese Fürsten und die Demokraten fürchten sich gegenseitig vor ihrem Schatten, weil beide ohnmächtig sind. Nur Preußen«, Otto richtete sich auf und seine Augen blitzten, »ist ein wirklicher Löwe, ob er sich auch benimmt wie ein bellender Köter, der den Schwanz einzieht und winselt. Soll ich Ihnen was sagen? Der sicherste Weg zu deutscher Einheit wäre rücksichtslos egoistische Borussenpolitik.«

Ein verflucht genialer Gedanke! sann der alte Polte Gerlach nach, als er nach Potsdam zurückfuhr. So ein Paradoxon, wie der Schönhauser es gern vom Stapel läßt. Der wackere Kerl vergißt, daß für solche Politik nur eine Kleinigkeit nötig wäre, nämlich ein großer Staatsmann. Und einen solchen wird uns der gute Bismarck wohl nirgends auftreiben. –

In der Kammer spottete der streitbare Schönhauser in aufsehenerregender Rede über die Ideologen, die für alle Opfer Preußens als Kompensation nur sein gutes Gewissen anböten. Großherzigkeit und Selbstlosigkeit seien eine Politik, die der jetzt häufig von der Linken zitierte Friedrich der Große nie gekannt hätte. Er würde sich zur Lösung des gordischen Knotens auf das eigentliche Wesen der preußischen Nationalität gestützt haben, das Schwert. (Seine Ausführungen gewannen hier eine bittere Ironie, die »oben« sicher übel empfunden ward, denn Friedrich Wilhelm hatte kürzlich sich entschuldigt, er sei nicht Friedrich der Große.) Die preußische Armee und das wahre preußische Volk betrachteten das berühmte Schwarzrotgold als Feindesbanner. Der Preuße kenne den Hohenfriedberger und Dessauer Marsch, doch kein Soldat singe: »Was ist des Deutschen Vaterland?« Wohl möge unser Adler seinen beschirmenden Fittich von Memel bis zum Donnersberg strecken, aber nicht gefesselt durch ein Stück Papier, das wie ein welkes Blatt im Wind verwehen werde.« Nach heftigem Murren und Zischen wehklagte der edle Beckerath: »Wo viel Licht, ist viel Schatten, das deutsche Vaterland muß auch einen verlorenen Sohn haben.« Worauf der schlagfertige Gegner: »Mein Vaterhaus ist Preußen, und der heimatlose Wanderer ist vielmehr der ehrenwerte Abgeordnete, dessen Heimathaus erst noch gebaut werden soll.«

Mit der gleichen eisernen Festigkeit parierte er eine ironische Äußerung des »jüdischen Präsidenten« Simson, daß der Name Junker unstreitig eine Beleidigung in sich schließe. Das sei so wenig der Fall, als ein Offizier sich beleidigt fühle, wenn ein Radikaler ihn einen Söldner nenne. Whig und Tory sei ursprünglich auch ein schmähendes Beiwort gewesen, und so werden wir den Namen Junker noch zu Ehren bringen.

Höhnisches Spotten antwortete. Heiter fragte Beckerath den Professor Droysen: »Wessen Namen will dieser Krautjunker wohl zu Ehren bringen? Den eigenen doch nicht?« Doch durch das Lachen, an dem man den Narren erkennt, dröhnte es wie ferner, dumpfer, unterdrückter Donner zum Wetterleuchten der blauen Augen.

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