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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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Auf dem Bahnhof in Genthin, wo infolge Zugverspätung längerer Aufenthalt, stürmten der Stationsvorstand und andere Augenzeugen auf ihn ein. »Wir müssen zu Ihrer Kenntnis bringen, daß wenige Tage vor der gottverfluchten Revoluzzerei fremdländische Leute, meist Polen, hier vorbeipassierten. Einige trugen offene Gewehre, andere schweres Gepäck, wahrscheinlich voll Munition. Sie sind ungehindert nach Berlin gelangt. Hat denn dort die Polizei nichts bemerkt? Die müßte doch den Aufstand vorausgesehen haben.«

»Es scheint nicht«, versetzte Bismarck kühl. »Sie will keinerlei Symptome bemerkt haben.« In späterer Zeit rechtfertigte sich der Polizeipräsident persönlich bei ihm als dem Vertrauensmann der Konservativen, Bodelschwingh habe ihm sogar gedankt, daß er ihn vor einer Torheit bewahrte, da er schon ernste Maßregeln ergreifen wollte. »Die Leute reden ja ganz verständig.« Es blieb vieles verborgen, man darf aber annehmen, daß manche hochgestellte tatsächlich mit dem Sieg der Demokratie rechneten, obschon natürlich nicht auf so bösartigen Ausbruch gefaßt. Der Premierminister selber, anfangs reaktionär genug, verlor völlig den Kopf, gereizt durch die ewig schwankende Haltung des Königs, seinem Auftreten gegen Prittwitz lag sicher keine antikönigliche Absicht zugrunde, aber er wußte selber nicht mehr, wie er den königlichen Willen auffassen solle. In Magdeburg erlebte der Schönhauser die größte Enttäuschung. Der Adjutant des kommandierenden Generals v. Hedemann nahm seine Eröffnungen sympathisch entgegen, kam aber kurz darauf in den Gasthof, wo Bismarck den Bescheid erwartete. »Mein verehrtester Herr, reisen Sie bitte sofort ab!«

»Was bedeutet das, Herr Major?«

»Sie ersparen meinem Chef eine lächerliche Unannehmlichkeit. Sehen Sie, wir beide sind jung, doch der alte Herr kann sich nicht in Ihre Disziplinlosigkeit hineinfinden, wie er sich ausdrückte. Er will Sie als Hochverräter verhaften lassen.«

»Nur zu! Die anderen Behörden –«

»Darauf hoffen Sie nicht! Oberpräsident v. Bonin, also unsere höchste Instanz, proklamiert Abwarten, Gewehr bei Fuß. Hier lesen Sie, ich hab' Ihnen das Druckstück mitgebracht: ›Ich werde eine Stellung über den Parteien einnehmen.‹«

Bismarck lachte bitter. »Auch eine Säule des Staates, wie so viele andere. Bei Prag fielen die Säulen der preußischen Infanterie und der alte Schwerin, doch unser heutiger Minister Schwerin wäre auch besser bei Prag gefallen! Übrigens fällt mir ein, Exzellenz v. Hedemann gehörte zu der Clique Humboldt, sehr trefflichen Gelehrten und Belletristen, aber medisanten Hofleuten und liberal verseucht bis zum Halse hinaus! – Adieu, Herr Major! Ich begebe mich auf meine Güter, wo ich den treuen Bauern schwerlich beibringe, daß sie bei ihrem bewaffneten Beistand für den König auf keine militärische Deckung hoffen dürfen.« –

In der Tat erhob sich Murren bei der Landbevölkerung. Ein Schulze sagte offen: »Kickt mal den! Erst so heiß und nu so lau! Den hat der Berliner Schwindel ooch angesteckt!« Um diesem übeln Leumund zu begegnen, schlug der Schönhauser vor: »Ihr müßt Deputierte wählen und mit mir nach Potsdam reisen. Da werd' ich euch dem General v. Prittwitz vorstellen, damit ihr selber hört, wie die Sachen stehen.« Darauf gingen die Bauern ein, und man machte sich auf die Reise. Den Bahnhof in Potsdam fand man abgesperrt, von einer großen Menschenmenge umlagert. »Se. Majestät treffen soeben ein.« Das neue Ministerium Camphausen-Auerswald-Schwerin hatte es durchgesetzt, daß Berlin den König nach so viel Zeugnissen des Wohlverhaltens und jeder nur möglichen Schädigung seines Ansehens in sein Versailles ziehen ließ, von wo man wie die Pariser Sansculotten ihn jederzeit nach Berlin zurückholen konnte, wie die Demagogie in ihrem Siegesübermut beim schlechten Augenmaß für die Machtverhältnisse der Wirklichkeit steif und fest wähnte. Dem König freilich, der zuvor mit dem Gottesgnadenstolz eines Karl Stuart sich weihevoll umgürtet hatte, imponierte man gründlich. In seiner Haltung lag Gebrochenheit, in seinem unsteten Blick eine Umdüsterung, die immer mehr ein pathologisches Gepräge annehmen sollte.

Bismarck trat vor. »Ich werde euch Majestät vorstellen, sprecht frisch von der Leber weg.« Aber die Bauern verkrochen sich ängstlich in die hintersten Reihen, und der König erkannte nicht mal den ehrfurchtsvoll Grüßenden. Sein Gedächtnis fing schon damals an zu leiden. Er fuhr nach dem Palais, wobei die Garnison Spalier bildete und beklommene Hochrufe laut wurden, und Bismarck begab sich ins Palais, um die Ansprache des hohen Herrn an die versammelten Gardeoffiziere im Marmorsaale zu vernehmen. Jene Beredsamkeit, die sich 1842 in Köln bei der Dombaufeier zu dichterischem Schwunge erhob, versickerte schon, ohne völlig zu versiegen. Es blieb die Gewandtheit rednerischer Technik, leider auch die Verworrenheit der widerspruchsvollen Gedankenflucht. Dieser Ansprache, zaghaft und schwächlich trotz pomphafter Würde, entnahm man, wie die Ausschreitungen des Berliner Mob – denn nicht die eigentliche Bürgerschaft beteiligte sich an den wüsten Skandalen vor dem Schlosse – ihn an Leib und Seele geknickt und eingeschüchtert hatten. »Ich war nie freier und sicherer als unter dem Schutze meiner Bürger.« Diese Selbstentehrung mutete er denselben Offizieren zu, die er zu seinem Schutze aufrief und die ihr Blut dafür eingesetzt hatten. Das klang wie eine Ohrfeige ins Gesicht der Wahrheit und der militärischen Ehre, wie eine Desavouierung, als habe das Heer gegen des Königs Willen diese treuen Bürger belästigt. Aber die Antwort blieb nicht aus. Unterdrückte Flüche, Murren, Aufstoßen der Säbelscheiden und Aufstampfen der Füße in gerechtem Zorne, so daß der Monarch sich bleich vor Scham und Unwillen in seine Gemächer zurückzog.

»Das wäre also die tiefste Tiefe der Erniedrigung, kein König von Preußen hat das erlebt. Schwören wir, daß keiner es wiedererlebt! Vielleicht kommt doch ein Tag, wo diese Schande vergessen wird. Die Krone muß in höherem Glanze strahlen als je zuvor, um solchen Schimpf zu tilgen«, raunte Bismarck seinem Freunde Gerlach zu. »Adieu, ich verkrieche mich in Schönhausen.«

*

Aber es ließ ihm doch keine Ruhe. Anfang April stieg er wieder bei Werdeck, Leipziger Platz 18, ab, um im Landtag auf seinem Posten zu sein. Dieser wurde am 2. eröffnet ohne Sang und Klang, ohne König und Lebehoch.

»Berlin ist ganz ruhig«, empfingen ihn die Parteifreunde. »Anderswo geht alles drunter und drüber, besonders in Schlesien. Die Bürgerlichen sind übrigens ziemlich zahm geworden, weil das untere Volk sich zu gefährlich regt. Auch wird ja die sonstige äußere Lage immer toller. In Frankfurt am Main will man mit Gewalt ein deutsches Reichsparlament durchsetzen. Jakobinischer Unfug!«

Zehntausend Mann Bürgerwehr standen aufmarschiert rings um das Schloß, wo die Sitzung glatt und kühl verlief. Es gelang Bismarck, den liberalen Führer v. Vincke zu überzeugen, daß öffentlicher Dank an die Barrikadenkämpfer unpassend sei. »Da stimme ich mit Ihnen überein. Aber Ihre Fraktion will ja Dank für die Truppen beantragen, und das geht erst recht nicht.«

»Das werden wir fallen lassen, dafür lassen Sie mich sorgen.«

»Gut. Natürlich wird eine Adresse votiert werden, um dem König unsern Dank auszusprechen für –«

»Die Selbstaufopferung des Königtums. Ich werde dagegen protestieren, doch im übrigen das Programm akzeptieren, aber nur, weil ich mir nicht anders zu helfen weiß. Das neue Ministerium Camphausen datiert zwar erst vom 29. März, aber es scheint haltbar, und wir werden es unterstützen.«

»Sehr gut. Dann sind wir also im Grunde ein Herz und eine Seele. Freut mich sehr, denn Ihrer Opposition kann ich Achtung nicht versagen. Ich empfinde ja auch manches schmerzlich, die Ereignisse sind uns über den Kopf gewachsen.«

»Nun ja, die Vergangenheit ist begraben, die Monarchie warf selber Erde auf ihren Sarg.«

»Ich bitte Sie, die Monarchie besteht ja doch fort, kein Mensch denkt daran sie abzuschaffen.«

»Das wäre auch noch schöner. Aber sie anzutasten! Und in einer Zeit, wo monarchische Gewalt not tut, um die ganze wankende Gesellschaftsordnung zu stützen. Merken Sie denn nicht, wie die Anarchie überall den Boden unterhöhlt? Das Bürgertum wird sich wundern, wie bald die Jakobinermützen des Pöbels auftauchen.«

»Sie waren immer ein Schwarzseher. Ein frischer Hauch geht durch Deutschland. Über Frankfurt am Main steht der Stern von Bethlehem.«

»O! Solche geschmackvolle Blasphemie rührt mich nicht. Ich sehe dort höchstens die Ochsen und Esel im Stalle, doch weder Stern noch Jesuskind. Doch abwarten!«

Die beiden Männer schieden mit einem Händedruck. Als die Adresse votiert wurde, bestieg Bismarck die Tribüne und sprach in wenigen wohlgesetzten Worten seine Ansicht aus. Er schloß: gelinge es wirklich, auf dem neuen Wege »ein einiges deutsches Vaterland zu erlangen«, dann werde er dem Urheber der neuen Ordnung danken, »jetzt aber ist es mir nicht möglich«. Ein Weinkrampf, der alle Welt in Erstaunen setzte, verhinderte ihn am Weiterreden und er verließ die Tribüne, ohne daß aber feindselige Kundgebungen gegen ihn erschollen. Die Stimmung der gemäßigten Liberalen schlug schon um, man scheute und haßte den Radikalismus, von dem man sich überrumpeln ließ. Das gewerbsmäßige Revolutionieren dunkler Elemente machte sich überall fühlbar. So wuchsen sich die Ereignisse auch in Berlin in ungeahnter Weise aus. Das verschrobenste innerpolitische Verhältnis trat ein. In Deutschland und Österreich siegte überall die Revolution auch gegen die Armee, nur in Preußen erwies letztere sich als überlegen und rief den Übergriffen ein Halt zu. Auch die Landbevölkerung hielt allerorts zur Krone. Doch so gewaltig wirkte der geistige und moralische Druck der Städte, die ausnahmslos zum Liberalismus übertraten, daß die tatsächliche Macht des Königtums ihm vorerst zwischen den Fingern zerrann. Die von der Presse und von Agitatoren verbreiteten Märchen, der Thronerbe, Prinz von Preußen, habe vorbedacht den Berliner Straßenkampf herbeigeführt, nahm zuletzt auch das Landvolk für bare Münze. In dieser Hinsicht wenigstens lag die geschichtliche Wahrheit ganz auf seiten der Royalisten, wenn sie umgekehrt eine heimliche Vorbereitung der Barrikaden durch meist ausländische Emissäre behaupteten. Aber diese unlautere Quelle der Berliner Bewegung das Volk aufzuklären und den Urgrund der Verdächtigungen aufzudecken, lehnte aber General Prittwitz stillschweigend ab, als Bismarck solche Aufforderung im Namen der Altmärker Ritterschaft an ihn richtete. Anderseits machte sich aber beim ganzen Adel und beim Schönhauser selber eine Einschüchterung bemerkbar, die sich beruhigt mit der neuen Ordnung abzufinden suchte. In einer Polemik gegen die Magdeburger Zeitung, die ihn reaktionärer Umtriebe bezichtigte, versicherte er, daß der Adel gern seine unbedeutenden gutsherrlichen Privilegien auf Würdigere übertragen werde. Das sei untergeordnet der Sorge um das politische Fortbestehen Preußens. In einem trefflichen Zeitungsaufsatz, dessen echt staatsmännische Tiefblicke weit über den Augenblick hinausreichten, warnte er die Bauern, sich gegen die Gutsherren aufhetzen zu lassen, da dies alles nur aus fein ausgeklügelten Parteigründen von den Städtern vorgebracht werde, um das Landvolk durch städtische Advokaten vertreten zu lassen, die dann besonders in Steuerfragen nie das Interesse der Bauern berücksichtigen würden. Er ließ durchblicken, die sogenannte Revolution sei wesentlich ein Niederringen der Agrikulturstände durch die Industrie, deren ausschließliches System die Hand nach Oberherrschaft ausstrecke.

In Berlin blieb vorerst die Ruhe ungestört. Otto beruhigte Johanna wiederholt, daß gar keine Gefahr für die Landtagsmitglieder der Rechten bestehe. Nach seiner damaligen kurzen Rede hatte Georg v. Vincke ihm die Hand gedrückt. Dagegen stürmte Herr v. Gerlach auf ihn ein, der nach Berlin kam, um mit Thadden von jeder Überspannung des Bogens abzumahnen. »Es rast der See und will sein Opfer haben, vor der Hand läßt sich nichts machen, und Ihre Unvorsichtigkeit, immer noch plus royaliste que le roi, wird uns noch ins Verderben stürzen.« »Der Adel muß sich resignieren, man kann nicht gegen den Strom schwimmen«, seufzte Thadden.

»Ich sollte also wie feile schamlose Bureaukraten den Mantel nach dem Winde drehen und um Volksgunst buhlen? Fällt mir nicht ein. Ihr werdet mich nicht aus dem Geleise bringen, und rücktet ihr zehn Mann hoch an als Exekutoren der Heulmeierpolitik. Nichts für ungut! Mein Schwager Arnim in Angermünde tobt mir umgekehrt die Ohren voll, ein Staatsstreich müsse aus Potsdam erfolgen, ich werde ihm noch den Kopf zurechtrücken.«

»Das ist's ja eben,« fiel Gerlach ein, »Sie mißverstehen uns. Wir sind ganz Arnims Ansicht, nur wollen wir nicht, daß Sie zu offen Ihr Royalistenherz offenbaren.«

»Ich verstehe schon. Für solche reaktionäre Pläne bin ich augenblicklich nicht zu haben«, lehnte Otto kühl ab.

»Natürlich, Sie sollen ja mit dem Renegaten Vincke auf intimstem Fuße stehen. Man munkelt, Sie paradierten nur mit Ihrem Opponieren, wollten aber selbst zur Majorität übergehen. Wir, die wir Sie kennen, traten natürlich entrüstet solcher böswilligen Ausstreuung entgegen.«

Otto wurde dunkelrot vor Zorn. »Ich breche dies Gespräch ab. Es langweilt, mir im selben Atem die widersprechendsten Dinge vorwerfen zu lassen. Von der Parteien Haß und Gunst verzerrt, schwankt zwar mein Charakterbild nicht in der Geschichte, denn was ich kleiner Mann hier treibe, ist nicht Geschichte machen. Den Schwätzern aber könnt ihr sagen, daß ich zum Diplomaten nicht geboren bin, daß ich gar nichts anderes sein will als ein ehrlicher Kerl. Das Kurze und Lange von der Sache ist: Jedes schroffe Auftreten schadet heut nur unserer Sache, da habt ihr recht. Aber deshalb auf jedes freie Recht der Kritik verzichten und nicht freimütig den monarchischen Standpunkt im Landtag vertreten wäre Feigheit und Dummheit zugleich, denn mit feigem Maulhalten beraubt man sich jeder Achtung des Gegners. Daß ich je zu den Liberalen übertrete, ist ein für allemal ausgeschlossen, foi de gentilhomme. Aber die neue Ordnung ist gesetzlich sanktioniert, und wir haben es würdig zu tragen. Umsturzgelüste sind ganz verfrüht und angesichts der peinlichen Lage im übrigen Deutschland sehr kurzsichtig.«

»Hm, mag sein«, gab sich Gerlach halblaut zufrieden. »Doch soll einem das Blut nicht kochen, wenn der Thronerbe durch pure Verleumdungen nach England in die Flucht getrieben wird, und wenn der Pöbel vor sein Palais setzt: Nationaleigentum? O, und das abscheuliche Bonmot des Zaren Nikolaus, der früher unsern König ›mon frère poète‹ nannte, der famose Umzug mit der schwarz-rot-goldenen Fahne sei reine Zirkusreiterei: ›Nun brauch' ich keinen Schulreiter mehr, ich lasse meinen Herrn Schwager kommen.‹ So was muß ein König von Preußen, unser allergnädigster Herr, sich von eigenen hohen Verwandten bieten lassen.«

Otto ballte die Faust. »Das geht mir sehr tief. Ohrfeigen vom Ausland sind direkter Ehrenschimpf, während die häusliche Keilerei im eigenen Lande sozusagen in der Familie bleibt. Ich fürchte sehr, der Zar wird sich zu Österreich hinüberziehen lassen, das macht erst recht nötig, daß wir möglichst staatliche Einheit bewahren, um nach außen hin uns zu wehren.« Er blieb vor dem verödeten und abgesperrten Palais des Prinzen Wilhelm stehen und blickte hinauf, in Gedanken verloren. »Wer weiß, ob nicht erst unser nachfolgender Monarch in rechte Bahnen einlenkt! Ich fürchte, mit unserm regierenden Herrn werden wir nie dahin kommen. – Ach verdammt!« brach er ab. »Dies ewige Pflastertreten läuft einem die Sohlen durch, ich wohne bei Werdecks etwas abgelegen. Heut abend geh' ich in die Volksversammlung im Milenz' Saal. Adieu!«

Vor tausend Menschen, die den geräumigen Saal füllten, hörte er sehr vernünftige Reden über die polnische Frage, die nachgerade brennend wurde. Während die Polen, deren Wutgeschrei bei keiner europäischen Revolte fehlen durfte, in den Berliner Märztagen gegen das Königtum aufwiegelten, steckten sie sich andererseits hinter den sentimentalen König, der als richtiger Mystagoge jeder unklaren Romantik zuneigte und tiefgerührt den armen Unterdrückten in Posen neue Konzessionen gewährte. Diese armen Unterdrückten vergalten dies in der bei ihnen üblichen Weise durch sofortige allgemeine Deutschenhetze. Die gutmütigen Berliner mit ihrer lächerlichen Vorliebe für alles Fremde hatten das Lied angestimmt: Seid umschlungen, Millionen, und Polen ist noch nicht verloren. Sie erwachten jetzt aus ihrem Verbrüderungstaumel und begriffen, daß polnische »Freiheitsliebe« nur Befreiung Polens und möglichste Niederdrückung des Deutschtums bezweckte. Die polnischen Flaggen und Trikoloren, nach den Märztagen an jeder Straßenecke ein Preußenauge beleidigend, verschwanden wieder. Ein Jude aus dem Posenschen, der sich als stark verprügelter Deutscher vorstellte und von ähnlichen polnischen Exzessen berichtete, brachte die Versammlung in Harnisch.

Sehr befriedigt, daß die Regierung Truppen nach Posen schickte, begann Otto im Landtag eine polenfeindliche Rede, doch unterbrach ihn ein betäubender Lärm, denn bei den Doktrinären, die hier das Heft in Händen hielten, hatte die groteske Idee von Wiederherstellung Polens auf Kosten Preußens noch viele Anhänger. »Er protestiert wieder!« schrie man von allen Seiten. »Weiter kann er nichts!« In der Tat protestierte er auch gegen das Vorgehen preußischer Truppen in Schleswig-Holstein auf Drängen der allgemeinen Stimmung in Deutschland, ihm schien dies sehr verfrüht und unzeitgemäß gerade in dieser Ära innerer Kämpfe. Das mißfiel natürlich wieder der königlichen Regierung. »Solcher Phaethon-Flug der äußeren Politik ziemt dem preußischen Adler nicht, wo ihm gerade die Schwingen gestutzt werden«, äußerte er sich zu Parteigenossen, die ihn in seiner entlegenen Wohnung mit ihrer Weisheit überliefen. »Bisher haben wir nur ein Jena des preußischen Adels, auf ein Jena des ganzen Staates dürfen wir es nicht ankommen lassen.«

»Auf einmal so kleinmütig!« rief Gerlach ungeduldig. »Sie sahen doch, daß alle deutschen Dynastien eine Anlehnung an Preußen suchten. Wie schade, daß der Fürstenkongreß in Dresden, den man sogar nach Potsdam verlegen wollte, gescheitert ist!«

»Begreiflicherweise. Die günstige Gelegenheit wurde verpaßt, wo die von der Revolution bedrohten und überschwemmten Kleinstaaten sich bedingungslos Preußen unterworfen hätten. In der Not wären wohl Opfer erreichbar gewesen, die uns eine gewisse nationale Einheit brachten. Österreich lag ganz darnieder. Aber einen König, der sich gleichsam außerhalb seiner Armee an die Spitze der Demagogen stellte, konnten die deutschen Fürsten nicht brauchen, daran ist nun nichts mehr zu ändern.«

»Werden Sie sich in die konstituierende Nationalversammlung wählen lassen? Sie soll am 22. Mai beginnen und im Kgl. Schauspielhaus tagen.«

»Fällt mir nicht ein. Um Deputierte für das sogenannte deutsche Parlament in Frankfurt zu wählen? Bei solchen Scherzen mache ich nicht mit. Meine Frau ist guter Hoffnung und als guter Ehemann werde ich zu Hause bleiben.«

*

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