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Bis an die Grenze

Grazia Deledda: Bis an die Grenze - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleBis an die Grenze
publisherSüddeutsche Monatshefte G. m. b. H.
year1910
translatorE. Müller-Röder
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140311
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Zweiter Teil.

I.

Nach dem Tode Signor Sulis' wurde das Haus stiller als ein Kloster. Die Trauer mußte streng beobachtet werden, wenigstens für zwei Jahre; während der ersten sechs Monate blieben die Fenster nach der Straße geschlossen. Gavina verzehrte sich fast vor Traurigkeit. Sie hatte ihren Vater auf dem Totenbett gesehen; blaß und mit verhaltenem Atem hatte sie sich über sein stilles Gesicht gebeugt, in die halbgeschlossenen grünlichblauen Augen geblickt wie in ein Geheimnisvolles ohne Licht und Bewegung, und den Eindruck gehabt, daß dieses Bewegungslose, Kalte nicht der Abgrund des Todes, des Nichts sei, sondern der Abgrund des Lebens. So also endete alles! Ihr Vater, der gestern noch lächelte und scherzte, lag da unbeweglich und stumm für alle Ewigkeit! Was ist das Menschenleben? Ein Vogelflug! Und sie war an das geschlossene Fenster getreten, hatte geweint und gedacht, daß sie durch ihre Sünde vielleicht den Tod des Vaters beschleunigt habe.

Dennoch lehnte sie sich nicht gegen den rächenden Gott auf, der sie so hart strafte, sondern sie verehrte ihn mit der Furcht und der angeborenen Bewunderung der Naturvölker für alles, was zerstörende Kraft ist. Daß der Vater gerade an jenem Tage sterben mußte, das war für ihre kleine Seele wie einer jener sommerlichen Gewitterstürme, die die Luft reinigen, aber die Gärten verwüsten. Ihre kleine Seele ward rein und trocken wie ein Alpengipfel. An Priamo dachte sie nur noch um sich das traurige Wohlgefühl zu verschaffen, diesen Gedanken von sich zu weisen. Wenn sie Michela sah, so zitterte sie jedesmal vor Angst, sie könnte ihr einen Brief bringen – und doch hätte sie gewünscht, Briefe zu bekommen, nur um sie ungelesen zu zerreißen. Ihr gewohntes Gebet: Mein Gott, laß mich leiden! ward in ihr zur fixen Idee.

Dann prüfte sie sich, ob sie wirklich leide, und es schien ihr, als wäre es nie genug. Und so entwickelte sich in ihr unwillkürlich eine stetig zunehmende Fähigkeit, alle Dinge zu zergliedern.

Acht Tage waren vergangen seit dem Tode Signor Sulis', und seine Witwe saß noch immer, in ein schwarzes Tuch gehüllt, in einer Ecke des Besuchzimmers, in dem ein Hauch des Todes sogar das Licht verlöscht zu haben schien, und empfing die barbarischen Beileidsbesuche.

»Geduld! Wir sind geboren um zu sterben!« so sagten alle. Unbeweglich und blaß saß die Witwe da und weinte und sprach nichts mehr. Es war als hätte die unausgesetzte Ermahnung zur Geduld sie nunmehr überzeugt, daß wir geduldig dahinleben müßten, nur um den Tod zu erwarten.

Neben ihr stand Luca. Schwarz gekleidet, dick und schlapp, sah er wie ein alter Mann aus. Auch Gavina saß dort, zwischen der Konsole und dem Sofa, aber niemand beachtete sie. Ihre stehenden Reden murmelnd, gingen die Leute durch das Zimmer hindurch wie ein Leichengefolge über die Straße.

Und so kamen alle Einwohner der kleinen Stadt, die reichen Bauern, die niedere wie die hohe Geistlichkeit. Der Kanonikus Felix war der einzige, der von Leben sprach. »Mut, Signora Zoseppa! Sie haben noch Ihre Kinder um sich, und sie bedürfen Ihrer; sie sind jung, und ihrer wartet das Leben. Sie haben Sie wirklich nötig ...«

Aber dann kam der Kanonikus Bellia, düster und mit niedergeschlagenen Augen. »Wir sind geboren um zu sterben. Alles stirbt hienieden; das ist unser Los! Wir sind Staub, den der Wind verweht ...«

Wie von dem Winde getroffen, von dem der schreckliche Kanonikus sprach, sank Gavina in sich zusammen. Das Halbdunkel um sie her verdichtete sich noch, und selbst die Venus auf der Konsole schien traurig und wahrhaftig zu einer melancholischen Madonna verwandelt. Alles erstarb, alles schwand dahin, sogar die Schönheit und heitere Ruhe einer Göttin!

*

Im Keller füllte unterdes Zio Sorighe mit Hilfe des Knechtes den jungen Wein in die Fässer, immer darauf bedacht, keinen Lärm zu machen. Es tat dem Alten ungemein leid, daß er nicht singen durfte; aber ein Verslein murmelte er doch dann und wann vor sich hin. An den Trichter richtete er die Worte:

Non bi at imbriagolu, in custu mundu,
chi biat cantu a tie ind fume die ...
Es gibt keinen Trunkenbold in dieser Welt, der so viel trinkt wie du an einem Tage.«

Paska weinte, überwachte indes auch die beiden Knechte, denn im Keller lag noch ein Faß voll alten Weins. Zio Sorighe aber bemerkte etwas Seltsames: Luca schlich von Zeit zu Zeit auf den Fußspitzen in den Keller, näherte sich jenem Faß und bückte sich, um den Kahn zu öffnen; dann aber schlich er, wie von einem plötzlichen Schrecken gepackt, wieder fort, ohne daß er getrunken hatte.

Eines Abends rief der Kanonikus Sulis, nachdem er sich mit der Witwe seines Bruders besprechen hatte, Gavina und Luca herein und sagte feierlich: »Euer Vater hat in Ehren gelebt und für euch gearbeitet. Jetzt ist es an euch, sein Andenken zu ehren. Er hat kein Testament gemacht, aber ihr wißt, daß sein Besitz nun euch sowohl wie eurer Mutter gehört. Sie aber soll auch ferner hier die Herrin bleiben. Was sagt ihr dazu? Sprich du, Gavina!«

»Ja, ja, sie ist die Herrin!«

»Und du, Luca?«

Gerührt und unter Tränen sagte er: »Ja, sie soll immer hier die Herrin bleiben! Ich will jedem Wink von ihr folgen. Auch ich will in Ehren leben wie mein Vater; ich will arbeiten und ein ehrerbietiger Sohn sein ...«

Gavina glaubte kein Wort davon. Um indes die rührende Szene nicht zu stören, stand sie auf und ging in den Garten, wo bald darauf Michela sie aufsuchte.

»Weißt du, was mir passiert ist?« sagte sie hastig; »Priamo Felix wollte mir einen Brief für dich geben ...«

»Und du hast ihn angenommen?« fragte Gavina, blaß vor Erregung. »Nein, nicht wahr? Weh dir, wenn du dich unterstehen solltest ... Er ist toll.«

»Aber wenn er in mich dringt, was soll ich ihm sagen?«

»Daß ich ... daß ich nichts von ihm wissen will, weder von ihm noch von anderen, von niemand, niemand! Ich bin so gut wie tot für ihn ... für alle ...«

Am folgenden Tage schnürte Zio Sorighe seinen Quersack: seine Arbeit hier war zu Ende. Er ging zum Kanonikus Felix, seinem alten Landsmann, um Abschied zu nehmen, und dann verabschiedete er sich von seiner Herrin; er war ungewöhnlich traurig, und nachdem er sich den Sack auf den Rücken geladen hatte, sagte er: »Mut, Signora Zoseppa! Er ist jetzt glücklicher als wir. Er ist angekommen, während wir noch wandern.« Dann fragte er nach Gavina, und da er hörte, daß sie im Garten sei, ging er auch zu ihr, um sich zu verabschieden.

Sie begoß gerade die Chrysanthemen, die sie mit Sorgfalt pflegte, um Kränze für das Grob ihres Vaters daraus zu winden.

»Dami sa manu, bellita, bellita ...« sagte der Alte, indem er auf sie zuging.

»Ihr geht? Gute Reise!« erwiderte sie, ohne zu lächeln, ohne ihn nur anzusehen. Und er ging davon mit seinem Quersack, gleich einem Pilger.

Einen Augenblick später, als Gavina Wasser holen wollte, bemerkte sie auf dem Boden einen geschlossenen Brief. Ohne Zweifel hatte Zio Sorighe ihn verloren. Sie bückte sich, hob den Brief auf und erbleichte; denn er war an sie gerichtet, und sie erkannte die Handschrift Priamos. Zuerst empfand sie eine Regung von Zorn gegen den Alten; doch der Zorn schwand und tiefe Traurigkeit folgte ihm. Was sollte sie nur tun? Der Brief brannte ihr zwischen den Fingern; sie verspürte ein heftiges Verlangen, ihn zu öffnen, hatte aber bereits so viel Gewalt über sich, daß sie dieses Verlangen nicht nur überwand, sondern auch scharf prüfte. Sie mußte den Brief zurücksenden – aber wie? Sie dachte an Michela, wies dann aber diesen Gedanken mit Entrüstung von sich.

Sie verharrte lange in unruhigem Grübeln. Der Abend sank herab, lau und dunstig, und mit dem Geruch der welkenden Pflanzen und der feuchten Chrysanthemen stieg es wie ein Hauch der Erinnerung auf. Alle Tage um diese Stunde gedachte sie des toten Vaters und betete für ihn. Auch an jenem Abend begann sie ihre endlose Reihe von requiem aeternam; bald jedoch ward sie inne, daß ihr die genügende Sammlung fehlte. Sie dachte immerzu an den Brief und plötzlich erkannte sie mit Schmerz, daß das Verlangen ihn zu lesen immer heftiger wurde. Fassungslos sank sie auf die Knie, und das gewohnte Gebet befleckte ihre Lippen: »Mein Gott, verzeihe mir, aber laß mich leiden! Schicke mir großes Leid, mein Gott!« Und sie beschloß, den Brief zu behalten, ihn auf der Brust zu tragen wie einen Büßergürtel, um sich durch das Verlangen zu quälen ihn zu lesen, und dieses Verlangen zu überwinden.

Der Herbst war schon weit vorgeschritten, und das Leben im Sulisschen Hause wurde, wie die Jahreszeit, immer trüber. Solange die Herbstsonne noch den Garten beschien, fiel wenigstens ihr Widerschein in die melancholischen Zimmer; nachher aber war alles Schatten und Trostlosigkeit.

Die Witwe und Paska redeten beständig von dem teuren Verstorbenen, und am Tage Allerseelen weinten sie, als wäre er soeben erst gestorben. Und gerade an diesem Tage betraf Gavina von neuem Luca am Speiseschrank. Er hätte ungehindert trinken können – doch es war, als habe er immer noch Furcht vor dem Vater.

Gavina dachte, es sei zwecklos, sich an die Mutter zu wenden; und wie früher schon trat sie vor Luca hin und betrachtete ihn mit zornigem Blick. »Schäme dich! Geh! Sogleich, oder du kriegst es mit mir zu tun! Heute willst du dich betrinken, wirklich heute? So ehrst du das Andenken unseres Vaters? Ich werde dich noch aus dem Hause treiben ...«

»Du Esel! Ist das Haus dein?«

»Ja, es ist mein, es ist mein! Merk' es dir wohl, von jetzt an will ich hier die Herrin sein! Denk' daran ...«

»Unsere Mutter ist die Herrin. Du hast versprochen ...«

»Und du, was hast du versprochen, du Elender?« entgegnete sie und drohte ihm mit den Fäusten. »Hast du versprochen, dich und uns zu ruinieren? Ich werde das nicht zulassen, verstehst du, ich werde es nicht zulassen, nie, nie! Eher will ich dich zu Tode ärgern, dich aus dem Hause treiben. Hast du verstanden? Geh' weg, jetzt! Hörst du nicht, wie die arme Mutter weint, hörst du das nicht?«

In der Tat hörte man Signora Zoseppa in der Küche schluchzen. Luca wich zurück, schwieg und schien betroffen von dem Schmerz der Mutter. Eine Zeit lang verhielt er sich vernünftig, es war, als habe er gute Vorsätze gefaßt. Gavina indes traute dem Frieden nicht und eines Tages hörte sie, wie Luca zu Paska sagte: »Ihr alle quält mich und wollt mich schulmeistern wie ein Kind; aber die Zeit wird kommen, wo ihr mich als Herrn respektieren sollt. Wenn mir ein Plan gelingt, dann werde ich in einer Woche mehr verdienen als du in vierzig Jahren verdient hast.«

»Und Gott gebe es dir!« erwiderte jene überzeugt. »Das Geschick dazu hast du ja, wenn du nur auch den guten Willen hättest!«

Doch die Tage vergingen, und er brachte seinen Plan nicht zur Ausführung. Am Feuer hockend wie ein altes Weib, begnügte er sich damit, über Paska und den Knecht zu räsonieren.

Zu Anfang Dezember machte einmal der Kanonikus Felix mit seinem Neffen der Witwe Sulis einen Besuch, und der erstere sagte mit seinem gewohnten stillen Lächeln: »Ach, heute habe ich nicht eine Dame mit dem Fächer gesehen.«

Priamo blickte mit trüben Augen um sich; aber Gavina erschien nicht, und er tat während der ganzen Dauer des Besuchs nicht den Mund auf.

Der Winter kam mit seinen stürmischen Winden, seinen leisen Schneefällen. Die Berge waren ganz mit Schnee bedeckt, und auch die fernsten schienen nah und hoben sich weiß vom klaren blauen Himmel ab, oder traten nur undeutlich zwischen Wolkenungetümen hervor. Manchen Abend ging der Mond so kalt und klar über den beschneiten Spitzen auf, wie wenn er lange Zeit im Schnee begraben gewesen wäre; und die ganze Landschaft erschien alsdann so marmorstarr, als sollte sie ewig so bleiben.

Bevor sie sich zur Ruhe begab, trat Gavina regelmäßig an das Fenster und dachte an den toten Vater, den es wohl fror dort auf dem kleinen Friedhof am Berghang; dann überfiel sie tiefe Traurigkeit, bis sie über ihren Gedanken an den Tod und an Gott allmählich wieder in Verzückung geriet und ganz zufrieden war zu leiden: ihre Seele war wie der Widerschein der kalten und trostlosen Reinheit der Winternacht.

Als aber der Frühling kam, wurden die Fenster wieder geöffnet, und Gavina konnte das Haus verlassen. Sie ging in die Kirche, sie beichtete und sprach dem Kanonikus Bellia ihren Wunsch aus, Nonne zu werden. Doch zu ihrer großen Verwunderung riet er ihr ab, und machte es ihr zur Pflicht, bei ihrer Mutter zu bleiben. »Welches Kloster wäre besser als euer Haus? Geht in Frieden, meine Tochter, und denkt nicht mehr an dergleichen!«

Hätte nicht Luca immer wieder Anlaß zum Verdruß gegeben, so wäre ihr Haus in Wahrheit so ruhig wie ein Kloster gewesen. Die Welt war so fern! Auch Priamo hatte es aufgegeben, wieder und wieder vorüberzugehen und Michela um ihre Vermittlung bei der Freundin zu bitten.

Nachrichten aus der weiten Welt erfuhr Gavina nur von Zeit zu Zeit aus alten Nummern der »Unità Cattolica«, die der Onkel ihr gelegentlich hereinreichte. Andere Zeitungen oder gar Romane bekam sie nicht zu Gesicht; und gerade deshalb haftete jedes Wort der orthodoxen Zeitung in ihrem Gedächtnis wie auf einem weißen Blatt. Bis zu ihrem zwanzigsten Jahr sah sie die Welt nur durch die Spalten der »Unità Cattolica« hindurch und alles erschien ihr gleichsam in einem schwarzen Rahmen; sie glaubte, jeder gute Christ müsse sich darum grämen, daß Rom nicht mehr dem Papst gehörte. Die Gestalten der italienischen Renaissance erschienen ihr klein und böse, und sie lernte die Dichter verachten, die das Leben priesen, und die Schriftsteller hassen, die nicht an Gott glaubten!

Mit zwanzig Jahren las sie Chateaubriand und einige Bände der Weltgeschichte von Cesare Cantù. Und mit diesen Kenntnissen ausgestattet, hielt sie sich für die gebildetste und einsichtsvollste junge Dame der Stadt.

*

Am Karfreitagabend, sechs Monate nach dem Tode ihres Vaters, ging Gavina mit Michela zur Predigt. Dies Jahr war der Fastenprediger ein junger, sehr schöner Priester; auf der Kanzel jedoch wurde er furchtbar und richtete nur stammende Worte, Drohungen, ja Kränkungen an die erschrockenen Gläubigen. Die Frauen weinten und schlugen sich an die Brust; die Studenten, die er mit Schmähreden bedachte, die für eine Schar von Teufeln bestimmt schienen, lachten, murrten und rächten sich dadurch, daß sie nach Beendigung der Predigt sich der Prozession anschlossen, sich unter die Menge mischten und Lärm machten.

Es war ein milder Aprilabend: draußen lag der letzte Dämmerschein, und am Himmel stand die zarte Sichel des neuen Mondes. Über der dunkeln Menge, die langsam die absteigende Straße zum Seminar hinunterzog, schwebte, auf der Suche nach ihrem toten Sohne, die Madonna mit den sieben funkelnden Schwertern in der Brust und einem Gesicht so blaß wie das des Mondes. Die Menge murmelte eine traurige und seltsame Weise, die wie das Summen eines Bienenschwarmes klang, der in der Stille des Abends unversehens ausgeflogen wäre.

Gavina ging in einer Gruppe von jungen Mädchen einher, die nicht alle mystisch veranlagt waren wie sie, und die sich von den dreisten Studenten beschauen, ja selbst anrühren ließen; plötzlich hörte sie wie jemand ihr ins Ohr raunte:

Oh, dolce, nella tiepida
Sera d'april vagare
Al fianco tuo ... Gavina ...
O wie süß ist's, am lauen Aprilabend an deiner Seite zu wandeln, Gavina!

Wild vor Zorn kehrte sie sich um: »Lassen Sie das sein, Sie Dummkopf!«

Ihre blitzenden Augen waren den klugen und lustigen des Mieters Michelas begegnet, der, statt Gavinas Zurechtweisung übelzunehmen, ihr zulächelte. Er war wie berauscht: trunken von Freude, von Poesie, von Jugend. Sie zankte mit Michela, als ob diese Unrecht daran täte, einen so unverschämten, frechen Burschen in ihrem Hause zu dulden.

Michela verteidigte sich und verteidigte ihren Mieter: »Er wird einmal ein großer Mann werden, vielleicht ein Abgeordneter. Seine Lehrer sagen, sie hätten noch nie einen so begabten Schüler gehabt ... Und er macht sogar Gedichte!«

»Auch Zio Sorighe ist ein Dichter!« sagte Gavina verächtlich.

Und von jenem Abend an zankten die beiden Freundinnen sich jedesmal, wenn sie sich sahen, wegen Francesco. Im Sommer nahmen sie ihre gewohnten Abendspaziergänge zum Brunnen wieder auf, und der ewige Zankapfel zwischen ihnen blieb der Student.

Eines Abends antwortete Michela nicht auf Paskas Ruf.

»Sie ist im Felde gewesen und hat Korn geschnitten und jetzt hat sie das Fieber«, sagte die Witwe Fais, an das Haustor tretend. »Soll Francesco euch begleiten?«

»Danke, wir fürchten uns nicht allein zu gehen«, entgegnete Gavina in ihrer gewohnten stolzen und spöttischen Art. Dann ging sie in die Küche des Häuschens, wo Michela mit fieberglänzenden Augen auf eine Matte hingestreckt lag.

»Ein grünes Kleid hast du an«, sagte sie mit verschleierter Stimme und faßte an Gavinas Kleidsaum.

»Grün? Nein, es ist doch schwarz ...«

»Ich sage dir, es ist so grün wie das Kleid der heiligen Anna ... Sie war eben hier, die heilige Anna ...«

»Sie phantasiert«, sagte die Witwe.

So oft Gavina in den nächsten Tagen die kranke Freundin besuchte, ging die Mutter Francescos ihr nicht von der Seite und betrachtete sie neugierig.

»Aber warum sieht sie mich so an?« fragte Gavina Michela.

»Wenn ich's dir sage, wirst du lachen. Sie hofft, daß ihr Sohn dich heiraten wird.«

»Sie ist wohl verrückt? Übrigens will ich ja gar nicht heiraten.«

»Und ich auch nicht ...«

Dieser Vorsatz der beiden Mädchen wurde bekannt, und auf der »Piazzetta«, wo Zia Itria, zum großen Kummer Signora Zoseppas, den Kreis der jungen Leute aufs neue um sich versammelt hatte, spottete man darüber.

Auch die böse Klatschbase stellte sich jetzt, da der Signor Sulis ihr nicht mehr zuhören konnte, in dem trefflichen Kreise ein, und es gab schöne Erörterungen zwischen ihr und dem Invaliden. Beide wohnten mit Vorliebe den Gerichtsverhandlungen bei und traten abends für oder gegen die Angeklagten ein, gaben die Reden der Verteidiger wie die Anklage des Staatsanwalts wieder. Artete die Erörterung in Zank aus, so klatschte Zia Itria in die Stände und trällerte ein Liedchen, über das die ganze Zuhörerschaft lachte:

Adamo capo stipite
Della famiglia umana
Per causa di una femmina
Perdè la tramontana ...
Adam, der Vater des Menschengeschlechts, verlor um eines Weibes willen den Kopf.

Auch Luca, der zu Hause so mürrisch und böse war, amüsierte sich bei diesen Zusammenkünften. Der Zwerg und der ehemalige Klosterbruder hatten ihn zum besten und verlangten immerzu Gelddarlehen von ihm; Luca hatte kein Geld, sprach indes beständig von seinem geheimnisvollen Vorhaben, das, zur Ausführung gebracht, ihn zum Millionär machen würde. Eine Zeitlang redeten ihm die Schustergesellen zu, mit ihnen nach Amerika zu gehen, um dort den Zwerg als Naturwunder zur Schau zu stellen. Luca hätte sich wohl auch dazu bewegen lassen – aber das Geld fehlte. Da setzte der Klosterbruder ihm den Gedanken in den Kopf, er solle sich seinen Anteil am väterlichen Erbe herausgeben lassen, und Luca sprach zunächst zu Paska davon, die zu weinen anfing und ihn für verrückt hielt.

»Er ist gewiß krank«, sagte sie zur Herrin. »Gebt nur einmal acht: mit dem zunehmenden Mond fängt das Trinken an und hört nicht auf, bis der Mond abnimmt; dann kommt er wieder zu sich, faßt gute Vorsätze und bereut aufrichtig. Sobald aber der neue Mond am Himmel steht, fängt es wieder an.«

Signora Zoseppa neigte dazu, Paskas Entdeckung für zutreffend zu halten: sie, die für des Nächsten Fehler keine Entschuldigung fand, wußte das Laster ihres Sohnes noch immer zu entschuldigen.

Das aber war Luca noch nicht genug und er sagte zu Paska: »Ihr alle haßt mich: ich sehe es euch an den Augen an. Ihr wünscht, ich möchte sterben. Aber ich werde aus dem Hause gehen; sobald ich mein Erbteil habe werde ich gehen und so reich werden, daß ich dich nicht mehr ansehe.«

»Gott gebe es dir!«

Eines Tages war er wirklich verschwunden. Voller Verzweiflung ließ die Mutter überall nach ihm suchen. Michelas Vater stieg zu Pferde und ritt nach dem Weinberg. Da er aber bis zum späten Abend noch nicht zurück war, beunruhigte Michela sich um ihren Vater und kam jeden Augenblick, nach ihm zu fragen. Gegen Mitternacht kam sie nochmals, in Begleitung von Francesco und dessen Mutter.

Signora Zoseppa und die Magd saßen im Hofe und weinten, als ob Luca tot wäre.

»Ach, auch ich kenne solche Stunden!« sagte Frau Fais und setzte sich auf die Erde; in ihren Augen spiegelte sich noch der Schrecken verzweifelten Wartens.

Die jungen Leute gingen in den Garten, um Gavina aufzusuchen. Es war das erstemal, daß Francesco dieses Haus betrat und diesen Garten, dessen mächtige Steineiche er schon so oft von der Landstraße im Tal aus betrachtet hatte. Als sie sich dem hell vom Monde beschienenen Baume näherten, unter dem die schwarze Gestalt Gavinas sichtbar war, suchte er seine Erregung nicht zu verhehlen. Er glaubte nämlich, Gavina sei trostlos über Lucas Verschwinden – doch sie sagte lachend: »Was sucht ihr denn hier? Diebe vielleicht?«

Er lachte ebenfalls, aber mit bebenden Lippen. Als er sich dann umschaute, erschien ihm der kleine mondhelle Garten wie ein Zaubergarten.

Er war auf das Mäuerchen neben der Steineiche gestiegen und sagte zu Michela: »Mir däucht, ich sehe deinen Vater auf der Landstraße.«

»Was für Luchsaugen!« spottete Gavina; »wenn Zio Bustiâ nun aber gerade nach der anderen Seite geritten ist?«

»Heute Nacht sieht Francesco Wunder!« sagte Michela und stieß Gavina mit dem Ellbogen an.

Und beide fingen an, Francesco zu necken, bis Michela die Stimme ihres Vaters hörte, der endlich kam und die Nachricht brachte, Luca sitze oben im Weinberghäuschen, damit beschäftigt, Feuerwerkskörper herzustellen.

»Er hat versprochen, am Fest der Madonna im Schnee das Feuerwerk zu liefern. Er wird dafür bezahlt und gedenkt diesen Beruf beizubehalten und viel Geld damit zu verdienen«, sagte der Bauer halb im Scherz, halb im Ernst. »Ich konnte ihn nicht überreden, nach Hause zu kommen; aber vielleicht ist es besser so. Arbeiten schadet nicht.«

»Was für eine Schande! Er muß völlig verrückt geworden sein!« sagte Gavina bekümmert. Dann aber reute es sie, das vor den Fais gesagt zu haben, und sie setzte stolz hinzu: »Er wird es wohl zum Vergnügen tun, denn er hat es nicht nötig, ein solches Handwerk zu treiben.«

»Nun, es ist doch kein entehrendes Handwerk!« erwiderte Francesco. »Die Pyrotechnik ist eine schwere Kunst und eigentlich eine sehr poetische; man könnte sagen, die Kunst, Sterne zu fabrizieren.«

»So gehen Sie doch hin und werden Feuerwerker!«

»Und warum nicht? Wenn ich reich wäre, würde ich es sehr gern tun. Ach, ich möchte wohl selbst ein Schwärmer sein!« entgegnete er schlagfertig und blickte ihr in die Augen. »Wie ein Stern aussehen! Wenigstens für einen Augenblick!«

»Aber warum?« fragte Michela.

»Um bewundert zu werden.«

»Für einen Augenblick!« sagte Gavina, immer ironisch.

Und er darauf: »Ach, ja, wenigstens für einen Augenblick!«

Am folgenden Tage bekam Gavina eine Postkarte, die in schöner Schrift einige Verse, »Der Schwärmer« betitelt, enthielt. Der ungenannte Dichter wiederholte die Worte Francescos in der vergangenen Nacht; doch Gavina ließ sich nicht davon rühren. Sie zeigte die Karte Michela, und beide stritten weiter über die Tugenden und Fehler des Studenten.

Luca setzte unterdes im Weinberg seine Beschäftigung fort, und wie sehr auch die Mutter und der Kanonikus Sulis in ihn drangen – er gab das gefährliche und unwürdige Tun nicht auf. Alle Abend brannte er einige selbstverfertigte Raketen ab, die phantastisch durch die Dunkelheit flammten; und die kleinen, in der Einsamkeit verlorenen Hirten erwarteten voll Verlangen die Nacht, um das ungewohnte Schauspiel zu genießen.

Zwei Tage vor dem Feste aber geschah ein Unglück: eine große Rakete platzte Luca unter den Händen und verbrannte ihm das Gesicht. Die Folge davon war, daß er über einen Monat das Bett hüten mußte, und in seinen Fieberphantasien beschuldigte er immerzu Gavina, sie habe die Rakete zum Platzen gebracht. Sorgsam fühlte die arme Mutter des Sohnes Gesicht und fragte sich unter Tränen, weshalb ihre Kinder, statt nach Gottes Gebot einander zu lieben, sich wie Feinde haßten.

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