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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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»Seit gestern sind Sie also Seiner Majestät allergetreueste Opposition!« begrüßte ihn Minister Otto v. Manteuffel, der zum Geburtstag seiner Frau ein Fest gab. Bei nicht immer statthafter Einstimmigkeit im Ministerium, bei dem Streben, sich möglichst mit Kammerbeschlüssen in Einklang zu setzen, mußte das Ministerium Brandenburg auch mal Wege wandeln, die ein Mann der Rechten als krumm auffaßte. Der Minister kniff blinzend ein Auge zu, als wollte er andeuten: Wir zwei beide verstehen uns sehr gut. Seine Gemahlin erkundigte sich warm nach Frau v. Arnim.

»Ich war neulich mit ihr in der Kirche bei Superintendent Büchsel. Predigt sehr gut, nur etwas extemporiert, doch meinen gnädigste Frau nicht auch, daß das Mitsingen der Gemeinde und bloßer Knabenchor ohne Orgel nicht so recht würdig wirken? Eine katholische Messe mit Weihrauch, Kerzen, weißgekleideten Priestern macht einen stärkeren Eindruck.«

»Ei, ei! Ich hielt Sie für einen strammen Protestanten.«

»Bin ich auch, doch habe leider einen – wie soll ich sagen – künstlerischen Tick.«

Beim Rundgang durch die Salons stieß er auf General Gerlach, der ihn rasch in einen Winkel zog.

»Man sieht Sie ja jetzt so äußerst selten bei Hofe.«

»Ich dränge mich nicht auf. Auch möchte ich nicht mit Radowitzerei in Kollision geraten.«

»Gut, daß Sie dem einheizen. Weiß doch keiner, an wen der glaubt! Wo steuert er hin?«

»Unter uns gesagt, mir kam der Verdacht, daß er als Katholik im Sinne Österreichs arbeitet, um Preußen an Wahrnehmung reeller Interessen zu hindern, bis die katholische Vormacht wieder in deutschen Dingen mitreden kann.«

»Nicht unmöglich. Der höchste Herr schwelgt ja in mittelalterlichem Kostümgeschmack, und da dient er als sachverständiger Garderobier. Sie stellen miteinander historische Reichsforschungen an, z. B. welche Sitze im künftigen Reichstage den Regierenden oder den Mediatisierten anzuweisen wären. Bei der Kategorie der Reichsunmittelbaren ist z. B. der Freie Standesherr v. Grote eine wichtige Spezialität, über die Radowitz sich sehr gelehrt verbreitet.« Beide lachten sich an.

»Worauf beruht sonst die Vorliebe Seiner Majestät für diesen glatten Höfling?«

»Ja sehen Sie, Liebster, der König hält seine Minister und mich für Rindvieh, weil wir ihm mit Praktischem lästig fallen. Er traut sich nicht zu, uns folgsam zu machen, glaubt auch, keine Tauglicheren finden zu können, und verläßt sich daher auf einen Privatratgeber, der auf alle seine Ideen eingeht. Seit Radowitz die berühmte Broschüre schrieb, hält er ihn für den großen Restaurateur der deutschen Garküche. Dazu kommt ferner dessen präzise Redweise, die immer das Schild mathematischer Logik heraushängt. Das imponiert Seiner Majestät so sehr verschiedener Denk- und Redeform. Gerade weil Radowitz keine Gedanken hat, glückt es ihm, jedem Widerspruch mit dem König auszuweichen und sich so anzustellen, als habe er haarscharf und nüchtern das nämliche gesagt, was der hohe Herr meinte. Deshalb –«

»Ich verstehe, deshalb hält er es für die Probe aufs Exempel, daß der ihm entgegengesetzt Veranlagte zum gleichen Ergebnis kommt. Solche Streiflichter hinter den Kulissen beleuchten manches Dunkel. Vermutlich nährt auch Radowitz die angeerbte Loyalität des Königs für den einstigen Lehensherrn, die Habsburger Dynastie.«

»Sehr wahr. Das sind mittelalterlich feudale Rücksichten, die einem preußischen Kavalier das Herz im Leibe zusammenpressen«, murrte Gerlach. »Österreich wird sich gerade genieren, uns solche Treue so zu vergelten – man kennt ja das Sprichwort: Dank vom Hause Österreich!«

»Hoffentlich spürt auch der Zar etwas davon«, murmelte Bismarck. »Denn sonst ist unsere Lage so schief wie möglich. Rußland will uns nicht mehr wohl, überträgt seine Sympathie auf Franz Josef, und mit Österreich sind wir heimlich brouilliert, weil es die deutschen Kaiserangebote nie verzeihen wird. So geht es Zartfühlenden, die niemand verletzen wollen, sie sitzen zwischen zwei Stühlen. Meinen Sie überhaupt, daß wenigstens Sachsen und Hannover es ehrlich mit uns meinen?«

»Keine Spur. Zwar schlossen sich ja noch 21 Kleinstaaten dem Dreikönigsbündnis an, doch der König will selbst den Schein einer Pression auf die Süddeutschen vermeiden, und wir wissen via London von perfiden Offenheiten Hannoverscher Diplomaten, daß sie und Herr v. Beust in Sachsen dem Volke nur den Glauben beibringen wollen, man wünsche ernstlich die deutsche Einheit.« Der geistreiche General stöhnte tief: »Wieder ein Schlag ins Wasser!«

Otto sann einen Augenblick nach. »Das übrige Deutschland gleicht eigentlich einem Phäakenlande, wohin nur ganz zufällig ein Odysseus sich verirren könnte. Im vorigen Jahr waren die Dynastien schon vorher geschlagen durch abergläubische Angst vor dem Revolutionsgespenst. Heute wurden sie mit Preußens Hilfe wieder keck und überheben sich. Die Hoffnung, sich mit ihnen gut zu stellen und so etwas für Preußen zu erreichen, fällt auf unfruchtbaren Boden. Mit der Frankfurterei ging es nicht, die Revolution wollte uns nur benutzen, die Kleinstaaten aufzufressen, bis das dumme Preußen, alleinstehend, erst recht verspeist werden sollte. Aber mit den Fürsten geht es auch nicht, wenigstens nicht jetzt. Ja, eines ginge wohl, doch der Gedanke ist so groß, daß er wie Träumerei aussieht.«

»Und das wäre?« fragte der geistreiche General gespannt.

»Gegen die Revolution und gegen die Fürsten. Allein durch eigene Kraft.«

»Aber, Mann Gottes, wo steckt diese Kraft?«

»Und das fragen Sie noch? In der preußischen Armee. Unsere Militärmacht in den Vordergrund stellen ist überhaupt die richtige Realpolitik. Fast alle, auch den König, betäubt der Lärm der sogenannten öffentlichen Meinung in Parlament und Zeitungen, als sei dies der Barometer der allgemeinen Stimmung. Die realen Kräfte sind meist unartikuliert und stumm, doch sie entscheiden. Als Historiker wie Raumer und Dichter wie der alte Arndt mit poetischem Schwunge die Kaiserkrone vor den König hinlegten, erschien ihm dies geradeso bedeutend, wie den höheren Zehntausend der Gebildeten. In Wahrheit ist es nichts. Von Millionen Bauern und Arbeitern, aus denen unsere Bataillone sich rekrutieren, hört nicht einer auch nur den Namen dieser Berühmtheiten. Wozu also nach Popularität bei Tagespresse und Parlamentsrednern haschen und sich fürchten, die Historiker würden uns eine schlechte Note in ihren Geschichtsbüchern geben! In der Geschichte wie im praktischen Leben entscheidet nur der äußere Erfolg.«

»Sie vergessen noch den Einfluß von englischer Seite und sonstwoher von verwandten Fürstenhäusern«, raunte Gerlach leise. »Daß nur um Gottes willen man nicht über unsere Reaktion die Nase rümpfe! Und dann die ewigen Finanzschwierigkeiten, da liberal angehauchte Minister natürlich Geld für jede Reform übrig haben, nur nicht für Militärreform. Ganz im Vertrauen herrscht auch bei höheren Beamten und an gewissen liberalen Stellen bei Hofe – Sie fühlen, wohin ich ziele – die Befürchtung, Seine Majestät würden bei sorgenfreier Benutzung ihrer Macht sogleich wieder in absolutische Bahn einlenken. Das mag schon damals Bodelschwinghs sonderbares Betragen bestimmt haben. Ich glaube, selbst Kabinettsrat Niebuhr ist nicht frei davon. Deshalb schürt man künstlich des Herrn Gewissensskrupel und Bedenklichkeiten.« –

Ja, es ist ein Elend mit dem König! dachte Otto, als er nach Hause ging. Launen von heute auf morgen, ewige Widersprüche, Order, Konterorder, Desorder. Doch le vin est tiré, il faut le boire. Es ist nun mal so, ein großer Aufwand ist schmählich vertan, alles wird im Sande verlaufen, alles bleibt beim alten, und von deutscher Einheit werden wir lange kein Sterbenswörtchen mehr hören. Doch, wie Gott will!

Wäre denn der König überhaupt der Mann danach, das Faustrecht militärischer Gewalt zu proklamieren? Mitnichten. Und wir müßten neue Kriege gegen das Ausland führen, wollte er gewaltsam die übernommene Kaiserkrone schützen. Und das ohne jede Begeisterung der Nation, denn die ist gründlich erloschen, seitdem weder Revolution noch Regierungen sich auf der Höhe zeigten. Also besser, daß nichts daraus wird. Die Dinge sind noch nicht reif.

*

»Ich armes Rüstzeug der Reaktion!« äußerte er sich in Sanssouci zu General Gerlach. »Unser reaktionäres Ministerium verhängt über mich allerlei Plünderungen in Gestalt von Grundsteuern, Ablösung des Bodeneigentums, Rentenbanken und ähnlichen Marterwerkzeugen. Doch ich sammle feurige Kohlen auf Manteuffelchens Haupt, er bleibt doch unser Zurechnungsfähigster. Nur fehlt jede Initiative, man muß ihn ewig bereden und antreiben.«

»Dafür sind Sie da, wir verlassen uns auf Sie.«

»Da sind Sie schief gewickelt. Seit Ruhe im Lande, schielt er nach den Liberalen. Seine Hauptmacht ist eine gewisse Zähigkeit, doch jedes fait accompli wirft ihn um. Uns muß es noch sehr schlecht gehen, ehe es besser geht. Das Kind ist noch nicht gebrannt genug, das Feuer zu scheuen. Bei vielen geht das schlechte Herz mit dem guten Verstande durch, der Hof selbst ist nicht stubenrein von Demagogie. Auch in Hannover – mein alter Duzbruder Amtmann Scharlach in Hildesheim schrieb mir darüber – gibt der König immer nach gegen den Streitbold und Unhold Struve.«

»Und doch zeigte sich bei der Berliner Konferenz übers Dreikönigsbündnis Struve konservativer als dieser Radowitz. Daß von dem unser Geschick abhängt, weil Majestät an ihm hängt!« »Der König hat Hohenzollerntreue für persönliche Freunde. Keine Vertrauenstäuschung kann sie erschüttern, nicht mal bewiesene Untreue.«

»Hm, beurteilen wir Radowitz nicht zu strenge? Als Privatmann ist er anständig und tadelfrei, nur seine riesige Eitelkeit chokiert. Ich kenn' ihn seit einem Menschenalter, darf ziemlich sicher sein, ihn richtig zu schätzen. Seine düstere südslawische Physiognomie kam ihm zugute, dahinter sucht man was Geheimnisvolles, das verstärkt er noch durch eigene Drapierung.«

Otto lachte bitter. »Der neunmal Kluge! Fallen Sie auch rein auf seine überlegene Geisteskraft und seelischen Hilfsquellen?«

»Kaum, doch er gilt als dämonische Natur, die im geheimen tiefe Pläne wälzt.«

»Wallenstein Redivivus! Alles Fremdartige bezaubert den Michel. Er ist kein Deutscher, wie kann er Deutsches verstehen! Großartig ist nichts an ihm als sein trainiertes Gedächtnis, womit er Brocken von Wissen aus allen Fächern hinwirft, die ihm sonst unbekannte Weltteile sind. Seine Reden lernt er für die Galerie auswendig und affektiert Gründlichkeit, er, die Oberflächlichkeit zu Roß! Aber eins hat er gründlich studiert: die Schwächen unseres Allergnädigsten.«

»Jawohl, er schmeichelt sich durch große Worte und erhabene Mienen ein, spekuliert auf des Herrn romantischen Edelmut, den er für sich ausbeutet. Immerhin verfolgt er doch wohl eine Idee –«

»Eben nicht! Er lebt von kleinlichen Handgriffen für den Tag, hascht nach populärem Beifall, dreht sich wie ein Kreisel vor der angeblichen öffentlichen Meinung. Ich bin gespannt, wie er's anstellt, die königliche Schwärmerei und die eigene Eitelkeit so zu betrügen, daß beide aus romantischem Zauberwald sich wieder in rauhe Wirklichkeit verirren. Er hielt mir mal vor, das selige Frankfurter Plapperment habe Gefahren von Preußen abgewehrt. Da hab ich ihm gleich gedient: das stockpreußische 38. Regiment hat die Revolution abgewehrt, die man uns in Frankfurt selber bescherte. Da haben Sie den ganzen Kerl! Das Regiment der Phrase ist ihm Tatsache, ein Regiment Soldaten nichts.«

In diesem Augenblick trat Generaladjutant Rauch ins Zimmer, der an Gerlach etwas bestellen sollte. Als er hörte, wovon die Rede, grunzte er vergnügt. » Dem slawonischen Fremdling hab' ich eins versetzt. Faselt er gestern in seiner geschwollenen Art Majestäten vor: ›Jehen Sie wie Cäsar über'n Rubikon!‹ Nämlich vonwegen Uflösung in det sojenannte Deutschland. Da hab' ich aufgemuckt: ›Kenne Kerl Cäsar nich und den Kerl Rubikon ooch nich, doch det is keen richtiger Preuße nich, wer Ew. Majestät so 'ne Raupen in den Kopp setzen will.‹ Na, det Jesicht! Sie kennen ja Majestäten, Er hat sich eklig amüsiert.« Alle schmunzelten, des vornehmen Radowitz gekränkte Würde sich vergegenwärtigend.

Otto empfahl sich. »Ich mache eine Erholungsreise nach Stolpmünde, meine Gebieterin will es so, beladen mit brüllenden Säuglingen, Wiegen, Ammen, Windeln. Milchflaschen nicht zu vergessen! Wenn mein Ehegespons schon in den Armen des Leutnants Morpheus ruht, hör' ich meinen Bengel immer noch in Dur musizieren, das Mädel in Moll. So verreise ich den Rest eines einst nicht glänzenden Vermögens, mit Anwartschaft aufs Irrenhaus oder, was aufs gleiche hinauskommt, lebenslängliche Zweite Kammer. Wenn man wenigstens Diäten für solchen Ferienspaß bekäme!«

Die Generale bestätigten mit herzlichem Gelächter: »Gottlob, Ihr Humor ist noch kerngesund. Von uns kriegen Sie kein Krankheitsattest, Sie kreuzfideler Nervenschwacher!«

Der geprüfte Hausvater stieß unterwegs im überfüllten Bahnabteil auf einen ihm bekannten grauhaarigen pensionierten Oberst v. Wolden. Bei ihnen nistete sich aber ein Handlungsreisender ein, der mit allen Fahrgästen ein angeregtes Gespräch über hohe Politik begann, wie es zum guten Ton des souveränen Volkes gehörte. Solange er vorlaut das Wort an sich riß und unter beglückendem Beifall gutliberaler Bürger schwadronierte, ließ Otto es hingehen. Als aber der Bursche den greisen Militär mit spöttischen Anreden belästigte und ihm den Reaktionär an der Nase ansah, besah er sich das klägliche Gewächse unheilverkündend von der Seite. Kaum hielt der Zug in Berlin, trat er am Perron mit mächtig dröhnendem Schritt auf den Gesellen zu. Erschrocken zurückweichend, ließ sich dieser bis an die Wand treiben. »Wie heißen Sie?« »Stengel ist mein Name«, kam der stammelnde Bescheid. »Dann nimm dich in acht, du Stengel, sonst werde ich dich pflücken.« Sprach's und schritt am geknickten Stengel vorbei. Sein langer gelbgrauer Überrock, ein Unikum in Berlin, machte ihn kenntlich, und der jetzt wie ein Rohrspatz hinterherschimpfende Handelsgehilfe empfing von allen Seiten Kondolenzen: »Machen Sie sich nichts draus! Das ist der rohe Bismarck, ein ganz ungebildeter Henkersknecht!«

In Schwarz' Bierstube, Ecke Leipziger und Friedrichstraße, wo die Konservativen ihr Hauptquartier aufschlugen und selbst der Hausspitz jeden Demokraten bellend am Geruch erkannte, unterhielt man sich über neue Redeturniere der Kammer, die jetzt im Hardenbergschen Palais am Dönhofsplatz tagte. »Dort genügten damals bei der Auflösung eine blinde Gewehrsalve und ein bißchen ›Gewehr zur Attacke rechts‹ nebst Fanfare einer Husarenattacke auf der Leipziger Straße«, bemerkte der alte Baron v. Hartefeld, Erbjägermeister von Kleve. »Wenn Majestät nur immer so fest bliebe! Warum so einsilbig und verschlossen?« wandte er sich an Otto. Dieser trank bedächtig sein Grünthaler Bier.

»Meine Herren, mir kam eine Erinnerung. Die Wälder von Letzlingen, wo der König oft jagt, gehörten meinen Ahnen, die als ergebene Vasallen das Weidrevier dem Lehnsherrn überließen. Ich hab' also ererbte Anhänglichkeit an den Wald und kenne ihn genau. Eines Tages sah ich dort ein seltsam Bild. Majestät hatte sich wohl gelangweilt, stellte die Büchse an die nächste Buche und zog einen Band Shakespeare aus der Tasche, in den er sich vertiefte. Ein neugieriger Hirsch aber trippelte unbemerkt heran und äugte ihm über die Schulter, als wolle er wissen, was der Jäger lese! Hm, hohe Herren sollten nicht immer lesen z.B. im Revisionsentwurf der Verfassung, sonst entwischt die Beute. Manchmal fragt sich, wer Jäger, wer Edelhirsch. Shakespeare ist weidgerecht, muß selber Jäger gewesen sein, doch allzuviel Lesen ist ungesund, wenn man nicht daraus das Schießen lernt. – Grüß Gott die Herren! Weidmannsheil!« Er schritt in die Nacht hinaus, hinter ihm scholl im Chorus: »Teufelskerl!«

Ihm aber lag das Herz schwer wie Stein in der Brust. Was gilt's, der König steckt wie Hamlet das Schwert ein, piekt nur per Zufall Polonius. Der Rest wird nicht Schweigen sein, sondern ein Höllenkonzert von Dissonanzen. Unsereins steht als Horatio dabei und möchte den Giftkelch selber leeren, doch wird aufgefordert, die merkwürdige Geschichte für die Nachwelt aufzuschreiben. Und wo der waffenklirrende Fortinbras, der die Erbschaft antritt? Radowitz als Genie, dieser trostlose Dilettant, ich ein verschriener Krautjunker, der in Politik hineindilettiert – es ist zum Teufelholen! Da sei Gott vor, daß ich mich für etwas Besonderes halte, ich bin nur ein ehrlicher Kerl mit gesundem Menschenverstand. Aber die geniale Radowitzerei kann mir den Buckel raufsteigen und – die Menschen sind doch gar zu dumm!

*

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