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Bilderbuch ohne Bilder

Hans Christian Andersen: Bilderbuch ohne Bilder - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleBilderbuch ohne Bilder
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060906
projectid60ab1870
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Zwanzigster Abend.

»Von Rom komme ich,« sagte der Mond, »dort, mitten in der Stadt auf einem der sieben Hügel liegen die Ruinen der Kaiserburg; die wilde Feige wächst in den Mauerritzen und deckt die Blöße mit ihren breiten, graugrünen Blättern; zwischen Schutthaufen tritt der Esel auf grüne Lorbeersträuche und freut sich der unfruchtbaren Distel. Hier, von wo einst Roms Adler ausflogen: ›kamen, sahen und siegten,‹ führt jetzt ein Eingang durch ein kleines, armseliges, aus Lehm zwischen zwei geborstenen Marmorsäulen zusammengefügtes Haus; die Weinranke hängt wie eine Trauergirlande über das schiefe Fenster. Eine alte Frau mit ihrer Enkelin wohnen darin; sie herrschen nun in der Kaiserburg und zeigen hier dem Fremden die versunkenen Schätze. Von dem reichen Thronsaal ist nur noch die nackte Wand übrig; die dunkle Zypresse zeigt mit ihrem langen Schatten auf die Stelle, wo der Thron stand. Der Schutt liegt fußhoch über dem geborstenen Boden; das kleine Mädchen, jetzt die Tochter der Kaiserburg, sitzt oft dort auf ihrem Schemel, wenn die Abendglocken läuten. Das Schlüsselloch in der Tür dicht dabei nennt sie ihren Balkon; durch dieses kann sie das halbe Rom überschauen, bis zu der mächtigen Kuppel der St. Peterskirche. Stille, wie immer, war es dort heute abend, und das kleine Mädchen kam in meinem vollen Lichte hervor. Auf ihrem Kopfe trug sie einen antik geformten Lehmkrug mit Wasser; sie war barfüßig, das kurze Hemd und die kleinen Ärmel waren zerrissen; ich küßte die feinen, runden Schultern, die schwarzen Augen und das dunkle, glänzende Haar des Kindes; es stieg die Stufen des Hauses hinan, sie waren steil, aus Marmorbruchstücken und einem geborstenen Kapital gebildet. Die bunten Eidechsen huschten scheu an ihren Füßen vorbei, aber sie erschrak nicht, schon hob sie die Hand, an der Tür zu klingeln; eine Hasenpfote, an einem Bindfaden aufgehängt, bildete hier den Glockenzug der Kaiserburg. Sie hielt einen Augenblick inne; woran dachte sie? Vielleicht an das hübsche Jesuskind in Silber und Gold gekleidet, das drunten in der Kapelle stand, wo die Silberlampen strahlten, wo ihre kleinen Freundinnen den Gesang anstimmten, den auch sie kannte; ich weiß es nicht! Sie machte wieder eine Bewegung und strauchelte, der Lehmkrug fiel ihr vom Kopf und brach auf den kanellierten Marmorfliesen entzwei. Sie brach in Tränen aus: die schöne Tochter der Kaiserburg weinte über den armseligen, zerbrochenen Lehmkrug; mit bloßen Füßen stand sie da und weinte, durfte nicht an dem Bindfaden ziehen, dem Glockenzug der Kaiserburg!«

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