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Bis an die Grenze

Grazia Deledda: Bis an die Grenze - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleBis an die Grenze
publisherSüddeutsche Monatshefte G. m. b. H.
year1910
translatorE. Müller-Röder
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II.

Die Tage folgten und glichen einander. Signora Zoseppa und Paska standen beim Morgengrauen auf und besorgten gemeinsam die häuslichen Obliegenheiten unter Beten und Plaudern. Nicht wie Herrin und Magd sondern wie Freundinnen standen sie zu einander. Einst vielleicht hatte die Magd eine eigene Persönlichkeit besessen, war heiter, jung und selbstisch gewesen: die Erinnerung daran aber verlor sich im Dunkel der Zeit. Sie, die am Tage der Hochzeit des Ehepaares Sulis in dessen Dienst getreten war, war nun gleichsam ein Geschöpf Signora Zoseppas: sie hatte deren Art angenommen, ihre Sprechweise, ihre Strenge. Sie war so streng religiös geworden wie ihre Herrin. Sie hatte ihr beigestanden bei ihren Entbindungen wie in Krankheitsfällen, ihr geholfen, die Kinder aufzuziehen, und jetzt geleitete sie sie auf dem langsam absteigenden Wege eines Lebens, das nur Arbeit und Gottseligkeit gewesen.

»Bis zu meinem dreißigsten Jahr war ich unentschieden, ob ich heiraten sollte oder nicht«, erzählte die Herrin der Magd, während sie das Korn reinigten oder den Brotteig kneteten. »An Gelegenheit fehlte es mir nicht, aber ich fürchtete mich vor dem Heiraten. Meine Mutter war eine Heilige; mein Vater, Gott hab' ihn selig, mißbrauchte ihre Güte und Geduld. Sie trug es gern und litt willig, wie die heiligen Märtyrer. Und ich, nicht um mich zu rühmen, das weißt du wohl, nun, auch ich bin verständig und geduldig, aber doch nicht bis zu dem Punkt, daß ich mich ruhig schlagen ließe. Ja, jetzt kann ich es dir wohl sagen, einmal entdeckte ich, daß meine Mutter einen Büßergürtel trug; und auch ich versuchte es, als ich jung war, aber ich könnt' es nicht aushalten. Und dann stand ich eines Tages allein, ohne Vater und Mutter, allein wie ein Tier des Waldes. Und da kam es dem Kanonikus Sulis in den Sinn – er war damals noch ein einfacher Priester – mich mit seinem Bruder zu verheiraten. Luigi war schon achtundvierzig Jahre alt und ich beinahe dreißig; man konnte also nicht gerade sagen, unsere Heirat wäre ein Kinderstreich, so eine von den Ehen, die aus Leidenschaft geschlossen werden und meistens ein schlechtes Ende nehmen. Und warum nehmen sie ein schlechtes Ende? Weil die Frau und der Mann sich fast immer von einem sündhaften Verlangen getrieben miteinander verbinden, ohne zu bedenken, was sie tun. Und wenn sie ihrer Sünde überdrüssig sind, werden zwei Feinde daraus. Ich und mein Mann dagegen haben eine Familie gebildet nach dem Willen des Herrn, und bis heute, du weißt es, hat vollkommene Eintracht zwischen uns geherrscht.«

Häufig half Gavina den Frauen bei der Arbeit und vernahm dabei die Worte und Lehren ihrer Mutter. Sie selbst war aufgeweckt und phantasievoll, und ihr Instinkt lehrte sie die göttlichen Freuden des Lebens ahnen und begreifen: die Liebe, die Freiheit, die schöpferische und fruchtbare Arbeit. Einen ungeheuren Respekt aber hegte sie vor ihrer Mutter, die die Tugend in Person war und ihrem Vorbild, ihren Lehren Nachdruck gab durch ihre Handlungen. Von dem mütterlichen Beispiel empfing Gavina somit ein unverwischbares Gepräge, gleichsam wie das von Paska und Signora Zoseppa bereitete Brot die Eindrücke der Knöpfe und Formen bewahrte, mit denen die beiden Frauen es verzierten.

Seit einigen Tagen jedoch glaubte Gavina das zu begehen, was ihre Mutter die größte Sünde nannte. Sie dachte an einen Mann, und dieser Mann war überdies Gott geweiht. Am Sonnabend nach dem Besuch des Kanonikus Felix mußte sie sehr früh aufstehen, um ihrer Mutter und der Magd zu helfen, Brot zu backen. Im Backofen brannte ein Feuer aus Wachholderzweigen und verbreitete angenehmen Geruch durch die stille Küche. Wenn Gavina dann des Knetens müde war, ergriff sie einen Vorwand, um einmal in den Garten hinauszugehen. Sie sah den Morgenstern über den blauen Bergen aufgehen und sah, durch das Gezweig der Steineiche hindurch, wie der Himmel sich im Osten violett-rosenrot färbte, wie dann der ganze Horizont golden schimmerte, während die Vögel zu singen anfingen: und sie verspürte eine ungestüme Freude, ein Verlangen sich loszureißen und zu wandern bis zu einer von Palmen umgebenen Wunderstadt am Strand des Meeres ... Statt dessen aber mußte sie wieder hinein und weiterkneten. Als dann das Brot gebacken war, mußte sie es mit einer Bürste und einem Messer säubern und abkratzen. Unversehens hatte sie mit dem heißen Messer ihre Lippen berührt und erschauerte: sie wußte nicht warum, aber es war ihr, als ob Priamo sie geküßt hätte. Sie schloß die Augen und hatte Lust, es nochmals zu versuchen – mit einem Mal aber ward sie der Ungeheuerlichkeit ihrer »Sünde« inne und um sich selbst zu strafen, hielt sie das Messer lange an das Brot und drückte es sich dann glühend heiß an die Lippen.

In der Dämmerung sah sie Priamo wieder, der alle Abend zum Kanonikus Sulis ging, um Lateinstunden zu nehmen. Er sah sie an, und sie empfand fast dasselbe Gefühl schmerzhafter Wonne, das die Berührung mit dem heißen Messer ihr erregt hatte.

Sie verließ das Haus fast nur, um zur Kirche zu gehen. Nur Abends begleitete sie manchmal Paska zum Brunnen. An jenem Abend gerade hatte sie ein ungewohntes Verlangen nach Lust und Bewegung ergriffen, und sie hängte sich an Paskas Arm und zog sie mit sich.

Der Brunnen war unten an der Landstraße. Sie gingen über die »Piazzetta«, ohne auf die Scherze der gewohnten Schar zu achten, und kamen in die ärmere Nachbarschaft. Das krumme Gäßchen war vom Mondlicht erhellt; die Luft roch nach verbranntem Stroh. Hin und wieder saßen dunkle Gestalten auf dem staubigen Boden, müde Weiber, Männer, die von den sonneglühenden Feldern heimgekehrt waren. Alle redeten von ihrem elenden Tagewerk; die Männer von ihren Ochsen wie von Gefährten in Arbeit und Mißgeschick; die Frauen jammerten über die magere Ernte. Allemal, wenn Paska durch die Gasse kam, wurde sie gefragt, ob sie viel Birnen und Mandeln gegessen hätte: sie bekamen nie Obst zu Gesicht, außer dem, das ihre Männer allenfalls stahlen; und sie sprachen davon wie Kranke, die Durst leiden.

Gavina preßte Paskas Arm und zog sie weiter; es verlangte sie, fortzukommen. Sie mochte jene Leute nicht, die so freie Reden führten, jene schmutzigen, nach Obst lüsternen Weiber, jene Männer, die das Eigentum anderer nicht achteten. Doch als sie das Ende der auf die Landstraße führenden Gasse erreicht hatten, hielt Gavina vor dem weitgeöffneten Tor eines weißen Häuschens an, das weniger ärmlich als die andern war.

In dem vom Mond erhellten Torbogen zeigte sich ein hübsches Bild: ein kleiner Innenhof, darin ein graues Eselchen und zwei weiße, schwarzgefleckte Ochsen an einer gefüllten Krippe. Ein alter, kahlköpfiger Mann mit einem guten, friedlichen, von langem grauem Bart umrahmten Gesicht, und ein blasses, junges Mädchen mit einem Gesicht, das leichenhaft erschienen wäre ohne die Glut und den Glanz zweier großer, grünlichschwarzer Augen, saßen im Hintergrund des Hofes. Hätte nicht das Kind gefehlt, so hätte das Bildchen eine heilige Familie vorstellen können.

Als das junge Mädchen Gavina bemerkte, sprang es sogleich auf, und seine Augen leuchteten im Mondlicht.

»Kommst du mit?« fragte Gavina. »Darf sie mitgehen, Zio Bustià?«

Der Mann, ein wohlhabender Bauer, den Signor Sulis manchmal in landwirtschaftlichen Dingen um Rat fragte, willigte gerne ein.

»Ich erwartete dich«, sagte Michela mit leiser, doch leidenschaftlich klingender Stimme. »Warum bist du gestern Abend nicht gekommen?«

»Wenn du mich sehen wolltest, konntest du nicht zu uns kommen?« erwiderte Gavina in etwas spöttischem Ton.

»Ich hatte soviel zu tun. Vater fuhr das Getreide ein. Und dann haben wir auch Mieter bekommen.«

Paska, die die Freundschaft zwischen Gavina und der Tochter eines Bauern nicht gern sah und Michela deshalb ziemlich geringschätzig behandelte, interessierte sich aber doch für die Mieter.

»Seit wann habt ihr die?«

»Seit gestern. Wir haben ihnen die beiden Stübchen da oben abgegeben.«

Paska blickte hinauf. Und am Fensterchen des ersten und einzigen Stockwerks, neben einem Korkgefäß, aus dem graugrünes Nelkengeranke herabhing, sah sie den Kopf eines jungen Menschen mit schwarzem, kurzgeschorenem, wie Samt glänzendem Haar und dunklem, magerem Gesicht, das zum Mond aufblickte. Er pfiff vor sich hin und schien der Frauen auf der Straße gar nicht achtzuhaben.

»Es ist ein Student«, sagte Michela. »Er muß auch in den Ferien studieren und deshalb ist seine Mutter aus ihrem Dorfe hierhergekommen.«

»Sind sie reich?«

»Stell' dir nur vor, wie reich sie sind, wenn sie in unserem Hause wohnen mögen. Sie leben mit fünfzig Centesimi den Tag. Die Mutter ist eine Spinnerin. Aber hört doch, was für eine Geschichte! Mit zwölf Jahren hat man sie einem vierzigjährigen Manne verlobt. Sie sollten heiraten, wenn sie sechzehn sein würde. Aber kurz vorher verliebte sie sich in einen Kurier, wißt ihr, so einen reitenden Boten, die im Gebirge die Post in die Dörfer bringen. Eines Tages brannten die zwei Verliebten durch, er nahm sie auf seinem Pferde mit wie einen Brief. Dann heirateten sie. Bald darauf aber kam das Pferd des Kuriers einmal allein vor die Post des Dorfes. Und den Kurier fand man tot in einem blühenden Ginsterfeld. Nie hat man erfahren, wer ihn ermordet hat. Die Witwe sagt, es wäre der Andere gewesen: sie hat sich nie getröstet und sie sagt, während der letzten Monate ihrer Schwangerschaft, denn sie war guter Hoffnung, als sie ihr den Mann erschossen, habe sie beständig gebetet, das Kind, das sie unter dem Herzen trug, möchte ein Knabe werden, damit er den Vater rächen könnte. Und sie bekam einen Knaben.«

»Und wie denkt der jetzt?«

»Wer? Francesco Fais? Er lacht und singt den ganzen Tag, während die Mutter so scheu ist wie ein Hase. Nun, du wirst ihn ja sehen.«

Gavina zuckte die Achseln. Sie mochte arme Leute nicht und darum lag ihr gar nichts daran, die Witwe Fais kennen zu lernen. Auch Paska kümmerte sich nicht weiter um Michelas Geplauder. Da schlug das junge Mädchen ein anderes Thema an. Sie war äußerst religiös; war, wie es häufig vorkam, ihr alter Vater nicht daheim, so konnte sie einen ganzen Tag in der Kirche verbringen. Sie glaubte an Geister, an Wundererscheinungen und behauptete, die Seele ihrer vor einigen Jahren verstorbenen Mutter gesehen zu haben.

Gerade das Außergewöhnliche an dem sich selbst und seiner Phantasie überlassenen blassen, hysterischen Wesen war es, was Gavina zu ihr hinzog; sie liebte Michela nicht, und obwohl sie sie suchte und ihr gerne zuhörte, behandelte sie sie mit Geringschätzung.

Michela war sehr sensibel, ihr Instinkt lehrte sie mehr als ihr Verstand. Sie fühlte die Abneigung Paskas und die Geringschätzung Gavinas und hing sich dennoch mit fast krankhafter Leidenschaft an diese. Solange die Magd bei ihnen war, redete sie nur obenhin von sich und erzählte, was sie den Tag über getan hatte. Sie war mit dem Morgengrauen aufgestanden und zur Kirche gegangen, hatte gebeichtet und kommuniziert; und, wie sie jeden Sonnabend zu tun pflegte, hatte sie auch heute nur Brot und Wasser genossen und den ganzen Tag gearbeitet.

Als sie bei dem ein wenig unterhalb der Straße gelegenen Brunnen angelangt waren, stieg Paska hinab. Die beiden Mädchen lehnten an der Brüstung der Straße am Rande des weiten Tales, das jetzt im Mondlicht grau und schwarz dalag. Auf den Vorbergen gegenüber brannten große Feuer, die aus dem Gestein selbst aufzusteigen schienen. Um den Boden dort urbar zu machen, brannten die Bauern das Buschwerk ab; manchmal standen weite Strecken in Flammen, und an dunkeln Abenden warfen diese einen Glutschein über das Tal, so rot wie der Mond vor dem Untergang.

Durch den stillen Abend hörten die Mädchen das Rauschen des Brunnens und die Stimmen der Wasser holenden Frauen, bei denen auch Paska plaudernd verweilte.

»Höre Gavina, ich muß dir etwas sagen!« sagte Michela leise und beklommen. »Schwöre aber, daß du mir glaubst.«

»Ich glaube dir! Es ist nicht nötig zu schwören«, entgegnete Gavina stolz.

Sie dachte, Michela wolle ihr ein süßes und quälendes Geheimnis anvertrauen, dem gleich, das sie selbst hegte; das aber, was die Freundin ihr nun sagte, erfüllte sie mit Staunen und Neid.

»Höre! Ich habe den heiligen Ludwig gesehen. O, du glaubst es nicht? Doch, doch, du glaubst es! Diesmal ist es wirklich wahr und nicht wie damals, als ich zu sehen meinte, wie die Madonna im Schnee auf unserem Bildchen die Augen auf- und zumachte. Diesmal ist es wahr!«

»Gott! O Gott!« seufzte Gavina und preßte den Arm Michelas. Beide zitterten, als ob von einem Augenblick zum andern und vor ihren Augen die Erscheinung sich wiederholen solle.

»Wie denn? Wie? Erzähle doch!«

»Ja, heut' in der Dämmerung. Ich war müde und hatte mich auf einen Augenblick auf die Treppe gesetzt, die von unserm Hof aus nach dem oberen Stock führt. Es war beinahe dunkel, denn der Mond schien noch nicht in den Hof hinein. Auf einmal höre ich etwas wie einen Glockenton und sehe etwas wie das Leuchten eines Blitzes, und da ging der heilige Ludwig über den Hof. Er sah mich nicht an. Er blickte zu Boden und hatte ein Kreuz in der Hand.«

Gavina seufzte nochmals. – »Du bist glücklich, Michela! Du stehst bei Gott in Gnade!« sagte sie neidisch.

Sie hatte sich immer gewünscht, gleich Michela sehen zu können. And in diesem Wunsche barg sich ein Teil Eigenliebe; denn ohne sich dessen bewußt zu sein, hielt sie sich dieser Gnade für ebenso würdig wie Michela.

Die Erzählung von dieser Erscheinung des heiligen Ludwig hatte ihr einen solchen Eindruck gemacht, daß sie einen von Michela ihr angeratenen Versuch unternehmen wollte. Sie fastete und fing eine Spitze für ein Chorhemd ihres Onkels an. Bei der Arbeit betete sie und dachte beständig an den heiligen Ludwig, denn den jungen Heiligen mit den großen, reinen Augen zu sehen verlangte sie.

Doch der erste Versuch mißlang. Zu viele Dinge lenkten sie ab. Sie hörte Paskas Geplauder, die Fragen, die ihr Vater, vor der Haustür sitzend, an die Vorübergehenden richtete; sie konnte nicht umhin sich über den Bruder zu ärgern, der seine Tage bei Zia Itria verbrachte und nur dann und wann nach Hause kam, um leise wie ein Dieb in den Keller zu schleichen und zu trinken. Und am Abend gar sah sie Priamo, der sich nach ihr umkehrte.

Am zweiten Tage nahm sie das Arbeiten und Beten in ihrem Zimmer vor, an dem nach dem stillen Garten gehenden Fenster sitzend. Aber um die Zeit, wo der Seminarist zum Kanonikus Sulis zu gehen pflegte, fühlte sie sich versucht an das andere Fenster zu treten. Dieses Verlangen, das ihr an jenem Tage sündhafter erschien als je, drängte sie zwar zurück, doch wenn sie an den Heiligen dachte, so sah sie ihn mit blassem Gesicht, die schmachtenden Augen fest auf die ihren gerichtet, und die Stirne von einem Kranz von schwarzen Haaren umgeben: er sah aus wie Priamo! Der Sonnenuntergang färbte die Berge rot, Dämmerung senkte sich über den Garten: die Erscheinung kam nicht.

Das dritte Mal, am Tage vor dem Feste der Madonna im Schnee genoß Gavina nur Wasser und Brot und arbeitete bis zum späten Abend, bis den malvenfarbenen Himmel über den Domplatz einfallende Goldstrahlen streiften. Aber die Erscheinung kam nicht, und Gavina weinte vor Kummer und vor Sehnsucht.

Am folgenden Tage war das hohe Kirchenfest. Schon am frühen Morgen kamen mehrere Freunde Herrn Sulis' zu Gast, darunter eine Dame aus einem Dorf im Gebirge. Es war eine Hochgewachsene, stattliche Frau, in schwarz und gelb gekleidet, mit weitem Rock und Schneppenmieder, wie eine Dame des Seicento. Gavina begleitete sie zur Kirche und kniete neben ihr, zwischen zwei alten Hirten, die einen unangenehmen Stallgeruch verbreiteten.

Die Kirche war gedrängt voll. Die elegantesten jungen Damen saßen auf ihren zierlichen Klappstühlchen dicht unter der Kanzel beisammen; einige von ihnen scheuten sich nicht, sich nach den jungen Leuten umzusehen, die sich vor der Taufkapelle aufgestellt hatten, und sogar mit ihnen Blicke zu tauschen. Gavina blickte auf sie als auf die vornehmsten und verderbtesten Geschöpfe der Welt.

Auf einmal öffnete sich das Hauptportal der Kathedrale; und in einem Strom von Licht schritt der von Gold strotzende Bischof herein, zwischen den Domherren in rotseidenen Mäntelchen und den Seminaristen in spitzenbesetztem Meßhemd und blauen Bändern um den Hals. Zwei von ihnen trugen die gleißende Schleppe des Bischofs – und der eine war bleich und schön wie ein Engel, und die herabfallenden weiten Ärmel seines Meßhemdes sahen aus wie zusammengelegte müde Flügel. Als der Zug dicht an den Bänken vorüberkam, begegneten die trüben Augen des müden Engels den Augen Gavinas.

Die Seminaristen nahmen auf dem Chore Platz. Nachdem Priamo die bischöfliche Schleppe niedergelegt hatte, dachte er an nichts anderes mehr, als Gavina mit den Blicken zu suchen. Es war, als ob er in der von Licht und Farben strahlenden Kirche nichts anderes sähe als sie. Und sie fühlte ihre Kraft schwinden unter jenem Blick; sie selbst erschien sich verderbter als jene Mädchen, die nach den jungen Leuten blickten, und sie hätte weinen mögen vor Liebe und Gewissenspein.

Am Nachmittag begleitete sie die Dame bei einigen Besuchen. Zuletzt gingen sie zum Kanonikus Bellia, einem Landsmann der Dame.

Er wohnte in einem Häuschen außerhalb des Ortes mit einer alten Verwandten, die so naiv und einfach war wie ein Kind. Gavina, die außerhalb des Beichtstuhls eine große Scheu und eine fast geheimnisvolle Furcht vor ihrem strengen Beichtvater hatte, saß in einer Ecke des Besuchzimmers, das wie eine Kapelle aussah, und verhielt sich so stumm und steif, als wäre sie eine der hundert Heiligenfiguren um sie her. Die Frauen plauderten harmlos und liebenswürdig; der Kanonikus Bellia, eine hohe, gebeugte Gestalt mit olivenfarbigem, tief gefurchtem Gesicht, hörte zu, ohne nur die bläulichen Lider zu heben, und runzelte jeden Augenblick die dichten grauen Brauen, als ob er das doch so unschuldige Geplauder der beiden Frauen mißbillige. Ein einzigesmal nur lächelte er, als seine Verwandte sagte: »Wir wollen es nicht machen wie Bellia; er beklagt sich immer, daß ihn niemand grüßt, und im Gegenteil ist er es, der die Leute nicht ansieht.«

Auf einmal ging die Tür auf, und zwei schwarze Gestalten traten ein: Kanonikus Felix und sein Neffe.

Gavina errötete, sprang auf, setzte sich wieder hin, sah Priamo vor sich – und von dem Augenblick an nichts anderes mehr.

Der Kanonikus Felix sagte mit seiner gewohnten Gelassenheit: »Es ist kalt heute! Darum hatten auch alle Herren den Überzieher an.«

»Ist es zu heiß hier?« fragte Signora Bellia besorgt. »Sollen wir ein wenig in den Garten gehen? Sie könnten unsere Aprikosen kosten.«

Sie gingen in den Garten und kosteten die Aprikosen.

Priamo reckte sich hoch auf, um die Zweige zu erfassen. Er war schlank und gewandt und brannte vor Verlangen nach Bewegung; er schien sogar Gavina zu vergessen, um in dem Garten umherzuspringen, der groß und dicht verwachsen war und mit den allenthalben verstreuten Felsbrocken wie ein Stückchen Gebirg aussah.

Gavina überkam eine unbestimmte Trauer. An dem Gespräch der Domherren und der Frauen nahm sie nicht teil und fühlte sich deshalb vereinsamt. Während die andern weitergingen, setzte sie sich auf ein Felsstück, das die Form eines hochlehnigen Sessels hatte. Die Sonne neigte sich zum Untergang und schwebte wie ein feuriger Ball auf goldigem Himmelsgrund über dem alten Kloster. Durch die Stille erklang der Schrei eines Falken, die Luft roch nach Königskerzen. Mit einem Male gewahrte Gavina vor dem flimmernden Sonnengold einen dunkeln Schatten, der auf sie zueilte. Sie sprang auf, wie von der Furcht einer unabwendbaren Gefahr erfaßt; doch bevor sie sich noch von dieser Gefahr Rechenschaft zu geben vermochte, fühlte sie sich eingeklemmt zwischen dem Felsen und der schwer atmenden Brust Priamos. Er schien ganz verwandelt: sein Gesicht war tieftraurig, und aus den Augen sprach eine wilde Erregung; seine Lippen bebten und preßten sich mit zuckender Leidenschaft auf die Gavinas. Sie empfand einen gewaltigen Schmerz: es war ihr, als müsse sie nun ihr Leben lang so zwischen dem Felsen und der keuchenden Brust Priamos eingeklemmt bleiben – und doch war in dieser Pein auch etwas Süßes, wie in den mystischen Verzückungen, die sie bisweilen überkamen.

Ein Geräusch hinter den Bäumen machte der wilden Liebeserklärung des Studenten ein Ende. Er ließ von Gavina ab, und sie blickte verwirrt um sich.

»Ich will dich sehen! ... Wo? Wo? Ich hab' dich lieb, und du auch ... mich ... Ich will nicht Priester werden«, sagte er hastig und versuchte sie festzuhalten; aber sie stieß ihn zurück und lief davon, von Liebe und von Furcht ganz verwirrt.

Alsbald ward sie von den heftigsten Gewissensbissen erfaßt: Geküßt! Er hat mich geküßt! dachte sie mit Zittern. And es war ihr, als sei sie befleckt, als habe sie bereits alle Offenbarungen der Liebe empfangen.

Diese Offenbarungen indes dünkten sie brutal. War das die Liebe? So war sie wohl süß, doch auch schrecklich: der Kuß hatte ihr wehgetan.

An jenem Abend ging sie mit Paska zum Brunnen. Sie mußte Michela sehen, um ihr ihr quälendes Geheimnis anzuvertrauen.

Der Abend war mild und dämmerhell; der Mond stieg hinter einem leichten violetten Duft auf, der den ganzen Himmel verhüllte und doch sein tiefes Blau durchscheinen ließ. Die Berge drüben im Talgrund waren so licht wie Silber.

Michela wartete bereits am Tor ihres Häuschens und wechselte unterdes einige Worte mit ihrem jungen Einwohner, der an seinem Fensterchen stand.

Er lachte und rief: »Zehnmal bin ich vorübergegangen und habe sie nicht gesehen ...«

Als er Gavina bemerkte, verstummte er.

Sobald die Frauen die Landstraße erreicht hatten, sagte Michela: »Francesco Fais hat sich in dich verliebt, aber er fürchtet sich ...«

»Daran tut er sehr gut,« brummte Paska und fing an, über den Unverschämten loszuziehen.

»Das ist ja schnell gegangen,« sagte Gavina geringschätzig, »Hat er nichts anderes zu tun?« Dann schwieg sie, wie traumverloren. Und als sie mit Michela allein an der Brüstung lehnte, sagte sie mit Herzklopfen: »Wenn du wüßtest!« ... Und sie erzählte ihr, daß Priamo gewagt hatte, sie zu küssen und ihr eine Liebeserklärung zu machen.

Michela war bestürzt, erregt: »Und das hast du zugelassen?« sagte sie mit dumpfem Ton. »Du durftest das nicht leiden! Du hättest schreien sollen, den Onkel rufen! ... Was für eine Sünde habt ihr begangen, was für eine Sünde! ... Du mußt sie beichten, gleich morgen, ich werde mit dir gehen!«

Gavina widersprach nicht. Auch sie erkannte, daß sie gesündigt hatte. Und während die andere fortfuhr, Worte eifersüchtiger Entrüstung vorzubringen, weinte Gavina in der weichen, linden Sommernacht.

*

Der Kanonikus Bellia war ein von den Frauen sehr gesuchter Beichtvater. Obwohl er äußerst streng war, brachte er es fast immer fertig, seine Beichtkinder zu überzeugen und gleichzeitig wieder aufzurichten. Man erzählte sich sogar, er habe eine Frau von schlechten Sitten überredet, die Stadt zu verlassen und ins Kloster zu gehen.

Als Gavina und Michela sich dem Beichtstuhl näherten, harrten bereits zehn oder zwölf reuige Sünderinnen beklommen des Augenblicks, da sie an die Reihe kommen würden, immer zum Streit bereit, wenn eine von ihnen sich vorzudrängen versuchte.

Gavina mußte lange warten, erschöpft vom Fasten und beschämt über die furchtbare Sünde, die sie zu beichten hatte. Inzwischen überdachte sie nochmals ihre übrigen Sünden. Sie zieh sich des Neides, der Eitelkeit, des Hochmuts; sie dachte an Luca und bezeichnete die Feindseligkeit, die sie gegen ihn hegte, als »Unduldsamkeit«.

Endlich kam der Kanonikus Bellia im violetten Mäntelchen aus der Sakristei und schritt zum Beichtstuhl. Er hatte den Kopf gesenkt, die Brauen gerunzelt und sah so düster aus, als ob er über einem Verbrechen brüte.

Als Gavina vor dem kleinen Gitter niederkniete, verspürte sie einen Schwindel. Das dunkle Violett vor ihr kam ihr vor wie ein Gewitterhimmel; sie vernahm einen Seufzer und eine dumpfe Stimme: »Sprecht! Wie lange ist es her, daß Ihr zuletzt gebeichtet habt?«

»Vierzehn Tage.«

Nach einer kurzen Pause hob die dumpfe Stimme wieder an und in einem Ton, als richte sich die Frage an einen, der seit Jahren und Jahren in Todsünde gelebt: »Was habt ihr während dieser Zeit getan?«

Sie begann, von Furcht, aber auch von Hoffnung erfüllt, dem Kranken gleich, der nach einer schlimmen Operation zu genesen hofft. Sie fing mit den »kleinen Sünden« an: »Eitelkeit, Ungehorsam, Unduldsamkeit, unnütze Worte, müßige Reden, Gefallen an der bösen Nachrede anderer, Lauheit im Guten!«

Der Kanonikus seufzte und drängte: »Weiter nichts?«

Sie sagte, sie habe am Dasein Gottes gezweifelt. Das war nicht wahr. Sie hatte nur Furcht gehabt, sie könnte daran zweifeln.

Er schien nicht sehr überrascht. Er seufzte, sagte etwas von Voltaire und Renan, und daß nur Toren das Dasein Gottes bezweifeln könnten ...

»Weiter nichts?«

Er erwartete stets bei allen seinen Beichtkindern das Bekenntnis schwerer Sünden; ja es schien, als ob er auf die Enthüllung eines Verbrechens warte.

Gavina fühlte ihr Herz angstvoll klopfen und suchte den bittern Kelch so lange wie möglich von sich fernzuhalten. Sie sagte, sie habe an Träume geglaubt, an Erscheinungen, an Gesichte, und sie habe selbst eine himmlische Erscheinung angerufen und erwartet.

Der Kanonikus entgegnete ihr, das sei durch Hoffart sündigen: die Heiligen erschienen nur den Heiligen, den schuldlosen Seelen.

»Weiter nichts?«

Der entsetzliche Augenblick war gekommen! Leise wie ein Hauch sagte sie: »Ich habe durch Unzüchtigkeit gesündigt ...«

Ein neuer Seufzer des Beichtvaters, ein langgezogener Seufzer, gleichsam der Befriedigung; er schien zu bedeuten: »Endlich haben wir's!«

»So sprecht, meine Tochter ...«

»Ich habe mich von einem jungen Manne küssen lassen ...«

»Welche Beziehungen habt Ihr zu diesem jungen Mann? Hat er ehrliche Absichten? Wissen Eure Eltern davon?«

Ihr stockte der Atem. Wie, wie sollte sie nur den abscheulichen Vorfall beichten?

»Er ... er würde wohl redliche Absichten haben, aber er kann nicht ... Er ... er ...«

»Ist er anderweitig gebunden? Ist er verheiratet?«

»Er ... soll Priester werden!«

Diesmal seufzte der Beichtiger nicht; er schwieg, wie betäubt; dann schneuzte er sich.

Gott, o Gott, was soll aus mir werden? fragte sich Gavina. Es war ihr, als stünde sie vor einem Richter, der die Macht habe, die schwersten Strafen über sie zu verhängen. Wie ein Grashalm vom Wind, so ward ihre kleine Seele zu Boden gedrückt durch den Schreckenshauch, der von jenem hölzernen Versteck ausging, das einen Mann umschloß, wie das Tabernakel den Heiland.

Und der schreckliche Mann redete: seine schauerliche Stimme schien aus einer dunkeln, veilchenfarbenen Ferne zu kommen, in der alles Trauer war.

»Meine Tochter, was Ihr mir soeben gesagt habt, ist sehr ernst. Vielleicht versteht Ihr nicht einmal den ganzen Greuel Eures Tuns. Sprecht nun, bekennt mir Eure schwere Sünde in allen Einzelheiten!«

Und sie sprach, wie außer sich und von einem unsinnigen Verlangen erfaßt, zu leiden, zu büßen. Sie übertrieb noch, sagte, sie habe den Seminaristen ermutigt, indem sie ihn angesehen, ihn am Fenster erwartet und selbst in der Kirche seine Blicke erwidert habe.

Der andere horchte, mit düsterer Miene. Und als die große Sünderin schwieg, hob er an: »Eure Sünde ist schlimmer als ein Verbrechen. Ihr wolltet Gott eine Seele rauben! Wenn Ihr erst die ganze Größe Eurer Schuld erkannt haben werdet, so werdet Ihr nicht Tränen genug haben, sie zu beweinen. Die fleischliche Sünde ist schon an und für sich die schwerste und verabscheuungswürdigste Sünde, und außer in der heiligen Ehe verdammt der Herr alles verliebte Treiben, das keusche und reine Seelen beschmutzt. Ihr habt Eure Seele schon befleckt, ohne zu bedenken, daß Eure Schuld doppelt schwer ist, weil sie mit einem Manne begangen wurde, der dem Dienst des Seren bestimmt ist. Ihr weint, meine Tochter? Ja, weint nur, bereut, was Ihr getan, und bedenkt, daß unser Leben kurz ist, und daß der Herr uns auch hier auf Erden strafen kann ...«

So ging es noch ein gut Stück weiter. Gavina weinte wie ein bestraftes Kind und nahm sich vor, Buße zu tun und sich von den Eitelkeiten dieser Welt loszureißen. Aber trotz ihrer reuevollen Zerknirschung erteilte der Beichtvater ihr die Absolution nicht.

»Kommt in drei Tagen wieder,« sagte er, nachdem er ihr eine lange Reihe Bußgebete vorgeschrieben hatte. »Und nun geht in Frieden.«

Dieses frommen Wunsches ungeachtet ging sie mit aufgewühltem Herzen und flammendem Gesicht ihres Weges. Sie hatte keine Absolution empfangen! Es war ihr, als sei sie von der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen, und drei Tage lang lebte sie dahin wie ein Verbrecher, der ein zweckloses Verbrechen begangen hat und Entdeckung fürchtet Sie fastete, betete und hielt sich verborgen: über die Spitze gebeugt, die wie ein Naturwunder, zartem Laubwerk gleich, aus ihren kleinen Fingern hervorging, saß sie allein oben in ihrem Zimmer, und plagte sich im Schweiße ihres Angesichts, ward von Tag zu Tag blasser und bekam Schwindelanfälle. Und das Verlangen Priamo zu sehen, und die Gewissensbisse über dieses Verlangen folterten sie unablässig. Am Abend des dritten Tages ging sie in den Garten hinunter und fühlte sich so schwach und hinfällig, daß sie sich an der Steineiche halten mußte.

Der letzte Dämmerschein erhellte den Himmel, der im Westen wie Perlmutter schimmerte; eine Stimme sang in der Ferne, und ihr leise zitternder Ton schien sich mit dem zitternden Schein des Abendsterns, mit dem leisen Blätterrauschen zu vermischen. Die Stunde war so lind und süß, daß Gavina für einen Augenblick all ihre Not vergaß. Mit einem Mal war es ihr, als ob die Eiche, an deren Stamm sie ihre Schläfe lehnte, lebendig sei und sich leise rege. Diese Offenbarung verursachte ihr innigste Freude: sie empfand eine wahre Zärtlichkeit für den Baum, es war ihr, als ob alle Dinge ringsum sich belebten, und sie warb inne, daß sie all diese Dinge liebte, daß sie ihr Leben, ihren Herzschlag teilten.

Ein Freudentaumel erfaßte sie, und ihre Füße versagten den Dienst; sie umschlang die Eiche und schloß die Augen, und in momentaner Verwirrung war es ihr, als sei der Baum Priamo.

Doch es war eben nur ein Augenblick! Dann raffte sie sich auf, öffnete die Augen – und alles schien verwandelt. Siehe da: sie hatte auf's neue gesündigt! Finsternis umhüllte sie wieder, sie warf sich auf das Mäuerchen neben der Eiche, biß in die Steine und ward von Haß erfaßt gegen alles, was lebte und sich regte.

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