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Bismarck - Band 1

Karl Bleibtreu: Bismarck - Band 1 - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorKarl Bleibtreu
titleBismarck ? Band 1
publisherVerlag der Literaturwerke Minerva R. Max Lippold
printrunDritte Auflage 16. bis 25. Tausend
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081230
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Den Klagen der Verwandtschaft verschloß er sein Ohr und vergrub sich wieder in Kniephofs bukolischem Idyll. Doch der Tod seines Vaters, der bei dessen Rüstigkeit früher erfolgte als anzunehmen, riß ihn aus seiner mühsam gewonnenen Ruhe. Nun steh' ich ganz allein! dachte er. Malwine hat ihren Mann und ihre Kinder, Bernhard steht mir geistig zu fern. Sonderbar, diese Verschiedenheit in der gleichen Familie! Mehr noch als bei uns kleinen Leuten findet man das bei den Großen. Das hat man ja auch bei Napoleon und Friedrich dem Großen, den paar großen Männern, die überhaupt Geschwister hatten. Wie schneit solch ein Genie mitten unter Durchschnittsmenschen hinein, alle vom selben Blut, aus demselben Schoß geboren? An der Astrologie muß doch was Wahres sein, Aspekt der Gestirne oder sonst ein kosmisch-transzendentaler Eingriff erklärt allein dies Rätsel.

Bei Teilung des Erbes mit seinem Bruder behielt er Kniephof und erhielt Schönhausen dazu, wohin er jetzt seinen Wohnsitz verlegte, jedoch oft genug auf sein pommersches Gut zurückkehrte. Der Kreis seiner Standesgenossen in der Altmark stand an Geist und Bildung erheblich höher als in Pommern. Seine Vereinsamung milderte sich daher wenigstens äußerlich. Da er hier nicht wie in Kniephof den wilden Mann spielte, sondern sich umgänglich zeigte, bot man ihm an, ihn zum Deichhauptmann zu wählen. Dies unbezahlte Ehrenamt nahm er um so bereitwilliger an, als dessen Ausübung im Elbedistrikt seinen eignen Besitzstand sicherte, der an das Elbufer grenzte. Er unterzog sich der Aufgabe mit Feuereifer und bestrebte sich, sie treu zu erfüllen, zumal er seinen Vorgänger wegen Pflichtversäumnis anzeigen mußte. Hierdurch kam er mehr mit den Landleuten und verschiedenen Schichten der bürgerlichen und bäuerlichen Bevölkerung zusammen, als dies in Pommern früher geschah. Die soziale Frage dämmerte ihm in besonderen Umrissen, und so schrieb er seiner Schwester, er werde ihren Mann mit Gewalt nach Potsdam entführen, wo »die Gesellschaft für Besserung des Loses der arbeitenden Klassen« am 7. März 1846 einen Verbandstag abhielt. Schon zur Zeit, als sein Vater starb, begannen sich endlich in ihm erotische Triebe zu regen. Auf einem Ball in Ünglingen, dem Gut der Bohlens, traf er eine reizende Jungfrau, in die er sich zu verlieben glaubte. Doch eine Unterhaltung offenbarte ihm, daß ein verlockendes Äußere keineswegs ein schönes Innere verbürge. Nach 24 Stunden war der Rausch verflogen. Was soll mir das! urteilte er, kühl bis ans Herz hinan. Bedarf ich einer Puppe zum Spielen wie kleine Kinder? Das mindeste, was man verlangen kann, ist eine gute Hausfrau. Und seinem Freund Moritz, der ihn wieder heimsuchte, erwiderte er auf dessen Drängen »du mußt heiraten!« mit bedächtiger Ruhe: »Wozu eigentlich? Meine Freiheit fesseln an irgendeine Unbekannte, von deren Seele ich vor der Ehe ja doch nichts erfahre? Ich spiele nie in der Lotterie und sollte hier dem Zufall vertrauen?«

Doch die Natur läßt ihrer nicht spotten, und ein vollsaftiger Mann in noch jungem Alter widerstrebt umsonst dem Zwange des Blutes. Bald merkte er, daß er wohl auf Freiersfüßen gehen müsse und zum Hagestolz verdorben sei. Er fühlte sich einsam und verlassen, das kalte, feuchte Wetter stimmte ihn liebessehnsüchtig. »Ja ja, ich sehe es ein,« gab er kleinlaut zu, als Blanckenburg ihm in Kniephof eine bestimmte Partie vorschlug, »mein Zappeln hilft nichts, ich werde wohl heiraten müssen. Deine Donna macht keinen Eindruck auf mich, doch das nämliche gilt von allen andern Frauenzimmern meiner Bekanntschaft. Ach, mir ist unbegreiflich, wie man immer nur für eine Person besondere Vorliebe und Treue bewahren soll. Glücklich die fürwahr, die ihre Neigung nicht so oft wechseln wie ihre weiße Wäsche – so selten auch letzteres Ereignis bei ihnen vorkommen mag.«

»Schon wieder diese frivole Auffassung vom Stand der heiligen Ehe, diesem Sakrament!« predigte der fromme Blanckenburg. »Wie darf man etwas anderes erwarten, wo hier bei dir auf dem Tische die Gotteslästerungen eines Strauß, Feuerbach, Bruno Bauer herumliegen! O wenn's nach mir ginge, würde ich ein schönes Feuerchen schüren und den ganzen Mist verbrennen wie der teure Gottesmann Luther die Bannbulle!«

»Und die Autoren wohl mit dazu dem Autodafé überantworten?« Otto lächelte spöttisch. »Kennst du denn diese Schriften?«

»Da sei Gott vor! Soll ich meine reinliche Christenseele beflecken? Doch ich weiß von befreundeten Pastoren –«

»Du kennst sie nicht, aber mißbilligst sie. Das ist die wahre christliche Liebe. Nun, laß dir gesagt sein, das sind wirklich zweifelhafte Arzneien, mit Vorsicht zu genießen, und in manchen Fällen gleichen sie Pullen, auf denen ein Kreuz steht mit der Etikette: Achtung, Gift! Diese zersetzenden Kritiker überzeugen auch nur den, der überzeugt sein will, auch sie verlangen eine Art Glauben. Den besitze ich nicht, vor aller Welt bekenne ich meine Schwäche.«

»Er bekennt!« rief Moritz entzückt. »Er legt das Bekenntnis ab, daß ihn der Antichrist nicht verführte. Das ist die erste Stufe zur Läuterung. O laß uns im Gebete ringen!«

»Du übereilst deine Freude«, versetzte Otto gutmütig, gerührt von so viel Freundschaftseifer. »Ich glaube nämlich gar nichts, nicht das eine, nicht das andere. Wenn ich an Christum nicht glaube, warum sollt' ich an Feuerbach glauben? Sein ›Geist des Christentums‹ ist nur des Herren eigener Geist.«

Moritz verstand zwar nicht diese goetheisierende Anspielung, aber ließ sich nicht beirren: »Ich sehe das Samenkorn der Erleuchtung in dir keimen. Bekenne aufrichtig, warst du je glücklich bei deinem Heidentum?«

»Das nicht.« Otto strich sich nachdenklich mit der Hand über die Stirn. »Im Gegenteil, was schlimmer, entdeck' ich in mir viel Unsicherheit und Unklarheit.«

»Herrlich! Die Klarheit ist Gottes Wort. Wer nicht auf die ewige Seligkeit baut, der hat fürwahr auf Sand gebaut. Sprich dich aus ohne Umschweife!«

»Nun ja, warum nicht? Schaden kann es nichts.« Otto lehnte sich zurück und sah sinnend zur Zimmerdecke. »Siehst du, in meiner Knabenzeit bis zur Matura war ich bei Plamann und im Gymnasium stets in Pension, dem Elternhause fern und fremd. Kam ich nach den Schulferien aus Pommern heim und sah in der Ferne die Kirchtürme von Berlin, wo doch meine Mutter wohnte, wurde mir weinerlich zumute und ich wäre am liebsten aus dem Postwagen gesprungen und zurückgelaufen, und wär' es barfuß. Ein Familienleben kannt' ich eigentlich nie, das kann dem Gemütsleben nicht förderlich sein. In religiösem Gefühl waren beide Eltern nicht heimisch. Sie waren sozusagen nackte Deisten, dachten friderizianisch, jeder müsse nach seiner Fasson selig werden, hielten derlei für etwas Untergeordnetes ohne Belang, dagegen für einzig wichtig das Reifen des Verstandes durch positive Kenntnisse. Solche Einseitigkeit verstärkte sich noch während der Studenten- und Referendarzeit. Einfluß christlicher Lehre näherte sich nie meinen Ausschreitungen jugendlicher Tollheit. Mein guter Vater war die Nachsicht selber, und meiner Mutter mißbehagte nur, daß ich meine Berufsstudien nicht emsig betrieb. Sie ließ wohl einfließen, daß mein Fortkommen in Hand einer höheren Führung liege, doch griff sie in Fortbildung meines Charakters nicht ein.«

»Wie stand es um das Gebet? Das hat man dich doch in einem christlichen Hause als Kind gelehrt?«

»Das gab ich schon als Konfirmand auf. Zu beten, widerspricht der Allmacht und Allwissenheit der Gottheit. Der Allgegenwärtige produziert ja alles selbst als Inbegriff des Seins, also auch mein Gebet, es hätte keinen Sinn, wenn er durch einen Menschen zu sich selber betet. Das ist der pantheistische Standpunkt. Der deistische aber ist: mein Bitten für mich ist eine vermessene Dreistigkeit, denn ich bekunde so einen Willen außerhalb des göttlichen, unabhängig von seinem unabänderlichen Ratschluß, dessen vollkommene Weisheit ich also bezweifle. Wenn alles vorbestimmt nach Gottes Willen, ist das Gebet nur Auflehnung wider Gott.«

»Dieses ist die verderbliche Prädestinationslehre der alten Kalvinisten,« dozierte Blanckenburg wichtig, »längst von der gereinigten Kirche verworfen. Irrtümliche Auffassung des Gebets! Du sollst nicht bitten um Geld und Gut, um Ochsen und Rinder, um alles, was dein ist, sondern um die Gnade Gottes, auf daß das Himmelreich auf dich herniederkomme. Denn siehe –«

»Verschone mich, lieber Moritz!« unterbrach Otto ruhig. »Ich weiß das alles. Das wahre Gebet, wie ich es heut verstehe, verwerfe ich keineswegs, nur ich selber kann es mir nicht abringen. Vielleicht hätte ich das Bedürfnis, doch sicher nicht die Fähigkeit.«

»Das Beten will erlernt sein«, stimmte Moritz bei. »Doch du verkündigst mir große Freude durch das Bekenntnis, daß du ein Bedürfnis spürst.«

»Vielleicht, sagte ich. Ich machte nie ein Hehl daraus, daß ich schon lange und seit früher Zeit an innerer Leere und allgemeinem Überdruß leide.«

»Unvermeidlich bei solchem Dichten und Trachten!« flocht Blanckenburg ein.

»Das sagst du. Doch die große Mehrzahl der Menschen fühlt sich ganz kannibalisch wohl, gleichwie 500 Säue. Und viele Moderne geben sich gern zufrieden mit dem Verzicht auf transzendentale Möglichkeiten.«

»Brauch' nicht so gelehrte Ausdrücke!« maulte der Fromme verdrießlich. »Ich bin ein schlichter Mann und nicht gewöhnt an Spitzfindigkeiten heidnischer Schriftgelehrten. Nahmst du nie die Bibel vor, deine Irrwege zu beleuchten?«

»Nie. Wohl aber Plotinus, Lucrez, Plato, Demokrit, überhaupt die Philosophen des Altertums. Da fand ich Atheismus und Materialismus oder richtiger Mechanismus, bei Plato freilich entgegengesetzten Idealismus, für mich zu subtil und zwischen den Fingern zerflatternd. Die ewigen Ideen – ja ja, das mag schon recht sein, doch man fröstelt dabei und das verlangende Gemüt gewinnt nichts. Dann kam Hegel an die Reihe, den wir in Berlin als unser Eigen schätzen, sozusagen den königlich preußischen Modephilosophen. Ganz verstanden hab' ich ihn nicht, das fällt wohl seinen glühendsten Anhängern schwer, und ob er seine Phänomenologie selber ganz verstand, ist sein Geheimnis. Es liegt ein tiefer Sinn in diesem nicht kindischen Spiele und Stile, sofern ein Unbedeutender wie ich da mitreden darf. Denn daß alles Vorhandene und Geschehende an und für sich natürlich und kausal, daher vernünftig sei, daß die Realität eine göttliche Offenbarung sei, dem pflichte ich bei. Es ist logisch, daß man daraus Rechtfertigung des historisch Gewordenen herleitet, also Hegel zum konservativen Hofphilosophen ernannte. Die Sache hat nur einen Haken. Dann sind eben auch alle Hexen- und Ketzerverbrennungen löblich, natürlich, vortrefflich, erst recht die Greuel der französischen Revolution. Hegel verehrte ja Napoleon als sichtbarstes Phänomen, als Offenbarung des Weltgeistes.«

»Infame Blasphemie!« murrte der Fromme. »Und solche Ungeheuerlichkeiten preisen die Liberalen am Hofe! Da muß Wandel geschafft werden. Mein Freund, der Generalsuperintendent –«

»Der Korse«, fuhr Bismarck tiefsinnend fort, ohne auf das Geschwätz zu achten, »war insofern Hegels Eideshelfer, als er stets von seiner Mission sprach und sich den Mann des Schicksals nannte, auch von seinem Stern fabelte wie Wallenstein. Das war wohl etwas Pose des Selbstgefühls, doch zutiefst ehrliches Empfinden, und was ein so Großer fühlt und glaubt, darf unsereins nicht von der Hand weisen. Nun wohl, sein Schicksal ließ doch zu, daß er schmählich unterlag, obschon viel von seinem Streben vernünftig und berechtigt gewesen sein mag. Wo blieb nun der Weltgeist, der ihm die Mission gab?«

»Was, jetzt glorifizierst du gar den verruchten Bonaparte?« Moritz sprang empört auf. »Diese eingefleischte Revolution, diesen Parvenü, der ehrwürdige Dynastien von Gottes Gnaden in den Staub warf!«

»Das hat ihm Gott offenbar verziehen«, bemerkte Otto boshaft, »denn solange er bloß mit den Fürsten zu tun hatte, ging alles gut und erst schief, als er die Völker gegen sich aufbrachte. Die waren eben auch verdammt real, also vernünftig. Und da sie siegten, müssen sie wohl vernünftiger gewesen sein als er. Woraus zu folgern: Erstens, daß selbst der Größte seine Mission nur leihweise und auf Kündigung erhält und verworfen wird, sobald er sie erfüllte. Zweitens, daß Nationalität von Rasse und Sprache die stärkste Realität ist und das Natürlichste, Vernünftigste gegenüber der kosmopolitischen Duselei. Die Deutschen dürfen also nicht eher ruhen, bis sie ihre Nationalität fest und einig begründet haben.« Er sah ins Leere mit dem seltsamen Blick seiner wasserblauen Augen unter weißblonden buschigen Brauen, der seinem derben straffen Gesicht manchmal etwas Mystisch-Unheimliches gab.

»Was sollen hier historische Diskurse!« Moritz setzte sich wieder mit ärgerlichem Stirnrunzeln. »Also Hegels Sophismen hatten dich gefangen?«

»Warum nicht gar!« Otto schaute um sich, als ob er aus einem Traum erwache, er war in ganz andern Welten von Ahnungen gewesen. »Diese Pragmatik ist auch nur Mechanik und sagt mir nichts über mein persönliches Verhältnis zur Ewigkeit. Ich bin nicht Napoleon, sondern ein kleiner Mann. Diese Philosophen wandeln wie Könige immer auf der Menschheit Höhen und verlieren jeden Kontakt mit der wahren menschlichen Bedürftigkeit. Also Napoleon hat das Recht, als irdischer Vizekönig der Gottheit Millionen Menschlein wie mich abzuschlachten? Ich danke ergebenst. Kausal mag das sein, vernünftig find' ich es nicht. Jedes Tierchen hat sein Pläsierchen, und jeder Sterbliche, den seine Mutter mit Schmerzen gebar, hat das gleiche Lebensrecht wie der Sohn der Bäuerin Lätitia. Genie hin, Genie her! Es gibt sittliche Verbindlichkeiten, bei der Geburt uns eingeschrieben. Soll ich denn meines Bruders Hüter sein? fragte Kain. Doch der Engel des Herrn sollte ihm antworten: Du weißt, daß du es sollst, du Brudermörder. Deshalb sagt Kant sehr treffend, es gebe zwei Beweise für die Existenz Gottes: der Sternenhimmel über mir und das Sittengesetz in mir.«

»Und das Blut unseres Herrn Jesu Christi! Nun, Kant war sicher ein edler, obschon von der Heilswahrheit entfremdeter Geist. Deshalb schuf er auch den kategorischen Imperativ, jedem Preußen so teuer. Selbst der scheußliche Pantheist Fichte hatte ja lichte Augenblicke, wo er patriotisch den ›Aufruf an Mein Volk‹ unseres Heldenkönigs unterstützte.«

»Du meinst wahrscheinlich die Reben an die deutsche Nation!« Otto lächelte, es war ein unangenehmes Lächeln. »Ja gewiß war Fichte ein großdeutscher Patriot, aber man sollte von Regierungswegen sich nicht auf ihn berufen. Er war, rundheraus gesagt, Republikaner, Fürsten- und Adelshasser, und es lächert mich, wenn ich ihn von Leuten zitieren höre, die ihn nie gelesen haben. Und Kant – ja, er war Preuße, sein Imperativ preußisch, aber nicht in dem Sinne, wie Ahnungslose ihn unnützlich im Munde führen. Mit Friedrich Wilhelm dem Dicken stand er sich schlecht, und die französische Revolution begrüßte er mit Freudentränen.«

»Ach, so lassen wir doch diese elenden Heiden und Spötter!« rief Moritz erbost. »Freut mich, daß sie alle nichts taugten und ehrenwerte Staatsmenschen fälschlich Blumen um diese Schlangen winden. Komm zum Thema zurück, zur Erzählung deines traurigen Umgangs mit verkehrten Sophisten!«

»Ich kam also zu Spinoza. Der beruhigte mich anfangs durch scheinbare Klarheit, eine Art höherer Mathematik. Lessing, ein tüchtiger Geist, der auch was Preußisches hat, was mich anzieht, und Goethe schworen ja auf ihn. Aber die rechte Beruhigung für alles Unfaßliche fand ich bei ihm nicht. Ebensowenig bei den modernsten Freigeistern. Sackgassen und Verstandeszirkel sind keine Erkenntnis. Und in der pommerschen Wildnis, getrennt von jedem geistigen Verkehr, sagte mir eine innere Stimme wie ein Wüstenprediger der Einsamkeit, daß vieles unrecht sei, was ich für erlaubt hielt. Indessen –«

»In unserm Pommern, über das dein geistiger Hochmut sich erhebt, findest du manchen, der dich an sittlicher Reife turmhoch überragt.« Blanckenburg nahm einen hohen Ton an, sein wenig ausdrucksvolles Gesicht belebte sich, die Wärme seiner Überzeugung brachte seinen kreuzbraven Charakter zur Geltung. »Wir alle haben unser Kreuz zu tragen, aber wer es mit Anstand und Würde trägt, der ist der Vornehmste, nicht der selbstgerechte Pharisäer des Eigendünkels.«

Otto sah ihn ernst an. »So gefällst du mir. Du bist ein wahrer Freund. Doch du überredest mich nicht, daß der Herr der Welt sich um unser sittliches Verhalten kümmert. Es ist bloß menschliche Überhebung zu wähnen, der Schöpfer tue uns seine Gebote kund. Das Gewissen mag man als Fühler ausstrecken, doch jedes Gewissen ist verschieden je nach der sonstigen Anlage. Es gibt so robuste Gewissen, daß sie alle zehn Gebote übertreten und sich nichts daraus machen. Die Bibel sagt, Eva habe vom Baum der Erkenntnis gegessen, und das sei nicht der Baum des Lebens. Das ist aber Mythe auch im symbolischen Sinne, denn Erkenntnis liegt überhaupt außer jedem Bereich des Menschen.«

»Dafür tritt die göttliche Offenbarung der Evangelien ein«, rief der Fromme mit rührender Begeisterung. »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen; hast du Herzensfrieden bei deiner trostlosen Ansicht? Fand ich dich nicht oft niedergeschlagen und melancholisch? Warum, da dir doch sonst nichts fehlt?«

»Nichts als ein zweckloses Dasein«, gestand Otto düster. »Was ist man denn? Ein bißchen aufgewirbelter Staub unter dem Wagen der Schöpfung, der unablässig weiterrollt.«

»Ich will jetzt nicht mit dir streiten, denn ich schöpfe gute Hoffnung, weil du deinen eigenen verzweifelten Seelenzustand nicht leugnest. Fährst du das nächste mal von Kniephof in die Nachbarschaft, dann mußt du in andere Kreise kommen als die, wo du bisher verkehrtest. Ich führe dich bei Thadden-Trieglaff ein, bei Puttkamers auf Reinfeld und anderen guten Häusern. Da wirst du Christen finden, die nach Gottes Wort leben, an denen du Stab und Stütze finden sollst.«

»Ach, das sind ja Pietisten!«

»Warum nicht gar! Bei uns herrschen Fröhlichkeit und Herzlichkeit, Wohlwollen und Menschenliebe.«

»Also gut, führe mich hin, und Gott sei mir armem Sünder gnädig!« –

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