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Bis zum Tode getreu

Felix Dahn: Bis zum Tode getreu - Kapitel 4
Quellenangabe
authorFelix Dahn
booktitleFelix Dahn. Neue wohlfeile Gesamtausgabe. Zweite Serie. Band 2
titleBis zum Tode getreu
publisherBreitkopf und Härtel
printrun21. bis 30. Tausend
yearo.J.
firstpub1887
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161205
projectid45c3a429
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Drittes Buch.

*

 

Erstes Kapitel.

Im Grenzwald, fern von der Höhle der Gatten, bewegte sich ein langer Zug von Männern, Rossen, Wagen, auf der alten, der einzigen fahrbaren Straße, die von den Abodriten quer durch Sachsenland gen Friesland führte.

Ein ganzer Troß von abodritischen Knechten zog voraus, mit dreieckigen Schlittenkarren und breiten Holzschaufeln, den Schnee, wo er zu weich war, den Tritt von Roß und Mann zu tragen, zur Seite zu schieben und zu schaufeln. Manche ihrer kleinen zottigen Gäule hatten hellklirrende Blechklappen in Mähne und Schweif gebunden: die Gefahr für den einzelnen, abzukommen von dem erst zu findenden Weg und den Genossen, war groß.

In weitem Abstand folgte eine Schar wohlgewaffneter Reiter: es waren Sachsen aus Ostfalenland; nur der graubärtige Befehlshaber der Krieger war ein Franke. Hinter ihnen wurden von gar gleichmäßig schreitenden Maultieren zwei reichgeschmückte Sänften getragen: leichte hölzerne Tragsessel, mit hoher hölzerner Rückwand, auf den drei andern Seilen verschließbar durch Ledervorhänge an zierlichen Gestellstangen; der Sitz war mit Polstern, der Bode« hochauf mit Pelzen belegt.

Aber die beiden Sänften waren leer. Die beiden Führer des Zuges, denen offenbar die Sänften dienen sollten, hatten es vorgezogen, bei dem Aufbruch nach dem letzten Nachtlager – in den Zelten des abodritischen Häuptlings an der Grenze – zu Pferde zu steigen: der helle Sonnenschein lud dazu ein, der Schneefall hatte am frühen Morgen noch nicht begonnen.

Der jüngere der beiden Anführer war ohne Zweifel der viel vornehmere. Er ritt daher zur Rechten; er trug bischöfliches Gewand und zog manchmal aus der reichgestickten Ledertasche, die er auf der Brust trug, ein Pergamentblatt, las darin andächtig und sagte das Gelesene halblaut betend her.

Sein viel älterer Begleiter, der ihm zur Linken ritt, war ein schlichter Kriegsmann; seine Waffen waren gut, aber ohne Schmuck; ein langer, schöner weißer Bart wallte bis auf den breiten Schwertgurt; sein mächtiger Hengst schien doch schwer zu tragen an dem wuchtigen Reiter, der den Bischof um mehr als Hauptes Länge überragte und sich, trotz seiner Jahre, stolz aufrecht hielt im Sattel; das Roß war silberweiß wie des greisen Reiters Bart; es schien auch schon sehr alt. Den rundlichen Kopf schmückte noch reichlich das schöne weiße Haar, stark und gerade war die Nase, die sehr großen Augen blitzten in ungeschwächter Klarheit und Schärfe.

Den Schluß des Zuges bildeten mehrere Wagen, jeder von vier, auch von sechs Rossen gezogen, mit Lebensmitteln und Reisevorrat jeder Art reichlich beladen, begleitet von einer zweiten Schar wohlbewaffneter Sachsen zu Pferd und zu Fuß.

Nach langem Schweigen steckte der Bischof mit einer ungeduldigen Bewegung das Pergament wieder in die Buchtasche und warf einen raschen Blick auf seinen Begleiter. »Ich kann nicht mehr beten – nicht immer beten,« rief er und sein dunkelgraues Auge loderte. »Ich muß so viel an Euch denken, Graf. An unser langes, langes Gespräch von gestern nacht. Und ... ja, eben an Euch. Es ist wunderbar. Ich, der Priester, habe Euch, dem Laien, gebeichtet. Ich staune über mich selbst; das heißt: in Wahrheit über Euch. Ich bin verschlossen, hart, wie der Felsen Petri, hat der Heilige Vater, Leo selbst, einmal von mir gesagt. Keinem Menschen als etwa meinem Beichtiger, falls die Qual, die brennende Qual zu heiß ward, das rasende Verlangen als arge Sünde mein Gewissen allzuschwer belastete, habe ich's gesagt! – Ja, auch in der Beichte habe ich – Gott vergeb' es mir! – niemals so offen, so hingegeben mein Herz aufgedeckt, wie Euch, Graf Francio, – dem Laien, dem Fremden. Erst vierzehn Tage kenn' ich Euch – seit der Herr Kaiser uns zusammen auf diese Fahrt geschickt hat – und gestern hab' ich Euch so tief in meine Seele, in meine Schmerzen, in meine Sündenschuld, blicken lassen, wie nur Gott bisher geschaut hat. Ihr habt eine Macht über mich –! Wie ich sie bisher keinem Sterblichen gegönnt hatte. – Gleich zuerst, als ich in Euer leuchtend Auge sah. – Euch muß ich vertrauen, wie – wie –«

»Wie der Sohn dem Vater,« sprach der Alte und schlug das lebhafte, himmelblaue Auge auf. »Oder der Enkel dem Ahn. Könnt' ich doch fast Euer Großvater sein, Herr Bischof. Denn Ihr seid sehr jung, fast allzu jung, – will es scheinen! – für Eure hohe, pflichtenschwere Würde. Groß müssen Eure Verdienste sein, daß der Herr König von Italien und der Heilige Vater Euch in so frühen Jahren schon zum Bischof gemacht haben.«

»Ja, es ging nicht ohne Widerstand ab. Der Herr Kaiser wollte lange nicht.« »Der Alte mischt sich in alles,« brummte der Graf leise in den Bart. Aber der andre hatte es doch verstanden; er zog den Zügel an, das Roß hielt: »Hört, Graf, das ist das einzige, was mir an Euch mißhagt. Wiederholt habt Ihr in diesen Wochen von dem Herrn Kaiser gesprochen, wie man von ihm nicht sprechen soll.« Der Graf trieb seinen Hengst, den er ebenfalls angehalten hatte, wieder an. »Hei, ich kenn' ihn eben besser als Ihr.« – »Ein wunderbarer Mann ist dieser Kaiser. Kaum faßlich ist, wie solche Fülle von Gedanken, von Plänen, von Sorgen zugleich Raum finden mag in diesem Einen Haupt.« – »Von Sorgen? – Ja, da sprecht Ihr wahr. Glaubt mir nur: – er wäre oft viel lieber der ärmste Freimann in seinem weiten Reich, als dieses Reiches Kaiser. Und gerade jetzt – –!« – »Hat er jetzt schwerere Zeit als sonst?« »Freilich. Das wächst, das wächst von Jahr zu Jahr. Denn immer weitere und weitere Kreise zieht die Macht des Reiches um ihn her. In jungen Jahren, – da hat es ihn gefreut: – denn in das Maßlose, in das Ungemessene strebt sein Geist nur allzusehr! – Wenn immer wieder von neuen Völkern und Fürsten Gesandte eintrafen in seiner Pfalz: – Bitten, Wünsche, Hilferufe, auch wohl Forderungen und Drohungen überbringend, – das schmeichelte seinem Stolz, beglückte seine Tatengier! Hei, nun hat er's! Hat nun die Folgen, der Alte! Nun kann er sich der Fülle kaum mehr erwehren. Geschieht ihm recht!« brummte der Graf und strich den langen Bart. »Er konnte ja nie genug Arbeit, Kampf und Ruhm haben. Aber jüngst – in der letzten Ratsversammlung – ward's ihm doch allzuviel.« – »Was beschäftigte ihn denn?«

»Nun: nur Europa, Asia und Afrika! In Italia schlägt sich sein Sohn Pippin mit Benevent und mit dem falschen Dogen von Venedig. In Hispania ringen seine Markgrafen mit den Arabern zu Land. Araber zur See – Raubschiffe – plagen die Christen auf den fernen Inseln: – der Alte rüstet Schiffe zu deren Schutz: die Franken fechten jetzt zur See bei Eilanden, deren Lage der Kaiser erst bei Freund Alkuin erlernen mußte! – er weiß kaum die Namen alle auswendig! – Im Osten wehrt sein Sohn Karl die Awaren ab. Hier, im Norden, drohen Dänen und Wilzen sich zu verbinden: – der König Göttrik schickt ihm freche Worte, wirklich allzufreche! In Asia aber ruft der Patriarch von Jerusalem seine Hilfe an zum Schutz des heiligen Grabes und der Pilger: – der Statthalter des befreundeten Kalifen Harun in Afrika erbittet Hilfe wider den Omaijaden von Cordoba, der ihn von Hispania her bedroht. – Und der neidische, eifersüchtige, von uralt eingerostetem Hochmut aufgeblähte Imperator zu Byzanz weigert ihm immer noch die Anerkennung als Kaiser. Das wurmt den Alten schwer!« – »Ich weiß es.« – »So? – Woher?« – »Vom Papst und von König Pippin. Und ich habe – mit meiner schwachen Kraft – versucht, ihm dies Ziel erreichen zu helfen.« »Ihr?« – Der Graf hielt das Pferd an und sah erstaunt auf den Bischof hernieder. »Was habt Ihr getan?« – »Eine Staatsschrift ausgearbeitet, die Kaiser Nikephoros zeigen muß, wie sein eigener Vorteil nicht minder als das Recht und das Heil der ganzen Christenheit erheischen, daß er Herrn Karl als seinen kaiserlichen Bruder anerkenne.« – »Und diese Schrift?« – »Haben der Papst und König Pippin nach Byzanz geschickt.« »Hinter des Alten Rücken!« grollte der Graf und sein blaues Auge blitzte. – »Jawohl! Das Nein trifft dann nur mich, nicht ihn. Das Ja« »Hei,« lachte Graf Francio bitter, »Ihr seid ein feiner Kopf, Herr Bischof, aber das setzt Ihr niemals durch! Niemals! Der Alte hat die Hoffnung aufgegeben. – All' diese Wolken ziehen sich zurzeit drohend über seinem Haupt zusammen. Ich mein', er hat Ursache zu seufzen: ›O, Herr Christus, du gabst mir ein recht mühereiches Amt!‹« – »Alles, was Ihr da von Herrn Karl erzählt, erhöht nur meine Bewunderung für ihn.« – »So?« – Dann hab' ich's schlecht gemacht! Nicht meine Absicht!« – »Nein! Wahrlich nicht. Ihr seid nicht sein Schmeichler, sein herber Tadler seid Ihr. Aber gegen Euren Willen müßt Ihr für ihn zeugen. – Und so hatte der Geistgewaltige auch ganz recht – ich kenn' ihn gar nicht! Und mein heißester Wunsch – seit Jahren – ist es, einmal dem Herrlichen in das Auge zu schauen – recht hatte er, als er nicht ohne weiteres meinen Lobspendern glaubte. – Ihr wißt es jetzt, wie sehr recht! Kennte der Heilige Vater mein Geheimnis, wie Ihr es kennt, – er hätte mich noch nicht zum Bischof vorgeschlagen. Ich sträubte mich auch dagegen.« »Hei, das ist also üblich bei euch demutreichen Herren,« schmunzelte der Alte mit einem gutmütigen, geistüberlegenen Lächeln, das ihm sehr schön ließ. – »Mir war es Ernst! Aber der Papst befahl, der König Pippin wünschte und ... –« – »Der Alte in Aachen gab zuletzt nach! – Wie gewöhnlich!« – »Ich glaube jedoch: ganz hat der Kaiser sein Mißtrauen gegen mich noch nicht überwunden.« »So? Woraus schließt Ihr das? – Wie das schneit!« Er schüttelte die dichten Flocken von dem blauen Mantel ab, der ihm das Brustwams von Otter und Zobel bedeckte. – »Aus dieser Fahrt als Königsbote, die er mir aufgelegt hat. Ungewöhnlich ist es, einen Bischof aus dem italischen Reich als Sendboten im Frankenreich zu verwenden, vollends hier im fernsten Sachsenland.« – »Vielleicht weiß er, daß Ihr aus diesen Gauen stammt.« – »Unmöglich! Er hat mich nie gesprochen. Wie sollte er ...?« – »Hei, es ist sonst nicht viel zu loben an dem Alten ... – »Herr Graf!« – »Aber eins ist wahr: ein Gedächtnis hat er für Namen und Menschen und Menschengeschicke, daß er oft selbst darüber staunt. König Pippin wird seinem Vater über Euch geschrieben haben.« – »Ich glaube vielmehr: der kluge Herrscher hat in diesem Auftrag ein ganz unauffälliges Mittel gefunden, mich vor sein Angesicht zu ziehen.« »So? Meint Ihr? – Ei, ei, wie das schneit!« Und er schüttelte den breiten etwas kurzen Nacken und das silberweiße Haar, das aus der schlichten fränkischen Sturmhaube auf den Mantel niederquoll.

»Er selbst verläßt ja den Palast zu Aachen nur noch selten.« – »Gar nie mehr. Bequem ist er worden! Allzubequem!« – »Er also kommt nicht mehr über die Alpen zu mir nach Arezzo ... –« »Schwerlich!« lachte der Graf. »Mich ausdrücklich an seinen Hof laden, um mich zu prüfen, das vermeidet er wohl.« – »Warum?« – »Er will den Heiligen Vater und seinen Sohn Pippin nicht durch solches Mißtrauen kränken.« – »Ihr traut ihm zu viel Rücksicht zu. Er ist gar grob.« – »Aber jeder Königsbote muß nach Vollführung seines Auftrags Herrn Karl Aug' in Auge Bericht erstatten: – also muß ich alsbald vor ihn treten.«

»Ihr seid klug – wie ein rechter Bischof sein soll. Nun ja! Es mag was daran sein. – In der Pfalz zu Aachen ward so viel erzählt von Eurer scharfen Strenge! – Nicht umsonst heißt Ihr Acerbus.« – »Ihr wißt jetzt, weshalb ich diesen Namen angenommen!« – »Zumal von Eurer unerbittlichen Schärfe, – wie gegen Euch selbst, so gegen alles Geistliche – bei jeder kleinsten Verfehlung des Fleisches. Das hat den Alten – vielleicht – mißtrauisch gemacht. Es ist wider Menschen Art, daß ein Mann in voller Jugendkraft – Ihr seid noch nicht vierzig! – gar nichts verspürt gegen alle Weiber.« – »Ihr wißt ja nun ...« »Ja, ich weiß! Aber nicht der Alte! Und der –: der glaubt nicht leicht an so was. Wißt Ihr warum? Nein? So will ich's Euch sagen: weil er selber in diesen Dingen ein recht arger Sünder gewesen ist, seit ihm der erste Flaumbart sproßte, und geblieben, bis er im Silberbarte ging. Gott sei ihm gnädig,« brummte der Graf und schlug ein Kreuz über seine breite Brust. – »Ihr sollt nicht so von ihm sprechen. Ihr dürft nicht.« – »Ich darf.« – »Weshalb?« »Hei,« schmunzelte der Graf, und ein lustiges Leuchten flog über das heitere Antlitz. »Weshalb? Schnurrige Frage! Weil ich in keiner Schlacht gefehlt habe, in die er ritt. Oft hab' ich ihn mit meinem Schild gedeckt wie mich selbst, manchen Sachsenspeer hab' ich ihm abgewehrt. Aber auch seine Liebschaften kenn' ich wie – kaum ein andrer. Ich hab' ihn nur allzulieb, und bin oft allzuschwach gegen den Alten gewesen. Ich darf auf ihn schelten: es meint's doch kaum einer besser mit ihm. Zumal seit Markgraf Roland fiel bei Ronceval! Und Gerold, der greise Held von Bayerland! – Und sie – Frau Hildegard! – ihm starb.« Ganz langsam, schwer und traurig sprach das der Graf zu Ende, der in scherzendem Tone begonnen hatte.

Erstaunt sah der Bischof zu ihm hoch empor. »Verzeiht mir eine Frage –!« – »Die Frage ist frei. Aber die Antwort auch!«

»Wie kommt es, wenn Ihr dem Kaiser so nahe steht ..

»Daß ich es nicht weiter gebracht habe?« lachte der Alte aus vollem Halse. »Ja, ich gab mir alle Mühe. Aber es ging nicht höher hinauf! Kaiser von Byzanz wollte ich einmal werden ...! Die Wahrheit ist: der Alte kennt mich so genau wie ich ihn. Er kennt auch meine Fehler. – Nun also: er hat vielleicht Eure vielgepriesene Blindheit für alle Weibesschöne und die furchtbare Strenge, mit der Ihr an andern bestraft jede Schwäche gegen die holden weißen Leiber, für eitel Heuchelei gehalten.« – »Ihr wißt nun ...« – »Ja ich! Aber der Alte! Und so was kommt vor bei Euch frommen Herren. Gerade um die eigenen schweren Laster zu decken, wüten sie gegen die leichten Verfehlungen andrer. Kommt vor, kommt vor!« »Ich aber! – Hab' ich doch an mir erfahren, wie Jahre und Jahrzehnte hindurch die Liebe – nicht nur das heiße Verlangen der Sinne! – auch den Priester des Herrn bei heiligstem Willen beherrschen kann, seine Tage, seine Nächte mit wachen Qualen füllen. – Wie? Wenn ich unerbittlich – ob ach vergeblich! – die edle Liebe mir aus dem Herzen reißen wollte und darüber schier dies Herz selbst mir ausriß, – ich sollte dulden, daß die meiner Obhut Befohlenen nicht einmal die elende Wallung des Blutes meistern könnten? Ich sollte der so heilig – ob auch so heiß! – Geliebten entsagen müssen und die andern sollten dem tierischen Triebe frönen? Wehe den Elenden!« rief er nun laut und grimmig. »Diener des heiligen Geistes sollen sie sein: und sind Knechte des Fleisches.«

Der Graf sah ihn sinnend an aus seinen großen seelendurchdringenden Augen: »Ihr seid ein armer Mann! Und ein edler Geist. Aber Euer grausam Geschick hat Euch bitter gemacht im Gemüt! – Ja, ja! Die Liebe ist stark – wie Zauber,« schloß er ernst. »Hat doch sogar der große Kaiser,« bestätigte der Bischof, »solchen Zauber gespürt. Oder ist es nicht wahr, was die Sänger schon singen von ihm und von seiner schönen Königin Hildigard? Die soll er am meisten geliebt haben von seinen vielen Frauen und ... –« – »Freundinnen. – Es ist nicht wahr.« – »Wie? Er hat nicht Hildigard am meisten geliebt?« Der Graf beugte die Sturmhaube bis tief auf die Mähne des Rosses, schüttelte den unablässig rieselnden Schnee ab und besserte am Zaumzeug. »Geliebt hat er nur Hildigardis,« sprach er ohne aufzusehen. »Die andern –? Er ist schwach, und sein Blut war sehr heiß.« – »Nun also! Man sagt, er habe sich wochen- und mondelang nicht trennen können von der schönen Toten. Heer und Reich habe er darüber versäumt. Er saß Tag und Nacht bei der holden, durch fremde Künste schön erhaltenen Leiche. Sie habe einen Zauberring an der rechten Hand getragen, der ihn an sie bannte.« – »Sie brauchte dazu keines Zaubers.« – »Bis ein frommer Bischof, Tilpin von Reims, ihn von dem Bann erlöste, indem er der Leiche den Ring vom Finger streifte und in den See bei Aachen warf. Ist das wahr?« – »Nein. – Hier ist der Ring. Ich zog ihn ihr vom weißen kalten Finger und sprach zu dem Herrn Kaiser: ›Du gehörst deinem Volke, sie selber will es so.‹ Da hat er mir den Ring angesteckt. Ich trag' ihn zum Gedächtnis jener Stunde. Ich zeig' ihn Herrn Karl, wenn er sie vergessen will; sie – oder seine Pflichten.« – »So würde er auch mich verstehen! Den Zauber, den meine Liebe, meine Trauer um die Verlorne mir aufzwingt! Ja, er würde mich verstehen!« – »Ich glaube, ja. Aber er würde doch strenge sagen: ›mach's wie ich! Brich den Zauber. Du gehörst deiner Kirche – wie ich meinem Volke. Entsage!‹« – »Ich tu's ja! Ich muß wohl! Aber ich gestehe es: mir graut vor der alten Heimat. Ich werde zwar – die Heiligen wollen's gnädig abwenden! – weder sie noch ihn wiedersehen.« – »Wer weiß!« – »O nein! Wer weiß vielmehr, was aus ihnen geworden ist, wohin sie geraten sind! Viele Zehntausende von Sachsen sind seither gefallen. Viele andre Zehntausende hat mit Weib und Kind Herr Karl ausgehoben aus der Heimat, sie verstreut über alle seine weiten Lande. Aber schon wenn ich die braune Heide wiedersehe, den Hof ihres Vaters und den Wald, in den ich den Verhaßten zum Zweikampf geladen auf Leben und Tod ...«: jetzt schossen Lohen in die bleichen Wangen des edeln, fein geschnittenen Angesichts und aus den sonst so gebändigten Augen sprühten heiße Blitze tödlichen Grimmes. Er strich sich wild das dunkelbraune Haar aus der Schläfe. Es zuckte um die ausdrucksvollen Lippen des ganz glatt geschornen Mundes.

»So?« fragte der Graf gedehnt, scharf hinüberblickend. »Das habt Ihr mir gestern nacht nicht erzählt.« – »Wozu? – Ja, nachdem mich der Vater endgültig abgewiesen, mir gesagt, daß sie des Bauernsohnes werden wolle oder keines Mannes – da lud ich, der Edling, ihn zum Todesgang nach altem Sachsenrecht! – Und er – der Elende! – schlug es aus!« – »Aus Feigheit?« – »Nein! Das darf sogar mein Haß nicht sagen. Er kannte keine Furcht: er zählte zu Herzog Widukinds Gefolgschaft.« »Das genügt,« sagte der Graf sehr ernst, mit dem gewaltigen Haupte nickend.

»Er kämpfte wie ein Held bei Detmold und am Hasefluß.« – »So? – Dort? – Da hätten sie den Alten – fast – geschlagen. – Und erschlagen dazu. Aber Gott half!« – »Dort ward er gefangen.« – »So? – Den Namen könnt Ihr mir jetzt auch wohl sagen.« – »Volkfried.« – »Der? – Ich kenn' ihn gut!« – »Woher?« »Je nun –« der Alte stockte und schmunzelte – »Ich stand eben auch dabei, als Herzog Widukind die Taufe nahm zu Attigny. – Da nahm sie auch Volkfried, den ich in der letzten Schlacht – recht nah! – gesehen bei dem Alten. Ein treuer Mann: – Gott und Herrn Karl getreu.« »Ja nur zu sehr!« knirschte der Bischof. »Er antwortete mir auf meine Kampfforderung: ›Herrn Karls Recht hat das verboten.‹« – »Ihr wußtet das nicht?« »Wohl wußte ich's. Aber« – der Bischof ballte die Faust wie um einen Schwertgriff und hob sie in die Luft – »alle Rechte Karls hätt' ich gebrochen, dem Mann das Haupt zu spalten, den sie liebte. Und heute noch! O daß ich sie Euch schildern könnte! Hinter einer ruhigen Stirn eine Welt von Liebe! Wie soll ich sie Euch malen? Sie ist ... wie in der Peterskapelle – in Rom – der römische Gesang –! Wart Ihr jemals in Rom, Graf Francio, und hörtet den Gesang?« – »Ich war in Rom und hörte den Gesang.« – »Wohlan! – An sie – an sie allein muß ich immer dabei denken.« – »Sünder! – Weshalb?« – »Der wunderbare, der berauschende Zauberreiz ihrer – versteht Ihr griechisch?« – »Schlecht! – Aber ein wenig hab' ich bei Paul, dem Sohne des Warnefried, mitgelernt, als der des Kaisers Tochter unterwies.«

»Ihrer Harmonia! – Das ist's! Die Harmonia! Wie bei jener vielhundertstimmigen Musik und dem Dazwischenklingen der Orgel aus Byzanz der Zauber seligen Wohlgefühls darauf beruht, daß jedes Kleinste, jeder leise Hauch der Stimmen gerade so, genau so und nicht ein Geringstes anders ist und alles völlig ineinander stimmt: – das Kleinste anders und der Zauber wäre hin! – so ist die Schöne dieser heiligen Frau. Alles an ihr, bis aufs allermindeste – wie ihr das Haar am Nacken angewachsen ist! – muß so sein, wie es ist. Sonst wäre die ›Harmonia‹ nicht mehr. Und fehlte nur der kleine leise Zug am Ende ihrer Mundwinkel, wann sie zu lächeln beginnt – selten genug hab' ich sie lächeln gesehen! – aber sah ich das, ging strahlend mir der Himmel auf.« Er hielt erschöpft inne, so leidenschaftlich hastig hatte er gesprochen.

»Ihr seid ein arger Sünder! Seid krank! Seid wahnsinnig! – Aber: – Ihr wißt, was Liebe ist.«

»Und könnt' Ihr es fassen, daß solche Liebe Gegenliebe nicht erzwang?« – »Solche Fragen sollte ein Bischof nicht fragen.«

»Ihr Mann! Nun ja! Er ist ein Mann, ein Held sogar. Ein Jahr älter als ich, nicht schöner als ich – – war. Ich bin gegen ihn ... –« – »Vor allem seid Ihr sehr eitel.« – »Ein Adler gegen den Falken! Ein Blitzstrahl gegen das Herdfeuer.« – »Sie zog das Herdfeuer vor. Mit Recht!« – »Mich verschmäht sie – ihn erzwingt sie sich! Warum? Warum?« »Für einen Adler und so gescheiten Bischof fragt Ihr herzlich dumm. Weil sie ihn liebt und Euch nicht. Schweigt! Sonst leidet meine wirklich gute Meinung von Eurem Verstand,« rief er laut, fast unwillig. – »Armer Mann!« flüsterte er leise in den weißen Bart. Aber der Bischof fuhr fort: »Wie meine Liebe, lodert noch mein Haß! Ich bring' ihn um, wenn ich ihn treffe, ihn, der all' mein Leben zu einer grausamen Qual gemacht hat. Ah, an ihrer Seite! Vater ihrer Söhne! Ein Graf, ein Herzog wär' ich geworden, keinem der Paladine weichend an des Kaisers Hof. Ein Mann vor allem! Jetzt bin ich ein – Priester! Ein Verstümmelter! Ein Knecht der Bücher!«

»Ein Diener des Herrn, des Heiligen, Allmächtigen, gegen den Karl und seine stolzen Paladine elendes Gewürm im Staube sind,« rief der Graf mit dröhnender Stimme. »Schweigt, sag' ich Euch! Mir widerspricht man nicht! – Nämlich,« fuhr er, nach einer Weile sich sammelnd, fort, »wenn man so jung ist im Vergleich mit mir. – Ich will Euch noch mehr sagen. Der Alte hat mir's selbst vertraut: ja, er will Euch kennen lernen zu Aachen: – Ihr ahntet richtig. Einmal, weil er Eurer maßlosen Strenge mißtraut. Dann aber –« und hier ward die Stimme väterlich mild – »weil er erforschen will, wie es kam, daß ein Mann Priester ward, der einer seiner allerbesten Helden zu werden verhieß ... –« – »Herr Graf!« – »Schweigt, wenn ich rede! Ich weiß es. Von wem? Dom Kaiser weiß ich es. Ihr habt in jungen Jahren gegen Dänen und Wilzen, gegen Sorben und Linonen so heldenhaft gefochten, ja als Feldherr kleine Scharen so meisterlich geführt, daß Euch der Alte ein Herzogtum schon zugedacht hatte: – da kam die Nachricht, Ihr seid ein Mönch geworden! Es verdroß ihn damals in seiner sündhaft weltlichen Sinnesart. Aber das kann ich Euch sagen: wenn er ernst nachdenkt, stellt er einen Bischof wie Ihr seid – trotz Eures Geheimnisses! – als einen Diener Sankt Peters hoch über jeden Herzog seines Reichs, der nur dem Kaiser dient. Das merkt Euch! Klagt nicht mehr, daß Ihr dem Himmel statt dem Hofe dient! Des gedenkt alle Zeit, Herr Richwalt von Arezzo! – Seht, hier gabelt sich unser Weg: – ich laß Euch die Hälfte der Krieger, der abodritischen Knechte, der Rosse und der Wagen. Ihr zieht gerad' aus: nach Nordwesten, in den Nordeidergau; in Heidhof sollt Ihr dort Lager halten, gebot der Alte. Ich biege ab gen Süden, in den Südeidergau. In Welandsfleth – südlich von Esesfeld – treffen wir wieder zusammen: wer früher eintrifft, wartet des andern. – Ei, ei der Schneefall! Unablässig flutet das herab! Hügelhoch! Die Knechte können kaum die Straße freischaufeln. Wir haben's gar nicht recht geachtet im Eifer des Gesprächs. Ihr solltet vom Sattel steigen und in der Sänfte Euch bergen.« – »Tut Ihr's doch auch nicht, Graf!« – »Hei, ich! Mich hat der Himmelsherr auf Erden nicht in einen Kasten sperren wollen, aufs Roß hat er mich gesetzt. Da reit' ich denn für ihn, solang ich Sattel halten mag. Auf Wiedersehn, Herr Bischof! Die Liebe, die reine Liebe laßt in Gottes Namen in Eurem Herzen, bringt Ihr sie nicht heraus. Aber den Haß, – den erstickt! Das bitt' ich mir streng aus – im Namen Gottes nämlich und des Kaisers. – Nun trabe, treuer Tenzendur, weiß wie dein Herr vor Alter,« flüsterte er dem Roß ins Ohr. »Trabe durch den Sachsenschnee. Wir kennen ihn: – weiß und – rot!«

*

 

Zweites Kapitel.

Der Führer der abodritischen Knechte konnte in der nord-elbingischen Mundart sich verständlich machen: er wiederholte die Mahnung an den Bischof, in der Sänfte Schutz zu suchen vor dem gewaltigen Schneegestöber: »Wir können nicht rasch genug für die Wagen die Bahn freischaufeln. Seht nur, alles wird zugedeckt, die Tiefen wie die Höhen. Wenn Ihr, hochheiliger Herr Bischof, in der Sänfte eine Weile warten wolltet ... –« Aber Acerbus gab dem Roß die Sporen: »Ich kann nicht ruhn! Ich reite voraus. Kommt nach!« Und scharf sprengte er voran. »Mein Blut tobt! Das Herz will mir springen! Diese Unterredung hat alles in mir aufgerührt, hat geweckt, was ja doch nicht tot, nur mit Mühe eingeschläfert war: Liebe und Trauer. – Und Groll? Nein, Haß, tödlichen Haß! Auch gegen sie. – Beten? – Ich kann nicht! Es hilft nicht. Reiten und rennen! Der sausende Wind wilden Rittes, – der wird mir gut tun! O ging es in die Schlacht –! Stünde er dort in Waffen vor dem Walde!« – – Und schneller, immer schneller ritt er, so rasch das schäumende Tier in dem fußhohen Schnee vorwärts kommen mochte. »Muthgard, Muthgard!« rief der starke gequälte Mann in die schweigende Schneelandschaft hinaus. »O weißes blondes Weib, warum kann ich nicht los von dir?«

Da strauchelte das keuchende Roß und fiel vornüber, tief einbrechend durch die Schneekruste; flink war der Reiter aus dem Sattel und half dem Tiere empor; aber es blutete am linken Vorderfuß, die scharfe Eiskante unter der Schneehülle hatte eingeschnitten. Mit dem wilden Jagen war es vorbei. Er nahm das Pferd am Zügel und schritt langsam, langsam vorwärts.

Da brach die Sonne wieder durch das weißgraue Gewölk: das Schneetreiben ließ allmählich nach; freier ward der Ausblick. Acerbus machte Halt: er sah um sich her. »Alles weiß, alles ebenmäßig zugedeckt wie mit einem großen, weißen Bartuch: still, schweigend, kein Leben ringsum – kein Tierlaut seit vielen Stunden. – Horch! Was ist das? Da links – neben der Straße taucht etwas aus. Ein Vögelchen? Ja, ein ganz kleines. Dort – auf jenem kleinen sanftgewölbten Schneehügel! – Es fliegt auf –! Aber sieh, es fliegt immer wieder darauf zurück. Wieder! Pitz-Witz! Pitz-Witz! Armes Tierlein, du mußt ja hier verhungern. Wieder auf dem Schneehügel? Was ragt da – bräunlich – aus all' dem Weiß? – Was liegt unter dem Schnee?«

Er ließ das Pferd stehen und sprang ein paar Schritte zur Seite, nicht ohne einzusinken bis über das Knie in den frischgefallenen, ganz weichen Schnee, den der leise, aber unablässig wehende Wind hier zusammengetrieben und hoch gehäuft hatte.

Nun flog das Vöglein weiter davon, aber gar nicht weit: auf einem Busch am Wege ließ es sich nieder: – der Schnee schüttete dicht zu Boden bei seinem leisen Aufsitzen: neugierig drehte es das Köpfchen zur Seite und sah zu, was der Mann da schaffen werde. Acerbus aber kniete schon neben dem leicht gerundeten, länglichen Hügel: »Ein Stück Bärenfell. Ein Mantel! Ein Mensch hier verschüttet. Ein Weib. Hier das Herz: – es klopft noch. Hier der Kopf – sie regt sich! Gleich, gleich! Du bist gerettet!« Er hob die schlanke Gestalt empor, den Schnee mit beiden Händen von Mund und Hals hinwegschiebend. Er richtete die Wankende auf, er lehnte sie an seine Schulter, er strich die letzten Schneemassen von ihrem blonden Haar, – er sah ihr nun ins Antlitz, sie schlug die Augen auf. »Muthgard!« schrie er. Du ...!«

Er zitterte am ganzen Leibe, er sprang einen Schritt zurück von ihr.

Das Kind sah verwundert zu ihm empor: »Wo bin ich? Noch nicht im Himmel? Ich träumte so schön.« – »Ist es deine Seele? Bist du gestorben und erscheinst mir hier, Muthgard?« – »So heißt meine Mutter.« – »Deine Mutter? Wo ...?« – »O helft ihr, lieber Herr. Ihr und dem Vater.« – »Er! Wo steckt er?« Drohend sah er umher. »In einer Höhle. Rettet! Helft! Sonst sind wir alle verloren. Ich kann nicht mehr. Laßt mich wieder einschlafen – es war so ... süß.« Und sie knickte zusammen.

Aber er faßte sie mit starken Armen, trug sie an das Pferd, hob die leichte Last auf den Sattel und schrie und winkte den Führern des Reiterzugs und der Wagen, die nun schon nahe sichtbar waren, rasch heranzueilen. Von weitem flog das Rotkehlchen nach. Bald saß die Kleine in der Sänfte. Der Bischof schritt neben ihr, reichte ihr wiederholt edeln Wein und weißes Brot, – sie gab manche Krume dem Vögelein, das auf ihrer Schulter saß – und ließ sich erzählen, immerfort erzählen. – Aber er maß sie dabei mit finstern Blicken: immer drohender ward seine Miene. »Tot, sagst du?« schrie er plötzlich wild. Das Kind erschrak. »Der Vizegraf blieb wirklich tot?« – »Der Vater hat es selbst gesagt.« Da trat er rasch von der Sänfte hinweg und befahl dem Führer der Reiter: »Nimm zwei deiner bestberittenen Leute und jaget voraus! Immer nach Westen! Auf der Straße nach Friesland! Bald werdet ihr einen Knaben einholen, etwas jünger als dies Mädchen, Volkbert heißt er. Greift ihn! Er darf nicht entweichen. Er ist eines Hochverräters Sohn. Der Vater hat den Vizegrafen des Kaisers erschlagen. Er hauset hier in der Nähe im Walde. Ich gehe, ihn zu fangen. Ihr kommt zu mir zurück. Ihr könnt uns nicht verfehlen. Ich werde Feuer anzünden lassen und lagern vor seinem Versteck. Und weithin sichtbar wird euch winken – sein Galgen.«

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Wenige Stunden darauf stand der Bischof mit seinem Gefolge vor der Höhle im Ulmenhügel. Er winkte den Reitern: sie sollten den Knaben, den sie soeben gebunden eingebracht, – gar bald hatten die raschen Rosse den zu Fuß tapfer, aber mühsam durch den Schnee Stapfenden eingeholt – in ihrer Mitte behalten, seitab von der Höhle. Er befahl der ungeduldigen Kleinen in der Sänfte zu bleiben und schritt – allein – in den halbdunkeln Raum.

Da lagen die beiden Gatten, dicht aneinander geschmiegt, mit geschlossenen Augen. »Sie ist es! – Schöner – nur bleicher! – als je.« Er bückte sich. »Wenn ich zu spät gekommen wäre! Wenn sie tot wäre! – Nein, sie atmet: – o, welche Lust! Nun gib, o Gott, daß er nicht mehr atmet! Hörst du, ich bete darum! Du ersparst mir damit eine große Sünde! Mache du sie zur Witwe, Gott, – sonst ... O, wehe mir: – er atmet auch

Hastig, leidenschaftlich, wie zornig, faßte er nun die Schulter der Frau und rüttelte sie. »Wach auf, Muthgard! Kennst du mich nicht mehr?«

Sie schlug die sanften Augen auf und starrte eine Weile auf seine Züge, die Erinnerung suchend. »Richwalt!« sprach sie dann. »Ihr? – Gerettet! – Wach auf, Volkfried, Lieber! Wach auf.« Auch dieser erwachte nun-und sah wirr um sich. »Nun ist alles gut,« rief sie ihm zu. »Hilfe, Menschen sind da. Aber unsre Kinder! Wo sind sie?« – »Draußen. In meiner Hand; beide.« – »Freue dich doch, Mann! Es ist ja Richwalt.« – »Acerbus ist mein Name.«

»Nu« sind wir gerettet! Meine Kinder!« Sie richtete sich auf und wankte aus der Höhle. Volkfried warf einen Blick auf den Bischof, der ihr eilend folgte: »Richwalt? – Verloren sind wir! – O, wären wir doch nicht mehr aufgewacht!«

*

 

Drittes Kapitel.

In dem Turmgemach zu Esesfeld saßen in später Nachtstunde der Graf und der Abtvikar beisammen in flüsterndem Gespräch. Der Wein auf dem Tische blieb unberührt; Hardrad hatte einmal aus dem Erzkrug den Zinnbecher randvoll gefüllt, aber vergessen, ihn zum Munde zu führen; schon oft hatten sie den Kienspan in der eisernen Zwinge erneut, der ein rotes, unstetes Licht spärlich über die nackten Mauern warf. Der Graf sprang zuweilen auf und machte hastig die paar Schritte, die der enge Raum verstattete; ruhiger blieb Petrus, obwohl auch seine Züge sich finster umwölkten.

»Verdammt!« knirschte Hardrad und zerrte mit der Hand an dem dichten roten Bart. »Verdammt Herr Karl und seine Spürhunde! Wer hätt's gedacht, daß sie die Nasen bis in diese fernste Mark stecken würden! Nie – seit er das Amt dieser Aushorcher eingerichtet hat – noch nie ist ein solcher Königsspäher bis hierher gedrungen! Darauf hab' ich gebaut! Und jetzt! – Gerade jetzt! Mitten im Winter! Sonst reisen sie im Sommer, im Frühherbst! Nur um ein paar Monde handelte sich's. Im Frühjahr hoffte ich das ganze Land, das ich mir allmählich abrundend zusammenerworben, zu verkaufen. Und dann fort mit dem Gold zu dem Dänenkönig! Dann, hinterdrein, mochte Herr Karl erfahren, wie ich zu all' dem weiten Grundbesitz gelangt: – Göttrik liefert keinen aus, der zu ihm mit reichem Golde flüchtet. – Und nun führt ein übler Höllenwicht diesen Kaiserboten her!« »Ja, es wird ein hübscher Chorus werden,« meinte Petrus ruhig, »wenn alle die armen Sachsen, denen Ihr Hufen und Habe abgepreßt, die Stimmen wider Euch erheben.« – »Und nicht leiser wird es tönen, wann all' die Bauern gegen Euch klagen, denen Ihr statt eines Zehnten zwei Zehnten abgepreßt, wie Karl angeblich befohlen habe! Und wie Euch alle die Geistlichen, die sündigten gegen alle zehn Gebote, mit Geld zum Schweigen bewegen konnten!«

Der Priester zuckte nur die Achseln: »Kennt Ihr diesen Grafen Francio?« – »Nein. Ich wollte, er läge tot im Walde.« – »Würde nicht viel helfen. Oder doch nicht auf lange. Dann schickt der Tyrann einen andern. Nicht die Sendlinge sind, – der Sender ist alles Übels Wurzel. Die müßte ausgerissen werden, die!«

So giftig kam das heisere Wort heraus, daß Hardrad erstaunt seinen Schritt hemmte und dicht vor dem Priester stehen blieb. »Hört,« sagte er, »Ihr tragt dem Kaiser – schon lange merk' ich's – furchtbar tödlichen Haß. Warum? Was hat er Euch getan?« »Ich bin Langobarde,« antwortete Petrus zögernd. »Er hat meines Volkes Krone gestohlen.«

»Ei,« lachte der andre und ging wieder auf und nieder. »Man sagt aber, gerade Ihr habt dem königlichen Diebe die Leiter gehalten, die ihn über die Mauer von Pavia trug.« »Ich rat' Euch sehr,« erwiderte Petrus, die schwarzen Brauen zusammenziehend, »nur zu sagen, was Ihr beweisen könnt. Weder erstürmt noch verraten, ausgehungert ward Pavia.« – »Mir kann's gleich sein. – Aber ich bewundere Eure Ruhe. Auch über Euch zieht sich ein Gewitter zusammen! Sobald der andre Kaiserbote eintrifft, der Bischof, der auch schon angekündigt ist. Ihr habt – weiß Gott! – auch nicht alle Pflichten erfüllt, die Kanones und Kapitularien Euch auflegen! Was werdet Ihr tun?« – »Ich werde ihn bestechen.« – »Und wenn er unbestechlich ist?« »Dann werd' ich ihn vergiften,« sagte Petrus ruhig und schenke sich den andern Becher voll. »Unbestechlich ist er schwerlich, unsterblich ist er schwerlicher. – Und Euch,« fuhr er fort, »wird gegen diesen Grafen Francio auch keine andre Wahl bleiben, – wollt Ihr nicht jetzt schon zu den Dänen fliehen.«

»Mit leeren Händen? Nein.« – »Seid nur ruhig! Gift und Flucht werden nicht nötig werden. Schon viele Königsboten sind mir vorgekommen, Bischöfe und Äbte, – Herzoge und Grafen: ganz unbestechlich fand ich selten einen. Die meisten reizt etwas. Gold! Oder Weiber! Oder Rosse! Jagdfalken oder Jagdhunde oder Schmeichelrede! Oder Jagdgründe! Seltene Codices! Ja, zuweilen auch Knochen von Heiligen ...« – »Wenn man aber keine Heiligen hat?« – »Nimmt man andre Knochen! – Schade, daß der Graf, wie man hört, schon so alt ist. Für einen jüngeren wäre Eure heiße Wendin guter Köder.« – »Ach, die tolle Dirne! Die küßt keinen mehr! Ich glaube, die hat einen Dämon!« – »Was tut sie?«

»Alles! Nur nicht küssen! Redet mit sich selbst. Rauft ihr schwarzes Haar. Wandelt nachts mit halbgeschlossenen Augen über den Burghof. Kratzt und faucht, will man sie anrühren. Seufzt Nacht und Tag.« – »Nach Fortunat?« – »Nein! Der ward ihrer nicht froh! Nach dem Ächter, dem Sachsen. – Wenn ich nur Zeit gewinnen könnte bis zum Frühjahr! – Freilich, wollt' ich mich entschließen, auf des Dänen Vorschlag einzugehen, dann! Aber ich bring' es doch nicht recht über das Herz.« – »Das heißt: Ihr findet den Kaufpreis, den er Euch bot, noch zu gering?« – »Nein, Priester! Ich bin ein Mann, kein Pfaff. Meine Ahnen waren den Königen trotzende Helden, aber Helden, nicht Verräter. Meiner Ehrentreue hat Herr Karl diese Feste anvertraut, diese Markwehr gegen den Dänen: soll ich sie selbst dem Dänen öffnen?«

Petrus zuckte die Achseln: »Logisch sündigen habt Ihr nicht gelernt. In tausend Fällen Eurer Lieblingsbegierden bracht Ihr dem Tyrannen die Treue, jahrelang. Ihr habt seine Bauern geplagt – wider sein Recht! – bis aufs Blut! Nun hier, wo ... –« – »Wo es des Kriegers Ehre gilt, da – wird mir's schwer. Ihr solltet beten, Bischof, daß mir die Wahl erspart wird. – Still! Man kommt! Du, Wlasta? Was bringst du?« Die Wendin stand in dem Eingang des Gemaches, zwischen den Falten des dunkeln Vorhangs. Geisterhaft bleich schien ihr sonst bräunliches Antlitz, die großen schwarzen Augen sahen verstört: hinter ihr ward ein Schritt vernehmbar. »Wen bringst du?« wiederholte der Graf. »Seinen Bruder!« Ganz tonlos sagte sie's, glitt zur Seite und verschlang den Eintretenden mit den Blicken. »Wie ähnlich! Aber Er war tausendmal, tausendmal schöner.« – Sie seufzte und verschwand.

Volkhelm, in vollem Waffenschmuck, blieb hart an dem Eingang stehen; nur karg war sein Gruß für Abt und Graf; von seinen schönen, obwohl von Leidenschaften verstörten Zügen war jenes freudige, hitzige Leben gewichen, das sie in jener Opfernacht beseelt hatte; finster, traurig, aber hart, entschlossen, sah er auf die beiden Männer.

»Des Dänenkönigs Bote!« rief der Graf. »Was bringst du?« – »Nichts Gutes: für dich und für – andre. Nochmal reicht dir mein Herr die Hand. Schlag ein diesmal oder ... –« Unwillig schüttelte der Graf den Kopf. »Oder du bist verloren. Wisse, Fidus ... –« Da stand der Abtvikar langsam auf. »Fidus und Hülsung sind uns entrissen.« »Durch wen?« riefen Petrus und Hardrad zugleich. »Durch einen der beiden Kaiserboten. Wir wissen nichts Näheres; aber sie sind ihren Wächtern unterwegs mit Gewalt abgenommen und weilen bei den Franken; das ist gewiß.« »Hülsung? – So bin ich verloren!« rief Hardrad. »Wenn Fidus alles angibt, – dann ...« murmelte der Abtvikar. »Weshalb sollten sie euer schonen?« fragte Volkhelm. »Drum also spricht zu euch beiden mein Herr: übergebt ihm diese Burg und er zahlt nicht nur das angeborene Gold: – er sorgt dafür, daß beide Königsboten euch nicht schaden.« – »Aber wie?« – »Sie werden ermordet. – Der König ließ seine Gefolgen losen. Mich traf das Los.« – Er stockte. Er griff an den Dolch. – »Es ward mir schwer. Aber ich kann nicht meinem zweiten König den Eid brechen wie ... dem ersten. Ich tu's.«

Hardrad schritt nochmals hastig durch das Gemach. »Mir wäre freilich lieber das Blut – eines andern,« überlegte Petrus zögernd.

Da tönten laute Schritte auf dem Steingang unten: alsbald schlug die Wendin den Vorhang auseinander: ein über und über mit Schnee und Reif bedeckter Bote trat ein, – man merkte, er war nach scharfem Ritt soeben vom Pferd gesprungen: »Steh' ich hier vor dem Abtvikar Petrus und dem Grafen Hardrad? – Wohlan: so lad' ich euch beide vor der Kaiserboten Gericht nach sieben Nächten zu Welandsfleth. Euch klagen Fidus der Mönch und Hülsung der Westfale. Ihr habt gehört! Ihr seid nach Recht geladen.« Und wandte sich und schritt hinaus.

Hastig sprang der Graf auf Volkhelm zu und faßte ihn bei der Schulter. »Jetzt muß es sein! Es gilt! – Aber eile!«

*

 

Viertes Kapitel.

Welandsfleth war ein altes Sachsengehöft, ganz ähnlich in der Anlage dem Hofe der Volkinger, nur erheblich größer, stattlicher, umfangreicher, mit zahleichen Nebengebäuden.

In dem Haupthause, dem Welandshof, war Graf Francio mit den Seinen eingekehrt. Nach Reichsrecht mußten alle Beamten des Kaisers gehaust, gehoft, gespeist und getränkt werden, der Sachse hatte die Fremden wirtlich aufgenommen. Aber schon wie er vom Pferde stieg, hatte ihm der Sendbote zugerufen: »Erschrick nicht über die vielen Gäste! Die meisten Esser schick' ich gleich fort; und in den Wagen dort bring' ich Speise und Trank die Fülle, auch für dich und die Deinen. Es soll nicht dein Schade werden, daß des Kaisers Boten bei dir gasten.«

Der eisgraue Sachse sprach: »Ich und mein Hof, wir sind Herrn Karl zu eigen. Fünfmal hab' ich ihm den Eid gebrochen. Woden wieder geopfert und gegen Herrn Karl gekämpft: und fünfmal hat er mir verziehen.« »Ja, er ist gut,« sprach der fränkische Führer der sächsischen Krieger. »Schwach ist er,« schalt Graf Francio, über die Schwelle des Hauses schreitend. »Früher,« sprach, ihm folgend, der Welandbauer – Welanding hieß er – »hatte ich den einzigen Wunsch, Herrn Woden einmal im Leben zu schauen ... –« »Du!« drohte Francio, sich wendend. »Wie heißt es? Ich sage ab –« – »Schon recht, Herr! Aber nun! Seit Jahren hab' ich nur den Wunsch, Herrn Karl einmal zu schauen. – Ist es wahr, daß kein Mensch seinen Blick ertragen kann?« »Mit schlechtem Gewissen: – keiner!« sagte der fränkische Scharführer und folgte dem Grafen in die Halle.

Der hatte den Jägern befohlen, das an offenem Feuer gebratene Fleisch an den Jägerspießen hineinzutragen; er aß sehr stark, aber er trank nur dreimal von dem mitgeführten Wein. Der Bauer, den der Graf mit zu speisen geladen, und die aufwartenden Diener verließen nun die Halle.

»Trinkt nicht zu viel, Herr Seniskalk,« warnte Francio lachend. »Ihr seid schon beim vierten Becher! – Daß Ihr uns nicht verratet im Rausch.«

» Euch muß man warnen, Herr,« erwiderte der andre, den kurzen, grauen Bart wischend, »nicht mich. Das ist nicht mehr Mut –: Tollkühnheit ist, was Ihr treibt.« »Hei,« lachte der Sendbote, »ohne ein Stücklein Tollkühnheit hätten wir's nicht so weit gebracht, die Ahnherrn und ich. Zudem,« schloß er ernst, »ich steh' in Gottes Schutz. Er hat mich oft schon wunderbar behütet.«

»Ihr sollt aber Gott nicht versuchen! Seit drei Wochen treibt Ihr nun dies Spiel! Nur ich, von allen Euren Begleitern, weiß darum. Diese Sachsen: – keiner kannte Euch.« – »Drum tat mir keiner was zuleide!« – »Aber wenn Euch einer erkennt! Bedenkt! Dreißig Jahre lang habt Ihr blutigen Krieg gegen sie geführt.« »Der Herr Christus hat's befohlen!« sagte der andre sehr ernst: »sonst hätt' ich's wahrlich nicht getan.« – »Viele Zehntausende haben – nach ihrem heidnischen Wahn – für erschlagene Gesippen die Pflicht der Blutrache gegen Euch.« – »Der Herr Christus, – nicht ich! – hat dieses Blut zu verantworten vor seinem Herrn Vater. Er ist mir siebenmal im Traum erschienen und hat befohlen: Karl, gewinne mir und dir die hartgemuten Sachsen.« – »Dazu – die Dänen! Ganz nahe – wir haben's ja selbst gesehen – streifen sie durch die Wälder hier. Wenn sie erführen! Wenn ein Angriff gegen Euch ...! Ein schwaches Häuflein unverlässiger Sachsen! –« – »Nenne sie nicht so, Freund Audulf. Sie waren dem Teufel Woben treu: – beneidenswert treu! – sie sind's nun mir, der ich kein Teufel bin.«

»Gut! Aber die Hälfte von ihnen laßt Ihr mit dem Bischof ziehen und die andre Hälfte verschickt Ihr von hier aus nach allen Seiten!« – »Alle Freien aller fünf Nachbargaue will ich versammelt sehen beim Sendbotending. Und nicht durch die Fronboten dieses Grafen kann ich sie laden lassen, – die übergingen wohl die gefährlichsten Ankläger! – nur durch meine Leute. Wir haben ja schon unterwegs erfahren, wie diese Gewaltherren zu Esesfeld umspringen mit dem Recht. Nun wartet!« Drohend hob er die starke Faust, Feuer blitzte jetzt aus den sonst so freundlich heitern, hellblauen Augen.

»Überall in meinem weiten Reiche zertreten die Großen die Kleinen, ja meine Amtleute selbst die armen Bauern, deren Recht sie schützen sollen. O großer Himmelsherr, allzuschwer ist die Bürde, die du deinem Diener aufgelegt hast zu tragen. Zugleich in Benevent, in Schleswig, in Barcelona, in den Awarenringen, in Rom und in Jerusalem sollte ich sein. Wenn du mir nur ein klein wenig, nicht von deiner Allmacht und Allwissenheit, aber nur von deiner Allgegenwärtigkeit ein Stücklein verleihen wolltest.« »Ihr seid nicht zaghaft im Wünschen,« lachte der Seniskalk.

»Noch immer keine Boten von all' den vielen Bränden, die ich löschen muß zugleich an allen Ecken des Reichs, ja der ganzen Christenschaft? Noch keine Nachricht? Kein Brief aus Byzanz?« – »Nein, Herr! Es ist auch noch nicht möglich.« – »Hei, hätten nur die Jungen die Eiferschnelle wie wir Alten, Audulf! Es wäre schon möglich! Aber sie sind mir alle zu langsam, alle.« – »Und weil Ihr nicht allgegenwärtig sein könnt, reist Ihr nun in Verkleidung durch Eure Lande?« – »Jawohl! Aber das ist nicht meine Klugheit! Entlehnte, abgelernte.« – »Wem abgelernt?« – »Hei, meinem Freunde drüben überm Meer, in Bagdad, der auch mehr ungetreue als getreue Diener hat!« – »Von dem Kalifen?«

»Jawohl, von meinem edlen Freund Harun Alraschid. Was gäb' ich drum, ihn nur einmal von Angesicht zu schauen! Ein herrlicher Held! Heiliger Christ, den muß ich dir noch zur Taufe bringen, eh' ich sterbe! – Nun, seine letzten Gesandten ... –« – »Die Euch das Tier Elephas gebracht?« – »Jawohl! Die haben mir von ihm erzählt, wie er wunderbarerweise darauf geführt wurde, in Verkleidung durch seine Städte und Lande zu ziehen und so die Wahrheit zu erkunden. – Wieder einmal hatte er erfahren müssen, wie seine Herzoge und Grafen – Veziere und Walis heißen die heidnischen und taugen, scheint es, ebensowenig wie die getauften! – ihn belügen und betrügen, die Not des Volkes vor ihm verbergen, sich bestechen lassen, die Schwachen bedrücken. Da warf er sich vor dem Einschlafen nieder in seinem Kämmerlein und betete um Rat und Abhilfe zu Gott.« – »Zu welchem?« »Natürlich zu dem Seinen.« Der Erzähler stockte und besann sich. »Aber der Unsrige hat ihn gehört.« – »Wie wißt Ihr das?« – »Weil was Gutes dabei herauskam. – Denn im Traum vernahm er eine Stimme, die sprach zu ihm: ›Wenn du mit vier Elefanten, o törichter Harun, in goldner Sänfte und mit tausend Sklaven durch die Lande ziehst, schaust du nur, was man dem Kalifen zeigen will. Der Bettler, der Fischer, der Kaufherr, der Pilger sieht die Wahrheit.' Und am folgenden Tag zog Harun als Bettler, am zweiten als Fischer, am dritten als Kaufherr, am vierten als Pilger durch die Gassen von Bagdad oder auf die Landstraßen oder auf den Schiffen der Ströme. Und nun sah er die Wahrheit: und fast jeden Abend hing ein andrer Kadi – das ist so ein Gaurichter! – oder ein Wali – das ist dort ein Herzog! – an einem sehr hohen Galgen.« – »Das ist gut.« – »Ja, sehr! Aber noch besser ist: ein großer Schreck fuhr unter die ungetreuen Amtleute alle. Denn keiner wußte ja, ob nicht der Kalif in dem Bettler oder Fischer oder Kaufherrn oder Pilger stecke, der sich an ihn wandte. Und während sie früher solche Leute hatten prügeln lassen gleich beim Empfang, sind sie nun gar höflich und dienstfertig geworden gegen alle Leute und fragen jeden zerlumpten Bettler: ›Was wünschest du, mein Täubchen? Was kann ich dir Gutes antun, mein Lamm? Worüber klagt mein Liebling?‹ – Und das ist sehr drollig! Nicht? Ha, ha!« Der Erzähler lachte recht von Herzen. »Und siehst du, nun mach' ich's Freund Harun nach.« »Aber die Grafen hier zu Land haben's noch nicht gemerkt,« meinte der Seniskalk. »Sie sind noch recht grob mit den Leuten.« – »Ich fange auch eben erst an! Warte nur! Wenn erst Graf Hardrad hängt auf der höchsten Turmzinne zu Esesfeld: – dann gib acht, wie seine Amtsgenossen in der Nachbarschaft leutselig werden.« – »Und ganz allein geht Euer kühner Freund auf solche Wanderschaft?« »Nein, meist gesellt er sich seinen getreuen Vezier! – wie ich mir dich geselle, Audulf. – In deinem Schoße liegt mein Haupt so sicher wie einst« – er seufzte tief – »auf Rolands Knieen. – Drum hab' ich seine Bretonenmark dir anvertraut: dem Treuesten sollte der Treueste folgen.« Der Alte schwieg; sein Blick umflorte sich. »Dank, Herr, heißen Dank,« sprach der graubärtige Seniskalk, seine Rechte fassend und zum Munde führend. »Aber denkt nicht – es macht Euch stets noch traurig – nicht so oft ... an« ... – »An Roland? Und an Ronceval? Ach, bis ans Grab werd' ich dran denken. – Manchmal, zur Nacht, ist mir, ich hör' sein Horn – wie ich es damals gehört, weit über Berg und Tal, wie es, so sehr – so sehr nach Hilfe rief! Ich hatt' es gehört. Der Engel Gottes wohl trug den Schall mir zu. Auf sprang ich vom Wachtfeuer, zu Hilfe wollt' ich eilen, – zurück nach Ronceval. Nie verzeih' ich's den Höflingen, die da sagten, die da bewiesen, es sei unmöglich, das Horn so weit zu hören.« »Es war unmöglich,« sagte Audulf fest. – »Aber ich hab's doch gehört! Was ist Gott dem Herrn unmöglich? – Ich aber zweifelte an Gottes Allmacht und glaubte den klugen Menschen und legte mich wieder auf meinen Mantel: und unterdes verblutete Held Roland an seinen Wunden! Und als wir am andern Morgen – von dem einzigen Geretteten eingeholt – doch umkehrten nach Ronceval, – da lag er tot auf seinem Schild, der treue Held, und neben ihm – zersprungen – lag sein Horn! – Und nun hör' ich's so oft ... des Nachts ... so oft!« – – –

Er versank in trauriges Brüten. Da schlug ihm der Seniskalk, hoch sich reckend, auf die Schulter: »Auf, auf! Nicht diesem einen Toten: – Ihr gehört dem Reich der Franken, Herr.« Der Alte gab ihm die Hand: »Dank, du hast recht.« »Ihr könnt aber nicht,« fuhr Audulf fort, »in Verlarvung Euer ganzes Reich durchwandern von Huesca bis Heinburg, von Esesfeld bis Capua. Eure Königsboten, – die machen Euch in Wahrheit allgegenwärtig. Das ist die herrlichste Einrichtung, die Eure Weisheit ersonnen.« – »Nicht meine Weisheit! Oder doch nicht ersonnen! Nur herübergenommen, nur geschöpft aus dem göttlichen Born, drin alle Weisheit beschlossen ist: aus der Kirche. Wie Papst oder Erzbischof fremde Priester in die Sprengel schicken, die ständigen Priester zu prüfen und Klagen wider sie aus der Gemeinde anzuhören, so hab' ich das auf die weltlichen Dinge übertragen. Gott dem Herrn allein, dem heiligen Geist, der seine Kirche lehrt, gebührt die Ehre auch für das Gute, was in meinem Kaiserbotenamt steckt. Aber –« und hier furchte sich die gewaltige Stirn – »eben weil es Gottes Weizen ist, gerade darum säet auch Satan sein Unkraut dazwischen. Wenn die Königsboten selbst mich betrügen, bestechlich durch Gold oder Begierde des sündigen Fleisches! Noch viel höher als den Grafen Hardrad häng' ich den Bischof Acerbus, wenn ...«

Er sprang auf; furchtbar loderte das blaue Auge des alten Mannes in jugendlichem Feuer. Wie ein heiliger Zorn kam es über das majestätische Antlitz. Er ging, mächtig ausschreitend, einmal durch die Halle. Dann blieb er plötzlich stehen und pochte mit der geballten Faust dreimal langsam auf die breite Brust. – »Gemach! – Hinunter mit dir, Heißzorn! – Denk' an Verden! Denk' an die Aller! Denk' an die fünftehalbtausend Sachsen! – Sobald sie tot lagen, – wie hat es dich gebrannt! Hinunter, Heißzorn! – Lies mir seinen Bericht nochmal. Vielleicht ist er getäuscht. Vielleicht schreibt er in gutem Glauben. Man glaubt so leicht, was man zu glauben wünscht!«

»Gewiß, Herr. Der Mann hat mir so gut gefallen: grundgescheit, gelehrt sogar, stets wach, rascher Gedanken reich, stets arbeitdurstig, ein wahrer Feuereifer der Pflicht ... –« – »Ja, ja. Ich hab' ihn lieb gewonnen, ins Herz hab' ich ihn geschlossen. Große Dinge hatte ich mit ihm vor! Er hat mir sein Innerstes gezeigt – und es hat ihm nicht geschadet: gehoben hat es ihn bei mir. Aber gerade, weil ich sein Geheimstes kenne, muß ich fürchten ... Doch lies. Nicht alles! Nur das von dem Waldgänger!«

Der Seniskalk nahm von einem mit Urkunden bedeckten Tisch ein bereits entsiegeltes Pergament auf und las: »Endlich melde ich noch, daß ich durch eine wunderbare Fügung Gottes jenen Sachsen Volkfried gefangen habe, von dem und dessen Weib Muthgard ich Euch, Graf Francio, erzählt. Der Mann ist geständig, den Vizegrafen Fortunatus getötet und von der Tat hinweg die Flucht in den Wald ergriffen zu haben. Dies widerlegt vollständig seine Behauptung der Notwehr. Nach zweifellosem Sachsenrecht muß, wer in Notwehr totschlug, bei der Leiche bleiben oder sofort sich dem nächsten Richter stellen: wer von der Leiche flüchtet, flüchtet von der Einrede der Notwehr. Ich erblicke die Hand Gottes darin, daß gerade mir zufiel die Hinrichtung des Mannes, um den ich, wie ich Euch erzählt, so viel gelitten. Seiner Witwe und seiner beiden Waisen, die auch in meine Hand fielen, werd' ich mich annehmen nach besten Kräften.«

»Ja,« schloß der Seniskalk, »mit der Notwehr steht das ganz genau so, wie der Bischof schreibt. Der Sachse mußte bleiben, mußte sich dem Richter stellen.« – »Aber du hast doch so gut gehört wie ich, daß dieser Richter, Graf Hardrad, mit Gewalt, nicht mit Recht, in des Sachsen Hof dringen wollte. Der Mann war ja verloren, wenn er blieb. Und um jenes bloßen Buchstabens des Rechtes willen spricht der Kaiserbote ihm die Notwehr ab? Das ist elende Heuchelei!« – »Ihr vergeßt: der Bischof ist ja nicht unterrichtet von dem Vorgang wie wir. Nur der Flüchtling, dessen Weib und Kinder, kein glaubhafter Zeuge sprach bei dem Bischof gegen den Grafen.« – »Du aber weißt nicht ... was ich weiß von dieses allzu jungen Bischofs geheimen Wünschen. – Wenn er den Sachsen schon getötet hat!« – »Fast, scheint es so,« sprach Audulf, in den Brief blickend. »Er redet von der Hinrichtung, von seiner Witwe ... –«

»Dann wehe ihm! – Zeugen, sagst du? – Gut! Wo sind Hülsung, der Westfale und Fidus?«

»Hülsung ist noch nicht zurück. Ihr habt ihn ja selbst ausgesandt als einen der Aufbieter.« – »Und Fidus?« – »Der Mönch erbat sich, gleich nachdem er befreit war, Urlaub auf kurze Frist. Er versprach, bald wieder zu uns zu stoßen. Seht, da wankt er in den Hof. Wie verstört! Hierher, Fidus! Hier ist der Herr Graf.«

*

 

Fünftes Kapitel.

Bleich und traurig trat der Alte in die Halle, Tränen standen in den müden Augen, er eilte auf den Sendboten zu und warf sich ihm zu Füßen.

»O Herr, bestraft mich, wie Ihr wollt! Ich konnte nicht anders. Ich mußte es tun. Gott vergebe mir!« »Steh auf, Mönch,« erwiderte der Graf und half gütevoll dem Zitternden sich aufrichten. »Ich kenne dich lange. Du kannst so gar Schlimmes nicht verbrochen haben.« – »O doch, Herr, doch! Ich habe die Treue gebrochen.« – »Mir? Das glaub' ich nicht.« – »Nicht Euch: – aber Gott dem Herrn. Oder dem Herrn Papst, was dasselbe ist. Und ach! zum zweitenmal schon.« – »Rede!« »Ihr wißt – oder Herr Audulf wenigstens! – dem hab' ich's gesagt – wie es mir ergangen, wie der Abtvikar mich unter die Heiden geschickt.«

»Jawohl,« sprach der Graf grimmig, »in den sicheren Tod. Er wird vor dem andern Königsboten, dem Bischof, dafür Rede stehen. Nur durch ein Wunder wardst du gerettet. Aber du hast nur Audulf, nicht mir berichtet, wie es kam, daß wir euch in jenem Wald trafen. Erzähle.« – »Zwei Wunder hat der Herr an mir getan! – Und zweimal hab' ich ihm das Gelübde gebrochen! – Denn, nachdem der grimme König das erstemal mein geschont ... –« – »Das war in der Tat ein Wunder, nachdem du, treu bis zum Tod, deinem Auftrag gemäß, auf seinen Götzen mit dem Speere gezielt.« – »Und doch drohte mir und Hülsung das zweitemal der Tod noch viel näher, unter grausen Qualen. Der Däne zog gen Mittag in aller Eile und aller Stille: nur zur Nacht ritten sie, tags über hielten sie sich in den Wäldern versteckt; uns führten sie, auf Ein Roß gebunden, mit, wir wußten nicht, wohin. Endlich merken wir, daß wir uns – aber nicht auf den offenen Straßen – Esesfeld näherten. Eines Morgens sahen wir vom Waldrand aus die Feste vor uns liegen; sie war fast ganz in Nebel gehüllt, nur der Turm ragte empor aus dem wogenden Dunst, der die Dänen gewiß den Wächtern völlig verbarg. Da ließ der König uns beide losbinden, vor sich bringen und sprach von seinem schnaubenden Hengst zu uns herab: ›Ich weiß, ihr habt monatelang gelebt in jener Burg dort, die ich haben muß und hielte euer Herr Christ Mariensohn selbst die Torwache drin.‹« »Der freche Lästrer!« unterbrach der Graf. »›Belagere ich sie, rufen mir ihre Feuerzeichen von allen Seiten die Frankengrafen auf den Hals. Durch raschen Überfall muß ich sie gewinnen. Nun saget mir genau alles an: wie tief und wie breit der Graben, wie hoch der Wall, wie dick das Haupttor, ob nicht ein heimlich Pförtlein irgendwo? Erweisen sich in der genommenen Burg eure Worte als wahr, so sollt ihr reich beschenkt entlassen sein. Saget ihr aber die Unwahrheit, so sollt ihr sterben, fürchterlich gepeinigt.‹ Da trat Hülsung vor, sah dem König fest in das drohende Gesicht und sprach: ›Weder Wahres noch Falsches über die Feste, – gar nichts wirst du von mir erfahren. Denn ich habe Herrn Karl Treue geschworen. Und wird das nie geschehen, daß ich die breche.‹ Und obwohl ich mich ein wenig fürchtete vor den zornigen Augen des Heiden, trat ich doch nun auch vor und sprach: ›Ich bin – leider! – kein Kriegsmann, wie dieser Westfale da. Aber auch ich halte Herrn Karl die Treue. Ach, besser dem Kaiser als dem Herrn Christus hab' ich sie stets gehalten.‹

Da schlug mich der Herr König mit dem Speerschaft, den er in der Hand trug. Aber das war nur der Anfang des Schlagens. Denn er winkte seinen Gefolgen und die schlugen auf uns los, ganz unbarmherzig, und dazwischendurch fragte der Grimme immer wieder, ob wir nun reden wollten? Aber wir schwiegen. Und die Knechte wurden allmählich müde. Da gebot der König, uns liegen zu lassen, wo wir lagen. Tags darauf aber sollten sie uns seitwärts in den Dänenwald führen, dorthin, wo aus Felsen ein Altar des Odhin geschichtet ist: – das ist aber derselbe Unhold, den die Sachsen Woden nennen ... –« »Ich kenn« ihn schon!« » sprach der Graf und nickte drohend mit dem gewaltigen Haupte. »Dort sollten wir beide dem Götzen als Opfer geschlachtet werden. Denn uns zum Verrat zu bringen, das hatte der Däne aufgegeben. Aber auch den Überfall der Burg gab er auf, – schickte vielmehr wieder geheime Boten an den Grafen.« »

»So, so!« Und der Graf nickte Audulf zu.

»Die sahen wir noch abreiten. Dann wurden wir wieder auf Ein Pferd gebunden und von vier Knechten des Königs fortgeführt, Tag und Nacht und noch einen Tag. Da sahen wir in der Ferne, mitten im Walde rote Seile von Baum zu Baum gespannt. Mir graute davor: – ich wußte nicht, warum? Aber mir graute: Das merkte wohl einer der Knechte, der ein weicheres Herz hatte. Oder auch, er hoffte vielleicht, nun sei ich mürbe und leichter zum Reden zu schrecken. Er trat dicht an mich heran, wies mit dem Speer auf jene Seile und sprach: ›Siehst du dort die heiligen Hag-Bande? Vom Blute der Opfer werden sie gerötet. Noch kannst du mit dem Leben davonkommen. Bist du, zum Opfer geweiht, einmal hinter jene Blutbande getreten, darf auch König Göttrik selbst nicht mehr dich retten durch sein Gnadenwort, auch wenn du alles uns sagst über die Feste. Und grausam sind die Messer der grauhaarigen Priesterin!‹«

»Wartet nur, ihr Menschenschlächter,« unterbrach mit lautem Zorn der Graf. »Ich werde euch lehren! Euch und euren blutigen Höllengott Woben! Bald kommt mein Heer, mein Sohn Karl! Dann wehe diesem Dänen!« »Graf Francio,« mahnte Audulf, »Ihr tut ja, als wäret Ihr der Herr Kaiser selbst.« Der Alte lachte. »Der treue Mönch verrät mich nicht.« – »Aber Ihr schreit, daß Euch die Leute im Hofe draußen hören.« »Nun graute mir noch ärger,« fuhr Fidus fort, »ich leugn' es nicht. Aber ich schüttelte nur den Kopf. Da wurden unsre Begleiter plötzlich unruhig: sie spähten scharf nach Osten: auch ich vernahm nun in der Ferne das Klirren von Waffen, hörte ein Roß wiehern und Hülsung hob sich in den Bügeln: ›Das sind fränkische Helme,‹ rief er. ›Zu Hilfe, zu Hilfe!‹ Und obwohl von den Dänen mit dem Tode bedroht, falls wir nicht schwiegen, schrien wir doch so laut wir nur konnten um Hilfe. Und bald sprengtest du heran, auf deinem mir wohl bekannten alten Weißroß, großmächtiger ... –«

»Graf!« fiel der Alte ein. »Und die Dänen flohen. Und wir banden euch los. Aber nun? Du hast dich ja – ganz wie der Westfale – dem Kaiser in Treue bewährt? – Wie hast du sie denn Gott gebrochen?« – »Ach, gleich darauf. Ich fragte Eure Krieger, ob sie nicht vielleicht durch die Eiderfurt am Volkingerhof vorbeigekommen seien und von den guten Leuten dort wüßten? Sie sagten: nein; sie seien weiter mittagwärts durch die Südfurt über den Fluß gekommen und hätten seit vielen Tagen keinen Menschen getroffen als gestern ... –« »Nun?« – »Ein Häuflein Nonnen trafen sie aus Utrecht, die mitten im Winter zur Ablösung von andern Religiosen nach Dünevik reisten: – diese tapferen Mägde Christi, – sie hielten Rast dort an der Furt. Das sagten mir Eure Leute. Und als einer von ihnen mich von Euch beim Namen genannt hörte, sagte er: ›Seltsam! Fidus heißt Ihr?‹ ›Ja,‹ sagte ich. ›Und in der Welt hieß ich Waltger.‹ Da staunte der Mann noch mehr und rief: ›Dann seid Ihr's, den sie immer rief.‹ ›Wer?‹ fragte ich. Mir schlug das Herz schon so heftig, seit ich von den Nonnen von Utrecht gehört! Denn Ihr wißt ja: Herr Audulf, – weshalb mir der Abtvikar jene Buße auferlegte?« »Ich weiß es,« grollte der Seniskalk, »du solltest keine Nacht mehr unter einem Dache schlafen, bis du – allein – ein Heidengötzenbild bei einem Heidenfest zertrümmert hättest! Das ist Mord.« »Und wird auch so geahndet werden!« drohte der Graf. »Weiter!« – »›Wer?‹ fragte ich also mit leisem Schauer von Furcht und Freude. ›Eine der Nonnen,‹ fuhr der Mann fort. ›Sie lag im Fieber, wohl im Sterben. Und unaufhörlich rief sie, auf der Tragbahre ausgestreckt: – ›Waltger!‹ und dann wieder: ›Fidus! Fidus‹ und dann wieder ›Waltger! Komm! Komm zu mir! Wo immer du auch weilest: wenn du noch lebst, komm zu mir! Nur einmal noch muß ich dich sehen! Ich kann nicht sterben, bis ich dich gesehen. Und ... ‹« Da stockte der Mönch und brach in Tränen aus. »Armer Mensch,« sagte der Graf und strich ihm, tief sich beugend, mit der Hand über den grauen Kopf. »Und da riß es mich fort, mit zwingender Gewalt, zu ihr, zu meinem Weibe! Ich erhielt Urlaub vom Herrn Seniskalk und ein gutes Pferd und fort ritt ich, so rasch das Roß laufen konnte, durch die Wälder, ohne Weg, über den tiefen Schnee, über das spiegelglatte Eis, Tag und Nacht, ohne Unterlaß. Und ich fand das Rastlager der Nonnen. Und sprang vom Gaul und lief mitten unter die Frauen – die Knechte konnten mich nicht aufhalten! – und sah eine Tragbahre auf der Erde und darauf die ausgestreckte Gestalt, die wimmerte nur noch leise. Und ich schlug die Kapuze zurück von ihrer Stirn. Und es war das Antlitz, das liebe, liebe, das immer noch so schöne Gesicht meiner armen Hercha! Nur gar so bleich, so durchsichtig bleich war es geworden! Und ich kniete neben sie in den Schnee, rief sie bei Namen und umschlang ihre beiden Schultern mit meinen Armen. Sie schlug die schönen, großen, goldenen Augen auf: ›Siehst du, mein Waltger,‹ – sagte sie und ein wunderselig Lächeln flog um ihren Mund. – ›Ich wußte es wohl, daß du noch kommen mußtest. Nun ist alles gut. Leb' wohl. Aber nur auf kurze Zeit. Nun sind wir bald im Himmel: – dann ewig beisammen – . Gott wird uns nicht scheiden, wie uns der Bischof schied. O wie selig wird mir!‹ Und sie lächelte heiter, ihr Auge leuchtete noch einmal auf: dann schloß sie es – und war tot. Ich aber küßte ihr die kalte Stirn und die lieben Augen und die magern, magern Hände, ja und auch den roten Mund. Und die guten Nonnen ließen mich gewähren: denn sie sahen wohl, wie alles war. Und weinten. Und ich schaufelte ihr ein Grab dort, unter einer Eiche, und legte sie hinein mit diesen zitternden, müden Händen und schnitzte ein Kreuz und steckte es darauf. Dann stieg ich wieder in den Sattel und eilte spornstreichs her, alles zu gestehen und meine Strafe abzubüßen. Denn ach, es ist ja wahr! Gebrochen – zum zweitenmal gebrochen hab« ich mein Gelübde. Ja, und ich muß alles sagen: nicht nur Mitleid trieb mich, ach nein, Liebe, die alte, tiefe, heiße Liebe. Und als ich ihr den süßen, den schönen Mund küßte, ich greiser Mann, da durchdrang mein altes Herz eine wonnige Seligkeit wie eines Bräutigams Herz. Nun tut mit mir wie ihr wollt. Nur das Eine verlangt nicht, Herr, daß ich's bereuen soll. Ich kann es nicht bereuen. Ich tät's nochmal.«

Und er sank nieder zu den Füßen des hohen Mannes und umschlang seine Kniee und heißer und reichlicher flössen ihm die Tränen. Auch des Seniskalks Augen wurden feucht; der andre aber sprach, die Hand auf des Knieenden Schulter legend: »Steh' auf; ich vergebe dir: du wardst ungetreu – aus Treue.« »Dank, Dank, o Herr!« rief der Mönch sich aufrichtend. »Nun will ich gern auf mich nehmen was der Abtvikar mir an Buße aufbürden wird.« – »Nichts da von diesem falschen Petrus! Der wird bald selbst gerichtet – von Bischof Acerbus. Du aber reitest – mit Hülsung – eben steigt er dort vom Pferde – sofort nach Heidhof im Nordergau zu diesem Kaiserboten. Der Sachse Volkfried darf nicht sterben.« – »Volkfried? Um Gott – was ist mit ihm?« – »Geduld. Bald mehr von ihm. Jetzt sag' ich dir nur – damit du weißt, wie sehr du eilen mußt! – der Sachse ist in seines bittersten Hassers, seines Todfeinds Händen.« – »Nicht doch, Herr! Sein Todfeind heißt – ganz anders.« – »Richwalt heißt er, des Grafen Richulf Sohn.« »Herr,« rief der Mönch in höchstem Staunen – »so ist es wahr? Daß dich der heilige Geist manchmal allwissend macht?« – »O nein. Aber vieles weiß ich, was keiner weiß in diesem Reich der Franken. Acerbus ist Richwalt.« – »Und sein Gefangener ist Volkfried? Er ist des Todes!« – »Er darf nicht sterben! Darum eile. Hülsung und du, ihr eidet als Zeugen alles, was ihr von des Grafen Hardrad, von des Vizegrafen Fortunatus Freveln wißt: und von des Sachsen Unschuld.« – »Und ... und meine Buße?«

»Legt dir der Bischof Acerbus auf. Dem aber sagst du: ›mich schickt Graf Francio zu dir und frägt dich: welche Buße verdient ein Priester, der sein eigenes Eheweib – nicht eines andern Eheweib! – nicht vergessen kann, sondern geliebt hat treu bis in den Tod?‹«

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