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Bis an die Grenze

Grazia Deledda: Bis an die Grenze - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleBis an die Grenze
publisherSüddeutsche Monatshefte G. m. b. H.
year1910
translatorE. Müller-Röder
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140311
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III

Zwei Monate lang lebte sie von diesem Haß. Sie behandelte sich selbst wie eine Feindin; sie magerte ab und – gleich ihrem Beichtvater – wagte nicht mehr, vor den Leuten die Augen auszuschlagen. Eines Tages dachte sie daran, Nonne zu werden. Während sie ihrer Mutter und Paska bei der Arbeit half, malte sie sich ein Idealkloster aus, das ganz aus Marmor erbaut wäre und von einem Garten voller Rosen und grünlich schillernder Insekten umgeben, wie das Gärtchen aus ihrer Standuhr. Aus den Fenstern des erträumten Klosters könnte man die rosige und zartgrüne Dämmerung genießen, den Mond und die Sterne betrachten und den Stimmen der Bäume lauschen, ohne in Todsünde zu verfallen.

Sie hätte jetzt leidlich ruhig dahinleben können, wären nicht die heftigen, gehässigen Auftritte gewesen, die sich von Zeit zu Zeit zwischen ihr und Luca abspielten; war er bisher der Stärkere gewesen, so bekam sie jetzt die Oberhand, und er sing an, sich vor ihr zu fürchten, wie er den Vater fürchtete.

Eines Tages, zu Anfang September, kam der Kanonikus Felix mit Priamo zu Besuch. Gavina bereitete den Kaffee, aber sie betrat das Besuchzimmer nicht. Nachher berichtete Paska ihr, Priamo müsse nach seinem Dorfe reifen, um seinen schwer erkrankten Vater zu besuchen, und der Kanonikus Felix habe davon gesprochen, seinen Neffen im Herbst nach Rom zu schicken, damit er Theologie studieren solle.

Addio, also! Alles war zu Ende, und für immer! Sie empfand nicht Schmerz, nicht Freude darüber; aber im Grunde ihres Herzens verspürte sie eine leise Enttäuschung: es war ihr, als habe Priamo sie allzubald vergessen.

*

Der Kanonikus Felix war auch deshalb gekommen, um Signor Sulis einen alten Landsmann von sich zu empfehlen, der einen Posten als Weinberghüter suchte.

Zwei Tage später stellte der Alte sich vor: ein sonderbarer Heiliger mit einem völlig bartlosen, sarkastischen Gesicht, eingefallenen Wangen und kleinen, schwarzen, glänzenden Maulwurfsaugen. Da er indes in seinem dunkelgrünen Sammetwams und einer neuen Mühe auf dem kahlen Kopfe recht anständig aussah, ward er gut aufgenommen und sing alsbald an zu plaudern und Verse vorzutragen. Er sagte, er sei der »berühmte« Stegreifdichter Sorighe, habe ein kleines Vermögen damit vertan, daß er von Fest zu Fest gezogen sei, um an den Wettgesängen teilzunehmen, und müsse sich nun mit dem aller bescheidensten Erwerb begnügen. Dieses Los aber nahm er nicht nur als Philosoph hin, sondern er scherzte noch darüber. »Und bei Gelegenheit amüsiere ich mich noch heute«, so schloß er.

Signor Sulis nahm ihn also als Hüter für die Weinberge an, die er auf der Hochebene, eine Stunde von der Stadt entfernt, besaß.

Alle Jahre begab Signora Zoseppa sich dorthin, um die Weinlese zu überwachen, und diesmal nahm sie Gavina mit. Der Ort war rauh, fast wild. Um die Weinberge her, bereit Laub sich tiefgrün von dem gelblichen Erdreich abhob, erstreckte sich Buschwald und Dornenwildnis, dazwischen Wiesen, mit vertrocknetem Asphodelus bedeckt. Außer den niedrigen, am Boden kriechenden Neben gediehen hier nur Feigenbäume, und nur im Weinberg der Familie Sulis, ein wenig oberhalb des grauen Häuschens, erhob sich eine Eiche, die, gleich der Steineiche im kleinen Garten dort unten, wie eine aus dem Hochwald der umliegenden Berge Verbannte erschien.

Zio Sorighe erwartete die Herrschaft vor dem hölzernen Eingangstor. Er hatte das Häuschen gesäubert, das im Erdgeschoß zwei geräumige Zimmer besaß, von denen das eine auch als Küche diente; den Abhang vor der Eiche hatte er geebnet und durch ein kleines Mäuerchen gestützt, das nun eine angenehme Terrasse bildete. Weiter oben hatte er noch ein Hüttchen errichtet, in dem er selbst die Nacht zubrachte.

Ritterlich war er den Herrinnen behilflich vom Pferde zu steigen und an Gavina richtete er alsbald die zierlichen Verse:

»Dami sa manu, bellita, bellita,
Dami sa manu e tornamila a dare
Unu bestire 'e seda biaiatta,
Dami sa manu, bellita, bellita«
Gib mir die Hand, du Schöne, du Schöne, Gib mir die Hand und gib mir sie noch einmal, dann schenk' ich dir ein Kleid aus himmelblauer Seide, Gib mir die Hand, du Schöne, du Schöne.«

Zu Signora Zoseppa sagte er: »Die Weinstöcke sehen aus wie schwarze Schafe, so voller Trauben sind sie.«

Der Tag verging schnell. Der Knecht, Signora Zoseppa und Luca, der sich ebenfalls eingefunden hatte, legten die Gärbottiche um und wuschen sie aus. Der Alte scherzte immerfort, und mitunter waren seine Reden so frei, daß die Herrin die Brauen zusammenzog. Luca arbeitete den ganzen Tag; den Kopf im Bottich, scheuerte er diesen mit einem Besen aus und war ganz still, wie berauscht von dem Mostgeruch, den das Holz noch ausströmte. Gegen Sonnenuntergang schien er der Arbeit müde, paßte schlau einen günstigen Augenblick ab und trank den Wein, den seine Mutter im Schrank geborgen hatte; dann legte er sich nieder und schlief.

Nachdem auch Gavina den ganzen Tag gearbeitet hatte, ging sie und setzte sich auf einen großen Stein am Stamm der Eiche. Dort war es, als weile sie inmitten eines grünen Meeres: die rote, strahlenlose Sonne neigte sich den violetten Bergen zu und breitete einen lieblichen und melancholischen Schleier von rosigem Licht über die Weinberge und den Buschwald, auf dessen Lichtungen kleine, friedliche Pferde weideten, die aus der Entfernung aussahen wie schwarze Schafe. An der rotbestrahlten Eiche regte sich kein Blatt: es war, als ob die Natur schweigend dem großen Mysterium des Sonnenunterganges zuschaue. Und zum ersten Mal nach drei Monaten trüber Träumerei empfand Gavina, wenn auch gegen ihren Willen, die Freude am Leben; sie verspürte eine Bewegung, eine Regung süßer Melancholie, der gleich, die die Erde beim Abschiednehmen von ihrem besten Freunde, der Sonne, zu erfüllen schien. Und als sie gegangen war, und alle Dinge stiller und ernster erschienen, wie in die Erinnerung an den entschwundenen Freund versenkt, da dachte Gavina an Priamo.

Er war fern und unglücklich, und vielleicht würde sie ihn nie mehr wiedersehen! So durfte sie bisweilen seiner gedenken ohne zu sündigen, ja sich freuen, daß sie ihre leidenschaftliche Liebe überwunden hatte!

In den folgenden Tagen hörte sie Zio Sorighe, den Hüter und Dichter, manchmal von der Familie Felix reden: »Früher waren sie reich«, erzählte er, »aber sie haben viel Feindschaft, Streit und Unglück erfahren, und jetzt sind sie vollständig ins Elend geraten. Zum Glück ist noch der Kanonikus da, der sie unterstützt und seinen Sitz einst dem Neffen hinterlassen wird ... wenn dieser es so weit bringt, daß er geschoren wird (Stirnrunzeln Signora Zoseppas). Ach, dem Burschen gefallen die Schürzen besser als die Soutane ... ja, ja, das ist so klar wie die Sonne! Übrigens, wenn das nun einmal sein Charakter ist, was ist schlimmes dabei? Wem gefallen die Schürzen etwa nicht? Ich zum Beispiel ...«

»Still jetzt. Mann Gottes!«

»Aber was sag' ich denn? Ich sage bloß: hätten sie mich gezwungen, gegen meinen Willen Priester zu werden, so hätte ich ... mich ebensogut amüsiert. Lustige Priester Hab' ich genug gekannt! Pride Monnoi, z. B ... habt ihr ihn nicht gekannt? Dann werd' ich euch erzählen ...«

Aber Signora Zoseppa wollte von Priester Monnois Abenteuern nichts wissen. Und Gavina betete still, daß Priamo ein guter Diener des Herrn werden möge. In Rom, in der Stadt des Glaubens, würde er sich gewiß bekehren und das Amt, das seine Verwandten ihm auferlegten, mit Freuden annehmen. Und so begann sie in der Ferne wieder, an ihn zu denken. Abends namentlich zuckte die Erinnerung an ihn durch ihren Sinn gleich dem unsichern Schein der fernen Feuer, die in der einsamen Landschaft aufflammten und wieder erloschen.

Die Nacht war dämmerhell, und die Luft roch nach Weinlaub und Haidekraut. Dann und wann ertönte die Stimme eines kleinen Hirten, der seine Herde auf die Wiesen führte, den trockenen Asphodelus abzuweiden; dann antwortete ihm die scharfe aber wohlgeübte Stimme des alten Weinberghüters, und beide Stimmen sangen Liebeslieder, die wie die Klage der von der abgeschiedenen Sonne träumenden Geholte erschienen.

Auch die Eiche erschauerte leise. Es war, als erwache sie bei dem Gang der Liebe wie ein alter Verbannter beim Erklingen einer heimatlichen Melodie. Stärker regte sich alsdann bei Gavina der Gedanke an Priamo, und auch sie stimmte unwillkürlich in die Liebeslieder ein, die durch die Nacht zitterten.

Eines Tages kamen nun die Winzer an, fast alle jung und fröhlich. Zio Sorighe dichtete für jede Winzerin eine Ottava und fand viel Beifall, doch auch einigen Widerspruch wegen allzu gewagter Behauptungen. Luca, der von der Stadt zum Weinberg kam und ging, ereiferte sich gegen den Hüter, der ihn als einen Tugendbold hinstellte, der die Weiber nicht ansähe und von den andern verlangte, sie sollten ein gleiches tun. Der lustige Alte lachte Luca ins Gesicht und dieser ging zu seiner Mutter und forderte die sofortige Entlassung Zio Sorighes.

»Ich werde den Hüter machen und alles selbst tun!«

»Ach wirklich?« sagte Gavina geringschätzig, »wirklich du?«

»Ja, ich, ich, du Esel! Und wenn der verfluchte Kerl nicht sogleich geht, dann gehe ich!«

»Geh nur, der Keller erwartet dich!«

Er ging. Die Mutter schalt Gavina, aber die Lese ging vortrefflich von statten, auch ohne Luca. Einige Winzerinnen schliefen nachts im Weinberg, und obwohl sie müde waren, erklang ihr Singen und Lachen bis zum späten Abend.

Gavina saß wieder unter der Eiche. Auf einmal hörte sie, wie ein Winzer und eine Winzerin den Abhang heraufkamen. Sie bemerkten Gavina nicht, die durch den Stamm der Eiche verdeckt war, setzten sich auf das Mäuerchen und fingen an, miteinander zu schäkern. Zuerst lachte das Mädchen leise, leise, dann war es still, dann seufzte es. Auch der Mann schwieg. Gavina begriff, daß die beiden sich küßten, und sie erbebte: es war ihr, als ob sie selbst noch hinter jenem Felsen im Garten ihres Beichtvaters stände, als Priamo sie küßte. Sie verbrachte eine unruhige Nacht: jeden Augenblick erwachte sie mit einem seltsamen Angstgefühl. Es war ihr, als sei sie aufs neue in Todsünde verfallen, und wenn sie das Rauschen der Eiche im Nachtwind hörte, dann kam ihr der Gedanke, wie wohl die Einsiedler daran täten, die verderbten Menschen mit ihrem gemeinen Treiben zu fliehen, deren Beispiel nur Versuchung bereitet.

Nachdem die Winzer abgezogen waren, blieben die Frauen wieder mit Zio Sorighe allein im Weinberg. Der Alte war mit den Bottichen beschäftigt, die wie die Kessel kochten.

Aus der Stadt kam der andere Knecht, um wieder neuen Most dorthin zu führen. »Und was werdet Ihr tun, wenn Ihr hier fertig seid?« fragte er den Hüter.

»Dann werde ich wieder wie ein Vogel durch die Lust fliegen«, erwiderte der Alte. »Zuerst besuche ich das Fest des heiligen Franz, dann das des heiligen Konstantin; ich will singen bis ich sterbe.«

»Hoffentlich aber nicht, ohne vorher zu beichten? Werdet Ihr auch Eure Beichte in Versen absingen?«

»Und warum sollt' ich wohl beichten? Was hab' ich im Leben Schlimmes getan? Ich habe gelebt, ich habe genossen. Und dazu hat uns Gott geschaffen, wenn mir recht ist. Essen, trinken und fröhlich sein: alles andere ist Todsünde.«

Die Herrin runzelte die Stirn. Wirklich, die Moral des Alten war der ihren völlig entgegengesetzt. Auch Gavina billigte Zio Sorighes Ansichten nicht; sie hielt ihn aber auch für ein wenig verrückt. Wenn er sie mit seinen glänzenden Äuglein ansah und immer wieder anfing:

»Dami sa manu, bellita, bellita ...«

dann machte sie sich aus dem Staube, statt ihm die Hand zu geben.

Kurz vor dem zu ihrer Rückkehr in die Stadt bestimmten Tage hörte sie einmal, wie Zio Sorighe oben von dem Abhang aus zum Eingangstor hinüberrief: »Heil, Don Pilimu, Seil, Don Pilimu!« Und Gavina fragte sich, ob der Alte nun wohl wirklich toll geworden sei. Gleich darauf aber sah sie Priamo zu Pferde und in bürgerlicher Kleidung, in Begleitung eines hochgewachsenen Mannes, der ebenfalls beritten war und wie ein Imperator aussah; ein junger zahmer Damhirsch folgte ihnen.

Fast erschrocken zog Gavina sich zurück und benachrichtigte ihre Mutter, die ihr gelassen erwiderte: »So muß man sie einladen, abzusteigen.«

Priamo, der aus seinem Dorfe zurückkehrte und einen weiten Umweg gemacht hatte, um an Gavinas Aufenthalt vorüberzureiten, ließ sich nicht lange bitten.

»Es geht meinem Vater besser«, sagte er sogleich, und seine Augen suchten die Gavinas. Aber sie verhielt sich so schüchtern und scheu wie der kleine Damhirsch, der zwischen den Beinen der Pferde Schutz gesucht hatte. Beinahe fürchtete sie sich vor dem Seminaristen, der ihr in seiner bürgerlichen Kleidung als ein anderer erschien: so war er vielleicht weniger schön, aber er sah aus wie ein Mann.

Während Signora Zoseppa den beiden Männern zu trinken bot, und Priamos Landsmann mit Kennerblicken den ausgedehnten Besitz und die vielen schäumenden Bottiche betrachtete, näherte Gavina sich dem Damhirsch. Sein dunkelblondes Fell glänzte wie Samt, und die großen, sanften, braunen Augen blickten mit einem fast menschlichen Ausdruck in die Gavinas. Als sie ihm ein Stück Brot reichte, wich das zierliche Tier zuerst scheu zurück, sein hübsches Köpfchen hintenüberwerfend; dann aber schob es sein schnupperndes Mäulchen vor und nahm das Brot. Und Gavina faßte es um den Hals und zog es zu dem Häuschen hinüber.

»Gefällt er Ihnen?« fragte der Fremde und Priamo fügte sogleich hinzu: »Wenn er dir gefällt, schenke ich ihn dir. Magst du ihn? Dann mußt du ihn aber hier einsperren, damit er uns nicht fortreiten sieht.«

Sie errötete vor Vergnügen und nahm das Geschenk an. Der alte Hüter erbot sich, den Damhirsch zu warten, fütterte ihn und redete in Versen zu ihm.

»Du könntest mir einen Gefallen tun«, sagte Signora Zoseppa zu Priamo. »Du könntest morgen meinen Mann und Luca aufsuchen, ihnen sagen, daß du uns gesehen hast und daß es uns gut geht. Und grüße auch deinen Onkel!«

»Ja, ja, das werd' ich ausrichten«, rief Priamo indem er wieder aufsaß und einen letzten Blick auf Gavina richtete.

Sie blieb den ganzen Abend über im Sause und streichelte manchesmal das hübsche Tierchen, das keinen Fluchtversuch unternahm, aber immerfort traurig durch das Fenster sah. Und auch sie blickte in die Ferne, und mitunter hatten ihre Augen den gleichen Ausdruck wie die des Damhirsches. Wo mochte Priamo jetzt sein? Dachte er wohl an sie? Und ihr, ihr war es verboten an ihn zu denken, wie es jetzt dem kleinen Damhirsch verboten war, an seine schöne Freiheit im wilden Wald zu denken und an die Spiele mit seinesgleichen ...

Am folgenden Morgen kam der stattliche Bauer, der wie ein Imperator aussah, wieder vorübergeritten und sagte zu Zio Sorighe: »Wie vergnügt war mein junger Herr gestern Abend! Ich habe ihn noch nie so fröhlich gesehen!« Und wieder blickte er auf Gavina, auf die Bottiche, auf die Weinberge.

Als er fort war, sagte der alte Hüter zu Signora Zoseppa: »Jener Bursche wird Priester werde«, wenn ich Eremit werde.«

»Und warum nicht?« entgegnete Signora Zoseppa gutmütig. »Auch der Teufel ist schließlich Eremit geworden.«

Und nun geschah etwas, was der schlaue Alte vielleicht vorausgesehen hatte: am Nachmittag kamen Luca und Priamo. Luca hegte eine fast krankhafte Zuneigung für alles kleine Getier und kam nur, um den Damhirsch zu sehen. Und Priamo, weshalb kam er? ... Gavina hätte es sagen können, und vielleicht auch Zio Sorighe; aber der alte Hüter war damit beschäftigt, einen großen Kessel Wasser zum Kochen zu bringen und aschgraue Pfirsichblätter hineinzutun. Und Gavina tat beharrlich, als habe sie das Kommen der beiden jungen Leute gar nicht bemerkt: an dem kleinen Fenster lehnend, blickte sie in die Ferne und schien sehr in Sorgen, weil am Horizont eine kleine, lichte Wolke stand, die wie ein silbernes Schwert aussah. Und mit einemmale war es ihr, als hinge dieses Schwert über ihrem Haupte..

Signora Zoseppa sagte: »Luca, laß das Tier jetzt in Ruhe und tue etwas Nützlicheres; hilf mir die Fässer reinigen. Und du, Priamo, könntest mit Gavina gehen und die Feigen pflücken.«

Priamo sprang sogleich hinaus und blieb, Gavina erwartend, bei Zio Sorighe stehen, der das Feuer unter dem Kessel schürte. »Ihr wascht die Fässer mit ausgekochten Pfirsichblättern aus?« sagte Priamo erregt. »Bei uns ...«

Er vollendete nicht, um Gavina nachzueilen, die, den Damhirsch lockend, zu der Eiche hinaufging, wo sie unter Herzklopfen anhielt. Priamo folgte ihr, und ihr war es, als ob seine Gestalt, wie sie auf dem lichten Hintergrund der Landschaft hervortrat, für sich allein die ganze Einsamkeit der weiten Hochebene ausfülle.

Sie zitterte vor Furcht, vor Neugier, vor Erwartung.

»Gavina, warum eilst du so? Warte doch!« sagte er und betrachtete den mächtigen Stamm der Eiche. »Wie schön ist es hier! Hast du auch schon deinen Namen eingeschnitten? Hier könnte man ihn gut einschneiden und auch den meinen.«

»Wo?« fragte sie, indem sie sich auf die Fußspitzen hob und sich mit der linken Hand auf den Baumstamm stützte. Da legte er seine Hand auf ihre kleine, zitternde Hand; sie schmiegte sich wie Schutz suchend an den Baum – er aber nahm sie sogleich in seine Arme und küßte sie.

»Jetzt sollst du mir nicht mehr entschlüpfen«, sagte er in leidenschaftlicher Erregung. »Ich will wissen, warum du mich fliehst! Denn ich weiß doch, daß du mich lieb hast. Ich will nicht wieder ins Seminar zurück. Nein, lieber werde ich Bauer, Packträger, Hirt ... Nur nicht Priester ... Du willst mein sein, sag' es mir, du willst mein sein ...«

Obwohl die von ihm eröffneten Aussichten in die Zukunft nicht gerade glänzend waren, erwiderte sie leise, fast unbewußt: »Ja!«

Da küßte er sie stürmischer, und sein Gesicht leuchtete vor Freude; einen Augenblick lang vergaßen sie all das Trübe und Falsche in ihrem Leben; einen Augenblick lang waren sie, was sie ihre ganze Jugend hindurch hätten sein sollen: aufrichtig und glücklich. Der kleine Damhirsch umsprang sie, und die Eiche rauschte über ihnen: es war, als ob das Tier und der Baum und alles ringsum frohlockte beim Anblick der beiden jungen Menschen, die sich in Liebe umschlungen hielten. Auf einmal aber ertönte die Stimme des Hüters, der den Schrei des Falken nachahmte, um die Vögel zu schrecken, die sich auf den Feigenbäumen niedergelassen hatten.

Auch Gavina und Priamo wurden dadurch verscheucht. Er bemerkte die kleine Hütte oben im Weinberg und über die kahlen Weinstöcke hinweg eilte er darauf zu, wie zu einem sicheren Hafen. Gavina folgte ihm, das Herz von Liebe geschwellt, doch schon von Gewissensbissen heimgesucht.

»Ich werde dir schreiben«, sagte er leise. »Wie kann ich dir Briefe schicken? Der Post mag ich sie nicht anvertrauen. Und deshalb allein habe ich dir nie geschrieben.«

»Ach, nein, nein, tu' es nie! Du würdest mich unglücklich machen«, erwiderte sie erschrocken.

»Ich kenne deine Freundin, Michel« ...«

»O, sie ist so fromm,« sagte Gavina und errötete. Dann aber ward sie traurig und seufzte wie ihr Beichtvater. »Michela und ich, wir haben gelobt ... nie zu heiraten«, sagte sie schüchtern.

»Was sagst du da?« unterbrach er sie. »Es ist also nicht wahr, daß du mich liebst ... warum, warum täuschest du mich denn?«

»Wenn ich dich nicht heiraten kann, so werde ich auch nie einen andern heiraten. Nur um deinetwillen ...«

»Schwöre es mir! Schwöre!« Er blieb vor der Hütte stehen; sein Gesicht war blaß und tieftraurig, und die Augen blickten angstvoll auf Gavina.

Sie erhob den Kopf, in ihrer alten, stolzen Art, und sah ihm fest in die Augen. »Ich brauche nicht zu schwören ... Wenn ich dich nicht heirate, so heirate ich auch keinen andern, sage ich dir!«

»Komm!« bat er, Und deutete auf die Hütte.

»Nein, nein, laß uns hier bleiben!«

Aber nachdem er sich versichert, daß niemand sie sah, faßte Priamo Gavina bei den Armen und zog sie hinein.

*

In jener Nacht schlief sie nicht. Priamos Küsse brannten noch auf ihren Lippen, aber der Gedanke, daß sie gesündigt habe, quälte ihr Gewissen auf das heftigste. Es war ihr, als ob sie durch das Rauschen der Eiche hindurch die dumpfe Stimme ihres Beichtvaters vernähme: »Ihr wollt zur Nebenbuhlerin Gottes werden? Nebenbuhlerin Gottes, versteht ihr wohl? So denkt daran, daß er uns schon hier auf Erden strafen kann.«

Sie aber wagte, auf die Großmut ihres furchtbaren Nebenbuhlers zu hoffen: Mein Gott, du weißt es, daß wir einander lieb haben, er und ich. Wir werden gute und fromme Menschen werden ...

Wie aber den Vorwürfen, der Rüge des Kanonikus Bellia entgehen? ... Ein Gedanke kam ihr in den Sinn: Nicht mehr beichten, schweigen, bessere Zeiten abwarten ...

Wiederum aber murmelte jene dumpfe Stimme durch das melancholische Blätterrauschen: »Ach, ihr wollt schweigen, meine Tochter? Wen wollt ihr denn betrügen? Wirklich ihn? Er sieht, er weiß alles, meine Tochter; und mögen wir auch uns selbst betrügen – ihn nicht, ihn nicht!«

*

Am anderen Morgen in aller Frühe stand Gavina unter der Eiche und dachte an Priamo, als sie den Knecht aus der Stadt mit zwei Pferden ankommen sah. Er sollte freilich an jenem Tage kommen, sie abzuholen, aber erst gegen Sonnenuntergang; weshalb also kam er so früh?

»Der Herr hat diese Nacht einen kleinen Zufall gehabt; es wäre wohl besser, wenn Sie jetzt gleich zurückkämen.«

Der kleine Zufall war ein Gehirnschlag, und als Signora Zoseppa und Gavina nach Hause kamen, lag der Kranke im Sterben. Gavina warf sich zu Füßen des Sterbebettes ihres Vaters nieder und dachte an den furchtbaren Nebenbuhler, der sie getroffen hatte, wie nur Er zu treffen weiß.

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