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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Nach Berlin zurückgekehrt sah er sich zu kleinen Diners in Sanssouci zugezogen, wobei beide allerhöchsten Herrschaften ihm ihre volle Gnade zu erkennen gaben. Die Königin Elisabeth hatte als bayrische Prinzessin auch gewisse Familienneigungen in der Politik, doch ihre unbegrenzte Ergebenheit an ihren Gemahl machte regelmäßig halt, wo ihre persönlichen Beziehungen von den politischen Interessen des Königs sich trennten. Dieser gab Bismarck jetzt deutlich zu verstehen, daß sein öffentliches »Schneiden« nicht eine abfällige Kritik bedeuten, sondern nur seine Übereinstimmung vorerst verheimlichen wollte. Die Broschüre von Radowitz »Deutschland und Friedrich Wilhelm IV.« war nun am 20. November erschienen und machte Aufsehen.

»Aber – da ist ein großes Aber!« vertraute der König seinem neuen Günstling an, den er in einer Fensternische beim Knopfloch nahm. »Die Auseinandersetzung mit Österreich!«

»Dazu könnte wohl Rat werden, da leider in diesem Kaiserstaat die zentrifugalen und revolutionären Elemente überhandnehmen. Bei solcher Schwächung –«

»Da sei Gott für, daß wir die Notlage der altehrwürdigen deutschen Dynastie ausnutzen sollten!« rief der König entrüstet. »Allerorts sind die Übelgesinnten am Werke, Satan hat große Macht auf Erden, Böses wird aus allen deutschen Bundesstaaten berichtet, doch Preußen wird sich, so Gott will, wiederfinden in Gottesfurcht und Königstreue. Wir sind der rocher de bronce der deutschen Dynastien gegen den Unflat der Revolution.« –

So schien es in allen höfischen und junkerlichen Kreisen. Johanna Bismarck in Schönhausen ließ sich von ihrem Gatten alle Witze Seiner Majestät erzählen. Die waren gottvoll. Zum Beispiel, als er bei der Abreise des Herzogs von Cambridge die Schloßparole ausgab: »Oxfort!« oder dem Herzog von Anhalt-Köthen, als dessen Bürger die Hymne »Ich bin ein Preuße« sangen, auf dessen Unmut antwortete: »Die Leute können doch nicht singen, ich bin ein Köter, kennt ihr meine Farben!« oder einer sehr hohen Dame, als diese bei Charademimik schmachtend auf einen Löffel blickte und »Silberblick« meinte, die Lösung gab: »Löffelgans«. Si non è vero, è ben trovato. Die Berliner Bourgeoisie schätzte die Witze Seiner Majestät, blieb aber dabei, treugehorsamst zu opponieren. Und der tolle Frühling von 1848 brauste immer lauter, bis in die Klause des Eremiten von Schönhausen, der sich ganz zurückzog und seinem Familienglück lebte. Der Deichhauptmann wußte aus Erfahrung, was diese Symptome bedeuteten, wenn ein Strom nach entfesseltem Eisgang sich ungebärdig an die Ufer wälzt.

»Was hast du denn, Ottochen?« forschte die besorgte Gattin, als er finster ein Zeitungspapier zerknüllte.

»In Paris Revolution und Republik. Das kann gut werden mit der Ansteckung.« Und so geschah es, Volksversammlungen, Sturmpetitionen, besonders für Revision der Bundesverfassung. In Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart, München, Hannover griff die Bewegung des denkwürdigen März um sich, selbst in Kassel stellte man dem Tyrann ein Ultimatum. Und der Bund gab nach. Das Präsidium in Frankfurt erließ schon am 1. einen Aufruf: »Deutschland muß auf die Stufe erhoben werden, die ihm unter den Nationen Europas gebührt.« Dagegen hatte der Schloßherr von Schönhausen nichts einzuwenden. »Es ist schön, daß die Regierungen die Sache selbst in die Hand nehmen, das ist der rechte Weg«, rief er freudig und schmunzelte: »Am Ende gewinn' ich noch meine Champagnerwette mit dem Yankee.« Aber als gleich darauf Preßfreiheit und Schwarzrotgold, die Farbe der Burschenschaft, als Bundesfarbe proklamiert und die Nationalversammlung nach Frankfurt berufen wurde, furchte sich seine breite und schon zusehends kahlwerdende Stirn: »Zu hitziges Tempo und Nachgiebigkeit gegen die Demagogie! Wird unsern König stutzig machen, und damit ist alles verloren.«

»Die Leute lehnen sich ja alle gegen die gottgewollte Obrigkeit auf,« jammerte seine Frau Gemahlin, »darauf kann niemals Gottes Segen ruhen.« Ihr Mann schwieg betreten. Natürlich, es war die reine Erpressung. Aber wenn wirklich auf diesem Wege wider alles Erwarten die deutsche Einheit zustande käme ... ach, Unsinn! Siehe die Schwätzer im Landtag!

Und es wurde schlimmer und schlimmer. In allen deutschen Kleinstaaten siegte die Revolution unter dem Namen des Konstitutionalismus. Tatsächlich dankte das alte Regierungssystem überall ab. In Wien – wer hätte das gedacht! – mußte die Metternichtigkeit flüchten und der Kaiser eine schwarzrotgoldene Fahne in die Hand nehmen, indes seine Truppen von der Hofburg abzogen und die Nationalgarde die Führung antrat. Und kaum hatte Frau v. Bismarck die Hände über dem Kopfe zusammengeschlagen und ihr Mann schweigsam diesen Ruin aller außerpreußischen Dynastien verdaut, der zur Stärkung Preußens dienen konnte, als ihn in Carow bei seinem Gutsnachbar Graf Wartensleben, zu dem er behufs politischer Besprechung hinüber ritt, eine Hiobspost aus heiterem Himmel erwartete.

»In Berlin herrscht die Revolution!« empfing ihn der Graf, zitternd vor Aufregung. »Damen aus Berlin sind zu mit geflüchtet. Hab' ich Ihnen nicht gesagt, Majestät hätte den Magistrat und die Stadtverordneten der Residenz nicht so schnöde abweisen sollen, er sei beschäftigt, als man ihm die Adresse überreichte? Beschickung der Nationalversammlung in Frankfurt, allgemeine Amnestie, gleiches Bürgerrecht für alle waren doch keine so unmäßigen Forderungen angesichts der politischen Lage. Und nun haben wir den Salat ... und den Essig dazu!«

Aus dem Tone des Edelmanns entnahm Bismarck, daß die Dinge sehr schlecht stehen mußten. Er wußte schon, daß große stürmische Volksversammlungen in der Hauptstadt stattfanden, auch schrieb ihm Gerlach, daß allerlei lichtscheues Gesindel der internationalen Revolutionsindustrie, Franzosen und Polen, russische Juden, politische Flüchtlinge, internationale Agitatoren sozialistischer Färbung, in Berlin zusammenströmten. Doch hatte er solche Zuversicht zu der festen Fügung des Preußenstaats, daß er dazu nur lachte und auf die Festigkeit des Königs baute. Er wußte auch von Zusammenstößen des Militärs mit aufgeregten Menschenmassen, die eine Spannung dauernd erhielten, vom Patent des 14. März, das den Landtag erneut berief. Mit gemischten Gefühlen vernahm er durch Eilboten vom Erlaß des 18., der ein konstitutionell-nationales Programm enthielt, das jeder weitgehenden Forderung »für Freiheit und Einheit« entgegenkam. Aber damit endete sein Wissen, weitere Post aus Berlin war ausgeblieben. Und nun hagelten die Nachrichten auf ihn herein von kreischenden hysterischen Damen, von dem Grafen, der ruhiger erzählte. Wie das Volk vors Schloß zog, um dem König zu danken, wie zwei Gewehre der militärischen Bedeckung, deren Zurückziehung das Volk verlangte, als der König auf dem Balkon erschien, sich zufällig entluden, wie darauf Barrikaden aus dem Boden wuchsen unter Kommandoworten französischer und polnischer Revolutionäre, wie ein blutiger Straßenkampf sich entspann von drei Uhr nachmittags bis zum andern Morgen. Sturmläuten, Salven, Feldgeschrei der stürmenden Garden, wildes Aufruhrbrüllen der Volksmassen, grimmige Tapferkeit auf beiden Seiten.

»Geschlagen haben sich die schuftigen Berliner wie alte Preußen«, gestand Wartensleben, ein richtiger Edelmann, mit unfreiwilligem Stammesgefühl. »Besonders in der Jägerstraße soll es den Truppen viel Blut gekostet haben, den Widerstand zu brechen. Aber die haben nirgends ihre Pflicht verraten wie das Militär in Paris, Straße um Straße haben sie gesäubert und waren Sieger, als leider –«

»Nun, was denn?« fragte Bismarck atemlos.

»Se. Majestät haben Befehl erteilt, die Truppen aus Berlin zurückzuziehen und eine Proklamation ›An Meine lieben Berliner‹ erlassen, worin er allzu milde und versöhnlich sich gleichsam unter den Schutz der Aufrührer stellt. Es laufen sogar Gerüchte um, daß der allerhöchsten Person nicht neue Demütigungen erspart blieben.«

Der Schönhauser stieß einen dumpfen Fluch aus. »Mit Aufrührern paktieren ist der Anfang vom Ende.« Am meisten empörten ihn die Schauermärchen, von weinend durcheinanderkreischenden Dame kolportiert, daß die Soldaten in den Straßen »ermordet« seien. Daran war kein wahres Wort, falls man nicht den Waffentod in ehrlichem Kampfe bloß deshalb Ermordung nennen will, weil Barrikadenkämpfer ihn herbeiführten. Ebenso übertrieben klangen aber auch die Legenden der andern Partei über viehische Grausamkeit der Truppen, wie damals allgemein geglaubt wurde, ein Glaube, der noch heute nicht ausstarb. Nur an einigen Stellen räumten die durch ihre Verluste aufs äußerste gebrachten Truppen in ihrer Erbitterung rücksichtslos auf, dumme pommersche Bauernlümmel in Uniform ließen ihre Wut an den verhaßten und beneideten Städtern aus, wobei Wehrlose und auch ganz Unbeteiligte umkamen. Im ganzen unterschied sich der Kampf in nichts von ähnlichen Vorfällen in andern Städten. Die Geschichtschreibung wird aber nie die volle Wahrheit schreiben dürfen, weil beide Parteien logen und einander verleumdeten. Die konventionelle Fabel, wie Napoleon die Geschichte nennt, erstieg hier den Gipfel der Fälschung, indem man dem völlig schuldlosen Prinzen von Preußen, der selber den so überaus entgegenkommenden Erlaß mit unterschrieb und am Hofe das liberale Element sehr gegen die innere Absicht des schwankenden Königs vertrat, ein militärisches Attentat andichtete und ihn mit Verwünschungen überhäufte.

»Man hat auch geplündert und sich an königlichem Eigentum vergriffen«, behauptete eine der geflüchteten Damen.

»Selbstverständlich, das wahre Motiv ist immer Diebesgelüst. Die Großstädte, das Treibhaus niedriger Leidenschaften, sollte man vom Erdboden vertilgen, vor allem Berlin, diesen aufgeblasenen Wasserkopf des Reichs. Solche Übel heilt man nicht durch demokratische Konzessionen und Projektenmacherei für ein einiges Deutschland. In Preußen besteht gar kein Bedürfnis für solche nationale Wiedergeburt vom Schlage der Frankfurter Theorien. Diese ganze demokratische Krankheit ist wie rote Ruhr, für die Rotwein gut ist, alias rotes Blut.«

»Gegen Demokraten helfen nur Soldaten«, stimmte Graf Wartensleben an.

»Übrigens seh' ich die Dinge nicht so schwarz an«, suchte Bismarck den Mut seiner Standesgenossen aufzurichten, »der König wird schon Rat wissen, wenn man ihn nur aus der Gewalt der Aufrührer befreit.«

*

Am folgenden Tage meldeten ihm seine Bauern in Schönhausen: »Da sind so 'ne Kerls gekommen aus Tangermünde, die sagen, wir sollen eine Fahne auf dem Turm aufziehen, schwarz-rot-gold, und wenn wir nich gehorchen tun, dann kommen sie mit ville Mannschaft.«

»Ei so! Wollt ihr euch wehren, da die Burschen euch gar nichts zu sagen haben?« »Jawohl!« erscholl es von allen Seiten. »Dann jagt die Windbeutel aus dem Dorfe!« Dafür waren besonders die Bäuerinnen eingenommen, für deren praktisches Verständnis die Revolution bloßen Übergriff der Städter zur Ausraubung des Landvolkes vorstellte.

»Ist nicht in der Kirche eine Fahne mit schwarzem Kreuz? die pflanzt auf den Turm, damit man sieht: hier sind gute Preußen, schwarz-weiß, nicht schwarz-rot-gold wie bei dreckigen Ausländern. Habt ihr Gewehre und Munition?«

»Zu Befehl. Das heißt –« Einige kratzten sich hinter den Ohren.

»Ja, ich weiß schon, Jagdgewehre fürs Wildern. Schad't nischt, von mir aus habt ihr Absolution, wenn ihr die Waffen nur für König und Vaterland braucht. Ich selbst habe so an zwanzig Stück zu Haus, darunter zwar manche aus alten Tagen, aber Gewehr ist Gewehr. Und nun schick' ich reitende Boten nach Jerichow und Rathenow von wegen Schießpulver, denn daran hapert's.«

Zu Hause befahl er: »Nanne, laß anspannen! Du fährst mit, wir müssen die Dörfer der Umgebung aufwiegeln, damit sie dem König zu Hilfe kommen. Nützt's nichts praktisch, so macht's doch moralischen Eindruck.« Man fand die Leute überall bereit, für die gute Schönhausener Herrschaft durchs Feuer zu gehen. Der greise Dorfschulze von Neuermark tat sich besonders hervor: »Zu Befehl, Herr Deichhauptmann. Habe bei den Rathenower Karabinier-Kürassiers gedient unter dero Herrn Vater, dem seligen Herrn Rittmeister, und war Wachtmeister. Hol' mich dieser und jener, wenn ich nich meinen Fahneneid halte und für meinen König feste druff haue mang die verflixte Demokratenbande.«

Da kam der nächste Gutsnachbar an den Schönhauser herangesprengt und warnte: »Sie entzünden eine Brandfackel zum Bürgerkrieg und stürzen die armen Leute ins Verderben.«

»Sympathisieren Sie mit der Berliner Bewegung?«

»Das tu ich. Se. Majestät selber haben ja erklärt –«

»Paperlapapp! Wollen Sie etwa meine Absicht durchkreuzen?«

»Ich werde als Patriot die Dörfler aufklären, daß –«

»Dann schieße ich Sie nieder.«

»Herr v. Bismarck! Das werden Sie nicht.«

»Sie kennen mich als ruhigen Staatsbürger, doch auf Ehrenwort – und daß ich das halte, wissen Sie! Unterlassen Sie jede Widerrede!« Er nahm sodann zärtlichen Abschied von Johanna, die ihn weinend umarmte und nicht fortlassen wollte. »Sei getrost, mir passiert nichts. Ich will nur das Terrain rekognoszieren, fahre bloß nach Potsdam, wo das Militär lagert.«

Kaum betrat er den dortigen Bahnhof, als eine ordengeschmückte Figur sehr knickebeinig sich an ihm vorüberschleichen wollte. »Ne me parlez pas!« raunte er hastig auf die ehrerbietige Begrüßung, es war der gewesene Minister v. Bodelschwingh, den die neue Ordnung aus Amt und Würden entfernte. Bismarck raunte als Antwort: »Les paysans se lèvent chez nous.« »Pour le peuple?« »Pour le roi!« »O! Dieser Seiltänzer!« entfuhr es dem Erzürnten, den sein Monarch so schnöde fallen ließ, die Augen gingen ihm von Tränen über. Bismarck eilte in die Stadt und traf auf der Plantage vor der Garnisonkirche eine lagernde Gardeabteilung. Er redete die Gemeinen an, die eifrig versicherten: »Wir hatten das Gesindel ganz verdroschen. Warum ließ man uns retirieren?« Ein Freiwilliger trumpfte auf: »Des Königs Majestät ist von Verrätern umgeben, die ihm arglistig Lügen ins Ohr flüstern.«

Ein Unteroffizier warf sich in die Brust: »Nur nochmals 'rin in dat gottverdammte Nest! Dat sind ja jar nich Preußen und deutsche Brüder, lauter Polen und Schelmfranzosen. Als ich dat jehört habe, wie solche Musjös mitten uf'm Lustmarkt brüllten: An avang pur la Lieber Tee, da hab' ik 'ne Lust jekriegt, die janze Bande so zu verhauen, daß nich ein Stiebelfetzen übrigbleibt!« Eine Reihe Grenadiere stimmte das pathetische gutgemeinte Lied an, mit dem ein unbekannter Poet, wohl ein freiwilliger Jäger, dem Schmerz und der Entrüstung der Truppen beim Abmarsch aus Berlin Worte lieh. Sehr naiv scholl der Hohnrefrain: »Ihr sollt nicht Preußen mehr, sollt Deutsche sein.« Schwarz-rot-gold sei eine Entweihung der schwarz-weißen Fahne. »Was du hier tatest, Fürst, wird dich gereu'n, so treu wird keiner wie die Preußen sein.« Bismarck dachte an seine studentische Anfangs-Jugend, wo er nicht verschmäht hatte, ein schwarz-rot-goldenes Burschenband zu tragen und wo sein großdeutsches Gefühl aller preußischen Schulung engherziges Preußentum im partitkularistischem Sinne ausschloß. Doch die unerwartete Entwicklung nach links, die wilde Überstürzung der Reichs- und Einheitsschwärmer, warf ihn mit heftigem Stoß so weit nach rechts, daß er vor der Hand von Alldeutschen nichts mehr wissen wollte. So überschäumt die Brandung in einem Orkan eine Klippe, so daß sie lange nicht mehr sichtbar wird. Aber sie bleibt doch da, und wenn der Schaum sich verlief und die Sturmflut zurückebbt, wird sie schon wieder ihr Haupt erheben. –

Indessen hatte die revolutionäre Woge auch schon nach dem königlichen Hochsitz Potsdam hinübergespült. Als Bismarck längs des Kanals nach dem Stadtschloß ging, hefteten sich mehrere verdächtige Zivilisten an seine Fersen und hetzten: »Ein Spion der Reaktion! Ein fauler Landjunker! An die Laterne!« Der Altmärker Hüne lockerte den Revolver in der Seitentasche, dessen vier Schüsse er sicher erfolgreich abgefeuert hätte, doch niemand wagte Tätlichkeiten.

»Können Sie mich auf eine Nacht beherbergen?« fragte er den Hauptmann v. Roon, der dem jungen Prinzen Friedrich Karl, Neffen des Königs, als Militärgouverneur beigegeben war.

»Mit tausend Freuden, lieber Freund. Nun, wie steht's draußen?«

»Gut. Ich möchte nur hier sondieren, um mich auszukennen. Wohin soll ich mich wenden?«

»Zu Exzellenz v. Möllendorf im ›Deutschen Hause‹. Den haben die Schurken vom Pferd gerissen, als er mit ihnen unterhandelte und ihn so lange gemißhandelt, bis man ihn ihrer Wut entriß.« –

Dieser alte General bewegte sich mühsam. »Ich bin noch ganz steif von Wundschmerzen, so haben die Biester mich zugerichtet. Sie wünschen Näheres zu wissen? Hier ist General v. Prittwitz, der in Berlin kommandierte.« Letzterer Herr lehnte das Angebot bewaffneter Bauern rundweg ab. »Die brauchen wir nicht, schicken Sie uns lieber Lebensmittel, auch ein paar Batzen, denn mit Verpflegung und Löhnung der Soldaten wird's wohl hapern.«

»Aber ein solcher Zuzug des Landvolks könnte doch nützen?«

»Sie irren. Dann erhielte ich spornstreichs aus Berlin des Königs Befehl, die braven Leute abzuwehren.«

»So ist also doch der König wie im Gefängnis. Holen Sie ihn heraus!«

»Sie sind etwas aufgeregt und sehr viel jünger als ich,« versetzte der General gemessen. »Gewiß, ich könnte Berlin einnehmen, doch nicht ohne blutiges Gefecht. Das würde mir Kopf und Kragen kosten, falls der König in seiner Zwangslage mich desavouiert. Und was kann er anderes tun? Und was kann ich tun, da ich doch auf allerhöchsten Befehl den Besiegten spielen soll? Ohne Befehl darf ich nicht handeln.«

»Dann muß der Befehl von anderer autoritärer Seite kommen. Si nequeo Danaos, Acheronta movebo.« Bismarck lief sofort zur Behausung des Prinzen von Preußen. Der hohe Herr sei abwesend, hieß es, die Frau Prinzessin werde den Herrn empfangen. Man führte ihn in ein Dienerzimmer im Erdgeschoß, wo die schöne Frau mit verweinten Augen auf einem einfachen Fichtenstuhl saß. »Was wünschen Sie?«

»Den Aufenthalt Sr. Kgl. Hoheit zu erfahren, um ihm eine untertänigste Bitte vorzutragen.«

»Diese Auskunft kann ich nicht geben. Wie ich Sie kenne, planen Sie einen Gewaltakt und würden uns vollends ins Verderben stürzen.«

»Es ist noch nichts verloren. Wollten Ew. Kgl. Hoheit geruhen, mich anzuhören –«

»Nein. Sie und ihresgleichen haben den König in seinem Starrsinn bestärkt. Mein Gemahl, völlig schuldlos daran, muß nun die Folgen tragen. Er wird sich auch nicht halten können. Welch ein Wahnsinn, sich einer Bewegung zu widersetzen, die ganz Deutschland und Österreich durchzittert!«

»Mir scheint dies nur eine vorübergehende Mode der Zeit«, erlaubte sich Bismarck einzuwerfen.

»Ja, so denken Sie, die hinter der Zeit zurückblieben! Die moderne Menschheit läßt sich nicht mehr kommandieren wie Leibeigene eines pommerschen Gutsherrn. Sie sind ja wohl aus Pommern, nicht wahr?«

»Nicht ganz, gnädigste Prinzessin, obschon es dort keine Leibeigene gibt, wie ich mir zu bemerken erlaube. Aber monarchisch find sowohl die Pommern als wir Märker bis in die Knochen, voll angeborener Treue und Ehrfurcht für das erhabene Herrscherhaus, für den Adler Hohenzollerns, dem wir alles verdanken. Dies Spielen mit der Republik in deutschen Landen ist ein Anachronismus ohne jeden Halt, der Deutsche hängt an seinen angestammten Herrschern.«

»Das scheint Ihnen so, Sie malen verlockende Bilder, weil in ländlichen Illusionen befangen. Wer die Dinge von höherer Warte sieht, wird Ihren Optimismus nicht teilen.« Die Prinzessin sprach immer sehr geläufig und gewählt. »Es gilt für die Dynastie zu retten, was zu retten ist. Meine Pflicht als Mutter ist allein, die Rechte meines Sohnes zu schützen.« Prinzessin Augusta befand sich in etwas hysterischer Aufregung und drückte wiederholt ihr Tuch an die Augen. »Aber die Minderjährigkeit –«

»Dafür muß eben eine Regentschaft eintreten.«

»Von wem?« Die Dame blitzte ihn hoheitsvoll an.

»Von derjenigen Stelle, die von Natur dazu berufen scheint. Adieu, Herr v. Bismarck, und versuchen Sie nichts Unmögliches!« –

Die Regentschaft der Prinzessin? Weiberregiment in so bedrängter Zeit? Das heißt völliges Kapitulieren vor der Revolution, Scheinkönigtum. In seiner Verzweiflung lief Bismarck sogar zu dem blutjungen Prinzen Friedrich Karl. Dieser Prinz machte einen günstigen Eindruck, seinem hübschen Äußern sah man viel Willenskraft und Begabung an. Er wurde blaß und rot bei der Eröffnung, das Königshaus müsse an Stelle des unfreien Königs für dessen Ehre und Recht die Armee anrufen. »Ich danke Ihnen und wäre glücklich, wenn ich dürfte, doch ich bin zu jung. Man spottet über die Studenten, die Politik treiben, ich wäre in gleichem Falle. Ein solches Beispiel wäre ein abschreckendes Exempel von Indisziplin, das mir der König nie verzeihen würde. Aber gehen Sie zu meinem Vater, vielleicht weiß der Rat!«

*

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