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Bilderbuch ohne Bilder

Hans Christian Andersen: Bilderbuch ohne Bilder - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleBilderbuch ohne Bilder
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060906
projectid60ab1870
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Zwölfter Abend.

»Ich will dir ein Bild von Pompeji geben,« sagte der Mond. »Ich war in der Vorstadt, in der Gräberstraße, wie man sie nennt, wo die schönen Monumente stehen, wo einst die jubelnden Jünglinge, Rosen um die Stirn, mit den schönen Schwestern der Lais tanzten; nun herrschte hier Todesstille; deutsche Soldaten in neapolitanischem Dienst hielten Wache und spielten Karten und Würfel; eine Schar Fremder, von jenseits der Berge, wanderten in die Stadt, von einer Wache begleitet; in meinem vollen Lichte wollten sie die aus dem Grabe erstandene Stadt sehen und ich zeigte ihnen die Spur der Wagenräder in den mit breiten Lavaplatten gepflasterten Straßen, ich zeigte ihnen die Namen auf den Türen und die noch aushängenden Schilder; sie sahen in den kleinen Höfen das Bassin für den Springbrunnen, geschmückt mit Muscheln und Konchylien; aber es sprangen keine Wasser, kein Gesang durchtönte die reichbemalten Gemächer, wo der Hund von Metall an der Tür wachte. Es war die Stadt des Todes; nur der Vesuv donnerte noch seine ewige Hymne, deren einzelne Verse die Menschen einen neuen Ausbruch nennen. Wir gingen zum Venustempel, der aus weißblinkendem Marmor ist, mit seinem Hochaltar vor der breiten Treppe und mit frischen Trauerweiden, die zwischen den Säulen hervorwachsen; die Luft war durchsichtig und blau, und im Hintergrund stand der kohlschwarze Vesuv, von dem das Feuer wie ein Pinienstamm aufstieg; die beleuchtete Rauchwolke lag in der Stille der Nacht wie die Krone der Pinie da, aber blutig rot. Unter der Gesellschaft befand sich eine Sängerin, eine echte und große Künstlerin, ich habe ihr an den ersten Orten Europas huldigen sehen. Als sie sich dem tragischen Theater näherten, setzten sich alle auf die Steinstufen des Amphitheaters; es wurde wieder ein kleiner Platz besetzt, wie vor Jahrtausenden. Die Szene stand noch wie früher, mit den gemauerten Kulissen und den beiden Bogen im Hintergrunde, durch welche man dieselbe Dekoration sieht, wie zu jener Zeit, die Natur selbst: die Berge zwischen Sorrent und Amalfi. Die Sängerin stieg zum Scherz auf die Szene des Altertums und sang; der Ort inspirierte sie; ich mußte an Arabiens wildes Pferd denken, wenn es schnaubend die Mähne sträubt und davonjagt; es war dieselbe Leichtigkeit und Sicherheit; ich mußte an die leidende Mutter unter dem Kreuze von Golgatha denken, es war derselbe tief gefühlte Schmerz. Und ringsum erklang wieder, wie vor tausend Jahren, der Jubel und das Klatschen des Beifalls. ›Glückliche! himmlisch Begabte!‹ jubelten sie alle. Drei Minuten später war die Szene leer, alles fort, man hörte keinen Ton mehr. Die Gesellschaft war weiter gezogen, aber die Ruinen standen noch unverändert, wie sie noch jahrhundertelang stehen werden, und niemand mehr weiß von dem Beifall des Augenblicks, von der schönen Sängerin, von ihren Tönen, ihrem Lächeln, vergessen und vorbei, selbst für mich ist diese Stunde eine verschwundene Erinnerung.«

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