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Bis an die Grenze

Grazia Deledda: Bis an die Grenze - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleBis an die Grenze
publisherSüddeutsche Monatshefte G. m. b. H.
year1910
translatorE. Müller-Röder
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II.

Zia Itria saß in ihrem feuchtwarmen Höfchen und legte mit ihren schmutzigen, nach Wein riechenden Karten eine Patience, als sie Gavina eintreten sah, elegant, weiß gekleidet, schön frisiert, und das Kleid über den hellen Schuhen mit der Hand schürzend. Das düstere Höfchen mit der hohen, mit Gras bewachsenen Mauer schien sich zu erhellen. In ihrem mächtigen hölzernen Lehnstuhl richtete die Alte sich halb auf, doch Gavina legte ihr die Hände auf die Schultern und nötigte sie, sitzen zu bleiben. Alsbald tauchte an der Tür nach der Straße das schlaue Gesicht des Zwergs auf; Gavina nickte ihm zu, und er schlich sich in dem mit Säcken vollgestopften Hausgang näher – doch Zia Itria streckte den dicken Zeigefinger drohend aus, und das Männchen verschwand.

»Der Teufel soll sie holen! Sie lassen mich nicht einen Augenblick in Ruhe! Setze dich, mein schönes Kind. Ich hoffe, du wirst dir dein feines Kleid nicht beschmutzen: hast dich gar zu schön gemacht für mich. Und nun erzähle mir alles von Rom!«

»Was soll ich dir erzählen, Zia Itria! Wir leben ganz still, kennen wenige Leute, und es passiert nichts Besonderes.«

»Dann ist's ja unnütz dort zu leben!« sagte die Alte, die Karten zusammenlegend. »Aber ist es möglich, daß du mir gar nichts zu erzählen hast? Hier kannst du frei reden. Also heraus mit der Sprache!«

»Wie neugierig Ihr seid! Nun gut, ich will Euch etwas erzählen, aber unter einer Bedingung: daß auch Ihr mir alles erzählt, was in diesen achtzehn Monaten hier vorgefallen ist.«

»Schöne Geschichten, wahrhaftig! Ich will dir nur eine erzählen. Dein Onkel, der Kanonikus, mein Bruder, wollte in den letzten Fasten bei verschlossenen Türen Predigten für Männer allein abhalten. Er dachte alle würden als reuige, beschämte Sünder auf die Knie fallen. Und weißt du, was statt dessen geschah? Sie haben ihn ausgepfiffen und gelacht. Ich versichere dich, wenn du den Invaliden diese Predigten vortragen hörst, dann wirst du vor Lachen umkommen.«

»Ich will es lieber nicht hören«, sagte Gavina und bewegte ihren kleinen Fächer, um die Fliegen zu verscheuchen. »Was habt Ihr mir denn sonst zu erzählen? Bei wie vielen Kindern des heiligen Antonius Uneheliche Kinder. habt Ihr Pate gestanden?«

»Hol sie der Teufel, wer kann sie noch zählen? Jeden Augenblick kommt eines zur Welt! Heutzutage sind die legitimen Kinder wahrhaftig seltener.«

Gavina seufzte übermäßig: »Ja, die schickt der Herr nicht mehr!« sagte sie und verdeckte ihr Gesicht mit dem Fächer.

Die Alte dachte daran, wie bigott ihre Nichte als Mädchen gewesen war, und wußte nicht, ob sie im Scherz oder im Ernst sprach.

»Ich habe beinahe die Absicht, ein Antoniuskind anzunehmen«, fuhr Gavina fort. »Nicht wahr, Ihr lacht mich nicht aus? Was tut eine Frau auf der Welt ohne Kinder. Wir haben nicht alle, gleich Euch, den Mut zu leben um an den Unglücklichen Gutes zutun. Und dann? Dann werden wir selbst unglücklich.«

»Mir scheint aber, daß du es keineswegs bist!«

»Wer weiß, Zia Itria! Ich langweile mich. Auch das Wohlergehen ist manchmal ein Unglück. Ich habe nichts zu tun! Wie soll ich die Zeit hinbringen? Das ist die Frage! Oft habe ich an Euch gedacht. Ich sagte mir: Zia Itria, die keine Kinder hat, hat die Frage gelöst; sie ist die Mutter so vieler Waisen, so vieler Unglücklichen geworden ...«

»Hol's der Teufel! Und wo sind diese meine Kinder? Wer sind sie?«

»Aber ... alle Eure Freunde, alle, die zu Euch kommen, Euch um Rat zu fragen, wie sie zu einer Mutter kommen würden ...«

Das behäbige Gesicht auf die Brust gesenkt, sah Zia Itria aus ihren kleinen Augen von unten auf ihre Nichte; dann und wann jedoch senkte sie die kurzen geröteten Lider, und dann nahm ihr Gesicht einen harten Ausdruck an.

»Du bist hierhergekommen, um dich über mich lustig zu machen!« sagte sie schließlich. »Ta, ra, ta, ta! Erzähle mir lieber etwas von Rom.«

Gavina beteuerte, daran habe sie nicht gedacht, und ihr Ton klang aufrichtig, beinahe gerührt. Aber die Alte mißtraute ihr und war im übrigen so überzeugt, sie tue nichts Außergewöhnliches, indem sie mit den Armen und Schlimmen verkehrte und ihnen half, daß es ihr als Spott erschien, wenn man sie rühmte. Sie hatte keinerlei Absicht bei ihrem Tun; sie hoffte weder die Missetäter zu erlösen, noch den Armen mehr als für den Augenblick aufzuhelfen: sie stand ihnen bei wie Kranken und dachte an nichts weiter. Aber Gavina sagen zu hören, das alles sei schön und ermunternd, kränkte sie mehr als wenn ihre Schwägerin und ihr Bruder sagten, sie versammle die Schurken um sich, weil sie sich fürchte oder an ihrer Gesellschaft Gefallen finde.

»Ta, ra, ta, ta!« trällerte sie noch einmal. Sprechen wir von anderem! Dieses Kind also möchtest du haben, gleichviel woher! Du möchtest es machen wie die armen Weiber, die, wenn sie Lust auf Feigen haben, sie sich einfach aus anderer Leute Eigentum nehmen. Nimm dich aber in acht, daß du dich nicht stichst! Fizos, Fastizos!« Kinder, Sorgen!

Gavina bewegte ihren Fächer und blickte dann und wann nach der Haustür hin, in deren heller Öffnung das Gesicht des Zwerges immer wieder erschien.

Und die Alte fuhr fort: »Auch dein Bruder wollte vor einiger Zeit ein Kind adoptieren. Man sieht, daß Ihr Euch gern Ärger aufladet! Weißt du von Lucas Geschichte?«

»Ja, ich weiß, ich weiß!«

»Und was denkst du davon?«

»Aber was soll ich davon denken? Mir wäre es ganz recht, wenn Luca Michela heiratete.«

»Hol's der Teufel! Sagst du das im Ernst? Mir scheint, du bist ein arger Schelm geworden!«

»Sonst wäre ich ja nicht Eure Nichte! Aber nun antwortet Ihr auch im Ernst! Wenn Luca und Michela einander heirateten! was wäre Schlimmes dabei?«

»Nichts!«

»Also!« Gavina machte eine Bewegung als wollte sie sagen: »Und warum soll ich nicht denken wie Ihr?« Dann fragte sie: »Wie ist das kleine Mädchen? Man hat mir gesagt, es wäre häßlich.«

»Ich kann mir schon denken, wer dir das gesagt hat! Die alte Hexe. Zippulè, komm einmal her! (Zippuledda, der Zwerg war mit einem Satz im Hof.) Sage mir eines: wie ist Michelas Kind, schön oder häßlich?«

Er sah Gavina an, wie um zu erraten, was sie zu hören wünschte. »Es ist so so«, sagte er endlich. »Es ist schön, es ist häßlich, je nachdem man es ansieht.«

»Der Teufel soll dich holen, du Einfaltspinsel! Ist es schön oder häßlich?«

Er antwortete wiederum ausweichend. »Ich könnte es ja einmal holen, dann könnt Ihr selbst urteilen.«

»Willst du es sehen, Gavina?«

Sie errötete, fächelte sich lebhafter und erwiderte: »Jawohl, hole es nur! Brauchst aber Michela nicht zu sagen, daß ich hier bin.«

Während Zia Itria noch über Paska schalt, kam er schon wieder, das Kind auf dem Arm; es lachte, aber es sträubte sich gegen den kleinen Mann, trat ihn mit den schmutzigen braunen Füßchen und warf das Köpfchen mit den krausen roten Haaren hintenüber. Unwillkürlich pochte Gavina das Herz, gleichsam als hätte sie Furcht vor dem kleinen Wesen, das noch ein lebendiger Teil von ihm war. Der Zwerg setzte die Kleine neben Zia Itria nieder und hob ihr blasses, zartes Gesichtchen in die Höhe: ihre großen grünlichen Augen blickten munter, ja schelmisch.

»Es ist schön«, sagte Gavina; »es gleicht seiner Mutter.«

Aber unter dem Blick einer Fremden verdunkelte sich das Gesichtchen und die Augen wurden trübe. Gavina erkannte die Augen des Toten wieder.

»Willst du einmal zu mir kommen?« fragte sie ihm den Fächer hinhaltend.

Doch trotz dieser Versuchung wich das Kind zurück, machte einen kleinen Fluchtversuch und fiel hin; das Höfchen widerhallte von seinem Geschrei, der Zwerg hob es auf und trat mit dem Fuß gegen den Boden, um ihn zu bestrafen, weil er dem Köpfchen wehe getan.

»Ach Gott, das arme Kind! Wenn es sich nur keinen Schaden getan hat!« sagte Gavina ganz erschrocken.

»Aber es ist ja nichts! Und du möchtest Kinder haben und erschreckst dich so, wenn sie einmal fallen?« sagte Zia Itria, nahm die Kleine auf den Schoß und redete ihr zu. »Sei nun still und sieh mich einmal an und auch die Signora, sie gibt dir auch den Fächer. Du willst ihn nicht? Dann gibt sie dir ein Stück Zucker, das wird dich wohl trösten.«

Der Zwerg, der das Haus kannte, sprang hin und holte den Zucker. Aber wie Gavina sich auch um das Kind bemühte und ihm den Zucker vor das Mündchen hielt: es hörte wohl endlich auf zu weinen, aber es wurde nicht wieder vergnügt. Endlich entschloß es sich den Zucker zu nehmen, und während Gavina mit der Alten sprach und sich nicht mehr um das Kind zu bekümmern schien, griff es begierig nach dem Fächer.

Als der Zwerg es wieder fortbringen sollte, klammerte es sich an die Alte, und er mußte ihm versprechen, er brächte es zu »Onkel Luca«, damit es nicht wieder anfing zu weinen.

»Gib der Signora einen Kuß!« sagte er. »Sie schenkt dir auch etwas Schönes!«

Aber das Kind bückte sich und Gavina küßte es auf die Haare, die einen wilden, doch nicht unangenehmen Duft ausströmten; und sie wußte nicht, weshalb: sie mußte an den Weinberg denken, an den herbstlich bunten Buschwald auf der Heide, an den gezähmten Damhirsch und an den Gesang der kleinen Hirten.

*

Wie an einem weit zurückliegenden Tage hielt eines Morgens der aus der Kathedrale zurückkehrende Kanonikus Sulis vor dem Fenster an, rief Gavina und kündigte ihr den Besuch der Domherren Felix und Bellia an. »Eigentlich ... eigentlich hättest du zu ihnen gehen müssen!«

»Warum? Eine Dame braucht nicht den ersten Besuch zu machen.«

Rot vor Zorn fuhr er mit dem Arm durch das Fenstergitter hindurch, vielleicht in der Absicht, sie bei den Haaren zu fassen; doch sie hatte sich rechtzeitig zurückgezogen und er schrie: »Aber wo hast du diesen Hochmut gelernt? Wo?«

»Aus dem Galateo! Titel eines Buches des Monsignore della Casa über den guten Ton. Anmerkung der Übersetzerin. Ihr wißt, ein Bischof hat ihn geschrieben! Habt Ihr ihn nie gelesen?«

Er schäumte vor Wut, stampfte mit den Füßen und ging fort; doch nach wenigen Schritten kehrte er um, trat wieder vor sie hin und sagte in leisem, drohendem Tone: »Wäre es nicht aus Rücksicht für deine Mutter, dann würde ich ihnen raten, nicht hierher zu kommen; und gib Acht auf das, was du in ihrer Gegenwart redest! Sie kennen deine Gottlosigkeit, deine Unverschämtheit bereits, und ... nicht alle sind so nachsichtig wie ich!«

»Warum kommen sie dann?« rief sie, und ein Zornesblitz flammte in ihren Augen.

Lange schon hatte sie verziehen; doch der Gedanke, ihren ehemaligen Beichtvater wieder vor sich zu sehen, regte sie auf. Und während sie sich mit Sorgfalt ankleidete, um die beiden Domherren zu empfangen, die sie seit ihrer Ankunft noch nicht wiedergesehen hatte, traten Worte des Hasses und des Vorwurfs auf ihre Lippen. Sie stellte sie sich sehr gealtert vor und vielleicht auch ihrerseits von Gewissensbissen heimgesucht. Der Kanonikus Felix würde leise und zitternd und in feierlichem Ton von dem unglücklichen Verstorbenen reden, der Kanonikus Bellia würde die bläulichen Lider noch tiefer senken, wie um den Schatten seines Opfers nicht zu sehen. And dazwischen betrachtete sie sich im Spiegel und freute sich, daß sie ganz anders aussah als die schmächtige Büßerin, die der Kanonikus Bellia so oft terrorisiert hatte.

»Ich will ihm ins Gesicht lachen«, sagte sie bei sich und steckte sich eine Sammetschleife ins Haar. »Mit den Augen will ich ihm sagen: wenn du ihn auch getötet hast, mich nicht ... o nein, mich nicht!«

Als sie aber hinunterkam und von der Schwelle des Besuchzimmers aus die drei schwarzen Gestalten erblickte, empfand sie ein Gefühl von Kälte; und ohne daß sie selbst es merkte, nahm ihr Gesicht wieder den alten, harten und strengen Ausdruck an: sie trat ein und wagte ihren ehemaligen Beichtiger nicht anzusehen. And er seinerseits schien sie gar nicht zu bemerken, während der Kanonikus Felix hingegen sie lange prüfend betrachtete und Zeichen des Staunens, ja der Bewunderung machte.

»Aber wenn ich Sie auf der Straße gesehen hätte, so hätte ich Sie nicht wieder erkannt! Eine Matrone, eine wirkliche Matrone!« sagte er, während er sich wieder hinsetzte und seine Soutane zwischen die Beine nahm. Und sein Heiligengesicht nahm wieder den gewohnten sanften und milden Ausdruck an.

Sie ging und setzte sich in die Sophaecke neben ihre Mutter.

»Und Francesco?« fragte der Kanonikus Sulis trocken.

»Er ist nicht zu Hause, er ist in den Weinberg gegangen.«

»Aber wußte er nicht, daß Besuch kommen würde?«

»Nein, das wußte er nicht. Er ist schon in der Frühe mit Luca fortgegangen.«

Er war wütend. Voller Zorn blickte er um sich, bereit aufzufahren, wenn Gavina sich erlauben sollte nur die Stimme zu erheben.

Auch der Kanonikus Bellia schaute sich einmal verstohlen um. In jenem Grab der Lebendigen war alles verändert; selbst die vom Duft eines auf der Konsole stehenden Blumenstraußes erfüllte Luft war wie vom Hauche eines neuen Lebens erfrischt. Die Bücher in ihrem gläsernen Hause schienen erwacht zu sein und sich aufgerichtet zu haben. Und die Venus, die Gavina von ihrem blauen Mäntelchen befreit hatte, stand in ihrer ursprünglichen Nacktheit rein und fleckenlos auf der weißen Marmorplatte, wie auf einem schneeigen Hügel.

Dumpfe Entrüstung bebte in dem Kanonikus Sulis: Gavina bemerkte es und schmiegte sich noch tiefer in die Sophaecke, als fürchtete sie, er könnte sie bei den Haaren fassen.

Freundlich wandte der Kanonikus Felix sich zu ihr und fragte: »Vor Porta Pia sind jetzt wohl Neubauten entstanden?«

»Eine ganze neue Stadt! And eine zweite ist noch im Entstehen, weiterhin nach S. Agnese zu.«

»Bis nach S. Agnese hin!« sagte er erstaunt. Dann schien er sich zu erinnern: »Ja, ja, ich habe davon gehört ... gelesen ... Gut! gut!«

Er war im Jahre 1869 in Rom gewesen; an jene Zeit anknüpfend, und als wäre Gavina die erste aus Rom kommende Person, die er seit jener Reise sehe, fing er an nach Dingen zu fragen, die er dort gesehen hatte.

Sie aber hatte sie nicht gesehen: die waren alle verschwunden! Doch er äußerte kein Zeichen des Bedauerns, sondern bestätigte gelassen: »Ja auch Städte machen ihre Wandlungen durch, die Welt verändert sich.«

»Zum Schlechten!« rief der Kanonikus Sulis.

»O, nein, zum Guten!« sagte Gavina. Doch alsbald bereute sie es. Ihr Onkel ward blau im Gesicht. Der Kanonikus Bellia schlug die Augen auf, senkte sie aber sofort wieder.

»Zum Schlechten wiederhole ich Euch!« schrie der Kanonikus Sulis wütend. »Versucht es doch nur, mich zu widerlegen! Wo ist das Gute? Ihr nehmt eine Zeitung zur Hand, und es ist als blicktet Ihr in ein Zuchthaus hinein. Ihr findet nichts als Geschichten von Diebstahl, Mord, Ehebruch, Schweinereien aller Art. Die Welt wird nachgerade zu einem Schweinestall! Ja, ich sage es noch einmal, zu einem Schweinestall!«

»Die Sache ist die«, bemerkte der Kanonikus Felix mit leisem Spott, »daß es in früheren Zeiten keine Zeitungen gab.«

Doch der andere fuhr wütend fort: »Weder Zeitungen, noch Eisenbahnen, noch Kinematographen! Und ich sage Euch, das waren bessere Zeiten! Das sage ich und das sage ich nochmals.«

Um ihn zu begütigen, sagte Gavina, sie hätte aber auch die Leidensgeschichte Christi von einem Kinematographen dargestellt gesehen. Da meinte er zu ersticken, stand auf und ging im Zimmer umher; und da er wieder dem Sofa nahekam, faßte sie nach ihrem Kopf und sagte wie ein Kind: »Ach laßt nur meine Haare in Ruhe, bitte ... bitte!« Darüber mußte er lachen, und sein Zorn verflog.

Als sie später am Fenster lehnte, Francescos Heimkehr erwartend, dachte sie über den Besuch der Domherren nach und fühlte, wie auch ihr Zorn, gleich dem des Onkels, schwand.

Der Name des Toten war nicht genannt worden, wie wenn die Domherren ihn vollständig vergessen hätten. Er war durch ihr Leben gegangen, wie ein Wolkenschatten über eine Wiese hinzieht. Die friedsamen und mannigfaltigen Erinnerungen des Kanonikus Felix verweilten nicht bei jenem Schatten, und an dem Kanonikus Bellia schien er in einem jener Momente vorübergeglitten zu sein, da er die Lider gesenkt hielt!

Was aber Gavina mehr noch wunderte, war, daß auch sie selbst sich der Vergangenheit immer ferner fühlte.

Auf einmal tönte durch die grünliche Abenddämmerung ein Geräusch, wie wenn ein Platzregen niederginge: die Straße herauf kam ein Trupp Reiter, hielt einen Augenblick vor dem Tor mit den Adlern und ritt dann weiter. Es waren die Jäger, die von der ersten Jagdpartie heimkehrten. Vor dem Tor blieb die im Zwielicht hell wie eine Statue erscheinende Gestalt Elias zurück. Immer noch stolz aufgerichtet, sah er mit seinem Helm und dem weißen Anzug auf dem milchweißen Pferde wie ein steinerner Ritter aus.

Gavina betrachtete ihn und verspürte eine leise Erregung: ein Widerhall weit zurück liegender Erinnerungen ertönte in ihr wie der Trab der Pferde auf der einsamen Straße. Jener Mann, der gelebt und genossen hatte, der noch aufrecht unter ihren Fenstern vorüberritt wie auf der Jagd nach Vergnügen und Abenteuern begriffen, erregte ihr noch immer ein Gefühl von Bewunderung und von Groll. Doch wenn sie ihn einst gehaßt hatte, weil er sich amüsierte – heute beneidete sie ihn aus dem selben Grunde.

In den folgenden Tagen ging Francesco in sein Heimatdorf in den Bergen, und Signora Zoseppa begab sich in den Weinberg. Luca ging und kam, blieb meist den ganzen Tag fort und kam erst abends nach Hause: er mied Gavinas Gesellschaft. Für einige Tage nahm sie ihr früheres Leben wieder auf: sie saß am Fenster oder ging durch die großen, öden Zimmer, über denen schon das trübselige Licht des beginnenden Herbstes lag.

Am Nachmittag verbrachte sie lange Stunden an ihrem Gartenfenster: wie neu belebt von dem weichen Südwest erschauerten und flüsterten die Bäume und Büsche im Garten; wenn die Steineiche sich im Winde ganz nach der Seite bog, dann spielten so helle Lichter darauf, als wären ihre Blätter aus Silber. An den fernsten Hängen der blauen Berge schwebten rötlich-graue Rauchwolken, die aus den Bergen selbst aufzusteigen schienen. Das waren die Feuer auf dem Rodeland, und ihren heißen, würzigen Hauch trug der Wind bis hierher. Weiter oben, an den schneeweißen Kalkbergen, lagerten große blaue Schatten, und über dem höchsten Gipfel hing ein Wölkchen wie ein goldener Kelch. Nur das Rauschen der Bäume unterbrach die Nachmittagsstille und das eintönige, mechanische Klopfen der Steinschläger, die jenseit des Gartens arbeiteten. Dann sank die Sonne, und die ganze Landschaft kleidete sich in rötliches Violett; der Wind verstummte, der Mond kam zwischen zwei Felsspitzen zum Vorschein, und allmählich leuchteten die Sterne an dem grünlich-blauen Himmel auf. Nun war auch die Glut der fernen Heidefeuer zu sehen: es war als schlügen Flammen aus den Flanken der Berge; und der feurige Schein drang bis zu den Kalkgipfeln hinauf, die in dunkelm Rot erglühten. Das Rundbild hatte etwas Theatralisches an sich, und Gavina gewahrte von ihrem Fenster aus Einzelheiten, die ihr früher entgangen waren. Hinter den Hütten der armen Nachbarschaft, auf dem blauen Hintergrund der fernen Berge, sah sie einen steil aus dem Tal aufragenden Felsen und einen phantastischen Baum, der sich an ihn anklammerte wie ein Träumer, der den Stimmen der nächtlichen Landschaft lausche. Sie hörte das Rauschen des Stromes, und auf diesem einförmigen Unterton klang das Pochen des Steinschlägers, der noch bei Mondschein arbeitete, wie die eigene Klage der geborstenen Felsen.

Dann empfand sie ein Gefühl des Mitleids für die Dinge selbst: es war ihr als müßten die geborstenen Felsen leiden wie die vom Schmerze zerschlagenen Menschen. Die Steineiche war melancholisch, weil sie alterte; die Bäume erschauerten, weil der Herbst nahte. Die Dinge, die ihr bei ihrer Wiederkehr gering, ja armselig vorgekommen waren, würden in ihren Augen größer, gleich Menschen, die auf einer geraden Straße allmählich näherkommen. Und alles wiederholte ihr die selben Worte: »Das Leben ist kurz, wir altern, leiden, sterben!«

Dann überkam sie eine unendliche Verzagtheit, und sie schloß sich selbst in das Mitleid für die Dinge ringsum ein. Sie meinte, zwar nicht gerade am Leben zu hängen – und dennoch fürchtete sie sich vor dem Altern, vor dem Sterben.

Eines Abends ging sie mit Paska zum Brunnen hinunter. Als sie an Michelas Tor vorbeikamen, sahen sie Luca an der Seite des Bauern im Torweg sitzen. Obwohl Paska sie am Kleide zog, hielt Gavina an und sagte laut, damit auch Michela es höre: »Wie geht es Euch, Zio Bustià? Kennt Ihr mich noch?«

Der Mann stand auf und gab ihr die Hand, nachdem er sie an seiner leinenen Hose abgewischt hatte. Er war gar nicht gealtert: ruhig und feierlich, mit seinem blanken Schädel und dem sorgsam gepflegten Bart, sah er nicht wie ein von Unglück und Unehre betroffener Greis aus, sondern wie ein mit sich zufriedener und auf seine Nachkommenschaft stolzer Patriarch.

»Ob ich dich noch kenne?« sagte er mit seinem ernsten und ironischen Ton. »Eher könntest du – entschuldige, wenn ich noch du sage, aber ich habe dich ja zur Welt kommen sehen – eher könntest du uns nicht mehr kennen! Obgleich ... o, sag' mir eines: wie lebt es sich in Rom?«

»Wem es gut geht, dem geht es gut; und wem es schlecht geht, dem geht es schlecht ...«

Der Bauer klatschte in die Hände: seine wie Perlen so klaren Augen glänzten im Mondlicht.

»Ich denke gerade so!« sagte er. »Die Menschen haben die Städte gebaut in der Hoffnung, dort besser zu leben als auf dem Lande. Aber wenn Gott spricht: Ich habe meine besonderen Gründe dafür, daß dieser Mensch unglücklich sein soll, nun, weißt du, Gavinedda, was ich dir sage? Dann wird jener Mensch unglücklich sein, auch wenn er in einem goldenen Palast lebt. Habe ich recht?«

»Ihr sprecht wie ein Prediger!«

Glücklich über dieses Kompliment, fuhr der Bauer fort: »Ich redete gerade mit unserem Luca darüber. Ich sagte ihm, daß es für die Menschen nur ein Mittel gibt, glücklich zu sein: sich begnügen. Er hat wenig? So soll er sich mit wenigem begnügen. Er hat viel? Desgleichen. Denn wir sehen es ganz genau: je mehr der Mensch hat, um so weniger ist er zufrieden. Vielleicht, vielleicht«, fuhr er fort und legte den Zeigefinger der Rechten an die Nase, »vielleicht ist der Mensch, der wenig hat, genügsamer als der, der viel hat ... Aber du stehst da draußen? Komm herein! Michela ist oben, weil das Kind krank ist, aber einen Stuhl kann ich dir auch anbieten ...«

Gavina fühlte sich versucht, der Einladung zu folgen; doch Paska stieß sie an, und sie trat von der Torschwelle zurück.

»Es ist schon so spät, ich werde dieser Tage einmal kommen«, sagte sie beinahe schüchtern. »Was hat die Kleine?«

»O, nichts besonderes. Sie ißt zuviel.«

»Gute Nacht!« sagte sie und ging weiter.

Es war ihr, als würde sie von einer Macht getrieben, die stärker sei als ihr Wille. Paska hatte sie beim Arm gefaßt und zog sie fast mit Gewalt fort; sie folgte ihr in Gedanken, unbewußt – auf einmal aber bemerkte sie, daß die Alte vor Ärger zitterte.

»Aber sag' doch, Paska, was hast du? warum eilst du so?«

Die Alte ließ sie los. Sie hatten die Landstraße erreicht. Vor ihnen, über dem steilen Felsen im Tal, war der Mond aufgegangen, und Gavina sah, daß Paska leichenblaß war. Sie hatte Mitleid mit ihr und sagte: »Entschuldige, du Trotzkopf! Ich wußte nicht, daß ich dir dadurch Verdruß bereitete.«

»Ich gehe nicht wieder mit dir an dem Hause vorüber! Denke nur daran, daß du selbst eine Zeitlang nicht daran vorübergehen mochtest.«

»Gut, so gehen wir nicht mehr vorüber!«

Diese allzugroße Nachgiebigkeit ärgerte Paska wiederum.

»Scherze nicht!« sagte sie. »Und rede nicht so leichthin. Du gehst in wenigen Tagen wieder fort; an denen, die hierbleiben, ist dir nichts gelegen! Gut, so laß' die Dinge wenigstens wie sie sind und setze deinen Fuß nicht auf den Hund, der schläft!«

»Wo wäre denn dieser Hund?«

»In jenem Hause

»Ich verstehe dich nicht! Sage mir alles, Pà! Meine Jungfer in Rom sagt mir auch alles.«

Paska war eifersüchtig auf diese phantastische Jungfer, und teils aus Eifersucht, teils um nicht hinter jener zurückzustehen, wollte auch sie sprechen.

»Denke an eines! Ich habe Michela immer mißtraut. Erinnere dich nur, wie oft wir hier, auf dieser selben Straße miteinander gestritten haben! Du wolltest sie zur Freundin haben: gut! Aber sie, weißt du, was sie tat? Sie hielt sich schließlich für deinesgleichen. Und als du sie verachtetest, da fing sie an dich zu hassen, gerade weil sie den Abstand zwischen euch fühlte. Dann lockte sie Luca an: nun, das war eine leichte Eroberung. Sie dachte bei sich: ah, du verachtest mich? Dann will ich zu deiner Familie gehören. Und das wird ihr gelingen, Gavina, du sollst sehen, das wird ihr gelingen. Luca hat eine Raupe im Kopf: das ist sie! Bevor du wiederkamst, hatte er es schon aufgegeben, er war entschlossen, deiner Mutter nicht solchen Kummer zu bereiten. Aber seit du wieder hier bist, hat Michela ihm von neuem den Kopf verdreht. Sie hat ihm eingeredet, du wärest ausdrücklich deshalb gekommen, um deine Mutter gegen ihn aufzureizen. Sie hat ihm eingeredet, du wolltest die Mutter überreden, ihn zu enterben. Sie hat ihm eingeredet, du gingest an ihrem Hause vorüber, um sie zu verspotten und zu beschimpfen. Und das ist noch alles nichts, aber höre ... jetzt ist das Kind krank ... und um ...«

Sie unterbrach ihren Redefluß. Gavina hatte ihr zugehört, ohne ihren Worten große Bedeutung beizulegen. Das Landschaftsbild war an diesem Abend so wunderschön in dem silbernen Mondlicht! Und die großen Sternbilder strahlten so klar am blauen Himmel, wie sie sich nicht erinnerte, sie je gesehen zu haben ...

Es war als käme die weinerliche Stimme Paskas aus weiter Ferne, aus einer kleinen Welt der Lüge. Gavina kannte die Ursache von Michelas Haß wohl, und das Geschwätz der Magd vermochte ihr Mitleid wie ihre Gewissensbisse nicht zu verringern. Aber instinktmäßig begriff die Alte Gavinas Empfindungen, die für sie ein Zeichen von Schwäche, von Entartung waren; und in herberem Tone fuhr sie fort: »Du hörst nicht auf mich? Nun, sie sagt, das Kind wäre krank, weil du ... weil du ihm Gift gegeben hättest!«

Gavina sah sie an. »Ich? Phantasierst du?«

»Hast du das Kind nie gesehen? Sag' mir die Wahrheit: ist es wahr, daß du es durch den Zwerg zu Zia Itria hast holen lassen?«

»Ich habe es holen lassen? Ich war da und der Zwerg kam mit dem Kinde.«

»Ist es wahr, daß du ihm Zucker gegeben hast?«

»Ach, soll ich das noch wissen? Doch, ja, ich erinnere mich: Zia Itria gab ihm ein Stück Zucker.«

»Nein, du bist es gewesen!« sagte Paska in ironisch anklagendem Ton. »Und der Zucker war vergiftet!«

»Aber wenn der Zwerg ihn doch aus Zia Itrias Zuckerdose genommen hat! Was für Tollheiten sind das! Aber wer sagt so etwas?«

»Sie!«

»Zu dir? Nein? Also zu wem?«

»Das kannst du dir doch denken!«

»Zu Luca? Ach ja, auch er hat mich ja eines Tages beschuldigt, ich wollte ihn umbringen! Was für Narren! Alle sind sie Narren!« sagte Gavina. Dann aber wurde sie nachdenklich. »Und meine Mutter ... weiß sie das?«

»Sie weiß es!«

»Ah, sie wußte es und hat mir nichts davon gesagt! Weshalb?«

»Eh, du gehst wieder fort! Was liegt dir an unserem Geschwätz?«

»So, ich gehe wieder fort?« entgegnete sie, als ob sie sich dessen erst erinnerte. »Soll das heißen, daß ihr alle glaubt, zwischen mir und euch bestände nichts Gemeinsames mehr? Mir läge nichts an euch? Soll es das heißen? Heraus mit der Sprache, du Sprachrohr!«

Sie schüttelte Paska; der Eimer auf dem Kopf der Alten schwankte, und sie erhob den Arm um ihn zu halten.

»Eh, du bist jung!« erwiderte sie, die betrübende Annahme Gavinas einfach gelten lassend und zugleich entschuldigend. »Und du lebst in der großen Stadt. Was wirst du an uns und unsere Schwätzereien denken? Was würde Francesco davon sagen?«

»Er hat ein viel besseres Herz als ihr!« sagte Gavina gereizt. »Er weiß, daß eine Tochter immer an ihre Mutter denkt, auch wenn diese sie nicht mehr lieb hat! Aber wozu mit dir streiten? Du bist eine alte Plaudertasche und nichts weiter! Geh!«

Sie wendete sich von ihr, trat an die Straßenbrüstung und blickte hinunter in das Tal. So gingen sie eine Weile getrennt weiter. Aber als Gavina zur Seite blickte, sah sie, daß Paska sich die Augen mit der Schürze trocknete.

»Nun weinst du!« sagte sie, sich ihr wieder nähernd. »Zuerst sagst du Dummheiten und dann vergießest du Tränen! Aber sage mir nur: ist es möglich, daß du und meine Mutter – von jenem einfältigen Menschen rede ich nicht – das geglaubt habt? ... Aber nein, ich schäme mich, das nur zu fragen. Reden wir nicht mehr davon!«

Sie wandte sich wieder ab, doch Paska folgte ihr. »Daß wir was geglaubt haben? Nichts haben wir geglaubt! Aber deine Mutter ... aber ich ... nun, ich muß dir sagen: du tust Unrecht daran, zu deiner Tante Itria zu gehen. Das ist keine Frau, mit der man verkehren kann ...«

»Zia Itria? Du, trotz deiner Rosenkränze, ja gerade mit deinen Rosenkränzen ... Du bist nicht würdig, ihr die Schuhe zu binden!«

»Gavina! So sprichst du? Ach, dein Onkel hat also recht! ...«

»Auch er jetzt? Was kann er denn anders gesagt haben als eine Albernheit? Und nun heraus damit: was hat er gesagt? Sage es sofort!«

»Er hat gesagt, wer nicht an Gott glaubt, ist zu allem fähig!«

»Und wer nicht an Gott glaubt, das wäre ich? Hat er das von mir gesagt? Ja? Ja? Ja? Das wäre ich? Zu allem fähig? Und ihr alle glaubt das?«

Sie hielt an und zwang auch die Alte, stehen zu bleiben: und jetzt war an ihr die Reihe, vor Ärger zu zittern. Das Gesicht dicht vor dem Paskas, preßte sie die mageren Arme der Magd mit ihren nervigen Händen; es sah aus, als wolle sie sie packen und über die Brüstung in das Tal hinabstürzen, sich auf diese Weise für all das Mißtrauen zu rächen, für all die Verleumdungen und ungeheuerlichen Vermutungen, mit denen man sie kränkte.

Ein kindlicher Schreck verzog das Gesicht der Alten, und Gavina hatte den Eindruck, sie habe Angst vor ihr. Es ward ihr dunkel vor den Augen. Sie dachte daran, wie ihre Mutter und Paska sie für fähig gehalten, Luca Übles zuzufügen; sie dachte an das Mißtrauen und die Kälte, mit der ihre Verwandten sie aufgenommen hatten. Sie war als eine andere, voll liebreicher Gesinnung zu ihnen zurückgekehrt; jene aber hatten sie so gesehen, wie sie sie immer gekannt und gescheut hatten: als kalt, grausam, zu allem fähig. Jegliches Bemühen war somit zwecklos. Sie ließ von Paska ab und wollte ihr Geschwätz nicht mehr anhören; es erschien ihr unwürdig. An der Brüstung lehnend, während die Alte den Eimer füllte, schaute sie über das Tal hinweg, nach den Toren hin, die sich zwischen Berg und Berg nach einer schöneren Ferne hin aufzutun schienen. Sie dachte an den Abend, da sie, um sich von den Fesseln zu befreien, mit denen der Haß sie umschlungen hielt, den Entschluß gefaßt hatte, sich zu verheiraten: auch jetzt wollte sie fort, so schnell wie möglich. Paska hatte recht: sie gehörte nicht mehr zu dieser Welt der Erbärmlichkeiten und des Hasses, in der die Vergangenheit bei jedem Schritt vor sie hintrat wie ein Feind, der sie zu erwürgen versuchte. Allmählich aber schwand ihr Zorn; und als sie wieder an Michelas Haus vorüberkamen, meinte sie das klägliche Weinen des Kindes zu hören, und ihr Unwille verflog vollends.

Zu Hause ging sie sogleich in ihr Zimmer hinauf und wartete auf die Rückkunft Lucas, der an diesem Abend besonders spät heimkam. Endlich hörte sie, wie er die Haustür öffnete und schwerfällig, stolpernd wie ein alter Mann die Treppe heraufkam. Vielleicht war er betrunken; und doch empfand sie, als sie den unsichern, müden Schritt hörte, unendliches Mitleid mit ihm. Sie nahm das Licht und trat auf den Vorplatz hinaus. Als Luca sie sah, hielt er auf der letzten Stufe an und betrachtete sie erschrocken; sie aber schritt zur Tür seines Zimmers und sagte ruhig: »Ich muß mit dir sprechen. Öffne!«

Er trug den Schlüssel seines Zimmers stets bei sich; er schloß auf und trat zögernd ein. Sie folgte ihm und stellte das Licht auf den mit seltsamen Dingen bedeckten Tisch: Bücher über Zauberei und Feuerwerkkunst, Knäuel Bindfaden in allen Farben, einbalsamierte Vögel, Teller mit geheimnisvollen Flüssigkeiten, Fellchen von Frischlingen und Mardern, Scheren; Messer, Schachteln mit Nägeln. Die Fenster waren geschlossen: eine erstickende Hitze und ein Geruch nach unreinem Alkohol machten es fast unmöglich, diese Luft zu atmen. Und über all den Dingen, mit denen das Zimmer vollgestopft war, lag es wie eine Aschenschicht. Zu Füßen des nur mit einem groben Leintuch bedeckten Bettes stand eine Retorte, etwas weiterhin eine Buchbindermaschine. Und das alles stand und lag in einer gewissen Ordnung da, einer ängstlichen Ordnung, die auf eine fixe Idee des Bewohners hindeutete.

Luca setzte sich auf sein Bett; Gavina öffnete das Fenster und sagte: »Hier erstickt man ja!«

Seit Jahren hatte sie das Zimmer nicht betreten, das wie die Werkstatt eines Alchymisten aussah. Es war ihr als sähe sie es zum erstenmal und verstände endlich Lucas Eigenart. Es war seine Bestimmung gewesen, irgend ein Ziel zu erreichen – aber niemand hatte ihn geleitet, und er hatte sich in dem Labyrinth seiner eigenen Ideen verirrt; sein Tätigkeitstrieb hatte eine anormale Richtung genommen, seine Phantasien waren zu Hirngespinsten entartet.

Kaum hatte sie das Fenster geöffnet, so stand er auf, in der Absicht, es wieder zu schließen; doch alsbald trat er wieder zurück und setzte sich auf das Bett: er schien müde, schläfrig, aber seine Augen wichen nicht eine Sekunde von dem hellen, sternbesäten Viereck, vor dem die Gestalt seiner Schwester sich abhob. Auch sie betrachtete ihn, und seine Gestalt, die wie die eines alten Mannes aussah, erinnerte sie an die ihres Vaters.

»Höre, Luca,« begann sie »in einigen Tagen werde ich wieder abreisen, und wer weiß, wann wir uns wiedersehen. Nicht im nächsten Jahr und gewiß auch im folgenden nicht. Ich weiß, daß meine Gegenwart dir unangenehm ist. Aber gerade deshalb möchte ich, bevor ich fortgehe, wissen, was du gegen mich hast. Morgen früh gehst du in den Weinberg, und es kann sein, daß auch ich früher fortgehe als du denkst ... Sprich also!«

Er ließ sich nicht rühren: er schien nach Worten zu suchen, um auf die Frage zu antworten, wußte jedoch nichts weiter zu sagen als: »Ich? Ich habe nichts gegen dich!«

»Dann sage mir, was ich für dich tun kann, bevor ich wieder fortgehe. Denke einmal nach!«

Er dachte nach, senkte den Kopf, erhob ihn wieder, und sein Gesicht drückte kindliche Verwunderung aus.

»Aber ich ... ich brauche nichts!«

»Irgend etwas wirst du doch brauchen. Letzthin abends sagtest du zu Francesco, vor unserer Abreise wolltest du ihn um eine Gefälligkeit bitten. Was war es?«

»Ich erinnere mich nicht. Ich weiß es nicht.«

»Gut, ich sehe, daß du von mir nichts willst. Jetzt möchte ich dich aber noch etwas anderes fragen. Zio Bustianu sagte, Michelas Kind wäre krank. Was fehlt ihm?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hast du es nicht gesehen?«

»Nein.«

»Es ist unmöglich, daß du es nicht gesehen hast! Liegt es zu Bett?«

»Ich weiß es nicht.«

»Haben sie den Arzt gerufen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Kurz, du weißt nichts. Warum gehst du dann dorthin?«

Er sah zum Fenster hinaus, und sein Gesicht drückte kein Erstaunen noch Mißtrauen mehr aus, sondern nur große Müdigkeit, ein Verlangen nach Schlaf. Auf ihre letzte Frage antwortete er nicht. Um ihn aufzurütteln, sagte sie: »Ich wollte gerade über Michelas Kind mit dir reden. Ich wollte dich um einen Rat bitten.«

So merkwürdig dieser Fall auch war, Luca ließ sich nicht rühren, und sie fuhr fort: »Ich möchte gern ein Kind annehmen. Glaubst du, Michela würde mir das ihre geben?«

»Wer weiß!«

»Sie haben mir gesagt, sie hätte es nicht sehr lieb. Das wirst du auch wissen. Glaubst du, ich könnte den Vorschlag machen, ohne Michela und ihren Vater zu verletzen?«

»Ich? ... Was weiß ich davon?«

Sie begriff, daß es zwecklos sei, in dieser Weise weiterzureden; und seltsam: sie wurde verlegen, es kam ihr vor, als mache Luca sich über sie lustig. »Du weißt wirklich gar nichts!« wiederholte sie ein wenig ärgerlich. »Du willst mich nicht verstehen. Dir zuliebe möchte ich Michelas Kind annehmen.« Da wunderte er sich von neuem: »Mir zuliebe? Aber was habe ich damit zu tun?«

»Aber du willst doch Michela heiraten! Antworte mir: ist das wahr oder nicht?«

»Es ist nicht wahr.«

»Jetzt lügst du! Ja, du sagst nichts anderes als Lügen. Du mißtraust mir. Ich dagegen möchte dir helfen. Wenn du Michela lieb hast und sie dich, so sehe ich keinen Grund, weshalb ihr euch nicht heiraten solltet. Unsere Mutter kann aber gewisse Dinge nicht verstehen. Sieh! sie hat mir nicht von dieser Sache gesprochen! Ich habe alles von andern gehört. Auf jeden Fall aber möchte ich das Kind adoptieren, Luca, und das würde schon ein Band zwischen uns und Michela sein. Mit der Zeit würde unsere Mutter sich auch an den Gedanken gewöhnen, sie zur Schwiegertochter zu haben. Hast du mich verstanden?«

»Ich denke nicht ans Heiraten.«

»Das ist nicht wahr! Francesco hast du das Gegenteil gesagt, aber mir, ich sage es dir nochmals, mir mißtraust du: du betrachtest mich als deine Feindin – doch warum sollte ich das sein? Ich möchte dir vielmehr zeigen, daß ich deine Schwester bin. Gewiß hätte ich gewünscht, dich als etwas Besseres zu sehen als das, was du geworden bist; aber ich bin überzeugt, daß wir nicht werden können, was wir wollen, sondern daß wir werden, was das Schicksal will. Wenn du kein großer Mann bist, so bist du nicht schuld daran. Und wenn ich nichts anderes erreichen kann, so möchte ich dich wenigstens ruhig sehen: du bist immer gereizt, mißtrauisch, furchtsam und eigentlich noch wie ein Kind. Was soll aus dir werden, wenn unsere Mutter einmal nicht mehr ist? Ich weiß es nicht! Du würdest wie ein verwaistes, von allen verlassenes Kind sein. Denn von mir willst du nichts wissen. Und dann?«

Er zuckte nicht mit der Wimper; es war als hätte er gar nicht zugehört oder nicht recht verstanden. Plötzlich aber sagte er: »Ah, du möchtest, daß ich mich verheiratete, damit du mich los wirst! Ich habe dich ganz gut verstanden.«

Da regte sich in Gavina ein heftiger Zorn, wie wir ihn gegen unverständige Kranke empfinden können, die sich gegen alle Pflege sträuben. Sie fing an im Zimmer hin und her zu gehen und sagte: »Luca! du stellst dich dumm, aber du bist es nicht. Wenn du begreifen willst, so begreifst du sehr gut. Und im übrigen ist es unnütz, daß du dich verstellst: ich weiß genau, was du denkst!«

»Und ich weiß auch, was du denkst!«

»Also laß uns offen miteinander reden! Ich hätte ja gar nicht nötig, mich um dich und um die andern zu bekümmern! Ich kann morgen wieder fortgehen und brauche von euch und euren Erbärmlichkeiten kein Wort mehr zu hören! Aber bevor ich fortgehe, möchte ich euch beweisen, daß ich nicht so bin, wie ihr glaubt. Hast du verstanden? Hast du verstanden? Und Michela magst du sagen, daß ich ihr Kind lieber habe als sie selbst. Hast du verstanden?«

»Warum gehst du nicht hin und sagst ihr das selbst?«

»Sicher werde ich hingehen! Sicher!«

»Geh nur, ja, geh nur!« sagte er spöttisch.

»Das will ich auch. Ich habe ihr verschiedenes zu sagen.«

»Sie dir auch!«

»Wirklich? Nun, um so besser! Sie soll mir sagen, wer ihr den Gedanken in den Kopf gesetzt hat, ich könnte einem Kinde etwas zu leide tun. Bist du es gewesen? Nein? Wer dann? Nur Narren können solche Dinge sagen!«

»Und wenn wir Narren sind, so laß uns doch zufrieden«, entgegnete er, stand auf und schloß das Fenster. Und nachdem er es geschlossen hatte, schien er ruhiger, aufmerksamer: seine Augen belebten sich, er setzte sich wieder aus das Bett und kreuzte die Arme über der Brust.

»Für dich sind wir alle Narren«, sagte er ruhig. »Warum belästigst du uns denn noch? Belästigen wir dich vielleicht? Wer fragt nach dir?«

»Was? Ihr tut ja nichts anderes als mich verleumden! Ihr behauptet, ich wollte euch Böses zufügen, während ich euch Gutes erweisen möchte. Ja, Gutes! And das werde ich auch tun, auch gegen euren Willen! Das sollst du sehen!«

»Du? Du kannst nur Böses tun! Du hast nur Böses getan und wirst immer Böses tun! Wir waren gerade ein wenig zur Ruhe gekommen, da kamst du wieder, und gleich ist wieder der Teufel los! Wenn ich etwas tun will, so werde ich dich nicht um deine Meinung fragen. Ich werde tun, was mir gut scheint. Und wenn unsere Mutter etwas Gutes tun soll, so wird sie es sicher nicht auf deinen Rat hin tun. Du hast ihr nur Verdruß bereitet ... du hast nur Böses getan und wirst nur Böses tun, ihr ... deinem Manne ... Allen!«

Sie blieb stehen und lachte. »Ah, das ist gut! Das fehlte gerade noch! Ich habe unserer Mutter Verdruß bereitet? Wann?«

»Frage sie selbst, und sie wird dir sagen, wer ihr mehr Kummer bereitet hat, ich, der Trunkenbold, der Taugenichts, oder du mit all deiner Frömmigkeit. Geh', geh' und frage sie doch!«

Er hob die Hand und wies nach der Tür. Sie begriff, daß hier nichts zu machen war. Sie hätte die ganze Nacht dastehen und Worte des Friedens und der Liebe reden können – er würde sie immer als eine Feindin angesehen haben. Ja sie kam sich in ihren eigenen Augen lächerlich vor. Sie ging, ohne ein Wort weiter zu sagen und legte sich sogleich nieder; doch schlafen konnte sie nicht. Obwohl sie meinte, Lucas Worte und seine traurige Weissagung seien nur der Ausfluß sinnlosen Grolls, kränkten und demütigten sie sie doch gegen ihren Willen.

»Du kannst nur Böses tun!« Ein anderer hatte ihr an einem weit zurückliegenden Abend die selben Worte gesagt, und seine Prophezeiung hatte sich bewahrheitet: sie hatte Böses getan! Sie verspürte eine Regung abergläubischer Furcht; sie dachte, sie wäre wie gewisse ungeschickte Leute, die sich nicht bewegen können, ohne um sich her irgend ein Unheil anzurichten.

»Was tun?« fragte sie sich. »Ich müßte mich also gar nicht rühren, nicht denken, nicht handeln, nicht leben!«

Und sie dachte an die langen, müßigen Stunden an ihrem Fenster oder unter den Bäumen der Villa Borghese; das also war ihr Los: unbeweglich, wie eine Gelähmte, zuzusehen wie die andern sich regten!

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