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Bilderbuch ohne Bilder

Hans Christian Andersen: Bilderbuch ohne Bilder - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleBilderbuch ohne Bilder
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060906
projectid60ab1870
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Dreizehnter Abend.

»Ich sah bei einem Redakteur zum Fenster hinein,« sagte der Mond, »es war irgendwo in Deutschland. Da gab es schöne Möbel, viele Bücher und ein Chaos von Zeitungen. Es waren mehrere junge Männer da; der Redakteur selbst stand am Pulte, zwei kleine Bücher, beide von jungen Schriftstellern, sollten besprochen werden. ›Das eine ist mir zugesandt,‹ sagte er, ›ich habe es noch nicht gelesen, aber es ist hübsch ausgestattet; was sagen Sie von dem Inhalte?‹ – ›O!‹ sagte einer, der selbst ein Dichter war, ›der ist sehr gut, etwas gedehnt, aber mein Gott, es ist ein junger Mann; die Verse könnten freilich etwas besser sein! Die Gedanken sind sehr gesund, es sind freilich sehr gewöhnliche Gedanken! aber was soll man sagen? Man findet nicht immer etwas Neues. Sie können ihn wohl loben! Ich glaube freilich nicht, das je etwas Großes aus ihm, als Dichter, wird. Aber er ist gelehrt, ist ein ausgezeichneter Orientalist, urteilt selbst sehr gesund. Er war's, der die hübsche Kritik über meine Phantasien über das häusliche Leben geschrieben. Man muß mild gegen einen jungen Mann sein.‹ ›Aber das ist ja ein reiner Esel!‹ sagte ein andrer Herr im Zimmer. ›Nichts ist in der Poesie schlimmer, als Mittelmäßigkeit und höher hinauf geht das nicht!‹

›Armer Junge!‹ sagte ein Dritter, ›und seine Tante ist doch so glücklich über ihn. Das ist dieselbe, Herr Redakteur, die so viele Subskribenten auf Ihre letzte Übersetzung gesammelt hat – –‹

›Die gute Frau! Ja, ich habe das Buch ganz kurz kritisiert. Unverkennbares Talent! eine willkommene Gabe! Eine Blume im Garten der Poesie! gut ausgestattet usw. Aber das andre Buch! der Verfasser will wohl haben, ich soll es kaufen! Ich höre, es wird gerühmt! Genie hat er! Glauben Sie nicht?‹

›Ja, so heißt es allgemein,‹ sagte der Dichter, ›aber es fiel etwas wild aus! Die Interpunktion ist besonders genial!‹

›Er darf wohl etwas durchgehechelt, etwas geärgert werden, sonst bildet er sich zu viel von sich selbst ein.‹

›Aber das ist unbillig!‹ rief ein Vierter, ›wir wollen nicht auf so kleine Fehler hinaufsitzen, sondern uns des Guten freuen, und dessen ist hier viel! Er sticht sie doch allesamt aus!‹

›Gott bewahre uns! wenn er wirklich ein so echtes Genie ist, kann er wohl die scharfe Lauge aushalten! Es sind ihrer genug, die ihn ins Gesicht loben, wir wollen ihn nicht ganz verrückt machen!‹

›Unverkennbares Talent!‹ schrieb der Redakteur, ›die gewöhnlichen Nachlässigkeiten; daß er auch mißglückte Verse schreiben kann, sieht man auf Seite fünfundzwanzig, wo sich zwei Hiaten finden. Das Studium der Alten ist zu empfehlen usw.‹ – Ich ging fort,« sagte der Mond »und sah durch das Fenster in der Tante Haus; da saß der gefeierte Dichter, der Zahme, dem von allen eingeladenen Gästen gehuldigt wurde, und war glücklich.

Ich suchte den andern Dichter, den Wilden; er war ebenfalls in großer Gesellschaft bei einem Beschützer, wo man von des andern Dichters Buch sprach. ›Ich werde auch das Ihre lesen!‹ sagte der Mäcen, ›aber offen gesagt, Sie wissen, ich sage Ihnen immer, was ich meine, ich hege keine großen Erwartungen davon. Sie sind mir zu wild, zu phantastisch – aber ich anerkenne, als Mensch sind Sie sehr respektabel!‹ Ein junges Mädchen saß in einer Ecke und las in einem Buche:

Alltägliches hebt man zum Himmel –
In den Staub, wer geistesfrei!
Das ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie ewig neu!«

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