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Bilderbuch ohne Bilder

Hans Christian Andersen: Bilderbuch ohne Bilder - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleBilderbuch ohne Bilder
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060906
projectid60ab1870
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Fünfzehnter Abend.

»Ich glitt über die Lüneburger Heide hin,« sagte der Mond, »da lag eine einsame Hütte am Wege; einige entblätterte Büsche standen dicht dabei und in diesen sang eine Nachtigall, welche sich verirrt hatte. In der Nachtkälte mußte sie sterben; es war ihr Schwanengesang, den ich hörte. Die Morgenröte schimmerte; es kam eine Karawane des Weges gezogen, auswandernde Bauernfamilien, welche nach Bremen oder Hamburg wollten, um mit einem Schiffe nach Amerika zu gehen, wo ihnen das Glück, das geträumte Glück blühen sollte. Die Frauen trugen ihre kleinern Kinder auf dem Rücken, die größern hüpften an ihrer Seite; ein armseliges Pferd zog auf einem Karren einige Stücke Hausgerät. Der kalte Wind blies; das kleine Mädchen schmiegte sich fester an die Mutter, welche zu meiner runden, abnehmenden Scheibe aufblickte, und an die bittere Not dachte, die sie zu Hause gelitten und an die schweren Steuern, die sie nicht hatten bezahlen können. Daran dachte auch die ganze übrige Karawane; der rote Dämmerschein leuchtete darum wie das Evangelium von der Sonne des Glücks, die ihnen wieder aufgehen würde; sie hörten die sterbende Nachtigall singen; es war keine falsche Prophetin, sondern eine Verkünderin des Glücks. Der Wind pfiff, sie verstanden darum ihr Lied nicht: ›Segle ruhig über das Meer! die lange Überfahrt hast du ja bezahlt mit allem, was du besaßest; arm und hilflos wirst du dein Kanaan betreten. Du mußt dich selbst verkaufen, deine Frau und deine Kinder. Doch lange wirst du nicht leiden! Hinter den breiten, duftenden Blättern sitzt der Todesengel; sein Willkommsgruß haucht tödliches Fieber in dein Blut, fahre hin, fahre hin über die schwellenden Wasser!‹ Und die Karawane lauschte froh dem Gesang der Nachtigall, denn er bedeutete Glück. Der Tag leuchtete aus den leichten Wolken; das Bauernvolk ging über die Heide nach der Kirche; die schwarzgekleideten Frauen mit dem dicken, weißen Linnen um den Kopf erschienen wie aus den alten Bildern in der Kirche herabgestiegene Gestalten; ringsum war nur die große tote Umgebung, das dürre, braune Heidekraut, dunkle, versengte Rasen zwischen weißen Sandbänken. Die Frauen trugen ihre Gesangbücher und wanderten nach der Kirche. O betet, betet für die, die zum Grabe wandern, jenseit der schwellenden Wasser!«

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