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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Tante Puttkamer auf Versin trug ihm Grüße auf und Wurstspende dazu für ihren Sohn, der im 2. Garderegiment diente. Das war für Berlin. Für Schönhausen aber gab ihm seine Nanne eine kleine grüne Spirituslampe mit, bei der er sein Teekochen besorgen solle. »Dich aber, geliebteste Geliebte, packe ich selbst mit ein in meinem Herzen, nicht als gelegentlich kochendes Spiritusflämmchen, sondern als wärmendes ewiges Feuer, wie eine ewige Lampe der Kirche.«

Wenn sie ihn so reden hörte wie den feurigsten Romeo des Theaters, entzückte dies zwar ihre bräutliche Weiblichkeit, doch empfand sie darin eine gewisse schwärmende Übertreibung, die sie etwas mißtrauisch machte. Obschon die Erbweisheit des Ewigweiblichen von ihrer mütterlichen Macht über den Mann tiefinnerst überzeugt, erstaunt die sanfte Bescheidenheit jeder echten Frau immer wieder über den Madonnenkultus, den der Mann mit ihr treibt und der ihr oft lästig und unbehaglich wird. Denn sie will gar nicht Madonna sein, sondern Weib. Daß dem Mann dies Anbeten der Gemütskräfte im Weibe ein unabweisliches Bedürfnis sei, je männlicher der Mann desto hingebender, daß vollends beim genialen Manne sich damit eine unbewußte Mystik verbindet, lernt ein erfahrenes Weib erst spät verstehen.

»Fahr wohl, mein Engel, mögen alle andern Engel dich behüten!«

Die mokante Marie Thadden, die jeden aufzog, hatte ihm ins Ohr gelispelt: »Leps und Charles, den Halb-Franzosen, haben Sie ausgestochen, Sie blonder Othello. ›Doch hüte dich vor Eifersucht!‹ sprach Jago. Regierung und Welschland sind besiegt, doch ›betet und wachet!‹ sagen die klugen Jungfrauen.«

Ach, die unfruchtbaren Äcker von Neu-Koglizow, kahl und öde wie das Leben! Ihr helles Kleid zwischen dunkeln Büschen, als sie ihm Abschied mit dem Taschentuch wehte, ein weißer Streifen, schimmerte und schwebte ihm vor. Und den Assessor Leps soll der Satan holen! Peter heißt er, der langweilige Peter mit seiner reizbaren Eitelkeit, die ruhelos macht. Johanna ist die Ruhe. Futsch ist das Talgstümpfchen meiner alten Rechtsleuchte, Charles Savigny Sohn, der hier herumstreicht unter dem Vorwand, er sei mit Hänschen Kleist-Retzow intim. Daß sie Nanne anbeten, zeigt soliden Geschmack, aber Wilddiebe werden gewarnt, hier ist mein ewiges Jagdrevier, und ich bin so frisch und munter wie eine Forelle im Reinfelder Flüßchen Kamenz.

*

Damals gab es noch wenig kleine Lokalbahnen, den Verkehr bis Stettin besorgte nur die Post. In Schlawe, wo die Pferde gewechselt wurden, bekritzelte der glückliche Bräutigam einen Zettel an die Geliebte in fliegender Eile, weil ein heller Haufe angesäuselter oder schon arg bezechter Husarenoffiziere ihn begrüßte mit Fragen überfiel und nicht zu ordentlichem Schreiben kommen ließ. Verlobt? Gegen wen? Verliebt, verlobt, verloren! Unser herzliches Beileid... wollte sagen, wir gratulieren. Kein Mensch entgeht seinem Schicksal ewiger Verdammnis. Wissen sie's schon in Stargard und Naugard? Das wird ein Hallo setzen! Der tolle Herr des Kniephofes als Bräutigam, so was jibt's ja jar nich! – So jagten sich die altertümlichsten Scherze. In der Postkutsche machte er sodann Bekanntschaft mit dem Ellenbogen eines sehr in die Breite gegangenen und obendrein mit einem grünen Pelzmantel begabten Hebräers, der ihm eine Abneigung gegen alle Söhne Abrahams einflößte, die selber wie in Abrahams Schoße sitzen und ihrem Nebenmann den Platz wegnehmen. Als er dann unterwegs auf dem Gute seines Bruders ausstieg, stürzte ihm dieser im Schlafrock entgegen und überschüttete ihn mit einer Flut von Hiobsposten, wie schlecht es im Kniephof stehe. »Deine Inspektoren passen nicht auf, liederliche Viehzucht, die Schafe krepieren in Scharen, die Kartoffeln faulen, deine Knechte sind täglich betrunken, deine Brenner eine Bagage, dein Fohlen, das schöne dreijährige Vollblut, hat sich die Beine gebrochen. Du wunderst dich wohl gar nicht über so viel Unglück mit deiner üblichen gottvergessenen Gleichgültigkeit. Es ist eine Heimsuchung. Übrigens siehst du famos aus und deine Herzenswahl billige ich von Herzen, eine recht gute Partie. Altes Haus, ich sagte immer, du würdest noch sehr solide werden. Na, glückliche Reise!« Dies Wiedersehen dauerte nur fünf Minuten, Otto kannte die Bereitwilligkeit seines guten Bruders, des typischen Agrariers, sich einen lieben Gott zuzulegen, der vornehmlich die armen Gutsbesitzer als Zielscheibe seines Übelwollens erkor und ihnen planmäßig Unannehmlichkeiten bereitete. In übler Laune stieg der Postgast wieder in den Wagen zu dem hebräischen Ellbogen, doch als er in die freie Winterlandschaft hinausfuhr, dachte er: Du Undankbarer, was ficht dich das bißchen Ärger an, nachdem du ein Glück geerntet, das du gar nicht verdienst! In Stettin lief er am Bahnhof mitten in eine Gesellschaft von alten Kameraden hinein, die sich mit Moselwein und Karten die Zeit vertrieben.

»Kondo-, Pardon, gratuliere!« empfing man ihn betrübt. »Feine honette Familie! Doch du Armer, wie wird's dir gehen, wenn man dich über Pauli Briefe an die Korinther und so 'ne ausjefallene Sachen examiniert?«

»Ich bange nicht«, versetzte Otto gelassen. »Ich kenne mich aus in der Bibel!«

»Moses und die Propheten!« Ein junger Offizier in Zivil fiel vor Lachen beinahe vom Stuhl, und Wilhelm v. Ramin klopfte ihm auf die Schulter: »Na, schön, in Reinfeld bei Zuckers würde ich auch so zuckersüß reden, aber daß du deinen ältesten Freunden solchen Bären aufbindest, ist nicht hübsch von dir.« Da Otto keine Händel suchte, verabschiedete er sich artig von den ehemaligen Kumpanen, Abschied fürs Leben.

In Berlin traf er Schwester Malwine hochbeglückt. Sie fiel ihm um den Hals und jubelte: »Wie verjüngt du aussiehst! Du bist ein ganz anderer Mensch als in den letzten Jahren, wo du so grämlich und versonnen warst, fast hintersinnig. Wir alle danken deiner Braut für diese Veränderung zum Besseren!« Doch sein Schwager Oskar Arnim schüttelte den Kopf und fragte verlegen: »Bist du denn wirklich fromm geworden? Ich bin voll Sorgen um dich, lieber Otto.«

»Keine Ursache, ich bin im Gegenteil aller Sorgen ledig.«

»Nun ja, ich begreife, im ersten Taumel ... aber was wird die Zukunft bringen? Ich kenne dich doch genau, und Malle kennt dich seit Kindesbeinen. Nie haben wir an dir eine Anlage zur Muckerei bemerkt. Und nun auf einmal! Ach, mein armer Junge, wenn dir nur nicht die Augen aufgehen, daß du ja gar nicht zum Kirchengänger paßt!« Ihm wurde weich ums Herz, und er betrachtete den Schwager ernst und trübe, manches warnende Wort verschluckend, da er den Unglücklichen wohl kaum mehr retten könne. Otto lachte herzlich: »Du bringst dein Mitleid an die unrechte Schmiede, so sehr ich für deine treue Sorge verbunden bin. Verzeiht, ich muß einen dringlichen Besuch machen, habe Aufträge an einen Vetter meiner Braut.«

»Natürlich, die Braut geht vor!« schmollte die Schwester, die er nur so flüchtig sprach. Als er aber Bernhard v. Puttkamer-Versin nicht zu Hause traf, entdeckte er zugleich, daß er sowohl Briefe als Würste der Tante vergessen hatte, zerstreut wie ein richtiger Liebhaber. Am Abend versammelten sich sein schlesischer Freund Schaffgotsch und einige andere schlesische Grafen um ihn im Hotel de Rome und stießen auf das Fräulein Braut an. Der schäumende Champagner machte den langbeinigen Schaffgotsch, einen trainierten Fußgänger und Sportsmann, auf einmal poetisch, und er versicherte: »Kein Rebensaft braust wie junge Liebe, die Traube von Sillery ist nicht so süß wie ein Liebchen.

Es lebe die Schönheit, die unsern Freund in Fesseln schlug!« Als freilich Otto eine schwarze Silhouette Johannas, wie man sie damals an Stelle der heutigen Photographien auszuschneiden liebte, am Tisch herumreichte, trat kurze, verlegene Stille ein, die man mit Durcheinanderreden verdeckte. Etwas Besonderes konnte man wirklich am Profil dieser jungen Dame nicht finden, und doch hatte sich jeder vorgestellt, der famose Otto Bismarck müsse etwas Hervorstechendes wählen. Eine Kunstreiterin z. B. oder sonst eine standesgemäße Amazone hätte man passender gefunden. Auch bemerkte ein Graf, der etwas hatte läuten hören, zaghaft: »Hab' ich recht gehört, das gnädige Fräulein und deren Familie beschäftigen sich viel mit der Bibel?«

»Das tu' ich auch«, erwiderte Otto ernsthaft, worauf alle lospusten wollten, aber auf halbem Wege steckenblieben, als sie in sein ruhiges Gesicht blickten. Man brach höflich ab und unterhielt sich von alten Tagen, als Otto, Referendar oder freiwilliger Gardejäger, sein Wesen trieb und jeden Samstag abend nach Berlin kneipen ging. Die jungen Lebemänner sahen sich kopfschüttelnd verwundernd an, als der Bräutigam von dannen ging, und meinten: »Sehr kluge Leute bekommen manchmal wunderliche Anwandlungen. Da rappelt's ein bißchen. Die Liebe, ja die Liebe hat ihn so weit gebracht!« sangen sie im Chorus und bestellten eine frische Bouteille. –

Nun adjes ooch, Berlin! Jetzt werden wir wieder biederer Ackerbürger. Postmüde und froh, daß bis zur Elbe die Bahn regierte, staffierte der Deichwart sich für sein Amt aus, im langen, grauen Friesrock, die Otterfellmütze in die Stirn gedrückt, zwischen Jerichow und Havelberg die Ronde abzuwickeln.

Ich komme nicht mehr in den rechten Ton mit meinem einstigen Umgang! dachte Otto, als er am Freitag morgen nach Jerichow fuhr. Die seichte Jugendheiterkeit hab' ich für immer begraben. Mir ist, als ob nun wirklich ein neuer Abschnitt meines armseligen Lebens beginne. – Zu seinem Verdruß trat das Hochwasser noch gar nicht ein, er ritt über das Elbeis, das ihn noch trug. Natürlich, heut ist Freitag (der 29. Januar), an dem Unglückstag begegnet mir immer Pech. Recht gut hätte ich noch tagelang bei meiner schwarzen Sonne weilen können, an ihrer grünen Seite.

Der Schnee fiel dicht auf die weiße Landschaft, während diesseits Brandenburg eine vorzeitige milde Frühlingsluft geweht hatte und die Ackersleute auf dem Felde pflügten. Hier aber fiel ihn drückende Winterstimmung an, ein Echo der einstigen Herzenseinsamkeit. Das Elbeis besaß noch genügende Dicke und Festigkeit, das Wasser kam noch nicht, und bis es dann später verlief, konnte er nicht nach Norden zurückeilen.

»Deine Blume der Wildnis«, hatte sein Vetter Theodor ihm das Kompliment gemacht, »muß einen holden Duft haben. Du siehst aus wie Frühlingsanfang.« Doch die Lenzknospen in seines Herzens Frühlingswetter schienen zu erstarren, als er auf die alte öde Eisfläche seiner Vergangenheit schaute.

Er patroullierte pflichtgetreu die Gegend ab und brauchte kurzen Aufenthalt in einer unwirtlichen Schenke, um auf einem Zettel groben Papiers, den er mit Mühe auftrieb, einen Gruß zu senden an »Angela mia«. Da er Küsse nicht schreiben konnte, drückte er seine Lippen auf das Papier und unterzeichnete sich: » Sans phrase der Deinige«. Ohne Fremdwörter ging es bei ihm nicht ab, in seltsamen Widerspruch zu seinem selbstbewußten Teutonentum, das alles Schreiben und Drucken in römischen Lettern verpönte und die alten deutschen Gotenbuchstaben heilig hielt. Seine Neigung für Fremdwörter vermehrte sich durch sein Bestreben, die Braut zum Gebrauch des Englischen und Französischen anzuhalten, deren geläufige Übung er für seine künftige Gemahlin nötig hielt; er wußte selbst nicht warum. Der Wortschatz seiner Muttersprache reichte ihm nicht hin, seiner Johanna genügende Kosenamen zu verleihen. So entstand eine reiche Blütenlese von fremdsprachigen Zärtlichkeitsbezeichnungen, auch spickte er seine Briefe mit englischen und französischen Sätzen ohne jeden Anlaß dazu. »Herzlichste Grüße an deine oder j'ose dire unsere Eltern.« Statt in ehrlichem Deutsch schelmisch zu winken: »In sechs Monaten werden wir wissen, hoff' ich, was wir zu tun haben«, mußte er es englisch seiner »ma trés chére, mon adorée Jeanneton« sagen, die er zur Abwechslung auch »beloved one« anredete.

Die Gäule seiner Kalesche stampften und scharrten im Schnee, als er wieder einstieg, und bäumten sich wiehernd, als wollten sie ihm ahnungsvoll melden, daß sein Leben jetzt ein rasches Tempo einschlagen werde. Als er sich Schönhausen näherte, drängten sich ihm verstörte Erinnerungen auf, alle schlechten Streiche seines Junkerlebens fielen ihm ein. Nichts Ehrenrühriges, o nein, und keine Weibergeschichten, aber altgermanisches Zechen im Übermaß, angeerbt von soldatischen Ahnen, ein Überschäumen roher, tierischer Kraft, das sein eigenes feineres Empfinden abstieß, ein Vergeuden der Zeit in Bärenhäuterei, auf die er heut mit Ekel zurückblickte. Wollten diese unerquicklichen Bilder sich zwischen ihn und sein neues Leben drängen? Doch er schalt sich verzagt und undankbar. Liebte ihn jetzt nicht ein Engel, dem er sich in Leibeigenschaft hingab? Spürte er nicht bis ins innerste Herz dies Frühlingswehen? Als er in das Dorf Schönhausen hineinkutschierte, flüsterte er unwillkürlich: Heimat! Wie schön das ist, eine Scholle zu haben, wo man durch Geburt und Vermächtnis für immer Boden faßt!

Die stattlichen Bauernhöfe blickten ihn hell in der klaren Wintersonne an, als wollten sie selber ihn grüßen wie die Bauern mit den langen Röcken und die Weiber mit den kurzen in ihrer bunten Pracht. Alles sah nach Behäbigkeit aus, und dies Wohlbehagen schien aus jedem freundlichen Gesicht zu strahlen, auf dem ein Glückwunsch für den Gutsherrn lächelte, der sich nun endlich eine gnädige Frau holte. Die aufrichtige Anhänglichkeit an diesen erbangesessenen Junker, die allgemeine Beliebtheit, die er beim schlichten Landvolk genoß, mit dem er kordial und verständnisvoll redete wie mit seinesgleichen, kamen zu erfreulichem Ausdruck, der ihm das Herz bewegte. Sein alter Inspektor Bellin, ein wohlgenährter Graukopf, verzog sein dickes, breites Gesicht zu einem herzlichen Grinsen, und er klopfte dem jungen Herrn väterlich auf den Rücken: »Dat war'n mol eine Freude im Land! Nu wird allens jut un' ik bin zufrieden uf meine alten Tage. Na heul' doch nich so, du Dösekopf!« zog er seine Frau fort, die unaufhaltsam schluchzte und sich die Schürze vor die Augen hielt: »Daß wir das noch erleben bei der gnädigen Herrschaft!« Die gewaltige Dogge Odin aber sprang in tollen Sätzen um den Herrn herum und an ihm hinauf, seine nassen Pfoten auf dessen Rockkragen stemmend. »Donnerwetter, Odin, so gib doch Ruhe! Ich weiß selber, daß Tauwetter ist!« wischte sich Otto feuchte Spuren ab und kraute dem guten Tiere im Fell. Auch seine Stute Miß Breeze – auch hier taufte er englisch – benahm sich ausgelassen, als schöpfe sie neue Lebenslust. Als er im Galopp zur Elbe sauste, um den Deich zu besichtigen, dröhnten ihre Hufe auf dem Boden, als wolle sie ihn mit Verachtung schlagen und mit himmlischer Leichtigkeit dahinfliegen wie eine von Liebe jauchzende Seele. Bist du stolz, mein edles Roß, den Geliebten des besten Mädchens zu tragen? lächelte der Glückliche in sich hinein, indem er die Mähne der flinken Miß streichelte.

Das Thermometer stand auf Null, die trübe, gelbe Elbe schlief noch mürrisch und hörte nicht auf die leise Mahnung des nahenden Lenzes, an ihren Eisketten zu rütteln. Der Deichhauptmann setzte sich nachher an den Schreibtisch und kam sich wie ein Zauberer vor, der aus schwarzer Tintenflasche Geister beschwört mit allerlei Formelspuk, denn auf seine Befehle werden nun bald Arbeiter und Karren sich zum Fluß bewegen, die mit Faschinen und Brettern den Damm stopfen. Die schäumende Flut nimmt sich zwar sehr poetisch aus, doch die Prosa hat ein besseres Recht. So mag eine Revolution wohl schwankende Gemüter betören und die Phantasie gefangenhalten, aber die Ordnung muß ihren Deich dawiderstemmen, sonst werden alle Fluren verwüstet. Gottlob, ich habe nichts mit solchen figürlichen Dingen zu tun und bestelle buchstäblich mein Tagewerk als Dammwärter.

Am 1. Februar abends brachte man ihm in der traulichen Dämmerstunde die Lampe herein und das Spirituslämpchen, ein Geschenk Johannas, worauf er sein lauwarm Wasser für den Tee siedete. Dabei sann er so stillvergnügt vor sich hin, daß er knapp rechtzeitig das Überkochen hinderte. Da kam auch der Postbote mit einem Brief aus Reinfeld, und hoch schlug dem Liebenden das Herz, als er die teuren Zeilen las voll angstvollen Mitleids, sein Schlaf würde ihm in unruhigen Nächten geraubt werden, wenn die Elbe stieg. Damit hatte es noch gute Weile. Jetzt konnte er noch schriftlich mit der Geliebten in aller Muße plaudern wie daheim; er schrieb an sie: »Mein Schatz, mein Herz, mein Augentrost. Dein treuer Bismarck.« Bald wird die Elbe ihre Tücken ausgespielt haben, dann konnte er wieder heimwärts ziehen in die Heimat seines Herzens. Es klopfte. »Herein!« Schüchtern kam der Konrektor der Volksschule und klagte über unvollständiges Zahlen der Schulgelder. Otto tröstete ihn, er werde danach sehen. Dann fragte der Mann: »Ist Euer Hochgeboren Fräulein Braut groß?« »Ziemlich«. »Ein Bekannter von mir hat Sie im Harz mit mehreren Damen gesehen. Da haben Sie sich vorzugsweise mit der größten unterhalten, das war gewiß Ihr Fräulein Braut.« Die größte war aber Frau v. Mittelstädt. Mit einem Seufzer fügte Otto seinem Briefe ein sehr langes Postskriptum bei, nämlich als Beilage, »in der ich oft meinen innersten Ausdruck fand, now never any more«, Byrons Gedicht an Inez. Daran schloß er die fast ebenso lange Gewitterbeschreibung in Childe Harold, das erste 36 kurze, das zweite 20 lange Verse! Er knüpfte daran byronische Betrachtungen, die seiner Braut weder verständlich noch bekömmlich sein konnten. Die frömmelnde Ausdrucksweise fiel schon ganz von ihm ab. » e t'embrasse mille fois«, wieder ein unnützes Französisch.

Seine Braut würde sich wohl ein wenig entsetzt haben, wenn sie ihn gesehen hätte, wie er über Byrons Genfer Gewitterstimmung nachsann. Gewitter bei Nacht, wie berauschend! Da müßte mein Gaul mit mir durchbrennen und ich so die Klippe hinab in den brausenden Rheinfall stürzen. Das wäre Leben! Leider nur einmal im Leben könnte man das Pläsir haben, alles auf eine Karte zu setzen und in den sicheren Tod zu reiten. Ade, Byron! Ich bescheidener königlich preußischer Landmann bescheide mich mit meinem einfachen Lose und überlasse die Genie-Gewitter jenen anderen, die unglücklich sind durch ihre Größe, weil die Gewöhnlichkeit ihnen nichts bietet.

Am andern Mittag befand er sich zu Tisch bei Frau v. Brauchitzsch, Gattin des Oberpräsidenten, die ihn einlud, um ihn über die Familie Puttkamer auszufragen. Er ließ sich aber nicht die Würmer aus der Nase ziehen, sondern berichtete nur, was ihm beliebte. So viel Diplomatie besaß er denn doch noch! Bei wildem Schneegestöber grober Flocken und heulendem Eiswind von der Elbe her empfing er den nächsten Brief der Braut. Sie sei traurig, trage Schwarz als Kleid, und im Herzen zu träge, Musik zu machen. Abends schreibe sie nicht, weil er wolle, daß sie ihr Augenlicht schone, nachts träumte sie von ihm. Flugs schrieb er zurück, daß er leider nicht träumen könne wegen schauderhaft prosaischen Schlafes vollkommener Gesundheit. » Et dis-moi donc, pourquoi es tu paresseuse? Pourquoi ne fais-tu pas de musique?« Das mußte er natürlich französisch sagen, wobei er oft bei der Verneinung das »pas« zu viel anwendete, wie man es heut im Pariser Jargon nicht mehr tut. »A propos de paresse.« »Le diner est rvi.« »Qu'est-ce qu'il me chante?« »Why not?« »Think only« so ging es fort, unwillkürlich verfiel er fortwährend in Fremdsprachen und schloß den Brief an »Dearest black one, je t'aime, c'est tout dire« mit einem englischen Gedicht und dem Zusatz »Ich glaube von Moore, perhaps Byron«, woran sich Macbeths Monolog »To-morrow and to-morrow« ohne Angabe des Autors schloß, sonderbare Lektüre für ein junges Mädchen. Leben ist nur ein wandelnder Schatten, ein armer Komödiant, der sein Stündlein herstottert, ein Märchen, erzählt von einem Idioten ... traute er der frommen Johanna zu, dies riesenhafte Weltleid zu begreifen? Vorsorglich setzte er hinzu, es seien alte Abschriften aus seiner Schreibmappe. »Sie schaden mir nichts mehr. Thine eyes have still and will always have a charm for me.« Doch des Pudels Kern enthüllte sich in der Bitte, sie möge wenigstens Französisch pflegen und viel davon lesen. Sie könne vielleicht doch in Fälle kommen, wo Unkenntnis des Französischen für sie kränkend sein werde. Ließen sich solche Fälle wie z. B. bei der Frau eines Gesandten denn wirklich denken? Oder war es nur der Trieb, seine Frau auf gleiche Bildungsstufe zu erheben und sie in allem und jedem an seinem inneren Leben teilnehmen zu lassen? Von pedantischer Erziehungssucht war nichts dabei. »Ich liebe dich wie du bist und wie du zu sein für gut findest.« »Dein Wille geschehe.«

Um diese Zeit erhielt er den Brief eines Neuverheirateten, der seine erste Frau kaum begraben, als er sich auch schon mit einer zweiten nach achttägiger Bekanntschaft verlobte und sie nach sechs Wochen frischweg zum Altar führte. Dieser Geckenhafte und Oberflächliche gehörte jetzt zum Reinfelder Kreis und schrieb plötzlich in urchristlichem Tone über Züchtigung und Läuterung, weil er seiner Ersten keine Stütze ihrer Schwäche gewesen sei. Der Reinfelder Klimawechsel hatte ihm wohl diese Neugeburt des alten Adam angehaucht. Obschon Otto darüber mit einem französischen Witzwort spottete: »Ca va bien, pourvu que ca, dure«, freute ihn doch diese allgemeine Wirkung des Reinfelder Christentums. Dagegen versetzte ihn die schon länger zuvor empfangene Anzeige in tiefe Trauer, daß sein Freund Moritz über den Hingang Marias fast in Irrsinn zu fallen drohe. Seine Braut schilderte ihm beweglich das Seelenleid des Verlassenen, sie weine unendlich um ihn. Otto fordere sie auf, lieber mit starkem Gottvertrauen und frischer, liebreicher Zartheit den Freund zu trösten. Doch er selber beschuldigte sich: was für herzlose Selbstsucht tragen wir alle im Herzen! Marias Verlust schmerzte mich wie der einer lieben Gewohnheit, aber meinem besten Freunde, dem ich für ewig dankbar verpflichtet bin, vermochte ich nicht mal den Trost überströmender Teilnahme zu spenden, sondern langweilte ihn mit ausführlicher Beschreibung meines eigenen Glückszustandes, als habe er nur den einen unschätzbaren Beruf vom Himmel erhalten, mein eigener Beichtvater und Tröster zu sein. Wie ungeschickt spielt man Mitgefühlgebärden, wie bleibt jeder Schmerz ein Eremit! Ist meine Brust heut zu voll von einer einzigen Empfindung, als daß sie fremdem Weh Einlaß gewähren könnte? O könnt' ich über Oder, Rega, Persante zu ihr hinfliegen und ihr die ersten Frühlingsboten ans Fenster stellen, Hyazinthen und Krokus. –

Der Frost hielt an, das Tauwetter blieb aus, die dickgegefrorene Elbe ließ schweren Eisgang befürchten. Otto wollte vor Ungeduld vergehen, er hätte am liebsten Gläser, Flaschen, Fensterscheiben in Stücke zerschlagen, um seiner nervösen Unruhe Herr zu werden. Am 20. Februar sollte »Konvent« der Magdeburger Ritterschaft sein, ein Provinzial-Landtag in Merseburg würde nicht stattfinden, dagegen Leutnant a. D. v. Brauchitzsch als Deputierter nach Berlin reisen. Dann erst kam der Schönhauser von seinen Amtspflichten los und werde dann, Ober- und Unterhaus in einer Person, vor seiner Königin erscheinen, »Oiovanna mia«. Er hatte es jetzt mit dem Italienischen und schrieb einen italienischen Satz, daß er bei Nacht schlaflos die Stundenglockenschläge zähle. Seine finanziellen Verhältnisse konnten ihm keine Sorgen machen, denn Kniephof allein hatte einen Wert von 80 000 Talern. »Gottes Segen genug«, schrieb er der Braut, so daß wir vielen Leuten Gutes tun können. Er redete ihr zu, daß sie vor allem reiten müsse, das sei sie ihrer Gesundheit schuldig, auch ihr schwaches Augenlicht werde dadurch gestärkt werden. Sie hatte ihm geschrieben, daß sie traurig an seine Vergangenheit denke. Da seien ihr allerlei Zweifel gekommen, sie deutete an, daß sie seiner Beständigkeit mißtraue. Sie sei eben zu Mißtrauen geneigt, eine schwache argwöhnische Person. Sie habe irgendwo gelesen, Treue sei das Feuer, das den Kern der Existenz ewig belebt und erhält.

Das sei, antwortete er ihr, eine neblige Schwabbelei, die nichts Bestimmtes ausdrücke. Für Mädchen, die nur durch die Brille der Dichtersleute das Leben kennen, werde solche Poesie gefährlich am wehenden Prüfstein der Wirklichkeit. Mit überlegener Gelassenheit setzte er ihr auseinander, daß die Zeit ihr Mißtrauen heilen werde, angesichts seiner vollkommenen Ehrlichkeit. Er selbst traue fast keinem ohne Beweis des Gegenteils, zu ihr aber habe er ein unerschöpfliches Vertrauen, durch nichts zu erschüttern. Er wolle sie aber weder belehren noch bessern wie ein Schulmeister.

Sie schrieb ferner, daß ihre damals heitere Stimmung in die nämliche Schwermut umschlug, an der er früher litt. Todeselende Gedichte wie die von Lenau sprächen sie fast am meisten an, vielleicht habe die Gesundheit ihrer Seele Schaden gelitten. Das bekümmere ihn gar nicht, antwortete er, das sei ein Fortschritt im empfänglichen Aufnehmen der Poesie, deren Verständnis man nicht aus unschuldigen Frühlingsahnungen, sondern durch Blitzgewitter gewinne. »Tief in der menschlichen Natur, an der unbewußten Erkenntnis irdischen Elends und Jammers«, liege die Neigung zum Trauerspiel in Bühne und Wirklichkeit. Er verbreitete sich geistvoll über dies Thema in ebenso gedankenklaren wie formschönen Sätzen, um die der beste Schriftsteller ihn beneiden konnte. Das alles schrieb er spielend und hastig herunter, zwischen Dienstgeschäften, ohne sich im geringsten über die außerordentliche Begabung klar zu werden, die aus jeder Zeile, aus jedem Worte sprach.

Mal langweilte ihn der Landrat von Alvensleben einen langen Vormittag, mal marschierte eine Justizkommission bei ihm auf, bestehend aus Stadtrat, Amtmann, Aktuar, zwei juristischen Beisitzern nebst Pfarrer und Schulrektor, da es sich teilweise um Interessen der letzteren handelte.

»Mein abtrünnig renitenter Amtsbruder Uhlich wird sich dem Konsistorio in Magdeburg für seine liberale Ketzerei verantworten müssen«, brachte der Pfarrer bei der Mittagstafel eine schwebende Angelegenheit aufs Tapet.

»Man spricht davon«, ging Otto darauf ein. »Man will ihm über sein Kredo gewisse bestimmte Fragen vorlegen.«

»Und ihn dann suspendieren«, bekräftigte der Seelsorger mit nicht sehr christlicher Schadenfreude.

»Ein solcher Schritt kann ernste Folgen haben. Unser öffentliches Leben ist schon so aufgewühlt, daß wir nicht noch religiösen Hader brauchen. Das gießt Öl ins Feuer. Indessen ich billige von Herzen, wenn das Konsistorium mal energisch auftritt und nicht in Halbheit steckenbleibt.« Vor einem Jahre noch hätte der Schönhauser Gutsherr lau genug zu solchen Kirchlichkeiten sich verhalten. Unter dem Einfluß der Reinfelder betrachtete er heut die Orthodoxie mit Wohlwollen, beglückte sie mit seiner Anhängerschaft. –

»Ich muß eilig zurück, Otto, deine Schwester sieht ihrer Entbindung entgegen«, verabschiedete sich sein Schwager Arnim von ihm, der ihn in Schönhausen besucht und nach Magdeburg begleitet hatte, wo Otto unter anderen seinen Freund v. Gerlach treffen wollte. Er kam aber nicht dazu, mit Konferenzen und Terminen von Regierungs wegen überhäuft. Da ihn das Schweigen von Moritz Blanckenburg beunruhigte, so benachrichtigte er die Braut, daß er auf der Reise zu ihr sich ein paar Tage absparen müsse, um persönlich den Freund durch seine Gesellschaft aufzurichten. Auch Johannas Schelten könne ihn daran nicht hindern. So siegte sein im letzten Grunde treues gutes Herz über eigene Leidenschaft und zufriedene Selbstsucht.

Auch stellte er der Braut vor, daß der Geiz, die Wurzel alles Übels, gegen seine zu frühe Lustfahrt in der Liebsten Arme protestiere. Ihn reuten die dreißig Taler Reisekosten, da wegen des harten Winters großes Elend herrschte. Nicht in seinen eigenen Dörfern, wo er dagegen einspringe, doch im Städtchen Jerichow, wo er sich der Armenpflege befleißige. Doch wenn sie befehle, so werde er sich sophistisch herausreden, daß er nicht zu seinem Vergnügen, sondern aus Pflichtgefühl gegen die Braut so handle, und die Armen sollten gleichwohl nicht zu kurz kommen und den Reisebetrag erhalten. Dies praktische Christentum bäumte sich aber jetzt schon gegen die pommersche Bigotterie auf. Denn indem er nach einer Korrespondentin Johannas frug: »Noch 'ne Kusine? who the devil is Pauline?« wies er ironisch darauf hin, daß in der Bibel nirgendwo ein Mißbrauch des Teufelsnamens verboten sei. Seinen langen Brief, der ihm nüchtern vorkam wie eine Justizkommission, würzte er am Schlusse wieder mit fremdsprachigen Gedichten, einem blasphemischen französischen und einem pathetischen englischen des unseligen Wunderknaben Chatterton, beides ein Zeichen ungeheurer Belesenheit und aufmerksamster Genußfähigkeit für Poesie jeder Art. Nachdem er auch ein » By Jove!« einflocht, schloß er mit einem italienischen Vaterunser sehr melodisch.

Draußen sickerte eintönig und trübe der graue Regen, und die innere Liebessonne wollte nicht recht zum Durchbruch kommen unter grämlichen Betrachtungen und Bedenken. Verkaufe, was du hast, gib all dein Gut den Armen und folge mir nach? Konnte man den Willen des Heilandes wirklich befolgen? Was hülfe das? Wer kann all die Armen speisen? Alle Schätze Indiens reichen nicht dazu hin. Im Grunde hat Gott mir mein irdisch Gut nur geliehen, damit ich es verwalte, das Anvertraute darf ich nicht zu meinem Vergnügen verwenden.

Ach Gott, überall Kompetenzstreitigkeiten der Pflichten! Je ernster man das Leben nimmt, desto verhängnisvoller! Nur bei Kindern ist heiteres In-den-Tag-hineinleben heimisch. So ihr nicht werdet wie die Kinder ... Die Tiefe dieses Spruches darf man nicht wörtlich nehmen. Denn man muß erst ins Wachsen kommen, um sich dem Sturm des Schicksals zu stellen, und wer sich von dem nicht bis ins Mark erschüttern ließ, weiß nichts vom Willen Gottes.

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