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Bilderbuch ohne Bilder

Hans Christian Andersen: Bilderbuch ohne Bilder - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleBilderbuch ohne Bilder
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060906
projectid60ab1870
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Sechzehnter Abend.

»Ich kenne einen Policinello,« sagte der Mond, »das Publikum jubelt, wenn es ihn sieht; jede Bewegung bei ihm wird komisch, bringt das Haus zu hellem Lachen und doch ist nichts dabei berechnet, es ist eben seine Natur. Als er klein war und sich mit den andern Knaben tummelte, schon da war er ein Policinello; die Natur hatte ihn dazu gemacht, ihm einen Buckel auf den Rücken und einen auf die Brust gegeben; sein Inneres dagegen, das Geistige, war reich ausgestattet; niemand besaß ein tieferes Gefühl, eine größere Elastizität des Geistes als er. Das Theater war seine ideale Welt. Wäre er schlank und wohlgebaut gewesen, er wäre auf jeder Bühne der erste Tragiker geworden; das Große, das Heroische erfüllte seine Seele, und dennoch mußte er Policinello werden. Selbst sein Schmerz, seine Melancholie vermehrte die komische Trockenheit in dem scharfgeschnittenen Gesicht und weckte das Gelächter des zahlreichen Publikums, das seinen Liebling beklatschte. Die niedliche Kolumbine war ihm freundlich und gut, wollte aber doch lieber den Arlechino heiraten; es wäre doch wahrhaftig allzu komisch gewesen, wenn sich die Schönheit und die Häßlichkeit vermählt hätten. Wenn Policinello am mißmutigsten war, war sie die einzige, die ihn zum Lachen, ja zum schallenden Gelächter bringen konnte; zuerst war sie melancholisch mit ihm, dann etwas ruhiger, aber zuletzt voll Scherz. ›Ich weiß wohl, was Ihnen fehlt!‹ sagte sie, ›die Liebe!‹ – und da mußte er lachen. ›Ich und die Liebe!‹ rief er, ›das würde sich lustig ausnehmen! wie würde das Publikum applaudieren!‹ – ›Ja, die Liebe!‹ fuhr sie fort und fügte mit komischem Pathos hinzu: ›Mich lieben Sie!‹ Ja, so etwas kann man sagen, wo man weiß, daß keine Liebe ist! und der Policinello sprang vor Lachen in die Höhe; nun war die Melancholie fort. Und doch hatte sie die Wahrheit gesagt, er liebte sie, liebte sie innig, wie er das Erhabene und Große in der Kunst liebte. An ihrem Hochzeitstage war er die lustigste Figur, aber nachts weinte er; hätte das Publikum das verdrehte Gesicht gesehen, es hätte geklatscht. – In den letzten Tagen ist Kolumbine gestorben; am Begräbnistage wurde Arlechino seiner Pflicht entbunden, sich auf den Brettern zu zeigen; er war ja ein betrübter Witwer. Der Direktor mußte etwas recht Komisches geben, damit das Publikum nicht zu sehr die hübsche Kolumbine und den lustigen Arlechino vermißte; also mußte Policinello doppelt lustig sein; er tanzte und sprang mit der Verzweiflung im Herzen, und es wurde geklatscht und gejubelt: ›Bravo! bravissimo!‹ Policinello wurde herausgerufen! O er war unbezahlbar. Gestern nacht nach der Vorstellung wanderte das kleine Ungetüm aus der Stadt, hinaus nach dem einsamen Kirchhof. Der Blumenkranz auf Kolumbinens Grab war bereits verwelkt; er setzte sich nieder; es war zum Malen! Die Hand unter der Wange, die Augen zu mir emporgerichtet! Er nahm sich aus wie ein Denkmal; ein Policinello auf dem Grabe, eigentümlich und komisch. Hätte das Publikum seinen Liebling gesehen, es hätte applaudiert: Bravo, Pulcinello!Bravo, bravissimo!«

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