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Bis zum Tode getreu

Felix Dahn: Bis zum Tode getreu - Kapitel 6
Quellenangabe
authorFelix Dahn
booktitleFelix Dahn. Neue wohlfeile Gesamtausgabe. Zweite Serie. Band 2
titleBis zum Tode getreu
publisherBreitkopf und Härtel
printrun21. bis 30. Tausend
yearo.J.
firstpub1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161205
projectid45c3a429
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Fünftes Buch.

*

 

Erstes Kapitel.

Einstweilen hatten sich auch bei dem andern Königsboten seltsame Dinge begeben.

Sowie der Bischof durch Lindmuth die ohne Zweifel mit Ächtung oder Tod bedrohte Tat Volkfrieds erfahren, hatte ihn blitzschnell der Gedanke gefaßt: »Er also stirbt.« Darüber hinaus wagte er kaum zu denken; er verscheuchte sogar in Scheu die heißen Träume, die ihm aufsteigen wollten: »Sie ist dann schutzlos, ganz in meiner Hand! Sie und ihre Kinder, von meiner Güte abhängig oder meiner – Gewalt.«

In dieser Stimmung hatte er, sofort nachdem er Muthgard aus der Höhle gefolgt war, jenen Bericht an Graf Francio geschrieben. Aber das ward alles anders auf Einen Schlag, als er nun die beiden Gefangenen vor sich sah: nicht mehr die Traumgestalten seiner wilden Phantasien, seiner schlaflosen Nächte voll Hassens oder Verlangens – nein, diese beiden Menschen selbst: Schulter an Schulter gelehnt, bleich, mit den Spuren der solange getragenen Leiden, wirkliche, lebende, unglückliche, wackere Menschen: – da war es ihm plötzlich unmöglich geworden, zu denken an Vernichten, an ... Rauben!

Einer der Knechte, der das Wort vom Galgen gehört hatte, fragte ihn, mahnend. – »Was?« rief der Bischof, ganz erschrocken, mit einem Blick auf Volkfrieds mannhafte Gestalt. »Das hätt' ich gesagt? Unmöglich! Oder nur im Fieber! Ich will nicht daran erinnert sein! – Nein,« fuhr er nun, zu sich selber redend, fort. »Wohl soll er sterben: – aber anders.«

Er hatte sich vorgesetzt, die Gefangenen als deren Richter zu vernehmen. Er setzte sich auf der Lichtung vor der Höhle feierlich auf einen mitgeführten Faltestuhl und ließ die Gatten vor sich rufen. Aber sowie Muthgard nun vor ihm stand, – da sprang er auf und stieß den Stuhl um – in den Schnee. –

Auf sein Gebot erzählte Volkfried alles, was geschehen war. Finster, schweigend sah der Bischof vor sich nieder. Die Frau warf ihm einen großen, stolzen, fast drohenden Blick zu: »Herr Bischof – Acerbus –: ich kannte einen Richwalt, von dem hab' ich Gemeines nie gedacht. Ihr werdet nicht diesen Schuldlosen – – ermorden.« »Da sei Gott vor!« rief der Bischof. »Vielmehr ...« Er winkte nun Volkfried, allein heranzutreten. Muthgard, zürnend die weiße Stirne furchend, schritt langsam hinweg.

Die beiden Männer aber traten nun einander gegenüber Aug' in Auge: lange schwiegen beide.

Volkfried musterte aufmerksam den Feind, den Todfeind, in dessen Hand sein und seines Weibes Schicksal lag. Eine hohe Gestalt, noch höher aufgeschossen als der stattliche Volkfried, fast allzu hager, noch schlanker sich ausnehmend in dem schwarzen, weitflutenden Bischofsmantel mit sparsam, aber geschmackvoll verwendeter Goldstickerei. Keine Spur von Fülle an dem, wie es schien, ganz aus Muskel und Sehne gefügten fleischarmen Leib: die Unrast dieses Geistes ließ Behäbiges nicht aufkommen an dem Körper, der sein Gefäß war: stark, aber auch geschmeidig, wie edelster Stahl. Tief lagen in den Höhlen die dunkeln, aber in unstetem Feuer leuchtenden Augen, von langen schwarzen Wimpern beschattet, überwölbt von hochgeschweiften, starken, Trotz drohenden Brauen. Das längliche Kinn war kräftig gerundet, der feine, aber festgeschlossene Mund bekundete starken, viel erprobten Willen: die oberen Zähne und die Oberlippe überragten ein klein wenig die unteren Zähne und die Unterlippe, – die Folge jahrelanger Bändigung des Gefühls, des Wortes, ja der Miene. Das schmale, langgestreckte Antlitz war edelschön: auf der mächtigen, stolzgewölbten Stirn thronte königlich, nach manchem Kampfe sieghaft, der Gedanke. Aber eines fehlte zur Vollendung diesem Männerangesicht: – der Friede. Ganz marmorweiß, wie blutlos, geisterhaft bleich war seine Farbe: jedoch hin und wieder, wann heiße Gedanken durch dies Gehirn fuhren, dann schossen plötzlich in die weißen Wangen aus dem Herzen empor heiße Blutwellen, mit flammenden Lohen sie rötend: trotz jahrelanger Zucht der Selbstbeherrschung zuckten dann, den Sturm im Inneren verratend, die so festgeschlossenen Lippen und wie Wetterleuchten flog es über die stolzen Züge.

Volkfried schloß seine lange Musterung: »Rastlos – friedlos – glücklos – unselig, nicht aber bösartig ist dieser Mann. – Seltsam! Ich lese doch in seiner Brust: er liebt sie noch – wie damals! Und doch – schon damals konnt' ich ihn nicht hassen: – ich kann's auch jetzt nicht. Und wie« – und er bebte vor Zorn bei der Erinnerung – »haßt' ich jenen Fortunat!« –

Gleichzeitig hatte auch der Bischof Volkfried geprüft, das satte Blond von Haar und Vollbart, die stattliche männliche Gestalt, die mächtige breite Brust, das offene regelmäßige Gesicht, auch jetzt so ruhig im Ausdruck, die treuherzigen, großen, hellgrauen, echt germanischen Augen. Der Mann gefiel ihm gut im tiefsten Grund der Seele. So maßen sich prüfend die beiden Männer, jeder lesend in den geheimsten Gedanken des andern.

Endlich sprach der Bischof leise: »Hättest du, Volkfried, damals den Kampfgang angenommen! Es wäre nun besser: so oder so – Noch einmal: – heile deine Wunden vollends aus – ich will geduldig warten, bis du deine ganze Kraft wieder gewonnen hast – und dann – dann laß uns kämpfen um das Leben, um – um alles!«

Aber Volkfried schüttelte ruhig das Haupt. »Niemals. Ich breche nicht des Kaisers Recht.« – »Nicht? – Nun denn! – So trage denn des Kaisers Recht und was du dir – nach diesem Recht – bereitet hast.« Volkfried trat noch einen Schritt näher: »Hättet Ihr – an meiner Stelle – jene Frau dort der Gewalt des Frechen überlassen?« Da schrie der Bischof auf, beide Fäuste ballend, glutrot im Angesicht: »Erdrosselt hätt' ich ihn mit diesen Händen! Doch,« fügte er bei, »Ihr mußtet nach der Nottat bei der Leiche bleiben, das wißt Ihr selbst! Aber – wie dem auch sei: ich richte Euch nicht. Da sei Gott vor, – tretet her und hört es, Frau Muthgard! – daß ich – anders als im Kampf – Eures Gatten Blut vergieße. Nicht vorschnell handl' ich, – streng nach dem Recht. Gewiß ist bereits ein rechtsgültig Urteil über ihn ergangen zu Esesfeld. Dies Urteil – führ' ich einfach aus. Ich muß: es ist des Königsboten Pflicht. Nicht ich: – das Recht hat über ihn zu richten: wer ihn frei gibt oder straft, das ist das Recht, ich bin nur des Rechtes Arm.« »Wir rufen den Kaiser an und sein Gericht!« sprach Volkfried. »Das ist – in diesem Fall – verboten,« sagte der Bischof ruhig; »hier steht's im neuen Sachsengesetz. Ihr könnt – beide – nicht lesen? – Aber – Ihr glaubt mir, Volkfried?« – »Ich glaub' Euch jedes Wort.« – »Jeder – mit bestem Recht – Verurteilte rief zuletzt doch noch des Kaisers Urteil an. Es ward zu viel am Hofgericht. Da erging das Gebot: gegen das Urteil des Grafendings im Sachsenland gibt es keine Berufung an den Kaiser. – Auf! Wir ziehen gen Heidhof. Dorthin ruf' ich Eure Gaugenossen als Zeugen. Ist ein Spruch gefällt, so muß ich ihn vollziehen. Begnadigen kann der Königsbote nicht. Muß aber erst gerichtet werden, – nicht ich, Frau Muthgard, richte dann, wie ich wohl könnte, Euren Mann: – ich will nicht! – dem andern Königsboten, Graf Francio, überweis' ich ihn. Auf, gen Heidhof.«

*

 

Zweites Kapitel.

Auf der ganzen mehrere Tage währenden Fahrt vermied Acerbus die Frau auf das peinlichste. Er sah sie nie an, daß sie es merkte. Nur wann er hinter ihr ritt, sog er ihr Bild mit gierigen Augen ein. Und mußte er in der Enge des Weges einmal notwendig an ihr vorbei, nahm er sich sorgfältig in acht, daß nicht einmal sein weiter Bischofsmantel sie streife: er zog ihn dann fest, mit geballter Faust, an sich, an seine Brust.

»Eh' hack' ich mir,« sprach er zu sich selbst, »mit der eigenen linken Hand die Rechte ab, als daß ich nur an ihre Schulter rühre, – wie sehr es in der Hand mir leise zuckt gegen sie hin, wie heiß ich den Knecht dort beneide, auf den sie den Arm stützt, wie sie sich vom Wagen schwingt! O nur einmal sie fassen – sie erdrücken zwischen diesen Armen! – Mein Leben gäb' ich drum. – Aber nein! Ich wahre ihm sein volles Recht. Er soll nicht sagen, ich habe ihm das mindeste an seinem Weib gestohlen. Sein Recht, sein ganzes, soll ihm bleiben: – aber auch – widerfahren!«

###

Er verlangte von Volkfried bei Beginn der Fahrt das Versprechen, nicht zu entfliehen. Aber der Sachse schüttelte den Kopf: »Ich leide hier Gewalt. Nichts verspreche ich.« Da befahl der Königsbote, den Gefangenen an den Knöcheln beider Füße an den Wagen zu fesseln, auf dem er saß.

Übrigens erholten sich schon in den ersten Tagen der Fahrt die beiden Gatten und die Kinder rasch wieder völlig. Volkfrieds Wunden waren bereits in der Höhle in bester Heilung begriffen gewesen, nur der Mangel an guter Nahrung hatte ihn so lange in Unkraft befangen gehalten; er und die Seinen, die ja nur an Erschöpfung gelitten, erstarkten nun schnell bei den nie gekosteten, edeln Weinen, der erlesenen Verpflegung, die der Bischof aus den mitgeführten reichen Vorräten seinen Gefangenen spenden ließ.

Und die beiden Kinder beschäftigte er gar viel. –

»Weißt du,« fragte Volkbert die Schwester, »wie er aussieht? Wie der wunde Adler mit der gebrochenen Schwinge, den der Vater einst vor unserm Hofe fand. Er schlug ihn vollends tot – aus Mitleid.« – »Nein, ich meine doch anders. Mutter, schau – nur heimlich einmal – den Herrn Bischof an. Sieht er nicht aus, wie in des Fidus bilderbuntem Buch der zornige Erzengel?« – »Sieh ihn nicht an, Kind! Sein Auge könnte bannen.« – »O nein! Er ist so viel gut anschauen. Ich fürchte ihn nicht und nicht sein dunkles trauriges Auge! – Gestern sah ich es sogar – ich fühlt's: es hatte lang auf mir geruht – in hellen Tränen stehn. Mutter, – ich sag' dir was,« flüsterte sie scheu hinauf: »ich hab' ihn lieb.«

Sie warf einen raschen Blick auf ihre Tochter. Das Kind hatte sich – sie sah es wohl – gar seltsam gewandelt seit den letzten Wochen: die zarten Formen hatten sich leise, aber doch merklich mehr gerundet: ihr Auge leuchtete viel mehr als sonst – und oft sah es wie verträumt ins Leere: sie errötete manchmal und senkte dann die Wimpern.

»Jawohl: sehr lieb! Schon gleich zuerst, wie er mich aus dem Schnee, aus dem Todesschlafe hob in seinen starken Armen. Ich war im Himmel gewesen in meinem Traum: – und als das edle bleiche Antlitz auf mich niedersah – glaubt' ich, Er sei mein Schutzengel, den ich so lang schon gern gesehen hätte. Und er hat mich ja auch geschützt und gerettet! Hättest du nur gesehen, wie seine Augen vor Freude blitzten, als er mich aus dem Schnee davontrug. Wie seine Stimme bebte vor Rührung! ›Muthgard‹ nannte er mich zuerst.«

Die Frau schwieg nachdenksam; dann schritt sie hinweg zu ihres Gatten Wagen.

Aber das Mädchen plauderte fort zu Volkbert. »Mich und unser liebes Vögelein – hörst du, es singt in dem Weidenkäfig da hinter uns? Mitten im Winter! – hat er zuerst gerettet. Und dann dich und die Eltern. Elend verschmachtet wären sie ohne ihn. Ja, er ist der Helfer, um den ich unablässig bat und flehte, noch mit letztem Hauch, bevor ich, so süß ermüdet, einschlief unter den dichten Schneeflocken.« – »Aber wenn er es treu meint mit dem Vater, – weshalb legt er ihm Fesseln an?« – »Der Vater trägt keine Fesseln mehr.« – »Seit wann?« – »Seit heute! Die Mutter weinte manchmal: – ganz geheim: aber ich merke es doch. Als ich sie fragte, – weshalb, da wir nun doch in des Kaisers Schutz geborgen seien, als ich immer dringender fragte, da sagte sie: ›Kind, das verstehst du nicht! – Sprich dein Abendgebet für alle, wie ich dich's gelehrt. Aber nicht mehr für Richwalt,‹ zürnte sie, mit ihrem allerhärtesten Blick, – weißt du? wie sie nur schaut, wenn sie nicht auf kurze, wenn sie auf lange Zeit böse wird! – ›er verdient es nicht. Warum ich weine?‹ fuhr sie dann fort. ›Je nun, es grämt mich so, daß der Vater in Fesseln liegt.‹« – »Das ist's wohl nicht allein, weshalb sie so traurig ist. Wie seufzt sie oft!« – »Gewiß. Ich sagte nichts mehr. Bald schlüpfte ich zum Vater hin und fragte, er wolle doch gewiß seinem Richter nicht entlaufen? ›Niemals,‹ sagte der Vater. ›Nur mich beugen – durch ein Versprechen – will ich nicht.‹ Da schlich ich zu dem Herrn Bischof hin –: du weißt, er hält stets das Roß an, sieht er mich auf der Straße in seiner Nähe und wie wird dann sein ernstes, strenges, ja meist finsteres Antlitz manchmal so mild, so schön –! Und ich sagte ihm des Vaters Wort und haschte seine Hand und küßte sie und auch eine Träne fiel mir darauf – da ... fing der Herr Bischof an, am ganzen Leibe zu zittern und zu beben. Und er beugte sich tief herab vom Roß: – wir waren ganz allein: – und küßte mich auf die Stirn. Und dann rief er einen der Speerleute heran. Und schickte mich mit dem zu dem Vater. Und wir lösten dem Vater die Fesseln von den Knöcheln. Siehst du nun, wie gut er ist? Du mußt ihn lieb haben! Du mußt.«

*

 

Drittes Kapitel.

In Heidhof angelangt, ließ der Kaiserbote sofort von den nächsten Höfen die freien Männer zu sich entbieten, mit ihnen über die Zustände im Gau zu verhandeln.

Staunend, zweifelnd, oft das strenge Haupt schüttelnd, hörte ihnen der Bischof zu; es war, als sträube er sich im Herzen, ihnen zu glauben, als widerstrebe er der Überzeugung von des Grafen Druck und Gewalttaten, auch von des getöteten Vizegrafen bösen Lüsten. Seine erste Frage war gewesen, ob etwa das Gericht des Grafen zu Esesfeld über Volkfried den Sachsen bereits geurteilt habe? Da sagten zwölf Männer auf ihren Schöffeneid aus: das Urteil sei längst gefällt und längst rechtskräftig: nicht nur geächtet, sondern obendrein, nach den neuen verschärften Strafdrohungen wegen Tötung von Beamten, zum Tode verurteilt sei Volkfried vom Volkingerhof, zum Tode am Galgen. Als sie hörten, er sei eingefangen, verwandten sich alle dahin, ihn – das durfte der Sendbote – statt dessen enthaupten zu lassen; daß nur der Kaiser selbst den rechtsgültig zum Tode Verurteilten zu Leben und Freiheit begnadigen konnte, wußten sie: so wagten sie keine weitergehende Bitte, wie sehr sie den wackern Mann beklagten.

Der Bischof zog die Brauen zusammen und schloß die Augen. »Das war schon beschlossen. Denn ihm soll nicht mehr geschehen, als das Gesetz erzwingt. Nicht ich töte ihn, Herrn Karls Recht: das will er ja selbst – in allen Stücken – so unverbrüchlich gehalten wissen.« – Und zu sich selber sprach er: » Meinem Schwerte wollte er sich nicht stellen: so treff' ihn denn des Richters Schwert.«

Die Gatten sollten von dem Unabwendbaren erst erfahren, wann es sein mußte. Aber es war dem Bischof nicht wohl bei diesem nun doch unabwendbaren Verderben seines Todfeindes. Oft hörten ihn die Hofleute nachts laut beten oder leise stöhnen. Manchmal schritt er mitten in der kalten Winternacht aus dem Haus, in dem er Wohnung genommen, hinaus in das schneebedeckte Feld, an den Wachen vorüber: die sahen ihn dann die Hände erheben gegen den sternefunkelnden Himmel und laut reden hörten sie ihn: mit sich selber oder mit den Heiligen.

In der vierten Nacht aber steigerte sich noch mehr das Gären und Ringen in dem Manne. Schweigend durchmaß er immer wieder die weite Halle, in welcher er sein ruhlos Ruhebett aufgeschlagen; im Erlöschen glimmte das rote Feuer auf dem Herde.

Endlich sprach er zu sich selbst: »Was nützt es, biet' ich ihm zum drittenmal den Kampf? Mir wäre nun schon viel, viel lieber, ich fiele durch ihn: Aber er tut es nicht. Ich wollt' es ihm so leicht machen!« – Sein Blick fiel auf ein Kurzschwert, das an dem Hallenpfeiler hing: – er machte einen raschen Schritt darauf zu: »Nein! Das ist mir zu feig. Ich lief noch aus keinem Kampfe und noch vor keinem Manne lief' ich: – auch nicht aus diesem und auch vor Frau Muthgard lauf' ich nicht davon. Luft! Luft! Ins Freie!«

Und nun, in dieser vierten Nacht, ist er hinaus, weit hinaus bis in die Wildnis geschritten: eilenden ungestümen Ganges, so weit, daß vom Hof aus auch sein Schatten nicht mehr gesehen werden konnte. Er ging, er lief, er stürmte, er rannte zuletzt immer weiter in den schweigenden Wald hinein, bis er erschöpft auf einer Lichtung innehielt.

Die gewaltigen Bäume ragten in der Ferne um ihn her wie drohende Riesen: es war aber doch nicht ganz dunkel, obwohl der Mond nicht am Himmel stand: der Schnee warf ein bleiches Licht weit von sich und schweigend sahen die Sterne auf den ringenden Mann herab, wie wartend.

Er warf sich auf das Antlitz in den tiefen, kalten Schnee und faltete die Hände und preßte sie vor die glühende Stirn und weinte und betete und schrie zu Gott.

Endlich sprang er wieder auf. »Was soll ich tun?« rief er. »Was? Was? Den Zufall fahren lassen, welcher sie und ihn in meine Hand gegeben? Mein Recht, meine Macht nicht gebrauchen? Sie beisammen lassen? Gehen? Wohin? Wieder in die Einsamkeit? In die fürchterliche, verzehrende Einsamkeit? Die beiden glücklich wissen – jede Stunde des Tages und der Nacht! – und selber elend und einsam sein – jede Stunde des Tages und der Nacht? Immer allein – unter meinen toten, kalten Büchern und Pergamenten – unter meinen strengen, erbarmungslosen Heiligen? Nichts Weiches, Sanftes, Holdes je um mich? Wohl bin auch ich beweibt! Hei freilich! Der heiligen Kirche, der Kirche zu Arezzo bin ich angetraut! O Hohn! Meine Ehefrau: sie ist von Stein. Kann ich ihr vom Munde den Hauch des duftigen Atems schlürfen, den ich ... ahne? Legt sie mir den vollen, den weichen, den weißen, den heißen Arm um den Nacken und flüstert sie mir zu: ›nun, komm, komm zu mir, geliebter Mann, erlabe dich meiner Schöne, meiner Liebe!‹ Kann ich sie küssen, – küssen, küssen ... – bis sie vor seligem Grauen zu vergehen bangt? Was gibt sie mir für solche Wünsche? Ihren Fluch! Wohlan! Er rührt mich kaum!

Ist mein Herz denn tot?«

Er griff, er schlug sich wild an die Brust.

»Nein! Da zuckst du ja noch immer, zuchtloses, pflichtloses, feiges, elendes Herz! – Es ist entsetzlich! Ich – Acerbus! Die schärfste Strenge gegen mich und – ach! gegen andre! – sie war mein Stolz, die makellose Zucht mein Ruhm! – Und wär' es nur um das Priesterkleid! Aber ich blieb doch ein Mann, ein Sachse, da ich Priester ward. Wie lautet unsres Sachsenstammes alter Schwur? ›Bis zum Tode getreu!‹«

Er hielt inne, er unterbrach sich. Er begann nach einer Weile mit ganz andrer, herber, kühler Stimme. »Bah! Wer darf mich darum schelten? Ist's ungerecht? – Und wär' es ungerecht: ich vollstrecke nur das Urteil. Ich hab' es nicht gefällt. Und ich kann ihn gar nicht begnadigen.«

Aber plötzlich brach er ab in diesem Gedanken und rang die Hände hoch ob dem Haupte und schrie in schrillem Vorwurf: »Lüge! Alles Lüge! Selbstbelügung! Und die gleißende lockende Hoffnung, die da kirrt: ›ist er nur tot – so wird alles möglich?‹ O Richwalt, was hilft es dir, kann dich kein Mensch schelten, du aber, – bist du mit dir allein – mußt du dir sagen: ›Und du hast es doch nur getan, weil du sie ihm nicht gönntest, sie selbst gewinnen wolltest.‹

Du schreist, du gehst zugrunde, Herz? So geh zugrunde! siebenmal! – Besser als daß du treulos, ehrlos wirst. – Nein! – Nein! Und wüßt' ich es gewiß – was ach! ja nur ein Traum des Wahnes ist! – sie wird dann mein – nach Jahren! mein: Nein! Ich tu's nicht! Volkfried soll leben. Muthgard soll glücklich sein!«

Er wiederholte nun laut in freudiger Begeisterung: »Ja! Ja! Er soll leben! Sie soll glücklich sein!

Und ich? Und ich?« stöhnte er nochmals auf in tiefster Qual: »Was wird aus mir! Hab' ich nicht auch ein Recht auf Glück im Leben? Richwalt, was liegt an dir? An der Ehre liegt alles! Und an der Pflicht der Treue.«

Und er richtete sich kräftig auf, hob das bleiche Antlitz zu den Sternen: die grüßten nun schweigend, feierlich erglänzend, wie einverstanden, wie segnend.

Und hoch aufgerichtet schritt er rasch nach Hause.

*

 

Viertes Kapitel.

Nach Mitternacht erst kam er zurück in das Gehöft. Die Wachen merkten den Lichtschimmer, den seine kleine irdene römische Ampula warf, alle noch übrigen Stunden der Nacht hindurch.

Nach Tagesanbruch befahl er, Lindmuth zu ihm zu führen. »Das Kind allein! – Ohne – ohne die Mutter,« fügte er hastig bei.

Aber als der Bote ihn verließ und die Tür öffnete, sie zu holen, da stand das Mädchen auf der Schwelle. Sie trat ein; sie fand den Kaiserboten mit dem Antlitz auf sein reich mit Pelzen und Decken ausgestattetes Lager gestreckt; vor ihm auf dem Schemel stand ein hoher Silberbecher. Sie blieb an der Türe stehen, sie erschrak –: so totenbleich waren seine Züge, die Wangen eingesunken, die Mienen verstört. Er richtete sich langsam auf, stützte das Haupt auf die linke Hand und winkte ihr mit der rechten, näher zu kommen; ein sanftes, müdes Lächeln spielte freundlich um die sonst so strengen Lippen. Das Mädchen richtete bang, angstvoll die klaren Augen auf den Mann: es blieb, wo es stand.

»Muthgard,« – sprach er. »Nein! Nein doch! Lindmuth! Komm her.« »Mein Gott, Herr Bischof,« rief sie, nun heraneilend. »Wie seht Ihr bleich! Ihr seid sehr, sehr krank! Ich rufe die liebe Mutter, die versteht ...!« – »Nicht, Kleine, nicht! Noch nicht.« – »Ihr solltet von dem edlen Wein – da! – Randvoll, unberührt steht der Glanzkrug vor Euch! Trinkt davon! Der Feuertrank, der Lebenstrank hat uns allen – dem Vater! Und mir! – so gut getan damals, da wir ganz verschmachtet waren, als Eure Güte uns gerettet hat. Bitte, – trinkt.«

»Ich will, Kind! – Trinke du zuerst! – So! Nun reich' ihn mir. Weißt du was? Wir wollen Freundschaft schließen, Lindmuth. – Willst du's? Ich – ich hab' dich lieb.« »Ich aber hab' Euch sehr lieb gewonnen, lieber Herr Bischof, wie ich zuerst in ... dein Antlitz sah.« Sie sah ihn voll an mit freudestrahlenden Augen, sie errötete nicht. Sie empfand kein Gefühl der Scheu, aber sie war überglücklich in ihrem reinen Herzen. »Ihr habt mich auferweckt von den Toten. Ich meine, wann ich zum zweitenmal auferstehe aus dem Grabe: – der Gottesbote, der mich weckt, muß Eure Züge tragen.«

Der Bischof richtete sich nun rasch ganz auf. »O Kind – laß ab!« Er schwieg eine Welle, dann legte er die Hand auf die Schulter des schönen Mädchens und sagte langsam: »Nicht wahr, Lindmuth, meine Freundin, du kannst gar nicht lügen?« »Nein, Herr,« sagte sie. »Ich sage immer die Wahrheit. Oder ich schweige,« fügte sie gewissenhaft bei. »Das dachte ich wohl. Nun sage mir: du standst dabei – als – jener Vizegraf von deinem Vater erschlagen ward?« – »Ja, Herr!« – »Ist's wahr, daß der Graf und seine Leute mit Gewalt in den Hof brechen wollten?« – »Ja, Herr!« – »Ist's wahr, daß die Sonne schon zu Rüste gegangen war?« – »Ja, Herr. Das heißt: wir sagen nicht: ›zu Rüste‹, wir sagen: ›zu Walde‹ gegangen. Und die Sonne war damals schon gesunken hinter die Eschenwipfel des Westerwaldes.« – »Und was hat der Vizegraf gerufen, wie er sich über den Zaun schwingen wollte?« – »Den Sinn verstand ich nicht; die Worte nur. Er rief dem Fronboten zu, vor allem müsse er die Frau dort greifen, weil sie so schön sei. Er meinte die Mutter, lieber Herr Freund. Und wirklich griff er mit der Linken nach der Mutter. Und da schlug ihn der Vater tot.« – »Nicht eher?« – »Nicht eher.« – »Und ist es auch wahr, daß einer von des Grafen eigenen Leuten dem Grafen Rechtsbruch vorwarf?«

»Ja, das hab' ich gehört.«

»Wie heißt der Mann?«

»Das hab' ich nicht gehört. Oder nicht verstanden. Oder vergessen.«

Acerbus sprang nun von dem Lager auf, so heftig, daß die Kleine ein wenig erschrak. »Ihr seid heute so milde im Gesicht gewesen – und in Euren tiefen Augen – und in der Stimme so sanft: – wollt Ihr nun wieder böse werden?« »Nein, niemals mehr. – Es ist alles so,« sagte er dann; die Halle mit langen Schritten durchmessend, zu sich selber. »Natürlich ist es wahr! Ich hab' es ja auch im tiefsten Winkel des Gewissens stets gewußt, daß es so ist. – Den Schein des Rechts wollt' ich mir selbst vortäuschen. Aber vor dieses Kindes klaren, himmlisch klaren Augen besteht keine Unwahrheit ...! Noch eins, Lindmuth, – dann halt' ich dich nicht mehr.« – »Ich bin aber so gern bei Euch, frommer Herr Bischof.« »Sag,« – hier trat er ganz dicht an sie heran und schaute sich vorher ringsum. »Was habt Ihr? Es ist ja niemand in der Halle.« »Sag,« flüsterte er ganz leise. »Hast du vom Vater – von der Mutter – niemals gehört von einem – Richwalt?« – »Vom Vater nie. – Von der Mutter oft. – Richwalt war eines Grafen Sohn. Er ist verschwunden, wie der Mutter Vater. Die Mutter befahl mir, wie für des Großvaters Seele, so für Herrn Richwalts Frieden zu beten.«

Da brach der Bischof laut aufschluchzend zusammen; er warf sich auf das Lager und begrub das Haupt in den Decken.

Ängstlich sprang die Kleine hinzu: »Herr Bischof! Lieber Herr Bischof! Hört mich doch! Ihr seid ja nun mein Freund geworden. Ihr dürft mir jetzt nicht sterben. Ihr müßt uns ja wieder allen helfen, zum zweitenmal uns retten, deshalb kam ich zu Euch! Ich – Ihr fragtet gar nicht, was mich zu Euch geführt, so früh! Die Eltern wissen nichts davon. – Gestern abend hat einer der Schöffen dem Vater etwas zugeflüstert. Seitdem ward der so ernst; und die Mutter weinte. Sie schalt sehr auf Euch. Der Vater verwies ihr das; er sagte: ›Ich finde keinen Ausweg. Er tut nur nach dem Recht. Ich bin verloren.‹

Nun, lieber Herr Freund, das kann doch nicht sein. Und wenn der Vater keinen Ausweg findet – du findest – Ihr findet ihn gewiß. Ich schlich mich fort – mich trieb's zu Euch. Ihr könnt gewiß helfen – wenn Ihr wollt. Und weshalb solltet Ihr nicht wollen? Du bist ja gut.« – »Gut bin ich gar nicht, liebes, holdes Kind. Aber sei getrost. Ja, ich will helfen! Geh jetzt, kleine Freundin. Und nun, – nun schicke mir deine Mutter.«

Gehorsam wandte sich das Mädchen zum Gehen; an der Türe blieb es stehen und sah zurück: »Herr Freund,« fragte es, – ganz schüchtern kam die Stimme – »Lieber, darf ich nicht – mit ihr zugleich – auch meinen Vater schicken?« – »Ihn? – Auch vor ihm mich so tief beugen? – Aber es ist recht: das ist die richtige Buße für so viel gehoffte, geträumte Sünde. Schicke deine Eltern: – ich erwarte sie!«

*

 

Fünftes Kapitel.

Bald darauf schritten Volkfried und Muthgard, Hand in Hand, in die Halle; sie blieben nah am Eingang stehen. –

Durch den ganzen Raum des Gemaches getrennt stand Acerbus, hoch aufgerichtet, am breiten Eichentische nahe dem Herde; er hatte sich vorgesteckt, sich selbst zu züchtigen, und er hielt Wort. Anfangs freilich kamen ihm die Worte schwer, einzeln, abgestoßen, aus den kaum geöffneten Lippen; aber allmählich riß ihn der Eifer fort, sich selbst zu richten.

»Volkfried,« sprach er, »Ihr seid frei. Ich bin überzeugt, daß Ihr in Notwehr schlugt, obwohl Ihr von der Leiche flohet. Ihr mußtet wohl. Ein rechtsgültig Urteil freilich mußte ich vollstrecken. Aber ich stoße jenes Urteil als ungültig um: – ich nehm's auf mich beim Kaiser: mag er mir darum grollen; er wird nicht lange grollen, wenn er – alles von mir erfährt. Viele Sachsen des Nordgaus rügen Hardrads, Fortunats Frevel und ein Mund, der nicht lügen kann ... Aber nein: auch ich belüge nicht mehr Euch, nicht mehr mich selbst. Es muß, es soll alles gesagt sein. Ich bin nicht erst heute von Eurer Unschuld überzeugt. Ich bin ... ich habe nie so ganz, so wahrhaft an Eure Schuld geglaubt, auch als ich Euch hart behandelte. Ich wollte so gern an Eure Schuld glauben. Denn – und nun merkt scharf auf, beide! – jedes Wort ist mir ein Dolchstich und ich wiederhole keines – denn ich bin ein Sünder.«

Er stockte. Aber gleich fuhr er fort. »Ein arger Sünder. Stets flüsterte mein Gewissen: ›Du weißt es ja, daß er schuldlos ist: du klammerst dich an den Buchstaben des Notwehrrechtes, um ihn zu – auszutilgen.‹ Und ich wollte dich – austilgen, damit ... damit dieses Weib eine Witwe werde.«

Volkfried zuckte und drückte seines Weibes Hand, die er nicht aus der seinen gelassen hatte. Muthgard senkte zürnend das Haupt zur Seite.

»Schont sie,« sprach Volkfried. »Ich weiß alles.«

»Nein!« schrie Acerbus, plötzlich ausbrechend. »Du weißt nicht alles! Und sie nicht. Nur Gott im Himmel und der Satan in der Hölle und mein zermartert Hirn wissen alles. Aber ihr sollt davon hören! Ihr müßt! – Sonst – sonst könnt ihr mir ja nie verzeihen. Ihr liebt euch, in eurer kühlen, schlichten Art, – aber ihr wisset beide nicht, wie ich dies Weib geliebt habe vom ersten Jünglingsalter an. Wie Mondlicht gegen den Feuerstrom, den ich in Welschland aus finstern, harten Felsen brechen sah, – so ist eure Liebe gegen die meine. Ich verzehrte mich um diesen herben spröden Reiz. Als ich sie dein wußte, – unabwendbar dein – als du den Zweikampf weigertest ... –«

Erschrocken sah Muthgard auf ihren Mann.

»Da faßte mich wahnsinnige Verzweiflung! – Ich hätte es weit bringen können in weltlichen Ehren, des reichen Grafen Richulf Sohn. Denn ich war stark und kühn und meine Gedanken waren schnell und scharf und sehr mannigfaltig. Keinem Großen Herrn Karls wollte ich – auf die Dauer – nachstehen. Jetzt aber floh ich aus dem Stammhofe meiner Ahnen: – mein greiser Vater sah mich niemals wieder: er starb gar bald vor Gram um den Verlorenen. Ich lief zum nächsten Priester, den ich finden konnte: – ich schwor der Welt, all' ihrem Ruhm, all' ihrem Reichtum, all' ihren Ehren, ihrer Lust und aller Frauenliebe ab. Ich ward Mönch, Priester: kein Kloster war mir streng, keine Regel grausam genug. Ich lernte alles, was ich zu lernen fand an Wissen in Francien, in Italien. Ich ward geehrt in jungen Jahren wegen meines Wissens, gefürchtet wegen meiner Strenge. Ich stieg rasch: ich ward Abt, ward Bischof. Und derselbe Acerbus, der jeden jungen Priester zu furchtbarsten Geißelungen verurteilte, wenn er beichtete, daß sein Blick mit Wohlgefallen geruht auf eines Weibes nacktem Arm – derselbe Acerbus, – o Frau, tritt von uns hinweg! du aber höre mich: du bist ein Mann! Bist ihr Mann freilich, gerade darum sollst du's hören!« –

Sie wandelte mit gefurchter Stirn im Hintergrunde der Halle auf und nieder, mit gemessenen, langsamen, feierlichen Schritten. – »Ich ward Tag und Nacht verzehrt von rasender Sehnsucht! Du kannst mich, wenn du willst, mit diesen meinen Worten beim Kaiser und beim Papst verderben. Tu's! Und willst du noch barmherziger sein: nimm jenes Kurzschwert von dem Pfeiler dort und stoß mich nieder! Ich werde dir's danken. Denn ich hasse mich. Vielmehr als dich. Dich haß' ich längst nicht mehr.

Um sie, um sie ist all' mein Heldentum dahin! Ich war schon ein Held: ein größerer wär' ich noch geworden! Jedoch sie – sie hat mich im tiefsten Mark geknickt! Ach vergangen – um Muthgard! – ist all' meine Weltfreude, meine Schwertfreude – ach, dahin, dahin um sie ist all' mein Heldentum!

Jahrelang fand ich fast keinen Schlaf. Euch beide sah ich, Brust an Brust geschmiegt, vor meinem Lager stehen. Ich fing an, im Halbschlummer zu wandeln. Ich erwachte einmal, wie ich, im Traume dahinschreitend, die weiße Marmorsäule meines Schlafgemaches im Bischofshause zu Arezzo umschlungen hielt mit beiden Armen.

Mein Beichtiger sagte: ›Du bist besessen von einem bösen Dämon. Bete, geißle dich, vergiß.‹

Und mein mönchischer Arzt sagte: ›Du bist todkrank in Herz und Hirn und Blut und Mark! – Wahnsinnig bist du. Oder wirst es morgen: – laß dir zur Ader, bis du umfällst.‹

Aber mein sarazenischer Arzt – er war ein Sklave des Bistums, ein gefangener Araber aus Spanien – der sprach: ›Der einfältige Priesterarzt! Ich kenne ihn, diesen bösen Dämon. Himeros heißt er auf griechisch. Ihr seid liebessiech. Ist auch kein Wunder. Ein Mann wie Ihr! Vier Weiber brauchtet Ihr! Wir Söhne des Propheten, wir verstehen uns besser darauf. Ein Mann ohne Weib ist ein Kopf ohne Rumpf. Seid klug. Werft diesen Bischofsstab weg: – er freut Euch herzlich wenig: Ihr braucht ein Schwert fast so notwendig wie ein Weib! – Flieht nach Cordoba. Schon mancher Franke hat's getan, hat dort sein Glück gefunden. In einem Jahre seid Ihr einer unsrer ersten Fürsten und in Eurem Frauensaal habt Ihr zwanzig Arzeneien.‹

Ich stieß ihn mit der Faust von mir. Ein Richwalt löscht seine Flammen nicht mit Kot. Lieber verbrennen! Ich ließ mein Blut strömen, bis ich umfiel, und zergeißelte mich und fastete und trug unter härenem Hemde einen Stachelgürtel viele Jahre. Und wenn ich in eine bilderreiche Handschrift blickte – jeder Frauenkopf ward zu Muthgard! Und es blieb immer das gleiche, all' diese Jahre! Und – hört es, Frau Muthgard! – meiner Seele Frieden – fand ich nimmermehr! Wahrlich: Euer Glück, haltet's hoch im Wert! – es ist teuer erkauft: durch meines Vaters Gram – durch Eures Vaters Gram: ich traf ihn, eh' er starb zu Metz! – und durch das zerknickte, zerquälte Leben jenes Richwalt, der einst sich vorgesteckt hatte, Herrn Karl den Liebling, Held Roland, – Roland selber! – zu ersetzen.«

Er hielt erschöpft inne.

Da sprach Muthgard, herantretend und die Augen fest auf ihn heftend: »Meines Vaters Gram tut mir tief leid. Aber, was kann ich dafür, daß ich ihn lieben mußte, diesen Volkfried da und keinen sonst? Und wären alle Männer der Welt darüber verzweifelt, –: ich hätte doch nur diesen Mann geliebt.«

Und sie lehnte sich an ihres Gatten starke Brust. Volkfried drückte ihre Hand.

»Ich weiß, ich weiß! – Und nun, nach fünfzehn Jahren, find' ich Euch wieder. Zuerst jenes holde Kind. Und dann – Euch selbst! – Ich schweige! – Und mein böser, scharfer Kopf raunt dem wilden, dem tobenden Herzen zu: des Mannes Leben ist in deiner Hand. Laß ihn sterben. Dann ... –« »Nun? Und was dann?« sprach Muthgard vortretend. »Die Verlaßne zwingen – mit Gewalt? – Wie jener Fortunat ... –?« Da schrie Acerbus laut auf in leidenschaftlichem Schmerz: »O weh, weh über mich! So schlecht bin ich in diesen Augen! – Nein! – Ich bin ja so tief herabgeschmettert: – wär' es wahr, ich würde auch diesen Frevel meiner Gedanken euch gestehen. Aber das hab' ich nie gedacht!« »Nicht Gewalt? Also wagtet Ihr zu wähnen ...?« zürnte die Frau. »Nichts! Oder ja doch: – denn alles muß gesagt sein! Ich träumte wohl: wenn der Mann doch sterben muß, nach des Kaisers Recht – und wenn ich dann der Witwe mich annehme wie ein Bruder und wenn sie sieht, wie die Kinder in meinem Bischofshause zu Glück, Reichtum, Glanz und aller Herrlichkeit der Welt aufsteigen – dann wird vielleicht ihr Herz in Freundschaft, in Dank, in Mitleid für mich schlagen. Und wer weiß, wenn ich die kluge Frau selbst emporhebe in das helle Licht meines Geistes, wenn ich sie teilen lasse all' meine stolzen, reichen Gedanken – denn ich verachtete dich, Volkfried, in der eiteln Hoffart meines Bücherwissens und erhob mich sehr über dich in meinen Gedanken und bin doch nicht wert, – hör' es, Frau Muthgard! – daß ich als Knecht diesem Vielgetreuen diene! –«

Unsichtbar für den Bischof drückte sie stolz ihres Mannes Hand.

»Ach, ich träumte wohl, – der Papst kann alles: – Papst Leo liebt mich sehr! – er kann auch das. Gar mancher Bischof hat ein Weib.«

»Kluger Bischof,« grollte die Frau, »was für ein Tor bist du! Das Weib, das Volkfrieds war –! Hier, diese einfältige Muthgard, die nicht lesen und nicht schreiben kann und nichts zu eigen hat als ein verbrannt Gehöft: – und böte ihr als Witwe der große Kaiser Karl Herz, Hand und Thron – sie lachte nur und sagte: Armer Herr Kaiser! Ihr kennt mein Herz und meine Liebe nicht. Denn Liebe: – das ist Ewigkeit!«

»Amen,« sagte der Bischof feierlich. »Das brauchst du mich – wahrhaftig! – nicht zu lehren. – Ich meinte – in den letzten Nächten – ich würde nun wirklich wahnsinnig. Aber Gott der Herr hat mir geholfen: diese Nacht, tief draußen im Wald, – im kalten Schnee. Gott und Lindmuth, die sein Engel ist auf Erden. Und ich beschloß zu meiner ersten Buße – meine zweite – viel leichter! – ist, daß ich Papst und Kaiser alles gestehe, dem Bistum entsage und in ein Kloster als Büßer trete –! euch – auch dir, Volkfried, und das war schwer! – alles zu gestehen und mich zu demütigen bis in den tiefsten Staub!«

Er schritt nun rasch durch die ganze Halle hin auf beide Gatten zu: »Ich bin ein sündhafter Priester gewesen fünfzehn Jahre lang. Ich habe dich morden wollen in Gedanken, dich, du treuer, reiner, aufrechter Mann, morden unter dem Scheine des Rechts und deine Witwe mir gewinnen durch Reichtum, Glanz und Hochmut des Geistes. Ich büße! Hier, vor eure Füße, werf' ich mich und beuge mein hochfärtig Haupt vor euch in den Staub! Verzeihet mir, ich fleh' euch an, verzeiht!« Und ehe sie's hindern konnten, lag er vor ihnen hingestreckt am Boden, das Antlitz zur Erde gedrückt, die Hände über dem Haupte flehend emporgereckt.

Sofort faßte Volkfried seine Rechte und zog ihn halb empor, so daß er knieen mußte: »Richwalt, Nachbarssohn! – Du hast viel um diese Frau gelitten und verloren: – Richwalt, ich verzeihe dir aus tiefstem Grund des Herzens.«

Aber Frau Muthgard wandte sich ab und schwieg.

Hilflos, flehend blickte der Knieende zu ihr empor. Sie sah es wohl. Aber, finster blickend aus den so lichten Augen, schüttelte die Frau feindselig, wie drohend, langsam das schöne Haupt: verhalten begann sie: jedoch, gegen ihre sonstige Art, gegen ihren Willen riß sie das Gefühl dahin, daß sie immer rascher, immer lauter, immer heftiger sprach.

»Nein! – Nicht also! – Daß Ihr mich damals liebtet – mich wirklich liebtet, – ich hab' es wohl gefühlt. Ich habe deshalb für Euerer Seele Frieden gebetet, mein liebes Kind beten lassen. Daß Ihr« – sie stockte: Erröten übergoß ihre Wange – »daß Ihr dann noch immer meiner – – daß Ihr mich in fünfzehn Jahren nicht vergessen habt, – ich will es Euch verzeihen.«

»Ihr seid sehr gnädig,« lächelte er bitter und sprang auf.

»Verzeihen, – nur um jenes Kindes willen, das Ihr gerettet habt. Aber daß Ihr meinem Mann – diesem Mann! – den Tod zugedacht habt, – das kann Euch Gott, – vielleicht, – ich kann's Euch nicht vergeben.« Zornig funkelten jetzt die sonst so ruhigen Augen: lodernde Blitze schossen auf den Bischof, daß dessen bleiches Angesicht noch bleicher ward. Weder er noch auch Volkfried hatten sie jemals so gesehen. Sie trat drohend einen Schritt gegen ihn vor. »Hört es: ich hasse Euch! Es war nicht wohlgetan, daß Gott Euch schuf!« Und stürmisch rauschte sie aus der Halle.

Hoch richtete sich der Gebeugte auf und hob – zum erstenmal – das Haupt: »Das war zuviel!« sagte er ruhig.

Da ward die Türe der Halle aufgerissen und Hülsung und Fidus eilten über die Schwelle. »Gelobt seien alle Heiligen,« rief der Mönch, »Volkfried! Da steht er lebend.« »Er ist unschuldig, Herr,« rief Hülsung. »Der Kaiserbote Francio sendet uns. Der Mann schlug in echter Not. Ich eid' es.«

»Ich weiß es. Er ist frei.«

Da trat Volkfried an des Bischofs Seite und legte ihm die Rechte auf die Schulter: »Ja! und sagt dem Kaiserboten: der Bischof hatte mich freigegeben, – bevor Ihr kamt.«

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