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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
projectidd7010140
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Fräulein v. Below auf Reddenthin war sehr hübsch. Sie hielt sich kerzengerade, wie sie es in der Genfer Pension gelernt, und brillierte mit ihrem Englisch, das sie mit Vorliebe an Otto verschwendete, der es so geläufig sprach. Er lächelte spöttisch, als er sie in Cardemin zu Tisch führte, sein Blick flog zu Johanna hinüber, die tief errötete. Denn er ertappte sie dabei, wie sie das stattliche Paar beobachtete und seine grenzenlose Gleichgültigkeit gegen die reizvolle Kusine mit weiblichem Scharfblick feststellte.

» Do you love flowers?« lispelte die Below.

» Certainly.« Er neigte verbindlich den Kopf, fuhr aber laut und vernehmlich fort: »Für mich besteht Blumenleidenschaft nur in der Neigung zum köstlichen Duft. Duftlose Schönheiten, wie Kamelien, Georginen, Päonien, Tulpen, verabscheu' ich. Der Mensch schließt töricht von äußeren Reizen auf innere. Nie trifft das zu nach meiner persönlichen Erfahrung. Der korrekten Schönheit fehlt stets der Dufthauch aus innerstem Gemüt – Liebe, Religion, Poesie, es hat verschiedene Namen.«

»Name ist Schall und Rauch«, gab ein semmelblonder Junker v. Puttkamer-Pobelow von sich, ein Zitat, das er irgendwo auffischte.

» Heavenly! Wie zart Sie das sagen!« hauchte die Below und nippte an ihrem Champagnerglas. (Der alte Puttkamer hatte eine Schwäche für Champagner, die ihn innig zu dem Kniephof-Kenner hinzog.)

»Das Zerrbild heißt Sentimentalität,« fuhr Otto unerbittlich fort, »das Wahre hat keinen Namen. Dafür gibt es keine Worte.«

Fräulein v. Below glaubte einen Stich zu verspüren und hätte beinahe gelispelt: » You are very rude.« Das verbiß sie aber schicklich und lächelte himmlisch. Johanna lächelte nicht, das Herz schlug ihr bis in den Hals. Als Otto aus reiner Gewohnheit der guten Form seiner Tischnachbarin eine Artigkeit sagte, machte sie so viel daraus als sie konnte, und versicherte ziemlich laut mit süßem Augenaufschlag: »O Sie Heuchler und Schmeichler!« Es gehörte zu ihrer englischen Eigenart, daß sie das deutsche »ch« so weich aussprechen konnte, wie ein Londoner Dandy das rauhe »r«. Otto besaß daher die männliche Roheit, Johanna nachher beim Kaffee zuzuflüstern: »Ohne Heusselei und Schmeisselei gestatten mir gnädiges Fräulein, zu betonen, daß Schwarz oder Blau meine Lieblingsfarbe ist.« Johanna trug Schwarz oder Blau.

Sie wurde rot und blaß, aber dann beruhigte sie sich. Ach, das sind so fade Galanterien, bei denen ein Mann sich nichts denkt. Freilich – dieser Mann – das war ein ganz besonderer Mann, den man sich nicht als zudringlichen Pousseur vorstellen kann. Und vorhin die Bemerkung bei Tisch ... so prononziert ... meinte er mich im Gegensatz zur Below? O mein Gott, ich bin ja wie im Fieber. Der böse Mensch! Ich will meine Ruhe haben. Morgen bet' ich im Gotteshaus um Kraft, keine sündige Regung aufkommen zu lassen. –

*

Die Schulzen Filöhr und Lotke und ein verbummelter polnischer Adliger Dombrowski, der im sogenannten Chausseehaus eine Stelle bekleidete, wuschen und kämmten sich ausnahmsweise zu einem Amtsbesuch auf Kniephof, um mal mit eigenen Augen zu sehen. Sie teilten Predigers die frohe Kunde mit, daß die liederliche Wirtschaft zu Ende sei und der Junker ein gottseliges Leben führe. Hans v. Kleist-Retzow auf Krepplendorf, als Onkel Johannes sehr geschätzt, doch zu sehr in sich gekehrt und in sein eigenes Seelenheil vertieft, um auf anderer Erlösung auszuziehen, gratulierte Moritzens Schwester Hedwig, einer schon ältlichen Jungfer, die in fanatischem Lutheranertum versteinerte: »Loben wir den Herrn! Es ging ein Sämann aus ... so hat Moritz gesät in steinigen Acker, und doch ging der Same auf.« Julia v. Behr, die etwas hitzig auf Herrn v. Massow-Rohr Jagd machte, Frau Charlotte v. Zanthier geb. Puttkamer und Ännchen v. Blumenthal, die beide nicht auf besondere Heiligkeit Anspruch erhoben, tauschten am Flüßchen Kamenz an der Badehütte lehrreiche Betrachtungen aus, daß der Kniephofer am Ende doch mal auf Freiersfüßen gehen werde. Die »Tienchens« auf Reddenthin, Tante Ulrike und Kusine Therese, die etwas freigeistiger dachten, hörten schwärmerische Freudentöne der ernsten, sinnigen Melissa v. Behr über den Fall Bismarck etwas kopfschüttelnd an.

»Herrje, man nich so heftig! Das ist ein kurioser Heiliger. Bei dem geht's immer im Galopp. Steckt da nicht was anderes dahinter?«

»Heute noch auf hohen Rossen, morgen durch die Brust geschossen«, brummte der Majoratsherr Albert. »Ich hab' schon lange Ahnungen, wo das hinaus will. Ein schlauer Hecht und frecher Dachs.« Beide Damen bestürmten ihn mit Fragen. »Ne, das verrat' ich nicht. Die Pietisterei hier ist mein Tollpunkt, da mach' ich nicht mit. Hans Retzow seine Predigten – bah! Sollte mal über den Text predigen: Der Fuchs im Schafspelz!« –

»Nach so sparsamen Begegnungen in Cardemin und hier ist er uns doch ein verhältnismäßig Fremder«, bemerkte die in ihrer Weise sehr verständige Frau v. Puttkamer weislich, als beim Nachhausefahren von Reddenthin ihr Gatte sich äußerst freundlich über Otto aussprach.

»Mir eigentlich nicht. Moritz und wir sind gewissermaßen seine Paten für sein neues Leben, und das bringt ihn mir nahe.« Der alte Herr genoß die liebenswürdige Eitelkeit des Proselytenmachers, der seinen Belehrten väterlich schätzt und in ihm den eigenen Erfolg bewundert. Die alte Dame erwiderte nichts und warf verstohlen einen Seitenblick auf Johanna. Ihr Mutterinstinkt warnte sie, daß hier manches nicht geheuer sei. Doch Johanna riß sich aus ihrer Schweigsamkeit und plauderte lustig mit dem gewöhnlichen Vorsatz des weiblichen Herzens, seine Tiefe mit Blumen zu verstecken. »Wie süß war wieder Marie!« lobte sie die gute Frau v. Blanckenburg, und dann verstieg sie sich zu übertriebenen Freundlichkeiten für Vetter Below und andere Herren, die ihr ein wenig den Hof machten.

»Hat die Kleine da irgendwo Feuer gefangen?« erkundigte sich nachher der Alte besorgt bei seiner Frau. »Unter uns, Albert ist doch nur ein Windikus, und die anderen sind auch nicht gerade meine Passion.« Frau v. Puttkamer warf hin, das sei wohl nicht so gefährlich, seufzte und lächelte in sich hinein. Wie dumm doch die Männer bleiben in allem, was Frauen betrifft! Wenn ein Mädchen offen versichert, X sei ein schneidiger, forscher, patenter Kerl, dann hat es keine Gefahr. Aber wenn sie vermeidet, von jemand zu sprechen, dann wird die Sache bedenklich. Die kluge alte Dame saß nach ihrer Gewohnheit kerzengerade im Sofa, die Hand auf die Lehne gelegt, und sah vieles, wovon der Männer Schulweisheit sich nichts träumen läßt.

In den ländlichen Frieden schlug wie ein Blitz die Kunde ein, daß die Freundin in Cardemin, von jäher Erkrankung ergriffen, im Sterben liege. Otto eilte dorthin und fand Moritz und Johanna in Tränen aufgelöst, im Gebet ringend. Nicht ohne Rührung, selbst seelisch erschüttert durch den drohenden Verlust einer ihm herzlich gutgesinnten, vortrefflichen Frau, betrachtete er die Gruppe. Verträgt sich Beten um etwas wirklich mit dem Bild eines allgerechten Weltenlenkers, heißt das nicht seine Weisheit und Güte beleidigen? Nein, wenn die Kreatur sich mit ihrem Schöpfer in Verbindung setzt, muß das allemal erheben und stärken und mit besserer Zuversicht erfüllen. Zum erstenmal – Gebete der Kindheit zählen nicht – rang sich von seinem Herzen ein Gebet los, Gott möge dies Leben schonen und es für die erhalten, denen es so teuer sei ...

Doch sie starb. Nach dem Begräbnis sagte er mit dumpfer Stimme zu Johanna (Blanckenburg war ganz gebrochen): »Auch ich habe gebetet. Doch Sie sehen, es fruchtet nichts.«

Da sah sie ihn stolz und unerschrocken an: »Soll das ein Vorwurf sein für unseren Vater im Himmel? Der Herr hat's gegeben, der Herr, hat's genommen, der Name des Herrn sei gepriesen!«

Er faßte ihre Hand. »O, Sie sind stärker als ich. Dieser unerschütterliche Glaube! Doch begreifen Sie nicht? Ist Gott die Liebe – und das muß er sein, wenn er Gott ist –, warum quält er uns so mit tausend Übeln?«

»Das ist heilsame Züchtigung für unsere sündigen Herzen.«

»Und warum sucht er denn oft die Guten heim und läßt die Bösen unbestraft?«

»Auf Erden, das ist ihre größte Strafe, daß sie in Glück und Wohlleben erst recht in ihr gottloses Treiben versinken. Wen der Herr lieb hat, den züchtiget er.«

Er ging einige Schritte im Zimmer auf und ab, tief erregt. »O, wie stark der Glaube macht! das ist eine heroische Weltanschauung. Ja, an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. So sollte jeder Tapfere denken, und ich Schwächling muß mich schämen. Geduld und Ergebung im Leid, wo findet man die, als bei Christen! Der große Gott braucht nicht zu hören auf kindische Gebete, er weiß am besten, was uns frommt.«

»O, dann sei diese Stunde gesegnet! Sie haben die echte Einkehr, Sie glauben!« Ihr Gesicht verklärte sich, und sie wurde fast schön. Otto sah sie lange an.

»Durch Sie«, sagte er leise. »Fräulein Johanna, erinnern Sie sich an vorige Pfingsten? Da stand ich hier in Cardemin mit Ihnen am Fenster.« O, sie erinnerte sich wohl und senkte schüchtern den Blick. Er berichtete ihr damals in einer Aufwallung unbegrenzten Vertrauens, wie öde und farblos ihm das Leben schien. »Wie sah es damals in mir aus? Wüst und leer! Und heut? Heut ist mir das Herz voll einer großen Empfindung – Goethe sagt, daß dies den Dichter mache. Ich bin keiner, aber im Drange eines sehnenden Gemütes stehe ich keinem nach. Und jetzt soll sich mein Los entscheiden.«

Sie erbleichte und zitterte. Wo wollte das hinaus? »Wollen wir nicht zu Moritz hineingehen?« suchte sie echt weiblich dem Kampfe auszuweichen.

»Nein. Ich habe allein mit Ihnen zu reden, allein als ob wir beide die einzigen Menschen wären auf einer verlassenen Insel. Gott verwarf nicht mein erstes Gebet. Er goß mir Kraft ein, das ist der wahre Zweck und Sinn des Gebets. Ich werde von heute ab fähig sein, mich demütig an ihn zu wenden in jeder Fährnis. Ist diese tiefe Regung auch erst zwei Monate alt, sie wird mir nie verloren gehen.«

»O das ist herrlich!« Sie zitterte immer noch, als von einer gleichsam begeisterten Ergriffenheit. Dieser männliche Mann war ein großes Schauspiel in seiner düstern Entschlossenheit, sein altes Leben unter die Füße zu treten.

»Aber ich brauche einen Vermittler zu Gott.« Er beugte sich nieder, sein blaues Auge senkte sich unwiderstehlich in ihre dunkeln Augensterne. Sie errötete über und über. »Unser Mittler ist der Heiland Jesus Christus.«

»Für die Menschheit, ja. Doch der einzelne Mensch braucht ein besonderes Wesen, zu dem er beten kann: Sei du mir Stab und Stütze! Nie begriff ich sonst das Goethewort: Das Ewigweibliche zieht uns hinan. Johanna, wollen Sie meine Frau werden?«

»Das kommt so unerwartet –« hauchte sie, doch als sie scheu den Blick erhob, überrieselte sie geheimnisvolle Ahnung mit dem untrüglichen Intuitiv-Instinkt des Weibes, und gar des liebenden Weibes.

Es überkam sie in diesem einen Augenblick die Gewißheit, die sie nie mehr verließ, daß dieser ihr Otto zu etwas Großem bestimmt sei. Im Weinberg des Herrn, deutete sie sich's aus in ihrer engen Sphäre. Und sie zog die Hand nicht zurück, legte sie in die seine und sagte mit gepreßter Stimme vernehmlich: Ja! –

Die beiden hatten verabredet, daß das Verlöbnis vorerst verheimlicht bliebe und nicht bindend, bis der Vater sein Jawort gab. Mündlich in Zimmerhausen, wo er zuletzt mit Puttkamers zusammentraf, ging dies nicht an.

Im Hotel de Prusse, Stettin, setzte er sich hin zum entscheidenden Brief, worin er den Alten um die Hand Johannas bat und sein ganzes Herz offen legte. Er befand sich in feierlicher Stimmung und empfand das Bedürfnis, Gott anzurufen, er möge ihm Klarheit schaffen, recht sein Inneres zu prüfen, auf daß kein unwahres Wort aus seiner Feder fließe. Daß er sich natürlich bemühte, die religiöse Seite in den Vordergrund zu stellen und sich dem Gedankengang des frommen alten Herrn anpaßte, diese Diplomatie mischte sich wohl ein. Doch wurde es ein ruhiger, schöner Brief, das Bekenntnis einer tiefen und großen Seele.

Am 2. Januar erhielt er Puttkamers Antwort. Sie ließ offen, ob er den Antrag annehme, enthielt aber die Genehmigung für Otto, als Freiwerber nach Reinfeld zu kommen. Ob seine neuen Tritte auch feste und gewisse seien auf der Bahn zur Heiligung und zum Frieden gegen jedermann? Otto antwortete: wohl sei er noch ein Lahmer, der straucheln werde, doch den Gott aufrechterhalten wolle. Wenn er den Vater durchaus befriedigen und beruhigen möchte, so müsse er bedacht sein, nie gegen diesen und sich selbst unbewußt unwahr zu werden. Er komme also persönlich, sofern er nicht als Schildwache an seinen Deichposten gebunden sei, und erflehe Frost vom lieben Gott, obschon ihm das Herz dabei sinke, weil die Armen das Gegenteil erbitten.

Am 11. Januar brach er auf, nach 40 Reisestunden, dann war er bei ihr. Die Wintersonne schien hell, als er in Reinfeld anlangte. Der alte Puttkamer empfing ihn ernst und würdig mit festem Händedruck: »Gehen Sie hinauf, Johanna erwartet Sie, meine Frau und ich haben uns darin ergeben. Wo das Herz so deutlich spricht, da ist die Stimme des Himmels. Wir wollen die Verlobung feiern.« –

Doch die Mutter erhob Einspruch. »Meinen Mann haben Sie rumgekriegt, doch er war wie mit der Axt vor den Kopf geschlagen. Der Wolf frißt immer die frommsten Schafe. Ich glaube nicht, daß Sie unser Kind glücklich machen werden.« Da drückte Otto, ohne ein Wort zu erwidern, Johanna ans Herz, und als die kluge Mutter ihn anschaute, stürzten ihr die heißen Tränen aus den Augen. »Ja ja, ich fühle, daß Sie die rechte Liebe haben. So gebe ich denn auch meinen Segen, mein Sohn.« »Darf ich meiner Schwester telegraphieren?« Das tat er mit dem einzigen Wörtchen: »AIlright!« Ohne Englisch oder Französisch ging es bei diesem echten Deutschen nicht ab. –

Sie gingen spazieren zur Pferdekoppel, ihr Hündchen Finette sprang in weiten Sätzen voraus ins Dickicht. Als man ihr pfiff, kam sie nicht wieder und hörte auf laute Rufe nicht. »Das arme Tierchen hat sich verlaufen«, jammerte Johanna.

»Wird sich schon heimfinden, wie ich zu dir. Ich war auch so'n verlaufener Köter.«

»Gut, daß du das einsiehst!« neckte sie, »Gott ist so barmherzig, und da muß ein Mädchen wohl auch Erbarmen haben. Sonst hält' ich dir den schönsten Korb geflochten und dich mit der sauren Beladung abziehen lassen. Doch unser lieber Vater im Himmel ließ dich durchs Schlüsselloch seiner Gartentür sehen, und man muß reuige Sünder in Gnaden annehmen.«

»Du kleiner Bösewicht! Nicht wahr, du hast mitleidig auf mich herabgesehen?«

»Das wäre sündhafter Hochmut. Verschimpfe uns nicht als Pharisäer, die sich von Zöllnern und Schachern abschließen!«

»Und doch nehmen deshalb viele an euch ein Ärgernis. Dünkt ihr euch wirklich so heilig?«

»Otto, du wirst mich noch böse machen.«

»Keine Spur! Aber, siehst du, mit mir mußt du breiter ins Leben treten. Ihr wickelt euren Glauben so sorgfältig in Flanell, damit nur ja kein rauher Luftzug ihn berührt, er könnte sich sonst erkälten.«

Sie brach plötzlich in Tränen aus. »Ach, ich fühle mich manchmal wie ein welkes Blatt, wie ein ausgewaschenes Kleid.«

»Laß sehn, ob ich nicht die grüne Farbe auffrische, indem ich sie hege und pflege. Frische Blätter mußt du treiben, und die alten verkümmerten, für die weiß ich auch einen Platz. Ich will sie zwischen das Buch meiner Seele legen, damit wir sie beim Lesen wiederfinden, als Zeichen lieber Erinnerung.« Er nahm sie herzhaft in die Arme. »Du meine gute, treue Nanne! Du hast, was unter Asche in mir glühte, neu angefacht, die tüchtige Kohle soll dich in belebende Flamme hüllen.« –

Über einen längeren Brautstand hatten die Puttkamers geteilte Ansichten. »Die Kinder müssen sich doch einleben«, meinte der alte Herr. »Die Unzuverlässigkeit des menschlichen Herzens ist groß.«

»Aber sie lieben sich doch so!« betonte die gute Frau v. Puttkamer. »Diese Ehe scheint wirklich im Himmel geschlossen.«

»Ganz gut. Doch die wahre Bürgschaft für das Wohl Johannas liegt nur im Segen des Herrn, in unserem Gebet. Er wolle uns begnaden. Vor Herbst ist an ein Aufgebot nicht zu denken.«

»Mißtraust du dem Otto?«

»Das eigentlich nicht. Er ist voll Offenheit und Treue, das geb' ich unumwunden zu. Doch er ist ein merkwürdiger Geselle, in dem sich ein schlichter Christenmensch wie ich nicht recht auskennt.«

»Manchmal glaub' ich«, flüsterte die Mutter, »er sei zu etwas Besonderem geboren. Und ob dies gerade ein Glück wäre für unser einziges Kind, das stelle ich dem Herrn anheim. Mir scheint, die Frauen bedeutender Männer haben ein besonderes Kreuz.«

»Na, weißt du, Alte«, Herr v. Puttkamer lachte behaglich, »haben sie ein besonderes, dann ist's eben ein anderes, als was die Frau Gemahlinnen sonst bei uns gewöhnlichen Männchens zu tragen haben. So gleicht sich die Rechnung aus. Übrigens sind das Redensarten. Ich wüßte nicht, wodurch er je etwas Besonders bewiesen hätte, Aussicht darauf Null. Durchs Staatsexamen is er durchgerasselt oder hat's nich mal versucht, damit ist abgeschnitten, daß er je im Staat was wird. Ist auch nicht nötig. Er ist ein vermöglicher Mann in geordneten Verhältnissen und wird ein Leben führen wie wir alle vom Ritterstand, ein gediegener Gutsherr und damit basta. Nee, davor keine Bange! Aber er is eben 'n bißken Querkopf und hat was Abenteuerliches im Blut.«

»Fürchtest du etwa, er wird ihr untreu werden?« erschrak die Mutter.

»Gott bewahr! Von der Sorte ist der nicht. Ein guter Christ geworden durch unsere oder vielmehr Gottes gnädige Hilfe. Na, also im Herbst, dabei bleibt's!« –

»Wartensleben glaubt nicht an den Sündenfall! Ist das nicht eine Verworfenheit?« begann Johanna auf einem Spaziergang.

»Hm, es kommt drauf an, ob man dies wörtlich nimmt.«

»Otto!« rief sie erschrocken. »Ein solcher Unglaube an das Wort der Schrift!«

»Steht's auch wirklich so da? Und, verzeih, auch ich glaube nicht blindlings alles, was dorten steht.«

»Was, das Wort Gottes!« Sie starrte ihn an mit weit aufgerissenen Augen.

»Durch Menschen vermittelt. Die Apostel waren Menschen wie wir, also zum Mißverstehen geneigt, auch der Sünde untertan wie alle. Sie konnten Christi Lehre nur erfassen gemäß ihrer eigenen geringen Bildung und beschränkten Geistesart. Lukas erfuhr gar nichts aus Christi eigenem Munde, Paulus bekehrte sich zum Herrn lange nach dessen Hinscheiden.«

»Aber die Ausgießung des Heiligen Geistes!«

»Schon recht. Mag sein, daß in großen Augenblicken der Geist über uns kommt. Beim Genie nennt man's Intuition. Nun, tröste dich, dies ist ja kein Ende meiner Glaubensfahrt, sondern nur eine Station, wo ich Relaispferde wechsle. So geschwind mit Extrapost fährt sich's nicht zum Himmel.«

»Ach, wie soll das werden, wenn wir so verschieden bekennen!«

»Das ergänzt sich nur, wenn beide Teile den ernsten Willen haben.«

»Aber die Offenbarung – deine Schwäche im Glauben ängstigt mich so.«

»Damit richtest du schon, was keinem Christen zusteht. Keiner darf den andern gewaltsam zu seiner Glaubensrichtung hinüberziehen. Ward denn Rom an einem Tage erbaut? Auch nicht alle Häuser in Rom nach gleichem Muster, und doch sind alle Einwohner Römer. Verstehst du? Nur Spötter und Verächter bleiben draußen.«

Sie saßen eng aneinandergeschmiegt, und die Nacht draußen war still und hell. »O, wäre ich auch so sternenklar!« seufzte sie.

»Nein, sonnen- und sternenklar sollst du nicht sein, nicht so ruhig. Du meine dunkle warme Sommernacht voll Blütenduft und Wetterleuchten! Jeder Blick in diese grau-blau-schwarze Pupille deiner großen Augen ist ein Blick in die Ewigkeit.« Und so schwärmten sie weiter. –

Draußen heulte der Wind, drinnen saß sie am Klavier. »O spiele, spiele!« bat er, »deine Töne tragen mich durch die weite Welt. Musik ist überall. Der Tauwind pfeift durch entlaubte Linden, seine hohle Stimme singt in den Zweigen, dann denke ich, du spielst E-Dur. Schneeflocken fegen um den alten Turm von Schönhausen, dann höre ich E-Moll fernher, wo du in die Tasten greifst. Im Frühlingsheim säuselt Adagio, das Heimchen zirpt auf Sommerwiesen ein sanftes Andante. Doch zum Fortissimo schwellen die Stimmen von Herbst und Winter, wenn sie welke Blätter und Schnee als Leichentuch auf den Friedhof decken. Dann hat die liebe Seele Ruh, wir haben ausgetobt, wenn wir dereinst als greises Paar zusammensitzen und auf ein Leben zurückblicken voll Kampf und hoffentlich Sieg.«

»Worüber willst du siegen? Gegen was kämpfen? Rede nicht so, mir wird bange. Wir wollen still für uns leben und unseren Leuten Gutes tun.«

»Das wollen wir, mein Lieb. Über was siegen? Das wissen die Götter. Zu kämpfen gibt's immer was. Man sagt nur so. Wir sind Land-Gentry, du hast recht, und werden uns hüten, uns in Welthändel zu mengen und unser häuslich Glück aufs Spiel zu setzen. So wie heut wollen wir immer beisammen sitzen, noch als steinalte Mummelgreise.« Sie plauderten Arm in Arm im Plüschsofa des roten Saales. »Träume ich und halte dich wirklich an meiner Brust? O, wie todeselend saß ich früher allein und deklamierte schaurige Verse! Schneegestöber im Herzen, wie es jetzt draußen herunterrieselt, kalt und stumm, vor mir das Nichts.« Der Kater schnurrte. »Hör' das gemütliche Spinnrad des braven Kerlchens! So spielt und schnurrt ein schwarzes Miezekätzchen in meines Herzens Kämmerlein und treibt mein Herz herum, wie einen rollenden Kreisel. Und ich? ich sehe behaglich dem Rollen zu.«

Johanna nahm ihre Brautfreuden harmlos und fröhlich hin, wäre sie in heidnischer Allegorie bewandert gewesen, wäre sie sich als Omphale vorgekommen, an deren Rocken Herkules Garn spann. Manchmal erwachte freilich in ihr jene bekannte posthume Eifersucht auf die Vergangenheit des geliebten Wesens. Sie drohte, ihm den kleinen Finger zu brechen, wenn er nicht beichte, wie oft er geliebt habe. Da wurde er ärgerlich. »Schwor ich dir nicht schon tausendmal: Nie, nie, nie?« »Wer's glaubt! Die Männer sind so schlecht und so leicht vergeßlich.« Sie setzte eine feierliche Miene auf, als wolle sie ihm den Katechismus abhören.

»Karoline wollte dich doch seit Jahr und Tag an eine gewisse jemand verloben ... das soll eine nette Trine sein, weiß besser in ihrem Ballbüchlein als in den Schubfächern ihrer Leibwäsche Bescheid ... und jemand, der näher wohnt, warf auch ihre Kappe nach dir aus.«

»Ich will dir was sagen. Mein Gärtner zieht Kamelien und brachte mir mal zwei, die eine schlank mit zierlicher Krone und zarter Blüte, sehr blaßrosa, wenig Laub, nur zwei Knospen – diese Donna hält sich steif und lispelt englisch.«

»Pfui, wie medisant!«

»Ich werde dir mein ironisch-satirisch-dämonisches Profil zeichnen. Die andere, minder zierlich, hat Knorren im Stamm, nicht so sorgfältig beschnitten, aus der Krone ragt ein abgestorbener Ast mit geschwächter Sehkraft.«

» Me voilà, poor me! Ist das Englisch und Französisch genug für dich?«

»Doch reich an Laub«, fuhr er unbeirrt fort, »viel grüner, hat acht Knospen, verspricht also wunderbare Blüte. Farbe tiefrot und weiß, bunt abwechselnd mit unregelmäßiger berückenden Laune. Das bist du. Doch der Vergleich hinkt, ich mag ja keine Kamelien, dich aber lieb ich, vom Duft deiner Seelenblüte verzaubert.« Hiernach gab es nun keine Worte mehr, sondern der schnurrende Hauskater, ein Verwandter des Hidigeigei, sann über verdächtige Töne nach, warum sich die Menschen küssen. Beißen tun sie sich offenbar nicht, denn sich dabei wohlbefinden wäre ein Sadismus, den ein ehrlicher Kater verabscheut. Wahrscheinlich lecken sie sich ab, um ihr Fell in Ordnung zu bringen.

»Denkst du noch an den Abend in Zimmerhausen?« erinnerte er. »Ich wundere mich über deinen Mut, daß du mich genommen hast, heitere Stirn, fröhliche Augen, so wirst du ewig vor mir stehen.«

»Aber du hast mal mit dem Zaunpfahl gewinkt, ich hätte ein eisiges Herz.«

» Nonsense! I most heartily believe that you do care for me. Ich falle und liege meiner schwarzhaarigen Maid zu Füßen und ergreife deine beiden Hände«, die Geste folgte den Worten, »und stammle: ›lo te voglio assai bene‹, ›I love you‹, ›Je t'adore‹ und so weiter in allen Sprachen.«

»Ehrliches Deutsch wäre wir lieber.«

»Das sollst du haben. Jeannett«, ik liebe dir!« –

Er schritt aus über die Felder elastischen Schrittes, die starken Glieder reckend, » These limbs were made ... not in England!« lachte er behaglich, das Shakespearische Zitat verdrehend. Und eine Stimme sprach unhörbar in Lüften vom alten Gott der Deutschen: Dieser Kerl wurde in Deutschland gemacht, ein Kerl, der sich gewaschen hat.

*

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