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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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»Ew. Hochwohlgeboren bitte ich ganz ergebenst, im Hotel des Princes, Parterre rechts, zu wichtiger Konferenz mit mir zusammenzutreffen und mir die Stunde gütigst zu bestimmen«, überraschte ihn ein Billett des Freiherrn v. Vincke. In diesem Hotel, an dessen Table d'hote Bismarck täglich erschien, erhielt er eine erstaunliche Eröffnung. Vincke begann:

»Ich spreche im Namen der Parteigenossen und in höherem Auftrag. Wir betrachten die äußerste Rechte als durch Sie vertreten, nur Sie können den König bewegen, auf unsern Antrag einzugehen. Es ist ja eine kitzliche Sache.« »Ich bin gespannt und ganz Ohr. Darf ich fragen, wer die ›Höheren‹ sind, die Sie zu Ihrer Darlegung ermächtigt haben.« »Das will ich nicht verschweigen.« Er dämpfte die Stimme. »Es ist ihre Kgl. Hoheit die Prinzessin von Preußen.«

Oh! dachte Otto, daher bläst der Wind? Der bringt nichts Gutes. »Die hohe Frau kann aber wohl nur im Einverständnis mit ihrem Gemahl etwas beschließen.«

»Hm!« Vincke schob mißmutig die wulstige Unterlippe vor. » Les absents ont toujours tort, der Prinz befindet sich fern vom Schutz in England, hors de combat. Ihre Königl. Hoheit befinden sich dagegen hier zur Stelle, und ihre reife politische Einsicht dürfte ja wohl der ihres Gemahls sehr überlegen sein.« Otto räusperte sich. »Doch beruhigen Sie sich! Das Einverständnis des Thronerben liegt vor. Um es kurz zu sagen: die deutsche Nation fühlt, daß Seine Majestät der regierende Herr ihren nationalen Ansprüchen nicht genügen kann, die nach Konsolidierung der Einheit deutschen Staatenwesens streben. Man wünscht daher die Abdankung des Königs.«

»Ein revolutionärer Akt, den ich vor meinem Gewissen nicht verantworten könnte, es sei denn, daß ich von der Notwendigkeit überzeugt bin.« Im geheimen dachte er: mir ist dies gar nicht unsympathisch, aber dahinter steckt mehr, Prinz Wilhelm scheint mir nicht der Mann, um in dieser Weise gegen seinen Bruder zu intrigieren. »Wenn Sie Garantien geben, daß Preußen hierdurch die gebührende Leitung der deutschen Angelegenheiten erhält, so ließe sich freilich darüber reden. Der Prinz von Preußen ist jeder Zoll ein Mann und würde das Ruder fest ergreifen, das gebe ich zu.«

»Wie? Wo denken Sie hin!« Vincke hob die Augen gen Himmel. »Ein Herr, dessen Porträt die Freimaurerloge in der Dorotheenstraße öffentlich auf die Straße warf! Und das, obschon der Prinz als eifriger Maurer stets es sehr ernst mit seiner Mitgliedschaft nahm! Man darf ohne Übertreibung behaupten, er ist der unpopulärste Mann im ganzen Lande.«

»Sie meinen, in den ganzen Städten! Die Armee denkt anders.«

»Die Armee ist heut eine quantité négligeable!« Vincke schnippte verächtlich mit den Fingern. »Der Prinz ist unmöglich und sieht dies selber ein. Ohne lange auf den Busch zu klopfen: wir wünschen die Regentschaft der Prinzessin während der Minderjährigkeit ihres Sohnes, der in liberalen Prinzipien groß werden wird.«

Otto erhob sich kerzengerade. »Ich habe die Ehre, Sie vorzubereiten, Herr Baron, daß ich auf jeden solchen Antrag nur eine Antwort kennen würde: Anklage auf Hochverrat.«

Vincke biß sich betreten auf die Lippe. »Sie nehmen, werter Herr Kollege, den Fall wieder zu tragisch. Eine politisch gebotene und staatsmännisch durchdachte Maßregel! Das Volk nennt den hohen Herrn den ›Kartätschenprinzen‹, was er ja nicht verdient –«

»Leider!« ergänzte Otto mit beabsichtigter Schärfe.

»Ich werde Ihren Ausruf vergessen, Herr v. Bismarck«, betonte Vincke nicht ohne Bosheit. »Sein Einverständnis liegt übrigens schriftlich vor.«

»Pardon, das glaube ich nun und nimmermehr, bis ich es nicht mit Augen sehe. Dafür hat der hohe Herr zu viel Pflichtgefühl.«

»Mein Herr v. Bismarck, Sie werden hoffentlich nicht meine Glaubwürdigkeit in Frage stellen«, brauste der westfälische Freiherr auf.

»Zu jeder Satisfaktion bereit«, erklärte Otto kühl. »Doch lag mir Kränkung fern. Unter Kavalieren glaubt jeder an das Wort des andern. Aber unter Politikern, pardon, sieht man sich vor. Darf ich also um Auskunft bitten, in welcher Form dies angebliche Einverständnis vorliegt?«

»Hm, nun, nicht in so direkter Form«, gab Vincke kleinlaut zu. »Der Prinz stellte schriftlich eine Erklärung aus, er wolle gern auf sein Erbrecht verzichten, wenn dadurch sein König und Bruder vor persönlicher Gefahr geschützt werde.«

Dem nervösen Bismarck wurden beinahe die Augen naß. »Der ritterliche Herr! So dacht' ich mir ihn! Nun, Se. Maj. sind nicht in Gefahr, aus dieser gar nicht für den angeregten Fall bindenden Aufwallung des Herzens läßt sich also nichts ableiten. Ich danke für die Aufklärung, möchte aber sofort die Verhandlung abbrechen.«

»Wie Sie wollen.« Vincke erhob sich kühl und leicht. »Es war nur so eine Anregung. Ich habe die Ehre.« –

Diesmal machte Otto ernst mit dem Zu-Hause-Bleiben. Aus der Ferne verfolgte er mit grimmigem Behagen die Verschlechterung der demokratischen Entwicklung. Die professoralen Dilettanten wollten die deutsche Einheit und Freiheit von heut auf morgen durch das souveräne Volk herstellen. Die Regierungen sollten nur noch dazu da sein, sich demütigen zu lassen. Dabei benahmen sich die republikanischen Freischaren Heckers und Herweghs feige genug.

»Wenn sie nur die nötige Theatergarderobe haben, den grauen Kalabreserhut mit Hahnenfeder, hohe Wasserstiebel und Pistolen im Gürtel«, höhnte Herr v. Bismarck. »Wenn erst Dichterlinge die Spartanerflöte blasen wie der selige Tyrtäos, dann gibt's drollige Katzenmusik. Solche eiteln Literaten haben ein gewisses seichtes Formtalent, und der gebildete Pöbel hält ihren Wortprunk für Poesie. Reißt die Kreuze aus der Erden, alle müssen Schwerter werden!« deklamierte er mit falschem Pathos Herweghs Vers.

Seine Gattin, die am Aussichtsfenster mit einer Häkelarbeit saß, hielt sich die Ohren zu. »Pfui, welche Blasphemie!«

»Wenn's noch einen Sinn hätte! Sind die Grabkreuze aus Eisen? Dichterische Lizenz verwechselt sie wohl mit den Eisernen Kreuzen, die im Knopfloch stecken, nicht in der armen Erde, auf der diese Gaudiebe herumtorkeln. Das Getue in Frankfurt mit dem Kaisersaal im Römer und der Paulskirche, den 600 Notabeln, die eine Nationalverfassung leimen, macht mir Übelkeit. Hoffentlich brauch' ich diese Stadt des Turmbaus zu Babel nie zu schauen, wo jeder verschiedene Zungen redet. Ich werde dieser Unheilstätte in weitem Bogen aus dem Wege gehen.«

»Aber es sollen recht wackere Männer darunter sein«, suchte Johanna seinen Groll zu beschwichtigen. »Unser König hat dies Parlament doch anerkannt.«

»Was blieb da übrig! Sämtliche schwatzhaften Professoren und Federfuchser dozieren dort auf dem Katheder. Ihr Fach heißt vermutlich Weltgeschichte, denn von deutscher Geschichte haben sie so wenig einen Schimmer wie von Imponderabilien und Realitäten des historisch Gewordenen und des praktischen Lebens. In der Berliner sogenannten Nationalversammlung hat wenigstens einer einige Besonnenheit, ein gewisser Waldeck. Doch selbst die Achtungswerten müssen das Kauderwelsch der Beckerath, Vincke, Auerswald nachlallen und dem Plebs nach dem Munde reden. Der möchte aber in Revolution machen, und die Arbeitslosigkeit, da alles Gewerbetreiben stockt, steigert diese Mache. Der Handelsminister mag ein schönes Gesicht geschnitten haben, als er die Tumultuanten am 30. Mai mit zehn Groschen pro Mann ablohnen mußte. Ewig hängt das Damoklesschwert der Anarchie über diesem löblichen Bürgerparlament. Und dahinein hat sich der Prinz von Preußen wählen lassen als Abgeordneter für Wirsitz! Erinnere mich daran, Nanne, daß ich eventuell hinreise, wenn der tapfere Prinz aus England heimkehrt.«

»Er wird dich aber nicht kennen wollen, weil du so sehr als Ultra verschrien bist,« lächelte Johanna.

»Das ist eigentlich eine Verleumdung. Natürlich hat die tobende Demagogie mein Standesbewußtsein gereizt. Es treibt einem die Galle ins Blut, wenn man den Adel fortwährend als Herde von Trotteln, ungebildeten Knoten und rohen Volksverächtern denunzieren hört. Aber mich einen Erzjunker schimpfen, der ein Adelsregiment aufrichten wolle, verrät nur blinde Unkenntnis. Jawohl, ich denke höher von unseren Leuten, die wahrlich besser sind als ihr Ruf, aber Geburt galt mir nie als Ersatz für Tüchtigkeit. Mag sein, daß von Mutter selig her ein gut Teil Bürgerblut in mir steckt. Wie denken sich die Schreihälse denn unsereinen, der meist mehr gelesen, studiert und vom Leben gesehen hat als sie! Man zeige mir nur Bürgerliche von staatsmännischer Bedeutung, und keiner wird ihnen freudiger das Knie beugen als ich. Aber ich stehe und warte, bis mir die Beine krumm werden. Ludolf Camphausen, unser heutiger Staatslenker, ist auch nur ein Windmacher, und jeder Leutnant, der seine Pflicht tut, ist mir menschlich lieber als diese Professionspolitiker.« –

Am 7. Juni stand Otto am Genthiner Bahnhof in den hintersten Reihen, als Prinz Wilhelm einige Minuten auf dem Bahnsteig weilte und Begrüßungen entgegennahm. Aber der feste, scharfe Blick des fürstlichen Soldaten, der rasch die Reihen überflog, erkannte ihn. Er schob die Vornstehenden beiseite und reichte ihm herzlich die Hand. »Mein lieber Bismarck, ich weiß, Sie waren für mich tätig, ich werde Ihnen das nie vergessen.« Otto errötete vor Freude. Beide hatten sich dabei fest angesehen. Was meinte der Prinz? Von jener Unterredung in Potsdam und von der seltsamen Verhandlung mit Vincke hatte Otto sich zugeschworen, zu schweigen. Wahrscheinlich schrieb die Prinzessin ihrem Gatten nur, Bismarck habe ihn für eine Konterrevolution gewinnen wollen. Zwei Vertraute des Prinzen, Major Natzmer und Major Orlich, hätten aus dessen früherem Briefwechsel ziemlich verschiedenes aussagen können. Die Briefe gar, die er und sein Bruder, der damalige Kronprinz, während der Befreiungskriege austauschten, atmeten beiderseits so knabenhafte Unreife und prinzliche Arroganz, daß der Psychologe sie mit dem späteren geistvollen König und dem ernst-nachdenklichen Prinzen Wilhelm kaum in Einklang bringen kann. An Natzmer schrieb er früher: Dazu habe man die Revolution in Napoleon niedergeworfen, damit Preußen heut ein Jakobinerstaat werde? An Orlich aber beichtete er nach einem Besuch in Petersburg seinen Widerwillen vor russischer Autokratie und seine Vorliebe für englische Verfassung. Als eine Deputation von Königsberger Studenten, unter denen sich die späteren Schriftsteller Schweichel und Gottschall befanden, sich gegen den Vorüberfahrenden unehrerbietig benahm, brach er in zornige Verwünschung aus: »So ist dies Volk. Tag und Nacht plagt man sich für das Staatswohl, überhäuft die Bildungsstätten mit Wohltaten, und das ist der Dank.« Doch sein vornehmes, wohlwollendes Gemüt krankte nicht lange an Verbitterung, mit männlicher Festigkeit hielt er an überzeugter Verfassungstreue fest.

Schon wenige Tage später erging nach Schönhausen eine Einladung aus Schloß Babelsberg, der anmutigen Residenz des fürstlichen Paares. »Erzählen Sie mir, bitte, was Sie in den traurigen Märztagen erlebten!«

Das tat Otto mit vieler Bitterkeit. Er rezitierte sogar jenes fast meuterische Lied, worin der tödlich gekränkte Preußenstolz der Truppen sich Luft machte. Der Prinz bebte am ganzen Leibe vor Erregung und schluchzte plötzlich laut und heftig auf, wie man von ihm so wenig wie von dem hünenhaften Schönhauser hätte erwarten sollen. Wenn starke Männer weinen, so regnet es eines Tages Blut, blutige Tränen sind ein ganz besonderer Saft.

*

Die Prinzessin bekundete ihm auch bei später nachfolgenden Einladungen eine gnädige Herablassung, indem sie ihm lang und breit ihre liberalen Regierungsabsichten auseinandersetzte. Sie tat dies mit vieler Zungengewandtheit und in flüssiger, gewählter Sprache, wie es ihrer hohen Bildung wohl anstand. Nachdem er nie zu Worte kam, entließ sie ihn huldvoll: »Es freut mich, Ihren Rat gehört zu haben.« Als Otto im abendlichen Dunkel zur Heimfahrt den Wagen bestieg, begrüßte ihn der jugendliche Prinz Friedrich, ein hochaufgeschossener blonder Jüngling von noch knabenhaftem Aussehen, mit besonderer Freundlichkeit und stummem Händedruck. Er gab gewissermaßen pantomimisch zu verstehen, daß Mama es nicht gern sehen würde, wenn er bei Licht seine Übereinstimmung mit dem Hyperroyalisten offenbare. –

Aus der Spenerschen Zeitung konnte man bald Einzelheiten über den Aufstand vom 15. Juni erfahren, wo Volkshaufen das Zeughaus stürmten und nach Herzenslust plünderten. Dies brach dem Ministerium Camphausen das Genick.

»Ach du lieber Gott!« wehklagte Gerlach, der seinen Freund besuchte. »David Hansemann Premierminister! Ein liberaler Jude mehr oder weniger! Der verrückte Auerswald, der schwache Schwerin und der Schwefeler Rodbertus machen den Kohl auch nicht fett. Warum lachen Sie?«

»Als der gute Schwerin mich fragte, was ich gegen ihn hätte, knurrte ich: ›daß Sie nicht bei Prag gefallen sind!‹ Er machte große Augen und nahm mir die historische Anspielung nicht übel.« Aber er wollte nicht mit der Sprache heraus, als ihn Gerlach ausfragte, wie er denn neulich in Potsdam den König gefunden habe.

Er befand sich nämlich zufällig dort auf dem Rückweg von Babelsberg, als ein Leibjäger bei ihm im Gasthof erschien. »Seine Majestät haben von Ihrer Ankunft gehört und befehlen Sie zur Audienz.«

»Vermelden Sie Seiner Majestät, daß ich untertänigst bedaure, dem Befehl nicht nachzukommen. Ich bin im Begriff abzureisen, meine Frau befindet sich in besonderen Umständen und würde sich zu Tode ängstigen, wenn ich länger fortbliebe als verabredet.«

Doch noch ehe er zum Bahnhof eilte, tauchte kein Geringerer auf als der Flügeladjutant Edwin v. Manteuffel. Dieser stand nebst seinem Kollegen, dem Flügeladjutanten Graf Oriola, beim König in Gunst, ebenso beim Thronerben. Er teilte Bismarcks politische Ansichten, soweit sie ihm eben bekannt waren, besaß natürliche Begabung für Diplomatisches und Militärisches, feine Bildung und schlichte, angenehme Umgangsformen. Sein ziemlich unschönes Gesicht belebten ein Paar kluge, blaue Augen. Leutselig und gewinnend im Verkehr mit Untergebenen, verband er mit lebhaftem Ehrgeiz doch eine vornehme Bescheidenheit gegenüber höheren Talenten, und sein Privatcharakter war tadellos. Er neigte zur standesgemäßen protestantischen Bibelfrömmigkeit des pommerschen Landadels und glaubte auch hierin sich dem Schönhauser verwandt.

»Mein verehrtester Herr und Freund, Sie entwischen mir nicht. Seine Majestät laden Sie zur Tafel. Da Ihre Frau Gemahlin, der ich meinen ehrerbietigen Handkuß zu übermitteln bitte, der Schonung bedarf, so wird ein königlicher Feldjäger sie über Ihr Verbleiben beruhigen.«

»Einer solchen Huld muß man natürlich gehorchen«, versetzte Otto halb ärgerlich.

»Sie frondieren?« Manteuffel dämpfte die Stimme. »Begreiflich bei Ihrer guten königstreuen Gesinnung. Doch der König bleibt der König, und seien Sie sicher, der allerhöchste Herr billigt im Grunde Ihre Haltung. Übrigens werden Sie nur die Damen und Herren vom Hofe finden, sowie den Minister Camphausen.«

»Gott sei mir gnädig! Der haßt mich wie die Sünde.« –

Nach der Tafel nahm der Monarch ihn beim Arm und führte ihn auf die Terrasse von Sanssouci hinaus, da ein vertrauliches Gespräch bei Tische sich nicht einfädeln konnte. »Wie geht's bei Ihnen?«

»Schlecht«, erwiderte Otto gereizt und schroff.

»Ich denke, die Stimmung ist gut bei Ihnen.«

»Sie war es, bis uns königliche Behörden die Revolution einimpften und das königliche Siegel darauf drückten. Uns fehlt Vertrauen zum Beistand des Königs.« Das hieß nach höfischen Begriffen sacksiedegrob sprechen. Es trat denn auch eine vornehme Frauengestalt hinter einem Gebüsch hervor, wo sie sich wohl des Lauschens beflissen hatte; die Königin fragte zornig:

»Wie dürfen Sie so zu Ihrem König reden?«

Doch der König winkte gutmütig ab. »Laß mich nur, Elise, ich werde schon allein mit ihm fertig. – Was werfen Sie mir denn vor?«

»Die Räumung Berlins«, versetzte Otto in straffer Haltung.

»Die habe ich nicht gewollt«, versicherte der Monarch hastig, und die Königin fiel ein: »Daran ist der König ganz unschuldig.« Echt weiblich fügte sie hinzu: »Er hatte seit drei Tagen nicht geschlafen.«

»Ein König muß schlafen können«, parierte Otto mit ungemilderter Strenge.

Der Hohenzoller ließ sich aber von seinem Lehnsmann nicht irre machen. »Was hilft's Ihnen, ob ich wie ein Esel gehandelt hätte? Vorwürfe richten einen Thron nicht auf, der umkippte, tätige Hingebung tut not, nicht kritischer Verdruß. Sie wollen die liberalen Reformen nicht mitmachen, die ich gutheiße? Auch nicht als geschworener Vasall der Krone?« Dies berührte in dem Widerspenstigen die Note feudaler Ritterlichkeit, und die gütige Nachsicht des Monarchen stimmte ihn weich. Er beugte halb das Knie, sein Ausdruck veränderte sich, er wechselte die Farbe und sagte fest: »Ich unterwerfe mich dem Willen meines Herrn. Ich bin des Königs Mann im Leben und im Tod.«

Bewegt reichte ihm dieser die Hand. »Ich wußte, daß ich auf Sie zählen konnte. Sehen Sie, ich muß den Boden des formalen Rechts haben, sonst stehe ich auf schwachen Füßen.«

»Das Tagelöhnerparlament, wie unsere Kreise es nennen, verwischte den Rechtsbegriff, hier gilt nur die Machtfrage. Und Macht geht vor Recht.«

»Oh! oh! Das sind gefährliche Grundsätze, die ich mißbillige. Damit wäre auch jede Revolution gerechtfertigt. Wir müssen auch an französische Einmischung denken, die deutschen Jakobiner würden mit ihr gemeinsame Sache machen. Und ferner – Radowitz meint, jetzt sei die Hauptsache –, doch davon sprechen wir mal später, denn ich hoffe Sie noch oft zu sehen.«

Der entwaffnete Frondeur dachte: der schwarzrotgoldene Radowitz redet ihm vor, man dürfe die Nationalstimmung und das Frankfurter Parlament nicht vor den Kopf stoßen und Preußen zuerst die leitende Oberherrschaft in Deutschland sichern. Dann werde sich alles übrige von selber finden. Als ob auf solche Schnurrpfeiferei Verlaß wäre. – –

»Sind Ihre Züge schärfer und spitzer geworden?« Präsident Gerlach maß den jüngeren Freund mit prüfendem Blick. »Sogar Ihre Zähne treten stärker hervor. Ihre sonst so leichte, ungezwungene Haltung hat etwas Starres, und Sie sind bleich.«

»Wie sollte mir nicht beklommen zumute sein! Ich weiß wohl, ich spreche in der Kammer stockender als je, weil ich bei jedem Wort mit meinen Gedanken ringe. Was soll werden! Neulich wies ich in der Zeitung lächerliche Verdrehungen zurück, die ein Schlächtermeister Jänsch, Abgeordneter des Kreises Belgard und Volksbeglücker von Profession, uns pommerschen Gutsbesitzern anhängte. Als ob unsere Tagelöhner verhungerten, während sie sich beim jetzigen Naturaliensystem viel besser stehen als bei der empfohlenen Lohnerhöhung.«

»Ist das der Jänsch, der den Kartoffelkrawall im März inszenierte?«

»Kein anderer. Der Bursche gibt vor, eine Klasse zu vertreten, die er gar nicht kennt. Doch die Städter halten für Evangelium, was er in der Sitzung vom 16. August vorbrachte. Nicht mein monarchisches und Standesbewußtsein empört sich so gegen dumme Majestätsbeleidigung und Adelsverfemung, sondern mein objektiv deutsches Gerechtigkeitsgefühl. Solche ungebildeten Knoten traktieren unsereinen wie einen rückständigen Barbaren, bewitzeln den König und den Thronfolger wie hohle Kleiderständer prunkender Uniformen, als wären die Ersten im Staate immer die Unbedeutendsten. Und doch hat der König mehr Geist und Wissen als alle redseligen Professoren der Kammer, der Thronfolger mehr sittlichen Ernst, pflichttreue Gesinnung, klaren Verstand als alle liberalen Bureaukraten. Ist die Demagogenlegende nicht widerlicher als jeder Byzantinismus von Hofschranzen? Und byzantinern die faden Gesellen nicht noch katzbuckelnder vor dem tyrannischsten Popanz, dem Pöbel, der nur Schmeichelei und nie Belehrung schluckt? Wenn sie das Wort Patriot unnütz im Munde führen, – speien sie nur neue Narretei. Sammlungen für eine deutsche Reichsflotte! Und wo ist das Reich? Neulich in Stolpe genoß ich so'n Flottenkonzert bei unmenschlicher Hitze, und sagte den Herren vom Komitee auf den Kopf zu: ›Sie möchten es uns noch heißer machen.‹ Außer mir trug niemand schwarzweiße Kokarde am Hut, lauter Schwarzrotgold. Die getreuen Hinterpommern!«

»Lassen Sie den Mut nicht sinken!« mahnte Gerlach. »Mein Bruder vertraut mir an, der König habe Ihre Zuschrift von damals via Radziwill den ganzen Sommer durch auf seinem Schreibtisch liegen, um sich an diesem Zeichen aufzurichten. In hoc signo vinces. Die ›Preußenvereine‹, ›patriotischen Gesellschaften‹, unser Verband ›Mit Gott für König und Vaterland‹, die ›Neue Preußische Zeitung‹, das ›neue preußische Sonntagsblatt‹ – mit den neuen Waffen bekämpfen wir Satan. Beiläufig setzt ja der Liberale Adolf Schmidt in Umlauf, Ende des 17. Jahrhunderts habe Bibliothekar Croze das verruchte papistische Machwerk, die sogenannte Lehninsche Prophezeiung vom Untergang der Hohenzollern bei einem Herrn v. Schönhausen gesehen?!«

»Ein feiner Stich! Sieht den Fortschrittlern ähnlich, daß sie sich aufs dunkelste Mittelalter berufen, um dem modernen Staat am Zeuge zu flicken. Die katholische, d. h. römische Kirche fabriziert gern solchen Kohl gegen protestantische Fürsten, wir werden ihre österreichischen Umtriebe noch in der deutschen Frage merken. Kein Bismarck blieb katholisch, ein Herr v. Schönhausen als Eideszeuge ist also apokryph. Wenn mein Geschlecht hier den Lügnern herhalten soll, so prophezeie ich auch, nämlich, daß die Könige von Preußen und der Stamm derer v. Bismarck noch bestehen werden, wenn vorlaute Revolutionschefs verschollen sind bis auf Namen, im Winkel der Geschichtschreibung mit Schimpf und Schande notiert.«

»Das Geschlecht der Örindur, unseres Thrones feste Säule«, zitierte Gerlach lachend, »wird bestehen, ob die Natur auch damit zu Ende eile! Doch sie eilt ja gar nicht, es geht nicht zu Ende mit Ihnen, Graf Örindur, der kein Zwiespalt der Natur, sondern 'ne Urnatur, ein Mann, unser Mann, die Partei zählt auf Sie.«

Doch was so hell und trutzig aus Ottos Auge blitzte, schwächte schwermütiges Lächeln ab. Die Partei! Hieße es doch lieber: die Nation!

*

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