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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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In dieser häuslichen Heimatsstimmung verharrte er bis zum Hochsommer, mit dem genesenen Töchterchen zu den Schwiegereltern nach Reinfeld reisend, und die Politik wie Staub von den Stiefeln streifend. Vorher hatte er aber doch sich aufgerafft, am 21. April in die große Kammerdebatte einzugreifen, in welcher der vom Nationalökonom Rodbertus gestellte Antrag auf Rechtsbestand der Frankfurter Reichsverfassung mit Stimmenmehrheit durchging. Seine Voraussicht hatte recht behalten, der König balancierte wieder auf dem Seil seines Ja und Nein, auf die Gefahr hin, sich politisch den Hals zu brechen. Erst lenkte er überraschend ein, Zirkulardepesche an alle preußischen Gesandten verhieß seine Bereitwilligkeit nach gütlicher Vereinbarung mit den Regierungen. Und siehe da, 28 von den fürstlichen »Obrigkeiten« boten die Hand. Daß Österreich, Bayern, Württemberg, Sachsen, Hannover nicht mitmachen wollten, lag auf der Hand. Doch das deutsche Volk übte einen starken Druck in den ehemaligen Rheinbundstaaten, und Österreich hatte selber alle Hände voll zu tun, um sich in Ungarn und Italien über Wasser zu halten.

Der Abgeordnete v. Vincke als Berichterstatter der Dringlichkeitskommission erhob sich. »Ich fordere den Herrn Ministerpräsidenten auf, durch unumwundene Erklärung über die Ansicht der Regierung der Unsicherheit ein Ende zu machen.« Brandenburg verlas unter atemloser Spannung eine Kundgebung: Das Ministerium könne dem König die Annahme der Frankfurter Verfassung nicht raten, da bei der zweiten Lesung die Einwände der Regierung unberücksichtigt blieben und sogar schädliche neue Änderungen dem Entwurf zugefügt seien. Unter heftigem Murren der Majorität begründete nun der Abgeordnete Bismarck-Schönhausen seinen Antrag, zur Tagesordnung überzugehen. Schon anfangs erregten seine Ausdrücke »Oktroyierungsgelüste«, »Untertanen« stürmische Unterbrechungen, Heiterkeit und Glockenaufschläge des Präsidenten Schwerin. Mit beißender Ironie stellte er fest: »Mag in Anhalt-Dessau oder da, wo der morgenrötliche Glanz der mecklenburgischen Freiheit strahlt, konstitutionell sein, was da will, hier ist nur das, was auf der preußischen Verfassung beruht.« Seine im einzelnen sehr begründete Kritik einer Reichsverfassung, die ganz sonderbare Bestimmungen über Wahlmodus und Vertretung der Kleinstaaten zuungunsten Preußens enthielt, gipfelte in der heiteren Enthüllung: »Liechtenstein, was so viel Einwohner hat wie Schöneberg, würde denselben Einfluß ausüben, als preußische Regierungsbezirke mit 400 000 Einwohnern.«

Dem Kaiser von Gnaden der Frankfurter Verfassung werde zugemutet, etwa Österreich oder Bayern als Rebellen zu behandeln, wenn sie nicht jeden Paragraphen durchführen wollen. »Das ist es wohl, wohin uns die Herren von der Umsturzpartei haben wollen.« Die Demagogen würden vor den Kaiser mit dem Reichswappen hintreten: Glaubst du, dieser Adler sei dir geschenkt? Zwei Herren Gebrüder Simon hätten in der Zeitung entschieden beansprucht, daß sie nur das ganze Deutschland wollen. Er verbreitete sich über diese noble Großartigkeit der Simone, die für ihn etwas Beunruhigendes hatte. Aus taktischen Gründen zog er auch den Krieg gegen Dänemark herbei, wo man aus Unterwürfigkeit gegen die Frankfurter Doktrinäre die Revolution verteidigt habe, zum Ruin der preußischen Küsten, damit die Frankfurter »gemütlich in der Zeitung lasen, wie weit hinten in Dänemark die Völker aufeinander schlagen«. Die mit witzigen Erörterungen gespickte Rede enthielt den Grundsatz: »Die deutsche Einheit will jeder, sofern er nur deutsch spricht, mit dieser Verfassung will ich sie nicht«, und schloß: »Das Gold dieser Kaiserkrone soll erst durch Einschmelzen der preußischen Krone gewonnen werden, und ich habe kein Vertrauen, daß der Umguß in diese Form gelingen wird.«

Diese gesunde staatsmännische Vernunft wirkte leider wie Gift auf den unglücklichen Monarchen, der stets aus Verzagtheit in maßloses Machtgefühl, aus schlaffem Zögern in übereilte Hitze verfiel. Er löste die Kammer auf und drohte in einer diplomatischen Note dem Frankfurter Parlament, jetzt würden die Regierungen selbst eine neue Verfassung den deutschen Völkern aufzwingen. Bismarck entsetzte sich über solche Torheit und vergrub sich in Reinfeld, um allem Wust zu entrinnen. Etwas Erzdümmeres als die Einbildung, 35 »Obrigkeiten« unter einen Hut bringen zu können, wobei sie sich freiwillig zugunsten des verhaßten Preußen vereinen sollten, ließ sich nicht denken. Das war gerade das Verfängliche, daß Preußen überhaupt keinen anderen Einheitsfreund hatte, als eben die Demokratie selber, das deutsche Volk. Durch diese brutale Zurückstoßung drängte man aber gewaltsam die Nation in das Wirrsal an den Rand des Abgrundes zurück. Kaum überstand man die Angst vor der Revolution, als man sie, die noch hübsch bei Kräften war, durch solchen Fußtritt aus ihrem halben Zähmungsschlummer erweckte. Ja, man verlieh ihr einen Rechtsboden, Legitimität, wenn sie eine neue Schilderhebung versuchte. Die Frankfurter Reichsverfassung, so schnöde mißhandelt, konnte jetzt dem republikanischen Radikalismus den Vorwand liefern: da sehe man, daß alle Fürsten Verräter an der deutschen Sache seien.

Die Folgen blieben denn auch nicht aus. Es hagelte Hiobsposten von allen Seiten. In Rheinland und Westfalen, insonderheit in Köln, Düsseldorf, Elberfeld, Krefeld, Hagen, Iserlohn gab es Aufstände und Gehorsamsverweigerung der Landwehr. Das Militär hier den kürzeren ziehend, suchte sich in Sachsen schadlos zu halten, wo die sächsischen Truppen den furchtbaren Dresdner Aufstand nicht niederhalten konnten, und die preußischen sich ihre Revanche holten. Daß außer anderen politischen Industriellen sich auch der russische Flüchtling Bakunin unter den dort Gefangenen befand, begriff man noch nicht in seiner Bedeutung. In Hessen, Bayern, Württemberg kam es zu stürmischen Auftritten, in der bayrischen Pfalz und in Baden riefen provisorische Regierungen die Republik aus, das badische Heer ging zu den Insurgenten über. Das deutsche Parlament, aus Frankfurt nach Stuttgart geflüchtet, bestand nach Ausscheiden der Kaiserlichen nur noch aus Radikalen, wie dem Naturwissenschafter Karl Vogt und dem Breslauer Juristen H. Simon. Der Vorsitzende Löwe-Calbe und der zweite Obmann Ludwig Uhland, der hier eine bei Dichtern seltene Tapferkeit bewies, zählten im Hotel Marquard die Häupter ihrer Lieben, und es fehlte manch teures Haupt.

Mit den sogenannten Reichstruppen des preußischen Generals Peuker wären die Aufständischen längst fertig geworden, doch einer großen Übermacht preußischer Truppen unter dem kommandierenden Kriegschef Prinz von Preußen erlagen sie nach sehr tapferer, längerer Gegenwehr. Der alte polnische Unheilstifter Mierolawski und andere Zivilisten verrieten dabei kriegerische Begabung. Ein Beweis, daß bei breiterer Organisierung und weiterem Ausgreifen die Revolution in Süd- und Westdeutschland gesiegt haben könnte. Auch ein Teil des bayrischen Heeres stand auf dem Punkte, zu meutern und die Waffen für die Empörung zu erheben. Otto traf bei einem Abstecher nach Berlin den bayrischen Gesandten Graf Lerchenfeld und sagte ihm auf den Kopf zu: »Gott gebe, daß Ihre unsicheren Elemente abfallen, dann wird der Kampf entscheidend und heilt das Geschwür, das aber fortwuchern wird, wenn Sie mit den Meuterern Frieden machen.«

»Ach Sie!« Lerchenfeld verhehlte nicht seine Bestürzung. »Ihre Feinde, Herr v. Bismarck, nennen Sie leichtsinnig, und mir scheint, Sie spielen gern mit dem Feuer.«

»O ja, mit Feuer und Schwert, wenn's sein muß. Seien Sie unbesorgt, wir Preußen reißen Ihre Sache durch, je toller, desto besser.«

»Ich glaube Ihnen nicht. Allein, Ihre Zuversicht hat etwas Ermutigendes.«

Seine helle Freude hatte Otto am Auftreten des Prinzen von Preußen, an dem Nachdruck, mit dem er den Krieg führte, an dem Stolz, womit er absichtlich verspätete Beihilfe österreichischer Truppen zurückwies. Der sonst überaus humane und gewissenhafte Prinz entfaltete bei den Kriegsgerichten unerbittliche Strenge. Vor allem ließ er keine Gnade walten gegen geborene Preußen in den Reihen der Aufrührer. Der beste unter diesen, der Offizier Friedrich Freiherr v. Beust, rettete sich nach der Schweiz, wo er jeden Titel ablegte und als Leiter einer Musterschule hochbetagt starb, nachdem seine schöne und geistig hochstehende Braut ihm auf romantische Weise dorthin als Gemahlin folgte. Auch die Maulhelden Hecker und Struwe entkamen. Bis in Bismarcks Kreise drang nachher das Lied: »Wenn sie werden fragen, lebt der Hecker noch? denen sollt ihr sagen, Hecker hänget hoch! Nicht an einem Baume, nicht an einem Strick, sondern an dem Traume deutscher Republik!« Ein wieherndes Gelächter begrüßte diese Versprobe, die Junker wußten sich nicht zu lassen vor Vergnügen.

»Träume sind Schäume!« lachte Herr v. Kleist-Retzow. »Doch zu dem Strick kann dem Burschen noch geholfen werden, wenn er sich je wieder mausig macht. Ich wollte nur, man könnte unsere eigenen Heckers hängen, die mit dem Kammermandat.«

Er erinnerte Otto an eine deutsche Marseillaise, die einige Deputierte bei der Gedenkfeier für den 18. März sangen: »Wir färben recht, wir färben gut, wir färben mit Tyrannenblut.« Otto hatte dies in der Kammer zitiert und die Gewissensfrage gestellt, mit wessen Blut sie ihr Banner färben wollten? unter heftigem Murren und Zischen.

In die neue Kammer, die am 7. August eröffnet werden sollte, mußte er sich wieder wählen lassen und schied Mitte Juli von Reinfeld. Als er abfuhr, stand die Gattin auf einem Hügel zwischen Kieferbüschen und winkte mit dem Taschentuch, und ihm liefen die hellen Tränen herunter. In Schlawe trank er räucherige Bouillon und dachte an seine Brautfahrt, wo hier bezechte Offiziere mit ihm anstießen. »Gestatten Sie, mein Name ist v. Löper«, stellte sich ihm ein gesprächiger Herr vor, der ihn bis Cöslin langweilte, wo er dem Kultusminister Schwerin in die Arme lief, einem geschworenen Gegner, der ihm aber die Ehre antat, bis Naugard zu schnarchen und dann bis Stettin seine Weisheit auszukramen, ein guter Mensch, aber unverbesserlich. In Stettin bekam er schlimmes Reisegepäck in zwei Damen aus Posen, die über polnische Räubereien wehklagten und ihn in Berlin graziös Gepäckträger und Droschke bezahlen ließen, ehe er sie in Meinhards Hotel absetzte. Sein Schwager Arnim war auch kein erfreuliches Anhängsel, als Otto ihn spät abends aus dem Schlaf weckte und er ihm wieder zwischen den Händen entschlief. Die Schwester, wieder von einem dicken Bengel entbunden, blühte wie eine Rosenknospe.

Es schlug elf auf der Turmuhr, als er in Schönhausen ankam. Hildebrand lief mit freudigem Grinsen ihm entgegen und spannte die Pferde aus, der Gutsherr steckte an traniger Lampe seinen Wachsstock an, fand kalte Taube vorrätig und schlief wie ein Ratz. Am anderen Morgen war Wahlgang in der Kirche. Der Vorsitzende Münch zeigte ihm vier sonderbare Gestalten. »Das sind hier außen Demokraten, Gastwirt Robenow, zwei Schäfer und ein Blödsinniger.« Mit Stadtrat Gärtner überwarf sich der Schönhauser beinahe, weil dieser um Gottes willen die Demokraten nicht reizen wollte, die am Ende die Gegend aufwiegeln könnten. Er schlug dessen Mittagstafel aus und labte sich lieber als richtiger Landmann an einer riesigen Schüssel Kohlrabi mit dem alten Verwalter Bellin. Abends auf der Bank vor der Gartenstube, wo er zwei Stunden lang balsamische Lüfte einsog, dachte er an alte Tage vor zwei Jahren und pries sein Schicksal ruhigen Glückes in stiller Häuslichkeit. Deshalb müsse Johanna, schrieb er ihr, den bösen Geistern entgegenwirken, die sie mit krankhaften Angstgebilden plagen wollten. Gottes starke Hand sei über ihnen.

*

Er saß wieder in Brandenburg, und das Zuchthaus tat ihm auf den Mutterschoß, d. h. er wohnte in der Strafanstalt bei Barschall. Base Franziska, die er »Ziß« taufte, schenkte ihm gerade Kaffee ein, als ihm Barschall betrübt meldete, an Wiederwahl sei wohl nicht zu denken. »In Genthin sagen sie auch, sie wollen gern, aber sie bringen Sie nicht durch. Die Roten schüttelt man ab, aber nun haben die Wahlmänner sich auch den Rücken gedeckt, um gegen alles Front zu machen, was – was –«

»Frei heraus, was nach Reaktion riecht, he! Ich rieche den Braten. Im Hintergrund reiben die Roten sich die Hände. Vetter Pobenow hat da so eine saftige Redensart, die ich mir in Anwesenheit von Damen verkneife. Na, wenn mich Vetter Gustav nicht in Stolpe durchbringt, hoffe ich, noch in Ruh' und Frieden mit Hanna am Ostseestrand zu spazieren. Frische Flundern sind auch nicht ohne, und die ganze Wahl ist mir Wurscht.«

Beim folgenden Wahlkampf mußte er oft herzlich lachen über die Räubergeschichten, die man den Bauern über ihn beibrachte. Aus dem Schönhauserkreise munkelte ihm einer geheimnisvoll zu: »Hört man Ihren Namen bei uns, so lernt man das Gruseln. Man kriegt eine Gänsehaut vor altpreußischen Hieben, die ein Junker uns überzieht. Es ist doch nicht wahr, daß Sie die Fuchtel wieder einführen wollen?« In einer Versammlung schrie ein gelehrter Demokrat, der Grillparzers Ahnfrau gelesen hatte: »Den Schönhauser wollt ihr wählen, der in des Landmanns Nachtgebet dicht neben an dem Teufel steht?«

Er war immer die Sanftmut selber gegen die gemeinen Leute gewesen. Mit bitterem Lächeln dachte er an Byrons Spott: Ich, der mildeste, sanfteste der Menschen, der nie etwas besonders Ungütiges tat, ich gelte natürlich als Menschenhasser. »Weil ihr mich haßt, ich nicht euch.« Das paßte freilich nicht ganz, denn in vorigem Jahre hatte Otto genug Haß aufgespeichert, der schon verschimmelt und abgelagert war. Besser paßte ihm Hamlets Selbstbezeichnung: »Wenn ich auch mild und schonend von Natur, so ist doch was Gefährliches in mir, das ich zu scheuen bitte.« Und der Streitbare wurde doch gewählt, nachdem er über die jämmerlichsten persönlichen Eitelkeiten zeterte und »Tag und Nacht dich, mein Engel, und deine Sorge und das kleine Wesen«, das Keuchhusten hatte, im Herzen trug. Der liebe Gott steckte die Zuchtrute wieder hinter den Spiegel. Otto dampfte erneut nach Reinfeld ab, von wo er erst wieder nach Eröffnung der Kammer abfuhr. In Berlin beschäftigte er sich drei Tage mit einer häuslichen Angelegenheit, die Amme Friedrike betreffend.

Hans v. Kleist-Retzow wohnte mit ihm im selben Gasthof und wurde sehr zutunlich. »Früher machten Sie mich immer kopfscheu, lieber Otto, Sie haben manchmal so was Sonderbares. Aber jetzt weiß ich, daß Sie ein gemütlicher Christenmensch sind.« Um ihm seine Anerkennung durch die Tat zu beweisen, weckte er Otto jeden Morgen aus dem besten Schlaf, und las ihm aus Geßners Schatzkästlein vor, nebst gesund-nahrhafter Morgenandacht. Retzow war klein und von schon ältlichem Aussehen, alles an ihm grau, Haare und Rock. Bei aller Frömmigkeit fehlte es ihm nicht an streberhaftem Ehrgeiz, weshalb er sich in die nun in Berlin sitzende neue Deputiertenkammer wählen ließ und von Ottos politischem Einfluß auch einige Brosamen für sich selber erwartete. Der kleine Mann tyrannisierte den Hünen, der sich dies mit der Gutmütigkeit eines Neufundländer Hundes gegen ein Miezekätzchen gefallen ließ. Sie zogen zusammen in eine Wohnung, Friedrichstraße 70, Ecke Taubenstraße, wo aber Otto sich selten aufhielt, weil er wie ein gehetztes Wild umherlaufen mußte, von allen Seiten in Beschlag genommen. Stöhnend las er sich solch ein Tagesbudget vor: »Um 9 Uhr Ludwig Gerlach bei mir, um 10 Uhr ich zu Wagner auf die Redaktion, um 11 Uhr Kommissionsausschuß, um 1 Uhr Kammersitzung, um 2 Uhr Rendezvous mit Leopold Gerlach, um 3 Uhr Diener bei Voß, um ½5 Uhr bei Manteuffel, um 6 Uhr Fraktionskonferenz im Rheinischen Hof, um 7 Uhr Abfahrt nach Potsdam zum Tee bei Prinzeß Augusta. Uff! Wie soll das enden?«

Die Schwiegermutter, die überall Nebenbuhlerinnen Johannas argwöhnte, las auch in der Kreuzzeitung mit Unruhe von einer vornehmen Gesellschaft, wo er mit einer »auffallend schönen Engländerin« zusammentraf. Es war dies Lady Jersey (ein Name byronischen Angedenkens), und sein gutes Englisch machte ihn freilich der Dame angenehm. Sie interessierte sich wie alle Ladies der regierenden Klasse für Politik und fragte ihn aus: »Unser Prinzgemahl schrieb doch an die deutschen Könige, sie möchten in Frankfurt persönlich mit dem Parlament dort verhandeln. Warum wollten sie das nicht?«

»Weil das Parlament nicht legal ist wie ein englisches, Fremde können unsere Innenverhältnisse nicht beurteilen.«

»O, Sie sind Hochtory, höre ich. Doch der Prinzgemahl ist liberal wie unsere Regierung und kein Fremder, selber ein Deutscher.«

»Und doch sieht er alles mit englischen Augen. Sein Vertrauter, Baron Stockmar, ist auch ganz in den Klauen unserer gelehrten Liberalen und möchte alles nach englischem Muster zuschneiden. Erst aber soll er uns schenken, was wir hier nicht haben: Englische Religiosität, Gesetzesachtung, Wohlstand, Commonsense. Dann mag man meinethalben regieren wie dort, sonst nicht. Wir haben keine so begüterte mächtige Aristokratie, die das Gleichgewicht in der Verfassung hält. Das Volk wuchs in England erst sehr allmählich in die Parlamentswirtschaft hinein, und ein wahres parlamentarisches Leben, wie wir auf dem Kontinent es auffassen, begann erst nach der Reformbill vor nicht mal 20 Jahren.«

»Oh! Sie sagen, England hat kein richtiges Parlament früher gehabt?« wunderte sich die schöne Lady. Was diese Foreigners doch für sonderbare Schrullen haben!

»Sicherlich, früher gab es nur mehr oder weniger ein Adelsparlament, wo im Unterhaus die Städte lächerlich gering vertreten waren. Die Rotten Boroughs –«

Sie seufzte: »Ja, das war auch eine bessere Zeit. Wir haben viel verloren.«

Wenn die Leute bei uns nur eine Ahnung hätten, wie es früher in England aussah! dachte Otto. Nicht mal die Habeas-Corpus-Akte hat Castleragh respektiert. John Bull ist trotz aller Stiernackigkeit der langmütigste Philister. Bei uns soll alles holterdiepolter gehen.

Na, die Dame ist wirklich eine Rarität, wie aus einem Keepsake mit Goldschnitt in den Salon herabgestiegen. Man würde einen Reichstaler preußisch Kurant bezahlen, wenn sie für Geld gezeigt würde. Ein Bild ohne Gnade, das man besichtigt wie ein Porträt von Gainsborough. Wie gleichgültig mir doch alle diese Venusse sind! Könnte ich nur wieder mit meinem Liebling, dem süßen Engel, hinter dem roten Vorhang schlafen, und morgens zusammen Tee trinken! –

Die Schwester hatte wieder mal Taufe. Der glückliche Papa befand sich jedoch in Prenzlau, wo er sein Gut Mittenwalde an einen Pächter übergab. Otto erinnerte sich der Kniephofer Zeit, wo er noch ganz in solch kleinlichen Privatgeschäften aufging. Das war nun anders geworden, er war ein einflußreicher Mann, aber doch sozusagen platonisch ohne Staatsstellung, die er auch gar nicht wünschte. Im Grunde blieb der Rittergutsbesitzer in ihm das Maßgebende. Wenn er einen lieben Brief von Nanne erhielt, berauschte er sich beinahe in allzuviel Champagner. Sonst saß er abends auf rotem Plüschsofa und braute sich einen von Malwine geschenkten Tee in einem messingenen Sonntagskessel, den ihm die Wirtin eigenhändig blank putzte. Diese friedfertige Junggesellenehe mit Hans Kleist-Retzow war aber nicht ganz nach seinem Geschmack.

Im Tiergarten kannten seine Pferde schon jeden Stein und jede Vertiefung im Boden, weil er stets die gleichen Wege ritt und fuhr. Im Landtag langweilte er sich gräßlich, machte aber einen Ausfall gegen die Zentrumspartei Auerswald und rühmte sich schon, ihr ein paar Dutzende Anhänger abspenstig gemacht zu haben, die sogenannten Zentrümer, die Gemäßigten, bei denen viele Wohlmeinende hängenblieben und wie arglose Fische im Netz der Phrase sich verfingen. Diese braven Leute und schlechten Musikanten wußten wirklich nicht, was sie wollten, stimmten aber unentwegt weiter für jedes radikale Amendement, sobald es »verfassungstreu« klang.

Hänschen Retzow kam sich unendlich wichtig vor, da er viele Besuche empfing. Ein langer Landjunker, v. Pannwitz, saß den ganzen Morgen da, ohne den Mund aufzutun. Ein Herr v. Höfel aus Studaitz und fünf Dorfschulzen und Bürgermeister vertrieben Otto aus dem gemeinsamen Wohnzimmer, so daß er in sein Schlafstübchen ging und den hohen Himmel betrachtete. Drinnen wurde lebhaft politisiert, er hörte jedes Wort.

»Hoho, unsere Frankfurtianer sehen aus wie trauernde Lohgerber, denen die Felle wegschwimmen. Die Ungarn sind futsch. Auerswald jammert, Görgey sei bestochen. Der große Zar! Welch ein Mann, welche Großmut! Wie er ohne jeden Eigennutz dem jungen Kaiser Franz Josef seine Monarchie zurückgibt! Alles für die gute Sache gegen den gemeinsamen Feind, die höllische Revolution!«

Ach Gott, was kümmern wohl den süßen Himmel dort oben alle höllischen Quacksalbereien! Lauter kleine Wolkenschäfchen färben sich abendrot über den Wipfeln vom Park Prinz Karls, über der langen Friedrichstraße eine lange blaue Strecke goldighell und unbewölkt. So sahen wir's, Nanne und ich, in Venedig. Der Himmel ist über uns allen, sagt Cassio, und ich will beten gehen.

»Venedig ist gefallen!« jauchzte Hans drinnen, da ein Extrablatt der Vossischen Zeitung soeben die Nachricht ausrief: »Ergab sich auf Gnade und Ungnade!«

Ooch 'n Genuß! Jedenfalls können wir wieder ungestört hinreisen und die große Pauke und die Holztrommeln der Musikkapelle auf der Piazza hören und die langen Weißröcke vom Grenadierkorps auf Posten ziehen sehen. Wie naiv übrigens Hans ist! Wahrscheinlich freut sich auch der König über Österreichs Wiederherstellung und Intimität mit Rußland! Als ob der Zar nun nicht väterlich den jungen Kaiserpflegling begönnern und uns die kalte Schulter zeigen wird! Unsere Koalition mit Liberalität war ihm ohnehin ein Greuel und ein Erstarken Preußens oder gar eines einigen Deutschland behagt ihn gewiß nicht. Hätte man das Interregnum benutzt, im vorigen Herbst und jetzt gar im Frühjahr, wo der Donaustaat nicht den kleinen Finger mehr ausstrecken konnte, um in der deutschen Pastete zu rühren, dann wäre Preußen alleinherrschend bis zum Bodensee geworden, und ohne daß man mit der Revolution verhandeln mußte. So aber beginnt der alte Tanz von neuem, Österreich wird nie die preußische Suprematie anerkennen, wir stehen jetzt einsam da, verhaßt den Völkern draußen, und von den Fürsten beargwohnt. Na, mir soll's recht sein, solange wir wenigstens im Innern unser Haus wieder in Ordnung bringen. Je m'en moque über das Kammer-Strohdreschen.

»Onkel Ludwig« Gerlach hielt jetzt als Abgeordneter viele rechtskräftige Tribunalsreden. Bethmann-Hollweg, eine neue parlamentarische Größe, lavierte zwischen Konservativen und Gemäßigten nach dem Wind. Ein jüdischer Gelehrter Stahl tauchte als Kirchenlicht der Kreuzzeitung auf und verherrlichte das mystische Gottesgnadenrecht Friedrich Wilhelms mit talmudischer Spitzfindigkeit. Die Liberalen vom Schlage des gewesenen Ministers Camphausen behielten aber doch Oberwasser.

»Die alte Frankfurtei wie unter dem Königsberger Juden Simson!« jammerte Kleist-Retzow. »Was soll aus dem Salat werden!«

»Bah, er wird kalt serviert mit Öl und Essig von Ideologie, dazwischen gehackt Beckerathscher Blumenkohl! Diese professoralen Klopffechter sind doch nur Jünglinge mit Kinderkrankheiten, die sentimental in die Mondscheinnacht hinein romantische Luftschlösser bauen und auf ihr Schicksal warten, das ihnen irgendeine Austerlitzsonne bescheren wird.«

Hans wieherte vor Vergnügen und erkundigte sich ehrfurchtsvoll, wie Otto gestern bei Prinz Albrecht speiste. Dieser hatte die quängliche, eigensinnige Bevormundung des grauen Männchens satt und brachte ihm scherzend bei: »Wir leben zusammen als Staatenbund, nicht als Bundesstaat, was 'ne faule Sache is!«

»Aber wir werden jetzt daran glauben müssen, seit Majestät den Dreikönigsbund mit Sachsen und Hannover schloß.«

»Ach, das ist so'n geschriebener Traktat, ein Stück Papier. Daraus wird nichts Lebendiges.«

Bei Schwager Oskar Arnim traf er die Karlsburger Kusine Gräfin Karoline, die in Hannover zu Besuch gewesen war, und erkundigte sich bei der klugen Frau, ob sie dort in Hofkreisen etwas von »nationaler« Schwärmerei für Preußen entdeckt habe. Sie verneinte kleinlaut. Einen besonderen Zahn hatte Otto auf den sowohl liberalisierenden als katholisierenden General von Radowitz, den geheimen Ratgeber des Königs, er packte ihn häufig in der Kreuzzeitung an, in Anonymität gehüllt. Mit Verdruß bemerkte er übrigens, daß die starr konservative Gesinnung, die er seit den Märztagen wie einen Harnisch anschnallte, in der eigenen Familie auf Widerspruch stieß. Die Schwiegermama hatte bei aller Frömmigkeit in ihrer Jugend die humanitären Grundsätze der Befreiungskriege eingesogen, er ertappte sie sogar bei einiger Zuneigung für Rousseaus Utopien. Die Reddenthiner dachten konstitutionell, und sein Schwager hatte zwar junkerliche Anwandlungen und saß stramm zu Pferde, litt aber an einer Blasiertheit und religiösen Gleichgültigkeit, die eine wirkliche Übereinstimmung mit Ottos Lebensernst nicht aufkommen ließ.

»Du wirst dich noch zu Tode langweilen«, warnte er, als er in der Dragonerkaserne mit ihm und Vetter Fritz Bismarck-Bohlen, jetzt Rittmeister, und dem Flügeladjutanten Graf Oriola allzuviel Champagner trank.

»Und du, mach' mir doch keine Wippchen vor! Meine Herren, der mopst sich entsetzlich und will hier Bilder rausstecken! Gestern warst du beiläufig recht lau und flau in deiner Fehde mit Beckerath. Die Vossische und Spenersche übergießen dich mit Druckerschwärze. Das ist keine Schokolade.«

»Ich hatte Stockschnupfen und vergaß wie vernagelt meine besten Points. Gott mochte es nicht wollen.«

Oriola lächelte überlegen, und Arnim rief: »Wichtigkeit! Der liebe Gott wird sich schön hüten, dir deine Reden zu inspirieren. So is er nu!«

»Glauben Sie denn ernsthaft an eine persönliche Vorsehung?« fragte Oriola neugierig.

»Der große Gott, der Welten dreht, kann auch mich mit seinen Flügeln decken«, erwiderte Otto einfach und ruhig. »Ich weiß, lieber Graf, daß sie unchristlich denken, wie viele am Hof und in höheren Beamtenkreisen, im Gegensatz zu unserem Herrscherhause. Doch ich sehe an Oskar, wohin das führt, und habe es selber durchgemacht. Der Glaube versetzt Berge, ohne ihn liegt es bergschwer auf der Brust.«

»Ich bestreite aber, daß es dazu des Christentums bedarf«, trumpfte Oriola auf. Seine einst portugiesisch-jüdische Herkunft mochte dabei im Blute mitreden. »Der Glaube an die Menschheit, ihre Vervollkommnung und glückliche Zukunft beseligt mich. Ich für mein Teil bin Philanthrop und finde darin Befriedigung meines Gemütes.«

Otto lächelte bitter. »Zu solcher Höhe selbstloser Menschenliebe vermag ich mich nicht aufzuschwingen. Ich brauche einen Gott und sein Sittengesetz, um meine bestialisch-kannibalische Natur zu zähmen. Ich bin leidlich tugendhaft, sagt Hamlet, und doch habe ich mehr Sünden als Haare auf dem Kopfe, wenigstens sündige Triebe und Anfälle. Die muß mir ein Höherer verzeihen. Von Menschen erwarte ich keine Verzeihung, und ihre Verdammung ist mir so schnuppe wie ihr Lob.«

»Ein bedeutendes Selbstgefühl!« warf Oriola spitz hin.

»Keineswegs. Nur ein bedeutendes Scham- oder Nichtsgefühl. Denn daß meine werten Nebenmenschen kein Jota besser sind als ich, steht mir fest. Und an diese kompakte Masse von Idioten und Übeltätern soll ich glauben? unter dem Kollektivbegriff ›Menschheit‹, der ebenso vag und verschwommen klingt wie ›Volk‹? Nichts da! Auf Vervollkommnung hoffen, gerade in unseren Tagen, scheint mir unfaßbar. Die Revolution faselt ja von Menschenglück und hat mehr Blut, Vernichtung, Tränen gekostet als jeder Absolutismus.«

»Da sind wir wieder bei unserem Steckenpferd!« rief Vetter Fritz fröhlich, um das peinliche Gespräch abzubrechen. »Besser als ein liberales Schaukelpferd. Wie war's gestern bei Schwarz in der ›konservativen Bierstube‹? Königsberger Klops soll dort gut sein.« –

*

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