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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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Eines Abends schleppte er in eine Bierstube, wohin ihn der Durst trieb, den unterwegs getroffenen Thadden, der aus Ungarn zurückkehrte, wohin er zum Studium der revolutionären Ereignisse einen Ausflug machte. Der würdige Edelmann, ein denkender Kopf voll selbständiger Eigentümlichkeit, verbindlich und taktvoll in besten Formen, sah sich in der Presse aufgehängt in effigie als Vogelscheuche dummer Feudalität. Otto selbst stand am Pranger als wiederauferstandener Wegelagerer aus der Quitzowzeit, Schreckgespenst für alle politischen Kinder. An tiefer Bildung und Belesenheit turmhoch die Zeitungsschreier überragend, fühlten die beiden Aristokraten sich als Geächtete inmitten einer Sintflut geistiger Analphabeten. Der grause Narr Bismarck begann leichthin, nachdem beide sich am Biertisch niederließen:

»Faulheit ist eigentlich bei uns obligatorisch, sozusagen Nationalcharakter. Nur der Zwang des bunten Rocks und der festen Bureaustunden packt uns beim Zipfel. Im Namen des Königs haben wir Pflichtgefühl. So züchten wir lauter Subalternoffiziere und keinen selbständigen Generalstab.«

»Ihr Esprit schießt immer zwei Pferdelängen übers Ziel hinaus.«

»Durch Übertreibung malt man die Wahrheit deutlich, daß jeder sie packen kann. Was war die Revolution? Ein bureaukratisches Mißverständnis durch Mißbrauch des königlichen Namens. Keine 10 000 Menschen außer den Polacken waren damit einverstanden, doch die Millionen blieben faul im Bette liegen. Faultiere kleben wenigstens auf Bäumen, doch wir Schwarzweißen faulenzen im Bau wie Hamster.«

»Dann sind Sie kein Schwarzweißer, sondern ein Schwarzrotgoldener!« lachte Thadden. »Sie sind rührig wie ein Wiesel und brummig wie ein Bär.«

»Danke! Bin nicht frei von der Faulheitsepidemie, denn ich leide an krankhafter Furcht vor meinem Tintenfaß. Nur wenn's austrocknet, erleichtert mich seine Nähe. Übrigens mißverstehen Sie mich nicht! Ich wittere hier eine große Moral. Wir höhnen uns Michel mit der Zipfelmütze, das tun wir, um uns noch mehr aufzustacheln. Tatsächlich sind wir die turbulentesten Individualisten, die leidenschaftlichsten Freiheitsgierer Europas. Was bei den Französchen nur Maske für ihr eingeborenes Sklaventum, das jedem Leithammel folgt, ist bei uns Naturtrieb. Drei Deutsche, drei verschiedene Meinungen! Seid Untertan der eigenen Eselei und beileibe nicht der Obrigkeit, heißt unsere Parole. Wer wußte das besser als ich! So dachte meine Jugend mit Byron: ›Ich bin geboren zum Opponieren‹. Aber wissen Sie, wofür ich das halte?«

»Für germanische Kraft.« Thadden sah ihm fest ins Auge.

»Bravo! Da sehen Sie, wie die Natur sich selbst korrigiert. Realpolitik ist nur natürliche Entwicklung. Dies Volk von Individualisten würde in alle Winde zerflattern, wenn es nicht sich selbst ein Sicherheitsventil öffnete: die monarchisch-staatliche Zucht und Standesgliederung. Nie wird das Ausland begreifen, daß freiester Mut im allgemein geistigen Denken und stärkste Charakterunabhängigkeit sich mit gehorsamer Unterordnung unter die angestammten Herrscher paaren, die man mit vollen Backen kritisiert, aber dabei anhänglich ehrt. Der Deutsche weiß, warum er monarchisch fühlt, warum er die verhaßten Behörden trotzdem mit mystischem Nimbus respektiert. Ordnung muß er haben und Organisation für seine schrankenlose geistige Freiheit. Nur so kann er sich real behaupten. Preußen als Erzieher! Und wer dem Deutschen das Band monarchischen Fühlens raubt, ist ein wahrhaft nationaler Hochverräter. Er nimmt uns den realen Halt gegen die verlogene Demokratie des Auslands, die nur praktische Nationalinteressen vertritt und sich auf Deutschland als willkommene Beute ihrer Willkür stürzen würde. Nicht als Junker hasse ich die Revolution, sondern als Deutscher.«

An einem Nebentisch krähte soeben eine durchdringende Stimme: »Jene ruchlose Kamarilla in Potsdam vergiftet unser glorreiches Verfassungsleben. Doch passen Sie auf, erleuchtete französische Emissäre –« Das Folgende verklang undeutlich. Eine Kohorte taktfester und taktvoller Demokraten lagerte offenbar in Nähe der beiden wohlbekannten Junker, um die mittelalterlich verpestete Luft mit dem stählenden Odem moderner Freiheit zu erfüllen.

»Werden den Schlamm aufwühlen,« ergänzte Otto vernehmlich, »bis manches Galgenfutter, das jetzt den werten Mund aufreißt, den Platz findet, wo es hingehört. Versprecht den Arbeitern und Bauern goldene Berge! Bald sehnt man sich aus Eldorado von Wolkenkuckucksheim in vormärzliche Ruhe zurück. Und solange die Armee gesund bleibt, ist materielle Macht noch da, man muß nur dem Spuk ins Gesicht leuchten.«

»So ist's. Die Revolution war nur ein Spielzeug der Beamten und der angeblich gebildeten Stände. Wir können den Brand ausschneiden, wenn nicht Gottes Wille, daß unser Vaterland untergeht.«

»Hilf dir selbst, so hilft dir Gott«, murmelte Otto. »Las gestern nacht das Buch der Makkabäer, hohe Poesie. ›Das Blut wird von der Kelter gehen bis an die Zäume der Pferde.‹ Mir schwebt so 'ne Vision vor, ein Rotes Meer, durch das wir waten zum Gelobten Land.« Thadden lachte leise. »Wodurch habe ich den Vorzug, Ihre Heiterkeit zu erregen?«

»Ich dachte, wie sich Ihr Bild in den Köpfen der Menge spiegelt. Wie der biedere Sächser von Napoleon sagte: ›Er war Sie ä gutes, aber ä dummes Luder‹, oder der preußische General: ›Uf Ehre, ein guter Kerl, aber dumm, dumm!‹ Die Schwätzer nehmen Sie nicht ernst, Sie!«

Wieder scholl am Nebentisch vernehmliches Orakel: »Die Weisheit unserer Kammer lähmen reaktionäre Hohlköpfe wie der berüchtigte Thadden und der verrückte Bismarck.« Ha, der Hieb saß! Man kicherte.

Otto sah sich nicht mal um und setzte in gleichmäßigem Ton die Unterhaltung mit Thadden fort. »Hört Cato reden! 350 Quatschköpfe beschließen, von denen 300 überhaupt nicht wissen, was sie tun, 30 Komödianten sich von ihrer eigenen Eitelkeit aushöhlen lassen und 20 gewissenlosen Ehrgeiz vorwärtspeitschen. Je unsinniger, desto unverschämter, von keiner Sachkenntnis getrübt, und je lauter, desto beliebter beim lauten Herrn Omnes.«

»Immerhin,« meinte Thadden leise, sich umsehend, ob kein Lauscher ihn höre, »scheint bedenklich, daß ein Parlament und eine Presse allein eine Revolution machen. Denn an realer Macht steht gar nichts hinter ihnen, die paar Barrikadenmärzler waren nur eine Handvoll gegen die Masse der Bevölkerung.«

»Die blieb dann eben nicht loyal«, sann Otto finster. »Schreit die Hauptstadt, sind die Provinzen das Echo. Siehe Paris, London, jüngst Wien, den Münchener Krawall. Quand Auguste buvait, la Pologne était ivre, wenn Berlin sich befuselt, trinkt Preußen Schnaps. Ja, liebster Thadden, Sie bringen mir eine böse Gedankenreihe. Revolution und Furcht vor ihr sind Einbildungen, doch der Mensch lebt eben nicht von Brot allein, sondern von jeglicher Schimäre. Karl I. hatte die absolute Gewalt im Lande, doch sobald sein Parlament die Steuern verweigerte und die Londoner Gevatter Schneider und Handschuhmacher als Miliz ausrückten, teilte sich die Loyalität. Mit dem Zauberwort Verfassungsbruch richtet man viel aus, die Beamten fallen um, die Armee neutralisiert sich, weil der bestimmte Befehl ausbleibt. So terrorisiert eine Bande Jakobiner das ganze Land. Nachher kommen Cromwell und Bonaparte, die Herren von Blut und Eisen.«

In diesem Augenblick drang durch den tabakgeschwängerten Raum eine saftige Verbalinjurie: »Der Prinz von Preußen ist ein –.« Otto stand a tempo kerzengerade auf, knöpfte sich den Rock zu und wandte sich an den Sprecher mit klarer Stimme: »Sie da! Wenn Sie nicht das Lokal verlassen, ehe ich dies Glas austrink, schlage ich's Ihnen auf den Deez zusammen.« Der Mensch sprang empor, brüllend: »Hinaus, Sie gottverdammter Junker! Eins, zwei, drei von der Bank vorbei, verschwinde wie die Wurst im Spinde!« Unter tumultuarischem Toben und Johlen trank der Hüne gelassen sein Glas leer und schlug es dann mit raschem Auftakt dem Majestätsbeleidiger buchstäblich auf dem Schädel entzwei. Glassplitter flogen umher, der Mann fiel blutend und schreiend auf die Diele. »Kellner, was kostet das zerschlagene Glas?« brach Ottos ruhige Stimme die atemlose Stille. Er legte ein Geldstück hin und ging gelassen davon, gefolgt vom Beifall wackerer Spießbürger. »So muß es kommen, dem ist recht geschehen.« Denn der Mensch huldigt immer der Stärke. Gleichmütig erzählte Otto auf dem Heimweg dem verdutzten Thadden eine Anekdote vom französischen Diplomaten Persigny, der soeben den weiblichen Reizen des Berliner Hofes allzu deutlich sein Interesse ausdrückte. »Handgreiflichkeit ist aber heut zeitgemäß.« –

Einer Wiederwahl in den neuen Landtag, der in Brandenburg tagen sollte, konnte er sich nicht entziehen. Trotz der Bajonette »Papa Wrangels«, die dieser alte Nußknacker in den Berliner Straßen bei Zapfenstreich und Fahnenwacht hochtrabend spazieren führte, besaß die Demokratie im Lande noch beträchtliche Macht, auch in allen Kleinstädten der Mark. Otto hatte zwar keine Aussicht, in seinem eigenen Kreis gewählt zu werden. Er schob einen Verwandten seiner Frau, den Strafanstaltsdirektor Barschall aus Brandenburg, vor, vermählt mit Franziska von Puttkamer-Wersin. »Vor unserem Stadtrat Gärtner darfst du aber reinen Mund halten, der würde vor Schreck ohnmächtig«, schärfte er Johanna ein. »Ich selbst gehe zu Fränzchen ins Quartier nach Brandenburg, wo ich zur Wahl kommen soll. Gegen mich steht der bekannte Ziegler. Meine Chancen sind nicht schlecht.« Der Wahlkampf regte ihn auf, doch mußte er anerkennen, daß die Gegenpartei sich anständig benahm. »Sie sind durch!« frohlockte ein Genthiner Pastor, der kräftig agitiert hatte. »Wie wird Herr v. Briest sich freuen!« »Mir wäre lieber, daß meine Wähler sich freuen. Hochwürden erinnern mich an den Chefredakteur Wagener von der Kreuzzeitung, der auch immer optimistisch denkt.« – »Hören Sie doch nur, wie die Leute singen ›Heil dir im Siegerkranz!‹«

»Ja, sie haben schon viel in der Krone und machen mir Kopfweh«, wehrte er gleichgültig ab, indem er bei einer blakenden Lampe den Brief Johannas las und von kochendem Teewasser und netten Eiern träumte. »Wenn aus dem schrecklichen Gewühle ein süß bekannter Ton mich zog«, zitierte er leise Goethe. –

Die Thronrede bei der Landtagseröffnung enthielt die übliche Unklarheit. Bezüglich der deutschen Reichsverfassung blieb Beistimmung aller deutschen Potentaten vorbehalten. »Dann bleibt natürlich alles beim alten,« grinste Präsident Gerlach befriedigt, »denn Österreich und seine Klienten lassen sich auf die Frankfurterei nicht ein.« Otto schwieg dazu und wollte mit der Sprache nicht heraus. »Bei Ihnen wird man auch nie klug, woran man ist.«

»Das Preußenvolk fühlt jedenfalls keine Nötigung zu nationaler Wiedergeburt nach dem Kaliber der Frankfurter Theorien, darin sind wir einig. Das Heranziehen der englischen und französischen Revolution ist ganz verkehrt. Erstere strebte nach Freiheit, letztere nach Gleichheit. Jeder englische Proletarier hat männliche Unabhängigkeit, anerkennt aber die höhere soziale Stellung eines Gentleman. Der französische Arbeiter wird grundsätzlich unhöflich gegen jeden, der einen besseren Rock trägt. Der englische freie Mann ist stolz genug auf den eigenen Wert, um sich sozialen Standesunterschied gefallen zu lassen. Französische Gleichheit aber ist die Tochter von Neid und Habgier. Seit 60 Jahren voll Blut und Aberwitz jagt dies begabte Volk einem Phantom nach, das sich nie erhaschen läßt, denn die Menschen sind nicht gleich. Die deutsche Demokratie aber nimmt sich nicht die stammverwandten Briten zum Wuster, sondern will Französisches uns einimpfen, als hätten wir die Pocken und brauchten ein Gegengift. Die Frankfurter Verfassung will die Abschaffung aller Titel aushecken, da kann man sich nicht wundern, daß der König sich vor solchen ekligen Dünsten die Nase zuhält.«

»Bravo, so lob ich Sie. Und die ›Kreuzzeitung‹ macht prächtige Fortschritte, die sagt mal gründlich die Wahrheit.«

So gründlich, daß Expräsident v. Unruh den Schönhauser eines Tages beiseite nahm. »Ein Wort, wenn ich bitten darf. Sie stehen diesem Organ sehr nahe. Wie können Sie mit Ihrem Ehrgefühl verantworten, daß dessen Spalten von Lügen und Verleumdungen überfließen, nicht mal anständige Damen verschonend. Sie wissen, was ich meine.«

Otto verfärbte sich leicht. »Mir ist das auch zuwider, doch man sagte mir, bei solchem Ringen auf Leben und Tod könne es nicht anders hergehen.«

»Wer solche Waffen braucht, besudelt sich selbst. Sie zucken die Achseln? Muß ich daraus schließen, daß Sie wenig skrupulös sind, nach dem Satz: Der Zweck heiligt die Mittel?«

»Schließen Sie, was Sie wollen, Herr v. Unruh. Ein Jesuit bin ich nicht, aber auch nicht mehr voll Milch frommer Denkensart. Á la guerre comme á la guerre!«

In der Tat machte sich eine ihm früher fremde Verbissenheit geltend. Ganz Parteimann geworden, ließ sich der Abgeordnete von West-Havelland von blinder Subjektivität anstecken, womit damals politische Gegner sich aufrichtig als dumm oder schlecht oder beides zusammen haßten. Er versprach, »die gelösten Bande des Vertrauens zwischen Krone und Volk neu zu knüpfen«, aber bewies selbst so wenig Vertrauen, daß er gegen Aufhebung des Belagerungszustandes sprach. Wenn die Liberalen über »Junkerparlamente« und »General Brennus«, der sein Schwert in die Wagschale werfe, zu toben anfingen, hielt er ihnen vor, Volk sei ein schlüpfriger Begriff, »meist eine Masse beliebiger Individuen, die man zur eigenen Meinung bekehrte«. Von Amnestie für politische Vergehen wollte er auch nichts wissen, der König habe bloß Rebellen begnadigt. »Rebellen!« schrie die Linke der Kammer auf. »Ja, meine Herren, Rebellen!« wiederholte er mit grimmiger Stimme und Geste, so daß er drohende Fäuste und wütende Ausrufe erntete. Mit Zornschärfe fuhr er fort: Keine parlamentarischen Majoritäten könnten so getrennte Weltanschauungen vertreten, wonach den einen ein Agitator als edler Wahrheitsbürge, den andern als Verbrecher gelte. Der Gott der Schlachten werde die eisernen Würfel werfen, und die Sentimentalität, die in jedem besoldeten Barrikadenkämpfer einen Märtyrer verehrt, wird zuletzt mehr Blutbäder verschulden, als eine strenge Justiz.

»Er schnarrt wie ein Kriegsgericht!« heulten die Feinde, und Otto unterstrich dies noch, indem er laut und offen äußerte: »Man muß sechs Trommler auf die Ministerbank setzen und jede Interpellation mit Trommelwirbel betäuben.« Zu Gerlach, der ihn aufhetzte, sprach er von Auflösung der Kammer, bis sie vernünftig werde. »Die läßt sich leichter mobilisieren als eine Armee.« Der blutdürstige Ton, der sich beiderseitig einbürgerte, verführte einen Abgeordneten der Linken zu dem freundlichen Vorschlag: »Wir werden das Leben des Abgeordneten von Westhavelland schonen, dessen höfliche Formen wir alle anerkennen, wenn er seinerseits den unter uns nennen will, den er schonen würde, bekäme er die Oberhand.« Otto erwiderte schlagfertig, das Anerbieten sei ungleich, denn die Linke werde nie regieren, und käme es dazu, dann wäre das Leben so unerträglich, daß er nicht geschont sein wolle. »Nein, nein, höflich bis zur letzten Sprosse der Leiter, aber gehängt wird doch.« Dieser blutige Humor löste die Spannung in allgemeinem Gelächter.

Am Jahrestag des 18. März besuchte er Berlin, wo sich Veteranen der Befreiungskriege, Berliner Landwehroffiziere und die in die Kammer gewählten Offiziere zu einem Bankett vereinten. Viel Toaste, Gesang, Hurras, dann lud ihn Bernhard v. Puttkamer, den er bei seiner Schwester traf, zu einem Liebesmahl in die Kaserne ein. »Beps, ich tu's ungern, der viele Wein steigt mir zu Kopf. Nun, Malle, was hast du für Schmerzen? Arnim sieht aus wie Regenwetter.«

»Wir haben ein Abkommen auf drei Partien Whist jeden Nachmittag, aber er ist so ungefällig –«

»Nicht sechs zu spielen als gehorsamer Ehemann. Walle ist immer übler Laune.«

So geht das Alltagsleben ungestört seinen Gang, und die Politiker bilden sich ein, die ganze Welt stehe in Flammen! Berlin sieht aus wie alle Tage. So geht's mit den Haupt- und Staatsaktionen! Auf der Rückfahrt begegnete ihm sein Widersacher Unruh in Genthin und erkundigte sich teilnehmend: »Ich habe gehört, daß es Ihrem Kindchen schlecht geht und hoffe recht sehr, daß Ihnen ein solcher Verlust erspart bleibt.«

»Die Gefahr ist schon vorüber, doch sage ich Ihnen meinen herzlichen Dank für Ihre Liebenswürdigkeit.« Ja, ja, so ist's, die Privat- und Familiensachen regieren im Leben unter ordentlichen Leuten. Ist das eine Mahnung Gottes, von meiner öffentlichen Heftigkeit abzulassen? Möge er mich nicht auf diesem Wege für meine Sünden strafen und die arme Johanna es mit entgelten lassen! Wie gleichgültig ist mir daneben, daß die in Frankfurt unseren König zum Oberhaupt ernannten, mit der Befugnis, den Kaisertitel zu tragen! Denn der König wird ablehnen, wie ich ihn kenne, eine Doppelkrone durch die Revolution zu erhalten. Darin irrte er nicht. Freudestrahlend fuhr Gerlach nach Schönhausen zu einer Aussprache über das wichtige Ereignis. »Majestät empfingen zwar den sogenannten Präsidenten Simson im Rittersaal mit feierlichem Gepränge, haben aber sofort abgewunken. Dieser Ruf der deutschen Nation gebe ihm ein Anrecht, daß er zu schätzen wisse, das ihm aber schwerste Opfer auferlege. Ohne Einverständnis aller gekrönten Häupter sei ihre Annahme unmöglich. Diese hätten zu prüfen, ob die ihm zugedachten Rechte dem Einzelnen wie dem Ganzen frommen. Ein glatter Refus!«

»Ha, nicht so glatt. Eine verklausulierte Ablehnung, die Möglichkeiten offen läßt. Wie sagt die Schrift? Eure Rede sei ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist hier wirklich vom Übel, indem es die Unklarheit erhöht.«

»Sie kritisieren ja die Weisheit des Königs recht schneidend«, versetzte Gerlach betroffen. »Mir wäre freilich auch lieber gewesen, Majestät hätte schroff seine innerste Meinung bekannt, er wolle mit dem Frankfurter Gesindel nichts zu tun haben.«

»Mir scheint, in unseren Kreisen bringt man den dort vereinten wissenschaftlichen und parlamentarischen Kapazitäten nicht die Achtung entgegen, die sie verdienen«, unterbrach Otto in einem bedächtigeren Tone, als er ihn seit Monaten anschlug. »Der Hauptmacher Dahlmann, den ich seit Göttingen kenne, ist ein Charakter, ein deutscher Patriot, der es ehrlich meint, ein echter Konstitutioneller, kein republikanischer Radikaler.«

»Solche Unterscheidungen machen Sie jetzt?« forschte Gerlach mißtrauisch. »Daß ich das bei Ihnen erlebe! Mir ist die ganze Demokratensauce nur eine einzige Höllenbrühe. Wir Konservativen, zu denen Sie doch wahrlich zählen, haben sozusagen nicht die physische Konstitution, um eine politische Konstitution zu verdauen.«

»Nun, Österreich hat sich ja auch als unteilbare, konstitutionelle Monarchie erklärt – freilich wohl, um Deutschland zu ärgern, der Nachdruck liegt auf ›unteilbar‹, es will seine Deutschen von vornherein vom deutschen Reich ausschließen.«

»Wissen Sie was? Das ganze Deutschland kann mir gestohlen werden. Wir eingefleischten Borussen fallen auf solchen Demokratenschwindel nicht herein. Und diese unerhört freche Verfassung, die man unserem König oktroyieren möchte! Der Adel als Stand wird abgeschafft! Keinen Pakt mit solchen Schuften!«

»Praktisch stehen wir hier auf gleichem Boden. Und doch weiß Majestät sehr wohl, daß die Einheit auf friedlichem Wege nur so zu erlangen wäre, wie man ihm vorschlägt. Denn daß die Fürsten selber, womöglich Österreich mit, ihm die Kaiserkrone auf dem Präsentierteller darreichen, darauf kann er warten bis zum Jüngsten Gericht. Er ist aber nicht nur Borusse, merken Sie sich das, sondern deutschnational gestimmt. Ich fasse daher den Bescheid anders auf, es ist bloß die alte Geschichte: Er will und er will nicht. Wir werden noch andere Phasen erleben. Vermutlich hat General Radowitz wieder seine Hand im Spiel.«

»Wie, was ist denn das?« horchte Gerlach hoch auf.

»Davon mal später gelegentlich. Vorerst frage ich nur, wie lange die Kammer in Brandenburg tagt. Ich habe mich aus Familienrücksichten beurlaubt.«

Leerer Wortschwall, nicht gehauen und nicht gestochen! dachte er unmutig nach, seine Frau neben sich, sein Kind auf den Knien. Nie konsequentes Handeln, geistreichelndes Spiel mit allerlei Ideen! Der König spricht fast immer von der Revolution wie von einem Fabelungeheuer der Apokalypse. Aber was er am meisten an ihr haßt, ist ihre Ungeduld, die von ihm königliche Taten fordert. Und die kann er nicht geben. Worte, Worte, Worte! sagt Hamlet. Gottlob, daß ich aus der Tretmühle heraus bin, bei Weib und Kind!

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