Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Grazia Deledda >

Bis an die Grenze

Grazia Deledda: Bis an die Grenze - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleBis an die Grenze
publisherSüddeutsche Monatshefte G. m. b. H.
year1910
translatorE. Müller-Röder
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140311
projectidf82ef6fa
Schließen

Navigation:

II.

Die Jahre vergingen, und wie an allen kleinen Orten der Welt, so hinterließ auch in der kleinen Stadt die Zeit an den Dingen und Menschen nur leise Spuren, gleichsam als käme sie hier nur dann und wann vorüber, stets genugsam damit beschäftigt, in den großen Städten die Dinge zu zerstören und wieder aufzubauen.

Mit zwanzig Jahren bewahrte Gavina noch immer den stolzen und traurigen Ausdruck, den sie schon als Schulmädchen gehabt, wie ihr schwarzes Kopftuch, ihre schlecht geschnittenen und schlechter genähten Kleider. Auch ihre Seele veränderte sich nicht; nur ihr religiöses Empfinden war tiefer, ruhiger, vernünftiger geworden, und sie selbst, die es fortwährend genau prüfte, erachtete es als vortrefflich. Der einzige Grund zu leben, bestand für sie darin, nicht zu sündigen.

Und ihre Tage schwanden gleichmäßig dahin, wie die Blumenblätter sich, eines nach dem andern, von der verblühten Rose lösen. Nur das jeweilige Pochen des Postboten an der Haustür vermochte sie aus dem Halbschlummer aufzurütteln, in dem sie dahinlebte. Laut, wie zornig, hallten die Schläge der eisernen Hand durch das stille Haus; der da pochte, kam von weit her, trug in seiner Tasche die Kunde aus der Welt der Lebenden und klopfte an die Türen der Schlummernden. Dann eilte Gavina selbst zu öffnen. Sie erhielt kleine Zeitschriften mit Gedichten von Francesco Fais und Postkarten mit römischen Ansichten, die mit einem ganz kleinen, fast immer zwischen Ruinen verborgenen »P« gezeichnet waren. Als sie die erste dieser Karten bekommen hatte, war sie tief erschrocken; der einfache Konsonant war ihr vorgekommen wie ein Feind im Hinterhalt, und sie hatte es ihrem Beichtvater gesagt. Er hatte gefragt, ob die Karten »verliebte Worte« oder »zärtliche Grüße« enthielten. Nein, Hochwürden! Also dann brauchte sie keine Angst zu haben: das waren nur kleine Äußerungen der Eitelkeit eines jungen Menschen, der, um Theologie zu studieren, in Rom lebte und das zu wissen tun wollte. Und sie gab sich mit dieser Auslegung zufrieden, obwohl sie sich bewußt war, daß der Beichtvater sie täuschen wollte, wie sie schon ihn und sich selbst täuschte.

Weniger als diese Karten beunruhigten sie die Poesien Francesco Fais', obwohl diese verliebte Worte und mehr als zärtliche Grüße enthielten.

Einmal sandte er ihr auch ein Blatt, in dem er begeistert gerühmt wurde. »Fast nie spricht dieser junge Dichter von sich – so sagte der Rezensent – und doch empfindet man in seinen Dichtungen seine ganze starke, hochgemute Persönlichkeit. Die Bilder, die er uns vorführt, sehen wir in ungewöhnlicher Klarheit, wie beim Schein der Morgen- oder Abendröte. Er sieht alles schön: er ist ein Dichter, der das Leben leidenschaftlich liebt, und für den alles eine Quelle der Freude und Bewunderung bildet. Den Schmerz kennt er nicht; er scheint es zu fühlen, daß nichts seinen Weg zur Glückseligkeit aufzuhalten vermag. Und darum wird er ein Sieger sein, einer von den wenigen »Herren der Welt« usw.

Auch Michela und der Kanonikus Sulis bekamen den Artikel zu lesen, und eines Abends bei Gavina wurde er lebhaft erörtert. Während Michela behauptete, ihr ehemaliger Mieter sei bereits ein berühmter, einflußreicher Mann, schnaubte der Kanonikus vor Wut und fragte: »Was will denn der Bursche werden? Arzt? Wie kann er dann Verse machen? Die ärztliche Kunst ist eine ernste und keine lustige!«

»Nun, er wird Bezirksarzt werden, und dann bleibt ihm Zeit genug übrig«, spottete Gavina.

»Bezirksarzt? Der wird noch Leibarzt des Königs!« weissagte Michela.

Gavina lachte. Der Kanonikus Sulis mußte zwar einräumen, daß alle Francesco als Dichter sowohl wie als künftigen Gelehrten priesen, aber er knüpfte daran die Nutzanwendung, daß ein von seinesgleichen hochgelobter Mann häufig ein moralisch verkommener Mensch sei, und führte Nebukadnezar und andere biblische Berühmtheiten als Beispiele an.

Um diese Zeit trat ein neuer Anbeter Gavinas auf den Plan, der, weniger geduldig und schüchtern als Francesco, ihr einen Heiratsantrag machte. Es war ein Infanteriehauptmann von nahezu vierzig Jahren, klein und untersetzt, mit einem vollen, frischen Kindergesicht. Er hatte Gavina in der Kirche gesehen und erfahren, daß sie das reichste Mädchen der Stadt sei.

So schmeichelhaft der Antrag für sie war, lehnte sie ihn doch ab. Die Nachbarn aber, die den Hauptmann immer wieder vorübergehen sahen, behaupteten, die Heirat wäre eine abgemachte Sache. Und eines Abends ertönte wiederum das verhängnisvolle Pochen an Gavinas Tür, und der Postbote brachte ihr einen Brief, in dem das kleine »P« sich groß und drohend darstellte, gleich einem unversehens aus seinem Versteck hervorkommenden Feind.

»Gavina, denke an Dein Versprechen! Solltest Du es vergessen – ich werde es nicht vergessen. Ich lebe nur von dieser Erinnerung und bin immer der selbe wie an jenem Tage im Weinberg ... Wenn Du nicht die Meine sein willst, so darfst Du auch keinem Andern angehören. Diesen Schwur wirst Du halten! Ich rufe ihn Dir jetzt ins Gedächtnis zurück, weil Du ihn vergessen zu haben scheinst.«

Sie begriff. Er forderte von ihr das selbe nutzlose Opfer, das andere ihm auferlegten: für immer getrennt, sollten sie dennoch durch die gleiche Verurteilung geeint sein. Da er nichts anderes forderte, regte sie sich nicht darüber auf; alle Tage aber stand sie in der Dämmerung am Fenster und erwartete das Vorüberkommen des Postboten. Lange Stunden vergeblichen Harrens und unbestimmter Melancholie waren das. Unter dem lilagrauen, im Westen goldig leuchtenden Himmel lag die Straße so einsam wie die einer kleinen Totenstadt. Der Postbote kam nicht, oder er ging, ohne anzuhalten, vorüber, mit seinem raschen Schritt und seiner grellfarbigen Tasche: eine einzige Regung von Leben – dann wieder Todesschlaf. Gavina ging dann an das Gartenfenster hinüber und begann ihre endlose Reihe von requiem aeternam, die die Lippen jetzt gewohnheitsmäßig hersagten. Auch dort nahm das Landschaftsbild violette und graue Tinten an, und selbst die Berge schienen eingeschlafen; das Gezirp der Grillen allein erklang wie die Klage der von den Raupen und dem Staube zernagten Pflanzenwelt.

Und wenn Gavinas Blicke dann auf der violetten Mauer der Berge ruhten, geschah es wohl, daß, obzwar ihre Lippen Totengebete murmelten, ihr der Gedanke an die Welt der Lebenden kam, die dort drüben lag, jenseit des weiten, durch die Berge abgeschlossenen Friedhofs. Was tat Priamo in jener Welt? Sie stellte sich ihn inmitten einer seltsamen, bunten, lärmenden Menge vor, in einer breiten, von warmem Licht überfluteten Straße. Was sie für ihn fühlte, wußte sie nicht zu definieren. Liebe? Nein, Liebe war es gewiß nicht: sie liebte ihn nicht, sie liebte niemanden. Die Erinnerung an Priamo ruhte so traurig und kalt in ihrem Kerzen wie ein Leichnam in seinem Grabe.

Eines Abends, im August, als sie an ihrem Fenster träumte, kam Paska sie zu rufen, weil ein Besuch gekommen sei. Es war Francesco Fais. Sobald er sie sah, blickte er ihr in die Augen mit einem Blick, der ihr bis ins Innerste drang, ohne sie jedoch zu verwirren: so klar und offen war er. Und Francesco fing sogleich an zu scherzen, fühlte ihr den Puls und nannte sie ein »undankbares Mädchen«, weil sie ihm niemals auch nur eine Postkarte gesandt, während er immerfort an sie gedacht habe.

Sie betrachtete ihn, anfänglich ernst und stolz, dann immer spöttischer. Er war eigentlich häßlich, nachlässig gekleidet, mit geschorenem schwarzem, glänzendem Haar, das aussah wie eine Samtkappe. Nur ein leichter schwarzer Flaum zierte die ein wenig vorstehende Oberlippe. Aber wenn er lachte, sah man all seine blendendweißen Zähne, und die Augen leuchteten in dem dunkeln Gesicht, als erstrahlten sie, mehr noch als von innerer Klarheit, von einem Abglanz der äußeren Welt. Alle Dinge um ihn her erschienen gleichsam heiter, alles schien Licht und Wärme auszuströmen, und diese Wärme atmete er mit zitternden Nasenflügeln, mit halbgeöffneten, stets zum Lachen bereiten Lippen. Er fragte nach Luca, wollte von allen hören, und sprach dann auch von seinen Plänen für die Zukunft, sagte, er habe die Absicht, sich, sobald er sein Doktorexamen gemacht haben werde, in der kleinen Stadt niederzulassen.

»Michela meinte, Sie wollten nach Rom gehen?«

»Ja, ich will mich um eine Assistentenstelle an einem Hospital bewerben, aber es ist schwer dort anzukommen.«

»Für Sie? Für Sie ist doch alles leicht«, erwiderte sie, immer ein wenig spöttisch. »Sie werden immer siegen, wie jene Zeitschrift sagte. Gehen Sie doch ja in eine große Stadt!«

»Bitte, spotten Sie nicht!« sagte er errötend. »Ich werde doch nichts weiter sein als ein Schwärmer, eine Rakete ... erinnern Sie sich noch?«

»Was? Eine Rakete?« Sie tat, als erinnerte sie sich nicht, und er drang nicht weiter in sie. Doch obwohl sie ihn kühl und fast mit Geringschätzung aufgenommen hatte, verließ er sie lächelnd, glücklich.

Bald darauf kam er mit Luca wieder, der ihn in den Keller führte und ihm zu trinken bot. Vom Garten aus hörte Gavina ihr Gespräch.

Luca klagte, er sei krank, und manche Nacht glaube er zu ersticken. »Und das kommt nur davon, daß sie mich hier im Hause schlecht behandeln«, setzte er hinzu. »Aber ich will mein Erbteil haben, und dann will ich fort von hier und ruhig für mich arbeiten. Wenn ich nicht mehr all' den Ärger habe, dann kann ich arbeiten und ein reicher Mann werden. Hier habe ich nie Ruhe, und mein Kopf brennt mir fortwährend wie ein Backofen. Du mußt mir ein Mittel dagegen sagen, und dann, sobald ich besser bin, gehe ich fort. Du kannst es meiner Mutter sagen und auch, daß sie mir meinen Teil herausgeben soll ...«

»Und mir den andern«, entgegnete Francesco lachend.

Gavina bebte vor Ärger, und das weniger um der albernen Reden Lucas willen, als wegen des scherzhaften Tones des Studenten.

In den folgenden Tagen waren die Beiden häufig beisammen, und es schien fast, daß Francesco die Klagen Lucas mit lebhafter Teilnahme anhörte.

Eines Abends sagte Gavina zu Michela, während sie zum Brunnen hinuntergingen: »Sag' doch dem Signor Fais, er solle es aufgeben, Luca zum besten zu haben!«

»Und kannst du ihm das nicht selbst sagen? Er kommt doch oft genug zu euch«, entgegnete die andere ärgerlich.

»Er kommt, um sich über uns lustig zu machen!«

»Da irrst du dich! Er kommt deinetwegen. Darum allein ist er hierhergekommen!«

»Aber Gavina Sulis ist kein Brot für seine Zähne!« mischte Paska sich ein. »Sie wird einen Unterpräfekten heiraten und keinen hungrigen Quacksalber.«

Michela war gereizt. »Ist er hungrig, so wirst du ihn nicht satt machen, du alte Haut!« sagte sie zu der Magd. »Er wird mehr werden als Unterpräfekt, wenn er will! Du sollst sehen, der wird noch Abgeordneter und Minister!«

»Morgen, ja, wirklich morgen!«

»Und wird seine Mutter wenigstens dann Schuhe tragen?« fragte Gavina boshaft.

Paska lachte aus vollem Halse, und da Michela nicht einlenkte, sagte sie zu dieser: »Aber bist du in ihn verliebt? Dann nimm du ihn doch und laß dir das Juwel ja nicht entgehen! Gavina mag ihn nicht, nicht einmal um ihn in die Besenecke zu stellen. Gavina heiratet einen Adligen, einen Reichen, einen Senator, und dann kommt sie nach Rom, ja, an den Hof des Königs!«

Michela fing an zu weinen vor Ärger – Gavina lachte; aber es war ein Lachen, das trauriger klang als Michelas Weinen.

In der selben Nacht wurde sie durch einen seltsamen Schrei geweckt, der wie ein Schmerzensschrei klang. Im Hemd eilte sie auf den Flur und lauschte zitternd. Der Schrei wiederholte sich und kam aus Lucas Zimmer; sie dachte, es sei jemand dort eingedrungen und habe ihren Bruder überfallen. Sie wollte ihm zu Hilfe eilen, doch die Tür war verschlossen, und Gavina klopfte und schrie, ganz erschrocken.

Halb bekleidet kamen die Mutter und Paska die Treppe herauf, versuchten umsonst die Tür zu öffnen und riefen Luca. Endlich öffnete er: sein Gesicht war leichenfahl, und in den weit aufgerissenen Augen lag der Ausdruck wahnsinnigen Entsetzens. Kaum bemerkte er Gavina, so wich er zurück und flüchtete sich hinter seine Mutter. Am ganzen Leibe zitternd, stammelte er: »Da ist sie ... da ... sie wollte mich umbringen ...«

»Luca, du bist toll«, schrie sie, während die beiden Frauen sie erschrocken anstarrten.

»Ja, sie ... sie«, behauptete er von neuem, ohne Gavina anzusehen. »Sie hatte ein Messer in der Hand, das hat sie unter das Bett geworfen. Da ... da ... weiter hinten ... sucht nur!«

Paska blickte wirklich unter das Bett – und Gavina schrie auf vor Zorn und Schmerz. »Du Närrin! was suchst du da? Siehst du nicht, daß er verrückt ist?«

»Geh, Gavina!« sagte die Mutter.

Sie verließ das Zimmer, blieb aber lauschend bei der Tür stehen: die beiden Frauen überredeten Luca sich wieder hinzulegen, und dann fing er an mit einem Ton herzzerreißender Wahrheit zu erzählen, Gavina sei in sein Zimmer eingedrungen, während er schlief, und habe ihn mit einem Messer bedroht.

»Ich sage euch, es liegt hier unter dem Bett! Sucht es ... aber so sucht es doch!« wiederholte er, böse werdend, »sonst wird sie es noch einmal versuchen, mich umzubringen! ... Laßt mich nur nicht allein, nein, nein, verlaßt mich nicht ...«

Gavina, draußen an der Tür, weinte. Noch einmal versuchte sie einzutreten, um Luca zu beruhigen; doch sobald er sie sah, wurde er aufs neue von heftigstem Schrecken befallen und faßte die Hand seiner Mutter wie ein furchtsames Kind.

»Sollen wir den Doktor rufen?« fragte Signora Zoseppa.

»Ich bin doch nicht krank I« erklärte er. »Das fehlte gerade noch, zu sagen, ich wäre krank! Nein, nein ... Ihr wollt mich wohl vergiften, um sie zu retten ...«

Da hatte Paska einen guten Gedanken: sie schlug vor, Francesco Fais zu rufen. Aber während sie hinunterging, hielt Gavina sie an: »Nein, du sollst Francesco nicht rufen! Er würde über uns spotten! Das will ich nicht!«

»Also du willst deinen Bruder lieber sterben lassen?« sagte Paska.

Gavina bestand nicht länger auf ihrer Weigerung. Die Hände ringend, kehrte sie in ihr Zimmer zurück und trat an ihr Gartenfenster; sie meinte, sie müsse ersticken vor Leid und Scham: was würde Francesco denken, wenn er Lucas Anklage hörte?

Die Nacht da draußen war rein und lind, und der Mond beleuchtete die Berge so hell, daß an den nächsten Hängen die Schatten der Felsen sichtbar waren; die entfernteren Höhenzüge zeichneten sich nur in blauen Linien auf dem Himmel von lichterem Blau ab. Zum ersten Mal in ihrem Leben sehnte Gavina sich, jene phantastische Mauer zu überschreiten und in der Ferne Frieden zu suchen. Sie fühlte Mitleid mit Luca, aber dieses Gefühl war ihr so neu, daß es sie fast ebenso beunruhigte wie ihre gewohnten Gewissensbisse.

Sie hörte Francesco die Treppe heraufkommen und in Lucas Zimmer gehen – aber sie hatte nicht den Mut, an der Tür zu horchen. Ihr Herz klopfte heftig, vor Scham und vor Kummer: sie meinte, der Student müsse den Worten Lucas Glauben schenken.

Francesco bat dann, sie sprechen zu dürfen, und sie empfing ihn in ihrem nur vom Monde erhellten Zimmer, unbeweglich am offenen Fenster lehnend.

»Haben Sie sich sehr erschrocken?« fragte er, ohne sich ihr zu nähern.

»Wie sollte ich nicht erschrecken? Ich hörte ihn schreien als ob er umgebracht Würde und eilte an feine Tür; aber er öffnete erst als die Mutter heraufkam. Und da sagte er, ich ... ich habe ihn töten wollen! Ich ... verstehen Sie? Warum denn ich?«

»Es ist ein Anfall von delirium tremens, und wird vorübergehen. Beruhigen Sie sich und legen Sie sich nieder!« sagte Francesco bittend, da es ihn bekümmerte, Gavina so erregt zu sehen. »Und lassen Sie sich nicht vor ihm sehen!«

»Aber was habe ich ihm getan? Warum sagt er so etwas? Ich bin nie schlecht gegen ihn gewesen! Er ... er allein ist die Ursache seines Unglücks ... und des unseren!«

»Denken Sie jetzt nicht daran! Die Ursache ... die Ursache ...« murmelte er, indem er einen Augenblick den Kopf senkte und auf seine Hände blickte. »Nicht wir sind die Ursache unserer Leiden ... Sehen Sie jetzt zu Bett, Gavina, und beruhigen Sie sich!«

Er näherte sich ihr, als wolle er sie zwingen, ihm zu gehorchen; doch sie hatte sich schon beruhigt, und ihr Gesicht hatte seinen gewohnten stolzen Ausdruck angenommen.

»Aber ich bin ja ruhig, und jetzt will ich mich niederlegen. Ich fürchtete, Luca wäre wahnsinnig geworben. Wenn Sie erlauben, begleite ich Sie jetzt hinunter.«

Er ließ es geschehen, doch auf der Treppe wiederholte er nochmals: »Gehen Sie gleich zu Bett!«

Der Hausflur war von einer Öllampe erhellt, die Paska in der Eile auf den Boden gestellt hatte. Es schien, daß Francesco noch etwas sagen wollte: er zögerte, bewegte die Lippen, konnte aber nicht sprechen.

»Gute Nacht! Ich danke Ihnen!« sagte Gavina, als er ging. »Bitte, sagen Sie mir noch, ist es nicht nötig den Arzt zu rufen?«

»Für jetzt nicht Später werden wir sehen: ich komme in der Frühe wieder.«

Ganz früh kam er. Luca schlief, die Hand der Mutter in der seinen. Auch um acht schlief er noch. Bei seinem dritten Besuch aber befahl Francesco ihn zu wecken, um ihm eine schlaflose Nacht zu ersparen. Den Nest des Tages blieb er bei dem Kranken. Gavina ließ sich nicht sehen. Jedesmal, wenn die Türe aufging, zuckte Luca zusammen, aber er kam nicht wieder auf seine wahnsinnige Anklage gegen die Schwester zurück. Gegen Abend ging es ihm bedeutend besser, und nur beim Einschlafen kam ihm noch einmal eine Anwandlung von Schrecken.

Francesco empfahl, ihn auf das Land zu bringen, wenigstens für einige Tage.

»Dann wollen wir in den Weinberg gehen«, sagte die Mutter und weinte bei der Erinnerung an ihren letzten Aufenthalt dort.

Gavina und Paska blieben allein im Kaufe. Während der wenigen Tage, die Francesco noch in der Stadt zubrachte, ging er mehrmals zum Weinberg hinauf und brachte allemal Gavina Nachricht von Luca und der Mutter. Gavina empfing ihn, weil sie nicht anders konnte; aber ihr Empfang war fast feindselig, und alle Güte, alle Liebenswürdigkeit, aller Frohsinn Francescos brachen sich an Gavinas Mißstimmung wie die schäumende Woge am Felsenriff.

»Es geht Luca nun wieder gut und er faßt von neuem die besten Vorsätze«, sagte er vor seiner Abreise zu Gavina. »Aber ... für wie lange? ... Und Sie? Was werden Sie tun?«

»Ich? Was ich bis jetzt getan habe.«

»Sie müssen daran denken, Ihr Leben anders zu gestalten.«

»Warum? Ich bin mit meinem Leben zufrieden und denke an keine Veränderung.«

Sie dachte in Wirklichkeit stark daran – aber der Gedanke an eine Heirat, und namentlich eine Heirat mit einem Manne, einem jungen Menschen, wie Francesco, der nicht schön, nicht religiös, nicht von guter Familie war, widerstrebte ihr mehr als je. Und doch mußte sie sich regen, zu einem Entschlüsse kommen! Sie wußte das so gut wie einer, der einen schrecklichen Traum hat, sich undeutlich bewußt ist, daß er träumt, und sich aufzurütteln sucht, um den Alp loszuwerden. Und Francescos Worte hafteten in ihrem Geiste.

Wie lange noch? fragte auch sie sich. Und jede Nacht träumte ihr, daß Luca wieder von Wahnvorstellungen heimgesucht sei, und daß sie wieder den mißtrauischen Blick ihrer Mutter auf sich gerichtet sehe ...

Bevor noch Luca und Signora Zoseppa aus dem Weinberg zurückgekehrt waren, stellte sich eines Tages Zio Sorighe ein und erbot sich, das Hüteramt wieder zu übernehmen. In den sieben Jahren schien er nicht im geringsten verändert und trug noch denselben Quersack auf dem Rücken, mit dem Gavina ihn seinerzeit gleich einem Pilger hatte abziehen sehen.

»Und was habt Ihr während all' der Jahre getan?« fragte Paska.

»Ich habe gelebt wie ein Kavalier«, erzählte er. »Vor sechs Jahren trat ich in Dienst bei einer reichen Witwe, die mich durchaus heiraten wollte, gegen den Willen einer schon verheirateten Tochter. Aber vor zwei Monaten ist Lussulia, meine Frau, gestorben, und meine Stieftochter tat nichts anderes, als mich kränken und beschimpfen. Da nahm ich meinen Sack wieder auf, wischte mir auf ihrer Schwelle die Schuhsohlen ab und machte mich wieder auf die Wanderschaft. Wer weist ... wer weist ..

»Wer weist, ob Ihr nicht eine andere Witwe findet! Dann sucht Euch aber eine aus, die keine Nachkommenschaft hat«, sagte Gavina spöttisch.

Er nahm es nicht übel, sondern bot ihr die Hand und fing sein altes Liedchen an:

Dami sa manu, bellita, bellita ...

Dann aber wurde er doch schwermütig: er hatte an allen Türen der kleinen Stadt angeklopft und um Arbeit gebeten; aber niemand wollte ihn – er war zu alt. Und jeden Abend kam er zu Paska, setzte sich in einen Winkel des Hofes und trällerte und gähnte. Einmal reichte sie ihm ein Gerstenbrot; er nahm es und weinte. »Ein Mann wie ich, ein Mann von Talent ... der hätte leben können wie ein Kavalier ... und dahin gekommen!« Und seine Tränen fielen auf das große graue Brot wie Regentropfen auf welkes Laub. Natürlich weinte die alte Magd mit ihm – am folgenden Tage aber kam er mit froher Botschaft.

»Der Kanonikus Felix, Gott segne ihn, hat mir die Küsterstelle am Kirchlein San Teodoro verschafft. Weißt du, wo das ist? Nicht weit von unserm Dörfchen auf den Bergen; das Kirchenfest ist im Juni. Wollt Ihr mich dann besuchen? Dann lass' ich Euch Bohnen mit wilder Minze kochen ... Gut, ich werde dort leben wie ein Eremit und immer für meine Wohltäter beten. Ich glaube, Priamo hat dafür gesorgt, daß ich die Stelle bekomme.«

»Wie? Priamo ist wieder hier?« fragte Paska.

»Ja, seit gestern. Fast hätte ich ihn nicht wiedererkannt; er sieht aus wie ein Bischof, so schön und ernst ist er geworden. Jetzt bekommt er die Weihen, darum ist er gekommen.«

Bald nach Mittag, als Gavina im obersten Stock die Fenster schloß, sah sie Priamo vor der Tür des Kanonikus Sulis. Er sah wirklich elegant aus, mit einer Soutane und einem Schultermantel so schön wie Atlas. Aber sein Gesicht von krankhafter Blässe gemahnte an das Gesicht eines nach verbüßter Strafe soeben aus dem Gefängnis Entlassenen. Da er nach den Fenstern im Erdgeschoß ihres Hauses hinübersah, konnte Gavina ihn betrachten, ohne selbst gesehen zu werden; aber das Herz schlug ihr bis in die Kehle, und sie mußte sich hinsetzen, um wieder zu sich zu kommen.

Jetzt wird er hierherkommen, dachte sie, hierher! Was soll ich tun? Ihm durch Paska sagen lassen, es wäre niemand zu Sause? – Plötzlich aber warf sie in ihrer alten Art stolz den Kopf auf und fragte sich: Warum sollte ich mich vor ihm fürchten? Und sie stand auf, ging in ihr Zimmer hinüber, machte sich die Haare und kleidete sich um. Aber nicht etwa um sich schön zu machen für ihn – nein: sie wollte nur anders aussehen als gewöhnlich, sich gewissermaßen äußerlich verstellen, wie sie ihm ihre innersten Gedanken verbergen wollte.

Ein lautes Pochen an der Tür ließ sie erbeben. Paska war wohl im Garten beschäftigt: das Klopfen der eisernen Sand ertönte von neuem. Gavina redete sich ein, es sei vielleicht der Postbote und lief eilends hinunter.

Vor der Tür stand Priamo. Ruhig, fast gleichgültig, sein Mäntelchen über die Arme gezogen, grüßte er sie, als wären sie am Tage zuvor auseinander gegangen. »Wie geht es Luca?« war seine erste Frage.

»Nicht sehr gut. Er ist mit der Mutter im Weinberg.«

Bei dem Worte »Weinberg« erröteten sie alle beide; und dann sah er sie an mit seinem trüben und zugleich begehrlichen Blick und ihr ward beinahe Angst.

»Ich will Paska sagen, daß sie Kaffee bringt«, sagte sie und glitt flink und stumm, an der Wand entlang, aus dem Zimmer. Als sie wieder eintrat, ließ sie die Tür offen.

Er stand vor der Konsole, und als seine Augen aufs neue in die ihren blickten, waren sie voll Tränen; und sie hatte die Empfindung, hier stände ein Priamo vor ihr, den sie noch nicht kenne, ein schüchterner und unglücklicher Priamo.

»Hast du Angst vor mir«, fragte er mit einer vor Spott und Schmerz bebenden Stimme. »Warum hast du Paska gerufen? Fürchtest du, ich wollte dich küssen? Ach, es ist ja vergeblich, jemand zu küssen, der nicht liebt. Und du liebst nicht, kannst nicht lieben: du hast kein Herz! Einmal hattest auch du ein Herz – sie aber haben einen Lumpen über dein Herz geworfen, wie über dieses Bild der Schönheit« – er wandte sich zu der Venus und berührte sie leise – »und damit haben sie es erstickt ... wie sie alles ersticken ... alles ...«

Sie hatte ihren Mut wieder gewonnen, sah ihn fest an, mit Augen, die vor Stolz blitzten, und fragte: »Wer, sie

»Die Priester!«

»Und wer bist du?«

»Ich werde einer von ihnen sein ... durch deine Schuld.«

»Du ... du weißt nicht, was du sagst!«

»Ich sage, was du mich zu sagen zwingst. Wolltest du, daß ich anders spräche, so mußtest du anders handeln.«

»Ich handle, wie ich es für meine Pflicht halte ...«

»Deine Pflicht?« stieß er da hervor, beugte sich vor und näherte sich ihr, als ob er sich auf sie stürzen wolle. »Was weißt du von Pflicht? Du; du sprichst von Pflicht? Du sprichst und tust wie sie dich zu sprechen und zu tun gelehrt haben.«

Er richtete sich auf, stand ihr groß und fest gegenüber und fuhr in leidenschaftlicher Erregung fort: »Wenn dein Beichtvater dir sagte, es sei deine Pflicht, zu töten, einen Meineid zu schwören, dir das Leben zu nehmen ... du würdest es tun. So verstehst du deine Pflicht!«

»Mein Gott, wie bist du nur? Wie bist du geworden!« stammelte sie, mehr betroffen als gekränkt.

Und er packte ihre Hände mit seinen blassen, hageren, die so fest zufaßten wie die eines von Zuckungen befallenen Kranken. »Ich bin das geworden, was du aus mir gemacht hast ... Ich habe dir vieles zu sagen, weißt du ... Und das muß ich dir sagen ... darum bin ich hierhergekommen ... Ich habe nichts vergessen ... und ich will noch einmal kämpfen ...«

»Laß mich«, sagte sie, zitternd vor Ärger und vor Leidenschaft. »Ich habe nichts mit dir gemein! Ich war ein Kind, damals ... ich wußte, ich verstand nicht ...«

»Aber jetzt? Verstehst du jetzt? Verstehst du, daß ich nicht leben kann ohne dich? Verstehst du das?«

»Laß mich!« wehrte sie ab; dann aber ward sie demütig, bat, flehte: »Laß mich, Priamo, Paska kommt!«

Aber wie angefeuert von der Gefahr überrascht zu werden, beugte er sich über sie und küßte sie; und kaum hatte er von ihr abgelassen und sich hingesetzt, als Paska eintrat, vor ihm stehen blieb, ihn betrachtete und sagte: »Wirklich, wenn ich dir auf der Straße begegnet wäre, dann hätte ich dich für einen Priester vom Festland gehalten.«

»Weshalb? Sind die Priester vom Festlande schöner als die sardischen?« fragte er, nervös lachend. Und seine Hand zitterte, als er die Tasse nahm, die sie ihm anbot.

»Nun ... ich dachte ...«

»Sie sind im Gegenteil viel häßlicher und sehen aus wie die Bettler. Manchmal begegnen mir welche, die so abgerissen und schmutzig sind, daß sie mir leid tun ...«

»Aber sind sie denn so arm?« fragte Paska verwundert. »Ach, sie haben gewiß alles den Armen gegeben ... Und du, wie geht es dir?« setzte sie hinzu und betrachtete die zitternden Hände Priamos.

Sie hat etwas gemerkt! dachte er; jetzt wird sie aufpassen! ...

»Ich muß mit dir sprechen«, sagte er zu Gavina, sobald die Alte das Zimmer verlassen hatte. »Ich muß! Es ist notwendig! Heute abend um elf Uhr werde ich vor deiner Türe sein. Du kannst mich einlassen.«

»Geh! und komm' nicht wieder! Ich werde dich nicht wieder einlassen!« entgegnete sie und verbarg ihr Gesicht in den Händen. »Geh!«

Er stand auf, legte sein Mäntelchen wieder über die Arme und nahm seinen Hut »Läßt du mich heute nacht nicht ein, so erschieße ich mich vor deiner Tür!« sagte er, verneigte sich vor ihr und ging.

Als sie allein war, warf sie sich auf das Sofa und brach in krampfhaftes Weinen aus. Sie meinte, sie müßte sterben vor Scham, vor Angst, vor Gewissensbissen. Sie bereute, Priamo nicht sogleich entschieden abgewiesen zu haben und nahm sich vor, nie mehr mit ihm allein zu bleiben; zu gleicher Zeit aber war sie wie berauscht von dem Gedanken, daß er sie noch immer liebte, mit solcher Leidenschaft liebte. Sie begriff, daß sich nichts verändert hatte seit jenem Tage: sie waren beide die selben, trotz all der Jahre, die dazwischen lagen, trotz der langen Trennung und ihrem so ganz verschiedenen Leben – und sie liebten einander immer noch! Auch das begriff sie und fühlte dunkel, daß sie Priamo liebte um des willen, was er war, um der Furcht und des Mitleids willen, die er ihr erweckte, um des starken Hindernisses willen, das sie trennte, vor allem aber, weil er für sie das verführerische Ungeheuer darstellte, das zu meiden ihr unablässiges Dichten und Trachten gewesen war: die Sünde ...

*

Gavina überkam die Angst, Priamo könnte sich wirklich vor ihrer Tür das Leben nehmen ... Was sollte sie nur tun? Wen um Rat fragen? Da kamen ihr seine Worte in den Sinn: deine Pflicht? Wenn sie dir sagten, es sei deine Pflicht, zu töten, du würdest es tun ... Stolz richtete sie sich auf und sagte sich noch einmal, daß sie gut, gewissenhaft, ihres Glaubens und ihrer selbst sicher sei: Sie brauchte keinen Rat.

»Meine Pflicht? Ich kenne sie!« sagte sie laut und runzelte die Brauen.

Sie ging in ihr Zimmer hinauf und trat an das Gartenfenster. Ernst stand sie den in sommerlichen Duft gehüllten, wie in inbrünstige Träumerei versenkten Bergen gegenüber. Ja, auch die Natur träumt, und die rauhesten Berge lassen sich vom heißen Mittagswind kosen. Und sie wies das süße Gefühl von sich, das die Worte und der Kuß Priamos in ihr erregt hatten, und spürte es deutlich, wie etwas Furchtbares in ihr vorging: sie war beinahe glücklich, daß sie liebte – doch um der Genugtuung willen, diese Liebe zu ersticken!

Sie beschloß, Priamo zu empfangen. Sie war stark: was hatte sie zu befürchten? Während der übrigen Stunden überlegte sie genau, was sie ihm sagen wollte: sie schliff gleichsam ihre Waffen. Sie meinte ruhig und kalt zu sein, während sie in Wahrheit nur von einer düsteren Opferfreudigkeit erfüllt war: ich werde leiden! dachte sie. Um so besser! Vielleicht wird er mich beschimpfen, vielleicht totschlagen: ach, wenn er das doch täte!

Und in ihrem tiefsten Innern schien etwas von der barbarischen Schwärmerei der christlichen Martyrer aufzuleben ...

Doch je weiter die Zeit vorrückte, desto mehr überkam sie tiefe Traurigkeit. Von Zia Itrias Hof drang das Rufen und Lachen der jungen Leute herüber; dann erstarb allmählich jegliches Geräusch, und nur die Viertel und die Stunden, die die Turmuhr der Kathedrale verkündete, klangen durch die nächtliche Stille; lauter als sonst, und als ob ihnen etwas Lebendiges innewohnte, ertönten die Schläge, wie der ferne Schrei eines geheimnisvollen Wesens, das in abgemessenen Zwischenräumen um die nutzlos enteilende Zeit klagte.

Auf ihr Bett hingestreckt, wiederholte auch Gavina von Zeit zu Zeit die für Priamo vorbereiteten Worte: »Was willst du von mir? Ich liebe dich nicht. Ich liebe niemand. Alles im Leben ist eitel!«

Um elf glitt sie von ihrem Bett herunter, sah aus dem Fenster und unterlag für einen Augenblick einer Sinnestäuschung: In dem rötlichen Lichtkreis, den die an des Nachbars Elia Hoftor angebrachte Petroleumlaterne warf, meinte sie zwei Gestalten zu sehen: eine stehende und eine, die davor am Boden lag. Und es war ihr, als habe Priamo seine traurige Drohung bereits ausgeführt ... Sogleich aber hob die stehende Gestalt den Kopf, trat vor – und der Schatten verschwand.

Gavina ging hinunter und ließ Priamo ein. Er trug wieder seine bürgerliche Kleidung: er war wieder ein Mann. Und sie, die das nicht vorausgesehen hatte, ward verwirrt: wie damals im Weinberg erschien er ihr als ein anderer.

Im Besuchzimmer brannte eine Öllampe, und alles war still und ruhig: die aneinandergelehnten Bücher schliefen hinter den Glasscheiben wie in einem gläsernen Sarge, und selbst die kleine Venus schien, von Schlaf überwältigt, den Kopf zu neigen. Es war wirklich kein Schauplatz für ein Drama; und als empfände auch Priamo den Eindruck dieser ernsten Umgebung, wagte er nicht einmal Gavinas Hand zu berühren und schlich auf den Fußspitzen. Er legte seinen Strohhut auf die Konsole und fragte leise: »Schläft Paska?«

Gavina betrachtete ihn; er war sehr blaß, seine Lippen schneeweiß und die Stirn feucht: und alsbald fühlte sie, daß sie die Stärkere sei.

»Paska weiß, daß ich dich empfange«, sagte sie laut.

Er begriff, daß sie log.

»Ich hoffe, du fürchtest dich nicht vor mir ...« sagte er spöttisch. Doch sofort schien er seine Worte zu bereuen und fing an sehr schnell zu sprechen, als habe er Eile wieder fortzukommen.

»Ich habe dir viel zu sagen, aber ich will kurz sein. Ich habe dir nicht geschrieben, weil es zwecklos ist, dir zu schreiben ... Vor allem andern muß ich dich das eine fragen: soll ich Priester werden, Gavina? Soll ich das? Noch ist es Zeit! Antworte mir! Bedenke, daß von deinem Wort alles abhängt ... alles!«

»Ja«, sagte sie fest, bevor er noch geendet hatte, »du sollst Priester werden!«

Mit der Hand wischte er sich den Schweiß von der Stirn.

»Bedenke es wohl, Gavina! Ich fühle gar keinen Beruf dazu, du weißt es. Sie haben mich dahin gebracht, wohin ich gekommen bin, wie man ein Fohlen dressiert. Vielleicht hat man mich als Kind gefragt »willst du Geistlicher werden?« Vielleicht habe ich »ja« gesagt. So haben sie mich gefaßt ... Nur ein anderes »ja« konnte und kann noch jetzt den bösen Zauber lösen: das deine! Sag' mir dies ja, Gavina, sage ja, ja, ja – aber nicht das ja, das du soeben ausgesprochen hast ...«

»Welches sonst?«

»Du weißt es, du weißt es ... sage ja, daß du mich liebst ...«

Sie hingegen sprach nur die Worte, die sie seit so vielen Stunden einförmig für sich wiederholt hatte: »Ich liebe dich nicht! Ich liebe keinen!«

»Das ist nicht wahr! Es ist nicht wahr! Sie haben dich gelehrt so zu sprechen, aber es ist nicht die Wahrheit. Du liebst mich: sonst hättest du mich nicht eingelassen ... Ich weiß alles, halte mich nicht für einen Dummkopf! Ich kenne dich: du hast Angst ... Du möchtest meine Seele retten! Nie hast du einen andern Gedanken gehabt ... Aber es ist lächerlich: meine Seele ist schon verloren ...«

»Und was dann?«

»Was dann? Du bist es, die mich zugrunde gerichtet hat, du! Weißt du auch das? Aber noch dreimal sollst du es mir sagen, daß du nicht mehr an mich denkst, und dann will auch ich dir etwas sagen!«

Er näherte sich ihr, trat aber gleich wieder zurück, ohne sie nur zu streifen.

»Also, wiederhole es mir!«

»Aber ist es noch nötig, das zu wiederholen? Nein, ich denke nicht mehr an dich, ich denke an keinen. Ich werde nie jemand angehören. Genügt dir das?«

»Jetzt sage ich dir eines, Gavina! Du lügst! Du belügst auch dich selbst! Du bist eine Betrogene, und die Zeit wird es dich lehren. Denke an meine Worte. Die Zeit wird dich lehren, daß deine Seele eine einzige Lüge ist, wie alles das Lüge ist, woran du glaubst: Gott ... der Himmel ... die Hölle!«

»Lüge bist du und dein Tun!« entgegnete sie entsetzt. »Ja, wahrlich, du! Warum, warum wirst du Priester?«

»Gerade weil ich nicht glaube und nicht hoffe! Es ist ein Handwerk wie ein anderes, und meine Verwandten haben es mir aufgenötigt, weil sie es für das einträglichste hielten.«

»Geh! Du tust mir leid! Wenn dein Onkel dich hörte ...«

»Aber im Ernst!« beteuerte er, und sein Gesicht war so bleich, die Augen glühten so düster, daß er Gavina erschien wie Luzifer, der Engel der Finsternis. »Und wenn dein Beichtvater mich hörte, sag', sage, wenn er mich hörte? Er würde sagen: Gavinas Opfer ist also vergeblich gewesen ... schädlich sogar ...

»Ich wiederhole dir: ich habe kein Opfer gebracht ... und übrigens: es gibt ja so viele andere Weiber auf der Welt! Ich will für mich allein bleiben und unabhängig sein. Was kümmert dich das übrige?«

»Wenn ich imstande wäre, andere Weiber zu lieben, so stände ich nicht hier ...«

»Laß uns einmal vernünftig reden«, fuhr sie fort, ohne seine letzten Worte zu beachten; »du sagst, deine Verwandten wollten dich zwingen Priester zu werden, weil es ein einträgliches Handwerk sei; aber ... bin ich nicht reich? Wäre es etwa nicht besser ...«

»Ach was. Verwandten, Verwandten! Nicht sie haben uns getrennt, denn sie wußten von nichts. Das haben die andern getan, wie du ganz gut weißt ... Sie sind es, die dich beeinflußt, uns getrennt haben, weil sie alles hassen, was Leben, Liebe heißt ...

»Es ist unnütz, weiter zu reden! Du bist unvernünftig, und deshalb verstehe ich dich nicht«, sagte sie mutlos. »Sprechen wir nicht mehr davon! Eines Tages wirst du darüber lachen, lachen über dich wie über mich und über dieses ganze Abenteuer. Beruhige dich nur und du wirst sehen, daß alles vorübergeht, dein Zorn, dein Argwohn, deine Tollheit. Du wirst den Glauben wiederfinden, du wirst ein guter Diener Gottes werden und damit auch glücklich ... Ja, was hast du denn jetzt? ... Mein Gott, mein Gott, Priamo!«

Er weinte. Den Arm auf die Konsole gestützt, und das Gesicht in der Hand vergraben, schluchzte er. And es war als blicke die kleine Venus mit Betrübnis und Neugier auf den Mann nieder, der zu ihren Füßen vor Liebe weinte.

»Glücklich ... glücklich ...« stammelte er. »Ich werde glücklich sein! Nun sehe ich wohl, daß alles zu Ende ist! Denn du redest so vernünftig, weil du wirklich nicht liebst, weil du nicht lieben kannst!«

Jetzt endlich durchzuckte auch sie ein heißer Schmerz; denn sie fühlte, daß sie log, und daß Priamo ihre Lüge nicht erkannte; sie fühlte, daß in dieser Minute das Band zwischen ihnen zerriß, und einen Augenblick lang verspürte auch sie das instinktive Verlangen, es neu zu knüpfen: sie brauchte nur die Hand hinzureichen, nur ein einziges Wort auszusprechen. Aber sie reichte nicht die Hand, sie sprach das Wort nicht: ihre gebeugte Seele zitterte und widerstand, gleich dem Rohr im Winde, während der andere weinte und zusammenhanglose Worte sprach, in denen alle Widersprüche anklangen, alle Lästerungen und unfreiwilligen Lügen einer an einem unheilbaren Übel krankenden Seele: an dem Verlangen nach dem, was nicht ist: Glückseligkeit.

»Immer habe ich auf dich gehofft!« sagte er. »Wenn ich dir schrieb, und du nicht antwortetest, dann dachte ich: sie hat Angst vor ihrem Beichtvater ... Und ich tröstete mich in dem Gedanken: Sie hat geschworen, daß sie nie heiraten wird: so darf ich immer an sie denken, und sie wird an mich denken. In Rom begleitete dein Bild mich allenthalben wie mein Schatten. Wenn ich am Abend auf den Tiber blickte, an dessen Ufer Tausende von Lichtern leuchteten, dann dachte ich: dieses Wasser fließt ins Meer und vielleicht wird es mit dem unseres heimatlichen Stromes zusammenkommen: weshalb sollten denn Gavina und ich nicht auch eines Tages so zusammenkommen? Sah ich irgend etwas Schönes, so dachte ich an dich. Wenn ich ausging und das Treiben auf den Straßen sah, die Frauen, die Blumen, das strahlende Licht der elektrischen Lampen, die Wagen mit den Herrschaften, die eine Spazierfahrt machten oder zu einem Feste fuhren, dann verspürte ich einen wahnsinnigen Neid, nicht meinetwegen, sondern deinetwegen. Ich dachte: Gavina ist dort unten begraben, sie ist nicht hier bei mir, und ich bin so arm, daß ich sie nicht ihrem Grabe entreißen kann. Und dann kam mir der Gedanke das Konvikt zu verlassen und mir eine Stelle zu suchen ... ich habe auch gesucht, aber nichts gefunden. Und die Postkarten schickte ich dir in der Hoffnung, daß der Anblick Roms dich begeistern werde ... Eines Tages sagten sie mir, du wollest dich verheiraten ... da wurde ich fast verrückt! Ach, du schliefst also nicht, wie ich glaubte, sondern du wolltest leben! Und darum bin ich gekommen: aber nun sehe ich, daß ich mich getäuscht habe. Du liebst nicht ... wirst nie lieben: du bist nicht imstande zu lieben, zu leben ... Das allein gereicht mir zum Trost: du wirst allein leben ... ich werde allein leben.«

»Ach, darüber kannst du ruhig sein!« sagte sie und stand auf. »Es ist genug. Geh jetzt, geh!«

Und mit Verwunderung sah sie, daß er ihr gehorchte. Er ging und schien seiner Sinne nicht mächtig. Er nahm seinen Hut, sah mit unsicherem Blick um sich, und als er durch den Hausflur schritt, strauchelte er zweimal.

Es war also alles zu Ende!

Nach dem nächtlichen Zwiegespräch ging sie zur Beichte und diesmal tat sie es fast mit Stolz. Aber der Kanonikus Bellia, den die Jahre – gleich den unter der Erde verborgenen Mumien – nur noch finsterer und ernster gemacht hatten, ließ sie übel an. Man müsse zu allererst die Gelegenheit meiden, sagte er ihr; denn manchmal wollten wir einer Sünde die Stirne bieten unter dem scheinbaren Vornehmen, sie zu überwinden, während wir in Wahrheit nur durch den heimlichen Wunsch zu sündigen getrieben würden.

Und sie ward mit der Zeit fast ebenso ernst, ja düster wie ihr Beichtvater. Sie dachte daran, wie sie, Priamo erwartend, es sich selbst eingestanden hatte, daß sie ihn noch liebte, und wie es sie ergriffen hatte, ihn weinen zu sehen! Ja, der Kanonikus Bellia hatte recht! Und sie beschloß, sich von nun an noch besser zu überwachen, sie wollte auch den heimlichen Wunsch zu sündigen überwinden.

An ihrem Gartenfenster stehend, überließ sie sich philosophischen Betrachtungen, die an ihr neu waren. Der Herbst rückte vor, nicht schwermütiger, nicht milder als in den vergangenen Jahren; ihr aber kam er milder und schwermütiger vor, weil sie eine unvermutete Verwandtschaft zwischen sich und der Natur empfand. Es schien ihr, daß sie alt werde, und daß in ihr etwas vergilbe wie das Laub im Garten. Alles um sie her alterte, die Mutter, Paska, Luca, die Nachbarn, aber es war ein lindes, ruhiges Altern, ein langsamer Abstieg dem Tode entgegen.

Am Tage Allerheiligen brachte ihr Zio Sorighe, der zu Besorgungen in die Stadt gekommen war, einen großen Busch Waldrebe, Blätter und Blüten. Sie empfing die Gabe mit Mißtrauen und trug sie in den Garten, um, wie sie sagte, einen Kranz für das Grab des Vaters daraus zu machen.

Als sie allein war und den Strauß aufband, fand sie ein Briefchen von Priamo darin. Er meldete ihr nur, daß er in fünf Tagen die ersten Weihen empfangen solle. Sie wußte es schon. Sie flocht den Kranz, richtete die auf dem Grabe aufzustellenden farbigen Laternchen her und weinte; sie meinte in der Erinnerung an den lieben Verstorbenen zu weinen und erkannte nicht, oder wollte es vor sich selbst nicht wahr haben, daß sie auch um all das weinte, was in ihr gestorben war.

Der Abend sank herab. In einzelnen, ernsten, dumpfen Schlägen läuteten die Glocken das Totengeläut; andere ferne Schläge antworteten mit seltsamem Schall, der wie das Galoppieren von Pferden auf einer Brücke aus Metall klang. Vielleicht ritten in der violetten Dämmerung die Toten durch die schieferfarbenen Wolken – die Lebenden aber vergaßen ihrer und dachten sich zu vergnügen. Scharen von Jungen und Mädchen durchzogen die Straßen, klopften an die Türen der Wohlhabenden, heischten den »morto-morto«, die Totengabe, und hielten lachend die Schürze auf, in die eine wohlwollende Magd oder eine freundliche Herrin getrocknete Früchte, Brötchen aus Mehl und Rob warf – oder auch, zum Scherz, Kartoffeln und Sägespäne.

Auf Geheiß ihrer Herrin hatte Paska bei der Haustür einen Korb voll Mandeln aufgestellt, mit einem Schüsselchen, um sie auszuteilen. Auf der Straße erklang das Lachen der Kinder, und von Zeit zu Zeit erschallten die tönenden Schläge der eisernen Hand.

»Gebt Ihr uns den »morto-morto«, Zia Paska?«

»Wenn ihr so laut klopft, dann gebe ich's euch mit dem Besen, und das recht lebendig!«

Sie öffnete die Tür, und die Kinder machten sich aus dem Staube; als sie aber keinen Besen sahen, kamen sie artig heran, die Mütze in der Hand.

»Hallo, hallo, schnell, Zia Pà, tut sie mir hier in die Mütze! Ach, bloß ein Schüsselchen voll? Und mir nichts? Hallo, noch ein Schüsselchen, Ihr habt ja so viele Mandeln draußen auf Eurem Landgut!«

»Ja, das weißt du wohl, du Spitzbub! Hast mehr als eine davon geknabbert!«

»Und Ihr, Zia Pà, habt Ihr keine Zähne mehr zum knabbern? Keinen einzigen?«

Danach kam eine Schar von Landleuten und dann die Küster der Kathedrale, die ein mit Säcken beladenes Pferd mit sich führten und dann und wann eine Klingel in Bewegung setzten. Die Küster hatten Anspruch auf gute Behandlung: außer Mandeln erhielten sie ein weißes Brot, Süßigkeiten und getrocknete Feigen.

Die Küster waren kaum vorüber, als Paska von neuem die Tür öffnen mußte, und sie ärgerte sich als sie sah, daß die Kinder wieder davorstanden. Doch diesmal forderten sie keine Mandeln, sie lachten, aber sie drängten sich furchtsam aneinander und verkündeten, ein Toter käme über die Straße.

»Aber ein wirklicher Toter, Zia Pà. Wartet nur! Er ist ganz weiß ...

Und sie machten sich fort, während auf der Straße ein Gespenst auftauchte, das eine weiße Tasche am Arm hängen hatte. Paska bekreuzte sich, aber das Gespenst kam trotzdem auf sie zu und sagte mit kläglicher Stimme: »Eine milde Gabe für einen armen Toten! Wenigstens einen Krug Wein!«

»Ach, du verwünschter Junge! Wie hast du mich erschreckt! Du bist ja Francesco Fais! Willst du hereinkommen?«

Er ließ sich nicht bitten. Luca, Gavina und Signora Zoseppa hatten soeben ihr Abendbrot beendet; sie waren sehr melancholisch und schienen mehr als nötig an ihre Toten zu denken. Sobald sie aber das Gespenst sahen, kam Leben in sie, und das verdummte Gesicht Lucas glänzte vor Freude.

Francesco nahm das Bettuch ab, das ihn einhüllte, und betrachtete Gavina. »Ich hatte etwas zu besorgen in der Stadt, deshalb kam ich hierher; morgen reise ich wieder ab«, sagte er lächelnd.

Gavina dachte an die Besorgungen, die auch Zio Sorighe in der Stadt zu machen hatte, und lachte in sich hinein. Francesco setzte sich neben Luca, nahm das Glas, das Signora Zoseppa ihm bot, und deklamierte, zu Gavina gewandt:

»Salute, o genti umane affaticate,
»Nulla trapassa e nulla può morir ...«
Friede sei mit euch, ihr müden Menschenseelen, nichts vergeht und nichts stirbt dahin ...

»Alles vergeht!« verbesserte Gavina.

»Wir sterben alle«, setzte die Witwe hinzu, die die Verse des Gespensts nicht recht verstand; sie behandelte es indes mit besonderer Freundlichkeit und Gavina begriff, weshalb.

Nachdem Francesco gegangen war, ging sie auf den Hof, nahm die Reste des Waldrebenstraußes und barg ihr Gesicht darin. Was wollte Francesco Fais von ihr? Für sie war er in Wahrheit nur ein Gespenst, ein Phantom.

*

Tage und Monate vergingen. Von ihren Fenstern aus sah Gavina die Jahreszeiten langsam vorüberziehen und wohnte den so einfachen Ereignissen im Leben ihrer Nachbarn bei. Auf der »Piazzetta«, bei Zia Itria, erzählte der alte »Invalide« noch immer seine Erlebnisse, und die jungen Leute lachten. Nur der Sohn der mit böser Zunge begabten Witwe, der aus seinem Zwangsdomizil zurückgekehrt war (aus der Verbannung, sagte er poetischer Weise zu seiner Mutter), erlaubte sich, dem Invaliden zu widersprechen.

Und aus Anlaß eines der Geschichtchen des Alten geriet der Exsträfling mit einem der Schustergesellen aneinander, und beide griffen zum Messer. Der Schuster kam dabei um, und der Sohn der Witwe wanderte wieder ins Gefängnis.

Oben von ihrem Fenster aus hörte Gavina die Witwe dem Schicksal fluchen; sie sah die alte, blinde Mutter des erstochenen Schusters mit vorgestreckten Händen sich an den Mauern entlang tasten; aber sie war zu verdrossen und zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als daß sie sich für die Nöte anderer zu interessieren vermocht hätte.

Von Tag zu Tag verlor sie mehr die Lust am Leben. Weshalb? Das wußte sie nicht oder kümmerte sich nicht darum. Ihre Seele starb gleichsam ab, wie ein Glied, das nicht gebraucht wird. Nur während der Krisen der schrecklichen Krankheit Lucas schien sie zu erwachen. Dann ward ihre Seele wieder stolz und aufmerksam, und so war es, als ob nur der Schmerz sie über den Zweck des Daseins belehrte. Kein anderes Nützliches und Wahres gab es für sie, und so ward ihre Welt immer öder und ausgestorbener; und in dieser wie der Mond so kalten und farblosen Welt lebte sie allein mit ihrem Schmerz.

Nicht einmal die Zeitungen und Ansichtskarten, die Francesco Fais ihr aus Rom sandte, wo er eine Stelle als Assistenzarzt an einem Hospital erlangt hatte, vermochten sie aus ihrem Halbschlaf aufzurütteln. Auf den Karten waren die selben Springbrunnen, die selben Gärten, die selben Ruinen, die sie schon gesehen hatte, einst, auf den Karten Priamos. Jetzt interessierten sie sie nicht mehr.

Bisweilen ging sie noch abends mit Michela zum Brunnen unten an der Landstraße, und dann sprachen sie von Francesco, sie sprachen von Priamo, mit der selben Gleichgültigkeit, mit der sie vom Kanonikus Bellia oder vom Kanonikus Felix sprachen. Eines Abends aber bemerkte Gavina etwas Neues, Seltsames an ihrer Gefährtin: Michela sprach mit bewegter Stimme von Priamo.

»Ich war zur Messe in der Kathedrale. Er sang das Evangelium des heiligen Lucas. Aber weißt du, daß er eine wundervolle Stimme hat? Manche Frauen weinten ...«

Gavina betrachtete sie spöttisch – am folgenden Sonntag aber gingen sie zusammen, um Priamo die Messe singen zu hören.

Während er die Psalmen absang, wendeten die Frauen kein Auge von ihm, wie bezaubert von seinem weichen und vollen Tenor. Die Orgel klang, und der alte Bischof, für den die Stimme Priamos eine Offenbarung gewesen war, tauschte ohne mit der Wimper zu zucken, in seinem goldenen Gewande einem Götzenbilde gleich, das durch die melodische Stimme und die sehnsuchtsvolle Musik in die Legionen zurückversetzt ward, in denen es einst verehrt worden.

Das Gesicht in den Händen vergraben, hörte Gavina zu und verspürte ein mächtiges Verlangen zu weinen: sie dachte an die längst vergangenen Tage im Weinberg, an die zauberisch schönen herbstlichen Dämmerungen, an den Gesang der über die Wiesen hinziehenden kleinen Hirten. Dann aber spürte sie der Ursache ihrer Rührung nach, und als sie sie fand, ärgerte sie sich. In ihrer alten Art warf sie stolz den Kopf auf und sah, wie Michela sich mit dem Zipfel ihres Taschentuches die Augen trocknete.

Und es ereignete sich etwas. Viele fromme Frauen, die Priamo zuvor nie angesehen hatten, verliebten sich in ihn, nachdem sie ihn singen gehört. Michela errötete, so oft sie von ihm sprach. Und eines Tages zu Ende Februar, als Gavina mit Paska die Gasse hinunterging, die zu Zio Bustiás Saus führte, begegnete sie Priamo und sah, wie Michela schnell vom Fenster zurücktrat. Sie fühlte einen Schauder, ging vorüber, ohne Michela aufzufordern, sie zu begleiten, und es war ihr als stiege sie zu einem Ort der Finsternis und Kälte hinab.

Und doch war das herrliche Tal nie schöner gewesen, nie von so reiner und sanfter Schönheit. Der Winter hatte selbst die Farbe der Felsen aufgefrischt: die schwarzen Stellen auf dem grauen Granit glänzten und glitzerten; die weithin sich erstreitenden Ölwälder schimmerten wie Silber über dem dunklen Erdreich der frisch geackerten Berghänge; aus den Schluchten hüpften unzählige Rinnsale herab und blitzten zwischen dem frischen Grün des bereits hohen Grases auf; und der Fluß in der Tiefe des Tales rauschte unter blühenden Pfirsich- und Mandelbäumen dahin: alles war rein und jung und urwüchsig, übergossen von dem Silberlicht des milden Himmels, vor dem sich am Horizont die Umrisse des noch von bläulichem Schnee bedeckten Hochgebirge abzeichneten.

Gavina ging dicht an der Brüstung der Straße hin; in ihrer Erregung gedachte sie unwillkürlich der schönen Sommerabende, der flammenden Feuer im Buschwald und des Geplauders Michelas in vergangenen Zeiten. Und statt des frischen, klaren Landschaftsbildes sah sie ein düsteres, phantastisches Tal, über dem blutroter Schein und ungestalte Schatten lagen.

Also auch Michela sündigte! Und statt sich zu erretten, sank Priamo immer tiefer in den Abgrund!

*

Die böse Klatschbase war natürlich die erste, die das Gerücht ausstreute, zwischen Michela und Priamo beständen vertraute Beziehungen. Die Tochter des Bauern war fast ständig allein zu Hause und konnte empfangen, wen sie wollte. Der Kanonikus Sulis schäumte vor Zorn, schalt die böse Zunge, warf aber dann einen Blick auf seine schmutzige Soutane und sagte bei sich: »Zu elegant, zu elegant ist der Bursche! Er trägt Seide und Bänder wie ein Weib. Gott helfe ihm! Gott steh' ihm bei!«

Gavina behandelte Michela mit Verachtung, obwohl sie, aus purem Stolz, hartnäckig an dem Glauben festhielt, Michela sei rein und unschuldig; sie gedachte der mystischen Erscheinungen, der überirdischen Gesichte der Freundin und sagte sich: »Nein, sie ist nicht von der elenden Art ihrer Nachbarn; sie kann nicht verlogen und schlecht sein, sonst hätte ich sie nicht zur Freundin gewählt.«

Aber eines Tages schickte Francesco Fais ihr eine Zeitschrift, die einen Aufsatz über gewisse hysterische Erscheinungen enthielt, die er an den Frauen eines kleinen sardischen Dorfes beobachtet hatte, in dem eine Art religiöser Epidemie herrschte. Diese Frauen hatten seltsame erotisch-mystische Visionen; einige hielten sich für besessen, andere sahen Heilige oder Engel.

Zum erstenmal in ihrem Leben kam Gavina eine Ahnung der Wahrheit: sie begriff, daß Michelas Geist krank sei. Aber die Wahrheit ist traurig für den, der nicht gewohnt ist sie zu erkennen! Gavina wurde melancholisch und reizbar und fing an Michela zu verspotten, so daß diese eines Tages vor ihr in Tränen ausbrach und schrie: »Du, du glaubst an jene Verleumdungen? Du, die so gut weiß, warum er zu mir kommt ...«

»Ich? Ich weiß nichts, weder von dir noch von anderen!«

»Sprich nicht so verächtlich zu mir! Du weißt es doch, warum er zu mir kommt! Nur um von dir zu sprechen – kann ich ihn darum fortjagen? Er weint dann wie ein Kind und sagt, wenn er bei mir sei, so glaube er dir nahe zu sein ... kann ich ihn da fortjagen?«

Gavina lächelte verächtlich; aber ihr Herz klopfte heftig. »Er denkt noch immer an mich, noch immer!« sagte sie sich und vermochte ein Gefühl trunkenen Entzückens nicht zu unterdrücken. Hörte sie in der Kirche die klare, melodische Stimme Priamos, so erschauerte sie. Durch das schwerfällige, schleppende Singen der Chorherren hindurch klang jene Stimme wie eine silberne Glocke; es war als käme sie aus dem blühenden Tal unter den Fenstern der Kathedrale – während jene andern Stimmen von finsteren Orten erzählten, an denen alles Schmerz und Tod war. Und die klingende Stimme sang immer wieder von Liebe und Leben, und Gavina sagte sich dann: »Er denkt an mich!«

Wenn er an ihren Fenstern vorüberging, so trat sie zurück – aber sie lauschte dem Knarren der Schuhe des jungen Priesters. An einem der letzten Maitage machte er Signora Zoseppa einen Besuch, und als er gegangen war, bewahrte das Besuchzimmer einen Duft nach frischem Heu, der Gavina erregte. Sie trat an das Fenster und hörte, daß er die um diese Dämmerstunde einsame Straße wieder heraufkam. Diesmal zog sie sich nicht zurück; er ging dicht am Fenster vorbei, schien stehenbleiben zu wollen, scheute sich dann aber doch davor, warf ihr eine Rose zu, die er in der Hand trug, und ging weiter.

Sie nahm die Rose und drückte sie an ihre Lippen. Mit einemmale aber erschrak sie und schämte sich vor sich selbst: Ach, also das Drama war noch nicht zu Ende, es hatte vielleicht noch gar nicht angefangen!

»Morgen ... morgen früh muß ich beichten!« Und wie sie manchmal getan, ging sie zu Michela, sie zu bitten, am andern Morgen in der Frühe mit ihr zur Kirche zu gehen.

Der Abend sank herab, die Gasse war verödet; aus dem Tal stieg der süße Duft des blühenden Ginsters auf. An Michelas Haus waren die Fenster geschlossen, durch das Tor aber sah man Licht in der Küche. Gavina ging hinein; es war niemand dort, doch das Feuer auf dem Herde brannte. Michela war wohl eben zu einer Nachbarin hinübergegangen, und um sie zu erwarten, setzte Gavina sich neben der Tür hin. Einen Augenblick später hörte sie auf der äußeren Treppe, die vom oberen Stockwerk des Hauses direkt in den Hof führte, Schuhe knarren ...

Sie sprang auf, entsetzt. Die Stimme Priamos sagte: »Also um zehn? Aber nicht, daß ich noch einmal wiederkommen muß wie gestern abend ...«

Es ward still ... Dann sagte die erregte Stimme Michelas: »Man kann uns sehen ... Laß mich! Das Tor ist offen! Laß mich ...«

Gavina war einer Ohnmacht nahe; ihre Füße versagten den Dienst, und sie meinte, zu versinken. Sie schloß die Augen, wie um das abscheuliche Bild des sich umschlungen haltenden Liebespaares nicht zu sehen – und als sie sie wieder öffnete, stand Michela vor ihr. Mit unsäglichem Entsetzen ruhten die Augen der Schuldigen auf ihr: dann neigte sich die schmächtige Gestalt vor und stürzte zu Boden wie ein vom Wind geknicktes Rohr.

Diesesmal ging Gavina nicht zur Beichte: sie fühlte sich »nicht dazu aufgelegt«.

Eines Abends sagte sie dem Onkel Kanonikus, sie wolle die Stadt verlassen und Nonne werden.

»Und warum? Warum, warum, warum?« schrie er, rot vor Ärger. »Habt ihr zu Hause nicht zu essen und zu trinken? Und wenn du durchaus Nonne werden willst, kannst du das nicht zu Hause tun?«

»Ich kann es mit Luca nicht mehr aushalten ... und er nicht mit mir!«

»Alle Familien haben solche Wunden! Das könntest du wissen! Und warum sonst hat der Herr uns Seelenstärke verliehen, als um die Widerwärtigkeiten zu ertragen? Wenn du aber von Hause fortwillst«, schloß er und senkte die Stimme, »dann heirate und laß' mich in Frieden! Heirate: das ist deine Bestimmung, wenn du das begreifen willst – wenn nicht ... nun, so sieh' dir deine schöne Freundin an! Auch sie wollte nicht heiraten, und jetzt ... und jetzt ...«

»Hört auf!« sagte Gavina gekränkt. »So hab' ich Euch noch nie sprechen hören!«

Er schalt und brummte weiter; sie aber ging und bat Paska, sie zum Brunnen zu begleiten. Sie mußte Luft schöpfen, sie meinte zu ersticken, und es war ihr, als habe alles um sie her Leichengeruch. Das abscheuliche Bild »jener zwei«, die sich in den Armen hielten, verfolgte sie Tag und Nacht. Um sich von diesem Alp zu befreien, quälte sie sich selbst, beschuldigte sich der Eifersucht und krankhafter Empfindlichkeit; sie las den Aufsatz Francescos noch einmal, und es kam ihr vor, als gehöre auch sie zu jenen hysterischen Weibern.

»Auch ich habe gezittert, als er mir die Rose zuwarf!« sagte sie sich, ihr Empfinden unbarmherzig zergliedernd. »Was wird mit mir werden, wenn ich in dieser Umgebung bleibe?«

Und während Paska am Brunnen den Eimer füllte, schaute sie wieder nach den blauen Bergen hinüber; sie vernahm den Ruf des Kuckucks, der wie eine beharrliche Lockung klang, und verspürte ein wildes Verlangen, an den Felsen hinaufzuklettern, sich im Nest des Kuckucks zu verbergen, nicht mehr unter die Menschen zurückzukehren.

Wenn sie an Michelas Haus vorüberkamen, hielten sie nicht mehr an, aber der Gedanke an die Unglückliche verließ Gavina nicht. Und Paska sprach von nichts anderem.

»Du hast gut daran getan, sie nicht mehr in unser Haus zu lassen, das Affengesicht!« sagte sie. »Ich habe ihr übrigens nie getraut. Denke nur daran, wie sie von Francesco Fais sprach, mit welcher Unverschämtheit ...«

Bei dem Namen Francesco fuhr Gavina zusammen, und teils um Paska zu ärgern, teils um sich in einem Gedanken zu bestärken, der in ihrem Geiste keimte, sagte sie: »Und ich werde ihn schließlich doch heiraten ... Er verdient noch nicht viel – aber, was tut das? Ich bin ja reich genug. Wir werden still für uns leben, aber weit, weit von hier.«

»Was haben wir dir denn getan, Kind Gottes?« fragte Paska und wischte sich die Augen. »Aber nein, nein, du wirst nicht den Sohn einer Spinnerin heiraten.«

»Das werden wir ja sehen!«

Und sie fing an, den zu rühmen, den sie bis dahin verachtet hatte. Aber er erschien ihr jetzt auch in einem andern Licht, gleichsam als Befreier oder wenigstens als einer, der ihr dazu verhelfen würde, sich zu rächen. Aufs neue wartete sie in der langen Dämmerung des Juni mit Verlangen auf den Postboten.

Mit Eintritt der Hitze wurde Luca wieder von seinem traurigen Leiden heimgesucht, und wieder verordnete der Arzt, ihn auf das Land zu bringen, womöglich in die Berge. Doch als die Abreise bevorstand, verfiel der Kranke vor Angst in Krämpfe. »Dann werde ich nicht mehr wiederkommen«, sagte er weinend; »ich werde fern von Hause sterben. Und sie allein ist es, die mich forttreibt, damit ich schneller sterben soll. Ihr wollt mich an einen Ort bringen, der voll von Ameisen, Schnecken und Würmern ist, wo mich die Mäuse fressen ... Ich sehe sie schon ... hier auf meinen Händen ... Ach!« Und voller Schrecken schlug er mit der einen Hand nach der andern.

Paska suchte ihn zu beruhigen: »Was du da sagst, ist Kinderei! Gavina ist deine Schwester, sie ist Fleisch von deinem Fleisch und hat dich lieb. Soll ich sie einmal rufen? Dann wird sie dir selbst sagen ...«

Doch leise und bittend erwiderte er: »Nein, nein, rufe sie ja nicht! Wenn sie könnte, würde sie mich mit ihren Blicken umbringen.«

Gavina wußte das alles, was sie aber noch mehr aufbrachte, war, daß auch die andern es wußten.

Eines Abends hörte sie, wie die jungen Müßiggänger auf der »Piazzetta« sie offen beschuldigten, sie habe Luca immer schlecht behandelt.

Umsonst verteidigte Zia Itria sie. Die böse Klatschbase lachte hämisch und sagte: »Hol's der Teufel, möchten sie sich doch gegenseitig die Augen auskratzen. Sollen nur die Armen leiden? Nein, auch die Reichen sollen ihre Sünden büßen!«

»Schweig', du Lästermaul!« schrie Zia Itria, »Was für Sünden hat das arme Kind begangen?«

»Das arme Kind? Ach, sie ist dreißig Jahre alt und hat noch nicht begriffen, daß wir ein wenig christliche Nächstenliebe haben sollen ...«

»Gavina dreißig Jahre? Donnerwetter, du wirst ja wohl ganz verrückt!«

»Sie ist gerade so alt wie Michela«, sagte einer der jungen Burschen. Und bei dem Namen Michela lachten sie alle.

»Auch sie ist noch ein Kind, obgleich sie sagen, daß der Priester Felix sie gut unterweist ...

»Sie sagen, der Bischof wird den Priester Felix in sein Dorf hinaufschicken. Na, da gibt's Mädchen genug zu unterweisen ...

»Einmal war er auch oft genug in dieser Straße zu sehen«, deutete die böse Witwe hinterlistig an.

Da wurde Zia Itria ernstlich böse und schrie noch lauter. Aber Gavina wollte nichts mehr hören, sie hatte genug. Sie schloß das Fenster und öffnete das nach dem Garten. Die Sommernacht war lind, der Himmel tiefblau, und man hätte meinen können, man brauche nur auf die Berge zu steigen, um an die Sterne zu rühren. Aus dem Garten kam der Duft der letzten Lilien herauf, und die vom Mond beschienene Steineiche mit ihren Millionen Blüten sah aus wie ein riesiger Blumenstrauß, den die Erde ihren Freunden, den Sternen, darbiete. Doch aus dem Nebenfenster war die klagende Stimme Lucas vernehmbar, und bis hierher drang das laute Gelächter der jungen Taugenichtse.

Gavina weinte vor Verzweiflung: es war ihr, als wäre sie an einem finsteren Orte eingesperrt, wo auch sie, wie den kranken Bruder, phantastische Ungeheuer überfielen.

Sie mußte fliehen, die blaue Wand der Berge überschreiten, die sich im hellen Mondlicht zu öffnen schien.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.