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Biographische Denkwürdigkeiten

Helfrich Peter Sturz: Biographische Denkwürdigkeiten - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/sturz/biodenkw/biodenkw.xml
typeessay
authorHelfrich Peter Sturz
booktitleDie Reise nach dem Deister
titleBiographische Denkwürdigkeiten
publisherRütten & Loening
editorKarl Wolfgang Becker
year1976
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
created20100915
projectidda79a9b5
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[Herder in Pyrmont]

Ich habe Herdern in Pyrmont predigen gehört, und ich wünschte, daß ihn alle gute Christen hörten, die ihn aufs Wort ihrer Stimmführer so rechtgläubig hassen. Unsere vornehme Versammlung war eben nicht zur Andachtsempfänglichkeit der ersten Kirche gestimmt, und doch – Sie hätten es sehen sollen, wie er all das Aufbrausen von Zerstreuung, Neugierde, Eitelkeit in wenig Augenblicken fesselte bis zur Stille einer Brüdergemeine. Alle Herzen öffneten sich; jedes Aug hing an ihm und freute sich ungewohnter Tränen; nur Seufzer der Empfindung rauschten durch die bewegte Versammlung. Mein lieber Boie, so predigt niemand, oder die Religion wäre allen, was sie eigentlich sein sollte, die vertrauteste, werteste Freundin der Menschen. Über das Evangelium des Tages ergoß er sich ganz ohne Schwärmerei mit der aufgeklärten hohen Einfalt, welche, um die Weisheit der Welt zu überfliegen, keiner Wortfiguren, keiner Künste der Schule bedarf. Da wurde nichts erklärt, weil alles faßlich war, nirgends an die theologische Metaphysik gerührt, die weder leben noch sterben, aber desto bündiger zanken lehrt. Es war keine Andachtsübung, kein in drei Treffen geteilter Angriff an die verstockten Sünder oder wie die Kurrentartikel aus der Kanzelmanufaktur alle heißen, auch war es keine kalte heidnische Sittenlehre, die nur den Sokrates in der Bibel aufsucht und also Christum und die Bibel entbehren kann; sondern er predigte den von dem Gott der Liebe verkündigten Glauben der Liebe, der vertragen, dulden, ausharren und hoffen lehrt und unabhängig von allen Freuden und Leiden der Welt durch eigentümliche Ruhe und Zufriedenheit belohnt. So, dünkt mich, haben die Schüler der Apostel gepredigt, welche nicht über ihre Dogmatik verhört wurden und also auch nicht mit Systems- und Kompendiumswörtern, wie Kinder mit Rechenpfenningen, spielten, wofür man am Ende nichts einkaufen kann. Sie wissen, wie ungleich ich mit dem Schriftsteller Herder denke: Wir gehn nur eine kleine Ecke Wegs miteinander, so entbraust er mir, glänzend und schnell wie eine Rakete; aber als Prediger und Mensch ist Herder mein Mann, und auch auf der kleinen Ecke Weges, die wir zusammen wandeln können, ist er einer meiner liebsten Gefährten. ...

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