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Biographie eines Pudels

Gottlieb Konrad Pfeffel: Biographie eines Pudels - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleBiographie eines Pudels
authorGottlieb Konrad Pfeffel
year1987
publisherLangewiesche-Brandt KG
addressEbenhausen
isbn3-7846-0134-0
titleBiographie eines Pudels
pages7-36
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gottlieb Konrad Pfeffel

Biographie eines Pudels


Einleitung

In einem der großen Seen, welche unsere Sternseher im Monde bemerken, liegt eine Insel, die seit Jahrtausenden zum Elysium für die Schatten der Hunde, dieser treuen Gefährten der Menschen, bestimmt ist. Der ernste Dogge und das schmeichlerische Windspiel, der cholerische Pommer und der drollichte Pudel vereinigen sich hier in brüderlichen Gruppen, aus denen selbst das alberne Möpschen und der sybaritische Bologneser nicht ausgeschlossen sind, weil sie, wie der Domherr und der Stutzer, mit ihrer sublunarischen Hülle die angemaßten Privilegien ihrer Kaste zurücklassen.

Einst war ein solches Kränzchen an dem blumichten Ufer des Sees versammelt, als der Schatten eines ihrer Brüder, von einer Silberwolke getragen, in einer nahen Korallenbucht anlangte. Der Ankömmling wurde mit emsiger Freude bewillkommt, und schwebend in den bunten Zirkel eingeführt. Als er sich von der süßen Ermattung der Überfahrt erholt hatte, sprach der Aldermann des Clubs zu ihm: Bruder, die Gesetze unserer Republik legen Dir die Pflicht auf, uns die Geschichte Deiner irdischen Pilgrimschaft zu erzählen; wir sind begierig, sie anzuhören. Meine Geschichte, antwortete der Schatten mit heiterer Miene, ist keine von den alltäglichen. Hätte ich, wie jetzt, die Gabe der Vernunft und der Sprache, oder wie so manche Gecken und Gauner der Unterwelt, meinen Biographen gehabt, so würde die Epopee meines Lebens mit didotischen Lettern auf Subskription gedruckt, und durch Pinsel und Grabstichel auf Sonnenfächern und in Almanachen verewigt worden sein. Doch mein Heldentum kam mich zu teuer zu stehen, und machte mir oft zu wenig Ehre, als daß ich mich hier, wo alle Täuschung aufhört, damit brüsten sollte. Wenn indessen meine Geschichte dem Zirkel meiner neuen Freunde eine angenehme Stunde machen kann, so werde ich es nicht bereuen, der Ritter eines Romans gewesen zu sein.

Mit lüsterner Ungeduld lagerte sich die Gesellschaft um den Fremdling her, und er erzählte an der Seite des Dekans, was die folgenden Blätter enthalten:

Erstes Kapitel

Ich ward in dem freien Germanien unter der Regierung eines gekrönten Philosophen geboren, der die großen Soldaten und die kleinen Windspiele mit gleicher Leidenschaft liebte. Meine Mutter war die Favoritin eines ehrlichen Schusters, dessen Haus sie bewachte. Sie gehörte zum unvermischten Geschlecht der Pudel, und da auch ich ein echter Pudel geworden bin, so muß mein Vater wohl auch ein Pudel gewesen sein. Mehr weiß ich nicht von ihm zu sagen, und habe diese genealogische Lücke mit vielen Adamskindern, mit und ohne Ahnentafeln, gemein, deren Väter in den Kirchenbüchern weiß bleiben würden, wenn es nicht hergebrachte Sitte wäre, den Raum auf ein Geratewohl auszufüllen.

Meine zierliche Gestalt und mein pechschwarzer Balg zogen die Blicke eines Grenadiers auf sich, der bei meinem Hausherrn im Quartier lag; er bot ihm einen meerschaumenen Pfeifenkopf für mich an, und diesem Pfeifenkopfe hatte ich es zu danken, daß ich nicht wie meine drei Brüder oder Schwestern gleich nach meiner Geburt ersäuft wurde. Als ich zum erstenmal meine Augen öffnete, fand ich mich an der vollen Zitze meiner Mutter, die mich freundlich anblickte, und mir das Gesicht leckte. Bisher glich mein Dasein einem dunkeln Traume; der Anblick und die Liebkosungen meiner Mutter erregten in mir das erste Gefühl der Freude. Da ich ihr einziger Säugling war, so mußte ich notwendig gedeihen, und meine Liebe zu meiner guten Amme wuchs so wie mein Bewußtsein mit jedem Tage.

Als ich die vierte Woche meines Lebens zurückgelegt hatte, wurde ich entwöhnt, und gegen den meerschaumenen Pfeifenkopf in bester Form ausgewechselt. Lafleur, so hieß mein Patron, der vor zwanzig Jahren ohne Regimentspaß aus Frankreich verreist war, legte mir den Namen Joli bei, den ich, ohne Ruhm zu melden, täglich mehr rechtfertigte, und ließ mir in keinem Stücke etwas abgehen. Über seinem Kommißbrot und seinen Kartoffeln vergaß ich in kurzem die Muttermilch, und da der wohlhabende Schuster mich bisweilen zur Tafel zog, so mangelte es mir auch nicht an Gelegenheit, meine jungen Zähne an saftigen Knochen zu üben. So verstrichen mir die Flitterwochen meiner Kindheit, auf welche bald eine ernsthaftere Periode folgte.

Man urteile, wie mir zu Mute war, als Herr Lafleur mich eines Tages beim Schopfe faßte, und mich aufrecht an eine Mauer stellte. Diese Positur war mir zu fremd und zu lästig, als daß ich nicht augenblicklich mein Gleichgewicht auf den Vorderfüßen gesucht hätte; allein mein Mentor wußte den Hang der Natur jedesmal durch ein Stäbchen zu hindern, womit er mir auf die Pfoten klopfte. Kurz, nach einem achttägigen Unterrichte konnte ich gerade wie ein Bolzen an der Wand stehen, und nun legte man mir einen Fliegenwedel in den Arm, und schmückte mein Haupt mit einer papiernen Grenadiermütze.

Doch damit war meine pädagogische Laufbahn noch lange nicht geendigt. In Zeit von einem Jahre lernte ich unter manchem Seufzer und manchem Puffe mit demütiger Grazie aufwarten, ins Wasser gehen, das Verlorne suchen, die bedeckten Köpfe entblößen, und für den großen Friedrich sowohl als für Monsieur Lafleur über den Stock springen. So beschwerlich mir mein Noviziat wurde, so reichlich ward ich nach Vollendung meiner Studien für meine ausgestandenen Mühseligkeiten belohnet. Jeder Zuschauer, vor dem ich in den Wirtshäusern und Bierschenken meine Künste machen mußte, gab mir etwas zu naschen, und wenn mein Herr und Meister mich mit auf die Hauptwache brachte, nahmen die gutherzigen Soldaten den Bissen aus dem Munde, um mir ihn darzuwerfen. Mit einem Worte: Joli ward von jedermann geliebkost und das ganze Städtchen erscholl von seinem Lobe.

Zweites Kapitel

Beinahe ein Jahr erhielt ich meine Zelebrität; alsdann aber fing ich nach und nach an, in Vergessenheit zu geraten, weil ich der Neugier des Publikums keine frische Nahrung anbieten konnte. Um diesem Übel abzuhelfen, ging mein schlauer Mentor wirklich mit dem schauerlichen Projekt um, mir einige neue Kunststücke einzubläuen, als ein glücklicher Zufall ihn und mich dieser Arbeit überhob.

Es war Jahrmarkt in unserm Städtchen, und Lafleur benutzte diese Gelegenheit, um mich vor den fremden Gästen an allen Ecken und Enden zu produzieren. Meine Talente fesselten die Aufmerksamkeit eines Marionettenspielers, der auf dem Marktplatze seine Bude aufgeschlagen hatte. Er machte einen Anschlag, mich seinem dramatischen Apparate beizugesellen, und kaufte mich von meinen bisherigen Gebieter um zween Dukaten.

Noch am nämlichen Tage mußte ich seinem hölzernen Hanswurst zum Bucephal dienen, als er in seiner Begleitung mit der Trommel durch die Stadt zog, und den hohen Gönnern seines Theaters eine extralustige Haupt- und Staatsaktion ankündigte. In den Zwischenakten mußte ich meine Schwänke machen, und wurde beinahe eben so sehr beklatscht, als mein Nebenbuhler mit der roten Jacke und dem zugespitzten Hute. Nach einigen Tagen brachen wir unsern Musentempel ab, und verfügten uns in kleinen Märschen nach einem böhmischen Flecken, wo wir Halt machten.

Hier erwartete mich eine klägliche Katastrophe. Mein neuer Patron ließ mich auf einmal alle meine Talente auskramen. Zuletzt hielt er mir einen Stock vor, und sprach: Heida, Joli, springe für den Kaiser! Ich, der ich nur gewohnt war, für den König zu springen, und gar nicht wußte, was ein Kaiser für ein Ding war, rührte mich nicht, und ließ mir den Befehl zum drittenmale wiederholen, ohne die mindeste Anstalt zu einer Kapriole zu machen. Diese Halsstarrigkeit setzte das ganze Parterre in Bewegung. Mein Prinzipal wurde als ein Feind des Staats von einem patriotischen Schuhflicker bei den Haaren von der Bühne gezogen, und ich würde ohne Zweifel ein Schlachtopfer meines politischen Irrtums geworden sein, wenn ich nicht in der allgemeinen Verwirrung ein Mittel gefunden hätte, durch eine Hintertüre zu entwischen.

Ich hing noch zu wenig an meinem neuen Herrn, um mich in seine Herberge zu flüchten. Ich ergriff vielmehr die günstige Gelegenheit, mich in Freiheit zu setzen, und lief spornstreichs dem Felde zu, wo ich mich in einem Weizenacker versteckte, der mich vor allen Nachstellungen schützte.

Drittes Kapitel

Ich brachte die ganze Nacht in meinen Asyl zu, des folgenden Morgens nötigte mich der Hunger, es zu verlassen. Ich richtete meinen Zug nach einem Dorfe, das ich in der Ferne wahrnahm, und kehrte voller Zuversicht in der ersten besten Schenke ein, die am Wege lag.

Wie groß war mein Erstaunen und meine Freude, als ich bei meinem Eintritt in die Stube meinen Pädagogen Lafleur erblickte, der bei einem Glase Bier hinter dem Tische saß, und dem Wirte die Geschichte seiner Desertion von den Preußen erzählte. Er erkannte mich eben so schnell, als ich ihn erkannte; ich sprang in seine offenen Arme, und leckte seine braunen Wangen; indes er mich bei meinem Namen nannte und an sein Herz drückte. Der Wirt und die Wirtin staunten uns wechselsweise an, und als sie mich mit gierigen Blicken ein Brot verschlingen sahen, das auf dem Tische lag, ward ich von ihnen und meinem Freunde um die Wette für meine lange Diät schadlos gehalten.

Nach der Mahlzeit machten wir uns auf den Weg, und langten nach zween Tagen in Prag an, wo Lafleur seine Haut von neuem verkaufte. Er ermangelte nicht, meine alten Collegia mit mir zu wiederholen; und da er nun einen weißen Rock trug, so war sein erstes Geschäfte, mich für den Kaiser springen zu lehren. Dieser Name hatte sich meinem Gedächtnisse zu tief eingeprägt, als daß es viel Mühe gekostet hätte, mir das neue Manövre beizubringen.

Meine Talente trugen ihm manchen Kreuzer ein, und ich würde der glücklichste Pudel von der Welt gewesen sein, wenn seine neidischen Kameraden mich nicht angefeindet und oft gar mißhandelt hätten. Lafleur sah es, und erwartete nur eine Gelegenheit, mich ihrem Grolle zu entziehen. Diese blieb nicht lange aus: ein Landjunker, der nach Prag gekommen war, um für seine Söhne einen Hofmeister zu suchen, aber keinen für die sechzig Gulden finden konnte, die er zu seinem Gehalte bestimmte, wollte ihnen wenigstens einen Gesellschafter mitbringen, und tat sich mächtig viel auf seine Spekulation zu Gute, als ich ihm von meinem Mentor um sechs Gulden erlassen wurde.

Die gnädige Frau und die hochadeliche Familie machten große Augen, als sie statt eines Professors in partibus einen Pudel aus dem Wagen springen sahen; ich darf aber ohne Prahlerei sagen, daß wenigstens die kleinen Jungen mit dem Tausche herrlich zufrieden waren; zumal nachdem der gnädige Papa sein Verfahren durch einen praktischen Beweis meiner Verdienste legitimiert hatte.

In wenig Tagen ward ich, meiner bürgerlichen Abkunft ungeachtet, wie das jüngste Kind des Hauses angesehen. Die Jünkerchen äzten mich von ihren Tellern, und betteten mir in ihrer Kammer. Mein Mäzen aber ließ mir ein stattliches mössingenes Halsband mit seinem Wappen und der Inschrift verfertigen: Ich, Joli, habe die Gnade, Seiner Hochfreiherrlichen Exzellenz, dem Herrn Baron von Rehbok, anzugehören.

Viertes Kapitel

Ein altes Sprichwort sagt: «Nichts ist schwerer zu ertragen, als gute Tage.» Der Müßiggang und das Wohlleben, das ich nun zween Monate bei meinem erleuchten Gönner genossen hatte, erzeugten in mir den mutwilligen Einfall, mit einem seiner Hühnerhunde schöne zu tun, und was noch schlimmer war, mich von dem Burgherrn bei dem klaren Scheine des lieben Mondes in einer meiner galanten Zusammenkünfte betreten zu lassen.

Unmöglich läßt sich der Ingrimm des Junkers über meinen angeblichen Frevel beschreiben. Ha! Kanaille, rief er, indem er mich mit Füßen trat: du willst die Ehre meiner Diana beflecken; es würde ein sauberes Gezüchte zum Vorschein kommen, wenn ich dir nicht Einhalt täte. Holla, Nimrod! So hieß sein Hofjäger, sperre mir das Rabenaas bei Wasser und Brot ins Loch, bis ihm der Kitzel vergangen ist. Nimrod verrichtete den Auftrag mit so vieler Genauigkeit, daß ich einem Totengerippe ähnlich sah, als nach einer achttägigen Kasteiung die junge Herrschaft durch einen Fußfall meine Loslassung erflehete.

Nun war mir freilich der Kitzel vergangen, und ich brauchte mehr als einen Monat, bis ich meine vorige Munterkeit wieder erlangte; was ich aber nicht wieder erlangen konnte, war die Gnade Seiner Exzellenz. Diese hatte ich auf immer verscherzt, und bemerkte nur allzuwohl, daß er mich bloß seiner Kinder wegen beibehielt. Ihre Liebkosungen entschädigten mich für die Abneigung ihres Vaters, und ich fing an, seine Launen mit stoischer Gleichgültigkeit zu ertragen, als ich zum zweitenmal ein Märtyrer meiner Weichherzigkeit wurde.

An einem schönen Herbstmorgen begleitete ich meine jungen Herren auf einem Spaziergange in ein nahe gelegenes Wäldchen. Ein geheimer Instinkt führte mich zu einem Busche, in welchem ich eine lebendige Kreatur entdeckte. Dieser Anblick fesselte alle meine Sinne, und ich hörte nicht auf zu winseln und zu bellen, bis die kleinen Junker, die mir vergebens gepfiffen hatten, mit vorwitziger Ungeduld herbeiliefen. Sie fanden in dem Busche ein neugebornes Kind, das auf einem armseligen Strohkissen lag, und durch sein wehmütiges Ächzen sein Dasein bejammerte. Das Herz der Knaben war verwildert, aber nicht fühllos. Der ältere nahm das Kind auf seine Arme, und eilte, von seinem Bruder begleitet, mit seiner Beute triumphierend nach dem Schlosse.

Die gnädigen Eltern saßen gerade beim Frühstück, als der Zug, bei dem ich nicht dahinten blieb, in den Familiensaal eintrat. Beede Knaben erzählten in froher Begeisterung, was ihnen begegnet war, und der jüngere ermangelte nicht, meiner, als des Urhebers dieses glücklichen Fundes, mit Ruhme zu erwähnen. Er hatte noch nicht ausgeredet, so schmiß der gnädige Papa seine lange Pfeife in eine Ecke und rief mit brüllender Stimme: Ihr Teufelsbraten, was habt Ihr getan? Meint Ihr denn, ich soll alle Bastarde des Gaues großfüttern? Habe ich nicht schon zween auf dem Brote, die in meinem Gebiete gefunden wurden? Ihr hättet den Balg sollen liegen lassen. Und du, verdammtes Biest, fuhr er fort, indem er mich mit dem Blicke des Zerberus andonnerte, warte, ich will dich für deinen Samariterdienst belohnen. Wie der zückende Blitz fiel er auf seinen Stutzer, und dieser Augenblick würde mein letzter gewesen sein, wenn nicht, eben da er anschlug, Nimrod mit einem Hasen die Türe geöffnet hätte. Ich ersah diesen glücklichen Moment, und flog wie ein Pfeil zum Loche hinaus.

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