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Bis an die Grenze

Grazia Deledda: Bis an die Grenze - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleBis an die Grenze
publisherSüddeutsche Monatshefte G. m. b. H.
year1910
translatorE. Müller-Röder
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierter Teil.

I.

Am Ostermorgen ging Gavina auf den Pincio, allein. Nicht einmal an diesem Tage gönnte Francesco sich Ruhe: die Jahreszeit erlaubte es nicht. Denn im April und Mai sind die Kliniken und Hospitäler noch voll von Kranken. Späterhin gehen dann viele Ärzte in die Ferien: Die Saison ist zu Ende! Gibt es doch auch eine medizinische »Saison«. Wüßte man nur, ob es auch für die Kranken Ferien gibt! Diese Frage beschäftigte Gavina sehr. Sie war mehrmals in der Klinik gewesen, und ihr Widerwille wie das Mißtrauen, das die Kranken ihr erregten, hatten sich allmählich verloren und aufrichtigem Mitleid Platz gemacht.

Sie bemerkte, daß die Ärzte, Francesco einbegriffen, die Kranken mit Gleichgültigkeit, mit Grobheit behandelten. Und was sie noch mehr verletzte, waren die manchmal recht grausamen Scherze, die die älteren Ärzte an die Kranken richteten; um aber nicht hinter den älteren zurückzubleiben, taten die jungen ebenso. Die bescheidenen Patienten lächelten unterwürfig vor den Männern, die die Macht zu haben schienen mit ihren Spiegeln die dunkelsten Geheimnisse der Natur zu erforschen. Doch das Gesicht manches stolzen und verzweifelten Kranken nahm einen Ausdruck von Erbitterung, fast von Haß an. Waren sie allem, so spotteten die Kranken ihrerseits über die Ärzte und erzählten einander zum Trost ihre Krankheitsgeschichten.

Während sie auf Francesco wartete, hörte Gavina manchmal neugierig diesen Gesprächen zu und nahm mitunter auch daran teil. Die Frauen besonders plauderten gern. Und so lernte sie erkennen, daß Krankheit, die sie bis dahin als ein bloßes physisches Übel angesehen hatte, in den meisten Fällen die Folge moralischen Elends ist. Sie berichtete Francesco die Reden der Kranken, ihre Lügen, ihre Klagen, und sie warf ihm die rauhe Art vor, mit der er und seine Kollegen sie behandelten. Doch Francesco legte nicht nur ihren Worten wenig Bedeutung bei, sondern er bat sie, nicht mehr in die Krankenhäuser zu gehen.

»Tätest du nicht besser, an so schönen Morgen nach Villa Borghese oder auf den Pincio zu gehen?«

Und sie ging nach Villa Borghese oder auf den Pincio, schloß sich der langen Reihe der Kinderwärterinnen und der Fremden an, all den müßigen oder kränklichen Leuten, die an schönen Frühlingsmorgen ihre Schritte zu den Gärten Roms lenken. In Villa Borghese auf dem Rasen sitzend oder auf einer Bank auf der Terrasse des Pincio, hing sie ihren Erinnerungen nach. Die Gegenwart und Zukunft beschäftigten sie nicht sehr; ihr ganzes Leben ruhte in der Vergangenheit. An jenem Ostermorgen jedoch schaute sie mit unruhigem Blick um sich, bestürzt über das, was sie diese Woche getan oder vielmehr nicht getan hatte. Zum erstenmal in ihrem Leben hatte sie unterlassen, den für die Osterzeit vorgeschriebenen Regeln nachzukommen! Sie meinte, noch den an ihre Kindheit, ihre Heimat gemahnenden Klang der Knabenstimmen in St. Peter und den Gesang während der »Tenebre« Vom lateinischen tenebrae-Finsternis. Die sogenannte ›Rumpelmette‹ am Karfreitagnachmittag. Anmerkung der Übersetzerin. in der halbdunkeln Basilika zu hören: auf den Stufen eines Altars sitzend, hatte sie der heiligen Musik gelauscht wie eine Sklavin, die unvermutet einen Sang aus der fernen Heimat vernimmt. Addio! Addio! Der Glaube erstarb in ihr, aber das Heimweh danach blieb.

Wohin dieser erste entscheidende Schritt sie führen würde – sie wußte es nicht. Sie meinte gewissenhaft zu handeln und empfand doch Furcht, Unrecht zu tun. Mit aller Macht der Erinnerung hielt die Vergangenheit sie noch immer fest umschlungen. Sie gedachte des Zaubers, den Rom, die heilige Stadt, mit ihren Klöstern, Kirchen, Basiliken, mit den Feierlichkeiten, um derentwillen die Fremden dorthin pilgern wie einst nach Jerusalem, aus der Ferne auf sie ausgeübt, als sie noch jenseits der Mauer der Heimatberge davon träumte. Das alles war verschwunden! Sie blickte um sich als wollte sie wenigstens eine Spur der erträumten Stadt suchen. Aber von ihrem Platze aus sah sie nur Beete voll Hyazinthen in allen Farben und die mit dem ersten zarten Grün bekleideten Bäume der Alleen. Der Himmel war silberhell, hier klar, dort dunstig, und lichte blaue Streifen wechselten mit rosig-weißen Wölkchen so zart wie Pfirsichblüten, die, aus entlegenen Wiesengründen verweht, in der Luft schwebten. Alles war Frieden und Lieblichkeit unter diesem milden Himmel. Die Räder der Wagen, die Geschirre der Pferde, die Knöpfe an den Uniformen der Wächter glänzten im silbernen Licht wie im Widerschein des Mondes. Es war als wäre die ganze Welt aus reinem, hellem Metall gebildet, und silberhell klang auch der Gesang der Nachtigall. Wenn die Allee vor ihr leer war, so blickte sie auf eine Balustrade, die wie eine Scheidewand zwischen dem Garten und einem unsichtbaren Bereich erschien. Es war als stiege der den Horizont verhüllende lichte Duft von der Stadt auf wie von einem bewegten Meer. Dort unten war Rom: nicht die von ihr erträumte heilige Stadt, sondern eine Stadt des Lebens, in der alles Regung und Bewegung war. Und wie vor dem Meer empfand sie ein Gefühl von Bewunderung und von Furcht.

Der Schritt, den sie jetzt getan, würde sie vielleicht dort hinunterführen. Sie hatte ja nichts zu tun, nun, da sie nicht mehr zur Kirche ging! Und Francesco wollte auch nicht, daß sie zwischen den Kranken weilte. Was sollte sie denn tun? Sie hatte Zeit, Geld, Freiheit, und manche Frau hätte sich wohl eines so glücklichen Loses gefreut; sie aber gedachte, gegen ihren Willen, noch der Ermahnungen des Onkels Kanonikus. Das Verlangen nach einem Kinde ward mächtiger in ihr, je mehr die Zeit hinging und dieses Verlangen nicht zur Wirklichkeit wurde. Aber auch diese Sehnsucht entsprang einer trüberen Quelle als dem Wunsche ihr Leben in dem eines andern Wesens fortgesetzt zu sehen. Unter dem weiten Himmel Roms atmete sie noch immer die dumpfe Luft des Vaterhauses. Sie sah ihre Mutter und Paska vor sich, wie sie in der Karwoche das Korn reinigten. Ostern stand vor der Tür: man mußte weißes Brot bereiten, süße Brote wie zur Zeit der Hebräer. Und ohne zu gewahren, daß sie noch in biblischen Zeiten lebte, klagte Signora Zoseppa, die Zeiten wären andere geworden, und erzählte von ihren Eindrücken als junges Mädchen, als Braut, als Gattin.

»Ich kann wohl sagen, das waren noch gute Zeiten! Mein Mann hat mich nicht geküßt vor dem Tag unserer Hochzeit und nachher hat er nie die Farbe meines Leibchens gesehen. Der Mann war zu jener Zeit der Bruder, der Vater seiner Frau. So hat es Gott geboten. Jetzt ... jetzt leben wir in einer rohen Welt. Gibt es doch Eheleute, die wünschen keine Kinder zu bekommen! Und warum habt ihr euch alsdann verheiratet, lieben Leute?«

Nachdem sie diese Frage getan, in die sie allen Sarkasmus legte, dessen sie überhaupt fähig war, pflegte sie zu verstummen als erwarte sie eine Antwort. Doch wer vermochte ihr zu antworten? Paska hatte einmal gewagt scherzend zu erwidern: »Sie verheiraten sich aus Eigennutz, um sich Paläste mit eisernen Balkons zu bauen ...«

Aber die Herrin hatte sie so traurig und streng angesehen, daß jene den Scherz nicht wiederholt hatte. Doch sie hatte gefragt: »Und wenn der Herr keine Kinder schickt?«

»Wenn ich kein Kind bekommen hätte, so hätte ich eins angenommen, eine Waise oder ein Kind armer Leute. So sollen christliche Frauen tun. Ich verzweifelte schon vom ersten Monat an. Heute hingegen will niemand mehr Kinder haben..«

Und Gavina dachte an Michela und das Kind, das in diesen Tagen zur Welt kommen sollte. Nach Priamos Tod war Michela nicht wieder gesund geworden; es hatten sich Ohnmachten und Bluthusten eingestellt, und Gavina, die ihre ehemalige Freundin als eines ihrer Opfer ansah, erwartete von Tag zu Tag die Nachricht ihres Todes: wenn das Kind leben blieb, wünschte sie es anzunehmen.

Und gerade an jenem Ostertage traf ein Brief von Luca ein, der immer im Namen der Mutter schrieb; unter den übrigen Nachrichten in seinem Briefe sprach er auch von Michela: »Sie hat ein schönes, blondes, kräftiges und gesundes Mädchen bekommen, und Zia Itria ist Patin geworden.«

Gavina teilte die Nachricht Francesco mit, und als sie gegen Abend spazieren gingen, sagte sie: »Wie nichtssagend ist doch Ostern in Rom! Ich hatte mir unter der Osterwoche in Rom etwas Phantastisches, Mittelalterliches vorgestellt. Ich dachte, es müßten Pilger daherkommen, die Pilgertasche umgehängt, und fast hätte ich erwartet, die Stadt würde sich in Finsternis hüllen wie Jerusalem beim Tode Jesu. Erinnerst du dich noch der Karfreitagsprozession zu Hause, als ich mich umwandte und dir sagte, du wärest ein Dummkopf?«

»Sehr gut erinnere ich mich!« erwiderte Francesco.

And während sie über die von violettem Dämmerlicht und dem Duft der wieder auflebenden Gärten erfüllte Piazza Barberini gingen, überließen die Beiden sich den einfachen Erinnerungen ihrer Vergangenheit. Gavina hatte eine Absicht dabei: nachdem sie von den Reden erzählt, die ihre Mutter geführt während sie das Getreide für das Osterbrot reinigte, sagte sie: »Wenn Michela stirbt, so will ich meine Mutter bitten, das Kind zu sich zu nehmen.«

Er sah sie an und lachte. Sie aber blickte beharrlich vor sich hin, und ihr Gesicht nahm einen harten Ausdruck an.

»Bedenke doch, was deine Mutter dir antworten würde!« sagte Francesco.

»Das ist wahr! Sie würde sagen, ich wäre verrückt! Und so ungefähr denkst auch du in diesem Augenblick. Sag' es nur, sage nur die Wahrheit ...«

»Michela wird nicht sterben ... Keine Sorge: sie wird sich trösten und vielleicht diesem blonden Schwesterchen ein dunkles Brüderchen schenken ...«

Gavina begriff, daß er ihren Gedanken erraten hatte, ihn aber nicht billigte. »Sag' mir die Wahrheit«, beharrte sie, »findest du meinen Gedanken überspannt?«

»Deiner Mutter würde er freilich überspannt vorkommen.«

»Meiner Mutter? Ach du hast doch ganz gut verstanden, was ich meinte.«

»Kurz und gut: du möchtest das Kind zu dir nehmen?«

»Zu uns ... natürlich nur wenn du damit einverstanden wärest.«

Er schwieg einen Augenblick. Dann fragte er: »Du sprichst im Ernst? Du willst es also nicht machen wie deine Mutter, die vom ersten Monat an verzweifelte? Und wenn wir nun selbst Kinder bekommen?«

»Aber du glaubst, ich dächte wie meine Mutter? Errätst du wirklich meinen Beweggrund nicht? Wenn du für die Geburt eines Kindes in irgend einer Weise verantwortlich wärest, würdest du es nicht zu dir nehmen? Ach, jetzt lachst du noch gar? Ja, so bist du! Zuerst setzest du mir Ideen in den Kopf und nachher lachst du über mich! Das hätte ich mir denken können!«

»Wie, ich bin's, der dir die Idee in den Kopf gesetzt hat, Michela hätte durch deine Schuld ein Kind bekommen? Sag' du jetzt die Wahrheit: hab' ich das getan?«

»Du hast es mir nicht direkt gesagt, aber ... du hast es mir zu verstehen gegeben!«

»Niemals! Du hattest keinerlei Verantwortung dafür. Aber im übrigen: warum willst du ein Kind seiner Mutter wegnehmen? Michela kann es sehr gut aufziehen, und das ist besser und weit moralischer. Die Erfahrung wird sie lehren es besser zu erziehen als sie erzogen worden ist.«

»Aber ich sagte doch: wenn sie stirbt.«

»Nun, so laß sie doch erst sterben! Nachher werden wir sehen.«

Michela starb nicht, und Gavina sprach nicht mehr von ihrem Vorhaben. Doch wie die Zeit hinging, und ihre Hoffnung auf ein Kind sich verminderte, empfand sie Langeweile und eine gewisse Leere. Sie nahm ihre alte Lebensweise wieder auf, saß Stunden und Stunden mit einer Handarbeit am Fenster und betraf sich manchmal dabei, daß sie betete!

Außer dem Signor Zanche und einigen andern Landsleuten sah sie niemand bei sich. Die langen Frühlingstage stimmten sie schwermütig. Sie wünschte nichts, weil sie meinte alles zu haben – oder weil alles, was sie hätte wünschen können, ihr unerlaubt und gleichzeitig inhaltlos erschien. Luxus und Vergnügen, Reisen, Ansehen, Leidenschaften erachtete sie als unnütze, ja schädliche Dinge. Wir sterben: alles hat ein Ende, alles ist eitel! Stundenlang konnte sie vor einer der Fontänen in Villa Borghese sitzen und sich langweilen wie sie sich in den endlosen Sommerdämmerungen gelangweilt, die sie am Fenster ihres Elternhauses verbracht hatte. Sie besaß Naturempfinden, gewahrte das Farbenspiel des Landschaftsbildes und vernahm die Stimmen der Dinge; aber ihre Genußfähigkeit war so verkümmert, daß der Widerschein der Schönheit in der eigenen Brust sie nicht anzuregen vermochte. Sie genoß höchstens das melancholische Vergnügen des Anschauens: doch wie weit lag die Zeit schon hinter ihr, da sie sich ihrer geringen Empfänglichkeit freute! Jetzt verspürte sie die selbe Langeweile, die selbe Traurigkeit wie einst, aber sie begriff auch, daß beide in ihr lagen, nicht in den sie umgebenden Dingen. Am sie her pulste und kreiste intensives Leben – sie aber vermochte es nicht anders widerzuspiegeln als das dunkle, grünliche Wasser der Fontäne die Landschaft und den Himmel widerspiegelte: trübe und verworren. Das Leben entglitt ihr: es erbrauste ringsum, es war in der Natur, den Menschen, den Dingen; selbst die Bäume, die Blätter, das Wasser der Fontäne erschauerten bei seinem Hauch; selbst die kleinen Blinden und Taubstummen, die alle Tage hierherkamen, um auf dem Rasen zu spielen, überließen sich seiner Liebkosung: sie lebten, hofften, freuten sich. Gavina betrachtete und beneidete sie: sie fühlte, daß zwischen ihr und dem Leben Feindschaft herrschte – doch wenn sie einst sich des gefreut, so empfand sie jetzt tiefen Schmerz.

Im Juni kam, nach langem Schweigen Lucas, ein Brief vom Kanonikus Sulis. Und noch bevor sie ihn öffnete, erriet Gavina den traurigen Inhalt: mit Eintritt der Hitze war Luca wieder erkrankt.

»Seit einiger Zeit hatte er ein recht ordentliches Leben geführt«, schrieb der Onkel, »aber ein merkwürdiger Vorfall, den ich Dir doch mitteilen möchte, hat ihn von neuem umgeworfen. Du würdest es kaum erraten: er will heiraten! Bevor er erkrankte, war er sehr viel im Hause des Sebastiano Murru. Was er dort wollte vom Morgen bis zum Abend, das weiß man nicht. Tatsache aber ist, daß er vor zehn oder zwölf Tagen Deine Mutter bat, zu Sebastiano zu gehen und für ihn um die Hand von dessen Tochter anzuhalten, der unglücklichen Michela, deren Schicksale Du ja kennst. Natürlich nahm Deine Mutter das Ansinnen übel auf. Aus Trotz fing Luca wieder an zu trinken und am Mittwoch wurde er aufs neue von seinem Leiden heimgesucht. Jetzt haben die Krampfanfälle aufgehört, aber er ist in einem Zustand tiefer Schwäche und hat ausdrücklich versprochen, nicht mehr zu trinken. Dieses Versprechen, das ich dem Gelübde der Schiffer während des Sturmes gleich achte, tröstet Deine Mutter sehr. Sie ist bei guter Gesundheit und besitzt eine Seelenstärke, wie sie eben nur tugendhafte Frauen haben können. Immerhin bedürfte sie Eurer Gegenwart, um wieder Mut zu fassen. Ich höre, daß Du und Francesco beschlossen habt, eine Reise nach der Schweiz und Deutschland zu machen. Reisen sind sehr lehrreich, und ich billige Francescos gute Absicht, Dich die Welt kennen zu lehren; aber dem Vergnügen geht die Pflicht vor, usw. usw.«

»Luca verliebt? Kannst du dir das vorstellen? Dahinter steckt wohl Michelas Verlangen, sich zu rächen!« sagte Gavina und sie wußte nicht, ob sie darüber lachen oder weinen sollte. »Im Vergleich zu ihr ist Luca reich. Wenn sie ihn dahin bringt, sie zu heiraten, dann macht sie gerade kein schlechtes Geschäft!«

Sie las den Brief nochmals und hatte das Empfinden, daß der anscheinend lächerlichen Idee etwas Trübes, ja Tragisches innewohne.

Francesco aber meinte: »Warum sollten Luca und Michela, vielleicht geeint durch das Gefühl ihres Unglücks, nicht einander lieben?«

Der Kanonikus Sulis schrieb noch einmal. Es ginge Luca besser und er spräche nicht mehr vom Heiraten. Dann schrieb er selbst wieder im Namen der Mutter, berichtete über die Ernte, das Wetter, Paskas Gesundheit und die Vorfälle in der Nachbarschaft – von Michela aber sprach er nicht mehr. Und hierdurch beruhigt, beschlossen Francesco und Gavina, in diesem Jahr die Heimat nicht wieder aufzusuchen.

Sie reisten. Gavina sah weit höhere Berge als die ihrer Heimat und lernte die süß-sehnsuchtsvollen Abende, die melancholischen Nächte am Meeresstrand kennen. Die Vergangenheit trat allmählich zurück, bisweilen aber empfand sie wirkliches Heimweh, Verlangen nach alle dem, das ihr bis dahin widerwärtig vorgekommen war. Wie aus der Ferne gesehene Berge erschien ihr jetzt all das Zurückliegende in blauem Duft.

*

Erst im September des folgenden Jahres besuchte sie mit Francesco zusammen ihre Insel. Nichts war verändert! Paska weinte, Luca errötete, als Gavina – zum erstenmal in ihrem Leben – ihn küßte; doch dieser Zärtlichkeitsbeweis überzeugte ihn nicht, daß ihre Gefühle sich gewandelt hätten. Er fing alsbald wieder an, sie mit Mißtrauen zu betrachten und ihr auszuweichen.

Der Kanonikus Sulis fand, auch sie sei nun frisiert wie die »Weltdamen« und versuchte sie zu zausen, wie er es früher getan. Sie betrachtete ihre Verwandten, als sähe sie sie zum erstenmal: nichts an ihnen hatte sich verändert, aber sie sah sie endlich in ihrer wahren Gestalt als arme Kreaturen, auf denen ein trübseliges Geschick lastete.

»Ich möchte eines wissen«, sagte der Onkel Kanonikus, sobald er mit Gavina allein war. »Weshalb kam Francesco damals hierher, wenige Tage nach Eurer Abreise?«

Sie tat, als erinnere sie sich nicht recht. »Ich glaube ... mir scheint, er war als Zeuge vorgeladen.«

»Wie? Was? Ihr erinnert Euch des nicht?«

»Es ist schon so lange her!«

*

»Wie glücklich seid Ihr, daß Ihr so schnell vergeßt!« sagte er und stampfte mit dem Fuß. »Ich weiß noch, was vor fünfzig Jahren geschehen ist.«

»Ich nicht!«

»Ach Ihr seid ja unverschämt!«

»Aber Onkel, sagt mir nur eines. Wenn Euch so viel daran liegt, eine Sache zu erfahren, die mich nicht sehr interessiert, warum wendet Ihr Euch nicht an Francesco?«

Er erwiderte, anscheinend scherzend: »O, man erfährt doch alles, das sage ich Euch! Man hört es von Fremden. Alle wissen, daß er hierherkam, um bei dem Richter einen Brief des unglücklichen Priamo Felix zu hinterlegen. Aber an wen war der Brief gerichtet?«

»Da seid Ihr besser unterrichtet als ich«, sagte Gavina und wendete sich nach der Tür. Er aber eilte ihr nach und faßte sie beim Arm.

»Alle sagen, er wäre an Euch gerichtet gewesen. Versteht Ihr? Und ich, Euer Onkel, ich habe mir dieses Rätsel nie erklären können.«

»Ihr werdet es auch nie erklären! Und jetzt laßt mich! Laßt meine Haare in Ruhe!«

»Auch Eure Haare sind schon verteufelt! Ja, das sah ich kommen!« Er schob sie von sich.

Sie hätte gern mit einem Scherz geantwortet, doch sie war traurig und sagte nur: »Alles in der Welt ändert sich!«

Sie ging in den Garten und setzte sich unter die Steineiche. Der Abend sank herab: an dem lichtgrünen Himmel neigte der neue Mond sich zum Untergang, und über den Bergen kamen die Sterne zum Vorschein. In der ganzen weiten Runde hatte sich nichts verändert; sie aber dachte über die Worte des Onkels nach und als sie das Ave-Maria läuten hörte, bekreuzte sie sich nicht einmal.

Nach dem Abendbrot ging Francesco mit Luca aus. Obwohl sie recht müde war, wartete sie bis ihre Mutter zu Bett gegangen war und ließ sich dann von Paska erzählen, was seit ihrem Fortgehen vorgefallen war.

»Einmal schrieben sie mir, Luca wollte Michela heiraten. Erzähle mir alles! Nein, erst sage mir, was du dachtest, als Francesco so bald nach unserer Abreise hierherkam.«

»Oh, wir waren ganz erschrocken! Er sagte gleich, der Untersuchungsrichter habe ihn als Zeuge geladen. Aber wir glaubten es nicht. Meine Herrin weinte die ganze Nacht. Sie dachte, Ihr hättet Euch gezankt. Aber als er ebenso vergnügt wieder abreiste wie er gekommen war, gaben wir uns zufrieden.«

»Und was sagten die Leute?«

»Fast niemand wußte von seinem Kommen. Als man hernach hörte, der unglückliche Priamo hätte sich das Leben genommen, da sagten alle, Francesco hätte dem Richter einen Brief übergeben, den Priamo an dich geschrieben hätte. Aber niemand hat je erfahren, was darin stand.«

»Aber warum an mich und nicht an jemand anders?«

»Das ist's ja gerade, was man nicht weiß! Wieviel haben sie mich danach gefragt unten am Brunnen! Sie meinten, er hätte an dich geschrieben, weil du die Freundin der unglücklichen Michela warst.«

Gavina sah nachdenklich vor sich hin. Dann aber warf sie in ihrer alten Art stolz den Kopf auf, wie um die Bilder der Vergangenheit weit hinwegzuscheuchen. Doch, von einem peinlichen Gedanken gequält, fragte sie: »Und meine Mutter, was sagte sie?«

»Sie hat sehr gelitten unter dem Geschwätz der Leute und sogar mit Luca und dem Kanonikus gestritten. Sie sagten, Gavina und Francesco hätten sich uns anvertrauen müssen. Sie sagten dies, sie sagten das. Meine Herrin aber antwortete: sie sind jetzt frei zu tun, was ihnen gut scheint. Wenn sie sich uns nicht anvertrauen, so heißt das, daß sie ihre Gründe dafür haben. Aber, die Wahrheit zu sagen, mir gegenüber hat sie sich doch mitunter beklagt. Und, die Wahrheit zu sagen, auch ich möchte ... ich verlange nicht, deine Geheimnisse zu wissen, aber ...«

»Die Wahrheit zu sagen, ich weiß von nichts!« unterbrach Gavina. »Und nun erzähle mir die Geschichte von Luca!«

Ein wenig gekränkt durch Gavinas Mangel an Vertrauen, fing Paska an zu erzählen und fuhr sich zwischendurch mit dem Finger über die Augen. Lucas Roman war ein wenig verwickelt. Bald nach der Abreise der Schwester hatte er eines Tages Michelas Vater aufgesucht, um sich von ihm eine besondere Art des Okulierens zeigen zu lassen. Er wollte auf einen Mandelbaum ein Pfirsichreis pfropfen, damit die Pfirsiche statt der Kerne inwendig süße Mandeln trügen. Der Bauer Bustià verstand sich auf solche Geheimnisse der Natur; Luca hatte auch nach seiner Anweisung das Propfen vorgenommen – das ihm indes nicht nach Wunsch geglückt war – und dann weiterhin sein Haus besucht, heute unter diesem Vorwand, morgen unter jenem. And eines Tages war er nach Hause gekommen, mit Michelas Kind auf dem Arm ...

»Ist es ein schönes Kind?« fragte Gavina.

»Wie kannst du denken, die Frucht der Todsünde wäre schön? Es ist häßlich!«

»Aber ihr schriebt mir doch, es wäre schön!«

»Wer hat dir das geschrieben? Er, der kindische Mensch. Übrigens mag es ja auch schön sein, aber für mich ist es so häßlich wie ein Teufelskind. Und nun höre! Das erstemal war deine Mutter ganz freundlich gegen das Kind. Schließlich ist es ja doch eine kleine Christin, ein Geschöpf Gottes. Und sie gab ihm auch ein Biskuit. Aber den Tag darauf kam Luca wieder mit dem Kind. Nun, ein-, zweimal mag das angehen, auch dreimal. Daß er aber schließlich verlangte, ich sollte das Kind stundenlang verwahren, das war doch zu arg. Meine Herrin tadelte das auch und ich fragte ihn, ob er verrückt wäre. Da wurde er böse. Zuerst sagte er, er wollte das Kind adoptieren und zu seiner Erbin ernennen. Niemand hat das kleine Wesen lieb, sagte er; alle, sogar der Großvater, sogar die Mutter verachten es und stoßen es von sich. Nur Zia Itria hat etwas für das Kind übrig, aber sie hat an anderes zu denken. Und ich will dieses Kind annehmen, gerade weil niemand etwas von ihm wissen will. Ich pfeife auf euch alle. Auch mich hat niemand lieb. So werde ich wenigstens eine Tochter haben! – Ich sagte ihm, dann werden sie sagen, es wäre wohl wirklich dein Kind, und du solltest doch die Mutter heiraten! Ich sagte das natürlich im Scherz; das heißt, ich war ärgerlich, aber ich sagte es im Scherz. Ja und da erklärte Luca, er wolle Michela wirklich heiraten, und er wurde wütend, als ich ihm sagte, er wäre toll ...«

Gavina lauschte, und mitunter lachte sie, um danach wieder nachdenklich zu werden. Also Luca hatte den selben Wunsch gehabt wie sie: das Kind zu adoptieren, die Frucht der Todsünde. So glichen sie einander doch in etwas, wie sie auch bisweilen gemeint hatte. Der Wirklichkeit des Lebens gegenüber waren sie hilflos bis zur Ohnmacht; sie hegten beide Verlangen nach Außergewöhnlichem und erträumten sich eine Welt, die der Wirklichkeit nicht entsprach. And sie hatte geglaubt, eine andere zu sein als er!

»Und jetzt?« fragte sie.

»Soll ich dir die Wahrheit sagen?«

»Freilich!«

»Gut, so höre! Nach seiner Krankheit hat er nicht mehr vom Heiraten gesprochen und auch das Kind nicht mehr mitgebracht. Aber er ist immer da, in dem Hause ... es ist gerade, als ob ein böser Zauber ihn dorthin lockte. Aber ...«

»Weiter Paska! Warum weinst du? Was hast du?«

»Das fragst du? Ich fürchte, dir Verdruß zu bereiten.«

»Mir? Warum? Weil Luca alle Tage bei Michela ist?«

»Ach ja«, sagte die Alte spöttisch, »es ist wahr, du kommst aus der großen Stadt! Der Kanonikus sagt, in den großen Städten lebten alle in Todsünde. Ja, darum wunderst du dich über nichts mehr!«

»Aber was tut Luca dort? Das möchte ich wissen.«

»Er sagt, er ginge nur, um das Kind zu sehen. Ist das möglich? Glaubst du, daß ein Mann in aller Unschuld Tag für Tag zu einer Frau geht, die nicht einmal einem Geistlichen gegenüber Bedenken gehabt hat?«

Die Frage war ernst. Gavina wagte nicht, sie zu entscheiden. Aber während sie in ihr Zimmer hinaufstieg, fragte sie sich, bis zu welchem Punkte Paska recht haben könne. Nicht daß Luca im Kaufe Michelas aus- und einging, ärgerte sie: sie hatte sich so daran gewöhnt, ihn als ein untergeordnetes Wesen anzusehen, daß sie trotz des Mitleids, das sie jetzt für ihn empfand, ihn für unwürdig hielt, die Liebe einer normalen Frau zu gewinnen. Aber sie hätte gern gewußt, welche Empfindungen Michela bewegten. In dem großen, leeren Zimmer, in dem nichts verändert war, standen die Gespenster der Vergangenheit wieder auf und umringten sie. Sie legte sich nieder, aber sie löschte das Licht nicht: über sich sah sie wieder die niedrige, blaugrau angestrichene Holzdecke; auf der Kommode zeigte die alte Uhr immer die selbe Stunde; und die schillernden Bienen auf den Rosen des gläsernen Gärtchens hatten sich nicht gerührt. Als Francesco eintrat, kam es ihr ganz seltsam vor, einen Mann in ihrem Mädchenzimmer zu sehen.

»Ich bin mit Luca bei einem Bauer in der Ogliastra gewesen, der sehr guten Wein hat«, sagte er mit belegter Stimme. »Nur ein wenig zu stark! Ich habe mir beinahe einen kleinen Rausch geholt. Nun, das schadet nichts, es vertreibt die Reisemüdigkeit.«

»Bravo! Nun brauchst du nur Lucas Beispiel zu folgen! Aber was tust du da?« Nachdem er barfuß durch das Zimmer gegangen war, öffnete er das Fenster.

»Der Mond ist schon untergegangen«, sagte er. »Erinnerst du dich noch der Nacht, als ich hierherkam um nach Luca zu sehen? Der arme Teufel! Weißt du, daß er heiraten will?«

»Michela?«

»Nein, die Tochter des Bauern aus der Ogliastra.«

»Des Mannes mit dem starken Wein? Hast du sie gesehen?«

»Ich? Nein! Sie ist in ihrem Dorfe. Auch Luca kennt sie nicht, er hat nur von ihr sprechen hören und hat ihr die Rolle Melisendas zugedacht.«

»Morgen wird er wohl auf den Gedanken kommen, Paska zu heiraten, nun er einmal angefangen hat!«

»Weißt du, was ich ihm gesagt habe, um ihn zu bestimmen, Junggeselle zu bleiben? Daß er bald einen Neffen bekommen würde.«

»Ja, morgen!«

»Warum verzweifelst du daran? Was bis heute nicht geschehen ist, kann morgen geschehen. Aber denke auch einmal, wie traurig es wäre, wenn unser Sohn stürbe. Du würdest vor Kummer sterben, des bin ich gewiß. Aber er könnte ja auch leben. Es würde ein hübscher Junge sein, mit blauen Augen wie die deinen, aber mit fröhlichem Sinn wie ich. And dann würde er in die Schule gehen ... in die Volksschule natürlich. O, ich werde ihn nur in die Volksschule schicken, weißt du ... Von Privatunterricht mag ich nichts wissen. Privatlehrer sind meist Leute von schwachem Charakter, unterwürfig, servil ... Mein Sohn ...«

Er redete im Ernste, ein wenig gerührt.

»Der starke Wein des Mannes aus der Ogliastra hat dich sentimental gemacht!« sagte Gavina. Aber sie hörte ihm ganz gern zu und schlief ein in der Hoffnung, er möchte die Wahrheit verkünden.

Am andern Tage, vom frühen Morgen an, begannen die Besuche der Verwandten, der Nachbarn, der Augenkranken, die wünschten, Francesco möchte sie untersuchen. Während Gavina die Besuche empfing, richtete er mit Lucas Hilfe ein Zimmer im ersten Stock als ärztliches Sprechzimmer her und ließ auf der Stelle einige Kranke vor.

Erst gegen Abend gingen sie aus. Als sie an Zia Itrias Haus vorüberkamen, sahen sie die dicke Alte auf ihrer Steinbank sitzen und blieben bei ihr stehen.

»Geht es Euch gut?« sagte Gavina und streichelte das behäbige Gesicht. »Morgen will ich Euch besuchen!«

Aufs äußerste erstaunt und beinahe gerührt erhob die Alte sich und sagte gerade heraus, sie finde ihre Nichte sehr verändert.

»Zum guten, nicht wahr?« fragte Francesco, Gavinas Schulter umfassend.

»Zum guten!« bestätigte Zia Itria.

Nachdem sie das Armenviertel durchschritten hatten, gingen die jungen Eheleute die Landstraße hinunter. Gavina wandte sich und betrachtete das Haus Michelas und das Fenster, an dem sie das dunkle Gesicht Francescos zum erstenmal gesehen hatte. Wie viele Erinnerungen! Bei jedem Schritte erwachten sie, geleiteten sie die Straße entlang und richteten sich hier und da gleich Meilensteinen auf. Der Abend sank herab; ein herbstlicher Abend bereits: große, weiße, vom Monde vergoldete Wolken bedeckten fast den ganzen Himmel und standen unbeweglich vor dem tiefblauen Grunde. Das Gebirge lag im Schatten, aber zur Rechten wie zur Linken war das Tal weithin sichtbar: die grünen Buschwälder und die schwarzen Schatten der Felsen hoben sich scharf von dem gelblichen Erdreich ab, auf dem die Stoppelfelder wie Wasser glänzten; und das ganze Landschaftsbild, von den in silbernen Duft gehüllten Bergen bis zu den Umrissen der kleinen Stadt, die dunkel vor dem lichten Gewölk hervortraten, schien in einen phantastischen Traum versenkt.

Gavina gedachte der Abende, an denen sie mit Michela zum Brunnen hinunterging, der fernen Feuer auf dem Rodeland, der ganzen traurigen Poesie ihrer Vergangenheit, die wie jene melancholischen Feuer ihren Glutschein weithin warf, bis auf die Gegenwart, bis auf die Zukunft. Und obwohl Francesco sie umfaßt hielt wie ein Bräutigam und von freundlichen Dingen zu ihr sprach, war sie traurig.

Als sie zurückkehrten, sah sie hinter dem erleuchteten Fenster Michelas einen Schatten vorübergleiten und hörte das Weinen eines Kindes; da blieb sie stehen und blickte hinauf, wie gebannt von dem hellen Fenster und der Kinderstimme. Die Gasse hatte sich belebt. Den Tag über erschien jener Steig, der sich zwischen halb zerfallenen Hütten aufwärts wand, wie der Überrest einer Straße eines verlassenen Ortes: weder Hühner noch Hunde waren zu sehen; die Leute hier waren so arm, daß sie außer ihren zur Feldarbeit nötigen Ochsen und allenfalls ein paar Katzen keine Haustiere besaßen. Nur abends tauchte hier und da eine hagere Gestalt auf; man hörte das Rollen der Karrenräder, den langsamen, schweren Tritt der melancholischen Ochsen. Gavina kam es vor als beträte sie diesen Ort des Elends zum erstenmal. In dem herrschenden Zwielicht sah die Gasse aus wie ein finsterer Strom zwischen öden Felsen; hin und wieder kauerten Männer und Weiber aus dem Boden und schwatzten in seltsamem Ton. Als sie das Rauschen von Gavinas Röcken hörten, verstummten alle. Francesco grüßte sie mit lauter Stimme, die eine oder andere Frau beim Namen nennend. Da rief von einer halb verfallenen Treppe herunter eine heisere, müde Stimme: »Doktor, ich habe alle Kinder krank, und das kleinste stirbt. Sehen Sie doch einmal nach ihm!«

»Nicolosa! Laß die Leute ruhig ihres Weges gehen«, sagte eine Männerstimme aus dem Dunkel unter der Treppe her.

»Ich will nur Gavina nach Hause bringen, dann komme ich gleich zurück«, sagte Francesco, nach oben blickend.

Aber Gavina blieb stehen. »Geh jetzt gleich hinauf«, sagte sie, »ich werde hier auf dich warten.«

Und während er die Treppe hinaufkletterte, setzte sie sich auf die Steine, die die untersten Stufen bildeten; und in einem Nu schnellten zehn, zwölf Gestalten wie Gespenster aus dem Dunkel hervor und umringten sie. Es waren zerlumpte Frauen, blutarme Mädchen, fieberkranke Kinder: die Glieder eines unterernährten, kindlichen, sich selbst überlassenen Volkes. Neugier, Verwunderung, Hoffnung auf eine Unterstützung und vielleicht gar das Verlangen nach Kunde aus einer fernen, ihnen unbekannten und phantastisch erscheinenden Welt trieben jene Gespenster zu dem Wesen hin, das so weit über ihnen stand und dennoch mitten unter ihren Ruinen Platz genommen hatte. Und nun taten sie Fragen, anfänglich schüchtern und ehrerbietig, dann immer dreister, schlauer, ja spöttischer, aber mit einem Spott, der auf die Fragenden selbst zurückfiel. Wie war Rom? Groß? Wie waren die Häuser? Wie war das Haus des Königs? So schön wie das Haus Gattulinus? (Großes Gelächter, auch von Seiten der Männer, die auf dem Boden liegen geblieben waren; denn das Haus Gattulinus war das elendeste in der ganzen Nachbarschaft.) Und die Straßen? Wie diese hier? Und wie sah der Papst aus? Aß er auch Gerstenbrot? Gab es in Rom auch Holzbirnen? Und mußte die Königin auch Korn schneiden?

Dann kamen vertrautere Fragen: »Signora Gavina, wie haben Sie es angefangen, so dick zu werden? Man sieht, daß Sie genug zu essen haben! Und warum haben Sie keine Kinder? Wenn Sie nicht die Mittel haben, sie aufzuziehen, dann schicken Sie sie nur uns!«

Gavina antwortete ohne sich zu ärgern, aber auch ohne sich darüber zu amüsieren. Der Humor dieser Leute, die ihr eigenes Elend kannten und es als eine Ironie des Schicksals hinnahmen, war ergreifender als irgendwelche Klage.

Aus der kleinen, offenen Tür oberhalb der Treppe drang das zornige, anhaltende Weinen eines Kindes. Doch niemand außer ihr achtete darauf: was hätte das geholfen? Francesco trat auf den kleinen Treppenpodest ohne Geländer, und während hinter ihm die Frau mit einem Laternchen leuchtete, beugte er sich vor wie über den Rand eines Abgrunds und rief hinunter: »He, ihr Frauen! Die Kinder haben die Mandelbräune! hütet die andern Kinder und laßt sie nicht zu ihnen!«

Gavina stand auf. Die grauen und schwarzen Gestalten in dem von oben kommenden schwarzen Lichtschimmer traten zurück und kauerten sich wieder im Schatten hin.

»Sind die Kinder sehr krank?« fragte sie und nahm wieder Francescos Arm. »Wieviele sind es?«

Er machte eine Bewegung, als wolle er etwas von sich werfen, und sagte nur: »Es ist ein Elend! Ein Elend!«

Als sie zu der von einer Laterne erhellten »Piazzetta« kamen, war der Kreis der Freunde Zia Itrias schon vollständig. Sie hörten die Baßstimme des »Invaliden«, die Weiberstimme des Zwergs. Francesco grüßte, und alle erwiderten ehrerbietig seinen Gruß. Doch kaum war das Paar vorüber, so erklang ungeziemendes Lachen und ein Laut wie von einer Kindertrompete, der alsbald durch Gelächter und Geschrei übertönt wurde. Dann hörte man die zornige Stimme Zia Itrias, etwas wie eine schallende Ohrfeige und das Weinen eines geprügelten Kindes.

Am andern Morgen sagte Luca zu Francesco, der Zwerg ersuche Gavina um eine Audienz.

»Eine öffentliche oder eine Privataudienz?« fragte Francesco und ging zu seiner Frau, ihr die Bitte mitzuteilen.

Da sie die Bitte gewährte, kam der Zwerg, der fast den ganzen Tag im Hause Zia Itrias zubrachte, mit einem gewissen Mißtrauen herangeschlichen und bevor er an Signora Joseppas Tür pochte, trat er an das Fenster des Speisezimmers und blickte durch die Scheiben wie die Kinder zu tun pflegten.

Gavina sah ihn, öffnete ihm selbst die Tür und lächelte, als ob sie wirklich ein Kind vor sich gehabt hätte. Dieser Empfang machte ihn vollends bestürzt; er fiel auf die Knie und faltete die kleinen Hände. Sie sah ihn ganz betroffen an: diese mageren und knotigen kleinen Hände verrieten das Alter des Männchens.

Er stotterte: »Das war ich gestern Abend ... ich war es ... und ich bitte um Verzeihung ...«

»Aber was hast du denn getan? Steh doch auf!«

»Ich ... ich, ja, den Lärm ...«

»Nun? Was war das für ein Lärm?«

»Wie? Haben Sie das nicht gehört?«

»Ich habe nichts gehört.«

»Die andern haben gesagt, ich hätte es getan, um mich über Sie lustig zu machen, und ich müßte Sie kniefällig um Verzeihung bitten, sonst wollten sie mich nicht mehr unter sich dulden. Sie haben ja auch recht: ich war ungezogen. Ich darf mir so etwas nicht herausnehmen ... es war recht dumm von mir!«

Er weinte. Gavina bückte sich, faßte ihn bei der Hand und nötigte ihn, aufzustehen.

»Aber wenn ich doch gar nichts gemerkt habe! Und nun haben sie dich so gequält. Das ist dumm von ihnen ... nur darfst du ihnen das nicht sagen! Und nun höre auf zu weinen, ich gebe dir auch etwas zu trinken.«

Er trocknete sich die Augen mit dem Hemdärmel und verdeckte sein Gesicht mit dem Arm.

»Was willst du trinken, Likör oder Wein?«

Er trank beides, etwas verschämt und betrübt, dann immer lustiger, dreister. Seine großen schwarzen Augen schauten ganz kühn in die Gavinas.

»Alle werfen mir meine Lustigkeit vor«, sagte er lachend. »Was soll ich denn anfangen? Soll ich mich aufhängen? Da Gott mich so geschaffen hat, muß ich mich damit zufrieden geben, sonst hieße das ja dem Schöpfer sagen: Du hast übel getan! Aber wir dürfen doch unsern Herrgott nicht bekritteln. Und das Leben ist kurz, wir müssen alle sterben. Wenn ich jetzt nicht lache, kann ich vielleicht lachen, wenn ich tot bin?«

Sie mußte ihm recht geben. Dann fragte er, ob sie nicht einen Impresario kenne, dem sie ihn als lebendiges Naturwunder empfehlen könne: Das war sein Traum. Die Hoffnung, eines Tages vor einem Publikum zu erscheinen, in einem Saale voller Lichter und beim Klange der Musik, machte ihn ganz närrisch: er konnte nicht mehr schlafen in der Nacht, wenn er an eine so glänzende Zukunft dachte!

Gavina versprach, ihn dem Signor Zanche zu empfehlen; und bevor sie ihn verabschiedete, ließ sie ihm durch Paska ein Körbchen Feigen bringen.

Aber in einem Nu wußte die ganze Nachbarschaft wie gut er aufgenommen worden war, und in den nächsten Tagen kamen die übrigen Freunde Zia Itrias, die armen Bauern aus der Nachbarschaft wie die Frauen, die sie umringt hatten, als sie auf der Treppe saß, klopften an ihre Türe und erbaten irgendwelche Gunst: Sie lebte in Rom, folglich war sie groß und mächtig und konnte alles haben, was sie wollte!

Die böse Witwe kniete vor ihr nieder: sie hatte geträumt, der König, in einem roten Gewand und die Krone auf dem Kopf, hätte freundlich zu ihr gesagt: wenn Gavina Sulis für deinen Sohn um Gnade bittet, werde ich sie gewähren.

Francesco hingegen empfing die Kranken. Das Speisezimmer verwandelte sich in ein Wartezimmer. Die Patienten waren ausschließlich arme Landleute, die an den verschiedenen Formen von Bindehautentzündung litten und ein ganz anderes Aussehen zeigten, als die, die Gavina in der Klinik zu Rom gesehen hatte. Sie taten den Mund nur auf, wenn sie gefragt wurden. Die Frauen mit ihren schwarzen Kopfbinden kauerten auf dem Boden, melancholisch und schweigsam wie blinde Sklavinnen; die Männer hingegen, auch die ärmsten, bewahrten eine würdevolle, ja stolze Haltung: manche von ihnen gemahnten an den geblendeten Simson und schienen wie er auf eine große Rachetat zu sinnen.

Paska und Signora Zoseppa sahen diese Invasion nicht gerade sehr freundlich an, und auch Gavina hätte gewünscht, Francesco möchte sich jetzt ausruhen. Aber als wäre er von einer Macht geleitet, stärker als sein Wille, so zog es ihn zu den Kranken hin, und ihr Anblick versetzte ihn gleichsam in einen Rausch, der bisweilen in fast grausamer Weise zutage trat. Er bemächtigte sich des Leidenden gleich einer Beute: er packte ihn, untersuchte und fragte ihn aus, wie wenn die Erkenntnis des Übels und das entsprechende Heilmittel von jenem selbst abhinge. Außerhalb jenes Sprechzimmers aber sprach er nicht mehr von Kranken und Krankheit, wie einer, der eine tiefe Leidenschaft hegt und niemanden daran teilnehmen lassen mag.

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