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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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»Die Woche fing ja gut an, sagte der Räuber, als er am Montag gehängt wurde«, lachte der Herr v. Schierstädt, der sich sonst fernhielt und nur als Kirchenpatron später in die allgemeine Bewegung verwickelt wurde. »Die Eröffnungsrede im Weißen Saal hat nicht gerade Anklang gefunden und Seiner Majestät die getreuen Stände schon ein wenig entfremdet.«

»Ich habe die Rede gelesen«, brach der Deichhauptmann kurz ab.

»Na, was sagen Sie dazu? Wes das Herz voll ist, dessen geht der Mund über. Aber hier floß ein Mund von Metaphern über, ohne daß man spürt, wovon das Herz voll – doch pardon, ich verletze die schuldige Ehrerbietung.«

»Wir wollen uns keine Kritik erlauben,« fiel Wartensleben ein, »aber das verstehe ein anderer! Majestät erklären sich feierlich als unversöhnlicher Feind des Absolutismus, deshalb würden allerhöchst sie ihre Krongewalt ungeschwächt erhalten! Nie dürfe ein Blatt Papier zwischen ihn, den Herrgott im Himmel und seine Untertanen treten. Geschriebene Paragraphen sollten nicht die alte heilige Treue ersetzen, das natürliche Verhältnis von Fürst und Volk nicht ein konventionelles sein. Dann erhob sich der hohe Herr vom Thronsessel und bekannte: ›Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen.‹ Nur kein Gelüst nach Selbständigkeit bei echten Preußen! Also aus der Fülle seines Herzens Willkommen, Versprechen, Drohungen, Warnungen, Beteuerungen! Auf solche Weise wird ein Gebildeter, der mit der öffentlichen Meinung marschiert, doch wirklich ins Lager von Seiner Majestät allergetreuester Opposition hinübergedrängt.«

»Mir ist aber der Satz aus der Seele gesprochen,« trumpfte der so viel jüngere Schönhauser ab, »Preußen sei auf Zentralismus der Regierung durch seine geographische Lage angewiesen, wie eine belagerte Festung dem Kommandanten untersteht.«

»Es kann doch aber nicht immer Belagerungszustand sein und absolutes Kriegsrecht walten«, fiel Herr v. Schierstädt ein. »Sehen Sie, ich mag ja auch nicht gutheißen, welche dreiste Lippe der liberale ostpreußische Adel riskiert. Alfred Auerswald und der v. Saucken bekennen sich ja als richtige Demokraten, wenigstens nach unseren Begriffen. Aber das mußte die Versammlung doch gleich in Mißmut versetzen, daß Seine Majestät ohne weiteres ihr vorhielten, er würde sie nie berufen haben, falls er geargwohnt hätte, die Abgeordneten würden sich mißverständlich für sogenannte Volksvertreter halten. Das Kurze und Lange war: man würde sie nach Hause schicken, falls sie sich nicht anständig benähmen. Seine königliche Großmut mache dem Zeitgeist unverdiente Zugeständnisse.«

» De jure ist das auch so«, erinnerte Bismarck trocken. »Der König von Preußen ist absoluter Herrscher von Gottes Gnaden, und es ist ein in der Geschichte seltenes Ereignis, wenn er sich freiwillig einiger Rechte entäußert.«

»Freiwillig wohl nicht so ganz«, Wartensleben zuckte die Achseln. »Der Druck der öffentlichen Meinung ist am Ende auch ein Zwang.«

»Bah, Zeitungspapier. Im übrigen stimmen wir ja überein, daß eine gewisse Kontrolle den Absolutismus beschränken müßte. Sonst gewinnen allerlei unberufene Günstlinge die Oberhand, vor allem Weiber und Pfaffen.« In diesem Augenblick suchte ihn ein Expreßbote mit einem Eilbrief aus Berlin. »Sie entschuldigen, daß ich packen muß. Die Herren v. Bülow-Kammerow und Dewitz-Wilzow sowie ein Stadtrat aus Magdeburg laden mich ein, unverzüglich nach Berlin zu kommen wegen hochwichtiger Konferenz. Was mag das sein? Wohl wegen Patrimonialgericht!« – –

»Sie dürfen sich dem ehrenvollen Antrag nicht entziehen«, beteuerten die ständischen Herren, mit denen er in Berlin zusammentraf. »Brauchitzsch will, obschon von seiner Erkrankung halb genesen, nur dann austreten, wenn Sie sein Mandat übernehmen. Wir haben eben alle ein besonderes Vertrauen zu Ihnen, daß Sie den Kreis am besten vertreten werden.«

»Von Herzen Dank! Aber, meine Herren, ich stehe vor meiner Verheiratung, die ich dann verschieben müßte. Das ist viel verlangt.«

»Das Vaterland ruft und ist in Gefahr. Der Landtag wird täglich toller, alle Besonnenen müssen ihn am Wickel nehmen. Nicht etwa als ob – mißverstehen Sie nicht, wir alle sind auch für gewisse Reformen, aber dies Tempo Fortissimo kann ein loyaler Preuße nicht mit ansehen.«

»Ist's denn so arg? Man wird doch nicht den schuldigen Respekt vor der Krone verletzen?«

»Und ob! Kommen Sie mal 'rin in die gute Stube!« rief Herr v. Bülow, »da werden Sie Ihr blaues Wunder erleben. Die Ostpreußen sind die Tollsten, aber die annektierten Rheinländer sind auch nicht übel. Da sind v. Heydt und Hansemann und Ludolf Camphausen aus Köln, da ist Beckerath. Ja, und Herrn Georg v. Vincke müssen Sie hören! Das ist ja die reine Konventrednerei! Ein Liber Baro aus Westfalen!«

»Hm!« Bismarck überlegte. Den Kopf konnte es ja nicht kosten, lange dauerte die Session nicht, dann die Hochzeit ... Die Magdeburger Stände beleidigen hieß jede Hoffnung auf ständische Lebensunterstützung aufgeben. »In Gottes Namen, ihr habt mich!« –

*

Es folgten aber zweitägige Konferenzen über ständische Patrimonialfragen so angreifender Art, daß der schwächere Herr v. Bülow einen Ohnmachtsanfall bekam und der riesige Otto sich Kopfschmerzen holte. »Ich sterbe Hungers, Papa«, rief er dem alten Puttkamer zu, der ihn mit seinem Freunde v. Thadden und dem jüngeren Herrn Alexander v. Below-Hohendorf im Café Royal erwartete, alle wegen Landtag in Berlin, »und habe Migräne vor Aufregung. Am Vormittag bin ich mit allerlei Landmarschällen und Präsidenten – Name unter Diskretion – in diesem gottlosen Berlin herumgerannt, und nachher die Konferenz – brr!«

»Na, Ottochen, du Kleiner, wie dich Nanne nennt,« schmunzelte der Alte, »dafür ist Auerhahn gut, hab' ich mir sagen lassen. Der famose Vogel, den Mama dir geschickt hat – du hast ja 'nen Zahn auf solche Chosen –, liegt seit vorgestern in der Beize und hier haben wir ihn gut braten lassen. Das wird deinen zarten Korpus wohl restaurieren.«

Das Diner verlief flott und angeregt. »Um Gottes willen, schon wieder Champagner, den ich dir streng verbot!« jammerte von Thadden, als der alte Puttkamer kräftig der Pulle zusprach. »Und noch Zigarren!«

»Was kann das schlechte Leben helfen! Unser Herr ärgert sich, wenn wir seine schönen Gottesgaben unbenutzt lassen!« lachte der heitere alte Herr. »In Gegenwart von Otto nicht trinken und rauchen ist überhaupt eine Majestätsbeleidigung für seine allerriesigste Person!«

»Prost, Papa!« Der Riese stürzte sein Glas hinunter. »Nun erzählt aber mal, wie ihr die Dinge hier anseht!« Jeremiaden, gedämpft durch Verlegenheit. Der Landtag hatte damals dem König, der in rednerischen Künsten schwelgte, geduldig zugehört. Er hatte ja ein geistvolles Gesicht mit gewölbter Stirn, doch »stand ihm die Uniform nicht gut, mit Respekt zu melden«, murmelte Herr v. Below halblaut. Den endlosen Schwulst nahm die Versammlung zu sich, aber leider ohne ihn zu verdauen, und ging unwillig auseinander. Halblauten Äußerungen der Enttäuschung folgten laute Ausbrüche der Entrüstung bei den radikal Gesinnten.

»Ein Skandal, sag' ich dir!« trauerte der alte Puttkamer. »Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat, sagt die Heilige Schrift. Diese Heiden wollen die göttliche Weltordnung nicht gelten lassen, das ist ihr großes Verbrechen. Je nu ja! Auch ein König von Gottes Gnaden is ja am Ende ein sündiger Mensch, und Se. Majestät kann ja wohl möglichenfalls auch irren. Aber er ist doch von Gottes Gnaden erleuchtet, sozusagen vom Heiligen Geist.«

»Das wollen wir nich' so beschreien!« brummte v. Thadden launig und fügte halblaut hinzu:

»Der Heilige Geist kann keine Dummheiten machen, und ein König – du sagst ja selbst, ist ein fehlbarer Herr. Womit ich natürlich nichts gesagt haben will. Doch die Stimmung unter den hohen Beamten, mit denen ich verkehre, ist ungünstig.«

»Von der Bevölkerung hier ganz zu schweigen«, fiel Herr v. Below ein, der verdrießlich und gleichsam pantomimisch an einer Knackmandel des Desserts kaute. »Ich bin natürlich pflichtschuldigst außer mir über diese Tonart, aber – aber! Die öffentliche Meinung – die allgemeine Bildung –«

»Lieber Freund,« unterbrach ihn Bismarck stirnrunzelnd, »Sie sind gewiß ein wohlerzogener junger Mann und ungeheuer gebüldet. Pardon, wir sind ja en petit comité und etwas angeheitert. Aber mit der allgemeinen Bildung lassen Sie mich zufrieden, das ist auch so eine öffentliche Schablone, von der ich nichts halte. Na Prost! Ich werde mir morgen die Budike besehen! 9. Mai 1847!«

Das tat er denn. Die Rheinländer mit ihren überkommenen Phrasen aus der Franzosenzeit fielen ihm auf die Nerven und rührseliges Pathos des Herrn Beckerath mißfiel ihm. Dabei gewann die Opposition nicht nur täglich an Boden, gestützt auf allgemeinen Beifall der Städte, der Zeitungen und der besseren Berliner Gesellschaft, sondern sie spitzte sich mit zunehmender Schärfe auch gegen den grundbesitzenden Adel zu, die verhaßte Klasse der »Junker«. Viele der letzteren, ursprünglich ziemlich indifferent, fühlten sich daher in ihren Standesvorrechten und materiellen Interessen bedroht. Ihrer Aufstachelung bedurfte es aber nicht, um die stark ausgebildete Agrarierselbstsucht des jungen Gutsbesitzers zu wecken, der plötzlich sich ganz auf die äußerste Rechte schlug, früher bekundeten Ansichten zuwider.

»Na na. Sie sind plus royaliste que le roi«, beschwichtigte ein älterer Edelmann. »Man nich so hitzig!«

»Sie werden sehen, wie bald uns das Feuer auf den Nägeln brennt, und da wird Ihnen wohl heiß werden«, fuhr der grollende Schönhauser auf. »Diese Leute wollen langsam Stein für Stein die alte Ständeordnung niederreißen. Und wo bleiben dann wir? Mein Freund Moritz Blanckenburg schrieb mir sehr aufgeregt, die Teilnahmlosigkeit der Berliner Freunde bezüglich der drohenden politischen Spannung habe ihn sehr angegriffen. Ja, viele unter uns merken nicht, daß wir auf Moorboden wandeln, der leicht plötzlich einsinken kann.«

»Na, so schlimm wird's wohl nicht sein!« lenkte ein anderer, Herr v. Gadow, ein. »Darf ich mich nach dem Befinden Ihrer Damen erkundigen? Ihr Fräulein Braut –«

»Danke recht sehr, befindet sich wohl und klagt über zu kurze Briefe, weil ich von Politik voll zum Überfließen. Meine Schwester Arnim ängstigt sich in Angermünde, in Abwesenheit meines Schwagers blieb ich dort, doch der erwartete Aufstand machte sich nur in Zetergeschrei alter Weiber Luft. Aber in Köslin, wo ich neulich auf dem Wege nach meinem Kniephof durchfuhr, gab es wirklich so was, wie Aufruhr, alle Straßen von Menschenmassen gesperrt, so daß wir nur mit Mühe durchpassierten, von Landwehrmannschaften gedeckt. Wir, d. h. drei Offiziere und ein schnippisches Berliner Bürgerfräulein, die unhöflich gegen uns wurde. Überall der gleiche Geist. In Köslin sind Bäcker- und Schlächterläden geplündert, drei Kornhändlerhäuser ruiniert, auch der Brotaufstand in Stettin war garstig, man hat scharf geschossen. Das Einberufen der Landwehr halte ich übrigens für verfehlt, meine Herren, die ist von üblem Geist erfüllt und würde gern mit allen Lärmschlagern gemeinsame Sache machen.«

»O, Sie sehen immer zu schwarz. Übrigens handelt sich's dabei doch nicht um Politisches, das ist die reine Magenfrage«, warf Prinz Solms hin.

»Das ist die schlimmste; politische Revolution ist oft nur ein Vorwand für die ... ja, ich weiß nicht, wie man das nennen soll, sagen wir mal: die soziale Frage. Die hat sicher mehr Berechtigung, als das Geheul nach Verfassung und ähnlichen Papierfetzen, die niemand satt machen. Das Volk will essen, Not kennt kein Gebot.«

Er schwieg düster und beklommen. Neulich hatte er Kniephof zum letzten Male besucht, da er es verpachtet hatte, um mehr Geld herauszuschlagen. Da warfen die Tagelöhner ihm weinend vor, wie lange sie schon seinem Vater gedient und wie sie jetzt ohne seinen Schutz, der ein guter Herr war, vom habsüchtigen Pächter ausgebeutet wurden. Unvorsichtige, verschwenderische Nachlässigkeit ... o, wir Junker taugen ja auch nichts, aber sind die bürgerlichen Krämer etwa besser? Bei Gott, ich werd' mich von jetzt ab wieder getreulich »von« schreiben, bloß um das Pack zu ärgern mit seinen ewigen Sticheleien auf die Herren von und zu. Wir wollen auch leben, und wer mir meine adligen Rechte stehlen will, den faß ich an der Gurgel. – Widerwille vor liberalem Philistertum förderte in ihm eine Mauserung, als habe er von Grund aus die Haut gewechselt. Alles Tiefe und Hohe seines Wesens schien untergegangen in zäher, hartknochiger, märkischer Prosa.

*

Der Skandal im Landtag ging weiter. Der Abgeordnete Bismarck, auffallend durch blondhaarige, blondbärtige Reckengestalt und furchtlose blaue Augen, stand finster beiseite und sagte kein Wort. Auch wenn er mit Loyalgesinnten, d. h. den wenigen, die in jeder ordentlichen Verfassung den Gottseibeiuns sahen, zum zweiten Frühstück ging oder einen Vesperschoppen riskierte, öffnete er selten den Mund. Die Falte über der Nasenwurzel grub sich immer tiefer. Doch ging, je weiter die Verhandlungen vorrückten, mit ihm eine Veränderung vor, er rückte immer weiter nach rechts ab, und zwar widerten ihn am meisten die Reden seiner ostpreußischen Standesgenossen an. Auch Vinckes maßlose Heftigkeit empörte ihn. Die »Trés-chére Jeanneton«, »Jeanne la sage« mußte warten. Wie hätte das ihr Anbeter sich noch vor Wochen träumen lassen! Er hätte ja den Landtag beruhen lassen können, wenn er durchaus die Liebe über – ja, was denn? den Ehrgeiz? kein Grund dazu – über die Pflicht stellte. Doch er verstand ganz gut, daß er sich in der Gewalt hatte. Herr v. Below und ein Schwestersohn der Schwiegermama, Karl Woedke, hatten aus Augenschein berichtet, daß das Verhältnis zwischen Johanna und der Stute Brunette behaglicher geworden sei. Leider kamen dann wieder Nachrichten aus Reinfeld, daß sie kränkele, was wohl bräutlichem Schmachten in Hangen und Bangen entsprang. Otto geriet darüber außer sich und hörte kein Wort von den Sitzungen, mit seinen ritterlichen Gedanken nur bei seiner Dame, vor deren Tür er liegen wolle, sie zu hüten, schrieb er in rührenden Briefen. Doch über die Landtagsverhandlungen bekannte er: »Die Sache ergreift mich viel mehr als ich dachte.« Er befand sich in fortwährender nervöser Aufregung, aß und schlief schlecht, obendrein durch Geldgeschäfte mit seinem Pächter verdrießlich gestimmt.

»Wie ist's mit einer Schachpartie?« lud ihn der alte Puttkamer ein.

»Entschuldige mich, Papa, Herr v. Goldow wird ja gern dein Partner sein. Aber wenn man täglich auf dem politischen Schachbrett Schach dem König ansagt, vergeht mir die Lust am Spiel.«

»Und ich werde, wenn ihr erlaubt, hier auf dem Sofa schlafen«, seufzte der alte Thadden. »Des Nachts hat man vor lauter Politik nicht Ruhe. Jotte doch, dies ewige Breittreten von Kleinigkeiten ist doch das reine Zeittotschlagen, die Kammer züchtet geschäftigen Müßiggang. Und dabei die Selbstgefälligkeit der Herren Redner, wo jeder seinen Jungfernspeech für ein Ereignis hält.«

»Das ist's ja eben«, fuhr Bismarck auf. »Das wird eine neue Industrie, von der man bislang in unserem alten Preußen nichts wußte, vom Ausland importiert: Parlamentarierfabrik von Parteigeist, Schwatzsucht und edler Dreistigkeit im Auftreten. Ursprünglich kam ich noch nicht so gallig her, aber nun weiß ich, daß bei diesen Leuten niemals das Heil liegt, daß jeder Wohlgesinnte den Staat gegen diese Majorität von Phrasendreschern und Selbstlingen verteidigen muß.«

Sein Bruder Bernhard trat ein, sehr geknickt. »Mein Schwiegervater Fanninger schreibt mir, mein Ältester sei hoffnungslos erkrankt. Soll ich reisen oder bleiben, jetzt, wo es oft auf eine Stimme ankommt, ob die nächsten unheilvollen Anträge im Landtage durchgehen oder nicht?«

»Du wirst wohl nach Hause reisen müssen,« entschied Otto, »aber ich, Papa, so schwer es mir fällt, mag zu Pfingsten nicht nach Reinfeld. Ich muß auf dem Posten beharren.«

»Aber Junge, laissez faire! Nimm's nicht so wichtig!« beschwichtigte der heitere alte Herr. »Man wird dich auf ein paar Sitzungen entbehren können.«

»Eben nicht, du weißt, ich habe einigen Einfluß bei der sogenannten Hofpartei und ziehe dort ein bißchen die Zügel an, um unsere Ultras bei Seitensprüngen in der Kandare zu halten.« –

Doch er selber machte einen rednerischen Seitensprung in ein Wespennest hinein. Bisher hielt er sich ganz zurück, wissend, daß er kein Redner sei. Da rief ihn eine Rede des Herrn von Saucken-Tarputschen in die Schranken, der mit leidenschaftlicher Tonart den Gegensatz schilderte, wie gleichgültig sich das Volk beim Jena-Zusammenbruch benahm und wie heroisch nachher, weil inzwischen durch das Emanzipationsedikt befreit: »Es hob den Thron auf seine Schultern, trug ihn von Sieg zu Sieg durch Ströme von Blut zu ungeahnter Ruhmeshöhe!« Da sprang der lange Schönhauser auf, zu solchem Speech konnte er nicht schweigen, sein Nationalsinn fühlte sich verletzt. Nicht ohne Beredsamkeit heftiger Erregung protestierte er gegen die Legende, der Befreiungskrieg sei nur um eine Verfassung entbrannt, als ob das Franzosenjoch nicht völlig genügte, das Volk aufstehen zu lassen zur Abschüttelung schimpflicher Fremdherrschaft. Man tue der Nationalehre einen üblen Dienst, zu unterstellen, Mißhandlung und Demütigung durch fremde Herren hätten nicht schon genug das Blut kochen lassen und nicht jeden anderen Wunsch dem allgemeinen Franzosenhaß unterworfen. Daß die Preußen in ihrem eigensten Interesse sich selbst befreiten dafür ihrem König eine Verfassungsrechnung vorzuhalten, sei unwürdige Erpressung.

Darob erhob sich ein wilder Sturm, zumal der durchdringende, verächtliche Blick des Redners seine Worte noch unterstrich. Murren und Zischen unterbrach ihn und hinderte sein Weiterreden. Übrigens hatte er sich nicht ganz deutlich ausgedrückt und nicht der eigenen Parteilegende Rechnung getragen, wonach die Preußen sich eben nicht selbst befreiten, sondern auf Ruf des Königs und unter Führung der Junker. Denn daß jemand, der von einem anderen so lange geprügelt wird, bis er sich wehrt, sich daraus kein Verdienst gegen einen Dritten – den König – machen könne, dieser Satz klang sehr verfänglich, als ob der gute König nur ein dritter Unbeteiligter gewesen sei. Unter allgemeinem Hallo der Opposition runzelten also auch Konservative mißfällig die Stirn. Doch der mutige Redner, dem man in lauten Zurufen auch jugendliche Unreife vorwarf, blieb gelassen auf der Tribüne, zog ein Zeitungsblatt hervor und las es mit der gemütlichsten Gleichgültigkeit durch, bis der Lärm sich legte und die Glocke des Präsidenten Rochow durchdrang. –

»Von deinen oratorischen Triumphen ist ja die Welt voll«, neckte ihn die Schwester, Frau v. Arnim, zu der er am zweiten Pfingstfeiertag nach Angermünde fuhr. Doch sie fragte besorgt: »Aber wie siehst du denn aus? Ganz gallsüchtig.«

»Ich ärgere mich vom Morgen bis zum Abend. Der gute Thadden träumt jede Nacht vom Landtag – vermutlich, daß die Decke zusammenstürze – und läßt bei Tage sein Essen im Stich. So geht's mir auch.«

»Nun, mon cher, Sie sagen der Crapule doch wenigstens Ihre Meinung und behalten Ihre Galle nicht bei sich«, tröstete ein Herr v. Derenthal.

»Glauben Sie? Prost Mahlzeit! Die Tribüne ist wie eine Ballschönheit immer voraus engagiert, und uns gönnt man keine Extratour. Sechs Stunden windet man sich in Krämpfen über all den Schwatz, den man anhören muß, und wenn man sich zum Worte meldet, sind schon zwanzig andere an der Reihe. Und ihr Wischiwaschi ermüdet die Versammlung so, daß man eiligst Schluß und Abstimmung verlangt. Dann stimmt natürlich die Opposition geschlossen, wie voraus berechnet, auf die gediegendsten Gegengründe geht sie gar nicht ein. Sie hat ja die Majorität. Das nennt sich Parlamentarismus.«

»Übertreibst du nicht ein wenig?« fragte die Schwester.

»Nicht die Spur, alle sind sie unredlich, böswillig, eigensinnig, dazu noch lügnerisch und verleumderisch, die richtigen rheinischen Weinreisenden, die den Kunden beschwatzen und eine gefälschte Marke teuer an den Mann bringen. Presse und Publikum schlucken das mit banalen Etiketten aufgeputzte Gesöff hinunter und schmatzen vor Vergnügen.«

»Die Menge war ja immer gedankenlos und oberflächlich«, meinte Malwine, die auch nicht gerade an Gedankenüberfluß litt. »Was sagt denn dein künftiger Schwiegerpapa?«

»Der nimmt alles leicht und lächelt über mich Jugendgreis. Ich habe Nanne geschrieben, sie dürfe nicht dulden, daß er nur einen Tag länger in Reinfeld bleibt, er muß sofort zurück auf seinen Posten. Wir brauchen in Berlin alle Mann auf Deck. Ich schlug ihm übrigens vor, mit ihm nach Reinfeld zu kommen, damit wir uns kurzerhand dort aufbieten und trauen lassen könnten, worauf Nanne mit mir in Berlin Quartier beziehen solle. Das schien ihm unziemlich.«

»Mir auch. Wolle doch nicht immer mit dem Schädel durch die Wand! Deine Sehnsucht wird sich Wohl noch gedulden können.«

»Das sagst du so. Könnt' ich doch mit ihr in ein Jägerhaus ziehen im höchsten, grünen Bergwald, und kein Menschengesicht mehr sehen als ihres!«

»Danke schön!« Die Schwester lachte. »So ein verliebter Schäfer! Wer hätte das gedacht. Du überschätzest deine Beschaulichkeit, bloße Naturschwärmerei würde dich bald zu Tode langweilen.«

»Möglich, aber dies endlose Phrasengerassel sprengt uns das Trommelfell, bei dieser politischen Maschine kommt man auch unter die Räder, wenn nicht gebremst wird. Hätt' ich doch Bernhards Gottvertrauen! Dem armen Kerl stirbt sein Ältester, und daraus schließt er, er müsse Gottes Gebote noch genauer befolgen. Das sei eine heilsame Schickung. Na, wenn ich vor Ärger in Berlin krepiere, so trage du auch diese Prüfung, Malwinchen, mit christlicher Fassung!« –

Seine Braut schrieb ihm grämliche Briefe niedergeschlagener Stimmung, nichts freue sie mehr, sie sei voll Trübsal und lebensüberdrüssig und in Gottes Willen ergeben, worauf er sie derb zurechtwies: »Das schmeckt mehr nach Byron als nach Christentum«, und ihr verhieß: »Morgen sende ich dir einen neuen Hut«, was er nach gewohnter Unsitte wieder englisch schrieb. Übrigens seien die Saaten in Schönhausen wohlgeraten und die Schafe wohlgenährt. Er schickte auch noch ein Paar reichgestickte, rote Pantöffelchen, die er aber in seinem eignen Interesse, um später beim Ehestand nicht zu hart unter den Pantoffel zu kommen, recht leicht ausgesucht habe. Er hole seinen Gaul Mousquetaire nach Berlin hinüber, um durch flotten Galopp die Grillen aus dem Gemüt zu schlagen. –»

Der berüchtigte lange Junker Bismarck war schon eine ziemlich stadtbekannte Person. Wenn er die staubigen Tiergartenpromenaden entlang wanderte, folgten am Hofjäger, wo die elegante Welt spazierenfuhr, seiner hohen Gestalt freundliche Blicke aus Frauenaugen. Das ließ ihn völlig kalt, in seinem Schädel tanzte nur die Jungfer Politik, eine spröde, launische Schöne, die eher einer zänkischen, alten Jungfer glich. »Du, ich hole dich zum Wasserkorso nach Potsdam ab«, mahnte ihn ein Freund, der Schlesier v. Schaffgotsch. Da gab es viel zu sehen. Auf dem weiten, bläulichen Wasserbecken der Havel und von der Pfaueninsel bis Babelsberg schwammen Hunderte von Booten, alle mit Festschmuck verziert. König und Hof, die ganze Beaumonde von Berlin und Potsdam knäuelten sich hier in einem Regattatrubel durcheinander und bewarfen einander mit Blumensträußen, nicht nur trocknen, sondern im Wasser genäßten, wodurch sich manch lustiges Aufkreischen ergab. Man fuhr aneinander vorbei, man legte sich Bord an Bord zu diesem bunten Bombardement, und niemand fragte, ob diese geputzten Herren und Damen Royalisten oder Liberale seien. Inmitten des Havelsees ankerten drei Dampfer, deren Musikchöre fröhliche Weisen erschallen ließen. »Du, wir wollen zum Bahnhof zurücklaufen per pedes apostolorum!« schlug Schaffgotsch vor, worauf Ottos lange Beine sich zu schneidiger Gangart in Bewegung setzten. Dreiviertel Meilen in halbem Trab war kein Kinderspiel, und nach kurzem Souper stieg Otto gleich in die Klappe, endlich mal schlafend wie ein Block. Diese Potsdamer Heiterkeit verbesserte seine umdüsterte Stimmung, alles schien wieder sonnig, und keine Wetterwolken waren am Horizont.

Moritz Blanckenburg schrieb über gute Schafschur, worauf Otto sich den Kinnbart scheren, nur den dicken Schnurrbart über der Oberlippe stehen ließ und vier Stunden lang kreuz und quer im Tiergarten herumgaloppierte, daß der Staub hinter ihm aufflog. Er bekam einen übermütigen Krakehlerelan, glänzte auf einem Ministerdiner durch schlechte Witze, kritzelte in einem Nebenzimmer des Landtagssaales im Berliner Schloß Liebesbriefe nach Reinfeld auf Seiner Majestät Papier, gegeben im Schloß zu Berlin, und hielt Dienstag, den 1. Juni, eine grimmige Rede gegen v. Vincke. All diese Gänsefederargumente der Zeitungsschreiber und die öffentliche Meinung der Bierkneipen seien ihm schnuppe. Die wahre öffentliche Meinung höre man doch nie. Ein Königswort sei mehr wert als alle Wortklauberei. Der Vergleich mit England, wo man Jakob II. vertrieb und die neue Konstitution von Wilhelm dem Oranier abhandelte, sei sinnlos. Damals hatte das Volk nach einem Jahrhundert von Revolution und Bürgerkrieg die Macht, während die Hohenzollern nicht durch Volksgunst, sondern durch die Gnade Gottes regierten. Die Rede fand bei den Parteigenossen Beifall und Freude. »Sie sind ja der richtige Vinckenfänger«, betitelte ihn ein Herr v. Kameke von Bruder Bernhards Verwandtschaft. Einige, die früher von dem »wilden Junker« scheu abrückten, drückten ihm jetzt die Hand.

»Kinder, hier hab' ich ein Zeitungsblatt aus Freiburg im Breisgau, voll Zuvorkommenheit für mich. Das hätt' ich mir von der Schweizer Grenze nicht erwartet.«

Otto hatte seinen gewöhnlichen Abendritt zum Café Gungl gemacht, wo es Musik gab. Er traf dort zwei Verwandte der Puttkamers, Frau Lasius mit schönen Augen und Karl Woedke mit dem schönen Französisch, worauf der frühere Diplomatiekandidat viel Wert legte. Die Dame versicherte ihn, daß er schon eine Art Zelebrität sei von wegen seiner Bissigkeit gegen die allmächtige Opposition. Er lehnte bescheiden ab: »Ach, meine Gnädige, so pomphaft wir uns alle anstellen, es wird im Grunde nur leeres Stroh gedroschen. Anfangs mußte ich das Kanonenfieber überwinden, die Scheu vor öffentlichen Reden, und jetzt, wo ich sattelfest bin, fühle ich gar keinen Trieb, mein Licht über den Scheffel zu stellen.« Auf nachfolgender Parteiversammlung im Hotel de Rome, wohin er die Linden entlang spazierte, als schon der Mondschein über den Bäumen hing, verhielt er sich schweigsam und dachte nur an den Tag, wo Pfarrer Sauer unterm Holzdach der Koglizower Kirche ein gewisses Brautpaar zusammengeben werde, dachte auch an die Pflanzungen, weißen Brücken und Bänke im Kniephof, alles sein Werk, die nun verwuchern, verwachsen, zerfallen würden, dachte an die Hochzeitsreise nach Salzburg und Tirol, die Alpen, zu denen es ihn majestätisch hinzog. So lagen eine unzerstörbare Romantik und eine gewisse Sentimentalität bei ihm stets im Streit mit dem Sinn für Realitäten. Auch ein mittelalterlicher Feudal-Royalismus mit unbedingter Anhänglichkeit an den Träger der Krone ging bei ihm aus romantischer Ritterlichkeit hervor. Bitter wurmte ihn, daß seine Standesgenossen sich gegen ihren König auflehnten, ihn gegen die Demokratie im Stiche ließen. Ein Graf Schwerin, ein Nachfahre des bei Prag gefallenen Helden, befürwortete zuerst die aufrührerische Adresse an den König, und der erste Landtagsmarschall Fürst Solms stellte diesem Unterfangen nichts in den Weg. Wie schmählich nahm Minister v. Bodelschwingh, der erste Rat der Krone, diese Anmaßung auf! Der Westfale Freiherr v. Vincke tobte förmlich gegen die vernünftigsten Regierungsvorlagen, nämlich die Landrentenbank und die Anleihe für die Ostbahn, und brachte beide zu Falle. Als »Onkel Glasenapp«, Bruder der künftigen Schwiegermama, Otto von dem Sitzungssaale zum Gabelfrühstück abholte, begegnete ihm auf der Treppe ein Abgeordneter, der eine schwarzrotgoldene Krawatte trug und leicht an den Hut griff. Otto streckte zögernd die Hand aus. »Wie geht's sonst, Herr Assessor?« Schramm, der alte Genosse der Berliner Studienzeit, verzog den Mund zu ironischem Grinsen.

»Wie Sie sehen, gut. Ça marche. Erinnere mich manchmal unserer Gespräche von anno Tobak. Wer behält recht?«

»Das weiß ich nicht. Guten Morgen!«

Der alte Onkel räusperte sich. »Das ist ja wohl der berüchtigte Schramm? Du scheinst ja seine Bekanntschaft zu haben.«

»Bah, jedes Tierchen hat sein Pläsierchen. Der leidet an der Verneinungssucht, 'ne Abart der Gelbsucht. Ich bin die Kraft, die stets verneint, sagt Goethes Mephisto.«

»Goethe, der alte Heide? Den sollte ein rechtschaffener Christenmensch gar nicht in den Mund nehmen.«

Otto seufzte leicht. Ja, er hatte auch nette Bekanntschaften gemacht in letzter Zeit, diese braven Kongoneger aus Hinterpommern. Aber darin stimmte er ganz überein, als der Onkel in Töpfers Hotel, wo andere Edelleute sie erwarteten, über die Auerswald und Saucken loszog, deren Verstocktheit sogar das Eisenbahngeschenk aus den Händen der Regierung verschmähte.

Die Ostpreußen brachten einstimmig das materielle Interesse ihrer Provinz ihrem konstitutionellen Rechtsgefühl zum Opfer, verweigerten jede Bewilligung eines Darlehns zugunsten »dieses Staates«.

»Solche doktrinäre Veranntheit! Da sieht man's ja, daß mit solchen Mondsüchtigen nicht zu regieren ist!« Der Abgeordnete Bismarck schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn, biß sich aber auf die Lippen, als Herr v. Kamecke spöttisch erinnerte: »Sie gaben ja selbst Ihr Veto gegen die Landrentenbanken.«

»Weil man dabei aus der Haut von uns Gutsbesitzern Riemen schneiden möchte. Wenn der Landtag nun mal ständische Interessen vertreten soll, eh bien, so tue ich das für meinen Stand auch gegen die Krone.« Aber er schwieg verdrießlich, denn es fiel ihm auf, wie kitzlich bei ihm immer der Geldpunkt bleibe, stets gewohnt, mehr auszugeben als einzunehmen. –

Als der Kampf anging, nickten Gesinnungsgenossen wie Bruder Bernhard, Landrat und später Kammerherr, oder Vetter Bismarck-Briest und Herr v. Wedel verständnisinnig, als der gut unterrichtete und eigenartige Thadden bekannte: »Wir alle sind schlechte oder gar keine Redner.« Der Vertreter Jerichower Ritterschaft machte anfangs eine magere Rhetorikerfigur gegenüber den fetten Gärtnern liberaler Phrasenblüte. Selbst er entzog sich nicht der Berauschung, die von solchem Aufwand blendenden Sprachpomps ausging, doch er spürte den ungesunden Hauch des betäubend schwülen Schirokko, schwanger vom Leichengift totgeborener Phantome. Die wortreiche Begeisterung der Dreiständekurie belächelte das erste Auftreten des langen Altmärkers mit dem jetzt kurzgeschorenen Blondhaar und dem langen Vollbart, dessen Antlitz die Röte bäuerlicher Gesundheit trug. Nachdem er schlicht, ohne jedes Pathos, manchmal stockend sprach, meinte nur der verständige Vincke: »Der hat einen schneidenden Klang, nicht angenehm. Dieser Mensch ist nicht ungefährlich. Er erinnert mich an Mirabeaus Wort über Robespierre: Der wird uns zu schaffen machen, denn er glaubt, was er spricht. Als er vor Sauckens ›edlem Enthusiasmus‹ ironisch salutierte, lief es mir etwas kalt über den Rücken. Sollten die Verstockten etwa ein Sprachrohr gefunden haben?«

Doch man lachte Vincke aus und ergoß eine Flut sittlicher Empörung über den bequem am Rednerpult lehnenden Neuling. Der Fant schwatzt über den Befreiungskrieg, wo er noch gar nicht lebte! Die damals mitgezogenen alten Herren belehrten den Dreisten, dies sei nicht gegen Napoleon, sondern für die verheißene Verfassung geschehen. Aber als ihm der Landtagsmarschall endlich das Wort zur Replik verschaffte, redete Otto plötzlich fließend mit kalter Schärfe: »nun bedauere er nicht mehr so, damals nicht mitgekämpft zu haben, da es also nicht gegen das Ausland, sondern das Inland ging, nicht gegen Knechtschaft unter die Fremden, sondern gegen den eigenen Staat«. Er vergaß hinzuzufügen: denselben Staat, der damals Steins und Scharnhorsts demokratische Grundsätze durchführte.

Von jetzt ab zog ihn die Presse täglich durch die Zähne. Kein Schild der Verachtung deckte gegen plumpen Spott. Da ging der Verfemte zum Angriff über. Sein Hohn verletzte doppelt, weil er stets höflich in Formen guter Gesellschaft blieb. Nichts war ihm heilig, nicht hehre Volksversammlungen auf den Böttchershöfen, nicht Federkiele der Zeitungsenten, nicht weises Deuteln der Gesetze. Wenn ein Abgeordneter aus Preußisch-Neustadt gegen jedes Vertrauen zur Regierung donnerte, so kennzeichnete der böse Junker dies Verfahren: indem man die Blumen als Unkraut ausreiße, enthülle man die ganze kahle Nacktheit des sogenannten Rechtsbodens. Statt sich dem allmächtigen Vertreter der Grafschaft Mark lautlos zu beugen, unterstützte er einen anderen Westfalen, den unbekannten v. Lilian. Solche Erschütterung der wahren, nämlich parlamentarischen Autorität mußte gerochen werden. Jede Ironie über finsteres Mittelalter und mit der Muttermilch eingesogene Vorurteile legte ihm Herr Krause, Bürgermeister von Elbing, als blutigen Ernst in den Mund. Otto belustigte sich über den armseligen Kniff: »Der sprengt ins Turnier auf einem Fabelroß, vorn Mittelalter, hinten Muttermilch.« Doch unter ätzenden Witzen, die er in furchtloser Laune hervorstieß, verbarg sich kühle Entschlossenheit. Ja, dies Korn einer falschen Freiheit stand schon hoch genug für Schwächlinge, um die Flinte hineinzuwerfen, doch seine Hand war jetzt am Pfluge für immer, wie eine Vorahnung ihn beschlich. Die Stunde naht, wo niemand mehr spricht, sondern jeder deklamiert, wo fadendünne Spinnweben zu Seilen werden, den Staatsbegriff zu knebeln, zu erdrosseln oder ihm die Arme zu binden, wie den Merlin der Sage an der Weißdornhecke ein Blendwerk von Sommerfäden in Bann schlägt. Laß sehen, wer derbere Fäuste hat, den Spuk zu zerreißen, der Staat oder die Revolution!

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