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Bilderbuch ohne Bilder

Hans Christian Andersen: Bilderbuch ohne Bilder - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleBilderbuch ohne Bilder
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060906
projectid60ab1870
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Achtzehnter Abend.

»Ich habe,« sagte der Mond, »dir von Pompeji erzählt, von jener Leiche einer Stadt, die in der Reihe der lebendigen Städte wie zur Schau ausgestellt ist; ich kenne eine andre, eine noch seltsamere, die keine Leiche, sondern ein Gespenst von einer Stadt ist. – Überall, wo ein Springbrunnen in einem Marmorbassin plätschert, ist es mir, als hörte ich das Märchen der schwimmenden Stadt. Ja, der Wasserstrahl möge davon erzählen! Die Wogen am Strande davon singen! Über der Meeresfläche schwebt oft ein Nebel, es ist der Witwenschleier; des Meeres Bräutigam ist tot, sein Schloß und seine Stadt ist nun sein Mausoleum. Kennst du diese Stadt? Nie hörte man des Wagens Rollen oder des Pferdes Hufschlag in ihren Straßen; in ihnen schwimmt der Fisch und gespenstisch fliegt die Gondel hin über das grüne Wasser. Ich will,« fuhr der Mond fort, »dir das Forum der Stadt, den größten Platz der Stadt, zeigen, und du glaubst dich in die Stadt der Märchen versetzt! Das Gras wächst zwischen den breiten Fliesen und in der Morgendämmerung flattern Tausende von zahmen Tauben um den freistehenden, hohen Turm. Von drei Seiten bist du von Bogengängen umgeben. Still sitzt der Türke mit seiner langen Pfeife da, der hübsche Griechenknabe lehnt sich an die Säule und schaut nach den aufgerichteten Trophäen, den hohen Flaggenstangen, den Erinnerungszeichen der alten Macht. Die Flaggen hängen wie Trauerflor herab; ein Mädchen ruht sich dort aus, sie hat die schweren Eimer mit Wasser niedergesetzt; das Joch, woran es sie trägt, ruht auf ihrer Schulter, sie stützt sich an den Siegesmast. Kein Feenschloß, eine Kirche ist's, die du vor dir siehst! die vergoldeten Kuppeln, die goldenen Kugeln ringsum strahlen in meinem Lichte; die prächtigen ehernen Rosse da oben haben Reisen gemacht, wie das eherne Pferd im Märchen; sie sind hierher, dann wieder fort und wieder hierher gereist. Siehst du die bunte Pracht der Mauern und der Fenster? Es ist, als ob das Genie den Launen eines Kindes bei der Ausschmückung dieses seltsamen Tempels gefolgt wäre. Siehst du auf der Säule den geflügelten Löwen? Das Gold schimmert noch, aber die Flügel sind gebunden, der Löwe ist tot, denn des Meeres König ist tot; es ist leer in den großen Hallen und wo früher die herrlichen Bilder hingen, starrt nun die nackte Mauer hervor. Der Lazzarone schläft unter dem Bogen, dessen Boden einst nur der hohe Adel betreten durfte. Aus den tiefen Brunnen – oder sind es die Bleikammern bei der Seufzerbrücke – ertönt ein Seufzer, wie damals, als das Tamburin auf den bunten Gondeln erscholl, als der Brautring von dem glänzenden Buzentaur zur Adria hinabflog, der Königin des Meeres. Adria! Hülle dich in Nebel! laß den Witwenschleier deine Brust bedecken, hänge ihn über deines Bräutigams Mausoleum: das marmorne, gespenstische Venedig!«

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