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Bis an die Grenze

Grazia Deledda: Bis an die Grenze - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGrazia Deledda
titleBis an die Grenze
publisherSüddeutsche Monatshefte G. m. b. H.
year1910
translatorE. Müller-Röder
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140311
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III.

Mit seiner in klaren Umrissen über die einförmige Linie der Berge des Marghine aufragenden Form gemahnt der Monte San Teodoro an einen Widder, der mit untergeschlagenen Beinen ruht, den Kopf aber nach Nordwesten hin emporreckt. In sternklaren Nächten sieht es aus, als wolle das ungeheure Tier den Großen Bären verschlingen, dessen funkelnde Räder sein Maul streifen. Spekulanten haben ihm sein Vließ von Wäldern genommen, und nun erscheint er zur Sommerzeit nicht bloß geschoren, sondern gar geschunden, blutig gelb mit bläulichen Flecken und von langen Streifen grünlich-grauen Gestrüpps gefärbt. Nur den Aals, bis zum Nacken, bedeckt ein Rest von Waldung gleich einer dunklen Mähne. Inmitten dieses Wäldchens aus Steineichen zeigt sich das Kirchlein San Teodoro wie eine halb in den Felsen eingegrabene Hütte, mit beinahe schwarzen Mauern und einem moosbedeckten Dach. Auch sein Inneres ist nackt und höchst einfach, doch die Wände um den Altar des Zeitigen her verschwinden fast unter einem Behang von seltsamen Votivgegenständen: Blumen aus Metall, Ringe mit dicken gelben und grünen Steinen, Rosenkränze mit goldenen Kreuzen; silberne Zahnstocher, die eine kriegerische Form haben, wie kleine Dolche gestaltet sind, oder wie Türkensäbel und mit Pfeifchen geschmückt; Knöpfe aus Filigran, die die Form konischer Früchte nachahmen; Schmucksachen, die in naiven Linien die Umrisse von Tieren darstellen, von Tauben, Lämmern, Pferden – kurz, lauter Dinge, die eine primitive Kunst vielleicht nach byzantinischen Vorbildern geschaffen hat. Zu diesen Schmuckgegenständen gesellen sich andere sonderbare Dinge, manche von schaurigem Aussehen. Ein Bauer hat seinen mit geschichtlichen Darstellungen verzierten Ochsenstachel gestiftet, ein Jäger sein roh geschnitztes Pulverhorn; eine Flechte von kastanienbraunen Haaren, die zwischen zwei Brustwarzen aus Wachs hängt, bewahrt das traurige Andenken an ein totes Mädchen. Da sind wächserne Hände, Beine, Finger, Füße, gelb und geschwollen wie Leichenteile. Eine nach Sassoferrato schlecht kopierte kleine Madonna in blechernem Rahmen senkt die großen Augenlider, als wolle sie dem schauerlichen Anblick all dieser Dinge ausweichen, die Gräbern entnommen sein könnten, und von denen jedes einzelne einen Schmerz bedeutet.

*

Zio Sorighe lebte ungern dort oben. Es kam ihm vor, als sähe er seine Langeweile widergespiegelt von den reglosen, blanken Augen und dem blassen, glänzenden Gesicht des kleinen Heiligen in rotem Kleid, der mit Ringen und Ketten bedeckt war wie ein Barbarenkrieger.

Zio Sorighe war immer ein geselliger Mensch gewesen. Er war von Natur fröhlich, liebte die Menschen und das Leben: und das Schicksal, das manchmal die Pessimisten bevorzugt und sie mit Gaben überhäuft – gleichsam um sie zu belohnen für die Huldigung, die sie durch ihre beständige Angst ihm darbringen – hatte den alten Dichter immer verfolgt. Er, der die Menschen liebte, war von ihnen verlacht worden; er, der die Arbeit haßte, hatte sich immer zu den bescheidensten und niedrigsten Arbeiten bequemen müssen. Und nun, in seinem Alter, lebte er hier in der Verbannung, verurteilt, aber nicht überwunden, und in seiner Einsamkeit harrte er der kommenden Feste und zählte, wie ein junges Mädchen, die Monate, die Wochen! Sein sehnlichstes Verlangen war, Menschen zu sehen. Wenn die Hirten, die es übernahmen, ihm seine Lebensmittel zu bringen, bei ihm verweilen konnten, so befragte er sie um die Ereignisse und Neuigkeiten aus »der Welt«, interessierte sich sogar für Leute, die er gar nicht kannte und war so neugierig und schwatzhaft wie ein Weib. Dann besuchte er sie auch in ihren Schäfereien und wenn er gegen Abend zurückkehrte, so wandte er sich manchesmal und blickte melancholisch nach den werdenden Serben: und jenes einzige Zeichen von Leben, jene großen, grauen Flecken, die langsam wie Wolken vor dem gelben Hintergrund der Kochebene hinzogen, genügte, ihn zu trösten. Abends betrachtete er die Feuer in der Ebene und den Bergen des Nuoresischen, die wie vom Firmament heruntergefallene Sterne aussahen. Er wußte, daß sich auf jenen Bergen große Wälder ausbreiteten und daß es dort so ungeheure Bergwände gab, daß die Felsen von San Teodoro im Vergleich damit wie Kiesel erschienen. Große Ströme entsprangen dort, und es gab Buschwälder, die das ganze Jahr blühten und so stark dufteten, daß man niesen mußte. Die Kälte erhielt in den Felsgrotten das Fleisch der von den Banditen geraubten Schweine und Ochsen Wochen und monatelang frisch. And die lebten dort oben wie zu Hause! Zio Sorighe hegte weder Liebe noch Bewunderung für die Banditen – aber er hätte doch lieber einer von ihnen sein mögen, um in Gesellschaft von seinesgleichen zu leben. Während der guten Jahreszeit war die ihn umgebende schöne und wilde Natur sein Trost: er beobachtete sie nicht, wie man auch die Personen, mit denen man lebt, nicht beobachtet; aber er empfand sie, wie Naturdichter sie empfinden müssen, die durch frische Bande mit ihr verknüpft sind und durch eine Verwandtschaft, die späterhin sich lockert und verschwindet. Er war unfähig, nur einer Fliege ein Leid zuzufügen, und wenn er einen Ast abhieb, meinte er, es müsse dem Baume wehtun. Wenn er nicht damit beschäftigt war, die Kirche zu putzen oder seine Kleider auszubessern, dann las er aufmerksam in einem Heft, das so gelb und zerknittert war wie ein altes Manuskript, und seine Dichtungen enthielt. Er hatte alle Ereignisse der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts besungen! Er hatte einen Hymnus an Pius IX. verfaßt, einen an Viktor Emanuel, einen an den Banditen Giovanni Tolu und einen an Eleonora d'Arborea; ferner viele Lobgesänge zu Ehren der heimischen heiligen und auch lustige Parodien auf heilige Lobgesänge. Er hatte die weibliche Schönheit besungen, doch nicht alle seine Verse waren für junge Mädchen gut zu lesen oder zu hören. Und in einer seiner letzten Dichtungen hatte er erzählt, wie er von einer reichen Witwe geliebt worden war, deren Tochter jedoch nach der Mutter Tod ihn aus dem Saufe getrieben hatte.

Unter dem Vordach seines Stäbchens sitzend, las er seine Verse mit lauter Stimme und blickte dann und wann auf, um zu sehen, ob jemand komme. Zwischen einer Eiche und einem Felsen, die sich zu einem Bogen gegeneinander neigten, dehnte sich eine weite, schwermutvolle Ferne. Die untergehende Sonne vergoldete allemal die Felsen, das Laub der Bäume und das ganze Gelände; sie färbte den Horizont lila und rot, und täuschte in den zartblauen Linien der fernen Berge das Meer vor. Manchmal sah der mit welker; Blättern bedeckte Boden aus, als wäre er mit goldenen Münzen bestreut. Einige junge, schlanke Steineichen, die sich licht über die andern Bäume aufreckten, waren von so zartem Grün wie Obstbäume. Und er schaute dorthin und träumte, wie ein Kind, dort wäre ein Garten mit fruchtbeladenen Birn- und Pfirsichbäumen. Nachts schwebte der Mond langsam zwischen dem Felsen und der Eiche vorüber und verschwand dann glutrot hinter dem aschgrauen Horizont. Er hörte die weidenden Schafe, den Ruf des Kuckucks, der so gleichmäßig klang wie der Schritt einer einsamen Schildwache, und mitunter trug der Wind bis hier herauf den Schall der Turmuhr aus dem in einer Einbuchtung des Gebirges gelegenen Dorf. Auf seinen mit trockenen Farrenkräutern gestopften Sack hingestreckt, hob er alsdann den Kopf in die Höhe, um zu horchen. Durch die Öffnungen im Dach sah er das Gefunkel der Sterne; Mäuse, Eidechsen, Taranteln und Spinnen umgaben seinen Schlummer; doch er lebte in Eintracht mit diesem Völklein und nahm es nicht übel, wenn die Eidechsen aus seinem Eimer tranken, oder die Spinnen zwischen seinem Brotvorrat Fäden spannen. Sie krochen ihm über das Gesicht, wenn er schlief, und ruhten sich auf seinen Haaren aus, als wenn sie Strauchwerk wären! Die andern Infekten belästigten ihn nicht mehr, denn seine Kaut war nunmehr so hart und dürr wie Baumrinde.

Und beim Einschlafen noch dachte er an seine Gedichte, an das Kirchenfest des kommenden Jahres und an die Witwe, die ihn heiraten wollte. Hörte er ein Geräusch in der Sakristei oder in der Kirche, so rührte er sich nicht. Er hatte keine Angst, aber er dachte bei sich, er möchte doch um alles in der Welt nicht die Pistole abschießen, die in einer Mauerfuge im Bereich feiner Hand lag. Mochten die Diebe auch San Teodoro ausplündern: die Pistole wollte er nicht anrühren, nicht einmal um sein Leben zu vereidigen. Aber sein Herz schlug so heftig als ob sich ein Rad in seinem Leibe drehe und alles in Anordnung bringe. Und wie der Herbst kam, wurde es noch schlimmer; auch wenn alles still war, litt er und wurde ganz schwermütig. Lange Nebelschleier verwehrten ihm jetzt, die fernen Hirtenfeuer zu sehen. Und wenn der Donner rollte, war es als ob der schöne Sommer auf einem schweren Karren von bannen zöge und all seine schönen Sachen mitnähme, die lichten Kleider wie die Musikinstrumente, gerade wie ein Festgeber nach dem Fest. Und dann war alles still. Es fielen keine Blätter, weil die Steineichen ihr Kleid im Frühling wechseln; aber das Laub ward dunkel und das am Boden liegende moderte. Alles war traurig! Wenn er im Walde Holz las, dann drang er bis zu dem Abhang vor, von dem das Dorf zu sehen war. Die Landstraße durchzog das Tal und die trostlose Seide wie ein Faden, der das kleine Dorf mit der übrigen Welt verknüpfte. Da unten war er geboren, aber wenige Erinnerungen verbanden ihn noch mit seiner Heimat, die er in dem selben Jahr verlassen hatte, als jene Landstraße eingeweiht worden war, ein Ereignis, dessen er ebenfalls in seinen Dichtungen gedacht hatte, sich mit ihr vergleichend, die durch Täler und Höhen zu andern Orten führt und fast nie innehält.

Eines Morgens, zu Anfang November, kam nun der neue, stellvertretende Pfarrer aus dem Dorf herauf, hinter ihm einige einfältige Weiber, und zelebrierte die Messe im Kirchlein. Dieses Ereignis erfüllte den Alten mit Freude. Priamo war sehr abgemagert und sehr gealtert, aber er schien zufrieden. Er zelebrierte die Messe mit einer Schnelligkeit, die Zio Sorighe in Erstaunen setzte, und wollte danach die Kisten in Augenschein nehmen, in denen die Paramente und Kostbarkeiten aufbewahrt wurden.

Die Sakristei stieß an das Stübchen des Küsters. Es war ein gewölbter Raum mit einem in der Höhe angebrachten, vergitterten Fensterchen. Auf der Brüstung dieses Fensterchens lag der Schädel eines jungen Menschen mit vorstehenden Kinnladen und unversehrten Zahnreihen, die sich im Winde bewegten und dem Schädel einen Anschein von Leben gaben.

Während der junge Priester sich umkleidete, fiel fein Blick auf den Schädel, und kaum hatte er wieder feine Soutane angelegt, so stürzte er zu dem Fenster, sprang mit ausgestrecktem Arm in die Höhe, erreichte aber doch den Schädel nicht. Da wendete er sich zu Zio Sorighe, der die Kisten öffnete, und rief: »Der muß da fort! Vergrabt ihn doch!«

Der Alte sah nach dem Schädel hin, ohne sich aufzurichten und sagte ruhig: »Der lag schon da, als ich noch ein Kind war. Sehen Sie hier!«

Aus den Kisten stieg ein Geruch von Kampfer und Moder auf, der Priamo Übelkeit erregte; es war wie ein Geruch nach toten Dingen, die in jenen zwischen den Felsen eingesargten rohen Sarkophagen ruhten wie prähistorische Schätze. Der Alte hob die roten, goldverzierten Paramente in die Höhe, die die Farbe welken Laubes angenommen hatten, die Altartücher, die so vergilbt waren als wären sie mit Safran gefärbt, und die wie Zebrafelle schwarz und gelb gestreiften Wolldecken, die an Festtagen als Teppiche dienten. And aus dem Grunde einer Kiste glänzte eine Metallschüssel wie der Mond in der Tiefe eines Brunnens.

Zio Sorighe nahm des weiteren ein Kästchen aus Asphodelus hervor, das durch einen Knopf aus Binsen verschlossen war, und öffnete es: es war voller Ketten und Ringe, die mit Karneolen und dicken grünen Steinen besetzt waren. Priamo betrachtete den Alten, der in diesem Tun den jüdischen Juwelenhändlern glich, wie sie ihre Waren den biblischen Frauen anbieten, und er dachte bei sich, mit der Hälfte jenes toten Schatzes hätte er sich ein anderes Leben schaffen können!

Der andere plauderte unterdes und kniff listig ein Auge zu. »Gefällt es Ihnen unten im Dorf? Was werden aber nun die Betschwestern in der Stadt anfangen? Meiner Meinung nach wird manche nach Ihrem Fortgehen Blut gespuckt haben vor Kummer.«

»Das Tuch da hat ein Loch. Sind hier Mäuse?«

»Ob hier Mäuse sind? Möchten uns doch ebensoviele Engel entgegenkommen in der Stunde unseres Todes! Aber die Mäuse können eher mein Herz zernagen, ehe sie in diese Kisten hineinkommen.«

»Wie steht es denn mit eurer Gesundheit?«

»Schlecht! Mein Herz klopft wie das eines verliebten Mädchens.«

»So geht doch zum Arzt.«

»Was soll mir der Arzt helfen? Ich müßte eine Luftveränderung haben! Könnten Sie nicht eine andere Anstellung für mich finden? Ich würde mich auch mit dem Posten eines Unterpräfekten begnügen.«

»Vergrabt den Schädel!« wiederholte Priamo, als er ging. »Weh' euch, wenn ich wiederkomme und ich finde ihn noch auf dem Fenster!«

Und einen Monat später kam er wieder. Es ging ihm offenbar besser, er hatte wieder zugenommen, aber er schien nicht so vergnügt, wie das erstemal. Als er den Schädel noch auf dem Fenster sah, wurde er fahl vor Zorn, und es schien als wolle er sich auf den Alten stürzen.

»Ich rühre ihn nicht an!« sagte der Küster. »Es ist der Schädel eines Banditen, der seinen Vater ermordet hat. Wer ihn anrührt, stirbt noch im selben Jahr eines gewaltsamen Todes. Und das wissen Siel«

»Gut, so nehmt ihn und krepiert!« schrie Priamo und schlug mit einem Stock den Schädel herunter, aus dem beim Aufschlagen zwei Zähne herausfielen.

»Nun werden Sie auch sterben!«

»Mögen wir alle beide krepieren, aber vergrabt ihn auf der Stelle!«

Zio Sorighe nahm den Schädel mit Widerstreben, und Priamo hob die beiden Zähne auf. Sie gingen hinaus. Es war ein herrlicher Wintertag: man sah die fernen, mit Neuschnee bedeckten Berge so klar, als ragten sie gleich hinter den die Kirche umgebenden Bäumen auf.

Nachdem er den Schädel am Fuße einer Steineiche vergraben hatte, zeichnete Zio Sorighe mit dem Finger ein Kreuz auf die feuchte Erde; als er sich aufrichtete, war er ganz blaß, und aus seinen Augen sprach Entsetzen. Er fürchtete, er müßte nun sterben, und bis zum letzten Tage des Jahres lebte er in grausamer Angst. Nachts schlief er nicht: durch das beständige Brausen des Windes hindurch meinte er Lärm und Flintenschüsse zu hören. Jetzt kamen die Diebe, umringten die Kirche, erschlugen den Küster und raubten die Schätze des Heiligen: das war nie geschehen, durfte nie geschehen! Aber es waren schlimme Zeiten: selbst die Priester waren ja gewalttätig und ruchlos geworden!

Zio Sorighe fühlte, wie sein Herz krampfhaft schlug; er drückte sich die Kirchenschlüssel auf die Brust, aber nicht einmal diese Schlüssel, die die Hirten oft erbaten, um sie als wundertätiges Heilmittel bei erkranktem Vieh zu verwenden, linderten seinen Schmerz. Vielleicht weil er eben nicht sehr fest im Glauben war! Dann ward er wieder ruhiger, trat unter das Vordach hinaus und sah draußen Nebel oder auch den Mond, der wie auf einer Treppe von Wolke zu Wolke herunterkletterte. Und das Jahr ging zu Ende, ohne daß ein Unglück geschah. Er faßte wieder Mut.

Eines Abends brachte der Schweinehirt, der seine Stallung auf der andern Seite des Wäldchens hatte, ihm seinen gewohnten Vorrat an Gerstenbrot und einen Sack Kartoffeln.

»Was gibt es Neues im Dorf?« fragte Zio Sorighe.

»Kälte! Verwahrt euch gut in eurer Höhle, wir werden acht Tage lang Schnee haben!«

Und wirklich fing es an zu schneien: der ganze Berg bedeckte sich mit einem weißen Vlies wie ein Lamm im Frühling. Zio Sorighe blieb, den Rat des Hirten befolgend, in seiner Kammer, inmitten des Rauches, der von der in den Boden eingegrabenen Feuerstelle aufquoll wie aus der Öffnung eines Vulkans. Eines Morgens, in der ersten Frühe, hörte er eine harte, heisere Stimme, die seinen Namen rief.

»Priester Felix!« schrie er und wußte nicht, ob er sich freuen oder sich beunruhigen sollte.

Priamo war leichenblaß; seine Augen sahen so starr und glänzend aus wie die eines Wahnsinnigen. Er blickte hierhin und dorthin, als suche er durch den Rauch hindurch die Dinge zu erkennen, reichte dem Alten ein kleines Paketchen und sagte: »Zieht euren Mantel an und brecht sogleich auf; geht zu eurer früheren Herrschaft, den Sulis: heute um elf heiratet Gavina. Jetzt ist es fünf, um zehn könnt ihr da sein. Ihr sollt ihr dieses geben und sagen, es sei euer Hochzeitsgeschenk; aber gebt es ihr, ohne daß der Bräutigam es sieht. Und nun macht euch auf den Weg, es ist Zeit! Hört ihr nicht? ...«

Der Alte betrachtete das Päckchen und stand wie im Traum. Er wäre ja nicht ungern einmal in die Stadt gegangen – aber der Zustand Priamos machte ihm Sorge.

»Wie ist der Weg? Wie sind Sie heraufgekommen?« fragte er, während er das Päckchen einsteckte.

»Zu Fuß. Der Schnee ist fest, und es ist Mondschein. Geht jetzt!« drängte Priamo. »Und wenn vielleicht jemand nach mir fragen sollte, so sagt, ich hätte heute Morgen hier die Messe zelebriert. Im übrigen schweigt!«

Zio Sorighe zog den Mantel an. Priamo war fortwährend hinter ihm her, schwer atmend, bittend und drohend zugleich. Der Alte öffnete den Mund um eine Frage zu tun, wagte es dann aber doch nicht.

»Was auch geschehen möge, ihr dürft nie jemand sagen, daß ihr der Braut ein Geschenk von mir gebracht habt. Versprecht mir das, nein, schwört es mir!«

Der Alte kreuzte die Arme über der Brust zum Zeichen des Schwures. And er war im Begriff zu gehen, als Priamo noch einmal zu ihm trat und seinen Arm faßte. »Wartet! Das ist für euch ... nehmt! Ihr werdet wohl irgend etwas nötig haben aus der Stadt. Nehmt, sage ich euch!« schrie er laut, weil der Alte das Geld zurückwies, das er ihm in die Hand drückte.

»So steh' Gott mir bei, ich will nicht ... ich will nicht ...«

»Nehmt, oder ich schlage euch!«

Zio Sorighe nahm das Geld und ging. Der Mond erhellte das Wäldchen, und zwischen dem Gebüsch und den Felsen wallten zarte, graue Dünste, die von dem Schnee aufzusteigen schienen. Er machte einige Schritte, von der Ahnung dessen gequält, was geschehen würde – und kehrte wieder um. Priamo saß schon beim Feuer, ganz schwarz zwischen dem Rauch und dem Schein der Flamme.

»Seid ihr noch nicht fort?« schrie er.

»Ich wollte ... Ich wollte die Pistole nehmen ...«

»Was für eine Pistole? Habt ihr eine Pistole? Auch einen Waffenschein? Nein? Dann macht, daß ihr fortkommt! Geht, in Teufels Namen!«

»Er weiß nicht einmal, daß die Pistole da ist!« dachte der Alte beruhigt. Und er ging. Erst in der folgenden Nacht kehrte er zurück, nachdem er hin und her zehn Wegstunden gemacht hatte. Um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, hatte er sich nicht einmal im Dorfe aufgehalten, das auch um diese Stunde schon ganz still war. Als er dem Kirchlein nahe war, meinte er aus dem Dach seines Unterschlupfs Rauch aufsteigen zu sehen und dachte, Priamo wäre wohl noch da. Aber in dem vom Mond erhellten Vorraum trat ihm ein anderer Mann entgegen: der Schweinehirt.

»Lauft, so schnell ihr könnt!« sagte ihm dieser.

»Ich bin heute genug gelaufen! Was ist denn?«

»Sie haben heute den Priester als Leiche gefunden. Der eine sagt, er habe sich das Leben genommen, der andere, er wäre ermordet worden. Ich rate euch, zu laufen, was ihr könnt, Alter! Was ihr weint? Laßt die Weiber weinen, Alter! In einem solchen Fall muß der Mann laufen und nicht weinen. Besser draußen, als drinnen! Ihr wißt, wenn der Mensch einmal gebunden ist, dann kann ihm auch eine winzige Fliege einen Stich versetzen.«

Also Zio Sorighe mußte wirklich fort. Eine Woche lang hielt er sich in der Stallung des Schweinehirten verborgen, der ein guter Junge war, schön wie ein zum Leben im wilden Wald verurteilter Antonius, und der eine heilige Scheu vor der »Gerichtsbarkeit« und dem Gefängnis hatte. Von ihm angesteckt, lebte Zio Sorighe in fortwährender Angst. Hörte er von fern Schritte, so flüchtete er zwischen die Felsen wie ein alter Hirsch. Er sorgte sich nicht allzusehr um die sinnlose Anklage, die man etwa gegen ihn erheben könnte; aber er fürchtete, wenn man ihn verhaften sollte, im Gefängnis zu sterben.

Nachts, während er mit dem Hirten am Feuer lag, in der Hütte, die der Wind schüttelte wie einen Baumast, dann sagte er seine Verse her oder erzählte seine Abenteuer, am liebsten das von der Witwe: »Sie war keine schöne Frau, aber sehr schlau, und gerade wegen ihrer Schlauheit gefiel sie mir. Ohne das verteufelte Mädchen, das meine böse Fee war, läge ich jetzt in einem schönen Bett wie ein Bischof, und niemand würde der Gedanke in den Sinn kommen, ich hätte einen Priester ermordet!«

Der Gedanke an Priamo schmerzte ihn sehr; er meinte, hätte er sich die rechte Mühe gegeben, so hätte er ihn doch retten können. Eines Abends sah der Hirt – oder glaubte er zu sehen – daß zwei Karabinieri den Wald durchstreiften. Zio Sorighe machte sich sogleich davon und kletterte bis auf den Gipfel des Berges. Die Nacht war klar und kalt; der Wind wehte heftig, und es war als zitterten selbst die Sterne vor Kälte. Und nach dem beschwerlichen Aufstieg wurde der Alte auf einmal von seinem Herzweh befallen. Er warf sich auf die Erde und schloß die Augen. Er fühlte, daß er sterben würde. Der Wind wehte so stark als wollte er ihn mit sich nehmen. Und ihm kam es vor als rühre das Brausen ringsum von seinem Herzklopfen her. Dann hörte der Schmerz plötzlich auf, und er empfand eine unsägliche Freude; er setzte sich auf und blickte um sich. Hinter ihm, über einer Felswand, kam das letzte Viertel des Mondes zum Vorschein; zu seinen Füßen stürzte ein steiler Hang ab, an dem sich in der Tiefe die schwarze, zackige Linie des Waldes hinzog; und jenseits wogte eine blaue Nebelmasse, die gerade aussah wie das Meer. Das Brausen des Windes, das wie das Rauschen bewegter Wellen klang, erhöhte die Täuschung. Er wollte sich erheben, doch er konnte nicht: der Wind preßte ihn gegen den Boden als wäre er festgenagelt. Da begriff er aufs neue, daß sein Zustand ernst war, und sehnte das Nahen eines Menschen herbei, wäre es auch ein Karabiniere, der ihn von diesem Orte fortbrächte. Und phantasierend, fing er an, in dichterischer Form zu dem ersehnten Helfer zu reden.

»Und bist du nicht auch ein Mensch? Komm, o komm doch, ich bin des zufrieden. Ich bin unschuldig wie an dem Tage, an dem ich geboren ward. Ich tat übel daran, zu fliehen; ich meinte noch ein Jüngling zu sein, und es machte mir Freude zu entrinnen; vielleicht wollte ich mir selbst beweisen, daß ich noch gewandt und flink sei. Nun fühle ich aber, daß ich alt bin. Ach es ist Zeit es zu gestehen: wir sind alt! Und wir haben es schön genug getrieben! Einmal am Fest des heiligen Paulus ... es waren hundertundsiebzig Fahnen da ... und dreißig Priester ... Einer trug eine Standarte mit silbernen Glöckchen, die schwenkte er, während er mit mir um die Wette sang ... Und ich siegte! Lieb Bruder mein, gib dich zufrieden: ich habe gesiegt ... Wir saßen am Meeresstrand, wie jetzt, aber es war nicht so kalt ...«

Dann meinte er auf einmal wieder in der Küche auf der Matte zu liegen. Die Alte saß bei der Tür und spann; sie war schwarz gekleidet und trug eine Haube aus Samt; die ziemlich kurzen Röcke ließen die Füße frei, die in kleinen, mit roten Troddeln verzierten Schuhen steckten. Er sah ihr dickes, gelbes Gesicht vor sich, den eigensinnigen Mund, die grünlichen, schlauen Augen. Er wollte ihr zurufen, ihr ein zärtliches und zugleich scherzhaftes Wort sagen, aber es ging nicht. Da murmelte er leise:

»Lussulja, mein weißes Schätzchen ...

E cando non ti ido, coro meu,
Su coro mind' istrazzat moriane.«
Und wenn ich dich nicht sehe, liebes Herz, dann zerfleischt der Fuchs mir mein Herz.

Aber plötzlich erschrak er: eine weibliche Gestalt erschien im Türrahmen: das war die Tochter der Witwe, in der Landestracht, und den Kopf von einer Brokathaube eng umschlossen. Sie schob mit dem Fuße einen Schädel vor sich her und stieß ihn gegen die Matte, auf der er lag. And das ernste, blasse Gesicht mit den großen Augen von der Farbe des sich ringsum ausbreitenden Nebels, es war das Gesicht Gavinas.

Er wollte sich erheben, streckte die Hand aus und sagte noch einmal zitternd:

»Dami sa manu, bellita, bellita ...«

Dann sank er zurück, mit weit offenstehenden Augen, die das Landschaftsbild zurückstrahlten wie zwei kleine Spiegel.

Im Morgengrauen flog dunkel und langsam ein Geier vom Walde auf, stieg in die wie Glas so klare Luft: und in einem Nu stieß er auf den Leichnam des Alten herab.

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