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Bilderbuch ohne Bilder

Hans Christian Andersen: Bilderbuch ohne Bilder - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleBilderbuch ohne Bilder
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060906
projectid60ab1870
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Zehnter Abend.

»Ich kannte eine alte Jungfer,« sagte der Mond, »sie ging jeden Winter in einem gelben Atlaspelz, der immer neu war; denn er war ihre einzige Mode. Jeden Sommer trug sie denselben Strohhut und ich glaube, denselben blaugrauen Rock. Nur zu einer alten Freundin quer über der Gasse ging sie; aber im letzten Jahre tat sie es nicht mehr, denn die Freundin war tot. Verlassen arbeitete meine alte Jungfer hinter dem Fenster, wo den ganzen Sommer über hübsche Blumen standen und im Winter prächtige Kresse auf einem Hutfilze. Im letzten Monat saß sie nicht mehr am Fenster, aber sie lebte noch, das wußte ich, denn ich hatte sie die große Reise nicht machen sehen, von der sie und ihre Freundin so oft sprachen. ›Ja,‹ sagte sie dann, ›wenn ich mal sterbe, werde ich eine viel größere Reise machen, als in meinem ganzen Leben; sechs Meilen von hier ist unser Familienbegräbnis, dort werde ich hingeführt werden, dort werde ich bei den andern von meiner Verwandtschaft schlafen.‹ Gestern Nacht hielt ein Wagen vor dem Hause; sie trugen einen Sarg heraus, da wußte ich, daß sie tot war; sie legten Stroh um den Sarg und fuhren fort. Da schlief die stille, alte Jungfer, die im letzten Jahre nicht aus dem Hause gewesen; und der Wagen rollte aus der Stadt, so rasch, als ob es eine Vergnügungsfahrt wäre. Auf der Landstraße selbst ging es noch rascher; der Kutscher sah ein paarmal verstohlen zurück; ich glaube, er fürchtete sich, sie in dem alten Atlaspelz auf dem Sarge sitzen zu sehen; deshalb schlug er auch so unvernünftig auf die Pferde los, und hielt sie so stramm, daß sie im Gebiß schäumten; sie waren jung und feurig; ein Hase lief über den Weg und sie gingen durch. Die alte Jungfer, die sich jahraus jahrein zu Hause so langsam im gleichen Kreise bewegte, fuhr nun, da sie tot war, über Stock und Stein auf der offenen Landstraße. Der Sarg, der mit Strohmatten umgeben war, flog herab und lag auf der Straße, während Pferde, Kutscher und Wagen in wilder Flucht dahinjagten. Die Lerche flog singend vom Felde empor, zwitscherte ihr Morgenlied über dem Sarge, setzte sich darauf und stöberte mit dem Schnabel in den Matten, als wollte sie eine Puppe zerreißen. Dann stieg sie wieder empor, und ich zog mich hinter die roten Morgenwolken zurück.«

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