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Bilderbuch ohne Bilder

Hans Christian Andersen: Bilderbuch ohne Bilder - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleBilderbuch ohne Bilder
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060906
projectid60ab1870
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Siebenundzwanzigster Abend.

»Gestern nacht sah ich auf eine Stadt in China hinab,« sagte der Mond. »Meine Strahlen beschienen die langen, nackten Mauern, welche die Straßen bilden; da und dort ist zwar ein Tor, aber es ist zugeschlossen, denn die Welt draußen, was kümmert sie den Chinesen? Dichte Jalousien bedeckten die Fenster hinter der Mauer des Hauses, nur aus dem Tempel schimmerte ein mattes Licht durch die Scheiben. Ich sah hinein, sah die bunte Pracht; vom Boden bis zur Decke waren in grellen Farben und reicher Vergoldung Bilder gemalt, welche das Wirken der Götter auf Erden darstellen; in jeder Nische ihre Bildsäulen selbst, aber beinahe verdeckt von bunten Draperien und herabhängenden Fahnen; und vor jedem Gott – sie sind alle von Zinn – stand ein kleiner Altar mit Weihwasser, Blumen und brennenden Wachslichtern; aber zu oberst im Tempel stand Fu, die höchste Gottheit, geschmückt mit einem Kleide von Seide in der heiligen gelben Farbe. Am Fuße des Altars saß eine lebendige Gestalt, ein junger Priester, er schien zu beten, aber mitten in seinem Beten in ein Grübeln zu versinken: und es war gewiß eine Sünde, denn seine Wangen glühten und sein Kopf beugte sich tiefer. Armer Soui-Houng! träumte er sich vielleicht hinter der Straße lange Mauern, in einem der kleinen Blumenbeete arbeitend, die sich vor jedem Hause befinden, und war ihm diese Beschäftigung lieber, als die Wachskerzen im Tempel zu bewachen? oder gelüstete ihn, an der reichgedeckten Tafel zu sitzen und zwischen jedem Gericht seinen Mund mit Silberpapier abzuwischen; oder war seine Sünde so groß, daß, wenn er sie auszusprechen wagte, das Himmlische Reich ihn mit dem Tode strafen mußte? Durften seine Gedanken mit den Schiffen der Barbaren nach ihrer Heimat fliehen, nach dem weit entlegenen England? Nein, seine Gedanken flogen nicht so weit und doch waren sie so sündig, als das warme Jugendblut sie nur zeugen kann, sündig hier im Tempel vor Fus und der heiligen Götter Statuen. Ich weiß, wo seine Gedanken weilten. Am äußersten Ende der Stadt, auf dem flachen, fliesenbedeckten Dach, wo die Brustlehne von Porzellan zu sein schien, wo die hübschen Vasen standen mit großen, weißen Glockenblumen, und die anmutige Pe saß mit den schmalen, schelmischen Augen, den vollen Lippen und dem allerkleinsten Fuß; ihr Schuh war eng, aber ums Herz war ihr noch weit enger; und sie hob die feingeformten Arme und der Atlas rauschte. Vor ihr stand ein Glasgefäß mit vier Goldfischen; sie rührte sachte im Wasser herum mit einem bunt bemalten und lackierten Stäbchen, ganz langsam, denn sie grübelte! Dachte sie vielleicht daran, wie reich und golden die Fische gekleidet waren, wie sicher sie in dem Glasgefäß lebten und ihre Nahrung erhielten und wie weit glücklicher sie doch in der Freiheit sein könnten. Ja, das begriff die schöne Pe; ihre Gedanken schweiften fort von daheim, ihre Gedanken eilten nach dem Tempel, aber sie kamen nicht um des Gottes willen. Die arme Pe! der arme Soui-Houng! ihre irdischen Gedanken begegneten sich, aber meine kalten Strahlen lagen wie ein Cherubsschwert zwischen ihnen!«

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