Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Bleibtreu >

Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
projectidd7010140
Schließen

Navigation:

Hui, Hoiho! Das Eis kam ins Gleiten, von zehn Grad unter Null stieg das Thermometer auf Wärmegrade, und die Schmelze begann. Bei nächtlichem Regensturm hielt der Deichhauptmann am Rande des Stromes, sein Mantel flatterte im Wind, sein brauner Gaul spitzte erschreckt die Ohren und wieherte angstvoll, wenn das Donnern gelockerter und sich verschiedener Eismassen aus der Tiefe empordrang. Aus Dresden kam eine Stafette, daß das Eis sich dort unten in Bewegung setze, das Wasser stieg, einen Zoll jede Stunde. »Herr Hauptmann, wir werden noch 12 Fuß Höhenwasser über Meeresspiegel bekommen«, meldete ein Beamter. »Und wenn Eisstopfung –«

»Na wenn schon! Wozu sind wir da, als um die Rebellen zu bändigen? Wir werden schon Meister gehen.« Der Herr v. Bismarck schaute lachenden Mundes über die Achsel auf die Scharen berittener Bauern, die seinen Heerbann gegen die Revolution der Elbe ausmachten. Bei Gott, da unten schmettert es wie Pappenheimer Marsch, und diese Bauernklötze sollten mit mir anstimmen: Frischauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Das lange, lange Warten ist vorbei, der Streit hebt an, frisch weht der Hauch eins neuen Kämpferlebens den in Muße Verrosteten an. Er zog den breiten Schlapphut tief in die Stirn, doch sein großes blaues Auge leuchtete über die Eisfläche. So dachten sich die alten Germanen den Wotan, wenn er mit flatterndem Frühlingsmantel voranzieht.

... Seine Braut schickte wieder trübsinnigen Bericht über Krankheit der Mutter und eigenes Übelbefinden. Sie klagte ihren Kleinmut, ihre Unarten und ihre Unverständigkeit an. Er antwortete mit zärtlicher Duldung, daß er selbst noch tausendmal mehr Fehler habe und sie nur immer ihr Herz bei ihm ausschütten solle wie er seines bei ihr, als gegenseitige Beichtväter. – Die Eisschollen machten ihm viel zu schaffen, die aus Böhmen her unter der großen Dresdener Brücke sich nordwärts schoben. Wenn sie sich stauten, konnten sie selber einen Deich türmen, gegen den menschliche Deiche ein Spielzeug. Der Deichwart mußte den ganzen Tag zu Fuß, zu Wagen und zu Pferd zwischen Damm und Strom aufpassen. Es fror wieder auf zwei Grad, der Nordwind schnitt durch die klare Luft, die Eisfelder krachten wie Kanonenschüsse. In prächtiger Mondnacht bäumten sich die marmorweißen Blöcke haushoch und formten Querwände im Strom, gegen die er antobte. Endlich gewann er die Oberhand und zerbrach die Eisschranken. Ein Klirren wie von zerbrochenen Ketten ging vom schäumenden Gewässer aus, das mächtige Schollenquadrate zum Meer hinabschwemmte. Bald rauschte auch noch Hochwasser ins breite Bett der Elbe. Das Eis ergibt sich mürrisch seinem Schicksal, der entfesselte Strom jauchzt, doch die Uferbewohner bangen. Der Herr Deichhauptmann muß auf seinem Posten stehen und nimmer wanken, wenn die Wälle der Eisriesen erdröhnen.

»Macht Ihnen das eigentlich Spaß, lieber Bismarck? Die Einkünfte sind recht klein, die Mühen groß, und wenn der Titel hier auch sehr gesucht ist –« fragte ihn der Oberpräsident von Brauchitzsch schon früher einmal.

»Wenn die Herren hierherum ohne Gemeinsinn sind, und jeder geschäftsuntauglich oder mattherzig ist,« versetzte der Schönhauser grob, »so muß ich natürlich eintreten. Exzellenz mögen von meiner angeborenen Bescheidenheit einen schlechten Begriff bekommen, doch mein' ich nur, daß ich die bewußten Fehler etwas weniger habe, und das bedeutet nicht viel.«

Das tat es aber doch. Recht wenige im weiten Lande hätten es auf sich genommen, in windigen Nächten zu Pferd Rapporte abzuhören und zu senden, wo jede halbe Meile den ganzen Fluß entlang ein Reiterpikett ihm flinke Boten zur Verfügung hielt. Oberhalb nach Sachsen zu trat gerade eine Stauung ein, so daß das Wasser nicht herunterfliehen mochte.

»Verfluchte Liederlichkeit! Warum kein genauer Rapport seit Mitternacht?« wetterte der gestrenge Deichhauptmann. »Will die Elbe ein Tänzchen wagen, ich spiel' ihr auf und werde der unbändigen Nixe den Kopf zurechtsetzen. Übrigens geh' ich lieber zu Fuß, als daß ich träge Pferde reite. Wäre die Elbe langweilig, sanftmütig, möcht' ich ihre Flut nicht kommandieren. Also man druff!«

Gegen Morgen fiel leise und senkrecht der Schnee, kein Lüftchen rührte sich im Flußtal. Die Eisschollen klirrten, im Wasser gleitend, die Deichwärter standen still wie verschneite Pfähle, Deich und Pferde und Menschen schienen schläfrig einzunicken. Kein Wunder, da sie von Mitternacht bis morgens sechs Uhr ihres Wächteramtes walteten, alle sechs Stunden abgelöst, doch den Deichhauptmann löste niemand ab. Aus dem Nebel tönten gelle Schreie eintönig, ohne den Klang zu wechseln.

»Wildgänse, gnädiger Herr«, machte ein junger Bauer sich wichtig. »Gibt Tauwetter.«

»Weiß ich selber, Sie schlauer Fritze. Ich habe schon wilde Gänse hier geschossen, als Sie in der Gemeindeschule Abc lernten«, wies ihn der Gutsherr ungnädig zurecht, »und noch viel früher, als ich in Schulferien hier draußen war.«

»Det stimmt, gnä' Herr«, brummte ein Alter. »Fix waren Se immer mit die Büchse, und manchen Samstag hatten Se de Jagdtasche voll.«

»Na, schon gut!« Otto lauschte lange auf das seltsame Kreischen der Wandervögel, hier willkommene Boten lauer Witterung, sonst geheimnisvolle Musik aus fernen Landen, wohin ihr Ruf die Gedanken entführt. Jenseits der See... jenseits des Todes... fern im Äther...

Um die bösen Launen zu vertreiben, unterhielt er sich zwischendurch mit Johanna in einem Tagebuchbrief über drei Tage. Sie schrieb ihm mit einer gewissen jungfräulichen Zurückhaltung, was er als Selbstbeherrschung lobte. Doch dürfe man sich nicht Zwang antun, seine Empfindung zu verbergen, sonst ersticke sie in sich selbst. Unkraut müsse man ausraufen, nicht aber es unter Weizenstroh verstecken, was das Korn ansteckt und das Unkraut nicht tilgt. Die kleinen Disteln seiner Nanne sollten ihn nur ruhig in die Finger stechen, und selbst an Brennesseln könne er sich nicht so wehe tun, wie an den großen Dornen seiner eigenen Seele. An denen müßten sie beide reißen, um sie zu beseitigen, und daran könnten wohl die Hände bluten. Bei Dornen aber blühen manchmal Rosen, und die würden sie wohl stehen lassen. Übrigens habe er das sündige Unkraut ihres Herzens noch gar nicht aufgefunden, und sie müsse ihm wenigstens eine Probe davon bieten. Ihren Acker würden sie beide schon so bestellen, daß das Unkraut nicht in Samen schieße. So ungefähr plauderte er anmutig hin, erhoben durch einen Brief des hochgestellten Beamten von Senft-Pilsach. »Ihnen ist ein kluges, braves, frommes Mädchen zuteil geworden, und das ist viel.« »Viel, daß ein Mädchen, so ist oder daß mir armem Sünder so Unverdientes beschert wurde?«

Als ein altes krankes Weib beim Gutsherrn bettelte, und er ihr barsch vorhielt, ihre Tochter habe 100 Taler gestohlen und sitze, leugne aber unverschämt, zitierte der alte Bellin einen alten Vers: »Aus Falsch, List, Trug und Eitelkeit spann die Natur mit äußerst zarten Fädchen ein Flatterding, man nennt es Mädchen.« »So is die Bande, gnädiger Herr. Un' dann nennt sich so wat det Paradestück der Schöpfung.«

»Bellin, laßt mich das nicht wieder hören! Das ist lügenhafte Verleumdung. Die Frauen sind im Durchschnitt sicher besser als die Mannsbilder, jedenfalls aber geradeso verschieden. Die alten Jungfern sagen auch immer ›die Männer‹ oder ›der Mann‹, als ob alle gleich wären. Und wir wissen doch selber, daß dem nicht so ist. Man sagt auch ›der Hund‹ als Allgemeinbegriff, und wie verschieden sind doch die Hunde! Vergleiche mal Odin mit einem Affenpintscher oder einen Bernhardiner mit einem Dorfköter! Daß meine Nanne besser ist als die meisten anderen Frauen, glaub' ich allerdings.«

Der Alte kratzte sich hinter den Ohren und dachte schlau: So sagt jeder von seiner! Sein Herr aber meinte mit plötzlicher Weichheit: »Gegen die Alte vorhin war ich hart und unbarmherzig. Wir wollen uns doch näher erkundigen.«

»Ach, gnädiger Herr sind schon oft geplündert und betrogen worden von heuchlerischem Bettelvolk!«

»Nur Gottes Amt ist zu vergelten, wir sehr Ungöttlichen sollten immer uns vor Augen halten: Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet!«

Er versank in Träumerei über einen Brief von Moritz, der trotz aller eigenen Niedergeschlagenheit ihn hoch hinaufwies ins Reich der großen Liebe. Die ist doch eine große Gefahr, und nur uns dann nicht tödlich, wenn man auf ewiges Wiedersehen hofft. Glaubt man aber nicht an Auferstehung oder an die Höllenverdammnis des anderen Teils, wie z.B. bigotte Katholiken von geliebten Protestanten glauben, was dann? Ohne das geliebte Wesen, was wäre der Himmel? Das mag den Bibelchristen Lästerung dünken, aber die wahre und höchste Liebe wäre doch, für den anderen Teil auf die eigene Seligkeit zu verzichten, sich zu opfern, um die andere geliebte Seele zu retten? Ach, warum so ins Äußerste grübeln! Das Tagesbudget ist: bei Riesa, wo die Dresdener Bahn die Elbe überschreitet, ein Dammbruch! Wenn der geschmolzene Schnee vom Erzgebirge und den böhmischen Pässen herunterkommt, kann das nett werden. –

Die alte englische Pendeluhr aus Großvaterszeiten, seit 70 Jahren am gleichen Fleck, immer in bester Ordnung, tickte unverdrossen, als eine Wurstkiste aus Reinfeld eintraf und darin ein durchräuchertes Brieflein Johannas. Als er ihn erbrach, blieb die Uhr plötzlich stehen, der Pendel stockte, drei Minuten vor sechs Uhr. Er sah nach, sie war nicht abgelaufen, er stieß sie an und sie ging wieder. Er wurde leichenblaß. Bedeutete dies Omen etwas Übles? Seine Nerven hatten schon einen Stoß erlitten. In voriger Nacht träumte er häßlich, Moritz habe Johanna eingeredet, das ginge nicht so weiter, sie seien beide verdammt, weil Ottos Glaube nicht der rechte sei. Dieser befand sich im Schiffbruch auf rollender See, die Braut aber stieß ihn von der rettenden Planke, die nicht zwei zusammen tragen könne. Verzweifelt fühlte er sich um Liebe und Freundschaft betrogen. Alpdrücken, natürlich! Doch es stimmt so traurig. Und kurz zuvor wollte er einen Ehrenmann ausschelten, weil er am Deich nicht auf dem Posten war, als dieser ruhig berichtigte: »Mein einziger Sohn starb soeben.« Und Mutter Puttkamer klagte in kurzem Begleitbrief, Johanna werde so blaß und mager. Auch das Briefchen der Braut stimmte ihn trübe. Sie warf ihm vor, er wähne, sie mißtraue ihm. Das tue sie gewiß nicht, obschon er ihr einen Pack englischer Verse gesandt habe, über die man sich Gedanken machen könne, warum er sie auswählte. Sie sprächen von einer vergangenen, aber unauslöschlichen Liebe. Trocken erwiderte er: Er habe sie wirklich nicht gemacht, sondern Byron. Wäre er der große Dichter und hätte diese Wahrheit gebeichtet, dann freilich hätte er ein und für allemal geliebt. – Mein Gott, jetzt soll ich auch noch für Byron verantwortlich sein! Soyez Jeanne la sage! Drunten spielte im Garten sein Feldjäger die Flöte nach der Melodie: »Dein ist mein Herz.« Ja für immer, mein guter Engel, nur stirb mir nicht. Die sternenklare Nacht hauchte einen Frost von drei Grad aus, die Elbe stieg drei Fuß und wurde zum See. Ehe sie nicht wieder in ihr Flußlager zurückkroch, durfte er seinen Posten nicht verlassen. Er muß sich mit anderen Brautpaaren trösten, »severed for years«, wie in Byrons wunderbarem Lied »When we two parted«, das er der Braut gesandt, ahnungslos, daß sie Gespenster der Vergangenheit bei ihm vermute. Und einen schwarzen Samtrock sollte er tragen, wie die Herrin ihrem Knecht befahl? Diese reizende Schneiderlaune würde wohl im Winter Bedenken erregen, sein Berliner Leibschneider, Jourez, würde wohl remonstrieren, einen Kunden von ihm in solcher Sommertracht herumlaufen zu lassen. Ritter tragen die Farbe ihrer Dame, doch ließen sie sich nicht den Stoff vorschreiben, nicht mal in Romanen.

Mittlerweile fiel das Elbwasser, überragte aber immer noch hoch die Umgegend, durch schmale Dämme aufgehalten, die nur bei Windstille nicht durch den Wellenschlag litten. Er hatte einen langen Brief Johannas in der Tasche, worin sie seiner bösen Vergangenheit viel zartfühlende Aufmerksamkeit schenkte und ihm ankündigte, sie möchte sich totweinen und »I care for nobody«, nur für den süßen Heiland. Ein verschlossenes Herz sei wohl etwas recht Schlechtes? Auch habe sie trübste Ahnungen, sie werde Otto nicht wiedersehen. Auch vergehe sie mit Moritz vor Weh über Marias Abscheiden, untröstlich. – Solche Weinerlichkeit ging ihm doch zu weit, und er führte ihr zu Gemüte, daß sie nur heule, weil sie kein Unglück habe. Das müsse die Phantasie sich schaffen, weil man einen Konsum von Kummer für die seelische Gesundheit brauche, doch allzuviel ist ungesund. Wo bleibe ihre Frische, womit sie Moritz erheben solle? Beide zögen sich gegenseitig hinab in ein Tränenmeer. Moritz würde er noch an den Schultern nehmen und herzhaft schütteln. Dieser unstillbare Schmerz sei einfach Zweifel am Jenseits, an Gottes Liebe. Mit wahrem Glauben sei nur tapfere Fassung und Ergebung in Gottes Willen vereinbar. Es dünkte ihr wohl recht romantisch, to care for nobody? Erstens sei das nicht wahr, zweitens langweilig zum Sterben, drittens Auflehnung wider Christum, der lehre: »Liebet euch untereinander«. Ein verschlossenes Herz sei gar nicht so übel, man solle es jedenfalls nicht auf der Zunge tragen für jedermann. Doch Verschlossenheit führt leicht zur Falschheit, wovon natürlich die übrigen Vorstellungen der Höflichkeitssitten auszunehmen, die keineswegs zu tadeln sind. Seinen Nächsten gegenüber verschlossen sein ist aber töricht und lieblos. – Dies alles sagte er in ziemlich pedantischen Sätzen und gab zu: »Ich habe den Kopf zu voll von Geschäften, um dir harmlos schreiben zu können. Weine nicht so viel, sei es innerlich oder äußerlich, tust du es aber doch, so laß es mich wenigstens sehen. B.« –

Er fühlte sich ganz ungesellig werden. Früher war ihm jeder Besucher recht, der sich gebildet zu unterhalten wußte. Es ging freilich manchmal zu wie in einem Taubenschlag. Hoffart muß Pein leiden, ein Deichhauptmann wird als öffentliche Persönlichkeit überlaufen. Zwanzigmal »Herein!« rufen für gleichgültige Menschen, dabei steigert sich die Temperatur der Brummigkeit. »O Tod, ich kenn's, das ist mein Gutsnachbar.« Unangemeldet klopft er und zerstört zwei kostbare Stunden mit Rederei über Gartenkultur und Eisenbahn. Ein Studierter, hilf Himmel! Zwar gerade kein trockener Schleicher, und eine Fülle der Gesichte stört er nicht, aber solche steifleinene Gesellen konnten den Bräutigam um jeden Humor bringen. »Hildebrand!« »Zu Befehl!« marschierte der Kammerdiener auf, ein Bruder jenes Hildebrand, den er vom Ertrinken gerettet. »Vom Essen bis Sonnenuntergang bin ich für niemand zu Hause, besonders nicht für Herren, zu denen ich ›Sie‹ sagen muß. Verstanden? Marsch!« Auf der Schwelle rief er ihn zurück: »Was macht die Braut, das junge Ding aus Lauenburg? Macht nur bald Hochzeit! Langer Brautstand ist ein saurer Apfel, in den kein Adam gerne beißt.«

Ihm standen noch drei Termine mit störrigen Bauern und eine Konferenz mit dem Justizminister in Berlin bevor, wegen einer von ihm vorgeschlagenen Reform des provinzialen Gerichtswesens. Am ersten Mai war offizielle Deichschau, und er hätte dann mit den Hexen, die in dieser Walpurgisnacht durchreisen, auf den Brocken fliehen können, um dort bärenmäßig allein in der Höhle sich zu verstecken, fern von jeder Menschenstauung, sobald er von Reinfeld zurückkam. »Was ist los, Odin?« Der unvernünftige Hund fletschte blutgierig die Zähne, weil ein feiner Herr den Hof betrat, dem man eine indogermanische Abkunft nicht gerade zutrauen konnte. Ach so! Legt das Vieh an die Kette! Ich werde dich noch abschaffen müssen, Gott Odin, mit deinem zu feinen Geruch für Rasseneigentümlichkeiten.« Sobald ein getaufter oder ungetaufter Semit sich innerhalb des Hofgebietes und Schlosses befand, geriet Odin aus Rand und Band, kein Abkömmling von Moses und den Propheten war vor seinen Zähnen sicher. Sein Herr teilte solche Vorurteile nicht, machte sich aber als Hundeliebhaber seine Gedanken über die Idiosynkrasie des klugen Köters. Er fühlte sich jetzt behaglicher, wenn er allein am Gartenfenster auf der Giebelseite stand, über das freundliche Elbtal wegblickte und Reinfelder Wurst schmauste. Der alte Bellin ging ab und zu, wobei dem Gutsherrn einfiel, daß der Inspektor vor 40 Jahren als Reitknecht hier anfing und dessen Frau im Schönhauser Dienst geboren wurde. Und so stand es durchwegs beim Gesinde, als ob die gute Luft konservierend auf diese konservative Gefolgschaft wirke.

Otto ließ noch immer bei Briefunterschriften das »von« weg, getreu seinen früheren liberalen Tendenzen, doch ergriff ihn plötzlich ein Feudalstolz, der eine angeborene Beimischung adligen Blutes schien. Bon sangue ne peut mentir, oder, wie die Briten sagen: What's bred in the bone Gehörte er doch nicht zum Briefadel wie die Wartensleben, Renard und viele andere, sondern zum alten echten Blutadel. Die Bismarcks standen in Schloß und Kirche als Bilder: Ritter in Eisentracht, Kavaliere mit Spitzenkragen, langen Locken und Zwickelbart, gravitätische Herren mit Allongeperücken des Rokoko und roten Stöckelschuhen, Fridrizianische Zopfspartaner. Mißbilligend blickten sie wohl auf den Letzten ihres Geschlechts, der zwar als Jüngling die scharfe Klinge und Zechmeisterschaft der Ahnen erbte, doch später so verweichlicht verlotterte, daß er nächtelang muffige Bücher las, mit Bürgern und Bauern wie mit seinesgleichen verkehrte und einer schwarzhaarigen Demoiselle aus gutem Hause wie ein girrender Seladon zu Füßen lag. – –

Der Schönhauser stand als Bezirkskommandeur, den Säbel umgeschnallt, auf dem Kirchhofe zu Wust und hielt eine Kontrollversammlung über 400 Landwehrleute ab, wobei es kalt und naß herging. Dann mußte er sein neues Leibroß Mousquetaire in flotte Gangart setzen, um vier Meilen bis Arneburg zu reiten. Dort ging nämlich ein Schiff in der Elbe unter, und bei den Rettungsanstalten entbrannte ein grimmer Bürgerkrieg mit den Eingeborenen, die ihren Deich für beschädigt erklärten. Der brave Hengst Mousquetaire, die Stute Breeze ersetzend, die als Mutterstute zu Dewitz' Gestüt nach Mecklenburg abging, trug seinen Herrn leicht über jeden Graben. Denn er stammte von den englischen Rennpferden Demetrius und Redrover und hielt sich bei der Parforcejagd in Ivenack stets vorn hinter dem Kopfhunde. Dieser englische Jüngling schnob verachtungsvoll über kontinentale Hecken hin, und sein Herr kam sich vor wie einer der drei Musketiere von Alexander Dumas, mit dessen verwunschenen Prinzen Montechristo er freilich wenig romantische Ähnlichkeit spürte. Wenn das Kaminfeuer vor ihm knisterte und Odin mit zusammengelegten Pfoten neben ihm lag, beneidete er keine exotische Herrlichkeit. »Kreuzlahm und brokendown«, fand er zu Hause eine weinerliche Epistel Johannas, die von geplagter Sehnsucht zeugte. Man spürte ordentlich, wie gerade die herzigen Briefe ihres wundersamen Liebhabers ihr keusches Herz erobert hatten, bis es nichts mehr kannte als ihn. Das echte Gefühl jedes Liebenden, das des eigenen Unwertes, gemessen an einem so erhabenen Gegenstand, wie dem geliebten Wesen! Sie fürchte, sie habe ihm mit irgendwas im letzten Briefchen weh getan. Auch ihre Mutter meine, Otto habe ihr etwas übelgenommen und sie wegen ihrer Kopfhängerei gescholten. Sie prüfe »mit rabulistischer Sorgfalt« die Zeilen, ob sie nicht Nahrung für ihren Schmerzenshunger enthielten. Ihr Otto sei auch gewiß krank, das ahne sie schon, Übermut komme stets zu Fall. Sie sende ihm dafür ein schönes englisches Gedicht: O do not look so bright and blessed! Was sie selbst betreffe, so protestiere sie gegen seine Verhimmelung oder die peinliche von sogenannten Verehrern wie Herr Assessor Lepsius. Sie sei doch nur ein schlichtes Landmädchen, ein Gänseblümchen! Übrigens wären ihre Vettern Albert und Bruno, auf die er eifersüchtig scheine, weil sie als Jugendgespielen mit ihr verkehrten, die Unschuld selber. Beiläufig rieche sein letzter Brief nach Moschustinktur, offenbar Medizin. Was fehle ihm? – Gar nichts, foi de gentilhomme! Der Moschus sei Patschouli, das infamste aller Parfüms, mit dem alle Briefe von Freund Dewitz, dem Mecklenburger, geschwängert seien und von dessen Papieren er offenbar ein Blatt abriß als Briefenveloppe. Alles andere Grillen ihrerseits, der kalte, schwarze Tintenfaden leite so viel Mißdeutung herbei, weil Schreiben nur Notbehelf. Er plaudere ganz harmlos und sein Feldzug gegen ihre Melancholie sei nur eine Manöverübung, wo nicht scharf geschossen wird gegen einen markierten Feind. Ihre Schmerzensliebhaberei sei ihm selber nicht fremd, oft lagerten Wolken über seinem Innern. Das englische Gedicht habe ihm gefallen, doch dürfe man Poesie nicht aufs eigene Leben übertragen. Wenn Mister Grief sich nähere, so müsse man ihn, den Herrn Gram, mit höflicher Ergebenheit erwarten. Daß »die schönsten Dinge am schnellsten sterben«, wie der Brite singe, diese Fälschung der Wahrheit entstehe nur durch unseren ungenügsamen Undank. Wir lamentieren, daß wir das Gute nicht mehr haben, aber daß wir es hatten, was viele andere nie besaßen, das vergessen wir. Und wäre jener Satz wahr, dann müsse man um so mehr die selbstquälende Furcht abschwören, das Gute könne uns je entrissen werden. Gewiß, einmal müssen wir alle scheiden vom Leben und Liebe, also setze dem trägen Gaul des Alltags die Sporen ein und jage über Stock und Stein, auf die Gefahr hin, den Hals zu brechen. Das sei auch ein rechter Unsinn im Gedicht: es wäre besser, to live and die in vestal silence, als »a moment cherished and then cast away«. Solch altjüngferliche Abgeschlossenheit verdorre nur als unfruchtbare Wüstenblume. Und gibt es nicht Eigenschaften, die niemals welken? So wird die Geliebte im Herzen ewig blühen. Mit etwas freilich kränke sie ihn, nämlich mit dem Staunen, daß Leute wie Leps sie anbeten. Das sei deren verdammte Schuldigkeit, sonst wäre er selbst ja ein Geschmackloser, der über deutsche Rosenbeete nach einer Butterblume greife. Im Gegenteil müsse sie jeden verachten, der noch nicht um sie anhielt, denn Monsieur de Bismarck liebt mich, also ist jedes männliche Individuum, das mich nicht anbetet, ein versoffener Trottel. (Das letztere faßte er wieder in französische Worte.) Auf vertraute Jugendgespielen sei er nicht eifersüchtig in deren Eigenschaft als Männer, sondern weil sie gewissermaßen Freundinnen wären in ihrer weichen Zutunlichkeit. Nach solcher beleidigenden Bescheidenheit möge sie vernehmen, daß er über 14 Tage am Samstag unter dem Schutzheiligen St. Rupert die 40-Meilenreise beginnen und am Dienstag Ebernhardus an ihrem Herzen ausruhen werde. – –

In Magdeburg tobte ein Krieg der Hausfrauen wegen einer Verfügung in Sachen der Dienstmägde, wobei sich hundert Damen beim Regierungsvertreter Gischel ungestüm zur Audienz drängten. Für so vorlautes Ewigweibliches hatte der schwärmerische künftige Ehemann nur ein brummiges Mulier taceat in ecclesia. Auch eine Audienz bei ihm selber brachte die Reize einer weiblichen Zunge peinlich zu seiner Kenntnis. Eine elegante Dame stellte sich vor als Frau des Postbeamten in Fischbeck. »Wir sind aus Danzig und hier fremd. Mein Mann bindet also, ohne daß jemand etwas merkt, seit Monaten eine Frauensperson den Leuten als seine Schwester auf, die bei ihm wohne. Sie heißt ganz anders, und der gnädige Herr als Polizeibehörde muß es untersuchen, wenn ich bitten darf.«

»Sie leben mit Ihrem Herrn Gemahl in Unfrieden?«

»Jawohl. Und das Mensch ist meine Rivalin.«

»Ist sie hübsch?« schmunzelte er, denn er sah die Antwort voraus.

»Die! Keine Spur! Ein Scheusal! Aber so sind die Männer!«

»Danke sehr! Also ist sie hübsch! Ich werde die Dame bitten, mir ihre Papiere zur Legitimation vorzulegen.«

»Die Dame! der gnädige Herr beliebt zu spaßen.« Mit einem halb giftigen, halb koketten Blick rauschte sie davon. Er wiegte nachdenklich den Kopf. Wie ekelhaft solche Eheverirrung, wo die Leute ihre schmutzige Wäsche auf offenem Markte waschen! Diese fraglichen Weiber taugen natürlich alle beide nichts, und in den höheren Ständen sind nur die Formen anders, das Menschliche nicht. Vor solchem Gekeife behüte uns der Himmel! Ich werde mein Haus rein halten, das schwör' ich, Johanna, und ich werde der Klatschsucht nie die winzigste Nahrung geben. – Sieh' da, die Sonne ist unter, noch neunmal wird sie aufgehen, bis ich auf die Brautfahrt ziehe. Des Märzen Idus sind bald da. – Doch der Mensch weiß nie, was ihm in des Märzen Idus blüht. Und ein Prophet wäre verlacht worden, der ihm und allen Preußen geweissagt hätte: genau über ein Jahr wird ein März ins Land ziehen, den man nie vergessen wird, wo ein mächtigerer Strom als die Elbe alle Deiche überschwemmt, figürlich gesprochen.

Johanna hatte ihn brieflich ausgelacht über seinen Aberglauben mit der Uhr und der Traumdeuterei, als tappe er im Nebel, so daß die verständige Braut ihn leiten müsse. Nun ja, wir sind meist problematische Naturen, ein Knäuel von Widersprüchen. Der britische Philosoph des Materialismus, Hobbes, litt an Gespensterfurcht, er leugnete Gott und glaubte an Geister. Gegenüber dem Übersinnlichen muß man sich an Hamlets Worte halten: es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als eure Philosophie sich träumen läßt. So viele mittelmäßige Plattfüße haben diese Weisheit plattgetreten, daß das Geniale zum Trivialen wurde. Und dann schwatzt man von Wundern als von etwas Unnatürlichem, obschon wir täglich Wunder der Natur als etwas Natürliches hinnehmen. Gewohnheit stumpft die Erkenntnis ab, daß wir das Beobachtete schon für etwas Erklärtes nicht halten dürfen. So wenig wie der Menschenseele schaut man einem Naturvorgang auf den Grund, wie altkluge Physiker sich einbilden. Sehr entzückte ihn ihre Versicherung, daß sie ihn immer lieben wolle, auch wenn ihre Herzen in Glaubenssachen verschiedene Wege gingen. Er schrieb gleich eine Antwort darauf nieder, doch kam ihm alles schwerfällig vor, da das Geschriebene meist zu viel sagt und Mißdeutungen nahelegt. Dies um so mehr, als Posthalter Böge in Zuckers offenbar alle Briefschaften aus Schönhausen mit lebhaftem Interesse las, weshalb sie stets zu spät in Johannas Hände gelangten. Otto behielt sich eine Verwahrung dagegen an den Oberpostmeister v. Schaper vor.

*

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.