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Bis zum Tode getreu

Felix Dahn: Bis zum Tode getreu - Kapitel 7
Quellenangabe
authorFelix Dahn
booktitleFelix Dahn. Neue wohlfeile Gesamtausgabe. Zweite Serie. Band 2
titleBis zum Tode getreu
publisherBreitkopf und Härtel
printrun21. bis 30. Tausend
yearo.J.
firstpub1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161205
projectid45c3a429
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Sechstes Buch.

*

 

Erstes Kapitel.

Wenige Tage darauf saß in dem Welandshof Graf Francio gegen Abend wieder an dem Tische, der mit Urkunden überdeckt war; er las bei dem Scheine der römischen Ampel; er war allein: vergebens hatte nach jenem Mordanfall der Seniskalk gefordert, daß immer Bewaffnete in der Halle selbst weilen sollten: nur den Laden ließ der Graf fest schließen und vor der Hallentüre durfte ein Krieger wachen.

Das Ergebnis seiner Lesung schien den Alten wenig zu befriedigen. Das mächtige Haupt leise schüttelnd, warf er eines der Pergamente auf den Tisch, stützte den Kopf auf die linke Hand und sah träumend, brütend vor sich hin in das Feuer, das von dem offenen Herd aus eine wohlige Wärme verbreitete.

Immer tiefer furchten sich die Falten auf der gewaltigen Stirn, immer unzufriedener blickten die halbgeschlossenen Augen.

»Herr, Herr,« sprach er zuletzt halblaut vor sich hin, »warum prüfst du deinen treuen Vogt auf Erden gar so schwer? So unaufhörlich? Könntest doch jetzt nachgerade wissen, wie ernst es ihm ist mit deinem Dienste! Wenn alles, was ich sorgfältig – in langen wachen Nächten, – aussinne zum Heile des armen Volkes, wieder von den schurkischen Amtleuten mißbraucht wird, die Bedrängten vollends in den Staub zu treten, wenn die Arznei so zum Gifte wird, – dann, lieber Christus, ist das doch recht hart von dir gegen deinen Kämpfer, der allüberall auf Erden deine Sache führen will, daß du all' das so hingehen lässest. Tust du's nur, meine Geduld zu prüfen, dann, lieber Herr, dann mach' bald ein Ende der Prüfung: – sonst bestehe ich sie nicht.

Wie hetzest du mich umher in deinem Dienst! Kaum vom Ebro heimgekehrt, jagst du mich bis an die Theiß, und von dem Tiber schickst du mich spornstreichs über die Elbe hierher an die Eider. Und keine Nachricht – immer noch nicht! – von Benevent, von Spanien, den Awaren, von Byzanz zumal. Bedenke doch, lieber Herr, ich bin alt: – ich werde müde. Du hast mit dreiunddreißig Jahr schon genug daran gehabt, die Erde zu treten. Und ich bin mehr als doppelt so alt geworden in deinem schweren Dienst. Und wenn doch so manches mißlingt, – verdrüssig möcht' ich werden! Ach wenn ich doch nur lesen könnte in den Herzen meiner Völker, ob sie's denn wirklich auch ein wenig mir danken, ob sie's ahnen, wie ich für sie mich mühe und keine Ruhe mir gönne nachts und tags ...? Auch die Sachsen – wohl hab' ich sie lange quälen müssen – aber der Herr Christus hat mir's befohlen, zu ihrem Heile: ob die das gar nicht ein wenig einsehen? Ob sie nur dem Besieger fluchen, nicht auch dem väterlichen Beschirmer des Rechtes danken? Auf die Schmeichelberichte dieser falschen Grafen geb' ich noch weniger als auf die Lobverse meiner Hofdichter! Wie soll ich nun hinter die Wahrheit kommen? Ach manchmal werd' ich todmüde, und ich meine, all' meine Lebensarbeit war umsonst!« –

Und er stöhnte und schloß verdüstert die Augen.

So nahm er nicht wahr, wie die Hallentür geöffnet ward; – freilich auch nur ein ganz klein wenig: – das genügte, eine gar schlanke, feine Gestalt durchschlüpfen zu lassen, die nun leise, leise mit den kleinen Füßen über den Estrich hin zu dem Alten glitt, unhörbar vor ihm auf beide Kniee niedersank und jetzt anhob, mit beiden linden Händen ganz sanft und zärtlich den schönen langen blütenweißen Bart zu streicheln, der ihm bis auf den Gurt herniederfloß.

Nun sah er auf: über sein Antlitz zog ein heller Schimmer, die Düsterkeit, sie war hinweg: »Du bist's, Kleine? Du Sonnenstrählchen! Was willst du?«

»Nur bei Euch sein. – Darf ich?« – »Gern. Aber was willst du bei mir?« – »Euch anschauen. In Euer großes liebes Gesicht. Das ist so viel gut ansehen. Und dann ...« – »Was dann?« – »Ich komme wohl auch von selbst gern zu dir; auch schon vorher. Aber doch! Ich hätte es nicht gewagt, so oft. Denn du bist zwar sehr, sehr gut, Herr Graf: aber doch auch sehr erschrecklich.« »So?« sprach der Alte und wollte das Mädchen auf seine Kniee heben. Sie errötete aber und schmiegte sich nur an seine Seite. »Erschrecklich bin ich?«

»Ja,« fuhr sie fort, ganz zutraulich in dem weißen Barte wühlend, »und ein klein wenig zornig wirst du doch recht oft.« – »So?« – »Ja, ja. Und Herr Audulf sagte, wenn du ganz zornig bist, dann fahre dir Feuer aus den Augen und niemand könne dann deinen Blick aushalten. ›Aber,‹ – hat er gesagt – ›du, Kleine, gehe du nur oft zu ihm, wann ich fortgezogen bin‹ – hat er gesagt, – ›und wann er die tiefen Furchen macht zwischen den Brauen. Denn er hat sehr viele schwere Gedanken, der Graf Francio. Aber dich‹ – hat er gesagt – ›dich hat er gern um sich, etwa wie du dein Rotkehlchen, das auch im Winter singt‹ – (Hörst du es? Da singt es! – Beim Licht des Kienspans draußen!) Und wie die Mutter meinte, ihr sei das wohl ganz recht, aber wie das doch käme, daß der gestrenge Herr Graf an solch jungem Ding Gefallen finde? Da sagte Herr Audulf: wegen ihrer! – Wegen Frau Hildigard. Das war nämlich seine Frau, wie er noch jung war. Und die hat er geliebt, – mehr als die ganze Welt.«

»Ja,« sprach der Alte langsam vor sich hin, »das war seine Frau, wie er noch jung war. Und die hat er geliebt, mehr als die ganze Welt.«

»›Und‹, fuhr Herr Audulf fort, ›wie zuerst das Mädchen über die Schwelle trat, da rief der Alte‹ – so sagte nämlich der Seniskalk, – Ihr müßt's nicht übelnehmen!« – »Ich nehm's nicht übel. Sie nennen mich so – schon lange! – von Benevent bis Sliesthorp.« – »›Das Mädchen ruft mir Frau Hildigard zurück. Hildigard war etwa so alt, als sie mein ward; das Kind soll recht viel um mich sein.‹« »Sie war dreizehn Jahre, und mit vierundzwanzig hab' ich sie schon begraben,« sprach der Alte schwermütig vor sich hin, mehr zu sich selbst, als zu der Kleinen. »Und vor dem Abreiten wies mir Herr Audulf einen Spalt in der Tür und befahl mir, da solle ich, wann Ihr lange Zeit allein hier säßt, hereingucken. Und wenn Ihr die tiefen Furchen zöget, dann solle ich keck hereinkommen und Euch was erzählen. Und so tat ich auch heute, jetzt. Aber erzählen? Ich weiß nichts. Außer: wie wir lebten in der Höhle.«

»Arme Leute! – Warte nur, Graf Hardrad!«

»Und vorher, wie wir lebten in unserm lieben Hof. – Und von Fidus. – Aber das wußtest du meist schon. – Und von Hauswart. Den hast du leider nicht gekannt. Und von Heimo –, dem Guten. Und von dessen vielen Geschichten von der Waldfrau und ...« – »So, so! Da weißt du wohl auch von dem übeln Woden und Donar und ... –«

Da hob die Kleine ernsthaft den Zeigefinger und sprach: »Du! – ›Absag' ich Woden und Donar und‹ – kennst du den Spruch denn nicht?« »Doch, doch!« sagte der Alte, ganz beschämt. »Dann weißt du auch, daß man von denen nicht mehr reden darf. – Herr Karl hat's verboten.« – »Bah! Der ist ja fern in seinem Aachen. Der hört es nicht.« – »Du, da bist du aber irre! – Erstens, sagt Fidus, muß man das Unrecht meiden, auch wo es niemand sähe: denn Gott der Herr und mein schöner Herr Schutzengel« – sie errötete über und über – dann fuhr sie fort – »der sieht es doch. Hast du das nicht gelernt?« »Ja doch, ja!« Recht kleinlaut sprach das der Versucher. »Und zweitens –: weißt du denn nicht, daß Gott seinem lieben Freunde, Herrn Karl, gar vieles zeigt, was gegen Herrn Karls Recht geschieht in allen seinen Landen?« – »So? – Nein! – Davon weiß ich leider gar nichts!« – »Nicht? Nun, so kann ich dir davon erzählen; überhaupt von Herrn Karl.« – »Wer aber erzählte dir von ihm?«

»Fidus und der Vater und Heimo, die haben ihn gesehen. Und die Mutter. Und Er ... ich meine, mein Herr Freund! Und jeder Gast, der über die Furt wollte und von Mittag kam.« – »Haben die ihn alle gesehen?« – »Wie du doch seltsam fragen kannst! Nein! Aber gehört von ihm haben sie doch. Und einer sagt es immer dem andern. In den Hallen und Höfen, an dem Herdfeuer, die langen Winternächte über reden die Leute sehr viel von Herrn Karl. Fast von nichts anderm, seit sie von den Heidengöttern nicht mehr reden dürfen.« – »Sie schelten wohl auf ihn?« Wieder hob das Mädchen warnend den Zeigefinger, diesmal noch höher, strenger: »Aber! – Herrn Karl schelten! – Die Bösen freilich, die Grafen« – »Die Grafen! – Das sind also die Bösen?« – »Ja, natürlich: meistens, sagt der Vater.« »Ist ja recht tröstlich,« meinte der Alte und nickte grimmig. – »Aber alle Guten, die Bauern, die Nachbarn, die Freien wie der Vater – die haben ja – oft sagt es der Vater – nichts zum Schutz als das Schwert an der Seite, den Himmelsherrn da droben und: – Herrn Karl zu Aachen. O, was war es mir für ein Trost in all' unserm Elend zu wissen, daß Herr Karl und sein Recht auf Erden leben.« – »Herzlich wenig halfen euch beide. Verhungert und erfroren wäret ihr nahezu, wenn nicht ... –« – »Herrn Karls Sendbote des Wegs gekommen wäre. Die sendet Herr Karl: – wie er nämlich meint. – Aber in Wahrheit sendet sie Gott, der auch den Herrn Karl auf die Erde gesandt hat, – als seinen großen Sendboten.« – »Woher weißt du das?« – »Ei, das wissen doch schon die Kinder bei uns: Gott der Herr hat Herrn Karl zum König gemacht, zum Heil aller Armen und Schwachen. Die Sänger singen's überall in den Hallen und Höfen!«

Da drückte der Alte einen leisen Kuß auf des Mädchens blondes Haar, so leicht, die Kleine merkte es gar nicht, sondern fuhr gar eifrig fort.

»Jawohl! Und weißt du denn nicht, daß manchmal Gott der Herr seine Engel aussendet in Menschengestalt, die dann als Herrn Karls Sendboten umgehen? Wer weiß, ob nicht auch in meinem Retter ...? Sie errötete und brach rasch ab. »Aber jenes Vögelein, das mich retten half, das hat mir –,« nun lachte sie, »darf ich dir was vertrauen? – Sagst du's, lieber Herr, auch nicht Herrn Karl?« und schmeichelnd strich sie seine Wange. »Von mir erfährt er's gewiß nicht,« beteuerte der Alte. »Nun, dann höre: Volkbert sagt, die Rotkehlchen sind Herrn Donars Sendboten. Und so schulde ich – sagte er – dem rotbärtigen Donnerkönig ein Dankopfer von roten Ebereschen, sobald sie wieder reifen. Sonst wird er mich mit dem Blitz erschlagen. Aber ich fürchte ihn nicht, den Heidengott. Denn mich schützt Christus der Herr und mein Schutzengel oder auch – mein Freund!« In schöner Begeisterung leuchtete das blaue Auge des Mädchens auf. Der Alte strich ihr über das edel gebildete Haupt. »Amen! Aber den bösen Buben, den Volkbert, an den Ohren zu schütteln, dazu wird wohl auch noch Rat werden. Amen.« – »Schilt ihn nicht! – Er hat all' das von Heimo. Und Heimo war sehr gut. – Wann kommt endlich der Vater? Und Volkbert? Und Er ... mein lieber, guter Freund?« – »Wann sie ihre Geschäfte erledigt haben. Der Bischof schrieb mir, als er deine Mutter und dich hierher sandte, er habe deinen Vater sich als Wegführer in all' die Einzelhöfe des Nordgaues erbeten.« – »Und Volkbert wollte dabei sein.« – »Also der tote Heimo erzählte soviel von den Heidengötzen? Gut, daß er tot ist. Und der Vater und die Mutter – von was erzählten die?« – »Am liebsten von Herrn Karl.« – »Muß langweilig werden.« – »Du! Das sag' nicht! Von seinen Kriegsfahrten. Und, was ich viel lieber höre, wie er weise ist und gerecht.« »Wer weiß, ob alles wahr ist,« meinte der Alte; aber er schmunzelte doch. »Aber doch gewiß! Und ach, wie gut war es, daß mir die Mutter soviel von seinem Recht erzählt hatte. Das gab mir Kraft, auszuhalten in unserm argen Elend.« – »Wie meinst du das, Kind?« – »So. Ich sagte mir: soviel wert bin ich doch wohl auch wie eine Blindschleiche. Kennst du die Art von Tierlein? Sind gar gutartig. Mußt dich nicht vor ihnen fürchten, weil sie kriechen wie die Giftnattern.« »Ich? Ich ... ich fürchte mich nicht gar so leicht,« lachte der Alte. »Aber was willst du mit der Blindschleiche?« – »Nun ja! Das ist ja die schöne Geschichte, die wahrhaftige, von Herrn Karls Recht. Gib fein acht, dann erzähl« ich sie dir. – Nein, nicht zugleich in die langen Rollen sehen! Nur auf mich mußt du achten. Sonst passest du nicht recht auf.« Gehorsam legte der Alte die aufgenommene Urkunde wieder auf den Tisch. »Und vor allem: sonst wirst du wieder grämlich, wie du aussahst – so düster! – als ich eintrat. Jetzt siehst du schon viel freundlicher. Also, gib acht! Nun kommt's. – Der Herr Karl ist der beste Herr König, der je gewaltet hat auf dem Erdreiche.« »Schwerlich,« zweifelte der Alte, das gewaltige Haupt hin und her wiegend. »Aber wenn ich dir's doch sage! Du darfst mir nicht immer in die Rede fallen! – Und er hat Christus dem Herrn gelobet, da der ihm zu Romaburg die Krone aufs Haupt hernieder schweben ließ durch seinen Engel ... –« – »Es war aber doch Papst Leo und ... –« – »Still doch! Da hat er gelobet, das Recht zu schirmen allüberall in seinen weiten Reichen, auch des geringsten Geschöpfes, wider Gewalt und Unrecht immerdar. Und Brot und Becher, Fleisch und Fisch zu lassen und Rast und Ruhe im lieben Lager, im breiten Bett, wann sie am wohligsten wäre, – du merkst es wohl: ein Sänger hat den Sang der Mutter vorgesprochen! – ob irgend ein Armer ein Unrecht klagte beim König.

Und am herrlichen Haus in dem alten Aachen ließ er seit langem eine gleißende goldne Glocke hangen zu Häupten der Pforte der Pfalz, ob den steinernen Stufen.

Und schwur den schweren Schwur vor dem Volke der Franken: ›Wer immer ein Weh, ein arg übel Unrecht leide im Lande, wie arm auch und elend, wer irgend atme in Karls Königtum, der solle, selber oder durch bittende Boten, ziehen ohne Zagen am straffen Strange der goldenen Glocke! Und wann immer den weckenden Wehruf die Mahnerin melde: – bei steigenden Sternen, bei sinkender Sonne, in fröhlicher Frühe, in nebelnder Nacht, – stets wolle der starke Rächer und Richter, des Rechtes Ratrüster, lassen vom Lesen, lassen vom Lager, vom wonnigen Wein, von der seligen Seite der milden Gemahlin, und eilen vor allem, mit Hilfe zu helfen dem kleinsten Kläger, der da klingen lasse das leiseste Läuten der gleißenden Glocke.‹

Saßen selbander selig im Saale bei flammenden Fackeln, bei wonnigem Weine Karl der König und die herrlichen Helden: Roland der Recke ...« »Das ist dann lange her,« seufzte der Alte.

»Und Audulf der Edle und Gerold der Gute und alle die andern im goldnen Gemach. Sangen da süß in welschen Weisen Priester des Papstes. Horch da, hell hallend klang ein Klingen von der Pforte der Pfalz, von der Treppe ein Tönen. Und ein Edeling eilte hinaus aus der Halle, zu sehn und zu suchen.

Aber er fand nicht Freund, nicht Fremden.

Und lautere Lieder sangen die Sänger: doch horch: man hörte aufs neue durch die Nacht klingen die Klänge.

Da hastet ein Herzog hinaus aus der Halle, zu bringen den beharrlichen Bitter. Aber Mann nicht merkt er, Weib nicht gewahrt er: leer wie die Luft ist rings der Raum vor der Pforte der Pfalz, der treuen Türe.

Und lauter lärmten die lustigen Lieder, die Freuden des Festes, hallten die hellen Harfen, hohe Hörner hoben die Helden – es rauschte die Rede – horch: da hörte zum dritten dröhnen Karl der Kundige die goldene Glocke: mächtig mahnend, all' übertönend das laute Gelage. In der Hand hielt der Held den bildreichen Becher, das schöne Geschenk der reichen Römer. Durst ihn drängte, der Männer mäßigsten: denn dreimal nur darf, nach gelobtem Gelübde, täglich trinken der Treue: so hat in jungen Jahren der Edle geeidet, seit selber er sah, wie ein redlicher Richter, sonst wacker und weise, der Pflicht nicht pflag und, vom Weine bewältigt, nicht dachte des Dings.«

»Das ist wahr. – Mich wundert, daß man's weiß.«

»Noch nicht letzte er die lechzende Lippe mit erstem Antrunk: – müd' war der Mächtige! Gerade gekommen aus spanischen Speeren, aus Haufen der Heiden, von dem Staube der Straße –! Horch, da hörte er laut durch das Lärmen wieder den Wehruf des klingenden, klagenden Klangs.

Auf sprang der Edle, den bereiten Becher, den schäumenden, schob er, die liebe Labe, von lechzender Lippe und ging, der Gute, sonder Saumsal, er selber, zu sehen. Fand er da forschend, bei flammender Fackel nahe sich neigend: – denn sorglicher suchte er selber als der erste, der Edling, und der hurtige Herzog, – um den straffen Strang der Glocke geschlungen ein weniges Wichtlein, einen winzigen Wurm, die blinde Blindschleiche. Als die Harrende hörte, die Harmvolle, Herrn Karls des Königs staunende Stimme – er rief: ›zu richten ruft und zu rächen, mir trauend, ein Tier?‹ da glitt von der Glocke die Glatte und schlich gar schleunig, – doch oft abwartend, ob der Fürst ihr folge, – herab von der Halle, von den stolzen Stufen, durch staubige Straßen, durch das türmende Tor hinaus in die Heide, oft haltend und horchend, ob fürder ihr folge der rettende Richter. Der folgte mit flammender Fackel allein ihr und ohne die andern. Endlich aber weilte der Wurm vor Gestrüpp und Gestein und dichtem Gedörn.

Da schaute der Schirmer des Rechts, der Richter, wie ins niedliche Nest des wehrlosen Wurmes schlimme Schlange, neidige Natter, üble Otter, giftgeschwollene, mit Gewalt sich gewälzt, verdrängend, verdräuend des Hauses Herrin, die alte Eignerin, die schlichte Schleiche. Und zornig züngelte gegen den schimmernden Schein der flammenden Fackel, gegen den guten Gewährer rettenden Rechts, die nächtige Natter, der Neiding: wie alles Untier auf Erden böse sich bäumet gegen den guten Karl, den Kaiser. Heia, nun hob er, der hohe Held, der herrliche Herrscher, das schwingende Schwert und mit hurtigem Hiebe schlug er der Schlange häßliches Haupt. Dankbar drängte des Hauses Herrin, die ihr Recht nun richtig errungen, an die Füße des Fürsten, mit den Lippen sie leckend. Aber der Edle hob sie mit Händen, sänftlich, er selber, in Haus und in Heimat und wirkte ihr weihend, wie ein rechter Richter, feierlich Friede. Aber von oben, hoch von dem Himmel, schoß mit Schimmern ein strahlender Stern auf das Haupt des Herrschers: seinen Segen sandte Gott der Gerechte Karl dem Kaiser, der auch winzigem Wurm ein Rächer des Rechts!«

Das Mädchen war von dem Knie des Alten hinweggetreten im Eifer der Rede: nun stand es vor ihm, seiner Gegenwart kaum bewußt, die großen lichten Augen weit geöffnet und nach oben gerichtet, auch beide Hände erhoben. Wie verzückt stand sie da.

Der Alte sah sie schweigend an: es zuckte ihm über die Augen hin: aber er faßte sich zusammen. Endlich sprach er: »Und – glaubst du das, Kind?«

»Gewiß und wahrhaftig.«

»Ein blöder Wurm! Es wäre ein Wunder.«

»Gewiß! Der Himmelsherr tut aber Wunder alle Tage, seit er die Welt geschaffen hat, sein größtes Wunder, sagt Fidus. Warum soll er nicht auch Wunder tun für ein arm hilflos Tierlein? Mir aber ward in meiner allergrößten Not – im Walde, im Schnee – diese Geschichte zur Rettung. Ich sagte sie mir oft und oft, wann ich verzagen wollte in dem Elend der Höhle, und zuletzt im dichten, dicht fallenden Schnee. ›Vorwärts, Lindmuth,‹ sprach ich zu mir selber, ›im Himmel waltet Gott der Herr und auf Erden Herr Karl. Gott hat durch Herrn Karl das arme kriechende Tierlein gerettet. Er wird auch dich erretten durch Herrn Karl.‹ Und in Gedanken zog ich an der goldenen Glocke: – ihr leises, leises Klingen war das letzte, was ich im sausenden Ohre hörte, als ich einschlief im Schnee. Und als ich erwachte: nun? Da stand Er, vor mir –, mein Freund, ein Bote Gottes und des Kaisers.« – »Du seltsam Kind!« – »Seltsam? Gar nicht. Herr Karl, er ist des Volkes Hort, der Armen Schild. So sagen in unserm Lande alle guten Menschen, die ich kenne. Und keine Nacht dürft ich einschlafen – so hat die Mutter, hat sogar der Vater mich gelehrt – bis ich die Hände nochmal frisch gefaltet und zu Gott gebetet hatte für Herrn Karl, des Rechtes und der Schwachen Hort. Aber, was hast du? – Du, du siehst jetzt so seltsam. Ernsthaft! Und doch freudig?«

»Ein Sachsenkind! – Ich danke Gott,« sprach der Alte und küßte das Mädchen auf die weiße Stirn, »daß er mir dich gesandt hat und diese Stunde.« Sie machte sich leise los und sah zu ihm empor – ein wenig listig. »Herr Graf, Ihr habt mir oft gesagt in diesen Tagen: Ihr habt mich lieb.« – »Und ist die Wahrheit, holdes Kind.« – »Wohl. Ich hab' Euch auch lieb, nicht wie – aber doch auch. Also. Nun, da wir so gut miteinander sind, – nun müßt Ihr mir auch helfen.«

»Gern! Worin? Wobei?« Sie sah sich scheu um, man hörte Muthgard fern im Hause schaffen und walten. »Bei der Mutter. Sie hat zwei schwere Stücke auf dem Herzen. Das eine weiß ich nicht, aber das andre weiß ich.« – »Nun, was ist das andre?« »Mein Freund. Sie schieden in Unfrieden: – weshalb, das ahn' ich nicht. Aber es drückt sie: sie war wohl ungut gegen ihn. Und es dreht sich ein klein wenig ihr Herz herum. Ich habe bereits viel daran geschoben,« lachte sie schlau. »Sie hatte mir verboten, für ihn zu beten, wie ich das doch getan jahrelang bevor –« – »So? Was heißt bevor?« – »Nun eben, bevor ... ich ihn ... gesehen und er mich. Da bete ich nun bald zehn Jahre für ihn jeden Abend. Und nun, da ich ihn mir glücklich herbeigebetet habe und er mir hilft und ist so gut und so viel schön ... –«

»So?«

»Jawohl! Findet Ihr das denn nicht? Schon wie ich aus dem Schnee zu ihm emporsah, erschrak ich fast, so schön war er – obzwar so traurig. Und seitdem hab' ich ihn so lieb – gleich nach den Eltern und Volkbert. Heimo hatt' ich auch recht lieb, und Fidus ist mir so wert. Aber ihn – ganz anders! Muß immer an ihn denken. Ist ja auch meine Pflicht, Dankespflicht – nicht wahr? Ich muß ihn lieb haben! Nicht?« Sie war ganz eifrig geworden. Er sah sie an. »Kind, wie alt bist du?« – »Vor wenigen Wochen war mein vierzehnter Winter vorbei.« – »So! So! So! – Nun – meinetwegen – hab' ihn lieb soviel du willst. – Und was soll ich dir nun helfen?« »Der Mutter Herz noch vollends herumschieben: denn es fehlt noch ein ganz Ende. Ich betete nun also nicht mehr für ihn. Das heißt« – und sie lächelte wieder, fast so lieblich wie ihre Mutier – »nicht mehr laut. Aber im stillen heißer als je. Neulich abend nun, – wir hatten ihn und den Vater verlassen – als mein laut Gebet zu Ende war, sagt die Mutter, ganz tief in Gedanken, ›du bist ja noch nicht fertig.‹ – ›Doch.‹ – ›Nein. Bete wieder für –, für deinen neuen Freund. Bete: Gott soll ihm ein versöhnlich Herz geben.‹ – Merkt Ihr was?« – »Ich glaub', ich merke was! Mehr als – du merkst.« – »Er und die Mutter müssen sich wieder vertragen; sie müssen! – Sonst scheint mir die Sonne nie mehr hell. – Helft mir dazu! Aber horch! Sie ruft mir. Verratet mich nicht! Könnt Ihr wohl auch solch schwer Geheimnis wahren? –« – »Ei ja, ich hoffe doch!« »Gleich, Mutter, gleich!« Sie sprang dahin.

Der Alte sah ihr nach: »Sieh, sieh, das Kind! Es ward ein Jüngferlein! – So war Hildigard, da sie mich liebte und es noch lang nicht recht wußte. Es ist ihr erster holder Herzenstraum. Sie ist die Mutter nocheinmal, verjüngt: nur weicher. Papst Leo gibt ihm sicher die Verstattung, fordr' ich sie. Wird das die Lösung für sie alle?«

*

 

Zweites Kapitel.

In dem Walde, der sich zwischen der Burg Esesfeld im Westen und Welandsfleth im Osten hinzog, ritten aus einer Seitenrichtung, von Norden her, einbiegend auf den Weg nach dieser Siedelung, Volkfried und sein Knabe; sie waren freudigen Herzens: der böse Graf ward sicher bald unschädlich gemacht, und Acerbus hatte zugesagt, der Wiederaufbau des gegen das Recht geschädigten Hofes solle auf Kosten des Schuldigen geschehen. Muthgard und die Kleine wußten sie gut aufgehoben bei dem andern Königsboten.

Es war ein schöner heller Wintertag: vom blauen Himmel herab lachte die Mittagssonne auf die Bäume, die im Rauhreif prangten, – jede Nadel der Fichten funkelte, von vielen kleinen zarten Kristallen wie von winzigen weißen Federchen umschlossen – und auf die harte Schneedecke der Waldstraße; es war ein fröhlich Reiten in der frischen, wangenrötenden, aber nicht scharfen, windstillen, klaren Luft, »Laß uns doch wieder rascher traben,« drängte Volkbert. »Wir müssen ja nun doch bald am Ziele sein.« – »So rasch noch nicht. Vor Nacht nicht. Es sind noch viele Meilen. Der rechte Reiter schont sein Roß. Immer zu hastig bist du mir! Sonst war ich zufrieden mit dir in diesen Tagen. Es hat mich nicht gereut, dich auf dein Bitten mitgenommen zu haben auf den Wegen kreuz und quer zu all' den Nordhöfen. Es ist gut, daß du beizeiten das Nachbarland und die Nachbarleute ringsum kennen lernst.« – »Wann stößt der gute Herr Bischof wieder zu uns?« – »Bald, sowie er fertig ist mit den noch übrigen Höferschaften. Zu den letzten konnte er des Weges nicht verfehlen. So erbat ich Urlaub, mit dir zur Mutter ... Aber horch! Da! Hinter uns hallen ferne Hufschläge: – auf dem hartgefrorenen Boden hört man's weit. Das kommt von der Straße von Esesfeld her: – Vorsicht!« Beide hielten und spähten scharf aus. »Bah,« rief der Knabe. »Es ist nur einer. Aber der hat's eilig, Vater! So sah ich noch niemals reiten. Der fliegt ja dahin!« – »Welch herrlich Roß! – Aber den Reiter, mein' ich, sollt' ich kennen: – die Gestalt –« – »Jawohl! Und nun sieht man auch schon das Gesicht im hellen Sonnenschein. Das ist ja ...« – »Mein Bruder ist's! Was kann ihn hetzen zu so wildem Jagen?« Der Reiter war heran. Die langen dunkelblonden Locken hingen ihm wirr ins Gesicht, der Mantel flatterte weit hinter ihm her: – tief lagen die Augen eingesunken –: seine Wangen waren fahl, obwohl ihm der Schweiß von der Stirne troff. Er hatte nun auch die beiden erkannt: und doch, er hielt das keuchende Roß an: – nicht mehr die wenigen Schritte, welche die Brüder noch trennten, konnte er zurücklegen; erschöpft, todmüde, ließ er sich vom Sattel gleiten in den Schnee.

Rasch war Volkfried an seiner Seite; er richtete ihn auf, rieb ihm die Hände, die Schläfe: der Knabe mußte ihm aus einem Lederfläschlein Wein einflößen. Da schlug der Bleiche die Augen auf. »Bruder!« sprach er matt, aber hastig die Worte hervorstoßend – »also lebst du wirklich, wie sie – die Wendin – sagte! Dich schickt der Himmel! Der Christengott – zu dem ich reuig – wie zu Herrn Karl – wiederkehre! – Ich kann nicht mehr! Du kannst, du wirst ihn retten!« – »Wen?« – »Eben – ihn.«

»Wen denn, Bruder?« – »Herrn Karl!« – »Du fieberst, armer Bruder!« – »Nein, nein! O Gott – glaube mir doch! Es verrinnt die Zeit! Und jeden Augenblick können sie hier sein, – auch dich aufhalten. Dann ist er verloren. Ich beschwöre dich: glaube meinen Worten! Der Graf dort – im Welandshofe – der alte Königsbote ist kein Graf: – es ist Herr Karl selbst!«

»Der Kaiser? Unmöglich!« – »Ach, niemand weiß es besser als ich! Ich hab' ihn ja selbst gesehn!« – »Du? – Was wolltest du in seiner Nähe? Man sagt, du bist des Dänenkönigs Gefolge!« – »Ich war's –! Davon mehr – später! Wenn wir am Leben bleiben, sollst du alles erfahren; auch Er: – denn er muß mir vergeben! Aber nicht jetzt. Ich erkannte den Kaiser. Ich jagte zurück, es dem König zu melden. Unterwegs traf ich Hardrab und Petrus. – Leider, leider sagt' ich es auch ihnen.«

»Du meinst, nun werden sie entfliehen?« – »O nein! – Höre nur! – Als ich das Dänenheer erreichte, fand ich König Göttrik erschlagen.« – »Wie? Von wem?« – »Von einem Bauer, dessen Recht er brach! Nur Göttrik hab' ich geeidet: – an die andern Dänen knüpft mich nichts. Reue, bittere Reue war über mich gekommen. Ich wollte zu Herrn Karl zurück, alles eingestehen. Auf dem Wege von Sliesthorp her suchte ich Nachtlager – gestern abend – in Esesfeld. Man ließ mich ein: – aber denk', Bruder! – nicht mehr Sachsen und Friesen: – Wilzen hausen in der Burg.« – »Was? Sind Hardrad und Petrus gefallen?« – »Sie haben die Wenden hereingelassen.« – »Die Verräter!« – »Sie haben vorher die Sachsen und Friesen unter allerlei Vorwänden fortgeschickt: in die leere Burg riefen sie die Wilzen.« – »Woher weißt du ... –?«

»Wlasta, die Wendin. Warte nur! – Eins nach dem andern. – Ich muß den Atem sparen. Als Petrus – weh: durch mich! – erfuhr, Herr Karl weile in der Nähe, beschloß er, ihn zu morden.« »Volkhelm!« schrie der Bruder auf; der Knabe starrte sprachlos vor Entsetzen auf den schwer Ringenden. »Hardrad wollte doch zuerst nicht daran. Er wollte fliehen zu den Dänen. Aber an der Grenze ward er zurückgewiesen. Göttrik war tot, und sein Neffe, der jetzt seine Krone trägt, sucht Frieden mit dem Kaiser: er nimmt keine Flüchtlinge aus dem Frankenreich auf. Verzweifelt kehrte der Graf nach Esesfeld zurück: nun willigte er in des Priesters Plan.« – »Unglaublich!« – »Sie verhandelten mit den Wilzen in der Nähe; ein Schwarm der Wenden besetzte die Burg; Hardrad und Petrus ritten davon, zu einem zweiten Haufen hier im Walde zu stoßen; von hier aus wollen sie noch heute Herrn Karl überfallen.« Volkfried sprang auf: »Zu Pferd, zu Pferd!« – »Deshalb jage ich ja, wie Woden durch die Wolken! Geduld! Nimm mein Pferd! Es ist ein Roß des Dänenkönigs. Viel rascher als –« – »Aber woher weißt du das alles?« – »Die Wendin, sag' ich dir, Wlasta.« – »Die Dirne!« – »Sie bereut. Sie ist halb irrsinnig vor Reuegram.« – »Hat Hardrad ihr –?« – »Nichts hat der ihr vertraut. Aber die Wilzen! Die zischelten untereinander in ihrer Sprache: – Wlasta am Herdfeuer schlief nicht, wie sie wähnten: sie vernahm, sie verstand alles. Sie verriet mir den Plan. Sie verhalf mir zur Flucht aus der Burg: vor Tagesanbruch, denn die Slawen wollten mich darin festhalten. Seitdem eile ich wie auf Flügeln des Windes.«

»Und die Wendin wollte Herrn Karl retten? Warum?« – »So forschte auch ich, voll Argwohns. Aber ... –« – »Nun, aber?« – »Ich verstehe sie jetzt. ›Du frägst noch?‹ sagte sie. ›Herr Karl ist – oft hat Er es gesagt – das Allerherrlichste auf Erden für –: für Ihn.‹« – »Für wen?« – »So fragte auch ich: ›Für den einzigen Mann,‹ erwiderte sie, ›der lebt, für Wlasta lebt! Und den Wlasta in das Elend trieb – für Volkfried. Er lebt: er reitet mit dem andern Königsboten, so meldeten Leute aus den Nordhöfen. Um Volkfrieds willen – rett' ich seinen Kaiser.‹« – »Fort! fort! Steig aufs Roß, Bruder: – ich kann dich doch nicht allein hier lassen. Wenn die Wilzen ... –« »Zu spät!« »Da sind sie schon!« schrie Volkhelm, sich aufrichtend. »O weh! Jetzt sind wir und ach! der Kaiser ist verloren.«

*

 

Drittes Kapitel.

Und also schien's.

Denn plötzlich ward der stille Wald lebendig.

Nicht von der großen Straße, nicht von Esesfeld, sondern seitwärts, von Süden her, kam herangesaust ein Schwarm von Wilzen: sie tummelten ihre kleinen, magern, zottigen Klepper, ohne Weg und Steg, über die Schneefelder hin, manchmal einbrechend, fast bis an den Bauch, aber immer gleich wieder sich emporarbeitend: so kamen sie unglaublich rasch heran. Sofort sperrten sie, sobald sie dieselbe erreicht hatten, die Straße nach Osten, nach Welandsfleth; ein kleiner Haufe trabte auf die drei Sachsen heran. Diese saßen einstweilen im Sattel, Volkfried auf dem edeln Dänenroß, das ihm der Bruder hingedrängt hatte; auch Volkhelm war trotz seiner Erschöpfung wieder aufgestiegen, auf Volkfrieds Pferd. Aber das Entkommen schien unmöglich, zu groß die Übermacht.

Der Führer der einen Rotte winkte den Seinen mit der Hand, noch nicht zu schießen: denn ein Dutzend Hornbogen waren im Nu, auf jene Drei zielend, gespannt. Er ritt auf die drei Bedrängten los: er trug nicht wendische Pelze, sondern fränkische Waffen. Mit stumm eingedenkem Ingrimm erkannte Volkfried Golos, des Fronboten, verhaßte Züge. »Hui,« rief dieser, »das ist ein hübscher Fang! Lebend bring' ich den Mörder Herrn Fortunats dem Grafen. Gebt euch, ihr Sachsen.«

Statt der Antwort riß Volkfried das Schwert heraus. »Hierher, hinter mich, Volkbert! Komm, Bruder! Wir rennen sie über den Haufen.« Und was die Rosse rennen konnten, sprengten nun die drei Reiter auf jenen Haufen der Feinde los, der die Heerstraße nach Osten besetzt hielt. Volkfried kam durch. Ein Schwerthieb spaltete dem nächsten Wilzen die Pelzkapuze, den zweiten kleinen Gaul überrannte der starke dänische Hengst. Der dritte Slawe duckte scheu zur Seite. Wie ein Pfeil flog Volkfried weiter auf der guten Straße. Einmal nur schaute er um. Da sah er seines Knaben Roß stürzen, und zugleich den Bruder von vier Wilzen gepackt. –

Einen Augenblick schwanke er: er überlegte. »Umkehren? Noch einmal in die Feinde sprengen? Den Knaben heraus, reißen oder mit ihm sterben?«

Da hörte er Golos Stimme, der, allen voraus, ihm nach, gejagt war: »Halt! Sachse, halt! Ich bürge dir für eure drei Leben! Gib's auf, den Kaiser zu warnen! Nicht? – So will ich mit grausigen Qualen deinem Knaben die Seele aus dem lebenden Leibe reißen! Bleib' – und er lebt! Flieh' – und er stirbt!«

Tief auf stöhnte das gequälte Vaterherz: es krampfte sich zuckend zusammen. Aber nur einmal.

»Herr Karl!« rief der treue Mann und stieß dem Roß den Sporn in die Weichen, daß es, mächtig ausgreifend, davonschoß.

*

 

Viertes Kapitel.

Die Höfe der sächsischen Bauern sahen – und sehen heute noch – einander alle so ziemlich ähnlich: der gemeingermanische Hausbau hat hier eine dem Stamm eigenartige Gestaltung entwickelt.

So unterschied sich denn auch von dem schlichteren Heim der Volkinge der Welande reicheres Anwesen im Äußeren nur durch bedeutendere Größe. Auch hier umzog den Hofraum ein festgefügtes Pfahlwerk, die Hofwehre, auf der Stirnseite mit nur enger Pforte; im Rücken des Hauses gestattete breitere Öffnung einem Pflug oder auch einem Wagen die Ausfahrt.

Auf der Bank neben der Haustüre saßen Graf Francio und Muthgard. Lindmuth schmiegte sich an des Alten Kniee.

Die Sonne hatte seit Mittag, durch Gewölk nicht gehemmt, ihre Strahlen reichlich herabgesandt; schwacher, weicher Südwind brachte milde Luft; der freundliche Wintertag neigte nun gemach zum Ende. Es dämmerte allmählich; aber ein schönes rosiges Licht ergoß sich über den sonst klaren Himmel und über die feierliche Schneelandschaft von Westen her, wo die Sonne hinter leicht behauchte Schleier von Dunst und Duft hinabglitt.

Der Sendbote hatte Lindmuth zu sich in den Hofraum gerufen, ihr das reizvolle Schauspiel zu weisen; die Mutter war gefolgt, die Spindel in der Hand: sie hatte auf die Holzbank neben der Tür eine dicke Wolldecke gespreitet, und auf den hier schneefreien Boden ein Wolfsfell geworfen, daß der alte Herr behaglich eine Weile hier sitzen möchte; er hatte ihr freundlich gedankt und sie am Arm an seine Seite auf die Bank gezogen; denn auch die Mutter stand gar sehr in Gunst bei Herrn Francio. Aber Frau Muthgard atmete manchmal schwer, wann es niemand merkte.

»Immer fleißig, wackere Frau. Das lob' ich! So war auch meine liebe Mutter, – die nun schon lang in Gottes Lichte lebt.« »Wie hieß Eure Frau Mutter?« fragte Lindmuth. – »Berta.« – »Wie des Herrn Kaisers Mutter. Ja, die soll auch stets gesponnen haben,« sagte Fidus. »Die Leute rühmen: sie spann Gold und webte Friede.« »Ja, Friede webte sie!« sprach er feierlich. »Unermüdlich suchte sie zu versöhnen ihre beiden hadernden Knaben bis ... bis der jüngere so frühe – starb.« Und er sah gar ernst vor sich hin.

»Nicht traurig werden, Herr Graf,« schmeichelte die Kleine. »Ich hab's Herrn Audulf versprochen: ich wollte Euch nicht verdüstern lassen. Seht, Euch geht's ja sehr gut! Ihr habt Euch nicht nach Vater und Bruder und nach ... nun, überhaupt so zu sehnen wie ich – so sehr!« Muthgard unterdrückte einen Seufzer; aber der Graf hatte es doch bemerkt. »Ihr aber sehnt Euch nach dem Gatten, schöne Frau?« Ein leichtes Rot, ein lebhafterer Ausdruck flog über die weiße Stirn, über die feinen, aber meist so stillen, fast allzu ruhigen Züge: – das verschönte sie noch. »Ich leugne es nicht,« sagte sie. »Wir sind fast noch nie so lang getrennt gewesen.«

»Er muß nun bald kommen,« tröstete der Alte gutmütig. »Auch Acerbus muß nun bald hier sein,« fügte er zögernd bei.

Muthgard wandte das Antlitz von ihm und ihrer Tochter ab.

»Und Audulf muß zurückkehren. Und viele Boten müssen endlich eintreffen, auf die ich lange harre! – – Dann halten wir das große Sendgericht und wehe ... Siehe auf der Straße – von Westen her – die Sonne blendet doch noch – das ist ein Reiter: – wie der eilt! Das erträgt ja kein Gaul! Gleich – gleich ist er schon da.« »Ist das nicht –?« zweifelte die Kleine. »Mein Mann!« rief die Frau. Aber hart erschrak sie, als dicht vor der Zaunpforte das Roß, wie vom Blitz getroffen, zusammenbrach, sowie der Reiter absprang. »Volkfried! Was ist ...? Du glühst –!« – »Wo ist er –?« – »Wer?« – »Ah, ich seh' ihn schon!« An dem erschrockenen Weibe vorüber, vorüber an der Tochter, ohne Wort, ohne Blick, stürmte er auf den Alten zu und warf sich vor ihm auf die Knies.

Darüber staunte Muthgard am meisten.

»Wer ist das?« fragte sie sich selbst, in namenlosem Befremden, – »daß Er – daß Volkfried! – vor ihm kniet –?« Sie brauchte nicht zu fragen.

»O Herr Karl,« rief ihr Mann. »Flieht! Rettet Euch, Herr Kaiser!« »Kaiser Karl!« riefen Mutter und Tochter zugleich und unwillkürlich sanken auch sie auf die Kniee nieder, gebeugt von allüberwältigender Ehrfurcht. »Mein Richter!« flüsterte Muthgard für sich. »Was verrätst du mein Geheimnis?« sprach unwillig der Kaiser, hoch sich aufrichtend. »Herr, es gilt Euer Leben!« rief Volkfried aufspringend. »Wo – wo sind Eure Krieger? Wo Weland und die Seinen?«

Der Kaiser schwieg.

»Fort! Alle verschickt!« rief nun Muthgard, die sich erhoben hatte. »Wie bat Herr Audulf,« erinnerte Lindmuth, »nicht so verwegen zu sein! Jetzt versteh' ich's erst!« – »Wieviele Männer sind im Hof, Herr Kaiser?« – »Außer mir nur ein Knecht Welands und einer meiner Krieger. Wer bedroht uns?« – »Ein Schwarm von Wilzen! Wohl fünfzig! – Geführt von Hardrad und Petrus! – Morden wollen sie Euch!« »Wo ist Volkbert?« fragte die Frau ahnungsbang, den Finger auf seinen Arm legend. Da zuckte es über des Vaters Gesicht – wehevoll. »Gefangen! Vielleicht schon tot.« Nur ganz leise stöhnte Muthgard; – lautlos blieb Lindmuth: aber zwei große Tränen rollten ihr über die Wangen.

Der Kaiser hatte das nicht gehört: – er hatte sich gewandt und prüfend einen Blick auf das Gehöft geworfen. »Es ist nicht lang zu halten,« sprach er dann sehr ruhig. »Aber lang genug, Euch zu retten!« fiel Volkfried eifrig ein. »Nur ein Mittel gibt's. Der wegkundige Knecht jagt sofort mit Euch davon, Acerbus entgegen. – Wir andern drei – die Feinde wähnen Euch noch hier im Hof, – wir verhandeln mit ihnen in Eurem Namen, als wäret Ihr im Hause. – Wir halten sie hin – eine Zeitlang! Endlich, wenn sie's merken, verteidigen wir das Haus – eine gute Weile! – bis Ihr geborgen seid. Aber eilt, eilt!«

»Eilt, eilt, Herr Kaiser,« flehten Mutter und Tochter.

Allein Herr Karl ließ einen langen Blick auf Volkfried ruhn und fragte, ganz langsam: »Du stirbst darüber –: unvermeidbar. Warum tust du das?«

»Warum? Weil ich Euch geschworen: ›bis zum Tode getreu!‹ Das ist der Sachsen Eid.«

Da richtete Herr Karl seine hohe Gestalt noch höher auf und schlicht sprach er: »Das gefällt mir, daß du das so gut weißt, Sachse. Aber merke: auch ich habe euch geschworen, euch zu schützen: – ›bis zum Tode getreu.‹ Das ist des Kaisers Eid. Der wird auch gehalten. Ich fliehe nicht, indes du hier für mich verblutest. Ich bleibe.« – »Herr Kaiser, unmöglich könnt Ihr doch ... –« – »Ich bleibe. Soll ich vor Wenden laufen? Hab's nicht gelernt und lern's nicht mehr. Bin zu alt.« – »Herr Kaiser, denkt des Reiches! Wenn sie Euch fangen! – Was werden sie als Lösegeld erpressen!« – »Meine Söhne haben Befehl, mich niemals auszulösen. Und es hat keine Not: – niemand greift lebend Kaiser Karl: – der steht in Gottes Schutz. Und dieses Eisens. Zurück ins Haus. Wir wollen uns mannhaft wehren.«

*

 

Fünftes Kapitel.

Und das tat not.

Kaum hatten Karl und Volkfried die beiden Männer aus den Ställen und Nebengebäuden herbeigerufen, die zwei Tore des Wohnhauses sorgfältig geschlossen, ebenso die Fenster mittels der Holzläden, und alle Waffen, die in dem Gehöft aufzufinden waren, auf dem Estrich der Halle aufgehäuft, als von Westen her mit wüstem Geschrei der ganze Haufe der Wenden heranbrauste.

Sie staken alle in Pelzen, meist in Schaffellen, die Wolle nach innen; sie starrten von Schmutz. Von Schaffellen waren auch die hohen, viereckigen Mützen, die zum Schutz gegen die Kälte, auch gegen Pfeilflug oder Schwerthieb, so tief herabgezogen werden konnten, daß nur die Augen frei blieben: Seitenklappen, unter dem Kinne verknotet, deckten dann den Nacken, die Wangen, die Kehle; über dem Schafwams flatterte den Reicheren über den Rücken hin ein Pelzmantel, bei den Vornehmsten mit kostbarem Rauchwerk verbrämt; aber vom Knie abwärts gingen oder ritten auch die Führer nackt, barfuß: nur etwa um einen Fuß war ein schmaler Riemen geschnürt, den Sporn aus spitzem Hartdorn zu tragen. Allein dieselben Führer prangten in phantastischem Putz: gestohlene fränkische Gold- und Silbermünzen waren durchlöchert und auf die schmierigen Schaffellmützen nebeneinander aufgenäht, hohe Reiherfedern erhoben sich auf der Stirnseite. Jedoch ein übler Geruch ging aus auch von diesen goldprunkenden Fürsten der Slawen, von den selten gereinigten Lammfellen, von den niemals gereinigten Leibern. Sie trugen Hornbogen über der Schulter, kleine Rohrbolzen – oft vergiftet an der Spitze – in zierlich geschnitzten Köchern, Holzkeulen, vier oder fünf, vor dem Sattel in einem Ledergurt – sie wußten damit vortrefflich zu werfen, – leichte Lanzen und kurze, oft sichelähnlich geschweifte Hiebklingen. Mit einem wölfischen Geheul begrüßten sie das Sachsengehöft, das schweigend, im letzten Abendlichte des Wintertages, vor ihnen lag und ihren Anprall fest, trotzig, zu erwarten schien.

Im Augenblicke waren sie abgesprungen von ihren musterhaft gewöhnten Gäulen, die regungslos stillstanden, wo immer ihnen der Reiter die Zügelkiemen über den Nacken warf. Sofort waren die wimmelnden Gestalten über die Hofwehre geklettert, durch die Gatterpforte eingedrungen.

Es ward nun rasch dunkel; in der Halle verbreitete das Herdfeuer Licht und warf es bis auf den Flur: die Angreifer führten hohe, rotflackernde Fackeln von Kien und Werch, welche sie durch den tiefen Schnee in den Erdboden stießen.

»Ein greulich Volk,« sprach der Kaiser, hauptschüttelnd, »als Bundesgenossen schon: – und erst als Feinde!«

Graf Hardrad trat vorsichtig, mit dem gelupften Schilde sich deckend, gegen die Vordertür, dicht neben ihm stand ein Fackelträger. »Herr Kaiser,« rief er mit scheuem Ton, »wir wissen, daß Ihr in diesem Hause weilt. Gebt Euch gütlich gefangen. Wir sind sechzig Sperre. – Gebt Antwort! – Wo ist Herr Karl?« »Hier!« erwiderte eine mächtige Stimme aus der halbgeöffneten Luke. Der Fackelträger stürzte mit lautem Schrei: – ein Wurfspeer hatte ihn um und um geworfen: – die Fackel losch knisternd, aufspritzend, im Schnee. Hardrad sprang zurück. »Er will's? Nun also drauf! – Von allen Seiten.« »Drauf mit Beil und mit Feuer,« rief hinter ihm eine dunkle Gestalt und schleuderte die erste Fackel in das Holzwerk.

Nur kurz konnte der Kampf währen: allzugroß war die Übermacht. Die beiden andern, der Krieger und der Knecht, mochten dem Kaiser und Volkfried nicht helfen: sie hatten alle Mühe, die in den »Achterhof« mündende zweite Tür des Hausganges zu halten.

Eifrig bearbeiteten die Wenden mit Feuer und mit scharfem Eisen die beiden Türen des Hofes und die Läden. Unter den vielen Beilhieben splitterten alsbald die Bretter der Türen: nur im Anfang hier und da konnten die vier Männer durch eine rasch aufgerissene und rasch wieder geschlossene Ladenluke einen Pfeil schießen, eine Wurflanze schleudern: bald mußten sie hierauf verzichten: denn sobald einmal die Angreifer die Luken genau bemerkt hatten, flogen, sowie sie von innen ein wenig geöffnet wurden, die kleinen Bolzen von den Hornbogen der Wenden in Menge herein.

»Was können wir beiden tun?« flüsterte Muthgard, auf die Kleine deutend. Volkfried legte den langen Speer ab, schob den linken Arm in einen breiten Lederschild und zog das Kurzschwert aus dem Gürtel. »Beten! Heiß beten,« erwiderte er, ebenso leise. »Es geht zu Ende.«

Im selben Augenblick flog die ganze Vordertür krachend nach innen, ihre brechenden Bretter trafen den Kaiser. Wildes Gejauchz der Slawen ergellte: zwei von ihnen sprangen zugleich auf die Schwelle. Aber schon stand Volkfried zur Rechten vor Herrn Karl: mit dem Schildbuckel gegenfahrend fing er den Lanzenstoß des einen auf, – der taumelte zurück, dem zur Linken schlug er das Schwert über das Gesicht. Einen Augenblick wichen die vordersten. Da trat der Kaiser ganz vor auf die Schwelle, offen und ungedeckt. »Wagt es, ihr Elenden,« rief er, »mich anzutasten! Vor euch steht der Gesalbte des Herrn. Weh dem, der Hand an mich legt.«

Einen Augenblick bebten alle zurück, von der Majestät des Anblicks eingeschüchtert.

Da mahnte eine heisere Stimme: »Hand anlegen? – Nicht nötig! Wurfspeer und Pfeil!« Und der Priester gab das Beispiel: sausend flog seine Wurflanze. Aber schon stand wieder Volkfried vor dem Kaiser: sein Schild fing auch dies Geschoß auf. »Nieder mit dem Sachsen!« schrie Hardrad. »Alle Speere auf ihn.« Ein Hagel von Geschossen flog auf die Türöffnung. Im Augenblick staken und hingen so viele Wurfspeere und Bolzen in Volkfrieds Schild, – er konnte ihn nicht mehr halten: müde senkte er den linken Arm. Und da rannte, die Lanze mit beiden Händen fassend, ein neuer Feind herzu: Golo war's. Scharf zielte er auf des Sachsen schutzlose Brust, der, sein nicht achtend, mit gezücktem Schwert nur den Kaiser zu schirmen gespannt war. Schon erreichte fast des Feindes Speer Volkfried, als ein machtvoller Schwerthieb auf jenen niedersauste, Sturmhaube, Haupt und Hals des Angreifers spaltend: lautlos fiel er.

»Dank, Herr Kaiser!« rief Volkfried. » Das war ein Streich.« »Ja! Giojosa, die freudige Klinge,« sprach der Alte ruhig, »ist noch immer scharf.« Mit scheuer Furcht, mit Entsetzen wichen die Slawen, die den gewaltigen Hieb gesehen.

»Drauf, ihr feigen Wenden,« mahnte der Priester. »Flieht ihr vor einem Greise?«

»Herr,« erwiderte einer der Gescholtenen. »Er sieht aus wie der weißbärtige Gott des Todes!« – »Das war keines greisen Mannes Hieb!« – »Feuer fliegt aus seinen Augen!« – »Das ist kein Sterblicher!« »Laß doch sehen! Gib mir deinen Bogen!« Und der Priester kniete nieder und zielte scharf.

Da kam Graf Hardrad von hinten her um die Ecke des Hofes zurück. Er hatte versucht, von dort her einzudringen, den Kaiser plötzlich, überraschend von rückwärts, lebend zu fangen. Er scheute sich noch immer, ihn zu töten; auch erwog er im goldgierigen Herzen, was ihm Slawe oder Aware oder Byzanz für diesen Gefangenen zahlen würde. Aber die Türe da hinten und die beiden Verteidiger gaben nicht nach. Und das Geschrei, das die Wilzen bei Golos Fall erhoben, rief ihn nach vorn. Er überblickte rasch die Lage. Sofort schlug er mit dem Schwert dem Priester den Bogen aus der Hand. »Lebend müssen wir ihn haben! Stellt euch! Ein Anlauf! – Den Sachsen niederstoßen, den Alten greifen.« Volkfried übersah die Gefahr. »Leb wohl, Muthgard,« rief er. Denn nun schien doch das Äußerste unabwendbar. Wohl deckte Volkfried den Kaiser mit seinem Leibe: aber ermattend wankte er und mit ihm wankte der Kaiser.

Da plötzlich erscholl aus den hinteren Reihen der Angreifer gellendes Geschrei: »Flieht! Die Franken! Die Sachsen über uns! Flieht!«

Und gleichzeitig tönte von fernher die helle Trompete des fränkischen Heerbanns und der dumpfe Hall des sächsischen Stierhorns. Fackeln in großer Zahl näherten sich rasch, manche der Wilzen flohen. Freund und Feind horchte nach der Ferne hin.

Graf Hardrad eilte an die Türe des Zauns, zu sehen, was es gebe.

Diesen Augenblick ersah Petrus: er hatte bis dahin sich im Dunkeln niedergekauert: nun schnellte er vom Boden auf und zielte mit dem Dolch einen tödlichen Stoß auf den Kaiser. »Stirb, Tyrann!« zischte der Langobarde. Aber im selben Augenblick stürzte er zu Boden. Der erste der Erretter, weit voraus allen andern, hatte den Zaun von der Seite her, eine Streitaxt in der Rechten, überklettert und den Priester niedergeschlagen.

»Volkhelm! Fluch!« schrie der im Fallen. Volkfried wandte sich staunend seinem Bruder zu: da warf ein Wilze die Lanze auf den Kaiser.

Und er traf; aber nicht Herrn Karl, sondern Volkhelm, der – es war das einzige Mittel, den Kaiser zu retten – dazwischensprang. »Volkhelm!« rief Volkfried, »du stirbst?« – »Ich glaube. Aber der Kaiser – ist gerettet! Und dein Knabe lebt auch.«

»Zu Hilfe,« schrie einer der beiden Knechte von der Rückseite des Hauses her, »sie dringen ein!« Da eilte der Kaiser mit erhobenem Schwert zu Hilfe in den Gang.

Schon kehrte Graf Hardrad von der Zauntüre zurück. »Fliehen können wir nicht mehr,« rief er. »Wohl aber den Kaiser, bevor sie da sind, fangen. Dann: – sein Leben für das unsrige. Hört!« Und er flüsterte leise, mit hastigem Deuten auf die Türe, dann auf Volkfried. Gleich darauf teilten sich die Wenden: eine Schar zog sich um die Ecke des Hauses herum, die Angreifer auf der Rückseite zu verstärken. Sechs andre warfen sich zugleich auf Volkfried.

Wohl wehrte sich der heldenhafte Mann gewaltig: aber in dem Ringen ward er von der Schwelle herausgezerrt. Und nun war er verloren.

Wie ein Rudel Hunde, mag gar mancher unter ihnen blutend davongeschleudert werden von den grimmen Hauern, den tapfern Eber zuletzt doch deckt, wehrlos macht und niederhält, bis ihm der Jäger den Fang gibt: – so riß die Überzahl der Slawen den starken Sachsen trotz alles Widersträubens endlich zu Boden. Zwei hielten seinen linken Arm gepackt, auf jedem seiner Füße kniete einer: und Graf Hardrad, über ihn gebeugt mit gezücktem Schwert, spähte nach der Blöße der Brust, die der müde rechte Arm doch nun gleich öffnen mußte, mit dem er sich, das Kurzschwert in der Faust, noch verzweifelt verteidigte.

Da schrie ein Wende, vorn in der Hoftür, einen Warnungsschrei und fiel.

In der Hoftür erschien ein Mann, der erste der Entsatzschar. Er trug, barhäuptig, weder Brünne noch Schild: ein dunkler Mantel flatterte um die Gestalt, ein nacktes Schwert, irgendwo aufgerafft, hielt die geballte Faust: er spähte in den Hofraum, wo nur schwer Freund von Feind zu unterscheiden war. Nun langte hinter ihm an ein zweiter Mann, ein vollgewaffneter Krieger: »Zurück, Herr, um Gott!« rief der, »es sind zu viele! Wir sind des sicheren Todes! Wartet hier.« Aber nun hatte der im Mantel die Lage überschaut, den am Boden Liegenden erkannt. »Volkfried?« rief er. »Ich komme!« Im selben Augenblick stand er mitten zwischen den Wenden. »Graf Hardrad! Seht Euch vor!« rief einer derselben, niedertaumelnd. Schon riß der Retter Volkfried an dem rechten Arm vom Boden auf. »Graf Hardrad!« rief er, »wendet Euch. Nicht morden, fechten müßt Ihr jetzt.«

»Wer wagt es? Tollkühner!« schrie der Graf, ließ ab von Volkfried, der sich nun wieder mit Erfolg der Wenden erwehrte, und warf sich auf den neuen Angreifer.

Und nun hob an ein fürchterliches Fechten!

Wohl war Hardrad der Stämmigere, wohl deckten ihn alle Schutzwaffen: Eisenhelm, Brünne und Schild und schutzlos bot ihm Haupt und Brust sein kühner Feind: aber er war gar rasch von Handgelenk, dieser Feind. Zwar sprang ein Wende von hinten herzu und schlug ihm eine Wunde in den Rücken, daß das Blut hoch aufspritzte: aber er achtete es nicht. Er führte die Klinge so meisterlich, als wäre sie beseelt: im Doppelschwang, wie eine zuckende Schlange, züngelte sie bald rechts, bald links um das wuchtige Hiebschwert des breitschulterigen Grafen, alle die zornigen, starken, aber ungeschlachten Streiche auffangend, nicht wieder schlagend, nur eine ungedeckte Stelle an dem Leibe des Ganzgepanzerten zum Stoße suchend.

Hardrad ward immer grimmiger über die Erfolglosigkeit seiner besten, bewährtesten Hiebe: »Ich mach' ein Ende!« schrie er nun, faßte, den Schild fahren lassend, das gewaltige Langschwert mit beiden Fäusten und hob es, einen furchtbaren Hieb auf das helmlose Haupt herabzuschmettern.

Aber dieser Hieb fiel nicht mehr: mitten durch die Kehle fuhr dem Grafen zuvor blitzschnell die schmale scharfe Klinge: rasselnd in allen seinen Waffen stürzte er schwerfällig auf den Rücken. Da flohen schreiend die Wenden aus dem Hofe. Volkfried war frei.

»Ihr – Bischof? Ihr seid's?« rief er. »Zum Kaiser!« antwortete der und sprang in das Haus. Muthgard eilte ihm entgegen. »Wo ist der Kaiser?« fragte er. – »In Sicherheit! Der Seniskalk ist vom Rücken her in den Hof gedrungen. Aber wo ist mein ...?«

»Da,« sprach der Bischof, Volkfried vor sich her auf sie zuschiebend, wankend, auf sein ganz blutig Schwert gestützt – »da, Frau Muthgard, habt Ihr Euren Mann!« »Er hat – er allein – mich gerettet,« rief Volkfried. »Eure Wunde –?« – »Nicht Wortes wert! – Aber nun – war's doch wohlgetan – daß ... Gott – mich schuf.«

Und er stürzte zusammen.

*

 

Sechstes Kapitel.

Alsbald nach des Grafen Fall waren von allen Seiten die Befreier herbeigeströmt, auch Volkbert war in die Arme der Eltern gesprungen.

Hell leuchtete am andern Tag aus klarstem Winterhimmel die Sonne auf den Welandshof. Im Laufe dieses Tages waren auf gar vielen Wegen eilende Boten eingetroffen, welche dem Kaiser brieflich oder mündlich allerlei Nachrichten brachten. Immer heller und heiterer wurde das gewaltige Antlitz.

Die Spuren des Kampfes wurden, unter Frau Muthgards sorglicher Leitung, so gut es ging, getilgt, die Erschlagenen fortgeschafft und im Walde eingescharrt.

Volkhelm, dem unter der Schwägerin Pflege das Bewußtsein wiedergekehrt war, lag, wohl gebettet, in einer Kammer des Hofes. Die Gatten und die beiden Kinder saßen an seiner Seite.

Der Knabe aber erzählte: denn Volkhelm war das Sprechen fast unmöglich.

»Gewiß,« rief Volkbert, »hat der Herr Kaiser dem guten Oheim hier seine Rettung zu danken: er war es doch, der all' die Franken und Sachsen herbeigeholt, die dem Vater und dem Kaiser herausgeholfen. Aber freilich: der Oheim und ich, – wir wären nicht losgekommen ohne die Wendin, – weißt du, Vater? – die Wlasta! Das war nämlich so. Gar traurig lagen wir beide, der Oheim und ich, an Händen und Füßen mit Stricken gebunden, nebeneinander im Schnee. Nachdem es Golo aufgegeben hatte, dem Vater nachzusetzen, erhob er drohend die geballte Faust gegen uns und schrie: ›Entgeht uns der Fang durch des Sachsen Warnung, zerbrech' ich euch alle Knochen im Leib.‹ Er hatte die Vorhut der Wenden geführt; bald traf der größere Haufe, unter dem Grafen und dem Abtvikar, ein: und auch von Esesfeld her ein paar Reiter: diese, die Wilzen sind ja des Landes fremd – zu geleiten, hatte sich ihre Stammgenossin Wlasta erboten. Sofort brach die ganze Schar auf, gegen euch. Wir wurden auf ein Pferd gebunden; ein paar Wilzen sollten uns mit Wlasta nach Esesfeld bringen. Noch nicht weit waren wir geritten, – gar traurig gedacht' ich, daß ich euch alle drei wohl niemals mehr im Leben sehen würde! – da trieb die Wendin ihr Rößlein an uns heran und rief laut, drohend, scheltend, in ihrer Sprache gegen uns. Wir verstanden es nicht. Ja, sie hob die Hand und schlug mit geballter Faust dem Oheim in das Antlitz und mir auf den Rücken; sie fuchtelte in der Luft herum gegen uns mit einem scharfen Messer. Der Slawe hinter uns lachte ihr zu und ritt an uns vorüber. Kaum hatte er den Rücken gekehrt, da zerschnitt sie mit dem Messer gar flink unsre Stricke und flüsterte uns auf sächsisch zu: ›Nun reitet, was ihr könnt! Im Süden zieht – so meldeten eben die Späher dem Grafen – eine fränkische Schar, die holet nach Welandshof zu Hilfe. Du aber‹ sprach sie zum Oheim, ›sag' ihm, wenn er den Knaben in die Arme schließt: die Wendin schickt ihm den Sohn. Er soll sie nicht mehr – in seinen Gedanken – stoßen mit dem Fuß. Ich weiß nicht, was das sagen will ... – ‹« »Weiter,« drängte Volkfried. »Weiter.« Aber er verzieh der Ungestümen in seinem Herzen.

Frau Muthgard nickte leise, verständnisvoll, vor sich hin.

»Kaum,« fuhr der Knabe eifrig fort, »merkten die beiden Wilzen, was geschehen war, als sie die Gäule herumwarfen, uns nachzusetzen. Dem einen fiel das Mädchen in den Zügel und hielt ihn fest, lange, bis er sie aus dem Sattel hieb: ich sah es: denn ich, hinter dem Oheim sitzend, schaute mich angstvoll um: – lautlos fiel sie in den Schnee. Nun setzten uns beide nach. Aber nicht gar weit. Der von Wlasta Aufgehaltene kam uns schon gar nicht mehr nach. Und der Oheim kannte rings die Gegend. Er verließ sofort die festgefrorne Straße und sprengte mitten in den Wald hinein; – er mied meistens die lockeren, die unsichern Stellen. Wohl sanken auch wir zweimal in den tiefen Schnee ein: – aber rasch half der Oheim dem Rosse heraus und wir jagten wieder davon, während der eine Wilze, der uns noch nachsetzte, so oft und so tief einbrach, daß er uns bald nicht mehr einholen konnte, sondern aus dem Gesicht verlor. Wir eilten nun immer fort nach Süden, wohin uns die Wendin gewiesen. Und wie es dunkel ward, sahen wir nicht mehr gar weit Fackeln glänzen – es waren die Leute des Bischofs und des Seniskalks, die aber gar nicht zu euch, – durchaus nicht! – die noch weiter gen Süden ziehen wollten. Der wilden Verzweiflung des Oheims glaubten sie gar bald: – Herr Audulf gleich, aber der Herr Bischof machte große Augen! – daß es hier den Herrn Kaiser zu retten gelte. So ritten sie und wir denn, was die Rosse laufen konnten. Und kamen, scheint es, gerade noch zu rechter Zeit.« –

Volkhelm hatte der Erzählung eifrig zugehört, manchmal genickt, manchmal die starr blickenden Augen noch weiter aufgerissen. Jetzt sprach er mit matter Stimme: »Bruder, – ich kann nicht sterben – ohne – ohne – seine Verzeihung. Rufe mir den Herrn Kaiser herbei.« »Ach,« mahnte Volkfried, »quäle dich nicht darum. Du hast, wie so viele Tausend unsres Volkes den aufgezwungenen Eid gebrochen, bist zuletzt zu den Dänen geflohen. – Das ist zwar sehr schlimm! Aber er hat so vielen verziehen, die ihn nicht, wie du, reuig vom sicheren Tode gerettet: er hat dich gestern schon von der Acht gelöst, er wird auch dir verzeihen. Laß es gut sein.«

»Nein, Bruder! Du weißt nicht! – sollst es nun auch nicht mehr erfahren. Ich flehe dich an, ruf ihn! – Aber sag' ihm vorher – was der Knabe erzählt, – daß ich ihn wirklich gerettet! – Es eilt – ich kann nicht mehr warten.«

Volkfried ging zum Kaiser in die Halle und erzählte ihm alles und sagte ihm des Sterbenden Wunsch. »Ihr werdet nicht!« rief Audulf zornig. »Ihr sagtet ja, es sei kein Zweifel – Ihr habt ihn gleich erkannt ...« »Still, Seniskalk!« sprach der Kaiser, sich ruhig von dem Sitz erhebend. »Soll ich einem Sterbenden, einem so tief Bereuenden nicht verzeihen?«

»Nein! – Warum?«

»Warum? – Ich bete jede Nacht vor dem Einschlafen das Vaterunser: soll ich nicht mehr sprechen können: ›wie wir vergeben unsern Schuldigern?‹« – –

Gleich darauf stand er an des Wunden Lager.

»Herr, Herr!« hauchte der, mit letzter Kraft sich auf dem linken Ellbogen aufrichtend und ihm die rechte Hand entgegenreckend. »Verzeiht mir: – alles! Schweigt vor Volkfried von – von dem andern.«

»Das bleibt zwischen uns beiden,« sagte der Kaiser. »Ich habe dir gestern abend schon verziehen, bald nachdem ich dich erkannt. Ich hatte vor, dich, wenn du genesen, nach Spanien gegen die Sarazenen zu schicken, mit dem Auftrag, dort zu kämpfen, bis du für den Herrn Christus und für mich den Heldentod gefunden. Du findest den schon jetzt! – so gehe mir voraus zum Heiland; grüße ihn von Herrn Karl und sag' ihm: ›Herr Karl hat mir vergeben. So vergib auch du, Herr Christ, ihm seine vielen Sünden: – denn er hat's nötig.‹«

Und er reichte ihm die Hand, Volkhelm drückte sie und sank zurück und starb. Und Volkfried weinte, wie er den Bruder begrub.

*

 

Siebentes Kapitel.

An einem Nebengebäude des Hofes an dem Lager des Bischofs saß ein welscher grauköpfiger Mönch, der Heilkunst tief gelehrt; er war als einer der Boten aus Italien gekommen.

»Bruder Sincerus,« sprach der Bischof, die dunkeln Augen ihm in die Seele senkend: »Ihr schweigt noch immer? Wohlan: bei Eurem priesterlichen Gehorsamseide legt Euch der Bischof von Arezzo zwei Pflichten auf. Vorerst: Ihr sollt mir die volle Wahrheit sagen.« – »Ich werde sie Euch sagen.« – »Was wird mit meiner Wunde?« – »Ihr könnt heute noch – jetzt gleich – aufstehen.« – »Ja, aber dann? Ich meine, es ist doch zum Sterben? Ihr zögert? Die Wahrheit, Bruder Sincerus. Redet! Ich gebiet' es.«

Diesem Blicke war weder auszuweichen noch zu trotzen. »Es ist zum Sterben. Der Rückenwirbel ist zu schwer verletzt. Ihr werdet jetzt genesen: – werdet auch – nicht ohne bittere Schmerzen freilich – gehen, reiten können, aber nicht auf gar lange.« – »Wie lange?« – »Ein Jahr: – nicht zwei.« – »Es ist gut so.« – »Wie, hochheiliger Bischof?« – »Sehr gut sogar. Sterben für sie – auf daß sie ihn behält! ... Nun gelobt mir, zum zweiten: Schweigen gegen alle!« – »Auch gegen den Kaiser?« – »Auch gegen den Kaiser.« – »Jedoch – die blonde Frau? Es sind ja jetzt viele in den Häusern, aber ich meine die Schöne. Sie versteht sich offenbar gar fein auf Wunden – ich erstaunte über ihre Fragen – sie will Eure Wunde untersuchen: sie wird alles merken.« »Nein,« sprach der Bischof kurz, die Decke zurückschlagend und sich erhebend: »denn ich stehe ja jetzt – genesen – auf. Da ist nichts mehr zu untersuchen. Helft mir ein wenig beim Ankleiden.«

Als sie damit zustande waren, trat der Kaiser ein. Der Mönch verneigte sich und ging. »Ich dank auch Euch, mein schwerttapferer Herr Bischof. Ich war sogleich bei Euch, als der Kampf zu Ende war. Aber ihr lagt bewußtlos da.« Des Bischofs bleiche Wangen erröteten heftig, er beugte tief das Haupt. »O, mein Herr und Kaiser! Euch – Euch – hab' ich gebeichtet.« Der Kaiser reichte ihm die Hand. »Es ist alles gut gemacht. Ich komme als ein Bote – von ihr. Von Frau Muthgard. Sie wollte Eure Wunde pflegen: – ich sehe, das fällt weg.«

»Ja, das fällt weg.«

»Und dann – sie wollte vor ihrem Manne und mir mit Euch reden. Überwindet es! Ich will Euch – heute – gar nicht Eurer Priesterschaft mahnen: Ihr seid wund am Leib und an der Seele – sonst spräche ich ganz anders! Hört aber ein Wort – wenig christlich, wenig kaiserlich: aber wahr: ›Ein Mann, der sich zergrämt, weil ihm Ein Wunsch nicht erfüllt werden kann –‹« – » Ein Wunsch! Der Wunsch des Lebens!« – »›Ist ein Tor. Oder krank.‹« – »Oder er liebt.« – »Sehet auf mich: mein Blut war sehr heiß, meine Macht fast ohne Schranken: und doch sag' ich Euch: es kann ein Mann nicht jedes Weibes froh werden, dessen er begehrt.«

Hoch richtete sich der Wunde auf: »Ihr vergeßt, großer Kaiser, ich habe, solang ich atme, nur Ein Weib geliebt.«

»Ihr – Euer Schicksal – schafft ihr Unrast.«

Der Bischof schüttelte lächelnd, zweifelnd, ein wenig den Kopf.

»Doch! Ich weiß es! Von Eurer kleinen Freundin weiß ich es. Wie hold ist dieses Kind! Und ganz die Mutter, süßen Reizes voll! – Wie wär's, mein Freund? Papst Leo tut, was ich verlange. Ihr könnt die Kleine haben, sobald Ihr wollt. Ja, Ihr habt sie schon!«

Abwehrend streckte Acerbus den Arm aus. »Wer die Rose verlangt, den tröstet nicht die Knospe. Wie sagt Frau Muthgard? ›Lieben, – das ist Ewigkeit!‹ Recht soll sie auch darin behalten.« – »Euch ist nicht zu helfen! Übrigens – es ist mir lieb, daß es dem herben Sachsenweib doch endlich zu Herzen geht. Ich wartete darauf, bei dieser Art von Frau.« – »Weshalb?«

»Weil ...! Nun, es gibt auch eine andre Art von Weibern, die solches freut und ihres Reizes Schaden stiftend Werk. Sie spielen mit dem Verderben aus eitel Übermut. Dagegen diese Muthgard! Laßt mir die Frau fortab in Frieden und Ruh!« – »Ich habe ihren Frieden nie gestört. Und ihre Ruhe? Hab' ich die gewirrt, – ich gebe sie ihr wieder. Kommt, Herr Kaiser, Ihr sollt mit mir zufrieden sein.«

*

 

Achtes Kapitel.

Sie gingen in das Hauptgebäude; der Wunde hielt sich ganz aufrecht, nur bei dem Ausschreiten stützte er sich manchmal auf das Schwert, das er, aus dem Wehrgehänge gelöst, eingescheidet in der Rechten trug.

In der Halle trat Muthgard mit der Anmut ihres schwebenden Schrittes ihm entgegen, ihr Mann folgte. Sie hielt die Augen streng niedergeschlagen und wandte das Haupt leicht zur Seite, als sie mit fester Stimme sprach: »Herr ... Acerbus!« – »Ich heiße wieder Richwalt.« – »Ich danke Euch für meines Gatten Leben.« »Und – du verzeihst – Ihr verzeiht mir?« rief er rasch. Innig bittend, angstvoll flehend hafteten seine dunkeln Augen auf dem so schönen, aber nun so strengen Antlitz; sie fühlte das wohl, aber sie wandte sich schweigend noch weiter ab.

Ein langes, banges, banges Schweigen. Ihm schien es endlos. Das Herz pochte ihm zum Springen.

Endlich, endlich belebten sich die starren Züge.

Kaum merklich öffneten sich die fest geschlossenen Lippen. Noch immer abgewandt, mit niedergeschlagenen Wimpern, hauchte sie ein ganz leises, kaum hörbares »Ja!«

»Das kam hart heraus!« stöhnte er.

Dieses gepreßte, aber abgrundtiefe Weh drang doch überwältigend in das lang schon ringende Frauenherz. Sie fühlte den Wunsch, den Trieb, ihm irgend etwas zu bieten, zu spenden, zu gewähren. Ihr suchender Blick fiel auf einen kleinen Becher, der auf dem Tische stand: es war nur eine ganz kleine Neige Weines darin: aber sie langte danach und reichte ihm schweigend das Gefäß, die Augen nun voll auf ihn gerichtet; ein holdes Erröten überflog die weiße Stirn; er ergriff den Becher und schlürfte hastig die paar roten Tropfen. »Ja – ich verzeih Euch ganz! Und – mehr noch!« Alles kam schwer, abgerungen, heraus. Sie stockte wieder. »Es ist nicht recht ... es ist mir leid, daß Ihr Euch ... Der Herr Kaiser sagt – und der muß es verstehen! – es wäre schade um Euch. Und Eure Freundin Lindmuth« – hier lächelte sie ein wenig – »die meint das auch. Sie redete mir sehr eifrig zu – ich soll ... Ja, und will es Euch auch sagen! Ich ... Ich kann es nur so schwer zeigen! Ich hass' Euch nicht mehr: seid Ihr doch sein Retter. – Ich will versuchen, – ob ich kann! ... Ja, ich meine, ich werd' es können – ich glaube, ich bin Euch schon ... fast ... ein ganz klein wenig – gut.«

Sie hielt inne und atmete tief, wie nach einer großen, schweren Tat.

Da leuchteten zum erstenmal Herrn Richwalts trauerdunkle Augen auf.

Und eine große Wandlung kam nun über ihn. Wohl verflog jenes Aufleuchten sofort wieder: allein über diesen Augen, die sonst getrauert oder allzuscharf geblitzt hatten, lag es jetzt wie ein sanfter Schleier; die bleichen Wangen, allerdings heute noch bleicher, wurden nicht mehr von jäh aufflammender Lohe gerötet: das unruhige Wetterleuchten zuckte nicht mehr über das versöhnte Antlitz hin: ein Hauch leiser Wehmut, aber aufgelöst in Frieden schwebte darüber und mild war seiner einst herben Stimme Klang, als er begann: »Ich habe nun in diesen Tagen – und vollends in dieser letzten Nacht – Frieden gefunden. Nicht durch Gebet! Nicht durch die Heiligen! Nicht der Priester, der Mann in mir hat mir geholfen, hat gesiegt. O welche Wonne war's, wieder einmal das Schwert zu fühlen in der Faust! – Ich gönne Euch von ganzem Herzen Eurem Mann. Nicht Euch besitzen ist das Höchste, – Euch würdigen. Und darin,« er lächelte traurig – »nehm' ich es getrost auch mit Freund Volkfried auf! – Ihr seid schön: – wohlan, so ist der Stern, der gestern abend, der dann die lange Nacht über auf mein Lager schaute. Ich will den lichten Glanz nicht für mich, will nicht ihn haben. Aber ich darf ihn doch schauen, darf mich freuen, daß Gott der Herr ihn so wunderschön geschaffen. So darf ich Euer denken – immerdar, – daß Ihr so schön seid und – so gut! Ihr bleibt mir heilig bis ich sterbe! Es war ein furchtbar Leiden. Aber nun, nachdem sich alles so gewendet, so vortrefflich für uns alle« – da rüttelte ihn bitterster Schmerz, er griff nach dem Pfeiler der Halle, sich zu halten, faßte sich aber sofort wieder – »nun geb' ich, was ich erlebt und gelitten, geb' ich mein Weh' für alles Glück nicht hin. – Nachdem ich dies bestanden, trotz' ich allem, was noch kommen mag auf Erden. – Seltsam! Ich muß jetzt der Sage gedenken, die mir dereinst ein Skalde sang in grauem Bart.« – Er fuhr wie träumerisch mit halbgeschlossenen Augen fort: »Ein Held sah einst die blonde Göttin Freia selbst. Er liebte sie. Da lächelte die Göttin, – sie verzieh ihm! – und sie zog aus ihrem goldenen Haar ihre goldene Nadel und fuhr ihm damit ritzend über die Brust: – nie heilt die Wunde und ihr süßes Weh. Doch unbezwingbar ward der Held im Kampf und keinen andern Schmerz der Welt verspürt' er mehr.

So sang der Skalde. Es war ein traurig, aber stolzes, schönes Lied. – Ich konnte Euch nicht zwingen, mich zu lieben, aber wenn ich einst – vielleicht lange vor Euch – sterben werde ... –«

»O Richwalt!«

»Dann werd' ich Euch gezwungen haben, zu sagen: ›Das war ein Sieger.‹ Und dann wird meiner Augen letzter Traum sein – Euer Bild.«

Er ließ sich nun langsam niedergleiten auf die Bank der Halle. Er winkte mit der Hand, sie möchten ihn ruhen, ihn allein lassen.

»Nun ist alles ja gut mit ihm,« sagte Volkfried im Hinausschreiten.

Die Frau sah zu ihm empor und nickte. »Ja, freilich, ganz gut! – Nicht Er liegt mir jetzt noch in Gedanken –, nur ... das andre!«

Der Kaiser folgte den Gatten: er warf noch einen Blick auf Richwalt – und schüttelte schweigend das Haupt.

*

 

Neuntes Kapitel.

»Und nun, Frau Muthgard,« hatte der Kaiser gesagt, »nun sollt Ihr uns zeigen, was Ihr als Hausfrau leisten könnt: keine Frau, nur Mägde sind ja im Welandsfleth. Welanding selbst, seit lange verwitwet, ist noch nicht zurück von den Botengängen, auf welche ihn Graf Francio verschickt hat. Auf Mangel an Vorräten sollt Ihr Euch nicht ausreden können: ich geb' Euch freie Hand über all' die zwanzig Wagen, guter Dinge voll, die da draußen aufgefahren sind auf dem Hof. Ihr seid morgen des Kaisers Mundschenk, Truchseß und Küchenmeister, Euch müssen all' die Meinigen gehorchen. Ihr rüstet uns das Kaisermahl, das Siegesfest!«

»Euer Wille wird geschehen,« erwiderte die Frau ruhig und ging ans Werk.

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Der Kaiser und der Seniskalk lehnten in einem der Fenster und sahen hinaus in den Hofraum.

»Herr,« sprach Audulf, »schaut nur die Frau, diese sächsische Bäuerin! Habt Ihr je ihresgleichen gesehen an Vornehmheit zugleich und Anmut? Wie sie jetzt über den Hof hinschreitet – nein, hinschwebt! Sie trägt in der Hand nur eine Schüssel kalten Fleisches: – aber sie trägt sie, als wär's der Königshort zu Aachen in der Pfalz! Und seht nur, wie sie da für ihren Gruß den langobard'schen Reiterführern dankt: so freundlich, so fraulich und so vornehm doch! Die halten sie – so ehrerbietig neigen sie sich! – für eine Herzogin. Herr Kaiser, das wäre eine Frau für Euren Sohn, Herrn König Karl, der stets noch unvermählt.«

»Ei, ei, Herr Seniskalk im grauen Bart! – Auch Ihr? Großvater seid Ihr? Ich werd' es Eurer Frau in Aachen melden! Haben wir zwei Greise, – Kriegsmänner, Reichslenker – nichts Weiseres zu reden als von dieser blonden Frau?« – »Weiseres vielleicht – Besseres nicht.« – »Und Schöneres schon gar nicht! Und keine königlichere Frau verlangt' ich mir für meinen Sohn! Allein wir werden sie doch wohl diesem glücklichen Volkfried lassen müssen: wir, wie – wie andre Leute. Nun wollen wir gehen, uns für Frau Muthgards Mahl zu schmücken.«

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Und gar gewaltig und stolzprangend erschien Karl, eine wahrhaft kaiserliche Gestalt, wie er, der siebenmal seines eigenen Fußes Länge maß, nun alsbald mit feierlich langsamem Schritt in die Halle trat.

Unter dem blauen Mantel – eine kostbare griechische Spange hielt ihn auf der Schulter zusammen – trug er jetzt ein golddurchwirktes Gewand von weißer Seide. Edelsteine schmückten seine goldenen Schuhe. »Joieuse«, »die freudige Klinge«, hatte er abgelegt: er führte, aus dem Wehrgehäng gelöst, in der Hand, wie einen Stab, ein breites Prunkschwert in silberner Scheide: an dem Kreuzgriff desselben funkelten und blitzten ebenfalls lichte Steine und zwei schwere goldene Ketten umzogen den mächtigen Nacken; hell leuchteten, freundlich und freudig, die sehr großen, hellblauen Augen: ganz großartig, gebietend, war die hohe, machtvolle und doch mild freundliche, echt väterliche Erscheinung.

Der Seniskalk hatte gestaunt, als ihm Herr Karl, der sonst stets in einfachster Gewandung ging, geboten hatte, die große Truhe, in welcher sie kostbaren Schmuck mitführten, heranbringen und öffnen zu lassen. »Ja, ja,« hatte Herr Karl dem Befremdeten zugelächelt, »heute feiern wir ein Fest: eigentlich viele Feste für viele Siege.«

Als nun das Mahl bereitet war und die Tafel, reich mit Silbergeschirr bedeckt, in der Mitte der Halle prangte, da befahl der Herr Kaiser, daß Volkfried ihm zur Rechten, Frau Muthgard ihm zur Linken sitzen sollten: ihm gegenüber der Bischof und der Seniskalk. Lindmuth aber und Volkbert mußten ihm die Speisen zutragen und den Becher füllen.

Und wenn die Kleine sich auf die Zehen stellte und dem Rotkehlchen in seinem Käfig, der an der Hinterwand der Halle hing, die Brosamen zuschob von dem zarten Weizenbrote auf des Kaisers Tisch, – dann sah das Vöglein mit klugen, vergnügten Augen auf das Mädchen herab, als wollt' es sagen: »und ich hab' auch ein wenig mitgeholfen.«

Und als das Mahl zu Ende ging, da sprach der Herr Kaiser: »Nun hört, ihr getreuen Herzen, gar viel, was euch erfreuen mag. Die Gnade des Herrn Christus hat Großes an mir getan in diesen letzten Monaten und Wochen, ohne daß ich's wußte, ahnte!

All' das schwarze Gewölk, das ich über dem Reiche drohen sah auf vielen Seiten, hat er hinweggeblasen, ohne mein Verdienst, mit dem allmächtigen Hauche seines Mundes. Gar viele freudige Kunden trafen in diesen Tagen zusammen unter diesem schlichten Dach: wohl darf der Kaiser heut' ein Fest begehen. Mein tapferer Sohn Pippin hat den trotzigen Herzog von Benevent geschlagen. Mein tapferer Sohn Karl hat den letzten Ring der Awaren gestürmt. Mein Sohn Ludwig,« hier furchte er leise die Stirne – »nun: alle Söhne können nicht gleich kühne Helden sein – mein Sohn Ludwig meldet, mein gewaltiger Feldherr, Graf Wilhelm von Toulouse, hat Huesca und Saragossa in Spanien bezwungen: nur Tortosa trotzt noch: davon alsbald mehr! Der Kalif von Bagdad, mein trauter Freund, Herr Harun Alraschid, – er ist ein edles, ein kluges und ein heiteres Haupt: aber seine Neigung, verkappt im Land herumzustreichen, ist doch zuweilen – nicht ungefährlich: ich mache ihm das sobald nicht wieder nach –! hat mir die Schutzgewalt über das Grab des Heilands zu Jerusalem übertragen, sie fortab vereint mit ihm zu üben. Mein Comes Stabuli Burchard hat die sarazenischen Seeräuber mit meiner fränkischen Kriegsflotte – selbst hab' ich sie geschaffen! – bei der Insel Korsika geschlagen: – dies Eiland und der Balearen eine – ich weiß wirklich gar nicht so genau, wo die schwimmen! – haben meine Frankenschiffe erobert. Und der neue Dänenkönig Hemming bittet um Frieden.«

»Herr,« rief der Seniskalk, »von allen Seiten strömt's wie Wunder auf Euch ein. Der Himmel hilft Euch sichtbar!« »Ja,« sprach der Kaiser, langsam den Silberbart streichend, »dem Herrn allein die Ehre!« Da trat Hülsung der Westfale mit einer Meldung an des Bischofs Seite. Der sprach tief gerührt:

»Gott hat auch dieses schön gefügt! Der Mönch – Fidus – der gute ... –« »Was ist mit ihm?« fragte der Kaiser. »Aus vollem Herzen billigte und lobte ich, Herr Bischof, die Buße, welche Ihr ihm auferlegt. Das habt Ihr gut gemacht.« Da fragte Muthgard – freundlich sah sie dem Bischof in die Augen und ohne Zucken erwiderte der den Blick; »Ich erfuhr – von Graf Francio – des guten Mönches Schuld und daß Ihr – Ihr! – seine Buße bestimmen solltet. Was habt Ihr ihm auferlegt?« Bevor der Bischof antworten konnte, erwiderte der Kaiser: »Er hat ihm auferlegt, das Grab seines geliebten Weibes aufzusuchen und dort für beider Seelen Heil ein Vaterunser zu beten.« Da reichte Frau Muthgard Herrn Richwalt über die Tafel hinüber schweigend die schöne, weiße, schmal zulaufende Hand. Er drückte sie fest und fuhr ruhig fort: »Er war schon recht schwach, der gute Alte, da er von mir Abschied nahm; nun meldet dieser treue Mann, Hülsung der Westfale –« »Ich kenne ihn wohl,« nickte der Kaiser. »Das alte Sachsenrecht wird eifrig in diesem Geschlecht überliefert. Und minder nicht die alte Heldensage: gar manches Stück vom Kampf auf roter Heide hab' ich von den Männern und Frauen des Hülsenhofes mir und Einhard erzählen lassen – keiner weiß so viel davon wie die Hülsunge! – für meine große, große Sammlung solcher Sagen. Gebt ihm einen vollen Becher meines besten Weines, Hülsung dem Westfalen.«

»Ich hatte ihn zum Führer der Bedeckung des Mönches bestellt. Sprich du selber, Hülsung.«

Der Westfale neigte sich tief vor dem Kaiser und hob an: »Sowie er das einsame Grab wiedergefunden, das er selbst gegraben hatte, – das Kreuz ragte noch ein wenig aus dem hohen, frisch gefallenen Schnee – da hat er mir und den Wehrmännern geboten, zurückzutreten. Mit lauter Stimme hat er dann das ›Vaterunser‹, gesprochen und sich nach dem ›Amen‹ auf den Schneehügel geworfen mit dem Rufe: ›Hercha, liebes Weib! Nun führt uns Gott der Herr zusammen für immerdar.‹

Lang lag er so schweigend, regungslos mit ausgebreiteten Armen; als ich hinzutrat, ihn aufzuheben, da war er tot. Und ein selig Lächeln hatte die Züge des Greises verjüngt. Da gruben wir ihm ein Grab neben seinem Weibe und ließen die beiden Gatten schlafen nebeneinander im einsamen Walde.«

»Er war getreu bis in den Tod,« sprach der Kaiser. »Herr Christus – vergib ihm seine läßliche Schuld! Hätt' ich Frau Hildigard aufgeben sollen, – ich weiß nicht, ob ich mich nicht viel heißer versündigt hätte. – Ja, die! – Frau Hildigard!« – Er schwieg; plötzlich rief er: »Lindmuth, Kleine! Du hast ja Tränen in den Augen!« »Verzeiht mir – Herr Kaiser, – bei einem frohen Mahle! Aber ich habe Fidus sehr, sehr lieb gehabt.« – »Komm zu mir! So! an mein Knie. – Einmal darfst du mir noch den Becher füllen: ich habe den letzten – den dritten – Trunk gespart – zu gutem Abschluß. Bleib' nur hier, an meinem Knie: du bist wie der Frühling, wie sie auch meines Lebens Frühling war.

Ich bin noch nicht zu Ende mit meinen Botschaften. Das Beste, das Größte hab' ich zum Schluß aufgehoben.« Er winkte Audulf, nahm diesem eine mächtige Pergamentrolle mit schwerem Siegel ab und hielt sie in die Höhe. »Hier! Das langersehnte Schreiben aus Byzanz. Der Kaiser daselbst hat – endlich! – mich als Kaiser anerkannt: » stolz und freudig leuchteten die blauen Augen: »Der Kaiser dort nennt mich ›seinen Bruder‹, nennt mich ›Basileus‹ und ›Imperator‹! Das ist, seit Papst Leo mir die Krone aufgesetzt, das mächtigste Geschehnis in der Welt. Der lange Krieg mit Byzanz, er ist zu Ende. Versöhnt sind Abendland und Morgenland, die ganze Christenheit hat Frieden. – Und was schreibt nun mein Gesandter aus Byzanz? ›All' meine Mühe war umsonst – da lief ein Schreiben ein des Bischofs von Arezzo‹ – der Kaiser blickte hinüber zu Richwalt, der die Augen niederschlug – ›das hat ihn völlig umgestimmt, Nikephoros den Kaiser – so sagte der selbst ihm – so geistüberwältigend hat es ihm dargewiesen, daß seines eigenen Reiches Vorteil wie des Abendlandes diese Anerkennung und die Versöhnung fordere.‹ – Der Mann, der diese Staatsschrift verfaßt hat, darf mir nicht Bischof von Arezzo sein: – das kann ein andrer auch – und vielleicht besser. Mein Kanzler Rado ist gestorben – er war mir schon lange zu alt und langsam – ich brauche einen raschen Geist um mich, einen Mann von klugen, scharfen, feinen Gedanken, der das Herz des Menschen kennt in allen seinen Tiefen, in seinen Schwächen und Leidenschaften und in seiner Heldenkraft. Diese aber ist: die Stärke der Entsagung. Denn es ist mir lang aufgegangen: das ist die Tugend, die der echte Christ und der echte Held – und sei er Heide! wie mein Freund Harun – gemein haben: die allüberwindende Stärke der Entsagung, die Tod und Schmerz nicht scheut, nein, freudig überwindet, weil also Gott, weil so die Treuepflicht gebeut. So war Fidus, der alte Mönch, der leibschwache, ein Held, wie's dieser starke Volkfried da zu meiner Linken ist. Der Kanzler, den ich brauche, – der seid Ihr, Herr Bischof. Ich werde das schon durchsetzen bei dem Herrn Papst; er hat mir das gleiche wiederholt bewilligt. Und als mein Kanzler und oberster Palatin dürft Ihr auch, obzwar Bischof, die Waffen führen. Nur Ein Feind ist noch unbezwungen. Im Laufe des Jahres wird ein neuer Feldzug nötig gegen die Araber in Spanien: zweimal hat mein Sohn Ludwig vergeblich Tortosa belagert: es muß fallen! Das ganze Heer des Reiches send' ich dazu aus. Und Ihr, Herr Kanzler, sollt dies Heer mir führen. Man weiß, daß Ihr die Heere wie das Schwert zu führen wißt. Nehmt hin – hier – Audulf, reich' es ihm! – mein eigen Schwert. Ich weiß, vom Sieg umlaubt bringt – oder«, und der Kaiser sah ihm gütevoll, aber traurig, tief in die Augen und flüsterte »oder schickt – Ihr mir's zurück.«

Da fuhr er auf vom Sitz, der sonst so streng sich bändigende Mann, mit beiden Händen griff er leidenschaftlich nach dem breiten eingescheideten Schwert, das ihm Audulf darreichte: er riß es an sich, er drückte es an die Brust, er küßte hastig den Knauf: er konnte nur stammeln: »Dank Euch, mein Kaiser!« Und die so traurigen Augen strahlten vor glückseligem Stolz.

»Und ich werde dafür sorgen,« fuhr der Kaiser fort, »daß Ihr zwar nicht unsre Freundin Muthgard selbst, aber deren jüngeres Ebenbild oft am Hofe seht. Nein! Erschrick nur nicht. Ich schleppe dich nicht fort von den Eltern – noch nicht! Aber in ein paar Jahren! Ich habe, Frau Muthgard, am Hofe einen gar feinen Knaben von zwanzig Jahren, den Sohn des Grafen Wido: von dort, wo der starke Rhein die schlanke Jungfrau Mosel sich vermählt. – Was sagt Ihr zu dem künftigen Eidam?« »Aber Herr Kaiser,« sprach die Frau. »Wie mögt Ihr spottend scherzen mit der heiligen Ehe? Eines schlichten Freisassen Kind und ... –«

»Ja so!« Und er lächelte vergnügt vor sich hin. Er schwieg eine Welle und strich den schönen, langen, blütenweißen Bart. Dann sprach er laut, ohne irgendeinen der Tischgenossen dabei ins Auge zu fassen, gerade vor sich hin: »Ein Gesandter der Wilzen kam vor einer Stunde. Sie unterwerfen sich. Sie bitten um Erlaß der Strafe. Esesfeld ist von ihnen geräumt. Die Burg muß erweitert werden, aus der schmalen Grafschaft mach' ich eine große Markgrafschaft. Herr Markgraf von Esesfeld, zieht ein in Eure Feste!«

Er rief das so laut, jetzt plötzlich in der Richtung auf Volkfried blickend, daß dieser sich umwandte, den so Angeredeten zu sehen.

Aber hinter ihm stand niemand.

Erstaunt sah er nun auf den Kaiser; der aber lachte laut und sprach: »Du, Volkfried, bist der Markgraf von Esesfeld. Deiner Treu' – ich habe sie erfahren! – vertrau' ich diese schwer bedrohte Mark. Aber ein Markgraf muß breite Hufen haben. Das Allod des Verräters Hardrad ist dem Krongut verfallen: – nach Abzug alles dessen, was der Elende deinen Nachbarn wider Recht abgepreßt – ich schenk's dir, Markgraf Volkfried: es bleibt noch all' genug! Ihr aber, schöne Frau Markgräfin ...«

Jedoch Frau Muthgard rang schon lang mit sich gewaltig. Sie konnte sich nicht der Freude voll hingeben. Statt frohen Stolzes lag der Ausdruck der tiefen Beschämung, der Scheu, der Reue auf ihrem edlen Antlitz: ihr Busen wogte, die sonst so weiße Stirn erglühte, die Nüstern der fein geschnittenen Nase zuckten; – plötzlich sprang sie auf, warf sich ungestüm zu Füßen des Kaisers und streckte beide Hände wie abwehrend gegen ihn empor.

»Halt ein! Herr Kaiser! Halt! Ihn belohnet – nichts ist zu viel! – er ist das treueste Herz der Welt. – Ich aber verdiene nicht Lohn, – Strafe verdien' ich für schwere Schuld. Seit Monden lastet sie auf mir! – Ich muß es von der Seele wälzen! Bestraft mich! Ich ward Euch ungetreu und Eurem Recht!«

Staunend, mit großen Augen sah Herr Karl auf das schwer ringende Weib.

»Seit ich gewußt« – fuhr sie in atemloser Hast fort –«der Kaiser steht vor mir, wollt' ich's Euch gestehen – Euch allein – Euch im geheimen. Aber nun! Nun, da Ihr solche Huld – wie nur Gott oder doch wie nur ein sehr großer Kaiser kann – ausgeschüttet über mich und all' die Meinen – nun sei's meine Strafe, daß es alle hören. Ich – ich – habe – meines Mannes Bruder – Volkhelm, der da draußen schläft im Wald, – als er geächtet war – zwar nicht ins Haus genommen, so heiß er bat! – aber – er war am Verschmachten – ich hab' ihn – vor dem Hofzaun – gespeist und getränkt! Wir wollten – beide – schon bevor wir in die Bärenhöhle flohen – zu Euch nach Aachen gehen und Euch alles sagen und Euch fragen – denn wir wissen's nicht! – welche Strafe steht darauf? Sagt's, Herr Kaiser, und gebet mir keine Gnade! nein: meine Strafe! – ich flehe Euch drum auf meinen Knieen.« Und sie schwieg erschöpft und warf die beiden zusammengeschlungenen Hände auf des Kaisers Kniee und fest darauf drückte sie den herrlich gerundeten Kopf, und über ihren Nacken floß gelöst das wunderschöne blonde, das wellige Haar. –

Tiefe Stille entstand in der Halle: niemand wagte ein Wort: – die Leute hielten den Atem an: denn der Kaiser sah sehr, sehr ernst auf das gebeugte Weib, das vor ihm lag. Endlich – nach geraumer Weile, sie schien den Gästen allzulange – sprach er: »Du willst es. So werde dir dein Recht. Hülsung, alter Schöffe: du warst dabei, als wir das Sachsenrecht neu ordneten zu Aachen. Sprich: Finde du das Urteil: was sagt für diese Tat das Sachsenrecht Herrn Karls?«

Der Westfale erhob sich, tief erschrocken: »Herr Kaiser – Ihr werdet doch nicht? – Ihr wolltet ...?« –

»Soll Kaiser Karl zweimal um ein Urteil bitten?« sprach der Gewaltige mit drohender Stimme. »Sprich, Schöffe! Oder kennst du nicht dein eigen Sachsenrecht, das du mit verzeichnen halfst?«

Da sprach der Mann, die linke Hand auf die Brust legend, die rechte hoch erhebend, feierlich: »Ich weiß das Sachsenrecht Herrn Karls: Wer einen Ächter hauset oder hofet, der soll des Todes sterben.« – »Das hat sie nicht getan! Weiter.« – »Wer aber einen Ächter speiset oder tränket, der soll den Hals in Ketten tragen bis an sein Ende, solang er lebt.«

Alles blieb still in namenlosem Schrecken.

Nur Lindmuth trat vor und hob beide Hände bittend zu dem Kaiser auf.

Der aber sprach, die hohe Stirn entwölkend, – und wunderschön leuchtete nun der milde, freudige Blick des blauen Auges: – »Du hast den Spruch gehört? Du willst nicht Gnade, sondern Strafe – nimm sie denn.« Er löste von seinem Halse die schwere Goldkette, die in zwei breiten Schnurreihen zweimal ihn umschloß, und hing sie um den weißen Nacken der knieenden Frau.

»Steh auf, Frau Muthgard, viel Schöne und viel Getreue! Und trage diese deine Strafe bis ans Ende. Gott segne dir, mein Töchterlein, dein klares Antlitz und deine klare Seele,« sprach der Kaiser und strich ihr leise über das Haar.

Langsam erhob sich, leise bebend, die edle Gestalt. –

»Dank!« hauchte sie. Dann suchten ihre feuchten Augen das Auge des Gemahls: der drückte ihr nur stumm die Hand: – sie war so schön wie nie zuvor.

Lindmuth schenkte Richwalt ein: aber der Becher war ganz voll – es war nur eine List – »Mein Freund und – o mein Herr!« flüsterte sie, »ich will mich aber gar nicht vermählen. Ich will immer bei der Mutter bleiben, abends für Euch beten, aber auch des Tages über recht viel an Euch denken: mit geschlossenen Augen – da geht es am besten! – Euer Antlitz schauend und ... –« – »Die Mutter wird dich selbst an den Hof schicken.« – »Treff' ich Euch dann am Hofe?« fragte sie rasch und freudig. – »Gewiß! Ich werde dich dann vielleicht – aber beeile dich: in zwei Jahren triffst du mich nicht mehr dort! – selbst mit dem Grafensohne trauen.« – »Ich mag ihn aber gar nicht!« »Das ändert sich, mein Kind. Er ist sehr schön: du wirst ihn schon mögen, wenn ich ... geh, schenke Herrn Audulfs leeren Becher voll.« Und er schob sie sanft von seiner Seite weg. –

Herr Karl aber erhob seinen Pokal und rief mit freudiger Stimme: »Erst laßt uns demütig dem Herrn Christus danken, der alles dies so wunderbar gelenkt: – Herr Gott, wir danken dir! – Und nun ruft Heil mit mir, ein lautes Heil: dem Kanzler und dem Markgrafen Heil. Sie waren treu: – treu bis zum Tod – drum hat sie Gott mit Sieg gekrönt!«

*

 

Zehntes Kapitel.

Es war im Spätsommer dieses Jahres.

Ausgebaut, vollendet war die Burg zu Esesfeld.

Auf dem Dache des höchsten Turmes flatterte der blumenbunte Kranz, den die Zimmerleute als frohes Zeichen des Abschlusses ihrer Arbeit um den Firstbalken geschlungen hatten.

Auf der Zinne seiner Burg aber stand der Markgraf der neugeschaffenen Eidermark, an seiner Schulter lehnte seine schöne Markgräfin, an beider Kniee schmiegten sich die Kinder. Das Jahr war ein reichgesegnetes gewesen: überall, wohin das Auge traf, strotzte das fruchtbare Land: Spelt und Hafer nickten mit wehenden Halmen im sommerlichen Abendwind. Denn es sank der Tag.

Und der Markgraf streckte den rechten Arm aus und wies seinem Weibe nach allen Himmelsstrichen, wie weit sein Amtsgebiet sich dehne, und wo das Kronland mit des Markgrafen Allod oder Lehngut grenze. – »Sieh«,« schloß er, »soweit du schauen magst, – all' diese reichen Felder: sie sind mein eigen.«

Da hob sich die Brust der Frau voll höchsten Stolzes auf ihren Mann: sie schlug den holden Blick zu ihm empor – sie drückte zärtlich, verborgen vor den Kindern, seine Hand und flüsterte ihm zu:

»Und all' das hast du erreicht, nur durch die eigene Kraft und Treue. All' das dankst du dir selbst, allein! O Volkfried, was bist du für ein Mann! Wie ich dich liebe!« Und erglühend barg sie das schöne Haupt an seiner Brust.

Und die Abendsonne legte ihren vollen Strahlenguß auf die Frau: es leuchtete wie Gold ihr wellig Haar!

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Und dieselbe Abendsonne leuchtete zur selben Stunde im fernen Spanien auf ein blutig Feld.

Die große Schlacht vor Tortosa war geschlagen: ein Sieg der Franken, wie er seit vielen, vielen Jahren nicht erfochten worden war. In zwei Tagen hintereinander hatten die Christen das Entsatzheer abgewehrt, welches in ungeheuren Massen von Cordoba herangezogen war: und gleichzeitig den letzten verzweifelten Ausfall der Belagerten. Lange, lange schwankte die Schlacht hin und her. Endlich hatten sich vor den Reihen beider Heere getroffen und im Einzelkampf gemessen ein Palatin der Franken und der große Emir von Cordoba selbst, Ibrahim, »der Zauberer des Schwertgefechts«, wie ihn der Islam in ganz Spanien und Afrika pries: als ihn nach hitzigem Gefecht ein Stoß durch die Kehle vom Rosse warf, da hatte das Entsetzen seine heulenden Araber in wilder Flucht entschart. –

Da war auch die gleichzeitig ausfallende Besatzung von Tortosa in die Feste zurückgetrieben worden: mit den Weichenden vermischt waren die Franken in das Osttor der Stadt eingedrungen: die Geschlagenen flohen zum Westtor hinaus.

Damit schien dem durch zweitägiges Ringen gegen die Übermacht erschöpften Heer der Sieger für diesen Abend der Arbeit genug getan und übergenug: denn die heiße Sonne des Augustmonds sank bereits.

Aber da sprengte, hochragend auf schwarzem Roß, der Franken Oberfeldherr auf den Marktplatz der Stadt: er befahl, mit Trompetenruf eine kleine Schar von Reitern hier um ihn zu sammeln. Bis ein müdes Häuflein beisammen war, hielt er auf dem Platz: schwer atmend, aber stolz aufrecht saß er im Sattel, vom schwarzen Helm bis an den Wehrgurt war er über und über mit Blut besprengt.

Jetzt trieb aus einer Seitengasse Audulf, der Seniskalk, das matte Pferd heran:

»Wie?« warnte er, »Herr Kanzler? Ihr wollt noch nicht ruh'n? Zwei Tage lang habt Ihr über Menschenkraft hinaus gekämpft, – über Menschenmaß hinaus gesiegt. Erst Ibrahim vom Gaul gestochen! Und der Erste im Tore von Tortosa! Ihr blutet aus vielen Wunden!«

Aber der Kanzler hob sich hoch in den Bügeln: »Keine tief genug!« Aus seinen dunkeln Augen leuchtete ein wunderbares Feuer: nicht einem Lebenden, einem bleichen Geist der Schlachten sah er ähnlich. Er hob schräg den Arm hoch und wies wagrecht mit der schmalen Klinge nach Westen dem Feinde nach: »Blast! Blast zur Verfolgung! Herr Karl und Sieg!«

Und bei dem schmetternden Rufe der lauthallenden Reiterfanfare – vom Knaben auf vor allen andern Tönen hatte er diesen Klang geliebt! – in Kampf und Tod treibt er, zwingt er, reißt er hinein! – jagte Richwalt, hell aufjauchzend vor Kampfes- und Siegeslust, weit voraus den Seinen zu dem Westtor hinaus. Verwildert in dem langen Kriege war ihm Bart und Haar: im Westwind flogen wieder aus dem Helm ihm nach die langen dunkeln Locken, wie er sie, vor dem Mönchsgelübde, in froher stolzer Jugendzeit getragen: durstig sog er tief noch einmal die Luft, die Lust, den Stolz des Lebens in vollen Zügen ein. Die andern konnten ihm nicht folgen: bald war er ganz allein.

Am Rand eines Piniengehölzes hatte sich, den Rückzug der Massen zu decken, ein Häuflein arabischer Pfeilschützen in dem Waldgraben festgesetzt: – eine bunte, mit vielem Gold geputzte lange Fahne ragte aus ihrer Mitte. Kurz vor Pfeilschuß vor ihnen hielt der Reiter auf der breiten, ganz offenen Heerstraße: er schleuderte den Helm von dem Haupte, schnallte und riß die Brünne von der Brust, ließ den Schild vom linken Arme fallen und sprengte unter die Feinde mit dem jauchzenden Rufe: »Karl und Muthgard!«

Sie schossen ihre kurzen, spitzen, schwarzen Pfeile ab: – ein ganzes Schwirrgewölk davon zischte ihm entgegen: – aber sie hielten nicht stand, als der mächtige Rappe nun in edlem Schwunge stolz wiehernd unter sie setzte: den Bannerträger holte der Verfolger noch ein, durchstach ihn und riß ihm die Fahne aus der Faust.

Dann stürzten, von vielen, vielen Pfeilen getroffen, Rappe und Retter.

In der Ferne, im Westen, verschwanden die fliehenden Feinde.

Die Abendsonne schien voll zwischen den Wipfeln der Pinien hindurch in das bleiche Antlitz; er hatte die Augen geschlossen. –

»Um Gott, Herr Kanzler!« rief nach kurzer Welle der graubärtige Audulf, über ihn gebeugt. »Ich sah – was Ihr getan! Ihr habt ihn gesucht, den Tod.«

»Nein,« sagte der Sterbende, fest, die Augen nochmal aufschlagend: »den Sieg und – endlich – den Frieden! Bringt dem Kaiser dieses eroberte Banner; es ist das zwölfte. Und hier – sein Schwert – gebt es ihm zurück. Ich hab's geführt, wie er – erwartet hat. Nun sterb' ich doch, ein Held, für ihn, wie einst sein Roland fiel – bei Ronceval. Grüßt ihn und ... Ah, da ist sie schon! Sie schreitet, nein, sie schwebt heran! Sie lächelt: den Himmel seh' ich strahlend offen stehn! – Muthgard! Der Ehre und dir – bis zum Tode – getreu.«

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