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Bilderbuch ohne Bilder

Hans Christian Andersen: Bilderbuch ohne Bilder - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleBilderbuch ohne Bilder
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060906
projectid60ab1870
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Einundzwanzigster Abend.

Mehr als vierzehn Tage hatte der Mond nicht geschienen, nun sah ich ihn wieder, rund und klar stand er über den langsam ziehenden Wolken; höre, was der Mond mir erzählte: »Von einer Stadt in Fezzan aus folgte ich der Karawane; vor der Sandwüste, auf einer der Salzebenen, die wie eine Eisfläche schimmern und nur auf einer kleinen Strecke mit dem leichten Flugsand bedeckt sind, machten sie Halt. Der Älteste – die Wasserflasche hing an seinem Gürtel, ein Sack mit ungesäuertem Brot lag an seinem Haupte – zeichnete mit seinem Stabe ein Viereck in den Sand und schrieb einige Worte aus dem Koran hinein; über die geweihte Stätte hin zog die ganze Karawane. Ein junger Kaufmann, ein Kind der Sonne, das sah ich in seinen Augen, das sah ich an seinen schonen Formen, ritt gedankenvoll auf seinem weißen, schnaubenden Roß. Dachte er vielleicht an seine junge, hübsche Frau? Es war nur zwei Tage her, seit das Kamel, geschmückt mit Fellen und kostbaren Schals, sie, die schöne Braut, um die Mauern der Stadt trug; Trommeln und Sackpfeifen klangen, die Frauen sangen und rings um das Kamel ertönten Freudenschüsse, der Bräutigam schoß die meisten, die stärksten ab und nun – nun zog er mit der Karawane durch die Wüste. Ich folgte ihnen viele Nächte, sah sie ruhen an den Brunnen, zwischen verkümmerten Palmen; sie stießen das Messer in die Brust des stürzenden Kamels und brieten das Fleisch am Feuer. Meine Strahlen kühlten den glühenden Sand, meine Strahlen zeigten ihnen die schwarzen Felsenblöcke, tote Inseln in dem ungeheuren Sandmeer. Sie begegneten keinen feindlichen Stämmen auf dem spurlosen Weg, kein Sturm erhob sich, keine Sandsäulen zogen verderbenbringend über die Karawane hin. Daheim betete die hübsche Frau für Mann und Vater. ›Sind sie tot?‹ fragte sie mein goldenes Horn. ›Sind sie tot?‹ fragte sie meine strahlende Scheibe. – Nun liegt die Wüste hinter ihnen; heute abend sitzen sie unter den hohen Palmen, wo der Kranich mit ellenlangen Flügeln sie umkreist; der Pelikan sieht von den Zweigen der Mimosen auf sie herab. Das üppige Gesträuch ist von den schweren Füßen der Elefanten niedergetreten, ein Haufen Neger kommt von einem Markte im Innern des Landes zurück; die Frauen mit Kupferknöpfen um ihr schwarzes Haar und mit indigofarbenen Gewändern treiben die schwerbeladenen Ochsen, auf denen die nackten, schwarzen Kinder schlafen. Ein Neger führt an einem Strick ein Löwenjunges, das er gekauft hat; sie nähern sich der Karawane; der junge Kaufmann sitzt unbeweglich, stumm, denkt an seine schöne Frau, träumt in dem Lande der Schwarzen von seiner weißen, duftenden Blume jenseit der Wüste; er erhebt sein Haupt –!« – Es ging eine Wolke am Monde vorüber und wieder eine Wolke. Ich hörte nichts mehr an diesem Abend.

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