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Bis an die Grenze

Grazia Deledda: Bis an die Grenze - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleBis an die Grenze
publisherSüddeutsche Monatshefte G. m. b. H.
year1910
translatorE. Müller-Röder
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III

Wieder vergoldete der Herbst die Weinberge, und die Dornenwildnis zwischen dem Buschwald schien die Rostfarbe der Wölkchen widerzuspiegeln, die unbeweglich an dem schon leicht verschleierten Horizont standen.

Gavina saß unter der Eiche und blickte in die Ferne: auch das Blau ihrer Augen war von Traurigkeit verschleiert.

Vergebens suchte sie die Erinnerungen zu verscheuchen: sie verfolgten sie, packten sie wie der Wind die Eiche, fielen über sie her mit den Blättern, die der alte Baum wie zum Scherz ihr auf Kopf und Hände warf.

Wie an jenem weit zurückliegenden Tage erwartete sie einen Mann; aber die bange und freudige Erwartung, die sie erfüllt, damals, als Priamo den Abhang heraufkam, fühlte sie nicht mehr, würde sie nie mehr fühlen. Sie wußte das und blickte offenen Auges und ernst vor sich hin; es war ihr, als gliche ihre Zukunft jenem herbstlichen Horizont, der noch blau, aber schon verschleiert und hin und wieder von rostbraunem Gewölk getrübt war.

Der Mann kam: es war Francesco Fais. Er war gar nicht verändert und trug sogar noch den keineswegs eleganten Anzug vom vorigen Jahr, das auf den Knien ausgebuchtete Beinkleid, die schwarze, flatternde Halsbinde, die die trübe Blässe seines Gesichts noch mehr hervorhob. Und unwillkürlich gedachte Gavina des andern.

»Haben Sie Luca gesehen? Hat er Ihnen gesagt, wie krank er war?« fragte sie den Ankömmling. »Er ist über einen Monat in den Bergen gewesen.«

Francesco betrachtete sie unverwandt und suchte seiner Bewegung Herr zu werden. »Mir scheint, es geht ihm jetzt nicht schlecht. Aber Sie? Wie geht es Ihnen?« fragte er tief aufatmend.

»Gut! Ich bin ja hier auch auf dem Lande«, sagte sie in spöttischem Ton. »Entschuldigen Sie, daß ich Sie bis hierher kommen ließ! Sind Sie müde? Sind Sie zu Fuß gekommen? Bitte, entschuldigen Sie ...«

»Aber warum sagen Sie das? Und Signora Zoseppa?«

»Sie ist im Hause. Wenn es Ihnen recht ist, sprechen wir einmal miteinander, bevor wir die Mutter aufsuchen. Wir müssen über Luca sprechen und ... auch über anderes ...«

»Vor allem über anderes«, sagte er, setzte sich neben sie auf das Mäuerchen und kehrte sich ihr ganz zu, ohne je den Blick seiner leuchtenden Augen von ihrem Gesicht abzuwenden.

Aber ihre Augen wichen diesem Blick aus, und der Ausdruck ihres Gesichts blieb ernst und spöttisch zugleich.

Und auch Francescos Gesicht verdunkelte sich. »Sprechen Sie«, sagte er bittend, »lassen Sie mich nicht in Unruhe!«

»Hören Sie!« sagte Gavina und sank wie müde in sich zusammen, stützte die Ellbogen auf die Knie und das Kinn auf die Hände. »Sie haben mir geschrieben, Sie wären meinetwegen hierhergekommen, um mich zu fragen, ob ich Sie denn nicht endlich ein wenig lieb habe. Sie haben gehofft, weil ich Ihnen in letzter Zeit mitunter einen freundlichen Gruß gesandt habe. Jetzt muß ich Ihnen alles sagen ... ja, ich habe immer an Sie gedacht, aber ... nicht mit Leidenschaft. Ich habe Sie wohl gern, aber vielleicht nicht so gern, wie Sie es möchten. Ich habe Sie gern, aber ...«

»Nicht mit Leidenschaft!« erwiderte er. »Das weiß ich, das weiß ich!«

»Ich bin der Leidenschaft nicht fähig«, fügte sie schnell hinzu, wie um ihn zu beruhigen und zu trösten. »Aber ... meine Mutter sagt, das sei auch gar nicht notwendig für eine gute Ehe. Ich habe Sie gern, Francesco; ich habe volles Vertrauen zu Ihnen und zu mir selbst: ich will suchen, Sie glücklich zu machen, so gut ich es vermag, mit allen meinen Kräften. Vorher aber müssen wir uns über verschiedenes verständigen ... zuerst wegen Luca ...«

Er machte eine Bewegung, als wolle er sagen: »Meinetwegen sprechen wir von ihm, obgleich mir gar nichts daran liegt.« Alsbald aber schien er das zu bereuen und hörte mit Aufmerksamkeit zu.

»Luca ist völlig zum Trinker geworden, Sie wissen das. Und sein Verfolgungswahn nimmt immer mehr zu. Ich habe ihm nie etwas zu leide getan, obwohl ich immer streng gegen ihn gewesen bin: ich glaubte ihm damit Gutes zu erweisen – aber vielleicht habe ich nicht richtig gehandelt. Wie er aber immer unser Plagegeist gewesen ist, so könnte er eines Tages auch mir Ungelegenheiten bereiten und Ihnen. Bedenken Sie das wohl, Francesco. Ein Mädchen, das solche Verwandte hat, kann man nicht leichten Herzens heiraten.«

»Aber ich werde Sie heiraten und nicht Luca«, sagte Francesco, auch seinerseits ein wenig spöttisch. »Was für Ungelegenheiten könnte er uns bereiten? Er ist ein Unglücklicher, ein Kranker. Käme er in andere Umgebung, so würde er vielleicht gesunden. Wir könnten ihn ja zu uns nehmen ...«

Erschrocken hob Gavina den Kopf. »Ach, nein, nur das nicht! Das beste, was ich tun kann, ist, von ihm zu gehen. Er hat Angst vor mir, wahnsinnige Angst ... und schlimmer noch ist, daß ich auch anfange, mich vor ihm zu fürchten!«

»Also sorgen Sie sich darum nicht weiter!« sagte Francesco. »Ich werde tun, was Sie wünschen, das verspreche ich Ihnen.«

»Versprechen Sie mir das wirklich?« fragte sie angelegentlich und sah ihm zum erstenmal in die Augen.

Und ihre Augen hatten einen so traurigen und flehenden Ausdruck, daß es Francesco ergriff. »Soll ich es Ihnen schriftlich geben?« fragte er scherzend, um seine Bewegung zu verbergen. »Alles, was Sie wollen! Und nun lassen Sie uns von dem andern sprechen!«

Sie schien sich zu erinnern, blickte wieder vor sich hin und sank in ihre vorige Stellung zurück. »Warten Sie! ... Ich hatte Ihnen so vieles zu sagen, aber ich weiß es jetzt nicht mehr. Ja, doch, etwas anderes liegt mir sehr am Herzen, mehr sogar als alles übrige. Sie wissen, daß ich religiös gesinnt bin. Es gab eine Zeit, da ich es weit mehr, ja fast bigott war. Ich halte auch jetzt noch am Glauben fest, aber nach bestem Wissen und Gewissen. Ich weiß, daß Sie nicht glauben, und werde nie von Ihnen verlangen, daß Sie sich bekehren; aber auch Sie sollen mir die Freiheit lassen, die religiösen Gebräuche zu beobachten.«

»Sie sollen frei sein, zu tun, was Ihnen gut scheint; ich kenne Sie jetzt, Gavina, und es wird kein Verdienst von mir sein, wenn ich Ihnen volle Freiheit zugestehe, denn ich weiß, daß Sie nicht fähig sind, etwas Anrechtes zu tun. Sehen Sie ... ich ...«

Ja, sie sah, daß er bereit war, alle Bedingungen anzunehmen, die sie ihm aufzuerlegen beliebte. Doch der Ton seiner Worte kam ihr immer noch spöttisch vor. Er behauptete sie zu kennen: ach nein, nein! Hätte er sie wirklich gekannt, so hätte er nicht so zu ihr gesprochen.

... »Sehen Sie, ich schätze Sie vielleicht mehr, als Sie sich selbst. Ich habe immer lebhafte Bewunderung für Sie gehegt. Sie waren so verschieden von allen andern Frauen. Schon als kleiner Bursche habe ich mich in Sie verliebt, bevor Sie noch erwachsen waren, weil aus Ihren Augen Verstand und Klugheit sprachen. Erinnern Sie sich? Sie kamen um Michela abzuholen, ich stand oben am Fenster und zog mich zurück, weil ich Scheu vor Ihnen hatte!«

»Ja, aber eines Abends in der Karwoche ...« unterbrach ihn Gavina.

»O, auch das weiß ich noch sehr gut! Ja, ja, ich war wie im Rausch an jenem Abend ... Und damals, als Michelas Vater hier heraufgeritten war, um Luca zu suchen; an den Abend denke ich immer: der Garten, die Steineiche, die Rakete! ... Sie lachten über mich, aber ich war doch glücklich. Und dann, Sie kümmerten sich nicht um mich, und vielleicht hatte ich Sie gerade darum noch lieber: Sie waren für mich wie der schimmernde Berggipfel, der uns lockt, aber uns nicht herbeiwinkt! Wir wandern und Wettern, wie berauscht von Müdigkeit, von Durst, von Verlangen ...«

»Und da oben ist nichts als Schnee!«

»Schnee für unsern Durst, aber auch Sonnenschein und die Poesie unabsehbaren Fernblicks.«

»Poesie! Ach ja, Sie sind auch Poet, vielleicht mehr Poet als Mann der Wissenschaft!« sagte sie wieder mit ihrem spöttischen Ton. »Und ich ... Sie sagen, Sie kennten mich, aber, ja, das wollte ich Ihnen auch noch sagen: ich bin ein böses, liebloses Wesen. Einst hielt ich mich für gut – jetzt aber glaube ich das Gegenteil. Ich bin eine kalte Natur, der Leidenschaft nicht fähig und doch zur Eifersucht geneigt; und wie ich streng gegen mich selbst bin, so bin ich es auch gegen andere. Ach, ich habe schon so viel gelitten, daß ich fast des Lebens überdrüssig bin!«

»Aber sprechen Sie doch nicht so!« sagte er ein wenig ungehalten. »Sie kennen noch gar kein Leid! Ach, wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten! Und Sie sind nicht des Lebens überdrüssig, sondern Ihres Lebens. Sie leben hier wie eine gesunde, üppige Pflanze in einem zu engen Behältnis. Lassen Sie mich's sagen: Sie haben noch gar nicht gelebt. Was haben Sie denn bisher gesehen?«

»Es ist nicht gerade nötig in die Hospitäler zu gehen, um den Schmerz kennen zu lernen«, gab sie herb zurück.

»Still, um's Himmelswillen! Wer spricht denn von Hospitälern? Ich werde mich hüten, Ihnen ein Hospital zu zeigen: gerade da kann das Herz sich verhärten, das Gefühl sich abstumpfen, daß man den Schmerz nicht mehr fühlt. Haben Sie keine Sorge: ich werde Sie nicht in die Hospitäler führen ...«

Sie fürchtete, ihn gekränkt zu haben, aber sie entschuldigte sich nicht. »Wovon sprechen Sie dann?« fragte sie.

»Ich spreche von der Freude und nicht vom Schmerz. Den wollen wir nicht aufsuchen! Wenn Sie wüßten, wie schön und groß Rom ist! Sie werden sehen, es wird Ihnen dort sein, als wären Sie neu geboren. Ich habe in Rom immer an Sie gedacht. Ich sagte mir, sie lebt in einer engen Welt, zwischen vier Wänden gleichsam. Hier wird sie Herrin ihrer selbst sein und endlich das Leben kennen lernen. Ich werde Sie glücklich machen – denken Sie daran denn gar nicht? Ach, Sie lieben mich eben nicht! ..«

Ihr klopfte das Herz: Sie dachte an die selben Worte, die Priamo ihr einst gesagt ...

»Ja, deshalb sind Sie des Lebens überdrüssig geworden«, fuhr Francesco fort, »weil Sie nicht lieben! Vielleicht aber werden Sie mich lieben lernen ... vielleicht lieben Sie mich schon ein wenig ... sagen Sie es mir, sehen Sie mich an! Richten Sie sich auf, blicken Sie nach oben und nicht nach unten! Denken Sie nicht mehr an die wertlosen Dinge, die bis jetzt Ihr Gemüt beschwerten. Ich habe vorhin ein Gleichnis gebraucht, und möchte Ihnen jetzt noch eines nennen: Sie haben noch nie ein mit Ballast überladenes Schiff gesehen ... ach, Sie haben ja noch nie ein Schiff gesehen! Und Sie sagen, Sie kennten das Leben? ... Nun, Sie selbst sind wie solch ein überlastetes Schiff, das nicht vom Fleck kommen kann: lassen Sie uns den Ballast über Bord werfen und mit vollen Segeln dahinfahren ...«

»Ich mag nicht gern segeln ...«

»Ja, das ist's! Sie mögen nichts gern, und darum erscheint Ihnen alles traurig und häßlich. Das Leben aber ist schön, wenn wir es nur zu lieben »erstehen. Wir müssen aus dem Kreise unseres Ichs heraus, um glücklich zu sein. Wir brauchen nur ein wenig mit den andern zu leben, unser Glück mit anderer Leid zu vergleichen und unser Leid mit anderer Glück! Und wir müssen zu begreifen, zu widerstehen suchen, in Gemeinschaft mit der Natur leben, sie bewundern und uns ihrer erfreuen, wenn sie schön ist, gegen sie ankämpfen, wenn sie uns feindlich ist, stolz sein, daß wir Menschen sind, glücklich, daß wir gesund sind, und zufrieden, wenn wir uns und anderen zu nützen vermögen. Sie sind fähig, alles das zu begreifen, Gavina, aber Sie müssen auch danach handeln. Geben Sie sich nur ein wenig Mühe! Wahrlich, Gavina, ich würde weniger unglücklich sein, sollte mich die Hoffnung getäuscht haben, Sie würden mich lieben lernen, als wenn mich die Hoffnung getäuscht hätte, Sie könnten das Leben lieben lernen. Gavina?«

Und wie er sich über dem Sprechen belebte, ward er beinahe schön. Er nahm ihre Hand, küßte sie und wiederholte in fragendem Ton: »Gavina? Gavina?«

An solche Weise und an solche Sprache war sie nicht gewöhnt. Gegen ihren Willen erregte sie das Bild des Lebens, das er vor ihr aufleuchten ließ, vor diesen Augen, die des Ausblicks ins Leere so müde waren. Aber es war nur ein Augenblick: Zu sehr hatte sie die Liebe zum Leben verlernt und es nur als einen Durchgang zu einer andern Welt angesehen, als daß sie sich des Gedankens, auch dieses Leben zu eigen zu haben, hätte freuen können.

»Aber ich, für mich, bin glücklich!« sagte sie, in ihrer stolzen Art den Kopf auf werfend. »Ach, für mich braucht es so wenig! Aber die andern, die andern!«

»Lassen Sie einmal die andern! Gerade weil Sie nie an sich gedacht haben und an Ihr Recht zu leben, sind Sie des Lebens müde geworden«, erwiderte er und legte, kühner werdend, den Arm um ihren Leib. »Unsere erste Pflicht ist, an uns zu denken, damit wir den andern gegenüber stark und klar sind. Sehr oft ist der Altruismus nur ein zu weit getriebener Egoismus! Sollte es Ihnen nie begegnet sein, daß Sie Böses taten, weil Sie allzugut handeln wollten?«

Und wiederum mußte sie an Priamo denken ...

»Übrigens«, fuhr er fort, »bin ich überzeugt, daß alles Reden zwecklos ist. Man schwatzt gewissermaßen um zu schwatzen. Nur Tatsachen, selbst die geringfügigsten, vermögen unsere Art zu denken und zu leben gründlich umzugestalten. Tausendmal habe ich daran gedacht, Ihnen in diesem Sinne zu schreiben; doch was würde es genützt haben? Sie hätten meine Worte wohl gelesen, aber sie vielleicht flicht gebilligt, vielleicht falsch aufgefaßt. Wollen Sie hingegen Vertrauen zu mir haben und mir folgen, so bin ich gewiß, daß Ihr Charakter sich völlig ändern wird. Sie sollen sehen: Sie werben glücklich sein! Ich werbe wenig von Ihnen verlängert und Ihnen Alles geben, was ich zu geben vermag ...«

Und wie um sie durch die Tatsachen, von denen er gesprochen, von der Wahrheit seiner Behauptungen zu überzeugen, küßte er ihr nochmals die Hände, ohne mehr von ihr zu fordern.

Die Berührung eines jungen und feurigen Mannes erhitzte auch ihr das Blut. Aber statt sich über diesen göttlichen Brauch des Lebens zu freuen, empfand sie ein seltsames Unbehagen, einen heftigen Zorn über ihre Schwachheit.

Und da der andere nicht von ihr ließ, seine Lippen sich von ihren Händen zu den Pulsen, dann zu ihrem Gesicht vorwagten und schließlich kühn die Lippen suchten, die den seinen auswichen, machte sie sich zitternd von ihm los und sagte: »Wir wollen zu meiner Mutter gehen.«

Signora Zoseppa und der Weinberghüter waren damit beschäftigt, eine Menge der schönsten Tafeltrauben zu säubern, und hatten die Ankunft Francescos nicht bemerkt.

Während sie die schlechten Beeren auslasen, besprachen sie friedlich die beste Art, die Füchse und Hafen dem Weinberg fernzuhalten.

»Nach meiner Erfahrung«, sagte der Bitter mit Überzeugung, »gibt es nur ein Mittel, das ist in der Johannisnacht gepflückter Lorbeer. Ein Blatt hier, ein Blatt da auf die Mauer gelegt, und der Fuchs kommt nicht darüber und wenn er springt, bis er sich einen Bruch holt. Auch dies Jahr hatte ich ein Bündel gesammelt, ja, und hat es mir nicht der Sohn feiner Mutter gestohlen? Ich weiß noch nicht, wer es gewesen ist, aber ich werde ihn schon finden und dann zerschlage ich ihm das Genick. Aber wer kommt da, Padrona? Sehen Sie, Signorina Gavina mit einem Herrn.«

»Es ist Francesco Fais«, sagte Signora Zoseppa, und ihr stilles Gesicht bedeckte sich mit jugendlicher Röte. Sie begriff, weshalb Francesco kam, und ihr Herz schlug so heftig, daß es fast schmerzte: sie war so sehr an Leid gewöhnt, daß die Freude sie erschreckte.

Wie Gavina und Francesco da vor dem grünen und blauen Hintergrund des Weinbergs und des Himmels heraufkamen, beide so einfach gekleidet, so ruhig und ehrbar und von fast gleicher Größe, sahen sie aus wie Geschwister.

Die Mutter stand auf und trocknete sich die vom Traubensaft feuchten Hände an der Schürze. Aber noch bevor sie vortrat, eilte Francesco zwischen den Kaufen von Trauben hindurch, die wie große, vergoldete Perlen aussahen, auf sie zu und schloß sie in die Arme. Sie tat wie Paska und sing an zu weinen.

Der Knecht, der wohl begriffen hatte, was vorging, wollte sich entfernen und stieß in der Eile an den Tisch, über den eine Flasche Wein ihren Inhalt ergoß. »Das bedeutet Glück!« verkündete er, als sei er ein Bote Fortunas; aber es kam ihm vor, als wäre Gavina, die noch auf der Schwelle stand, nicht so heiter, wie sie es bei dieser Gelegenheit hätte sein sollen.

*

Während der zwei Wochen, die Francesco in der kleinen Stadt blieb, durfte er seine Verlobte täglich besuchen. Die frohesten Tage waren für ihn die ersten, und er war glücklich wie ein Kind. Alles gefiel ihm und begeisterte ihn: die Landschaft, die Jahreszeit, der Platz unter der Eiche, an dem er mit Gavina lange Stunden verbrachte, und der alte Baum selbst, der manchmal über ihnen rauschte als nähme er teil an ihrem Gespräch. Vor allem aber reizte ihn Gavina, obwohl sie sich stets gleich blieb und alle Koketterie verschmähte. Er glaubte sie von Grund aus zu kennen und beharrte bei seiner Idee, sie aufzurütteln, sie zu »beleben«, wie er sagte.

Er war von Natur ein naiver, sehr einfacher Mensch und mühte sich nicht mit vergeblichen: Bitten ab. Fröhlich liebte er das Leben um des Lebens willen und hatte vielleicht gerade aus diesem Hang heraus den ärztlichen Beruf gewählt, den Kampf gegen die Fallstricke des Todes. Vielleicht interessierte auch Gavina ihn um so mehr, weil er in ihr ein psychisch krankes Wesen sah, eine tote Seele, die er wiedererwecken würde. Überdies war er mit einem Stolz begabt, der sich in geduldigem und zähem Wollen betätigte: er wollte Gavinas Liebe gewinnen, damit sie vergäße, daß sie reich war und er arm. Er sing also an, ihr eifrig den Hof zu machen – doch sie begriff, und je leidenschaftlicher er sich zeigte und in Wahrheit würde, um so mehr zog sie sich in sich selbst zurück.

Zu den Bedingungen, die sie ihm gestellt hatte, gehörte auch die, bis zum Vorabend ihrer Kochzeit niemand von ihrer Verlobung Mitteilung zu machen. »Die andern brauchen von unserm Glück nichts zu wissen«, sagte sie.

Unter der Eiche sitzend, den Kopf stolz erhoben, schien sie wirklich jede Fühlung mit der fernen Welt zu verschmähen; und doch – wenn sie allein war, erregte sie jedes fallende Blatt. Es war ihr, als führte der alte Baum ihr die Vergangenheit vor Augen, und in den klaren Nächten sagte das Rauschen der Blätter ihr seltsame und traurige Dinge. Zwischen Schlaf und Wachen verwechselte sie dann wohl Francescos Bild mit dem Priamos, und die beiden Gestalten weckten verworrene Wünsche in ihr, die sie mit Entsetzen von sich wies, weil sie meinte, dadurch doppelt zu sündigen.

Am Tage der Weinlese kam Francesco schon früh mit Luca und dem Kanonikus Sulis. Am bei den Winzern keinen Argwohn zu erregen, mieden Gavina und er einander bis zur Stunde des Mittagsmahls. Er half den Winzerinnen und scherzte mit ihnen; er Verschwand und kam in der Soutane des Kanonikus wieder zum Vorschein, und die Weiber lachten, daß sie sich auf den Boden setzen mußten.

Luca stritt sich fortwährend mit dem Hüter herum, und der Kanonikus saß in Hemdärmeln unter der Eiche und las sein Brevier.

Gavina suchte den Onkel auf, um ihn zu fragen, ob er etwas wünsche. Er hieß sie, sich neben ihn zu setzen, zauste ihr Haar und lachte, weil sie sich darüber ärgerte. »Ihr werdet eine gute Gattin werden!« verkündete er ihr (bei großen Gelegenheiten redete er sie mit »Ihr« an).

»Hoffen wir's!« erwiderte sie spöttisch.

»Gewiß!« bestätigte er, steckte das Brevier in eine große Tasche, die er sich umgebunden hatte, und in der er etwas zu suchen anfing. »Ihr braucht nur eurer Mutter nachzuahmen. Dennoch verhehle ich euch nicht, daß ich einige Besorgnis hege, weil ihr euren Wohnsitz in der Hauptstadt nehmen wollt. Die modernen Hauptstädte sind nunmehr zu dem Acker geworden, auf dem der Teufel die beste Ernte hält. Auch ich bin in Rom gewesen und erinnere mich sehr wohl, wie dort alles Glanz und Pracht ist. Da sind (Schaufenster mit unnützen, ja gefährlichen Dingen, die nur dem Wohlleben dienen, vor denen Ihr den ganzen Tag stehen möchtet und die Sünde der Begehrlichkeit auf euch laden. Und die Cafés, die Theater, all' die sogenannten Vergnügungsorte, die sind nicht zu zählen. Das sind die wahren und wirklichen Höhlen des Teufels ... Da seid auf eurer Hut, meine Tochter, ich empfehle es euch! Laßt euch nicht verblenden! Die große Stadt ist wie ein Fluß; auch er glänzt, und wo er am hellsten glänzt, birgt er die schlimmsten Strudel. Haben wir doch gesehen, daß selbst Heilige an diesem Ort ins Verderben kamen. Also: aufpassen, aufpassen! Wer aber schon als halber Teufel hinkommt, verläßt ihn als ganzer! Ich wollte euch aber noch etwas ganz anderes sagen! ...«

Sie strich sich das Haar glatt, und ein Lächeln kräuselte ihre Lippen, das Verachtung der Verfluchungen ausdrücken konnte, von denen ihr Onkel sprach – oder auch Mitleid mit seiner Einfalt. Sie verstand wohl, wer mit dem halben Teufel gemeint war, und sagte stolz: »Ich bin doch kein Einfaltspinsel.«

Da aber fing er an zu schelten: »Sich auf die eigenen Kräfte verlassen, sagen, ›ich werde nicht sündigen‹, das ist eine der schlimmsten Hochmutssünden. Sogar der heilige Petrus hat gesündigt und er war auch kein Einfaltspinsel ... Und dann noch etwas! Es besteht jetzt der schlechte Brauch, den verheirateten Frauen alle Lektüre zu erlauben. Ist denn eine verheiratete Frau vielleicht anders als ein Mädchen? Worin wären sie denn verschieben, frage ich? ...«

Gavina wußte es ihm nicht zu sagen.

»Ja«, entgegnete er und suchte noch immer in feiner großen Tasche, »besonders in den großen Städten lesen die Frauen alles, und das macht das Werk des Teufels vollständig, Hüte dich, dem Beispiel der anderen Frauen zu folgen!«

Gavina war nie eine leidenschaftliche Romanleserin gewesen, und um so weniger verlangte sie jetzt nach solcher Lektüre, als sie meinte, die darin geschilderten Aufregungen und sträflichen Leidenschaften zu kennen.

»Aber Onkel! Was fällt euch nur ein? Ich werde immer die sein, die ich bis jetzt gewesen bin.«

»Das weiß ich! Das weiß ich!« sagte er triumphierend. Alsbald aber verfinsterte sich sein Gesicht. »Ich habe dir noch etwas Häßliches zu sagen, aber etwas sehr Häßliches!«

Es war als hätte sie eine Ahnung; sie stand auf und hielt sich an dem Stamm der Eiche, während das Gesicht des Alten fast so düster wurde, wie das des Kanonikus Bellia.

»Also, Priamo wird in wenigen Tagen fortgehen: er wird stellvertretender Pfarrer in seinem Dorfe. Der Bischof hat es jetzt satt. Sie sagen etwas sehr Schlimmes ...« Er zögerte einen Augenblick, dann fuhr er fort: »Ja, es ist besser, daß ich es dir sage, weil alle es wissen: deine schöne Freundin ist schwanger!«

Gavina sagte kein Wort, aber sie hatte wieder das Gefühl, das sie einst in Michelas Küche empfunden hatte: sie meinte zu versinken.

»Ach, da ist es, hier, nimm«, sagte der Onkel, der endlich in seiner Tasche gefunden hatte, was er suchte. »Und darum sage ich dir, Gavina, wir sollen nie sagen, ›ich werde von diesem Wasser nicht trinken‹.«

Sie nahm den kleinen runden, in Papier gewickelten Kuchen und schaute unverwandt darauf, als ob er eine Merkwürdigkeit gewesen wäre. Es war ihr, als zöge ein grüner, tückischer Strudel sie tiefer und tiefer hinab und das Rauschen der Eiche über ihrem Kopfe kam ihr vor wie eine drohende Stimme.

Dann plötzlich fragte sie sich, weshalb wohl Francesco, der doch wieder im Hause Michelas wohnte, ihr nichts von der häßlichen Geschichte gesagt habe. Sollte er etwas argwöhnen? Glauben, ihr damit weh zu tun? Dieser Gedanke genügte, ihr wenigstens anscheinend ihre stolze Ruhe wiederzugeben.

Nach dem Mittagessen, als die Winzer wieder an die Arbeit gingen, setzten Francesco und der Kanonikus sich unter die Eiche. Gavina sah von weitem, daß sie lebhaft miteinander sprachen, und von Unruhe getrieben* ging sie auch hinüber; doch als sie herankam, schwiegen die beiden,, und der Kanonikus stand auf und strecke sich ein wenig abseits auf den Boden hin.

»Ich will euch ein Kissen holen«, sagte Gavina.

»Das hier ist das beste Kissen von her Welt«, rief der Onkel und klopfte mit der Hand auf die Erde. Er schloß die Augen, und sehr bald hörte man ihm laut schnarchen.

Gavina setzte sich auf das Mäuerchen, und Francesco nahm alsbald ihre Hand und führte sie an die Lippen. Niemand sah sie; die Winzer waren am andern Ende des Weinbergs beschäftigt. Der leise Mittagswind trug mitunter einen Ruf, das Lachen einer Frauenstimme herüber. Der Himmel war tiefblau, die Luft so durchsichtig klar wie an einem Frühlingstage.

Wenn sie die Augen schlossen, hätten die Verlobten meinen können am Meeresufer zu sein; und sie hätten eine süße Stunde zusammen verbringen können, ohne sich ein Wort zu sagen: war es nicht genug, Hand in Hand sich aneinander zu schmiegen?

Aber Gavina dachte an anderes. Sie zog die Hand zurück, die er küßte, und fragte ruhig: »Ob das wahr ist, was man von Michela sagt?«

»Arme Michela, was für ein Unglück!« erwiderte er einfach.

»Ach, du nennst das ein Unglück?«

»Was denn sonst? Jede menschliche Verirrung ist ein Unglück.«

Sie widersprach nicht, damit er nicht etwa glaube, sie empfinde etwas wie Eifersucht. »Du wußtest es also schon? Und warum sagtest du es mir nicht?« fragte sie, ihn ansehend.

»Ich wußte von nichts; dein Onkel hat es mir soeben gesagt. Aber du wunderst dich über etwas so Natürliches?«

»Natürliches?« sagte sie scharf. »Etwas so Gräßliches nennst du natürlich?«

»Alles im Leben ist natürlich«, entgegnete er und blickte auf den Kanonikus, der so laut schnarchte und schnaubte, als täte er es absichtlich. »Daß nur dein Onkel mich nicht hört!«

»Ach, sage doch das nicht! Natürlich? Nein, nein!«

»Es kommt alles darauf an, wie wir die Dinge ansehen.«

»Ach nein, mein Lieber! Das ist auch eine Frage des Moralgefühls. Ich kann jene zwei wohl bemitleiden, aber nicht ihre Verirrung als natürlich ansehen!«

»Weißt du, wo in diesem Falle das Anrecht liegt?«

»Nun?«

»Bei Priamo, der seine häßliche Maske absolut nicht abwerfen will. Dieses Anrecht entschuldige ich nicht Denn er ist kein Träumer. Er ist intelligent, gesund, stark. Er sollte doch sein Maskenkleid abwerfen und hingehen und arbeiten.«

Das ärgerte Gavina. Sie wußte selbst nicht weshalb – vielleicht aus Trotz gegen Francesco? – aber sie verteidigte Priamo und äußerte dabei ein Wort, über das ihr Verlobter lachte: »das Verhängnis«.

»Wie? Was? Aha, da habe ich dich ertappt! Und der freie Wille?«

»Ach, mit gewissen Dingen hat der freie Wille nichts zu tun«, sagte sie und blickte wieder ins Weite. »Wir glauben richtig zu handeln und tun Böses ...«

»Es fällt kein Blatt vom Baum ohne den Willen Gottes ...« sagte Francesco; aber ihr Gesicht ward so finster, daß er es für klug hielt, den Scherz nicht weiter zu treiben.

Sie dachte: Vielleicht würde ich gut tun, ihm alles zu sagen! Aber er schmiegte sich von neuem an sie, streichelte ihre Hand und sagte leise: »Sieh mich an ... sieh mich an ... woran denkst du, Gavina?«

Wenn er sie so anrief, gleichsam als fühle er, daß sie weit weg von ihm sei, dann fuhr sie jedesmal zusammen und erwachte aus ihrer melancholischen Träumerei. Auch diesmal erbebte sie und dachte: Aber was soll ich ihm sagen? Schließlich habe ich mir doch nichts vorzuwerfen! Und sie sah ihn an.

»Sage mir, daß du mich lieb hast, Gavina ...«

Sie antwortete nicht, aber zum erstenmal wichen ihre Lippen nicht, wie sie es sonst unwillkürlich getan, den Lippen Francescos aus.

»Es ist alles zu Ende«, dachte sie; »die Vergangenheit existiert nicht mehr. Warum soll ich mich quälen?«

Obwohl sie sich nun immer wieder sagte, daß die Vergangenheit tot sei, beschäftigten sich ihre Gedanken in den folgenden Tagen mit dem Kinde Michelas und Priamos, und sie fragte sich, was aus diesem unschuldigen Wesen werden würde, von dem sie annahm, daß es zu allen Leiden und Demütigungen der Welt bestimmt sei. Warum ließ Gott es zu, daß das unglückliche Geschöpf zur Welt kam? ... Zum erstenmal fragte sie Gott nach dem Warum einer menschlichen Verirrung und nach dem Warum ihrer Folgen. And vergebens gab sie sich selbst verworrene Erklärungen, wiederholte sich, daß die Ratschlüsse Gottes unerforschlich seien: sie erkannte, daß in ihr – fast wie im Schoße Michelas – etwas Ungeheuerliches und zugleich Erhabenes keimte: die Auflehnung gegen Gott. Als sie eines Abends allein unter der Eiche saß, kam ihr der Gedanke: und wenn auch ich den Glauben verlöre? Und es war ihr, als entstände um sie her ein Dunkel, eine Leere, wie wenn der Fels unter ihren Füßen plötzlich versänke.

Dann machte sie sich natürlich wieder Gewissensbisse. Am nicht Gott anzuklagen, klagte sie sich selbst an und maß sich die Schuld daran bei, daß Priamo auf Abwege geraten war. Sie rief sich die Erinnerungen zurück, die sie zuvor von sich gewiesen hatte, und es war ihr, als sähe sie wieder den kleinen Damhirsch die Eiche umspringen, als hörte sie wieder das Pfeifen des alten Hüters.

Am Vorabend ihrer Rückkehr in die Stadt wanderte sie durch den seines Schmuckes entblößten Weinberg, und während sie Francesco erwartete, dachte sie an den andern. Es war ihr, als sei alles noch wie damals: Auf den umliegenden Wiesen weideten die gelblichen Schafe, und der Hirt sang sein einförmiges, sehnsuchtschweres Liebeslied. Am Horizont stiegen kleine Wolken auf als Boten des Winters; es war als wäre die warme Jahreszeit mit den goldenen Trauben zugleich verschwunden, und die Sonne verblasse, jetzt, da die Reben ihrer Glut nicht mehr bedurften. Die Erde hüllte sich in Schwermut, und als Francesco kam, war es als ob sein lauter Gruß, sein fröhliches Lachen in die Stille ringsum einen Mißklang hineintrügen.

»Heute ist Mondschein«, sagte er, bevor er wieder ging; »ich komme heute abend noch einmal ... erwarte mich hier unter der Eiche. Es ist das letztemal, daß wir so beisammen sein werden und soll uns eine süße und poetische Erinnerung bleiben.«

Sie errötete und ging auf seinen Vorschlag nicht ein, ja, sie schien verletzt, daß er dabei beharrte. Und doch: als der Abend kam, ging sie und setzte sich auf den Lieblingsplatz. Die Nacht war lind, geheimnisvoll und melancholisch; über den fernsten, silberhellen Bergzügen stiegen in Scharen weiße Wölkchen auf gleich Schafen, von einem Hirten getrieben, dem die Weiden auf den Bergen zu niedrig erschienen für seine Serbe und seine Wünsche ... Und sie, die, wie Francesco gemeint, eine poetische Erinnerung an diese Stunde hätte bewahren können – eine jener Erinnerungen, die wir wie köstliche Juwelen hüten, die uns lieb sind in den Tagen des Glücks und hilfreich in den Tagen der Not – sie saß und weinte.

*

Die Hochzeit war auf die erste Hälfte des Januar festgesetzt.

Am Dreikönigstage kam Francescos Mutter.

»Du kommst ja heran wie die Weisen aus dem Morgenland«, sagte Paska.

Wirklich sah die kleine Frau, die rittlings auf einer mit Säcken beladenen Eselin saß, wie eine der Gestalten bei der Krippe des Heilands aus.

Gavina, die in früheren Tagen die arme Witwe so gering geachtet hatte, war ihr beim Absteigen behilflich, küßte sie und brachte ihr Kaffee. Die vor Staunen fast verwirrte Frau kränkte sich nicht weiter über Paskas spöttische Rede; sie schien es noch gar nicht zu begreifen, daß Leute wie die Sulis sie als ihresgleichen behandelten.

Am Nachmittag zeigte Gavina ihr ihre neuen? Kleider und ihre bescheidene Aussteuer. Dann sagte sie: »Ihr werdet doch auch mitunter zu uns nach Rom kommen?«

»Ich würde eine schöne Figur machen neben euch beiden«, erwiderte die andere erschrocken. »Alte würden sich nach uns umsehen und sagen: aber was für eine Schwiegermutter hat Gavina Sulis! Nein, nein!«

Gavina fing an zu lachen; sie schien ganz vergnügt. Doch als sie wieder allein war, machte sie sich daran, ihre Vorbereitungen für die Reise zu treffen, die in ihrem Leben gleichsam eine Scheidelinie bezeichnen sollte, und hin und wieder fiel eine Träne in die Kiste mit Weißzeug wie in einen Sarg. Es war ihr, als begrübe sie darin ihre Vergangenheit ... Als dann die Kiste fertig gepackt war, richtete Gavina sich auf und nahm wieder ihren gewohnten stolzen Ausdruck an. Aus der Tiefe eines Schubfaches holte sie die mit »P« unterzeichneten Briefe und Postkarten hervor, tat sie in ihre Schürze und ging in die Küche hinunter, wo jetzt niemand war. Sie kniete vor den Kamm hin und warf das Paket in die Glut. Addio! Alles war ja nun zu Ende, es blieb nichts zurück als die Erinnerung, und diese schwand jetzt zu ein wenig grauer Asche dahin. Unbeweglich, die Augen starr auf die Papiere geheftet, die die bläuliche Flamme verzehrte, war es ihr, als vernähme sie zum letztenmal einen von dem Knarren der Kaffeemühle begleiteten eintönigen Gesang ...

Die sanfte Stimme der kleinen Witwe weckte sie aus ihrer Träumerei. »Es ist schon spät, mein Herz, willst du dich nicht ankleiden?«

Francesco sollte um fünf ankommen. Gavina ging wieder in ihr Zimmer hinauf und zog ein Kleid aus violettem Tuch an, das erste elegante Kleid, das sie trug. In dem kalten und klaren Dämmerlicht, das noch über dem Zimmer lag, betrachtete sie sich im Spiegel, und es war ihr, als wäre sie eine andere: fast glücklich über diese erste Veränderung lief sie eilends die Treppe hinab. Als sie aber den Hausflur betrat, hielt sie betroffen an.

Laut ertönten die Schläge der eisernen Kand. Es war die Stunde des Postboten. Gavina erwartete nichts. Als sie jedoch öffnete und der Postbote ihr einen eingeschriebenen Brief reichte, zuckte sie nicht mit der Wimper, aber sie erstarrte vor Schrecken. Sie trat in das Besuchzimmer um den Empfang zu bescheinigen, blickte auf den Brief, und etwas Wildes blitzte in ihren Augen auf. Der dicke Brief war sicherlich kein bloßer Glückwunsch: das war die ganze Vergangenheit, die sie abgetan wähnte, die Vergangenheit, die wie eine unvermutete Flamme aus der Asche aufzuckte.

In ihr regte sich etwas von der verzweifelten Grausamkeit des Mörders, der mit seinem sich wehrenden Opfer ein Ende machen will: sie schrieb zwei Worte auf den geschlossenen Brief und steckte ihn in einen andern Umschlag. Und ihre Hand zitterte nicht, als sie ein letztesmal den Namen Priamos schrieb.

Am Bahnhof gelang es ihr, während Luca und der Kanonikus Sulis mit Francescos Mutter plauderten, den Brief unbemerkt in den Briefkasten zu werfen; und erst nachdem sie sich von dieser schweren Bürde befreit hatte, schien eine stetig wachsende Unruhe über sie zu kommen, die die andern gern übersahen, weil sie sie der so natürlichen Erregung des Augenblicks zuschrieben.

Nach dem Essen, zu dem einige Verwandte geladen worden waren, gingen die Verlobten in die Küche und setzten sich an das Feuer. Paska ließ sie allein. Francesco beugte sich sogleich über Gavina, um sie zu küssen, wie er es bis jetzt noch nicht hatte tun können, und sie fragte sich: »Soll ich ihm von dem Briefe sprechen?«

Aber trotz der Ermüdung durch die Reise war er so froh, so glücklich: warum sollte sie gerade diesen Augenblick, den ersten, in dem sie allein waren, dazu benutzen, seine Freude zu trüben?« ...

Morgen, morgen vielleicht! dachte sie und fing an zu erzählen: »Bis vor wenigen Tagen wußte niemand von unserer Heirat. Da wir wegen des Aufgebots mit deinem alten Vertreter zum Standesamt gingen, glaubten die Leute, ich wollte ihn heiraten. Du kannst dir denken, was das für ein Geschwätz und Gelächter gab!«

»Ich freue mich, daß das Wetter so schön ist«, sagte Francesco, der auf ihre Worte nicht recht geachtet hatte. »Wir werden eine gute Überfahrt haben. In Rom war es gestern wirklich wie im Mai. Du sollst sehen, wie schön es dort ist! Dem Hause gegenüber, wo wir wohnen werden, ist eine Villa mit einem Garten, in dem schon die Rosen blühen.«

»Rosen?« fragte sie verwundert.

Und während er ihr nochmals die hübsche kleine Wohnung in Via Piemonte beschrieb, die er mitsamt der eleganten Einrichtung von einer Französin übernommen hatte, sagte Gavina leise: »Deine Mutter sagte, auf den Bergen hätte es gestern geschneit ... wie öde muß es jetzt in den Dörfern da oben sein!«

Und nach einer Weile, vielleicht dem selben Gedankengange folgend, fragte sie: »Du ... wirst du denn auch morgen zur Beichte gehen? Du hast mir's doch versprochen.«

»Aber freilich! Ich habe es deinem Onkel schon gesagt. Ich will ihm sogar recht greuliche Dinge berichten, um ihn zu erschrecken.«

»Darüber mußt du nicht scherzen!« sagte sie und stand auf, um in den Garten zu gehen.

Die Nacht war so klar, daß die Schatten der Felsen an den Berghängen sichtbar waren. Das Rauschen des Flusses drang bis hier herauf, und in dem kahlen Garten warf nur die Steineiche mit ihrem immergrünen Laub einen runden Schatten. Gavina lehnte sich an das Mäuerchen, betrachtete den Mond, betrachtete die fernen Berge, die sich marmorweiß von dem tiefblauen Himmel abhoben und brach in Tränen aus.

Erst da schien Francesco ihre tiefe Erregung zu gewahren; aber er dachte sich, sie nähme nun Abschied von den poetischen Abenden ihrer Kindheit, und der Gedanke rührte auch ihn.

»Komm, weine nicht!« bat er und zog sie an sich.

Sie weinte nur noch stärker und verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. »Jetzt, jetzt muß ich ihm alles sagen!« dachte sie.

»Komm, höre auf zu weinen, du Liebe!« sagte er und führte sie in das Haus zurück. Und sie hatte nicht den Mut, ihn noch trauriger zu stimmen.

Am folgenden Morgen teilte der Kanonikus Sulis Francesco mit, er wolle und könne ihm die Beichte nicht abnehmen. Francesco habe ihm schöne Geschichten angekündigt, aber er wolle von nichts wissen, weder von schönen noch von häßlichen Geschichten, sondern sich die Hoffnung bewahren, daß er ein ganz vortrefflicher junger Mann sei.

Da führte Gavina den Verlobten zum Kanonikus Bellia: der furchtbare Priester hörte die Beichte des Brautpaares mit der selben tragischen Strenge, mit der er die Beichte der Sterbenden empfing. Für ihn barg ja das Leben keine Freuden, und die Ehe war nur ein Übergang, bisweilen trauriger und schwerer als der Tod.

Gavina sprach ihm von dem Briefe, den sie erhalten und zurückgesandt hatte, nicht weil sie ihr Tun als Sünde ansah, sondern um ihre Unruhe loszuwerden und den Kanonikus gewissermaßen zu mahnen, Priamo im Auge zu behalten. Aber der Beichtiger schien den Ernst der Sache nicht zu erkennen: nochmals spräche sie von einer Sünde, die sie nichts anginge, obwohl er sie schon so oft verwarnt, sich um die Sünden anderer nicht zu kümmern.

Francesco besuchte am Vormittag noch Michela, die nicht mehr ausging, weil ihre Schwangerschaft schon sehr vorgeschritten war. Dann ging er zu Zia Itria, die ihn gebeten hatte, nach dem an Lungenentzündung erkrankten Ex-Frater zu sehen.

Der Zwerg und zwei andere Stammgäste der »Piazzetta« saßen mit Zia Itria um ein glühendes Kohlenbecken. Francesco berichtete, daß der Frater sehr krank sei, und der Zwerg fing an zu weinen.

»Und wenn er nun stirbt, wer wird dann mit mir reisen?« jammerte er.

»Hol' dich der Teufel!« sagte die Alte, »du weinst also aus Eigennutz und nicht vor Kummer! Ja, so seid ihr alle!«

Dann fragte sie Francesco nach Michelas Ergehen, und ihre Gäste fingen an zu lachen und über den Bauer zu spotten, der, statt seine Tochter aus dem Hause zu jagen, sie anhielt sich gut zu nähren und ruhig zu sein. »Er ist barmherziger als Gott!«

»Und auch als die lieben Nächsten!« gab Zia Itria zurück.

»Er ist ein Philosoph!« sagte Francesco.

»Hol' euch der Teufel alle miteinander!« schrie die Alte. »Ihr wißt nur die Zunge zu rühren. Ich werde das Kind, das erst noch geboren werden soll, über die Taufe halten, und wenn es ein Mädchen ist, soll es ein schönes Geschenk haben.«

Francesco erzählte Gavina und den in der Küche beschäftigten Frauen von Zia Itrias Rede. Signora Zoseppa runzelte die Brauen und sagte, der Bauer gäbe den Leuten wirklich kein gutes Beispiel. »Er will sich zeigen mit dem Guten, das er tut, und das ist zu arg!«

»Aber Michela bereut doch«, sagte Paska. »Sie hat alle Beziehungen zu Priamo abgebrochen.«

»Ach, daß die Beziehungen aufhörten, dafür hat der Bischof gesorgt«, bemerkte die Köchin. »Wenn Priester Priamo in die Stadt kommt, wird er sofort a divinis suspendiert.«

Nun wollte die kleine Witwe auch das ihre sagen: »Aber wo er jetzt ist, hat er eine gute Präbende. Im Dezember war ich in seinem Dorfe und habe sagen hören, er habe ein schönes Haus und zwei Mägde ...«

»Keine Sorge! Er wird sich gut amüsieren und Gott in Fröhlichkeit dienen«, sagte die Köchin, die eine gebildete Frau war.

Gavina ging und kam und schien besorgt, weil der Himmel sich trübte.

»Ich fürchte mich vor dem Meer«, sagte sie zu Francesco, der immer um sie herum war und mit falscher Stimme Opernmelodien trällerte, die für die Gelegenheit passend schienen. Obwohl seine Stimme keineswegs wohlklingend war und er nur zum Scherz sang, ward Gavina davon erregt und suchte Gedanken abzuwehren, die sie für unkeusch hielt.

Wie sie gefürchtet, fing es an zu schneien; an dem für die Trauung bestimmten Tage jedoch klärte der Himmel sich auf, und auch die Berge zeigten sich in hochzeitlichem Kleide. Francesco ging in den Garten und machte Schneebälle, mit denen er nach der Steineiche warf, deren Laub sich mit glitzernden Zacken bedeckt hatte. Die unmittelbar bevorstehende Feier schien ihn nicht zu sehr zu beschäftigen.

Man hatte keine Anzeigen ergehen lassen, und Paska, die die wenigen Geschenke in Empfang nahm, die die Verwandten schickten, obwohl sie nicht geladen waren, weinte bei dem Gedanken, daß ihre junge Herrin einen Unterpräfekten heiraten und eine glänzende Hochzeit hätte feiern können und statt dessen in so bescheidener Form einen unbedeutenden kleinen Doktor heiratete.

»Zia Pà, was ist euch?« fragte der Knecht, »habt ihr schlimme Augen? Sie sind so dick, wie zwei unreife Feigen.«

»Das tut die Kälte ... die Kälte«, erwiderte sie. »Du wirst dir doch nicht einbilden, ich weinte! Ach, ich bin so vergnügt, so vergnügt ... Aber warum stehst du hier müßig herum? Geh' wenigstens und fege vor dem Hause den Schnee von der Straße.«

Er gehorchte. Aber Luca, in einem neuen Anzug und mit einer roten Krawatte geschmückt, die Francesco ihm mitgebracht hatte, lief ihm nach und schalt ihn. Im ganzen hatte Luca sich in diesen Tagen verständig und ruhig verhalten: vielleicht freute er sich, weil Gavina nun fortging; dann und wann aber machte er dem Knecht gegenüber seiner Reizbarkeit Luft. Während er noch auf ihn einredete, erschien auf der Piazzetta ein kleiner, alter Mann, der, in einen langen Mantel gehüllt, den er sich mit einem härenen Strick um den Leib gebunden hatte, wie ein Klosterbruder aussah.

»Das ist wahrhaftig Zio Sorighe!« sagte Luca und ging auf den Alten zu. »Wie, ihr seid noch immer am Leben?«

»Mehr als euer Gnaden!« entgegnete der Alte gekränkt.

Ganz vertraut ging er in den Hof des Sulis'schen Hauses, dann in die Küche und fragte Paska: »Wo ist denn die Braut? Könnte man nicht ein Wörtchen mit ihr reden?«

»Und das jetzt? Ja, die denkt auch gerade an euch! Sie zieht sich an, um in die Kirche zu gehen.«

So kehrte er auf die Piazzetta zurück und schloß sich einem Haufen von Neugierigen an, die dort standen um das Brautpaar zu sehen, das auch nicht lange auf sich warten ließ.

Wenige Personen, darunter die Domherren Felix, Sulis und Bellia, bildeten das bescheidene Geleit. Der Kanonikus Felix wendete sein stilles Heiligenangesicht hierhin und dorthin, lächelte und brachte auch die auf der Piazzetta versammelten Neugierigen zum Lachen, weil er sich mit der Hand fächelte, als ob ihm sehr heiß wäre. Der Kanonikus Bellia, düster und furchtbar und mit niedergeschlagenen Augen, sah aus wie ein Gespenst in dem ohnehin nicht sehr heiteren Zuge, unter dessen dunklen Gestalten die der blassen Braut in ihrem weißen Kleide an eine aus dem ringsum schimmernden Schnee geformte Statue gemahnte.

Erst nach der Rückkehr aus der Kirche sah Gavina Zio Sorighe.

Es war noch eine Stunde bis zur Abreise. Während die Gäste im Besuchzimmer plauderten, schlich sie sich hinaus, um dem Garten und den Bergen ein letztes Lebewohl zu sagen.

Zio Sorighe saß in der Küche in einer Ecke, unbeweglich und wie in Erwartung; er war sehr anständig gekleidet, in das schwarze Samtwams der Witwer, und hielt seinen großen Mantel zusammengefaltet auf den Knieen.

»Ja, da oben lebe ich wie ein Papst«, erzählte er Paska und der Köchin und beschrieb ihnen die Kirche, an der er Küster war. »Aber ich bin zu einsam! Wenn mir etwas passiert, werden es nur die Raben bemerken.«

»Sind denn keine Schäfereien in der Nähe? Kommt nie jemand zu euch?«

»Dann und wann kommt ein Geistlicher um die Messe zu lesen, und ein paar einfältige Weiber laufen hinter ihm her, aber er geht gleich wieder. Auch heute morgen, vor Tag, ist ein Priester gekommen; aber er war allein.«

»Bei dem Wetter?«

»O, das ist ein junger Priester, der sich vor dem Schnee nicht fürchtet«, sagte der Alte listig. »Der kann mehr aushalten als ich; ich bin jetzt arg herunter, es geht mir gar nicht gut. Aber vergnügt bin ich immer noch. Mag der Tod nur kommen: das ist ein Besuch, den wir einlassen müssen.«

In diesem Augenblick ging die Braut durch die Küche; der Alte sprang aus, bot ihr die Hand und sprach noch einmal sein altes Ritornell:

»Dami sa manu, bellita, bellita ...«

Aber statt des blauseidenen Kleides, das er ihr einst versprochen, brachte er ihr eine kleine, gelblederne, mit anspruchsloser Stickerei verzierte Brieftasche. Sie begriff sofort, daß darin ein Brief Priamos enthalten sein müsse, runzelte die Brauen, aber nahm die Brieftasche.

»Danke!« sagte sie und ging weiter. Durch den schmelzenden Schnee stapfte sie über den Hof, in den Garten, bis zu dem alten Baume. Die Sonne strahlte am tiefblauen Himmel: von dem Laubengange herab tropfte es, die Spitzen der Sträucher kamen feucht und glänzend zum Vorschein, und an dem Küchendach hing eine Kette von Stalaktiten, so schön, als wolle sie mit dem wundersamen Landschaftsbilde wetteifern. Die Steineiche hatte schon den größten Teil ihrer Schneedecke abgeworfen, und alle Dinge ringsum schienen bemüht sich von ihrer weißen Hülle zu befreien, um sich ein letztesmal der zu zeigen, die nun fortging. Sie aber hielt die Gabe fest in der Hand, ahnte die traurige Wahrheit und faßte nichts anderes, Unter der Eiche angelangt, öffnete sie die Brieftasche und fand darin einen kleinen Briefumschlag ohne Adresse, der nur eine Karte zu enthalten schien. Einen Augenblick fühlte sie sich versucht, alles dem Alten wiederzugeben; aber der Gedanke, daß Francesco vielleicht dazukommen könnte, hielt sie davon zurück. Francesco! Sie fühlte, daß sie ihn täuschte, und doch redete sie sich hartnäckig ein, es sei ihre Pflicht, ihr quälendes Geheimnis ganz für sich zu behalten.

»Ich muß ein Ende machen!« dachte sie und öffnete den Umschlag.

Eine Visitenkarte mit dem gedruckten Namen Priamos auf der einen Seite; auf der andern wenige Zeilen von seiner Hand: ».Laß mich in Ruhe' schriebst Du, als Du meinen verzweifelten Brief zurückschicktest, wie Du auch mich immer blind zurückgewiesen hast. Ja, ich lasse Dich in Ruhe: Du hast Dein Wort nicht gehalten, aber ich halte das meine. Du gehst in das Leben hinaus, ich in den Tod. Aber Du sollst Dir keinen Vorwurf machen: nicht Du bist es, die meinen Tod verschuldet – das sind sie. Ich habe Böses getan, um mich an ihnen zu rächen; und nun gehe ich fort um Dir zu zeigen, daß ich nur deshalb noch lebte, weil ich noch an Dich glaubte. Addio!«

Sie las und las die wenigen Zeilen und kämpfte sich an die Worte »nicht Du bist es, die meinen Tod verschuldet«. Ihre Augen waren starr vor Schrecken, und als sie nach einer Weile die Karte wandte, gab ihr der schwarze Name auf dem weißen Blatt die Vorstellung von Priamos Leiche auf dem Schnee. Da überkam sie eine kindische Furcht, ein instinktiver Trieb zu fliehen, damit man sie nicht der Schuld an dem Geschehnis zeihen könne. Fliehen und schweigen: einen andern klaren Gedanken hatte sie nicht, gleich dem Verbrecher unmittelbar nach begangener Tat.

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