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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Bismarcks Werden

»Dominus Otto v. Bismarck!« Der Universitätsrichter putzte sorgfältig seine Brille und setzte sie feierlich wieder auf, um den Übeltäter mit besonderer Strenge ins Auge zu fassen. »Das sind ja schöne Geschichten, die ich höre. Erst 17 Jahre alt, wie ich aus der Liste ersehe, so jung und schon verdorben! Oder, um ein nicht so hartes Wort zu brauchen, so jung und schon so...«

»Kindisch!« ergänzte der hochaufgeschossene Jüngling fröhlich, schlank und spitz wie eine Nadel. Seine blauen Augen blitzten dabei unter buschigen blonden Brauen und seine rosige Gesichtsfarbe verriet eine Urgesundheit von des Gedankens Blässe und der Gymnasialluft wenig angekränkelt.

»Silentium! So unbescheiden, wollte ich sagen. Kaum sind Sie in Göttingen angelangt, erst 24 Stunden, da machen Sie schon Skandal, erregen öffentliches Ärgernis. Was ist das für ein Aufzug, in dem Sie daherkommen! Ist das vielleicht die neueste Berliner Mode?«

Der Anzug des Studiosus v. Bismarck vereinte freilich in glücklicher Weise den Zylinderhut eines Dandy mit der Jacke eines Zirkusreiters und den Kanonenstiefeln eines Kürassierleutnants. Der junge Mensch sah so phantastisch aus, als wolle er, von der dumpfen Haft des Gymnasiums befreit, sozusagen aus der Haut fahren. Aber zugleich lag etwas so Urwüchsig-Humorvolles in seiner Haltung, daß der Universitätsrichter leise schmunzelte, als er in die neckisch blinzelnden blauen Gucker dieses kaum dem Knabenalter entwachsenen Burschikosus schaute. Der spitzte unwillkürlich den Mund, als wollte er irgendeinen hauptstädtischen Gassenhauer anstimmen. Er begnügte sich aber, würdevoll zu versichern: »Jeder zieht sich an, w« er kann. Jeder nach seinem Geschmack!«

»Hören Sie, junger Mann, solch« dreisten Antworten müssen Sie sich abgewöhnen. Das riecht nach vorlautem Berlinertum, in der Alma mater Göttingen ist man nicht auf solcher Höhe. Menschen und Hunde sind Ihnen nachgelaufen und dabei haben Sie noch allerlei Faxen gemacht, um Ihr provokantes Auftreten zu verschlimmern. Aus Ihrer Wohnung warfen Sie eine Flasche aus dem Fenster, so daß drunten in der Straße die Scherben herumflogen.«

»Das ging so zu: als ich hier ankam, traf ich einen oberflächlich Bekannten von Berlin her, einen Herrn v. Dronthahn, der hat mich verschleppt unter lauter Mecklenburger. Denen gab ich ein Frühstück, und da ist die Flasche man so rausgekollert.«

»Ach Gott, ist Ihnen wohl aus der Hand gerutscht? Machen Sie mir das vor? Den Tatbestand!« Der Angeklagte setzte sich in Positur und zeigte sich bereit, des Richters Wißbegier zu befriedigen, indem er ein Lineal ergriff. »Halt, halt! Wollen Sie wohl liegen lassen! Warum nicht gar das Tintenfaß! Bitte, nur die Muskelbewegung!« Dies veranschaulichte der Berliner mit entsprechendem Schwung. » Bene, Optime! Also freier Wille zum Wurf vorhanden.« Die wissenschaftliche Gründlichkeit der Untersuchung vertiefte sich. »Vorhin, junger Mann, hetzten Sie mir einen Riesenköter auf den Leib. Ich hätte das Biest passieren müssen, als ich aufstand.«

»Rief ihn doch gleich an der Schwelle zurück, das gute Tier«, verteidigte der gesegnete Besitzer sein Kleinod.

»Über die Güte läßt sich streiten, über die Bissigkeit kaum, der Maulkorb fehlt. Solche Ungesetzlichkeit pöne ich mit fünf Talern Ordnungsstrafe. Überhaupt – Sie wollen wohl Aufsehen erregen? Schmeckt nach revolutionärer Gesinnung. Das sollte ein Adliger, wie Sie, vermeiden. Die heutige Jugend verdient scharfe Überwachung. Unser allergnädigster König lieben nicht solche renitenten Schwarmgeister in allerhöchst ihren Staaten. Se. Majestät blicken ungnädig auf fremde Studenten dieser Art.«

»Und dito auf Professoren«, bemerkte der junge Bismarck halblaut mit Anspielung auf bekannte Vorgänge und Äußerungen des Welfenkönigs und seines ihm später nachfolgenden Bruders, der Professoren und bezahlte Dirnen auf gleiche Stufe stellte. Der Universitätsrichter runzelte die Stirn:

»Da haben wir's. Unterlassen Sie solche altklugen Scherze! Ich wittere in Ihnen eine Infektion umstürzlerischer Elemente. Sind wohl Burschenschafter?«

»Ich bin noch gar nichts.« Der Jüngling zuckte die Achseln. »Allerdings möchte ich wohl in burschenschaftliche Verbindung eintreten.«

»Dachte mir's. Nehmen Sie sich in acht! Die Behörden lassen nicht mit sich spaßen. Unsere Zeit ist wenig dazu angetan, mit Milde jugendliche Tollheit zu schonen.« Er sagte es jedoch in recht väterlichem Tone, und der junge Bismarck lächelte ironisch. Wußte er doch gut genug, daß die Professoren der deutschen Universitäten geradeso wie die Lehrer der Gymnasien mit demokratischen Öle gesalbt und daß sie mit schwarz-rot-goldenen Bestrebungen der akademischen Jugend heimlich oder öffentlich sympathisierten. »Diesmal bleibt es bei einer Verwarnung, da Sie ja im Grunde noch nicht die Grenzen akademischer Freiheit übersprangen. Wollte Ihnen nur mal auf den Zahn fühlen, wie meine Pflicht jedem Neuimmatrikulierten gegenüber. Aber lassen Sie sich gesagt sein, daß der Karzer auf jeden wartet, der sich einer Ungebühr schuldig macht. Nun, vielleicht täusche ich mich auch in Ihren Gesinnungen. Die jungen Herren vom Adel sind schon so, erlauben sich viel aus adliger Ungebundenheit.« Er schielte mißtrauisch auf den sonderbaren Jüngling. War das am Ende nur ein uckermärkischer Grande, der seinen Junkerhochmut und Verachtung des Bürgerpacks zum Ausdruck brachte? Doch dieser altpreußische Jungherr wurde sofort unangenehm, richtete sich in voller Höhe auf und versetzte mit fester Bestimmtheit:

»Von so 'nem Unsinn weiß ich nichts. Ich bin nicht aus Hinterpommern. Dachte mir nur: frei sei der Bursch – und die Philister können mir den Buckel lang rutschen.«

»Hehe, was das für Worte sind!« Der alte Herr räusperte sich, sah ihn aber freundlich an. »Jaja, schon gut. Jugend kennt keine Tugend. Das schleift sich ab. Ich sehe zwar mit Bedauern voraus, daß wir noch weiter im Lauf der Semester miteinander Bekanntschaft machen werden. Das kennen wir. Sie scheinen mir zu manchem jugendlichen Unfug prädestiniert, und der Pedell wird Sie bald auswendig kennen. Hüten Sie sich vor blutigen Mensuren, darin verstehe ich keinen Spaß. Im übrigen – Gott befohlen, Studiosus v. Bismarck, und knallen Sie nicht wieder auf offener Straße mit dieser Fuhrmannspeitsche, die Sie wenigstens aus Respekt vor der Obrigkeit bei Ihrem werten Besuch abgelegt haben!«

Der so wohlwollend Entlassene verneigte sich mit Salongrazie und grüßte militärisch mit der Reitgerte, die er in Ermangelung seiner Reitpeitsche freundlichst mitgebracht hatte. Der Richter lächelte in sich hinein und dachte: der schwingt eine Narrenpeitsche, doch er ist nicht so dumm, wie er – nicht aussieht. Wenn sich der Most noch so absurd gebärdet –!

Da im Januar des Jahres unter Beteiligung von Privatdozenten viele Studenten einen revolutionären Krawall veranstaltet und eine Nationalgarde nach Pariser Muster errichtet hatten, so galt dem sonst besonnenen und wohlmeinenden König von Hannover seine berühmte Universität als Brutnest umstürzlerischer Bestrebungen, was sich bei seinem Nachfolger Ernst August zu wildem Hasse steigerte und ihn zu Rechts- und Verfassungsbruch aufstachelte. Denn tatsächlich besaßen schon eine Reihe kleinerer Staaten eine Verfassungsform liberalen Gepräges, was in Preußen fehlte, während dort umgekehrt ein Liberalismus breitester Schichten bestand wie in keinem anderen deutschen Gau. Göttingens damalige Bedeutung für die studentische Jugend wurzelte in Berufung erstrangiger Kräfte wie der Brüder Grimm, Gervinus, Dahlmann, die viele Hörer anzogen, auch solche aus angelsächsischen Gebieten, wozu natürlich Hannovers Verbindung mit England beitrug. Der stud. jur. v. Bismarck hatte sich vorgenommen, historische Vorlesungen zu belegen und die englische Sprache zu pflegen.

Als er aus dem Rektoratszimmer hinausschlenderte, begrüßte ihn wedelnd seine Bulldogge, die er unverfroren mit hineinnehmen wollte, die aber ein Schreckensruf des Pedells an der Schwelle festbannte. Als er wieder auf den Freiplatz vor der Universität hinauskam, grüßten ihn verschiedene Vertreter von Verbindungen, die nach üblicher Sitte dem krassen Fuchs auflauerten, um ihn zu »keilen«. Ein hannoverscher Graf, der Chargierte des vornehmsten Korps, das die Blüte des Adels umfaßte und dessen sonstige Vorzüge er herausstrich, hielt für selbstverständlich: »Herr Kommilitone v. Bismarck werden gewiß in unser Korps eintreten«. Dagegen versicherte ein Vertreter der Burschenschaft, daß jeder, der nach höherer Gesittung strebe und mit der Aufklärung des Zeitgeistes wandle, notwendig sich den schwarzrotgoldenen Farben der Burschenschaft anschließen müsse. Der jugendliche Preuße dankte verbindlichst in gewandten Formen, versetzte aber: »Ich möchte mich noch nicht entscheiden und werde mir gestatten, bei den verschiedenen Verbindungen vorerst zu hospitieren.« Der Korpssenior schien enttäuscht und betroffen, trat mit höflichem Lüften des Käppis beiseite, der Bursch aber nahm den neuen Ankömmling herzhaft unter den Arm und schleppte ihn in die Verbindungskneipe, wo eine solenne Einweihung in die löblichsten Trinkunsitten von statten ging. Auf Ottos Frage nach der Bedeutung verschiedener schwarzrotgoldener Embleme erhielt er die hochtönende Antwort: »Für deutsche Einheit und Freiheit.«

»Ja, das ist schön. Und deshalb kam ich zu euch. Bei uns in Berlin schwärmt jedermann für die Einheit. Als ich bei Plamans war – das ist die Vorschule nach Grundsätzen vom Turnvater Jahn, versteht ihr –, hieß es immer, wir müßten später Burschenschafter werden. Und auf dem Gymnasium war es auch so. Doch was versteht ihr unter Freiheit?«

»Ja siehst du, Bismarck,« man hatte eiligst Schmollis getrunken, »das läßt sich nicht so leicht feststellen. Und es wird so viel gespitzelt. Da müßten wir dir doch erst auf den Zahn fühlen.«

»Was!« Ottos Augen blitzten zornig. »Ich will hoffen, daß ihr nicht glaubt – – Was ihr sagt, ist im Vertrauen. Sonst will ich lieber gleich gehen.«

»Nur nicht so stürmisch, Herr Bruder«!« Man drückte ihn freundschaftlich auf den Stuhl nieder. »Über das, was Freiheit ist, denkt jeder verschieden. Soviel Köpfe, soviel Meinungen. Wie denkst du z. B. über Tyrannenmord?« Das scholl schauerlich-feierlich wie eine hochnotpeinliche Inquisitionsfrage.

»Ich denke, daß Brutus oder Tell oder wie sonst all die Herren heißen mögen, Rebellen und Mörder sind«, versetzte der Jüngling mit einem gewissen kindlichen Pathos. »Auch sind alle deutschen Fürsten, die sich je gegen den Kaiser auflehnten, in meinen Augen Hochverräter. Autorität muß sein.«

»Reaktionär! Schwarzblau!« murrte es um ihn her. »Nichts für uns!«

»Aber,« fuhr Otto fort, »die Republik scheint mir am Ende doch das vernünftigste, denn wie kommen Millionen Menschen dazu, sich einem einzelnen zu unterwerfen? Leute, die es wissen mußten, habe ich sehr abfällig über die Höfe urteilen hören. Fürstendiener möchte ich nicht sein.«

»Bravo, Marquis Posa!« »Aus dem kann was werden!« »Laß dich nur nicht von den Korps umgarnen!« –

»Steht ihr mit denen auf Kriegsfuß? Gibt es viele Mensuren?« –

»Silentium, krasser Fuchs! Wir Burschenschafter lassen uns nicht auf Raufhändel ein. Das gehört zum Mittelalter.« –

»Wie, ihr gebt nicht Satisfaktion?« rief der Junkersohn betroffen.

»Ja, wir weigern uns, feudalen Bräuchen zu fröhnen. Die Burschenschaft hat höhere Ziele, wir schulden unser Blut nur dem Vaterlande. Übrigens ist doch die blutige Mensur wie der Duellunfug bloß widersinnig, wenn die Korpsiers dabei von frommer Zucht und Gottesfurcht schwatzen. Denn das Gesetz verbietet das alles und die Kirche auch. Wie stehst du übrigens religiös?«

»Ich bin Pantheist«, bekannte der Jüngling und sprach ein großes Wort gelassen aus. »Wißt ihr, bei uns in Berlin ist man riesig aufgeklärt. Mich hat der berühmte Schleiermacher konfirmiert ... den kennt ihr doch?« –

»Und ob! Menschliches Christentum gegen die orthodoxen Ochsen. Na, das ist ja sehr erfreulich. Die Kirche hast du also überwunden?« –

»Gründlich. Wenn ich eine Religion habe – ich meine damit etwas, was festhält und wonach man sich im Leben richtet –, dann ist es eigentlich sozusagen das Vaterland. Natürlich zuerst als Preuße –«

»Kennt ihr meine Farben?« stimmte einer spöttisch an.

»Du, laß das! Das sind gute Farben, schwarz auf weiß kann man getrost nach Hause tragen, sagt Goethe.«

»Goethe, der Fürstenknecht!« ließ sich eine Baßstimme aus dem Hintergrund vernehmen. »Bei uns freien Burschen geht man über diesen alten Geheimderat zur Tagesordnung über. Veraltete Schönrednerei im Wolkenkuckucksheim. Dagegen der göttliche Schiller, dieser allein ist unser Mann. Nieder mit allen tintenklecksenden Romantikern! Nieder mit allen Philistern! Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern.«

»Na, erlaubt mal«, lachte der junge Märker mit humorvollem Zwinkern der Augen. »Wenn ihr erst die andere Hälfte der Brüder niedergemacht, bleibt nicht viel übrig. Aber Schiller hat auch gesagt: Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre. Darin sind wir sicher alle einig, Adelige und Bürger. Übrigens, auf den Adel pfeife ich, das ›von‹ könnt ihr euch immer schenken, ich unterschreibe mich Otto Bismarck. Selbst ist der Mann und braucht keine faulen Titel. Das ist für Philister, nicht für akademische Jungens.«

»Otto, du bist ein kolossal famoser Kerl!« Es steigt der Kantus ›Was ist des Deutschen Vaterlands?‹ –

Als der junge Mensch im Mondschein am Ufer der Leine entlang nach Hause ging, dachte er: Lauter liebe prächtige Menschen, nur die Formen nicht eben die besten. Das lernt man nicht im Bürgerstand und in Kleinstädten, woher sie alle stammen. Und daß sie sich nicht schlagen, betrübt mich sehr. Wozu ist man denn Student! Na, dazu brauch' ich sie nicht, auf dem Fechtboden werd' ich schon andere treffen. Aber daß sie so stramm für das ganze Deutschland sind, das ist ganz mein Fall. Die Korps werd' ich mir ja auch besehen, ob sich mit denen leben läßt. Prüfet alles und behaltet das Beste! sagte der alte Gymnasialprofessor. –

Und siehe da, es bot sich gleich die beste Gelegenheit. Denn auf dem Heimwege begegneten ihm vier bezechte Mitglieder eines Korps mit roten Couleurbändern. Sie brachen in fröhliches Lachen aus, gereizt durch sein wunderbares Kostüm, in dem eine bunte Jacke das Hauptstück abgab. Beim hochnotpeinlichen Verhör hatte der Richter große Augen gemacht, sich nur aus Würdegefühl die Heiterkeit verbissen. Verstimmt fuhr Otto aus nachdenklichem Schlendern auf und frage den Vordersten: »Lacht Ihr über mich?«

»Natur, das könnt Ihr doch sehen.« Man stierte ihn herablassend an. »Sie sind wohl nicht von hier?« Damit wollten die Arm in Arm Daherwankenden Otto mit sanftem Drängeln zur Freigabe der engen Gasse nötigen. Dieser, ohne Kenntnis des Komments, zitterte davor, sich bloßzustellen, da Rauferei wohl nicht als sittig galt. Da kam ihm ein rettender Gedanke. Indem er den Puff erwiderte, sprach er gelassen das große erlösende Wort: »Sie sind ein dummer Junge.« Dabei lüftete er den Zylinder und bezog mit liebevoller Unparteilichkeit alle vier in seine anmutige Begrüßung ein. »Mein Name ist Otto Bismarck, noch nicht aktiv.«

»Halt, Tusch!« Die Gerempelten zogen höflich die Kappe, »Hier Rote Hannoveria!« Auf der Stelle war die Angelegenheit geregelt. »Krasser Fuchs ohne Verbindung hat aufgebrummt. Auf Schläger losgehen morgen abend. Sie können Waffen bei einem andern Korps belegen.« Der eine erbot sich: »Werd' Sie bei den Friesen empfehlen, wo ich früher aktiv war. Mein Name stud. jur. Scharlach.« Otto dankte hoch herab: »Ich belege bei Brunswigia.« Dies war das feudalste Korps, dessen Chargierter ihn vorher keilen wollte.

Die Belegung geschah, doch am andern Mittag stellte sich plötzlich ein Vermittler ein. Ein Verwandter, v. Dewitz-Masow dem Kreise Daber-Dewitz in Pommern war bei der Hannoveria eingesprungen und wohnte zufällig im Hause, wo Otto abstieg. Spornstreichs eilte er zu seinem Vetter hinauf. »Na, du machst ja schöne Geschichten. Sind deine Urgroßmutter und Großmutter dazu v. Dewitz gewesen, daß ich mit dir in Couleurfeindschaft komme? Reitet dich der Satan, gerade mit uns anzubinden?«

»Das wußt' ich nicht, du! Dann wär' ich natürlich zu dir gegangen.«

»Sehr schön, darauf können wir den Ausgleich bauen. Du schlägst doch nicht nach deinem Großpapa Karl, den sentimentalen Poeten, der so elegantes Französisch schrieb?«

»Nee, nach dem Urgroßvater.« Otto zeigte lachend die blitzblanken Zähne. Dewitz griff an die Kappe:

»Gefallen als Oberst der Dragoner Ansbach-Bayreuth. Hochachtung! Siehst, du bist aus dem rechten Holz für uns forsche Rote. Wozu also die Paukerei, dieweil du doch zu uns gehörst! Ich werde die Chose schon befummeln, alter Junge.« Gesagt, getan. Unter gegenseitigem Revozieren, daß man zu »voll« gewesen sei, um die schätzbaren Eigenschaften zu würdigen, vollzog sich die feierliche Aufnahme des Neulings. Doch das verpfuschte Duell vollendete sich auf andere Weise. Der Konsenior der Brunswigia stellte den Fuchs: »Sie belegten Waffen bei uns und springen hernach bei Hannover ein?« Für dies unkommentmäßige Betragen fordere er. –

»Bist du denn schon mal losgegangen?« erkundigte sich Dewitz besorgt.

»Nu nee! Eh' ich herkam (ich wollte nach Heidelberg, doch ein Onkel meiner Mama, ein Geheimer Finanzkerl, war für Göttingen) hatt' ich als Mulus mal ein Renkontre mit einem mosaischen Rechtsbeflissenen, Wolf war sein werter Name, doch er biß nicht, der Makkabäer gehörte zur Sekte der Parther, die fliehend fechten. Ich hieb ihm die Brille ab und er stach mich ins Bein; das war sein parthischer Pfeil!«

»Rauhbeinige Holzerei!« brummte Dewitz. »Du, der Braunschweiger führt eine gute Klinge. Nimm dich zusammen, daß du uns keine Schande machst!« Das gelobte Otto hoch und teuer. Die Mensur stieg also, und anfangs bekam er einige Flächlinge, die weh taten. Der überlegene Fechter schien nur mit ihm zu spielen. Da bekam der Märker eine rechte Wut und ein »Blutiger« quer durchs Gesicht führte unversehens den Konsenior ab. Das gab ein großes Hallo, im Triumph ward der Sieger heimgeführt. Da der Ehre genug geschehen, bahnte sich ein leidliches Verhältnis zu den übrigen Korps an, die einen so vielversprechenden Anfänger grüßten. Immerhin brannte verschwiegene Rache der Braunschweiger darauf, ihm später einen Denkzettel zu geben.

Seine Couleurbrüder geleiteten ihn sofort in das Allerheiligste ihrer Intimität, indem sie unter besoffenem Gebrüll ihre Spitznamen mit ihm austauschten. »Der da, Georg Haccius, ist der Bulle, wohl zu unterscheiden vom Stadtbullen, vulgo Zimmermann.« »Dies geschniegelte Kerlchen ist ›das Bild‹ ... is nich alles wie jemalt? Und du, ›Chasseur‹, gib dich zu erkennen! Der schwindelt immer Jägerlatein.« »Mein Name ist Iwan der Schreckliche«, stellte sich Hermann v. Stietenkron vor. »Ich bin nämlich bezaubernd liebenswürdig. Dagegen hier ›der Jude‹ (weil er immer Wechselchen bei Juden hat) ist schrecklich feudal und trieft vom Hochmut der Ritterschaft von Calbe, als trüge er schon den blauroten Frack.«

Daß er dieser Körperschaft einst anzugehören hoffe, bekannte der Jüngling mit seufzender Sehnsucht, und Otto tröstete ihn teilnehmend: »Ein edler Ehrgeiz! Von den Calbeschen hab' ich gehört. Dem Verdienste seine Hörner! Ihr Ahnherr war der Ochs an der Krippe von Bethlehem. Solch braves Rindvieh ist als Stammbaum nicht zu verachten.« Der »Jude« sah ihn dumm an und wollte in stößige Unsanftheit geraten, doch der ältere Freiherr v. Uslar-Gleichen, der schon ins Examen steigen wollte, und das inaktive Ehrenmitglied Louis Echte legten sich ins Mittel und drückten ihn auf seinen Sitz nieder. Letzterer, ein Knirps, hieß »der kleine Echte«, und Otto nahm ihn alsbald unter seinen besonderen Paukschutz nach dem Gesetz des Gegensatzes. Im Korps überwogen weitaus die Bürgerlichen, neun Zehntel davon waren Juristen. Als stud. med. meldeten sich nur ein paar, wie Roscher, Klopp, Flügge, man hatte auch einen Forststudenten und einen Theologen, den Kurländer Lauenstein. »Russe, aber guter Deutscher!« schnarrte er treuherzig mit schönstem baltischen Akzent. Otto zweifelte gedehnten Tones: »Paßt das wirklich zusammen?« Doch Studiosus Scharlach schob einen anderen vor: »Hier haben wir das leibhaftige Ausland, homo sapiens hinterwäldlerus!« Er meinte den Mediziner King, Amerikaner aus Charleston, dessen sichere Haltung dem Berliner wohlgefiel und der sogleich versprach, ihn mit seinen Landsleuten, Motley und Coffin bekannt zu machen, die bei den Friesen hospitierten. Zu den Burschenschaften, die sich anfangs gekränkt fühlten, bewahrte Otto übrigens herzliche Beziehungen.

In den Korps als »patenter Kerl« sehr verbindlich empfangen, fand er dort seine Manieren, gute Erziehung, ritterliche Mensuren, Satisfaktionszwang, aber streng royalistische Gesinnung de rigeur, Christenkirchlichkeit guter Ton, vor allem Anhänglichkeit an die verschiedensten Vaterländer, besonders das hannoversche, wobei man den Preußen mit mißtrauischen Augen betrachtete. Diese Krähwinkelei mißfiel dem Berliner doppelt, einmal als einem Angehörigen der von den Kleinstaaten gehaßten Großmacht, zum anderen Male als einem jungdeutschen Schwärmer für das alte Deutsche Reich, dem jeder Blick auf die Landkarte einen Stich ins Herz gab, wenn er Straßburg unter der Trikolore sah. Im Hannoverschen verletzte ihn auch der englische Anstrich, die Anlehnung an eine ausländische Macht, was seinem kindlich geraden Rechtssinn unerträglich dünkte. Durch leise Sticheleien auf Preußen zeichnete sich vornehmlich ein Korpsier aus, der eine scharfe Zunge führte und trotz seiner zwerghaften Statur ein gewisses Ansehen bei den Korpsbrüdern genoß.

»Kommilitone v. Bismarck, ich komme Ihnen die Blume!« näselte er eines Abends. »Ihr Adlerblick zieht mich immer an. Das gemahnt uns minder Großmächtige an das gewaltige Wappentier der Borussen.«

»Ich komme nach«, versetzte der Preuße gelassen. »Ich schmeichle mir allerdings, daß wir Schnäbel und Klauen haben.«

»Gut gegeben, das saß! Habeat sibi!« lärmten die Beisitzer der Kneipe.

»Na, Windthorst, sei gemütlich und schraube nicht!«

»Das möcht' ich ihm auch nicht geraten haben!« murrte Bismarck in sich hinein. Denn schon wuchs er auf dem Fechtboden an Wohlgefallen vor Gott und den Menschen, den Fechtmeister hier als den studentischen Herrgott verstanden. »Dieser krasse Fuchs schlägt pikfeine Terzen!« trug er das Lob des Frischlings auf dem Fechtboden herum. Dem winzigen Studiosus Ludwig Windthorst bangte doch etwas vor einer Kontrahage, obschon er das Frotzeln nicht lassen konnte. Sein spöttisches, kluges Fuchsgesicht zog sich manchmal in häßliche Falten, wenn er von der Seite den langen Laban ansah, dessen Körperkraft und strotzende Lebensfülle er beneidete. Wenn ich den je im Leben wiedertreffe, dachte er instinktiv, dann sind wir geschworene Feinde.

Vivat academia! Damals mehr denn je vorher und nachher schien der deutschen Jugend ihr Universitätsleben die immergrüne Oase in der grauen Wüste nach geistestötender Schulroutine und vor Eintritt in die staatliche Knechtschaft. Die Saturnalien der alten römischen Sklaven sahen nicht wildere Ausgelassenheit. Obschon vom Staate mißgünstig überwacht seit der Demagogenhetze, bewahrten die Hochschulen eine bestimmte, in sich abgegrenzte Freiheit, wo ein freies Wort nicht gleich polizeiliche Willkür nach sich zog. Diese akademische Ungebundenheit artete freilich in einen Müßiggang aus, den die strebsame Jugend späterer Zeiten nicht in solcher Vollendung kannte. Wenn jeder sehnlich nach dem Examen drängt, um einen Beruf mit entsprechender Löhnung zu erringen, und das Brotstudium jede andere ideale Regung zurückdrängt, kann man nicht mehr so viele bemooste Häupter großziehen wie das damalige studentische Leben, alte Kämpen, die aus Saufen und öffentlichem Unfug einen Beruf und die einzig menschenwürdige Beschäftigung machten. Darin gaben die Burschenschafter den Korpsiers nichts nach, beide vertilgten unzählige Ladungen von Tabak in langen Pfeifen und unzählige Tonnen Bier, deren Rundung sie selber zu gleichen strebten mit aufgedunsenen Wangen und dicken Wänsten. Betrunken zu Bett und betrunken heraus, so bestellt der deutsche Student sein Haus. Und unter Schimpfworten wie Fuhrknechte sich zu prügeln, wäre unfein, aber sich die werte Visage mit Schmissen zu zerhacken, das unterscheidet den philosophischen Jüngling vom elenden Philister. In diesen Jungbrunnen genialer Bierromantik, in dem unendliche Geschlechter angehender Philister herumplätschern, tauchte Jungherr Otto mit einem Sprunge unter. Von allen Lärmschlägern im still-ehrwürdigen Göttingen war er der lauteste. Seine blaue, verschnürte Samtjacke, seine Kanonenstiefel und sein kokettes Käppi bildeten den Mittelpunkt ungeheurer Heiterkeit mit wenig Witz und viel Behagen. Seine nächtlichen Ruhestörungen nahmen einen beängstigenden Umfang an, und die Zahl seiner Karzerstrafen stand feierlich mit Kreide auf dem Tische seiner Bude vermerkt. Seine wütige Bulldogge erwarb sich den wohlverdienten Abscheu aller ruhigen Bürger, da sein Herr die Anlegung eines Maulkorbes für eine Beschränkung der edelsten Viecherrechte hielt. Die Menschenrechte vertrat er mit der Klinge, indem er seine Handschrift sehr leserlich auf feiste Backen einschrieb. Der Mensch ist frei geboren, ist frei! jodelte er mit Schiller und Rousseau durch die Gassen und verqualmte jede Kneipe schon ganz allein mit seiner ellenlangen Pfeife. Groß war er im Vertilgen von Bierjungen, größer beim Einpauken als Sekundant, am größten als eigener Paukant. Mit dem Corpus Juris unterhielt er nicht mal eine Bekanntschaft auf Grüßfuß, der Historia nickte er nur selten von ferne flüchtig zu, ein berühmter Professor Hugo erkundigte sich öffentlich mit ironischer Neugier nach einem Studiosus v. Bismarck, der bei ihm Vorlesungen belegte, von dem er aber nie auch nur die Nasenspitze sah. Wenn er mal gnädigst ins Kolleg spazierte, so erzeugte solch Naturwunder einen Menschenauflauf. Bei Tage lag er auf den Fechtböden, bei Nacht in der Kneipe. Seine Kontrahagen mehrten sich rühmlich, sein Scharfblick für gutsitzende Terzen und Quarten erwarb ihm einen Ruhm, der bei allen Nahtflickern zum Himmel schrie. Er handhabte die heiligen Losungsworte: »Sie sind ein dummer Junge!« mit einer Geläufigkeit, die das »Tusch« der Korona zu einem Seufzer der Bewunderung gestaltete. Ein so gesegnetes Wirken blieb höheren Orts nicht unbemerkt: der rector magnificus hatte ihn obenan auf seiner schwarzen Liste zu wahrscheinlicher Relegierung. Seine Magnifizenz verzeichneten den nie studierenden Unstudiosus als besonders räudiges Schaf. Der böse Geselle brachte wohl Katzenmusiken aus, wobei er schauderhaft miaute, aber bei ihm selber war noch nie ein richtiger Kater auf Besuch.

»Der verträgt unglaubliche Quantitäten«, meldete der Pedell nicht ohne einen Anflug von Ehrerbietung. »Ein hochbegabter junger Herr!« Die Schenkmamsells warfen ihm feurige Blicke zu, ohne Gegenliebe zu erwecken. Auf diesem Punkte blieb er ein Eiszapfen, um so kränkender für weibliche Reize, als er sich der ritterlichsten Artigkeiten befleißigte. Wenn ein Bezechter eine »Philisterin« ärgerte, verulkte oder verquatschte, so konnte er einer Anrempelung durch den Mensurentiger Otto gewärtig sein, und wenn andere von ihren Eroberungen sprachen, so gähnte er. Trug man ihm bedeutungsvoll zu seiner Belehrung die Mär vom keuschen Joseph und Frau Potiphar vor, so lachte er zwar gemütlich, verbat sich aber weiteres Aufziehen mit einer so höflichen Tonart, daß jedem, den nicht nach Abfuhr einer sausenden Prim gelüstete, die Zunge festfror. »Du gibst dem Paukarzt bald zu viel zu tun«, lachte der Vandale Graf Brockdorf, ein stämmiger Holsteiner, der mit ihm dumme Streiche machte. In solcher Weisheit und Herrlichkeit lebte der berühmte Kollegienschwänzer dahin, nur seine intimsten Busenfreunde wußten es anders. Denen blieb nicht unbekannt, daß er zwischen Mensuren und Saufgelagen noch Zeit gewann für massenhafte wahllose Leserei, wild durcheinander auf allen Gebieten schöner Literatur und Geschichtsschreibung. Er bevorzugte dabei Englisches und zitiert mit Vorliebe aus Shakespeare. Dies geschah im Umgang mit seinen amerikanischen Freunden, seinen Unzertrennlichen.

Letztere fühlten sich zu ihm gleich anfangs hingezogen durch seine vorzügliche Kenntnis ihrer Muttersprache, und um diese noch mehr zu vervollkommnen, dachte er von ihrem Verkehr zu profitieren. Bald aber wurde daraus eine Freundschaft auf Grund tieferer seelischer Gründe. Das freie Republikanertum schien ihm ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, jedes tüchtigen Mannes würdig. Begeistert lauschte er den Schilderungen von der Weite in Zeit und Raum, der Riesenhaftigkeit des transatlantischen Freistaates. Und mit dem einen, einem nachdenklichen, ruhigen Jüngling namens John Lothrop Motley, verband ihn der Sinn für Geschichtliches, so lückenhaft und unregelmäßig sein eigenes Wissen nach dieser Richtung war. Mitchell G. King und Anthony Coffin, welche der Ruf Göttingens gleichfalls übers Weltmeer herbeilockte, nahmen wie Motley nur oberflächlich an dem studentischen Treiben teil, und wenn ihr Freund Otto darin unterzusinken drohte, holten sie ihn eiligst zu einem Bummel in die Umgebung ab. wobei auf einmal ganz andere Seiten des Sauf- und Raufboldes sich offenbarten. In freier Natur ging ihm das Herz auf, und er gedachte schwärmerisch des Landlebens, in dem er auf heimatlichen Gütern seine Kinderzeit und seine Ferien verbrachte. Eigentlich Märker, fühlte er sich halb als Pommer, weil die Gutsbesitze Kniephof, Külz, Jarchelin im pommerschen Kreis Naugard lagen. Der Hauptstammsitz lag aber in der Altmark.

»Wo stammst du eigentlich her? Wo liegt Schönhausen?« forschte Motley.

»Zwischen Stendal und Tangermünde, Kreis Jerichow, Provinz Sachsen. Da saßen wir seit 500 Jahren als Ritter, vorher in Stendal als Bürger. Merschtendeels haben wir das Schwert geführt, fast immer gegen die Herren Franzosen.«

»Seit wann denn und in welchen Kriegen?«

»Seit den Hugenotten, wenn du's wissen willst. Wir waren eifrige Protestanten. Im Dreißigjährigen Krieg war einer, der hieß August, unter Bernhard von Weimar, und da hat er leider mithelfen müssen, das Elsaß für Frankreich zu erobern. Der arme Teufel konnte nichts dafür, doch mir ist's wie ein Makel auf unserm Schilde. Ich wollt', ich könnte einen guten deutschen Hieb tun, um Elsaß zurückzugewinnen. Doch dazu kommt's ja nie. Ein anderer focht als Soldoffizier für die Hugenotten gegen den Franzosenkönig. Sein Porträt hängt in Schönhausen, er war groß im Beutemachen und Rheinweinsuff. Zwei meiner Ahnen fochten gegen Louis Quatorze und mein Großvater bei Roßbach. Mein Urgroßvater hatte nicht dies Glück, er fiel bei Chotusitz als Dragoneroberst. Das war ein gewaltiger Nimrod vor dem Herrn und ein Trinker sondergleichen, und wenn er Toaste ausbrachte, ließ er an der Festtafel Trompeten blasen und Karabiner abfeuern. Ein toller Hecht!«

»Na weißt du, Otto, solche Streiche traut man dir auch zu!« King klopfte ihm herzhaft auf die Schulter.

»Möglich. Und ich muß euch sagen, daß ich ihm verdammt ähnlich sehe. Sein Porträt ist wie ein Spiegel: guck' ich drauf, so seh' ich mich selbst.«

»Lasset uns prophezeien! Du wirst jagen, saufen, reiten und als Reiteroberst fallen.« Coffin stimmte an: »Kein schönrer Tod ist in der Welt, als wer vorm Feind erschlagen.«

»Wollen's hoffen, so weit reicht's wohl noch mit mir, mehr kann ein märkischer Junker nicht verlangen. Mein Großvater Karl fiel aus der Art, mimte den Pariser Schöngeist und fabrizierte französische Verse, bis all unsere Leute sich im Grabe umdrehten. Er nahm als Rittmeister seinen Abschied, und mein Vater hat unsere Güter seit 1797. Der focht als Rittmeister gegen die Schelmfranzosen der Revolution und kriegte die Sache dick, als Preußen den schlechten Frieden von Basel schloß. Er zog sich nach Schönhausen zurück, hat aber in Berlin viel gekneipt in Umgebung des Prinzen Louis Ferdinand. Meine Mutter heiratete er ausgerechnet 1806, das war ein Honigmond mit besonderem Polterabend, denn Soults Halunken polterten in unser verlassenes Gut hinein und hausten wie Vandalen. Sogar unseren Stammbaum rissen sie von der Wand und zerfetzten ihn. Ihr könnt euch denken, daß ich von daher einen Groll gegen die ganze Bande hege, der nicht von schlechten Eltern ist. Alles, was französisch, kann ich nicht riechen. Mein Lehrer auf dem Gymnasium, Professor Prevost und Doktor Bonnel, waren würdige Männer, aber weil Refugiés, waren sie mir unangenehm. Ich bin nun mal so.«

»Die Söhne schlagen aber nach der Mutter.« Motley wiegte nachdenklich den Kopf. »Mir scheint, vieles in dir stimmt nicht zu deiner Vaterseite.«

»Nun ja! Meine Mutter, das ist eine außerordentliche Dame, ist eine Bürgerliche, Tochter von Kabinettsrat Mencken. Man sagt zwar, wir seien mit dem alten Derfflinger verwandt, dem Schneidergesellen, der den Schweden mit eiserner Elle das Maß nahm, aber was Gewisses weiß man nicht, meine mütterlichen Vorfahren waren meist Leipziger Professoren.«

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