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Biographische Denkwürdigkeiten

Helfrich Peter Sturz: Biographische Denkwürdigkeiten - Kapitel 2
Quellenangabe
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typeessay
authorHelfrich Peter Sturz
booktitleDie Reise nach dem Deister
titleBiographische Denkwürdigkeiten
publisherRütten & Loening
editorKarl Wolfgang Becker
year1976
correctorfranka.antenne
senderwww.gaga.net
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Klopstock

Ich habe »Tellows Briefe an Elisa« mit innigem Vergnügen gelesen. Mögen sie doch für den größten Haufen manch Unwichtiges enthalten; mich interessiert jede Miene des Mannes, den ich mit warmer Zärtlichkeit liebe; alles erneuert mir den Genuß besserer, vergangener Zeiten.

Als ich im Hause des unsterblichen Bernstorffs mit ihm lebte, mein Herz mit ihm teilte, über alle Wünsche glücklich war unter den besten, edelsten Menschen – heiterer Morgen einer trüberen Zukunft! – Meine Bekanntschaft mit Klopstock bildete sich schnell, und in sieben unvergeßlichen Jahren sind, außer einer achtmonatlichen Reise, wenige Tage verflossen, worin wir uns nicht sahen. Nie hat in dieser Zeit ein Wölkchen Laune unsre Freundschaft umdämmert; denn auch als Freund ist Klopstock »Eiche, die dem Orkane steht«. Gegenwärtig, ferne von ihnen oder im täuschenden Schatten, er verkennet seine Freunde nie. Hat er einmal geprüft und geliebt, so währt's ewig, laß auf sein Urteil Wahrscheinlichkeiten und künstlich erlogene Tatsachen stürmen.

Ich will, lieber Boie, auch aus meinem Gedächtnis einzele Züge für die wenigen sammeln, denen das Bild eines würdigen Mannes Geisteswollust gewährt. Alles ist mir ganz gegenwärtig; denn ich empfinde, lebe, genieße immer noch in der vergangenen Zeit.

Klopstock ist heiter in jeder Gesellschaft, fließet über von treffendem Scherz, bildet oft einen kleinen Gedanken mit allem Reichtum seiner Dichtergaben aus, spottet nie bitter, streitet bescheiden und verträgt auch Widerspruch gern; aber ein Hofmann, lieber Tellow, ist er darum nicht, wenn ich auch nur einen Gefälligen unter dem Worte verstehe, der sich geschwind bei Höhern einschmeichelt. Seine Geradheit hält ihn vielmehr von der Bekanntschaft mit Vornehmern zurück, nicht daß er Geburt und Würde nicht schätzte, aber er schätzt den Menschen noch mehr. Er forscht tiefer nach innerem Gehalt, sobald ihn Erziehung und Glanz blenden können, und er fürchtet als eine Beschimpfung die kalte, beschützende Herablassung der Großen. Darum muß nach dem Verhältnisse des Rangs immer ein Vornehmerer einige Schritte mehr tun, wenn ihm um Klopstocks Achtung zu tun ist. Selten findet ihr ihn in der sogenannten guten Gesellschaft, im Zirkel abgeschliffener Leute, bei welchen, wie auf König Williams Schillingen, kaum ein Gepräg mehr kenntlich ist, die sich täglich ohne Liebe suchen, ohne Kummer verlassen, über alles gleiten und an nichts teilnehmen, ihre Zeit unter Spielen und Schmausen, wie eine Bürde, fortschleppen – sie sind auf der Leiter der Wesen nur einen Sproß höher als Puppen im Uhrwerk, die, auf ihrer Walze befestigt, sich ewig in der nämlichen Schwunglinie drehen. Dafür zog Klopstock lieber mit ganzen Familien seiner Freunde aufs Land; Weiber und Männer, Kinder und Diener, alle folgten und freuten sich mit. Wir suchten dann unwegsame Örter, finstre, schauervolle Gebüsche, einsame, unbewanderte Pfade, kletterten jeden Hügel hinauf, späheten jedes Naturgesicht aus, lagerten uns endlich unter einer schattigen Eiche und ergötzten uns an den Spielen der Jugend, ja nicht selten mischten wir uns drein. Oft zeigte Klopstock einen fernen Baum. »Dorthin!« rief er, »aber geradezu.« –»Wir werden auf Morast und Gräben treffen.« – »Ei Bedächtlicher! so bauen wir Brücken.« Und so wurden Äste gehauen; wir rückten, mit Faschinen beladen, als Belagerer fort, sicherten den Weg und erreichten das Ziel. Klopstock ist immer mit Jugend umringt. Wenn er so mit einer Reihe Knaben daherzog, hab ich ihn oft den Mann von Hameln genannt. Aber auch dies ist Gefallen an der unverdorbenen Natur. Deutschland verdankt seiner Jugendliebe einige seiner bessern Menschen; unsre Stolberge und Karl Cramern hat seine Zärtlichkeit früh gebildet.

Klopstocks Leben ist ein beständiger Genuß. Er überläßt sich allen Gefühlen und schwelgt bei dem Mahle der Natur. Nur wenn sie aus dem Kunstwerk atmet, ist die Kunst seiner Huldigung wert; aber sie muß wählen, was Herzen erschüttert oder Herzen sanft bewegt. Gemälde ohne Leben und Weben, ohne tiefen Sinn und sprechenden Ausdruck, eure Mieris, Netscher und Slingelande fesseln seine Beobachtung nicht; aber zeigt ihm Bouchardons »Tiresias«, wie er die Schatten beschwört, Rembrandts »Lazarus«, wie er zum Leben erwacht, Rubens' »Sterbenden Christus«: dann hängt er trunken am Bilde. So auch Musik. Sie durchströmt ihn, wenn sie klagt wie die leidende Liebe, Wonne seufzet wie ihre Hoffnung, stolz dahertönt wie das Jauchzen der Freiheit, feierlich durch, die Siegespalmen hallt. Immer muß sie der Dichtkunst nur dienen, Windemens Stimme folgsam begleiten, nie das Lied verhüllen, sondern leicht umschweben, wie der Schleier eine griechische Tänzerin. O wie oft lauschten wir an unsers Gerstenbergs Klavier, wenn er den holden Wechselgesang mit seiner zärtlichen Gattin anstimmte!

Gerstenberg lebte damals in Lyngbye, nahe bei Bernstorff, und hatte durch eine Reduktion den größten Teil seiner Einkünfte verloren, aber in seiner Hütte wohnten heitre Ruhe der Tugend und alle Freuden der Liebe,

»– licet sub paupere tecto
Reges et regum vita praecurrere amicos«.

Hier sang er seinen unsterblichen Skalden, manches holde catullische Lied und erfand die goldenen Träume des guten leidenden Gaddo. Von ihm konnten die Hippiasse lernen, daß die Blume der Freude nicht auf ihren Parterren allein blüht, daß sie auch für die Sterne und für die Gerstenberge auf einer Sandwüste keimt. Wir eilten zum einsamen Haus und verließen Paläste, wie man durch Le Nôtrés Gärten nach dem kunstlosen Hain eilt.

Die freudigste Zeit des Jahrs für Klopstock war, »wenn der Nachthauch glänzt auf dem stehenden Strom«. Gleich nach der Erfindung der Schiffahrt verdient ihm die Kunst Tialfs ihre Stelle.

»Wer nannte dir den kühneren Mann,
Der zuerst am Maste Segel erhub?
Ach! verging selber der Ruhm dessen nicht,
Welcher dem Fuß Flügel erfand?«

Eislauf predigt er mit der Salbung eines Heidenbekehrers, und nicht ohne Wunder zu wirken; denn auch mich, lieber Boie, der ich nicht zum Schweben gebaut bin, hat er aufs Eis argumentiert. Kaum daß der Reif sichtbar wird, so ist es Pflicht, der Zeit zu genießen und eine Bahn oder ein Bähnlein aufzuspüren. Ihm waren um Kopenhagen alle kleine Wassersammlungen bekannt, und er liebte sie nach der Ordnung, wie sie später oder früher zufroren. Auf die Verächter der Eisbahn sieht er mit hohem Stolze herab:

»Säumst du noch immer an der Waldung auf dem Herd und schläfst
Scheinbar denkend ein? Wecket dich der silberne Reif
Des Dezembers, o du Zärtling, nicht auf?«

Eine Mondnacht auf dem Eise ist ihm eine Festnacht der Götter:

»Nur ein Gesetz: wir verlassen nicht eh den Strom,
Bis der Mond am Himmel sinkt!«

Wenn ich das Gesetz durch Glossen verdrehte oder es brach, so ward meine Sünde durch ein Hohngelächter gerügt. In dem Eislauf entdeckte sein Scharfsinn alle Geheimnisse der Schönheit, Schlangenlinien, gefälliger als Hogarths, Schwebungen, wie des pythischen Apolls; schöner als der Liebesgöttin Locken wehet ihm Bragas goldenes Haar. Die Holländer schätzt er gleich nach den Deutschen, weil sie ihre Tyrannen verjagten und – die besten Eisläufer sind. Einst traf ich ihn bei einer Karte in tiefem Nachsinnen an; erzog Linien, maß und teilte. – »Wird es wohl gar ein Partagetraktat oder ein System eines bessern Staatsgleichgewichts?« – »Sehen Sie«, rief er, »man vereinigt Meere; wenn man diese Flüsse verbände, hier einen Kanal zöge, dort noch einen, das wäre doch unsrer Fürsten noch würdig, denn so hätte man Deutschland durch eine herrliche Eisbahn vereinigt.« Er hat Gesetze für den Eislauf gegeben, mit einem solonischen Ernst. Über alles, auch über seinen Scherz, weiß er Würde zu verbreiten. Ich verwahre zwei Briefe von ihm, für eine Dame geschrieben, die mich zum Kampf herausfoderte – auf ein Paar hölzerne Degen, hochtrotzend –, wie Longin für die Zenobia schrieb. Andere Briefe besitze ich wenig von diesem lieben sophistischen Nichtschreiber. Ich ließe gern seine Scheingründe gelten, wäre nur ein andres Mittel bekannt, seiner abwesenden Freunde zu genießen. Aber die Not ist erfinderisch. Viele seiner Freunde werden ihm nun vierteljährig ihre Briefe durch einen Notar einhändigen lassen, der dann jedes Wort von ihm auffängt und ein Instrument drüber verfertigt. Wollen Sie mir auch Ihre Vollmacht einschicken?

In seiner schweren Geistesarbeit wird Klopstock durch keinen Einbruch, keine Überraschung gestört. Ich hab ihn, als er »Hermanns Schlacht« und manche seiner Oden dichtete, zu allen Stunden des Tags und der Nacht überfallen. Nie ward er mürrisch; ja es schien, als wenn er sich gern durch eine leichtere Unterhaltung erholte.

Klopstock ist dunkel. Tellow hat ihn gründlich verteidigt. Grabt in der Mine, so findet ihr Gold; oder wenn euch das zu mühsam wird, so lest Übersetzungen von Junker oder Colliers »Kubachiade«. Freilich feilt er so emsig die Sprache, schneidet so streng den Überfluß weg, wägt so empfindlich dem Vers und dem Inhalt Tonlaut, Zeitmaß und Wortlaut zu, schöpft so anhänglich aus der Gegenwart Eindruck, daß es so gemächlich nicht angeht, alle Nuancen seiner Darstellung zu haschen. Oft schreibt er nur das letzte Glied einer langen Gedankenreihe hin, und man muß mit seines Geistes Sitte vertraut sein, wenn man ihm sicher zurückfolgen will. Wer mit ihm gelebt hat, versteht ihn leichter, weil er mehr als einen Faden hält, der ihn durch seine Schöpfungen führt; und darum ist es nützlich und gut, daß jetzt schon Tellow seine Oden kommentiert.

Von Klopstocks poetischer Ordnung, von seinem Gouffre, der Schriften verschlingt und wieder auswirft – »disiecta membra poetae« –, ließe sich noch manches erzählen; aber Ehre, dem Ehre gebührt: ich habe Klopstocks Papiere einst in lauter goldenen Umschlägen gekannt, zierlich auf seinem Schreibtisch geordnet, wie die Briefe eines Stutzers; und das nenne ich die goldene Zeit seines Archivs. Sie währte ganzer acht Tage lang; und wer die Epoche zu erneuern Lust hat, darf ihm nur seine Gedichte in Goldpapier zuschicken.

Eins ist mir leid – daß Tellow der unreinlichen Kaste gewisser Rezensenten erwähnt. Ich finde nirgends, daß man den Virgil gegen namenlose Schwätzer verteidigt hat. Wenn irgendein Bube Montesquieus Namen an den Pranger gekreidet hätte, würde darum der Mann und sein Werk weniger ehrwürdig bleiben? Es ist freilich lächerlich, wenn die Nation einen Schriftsteller gerichtet hat, daß sich ein Quidam hinsetzt und erzählt, wie es der besagte Autor hätte einrichten müssen, um ihm, dem Kostgänger eines Buchladens, zu gefallen; aber doch ist es ein bitteres Brot. »Ich muß dergleichen tun«, sagte Fréron, »denn ich muß leben.« – »Je n'en vois pas la nécessité«, antwortete der Lieutenant de Police. Sooft man Zachariä ein Stammbuch überreichte, beugte er sich tief vor dem Besitzer: »denn es kann sich treffen«, sagte er, »daß ich vor meinem Richter stehe«. Ich rede nicht von der Berliner »Bibliothek«; dieses Werk enthält Männerarbeit, wenn sich auch gleich ein seichtes Blättchen über Klopstock und andere mit einschlich. Rezension ist dort oft nur der Faden, worauf echte Perlen gereiht sind. Künftig etwas über Klopstocks Lieblingsideen: Brutus, Freiheit, Vaterlandsstolz, unsre Sprache. Ich denke darüber nicht mit ihm einig. Gleichheit der Grundsätze verbindet Freunde, aber Gleichheit der Meinungen nicht. Mannigfaltigkeit ist das Gesetz der Natur. Ich wiederhole, was ich irgendwo gesagt habe: es läßt sich streiten, ob wir in einer Welt ohne Zweifel und Irrtum glücklicher wären.

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