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Bilderbuch ohne Bilder

Hans Christian Andersen: Bilderbuch ohne Bilder - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleBilderbuch ohne Bilder
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
translatorEdmund Zoller
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060906
projectid60ab1870
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Neunter Abend.

Es war wieder klare Luft; mehrere Abende waren verflossen, er stand im ersten Viertel; ich erhielt wieder die Idee zu einer Skizze – höre, was der Mond erzählte.

»Ich folgte dem Polarvogel und dem schwimmenden Walfisch nach Grönlands Ostküste; nackte Felsen mit Eis und Schnee umschließen ein Tal, wo Weiden und Heidelbeer in reicher Blüte standen; die duftende Lychnis verbreitete süßen Geruch; mein Licht war matt, meine Scheibe blaß wie der Wasserlilie Blatt, das seit Wochen, von seinem Stengel losgerissen, auf dem Wasser herumgetrieben; die Nordlichtkrone brannte, ihr Ring war breit, und die Strahlen gingen wie wirbelnde Feuersäulen über den ganzen Himmel hin und spielten in Grün und Rot. Die Nordländer sammelten sich zu Tanz und Lustbarkeit, aber sie staunten nicht, denn es war eine für sie gewohnte Pracht: ›Laßt die Seelen der Toten mit dem Haupt des Walrosses Ball spielen!‹ dachten sie nach ihrem Glauben und hatten nur Sinn und Auge für Gesang und Tanz. Mitten im Kreise stand, ohne Pelz, der Grönländer mit seiner Handtrommel und stimmte einen Gesang vom Seehundsfang an und der Chor antwortete: ›Eia, eia, a!‹ und hüpfte in seinen weißen Pelzen im Kreise herum; es sah aus wie ein Eisbärenball. Augen und Kopf machten die kühnsten Bewegungen. Nun begann Gericht und Urteilsspruch. Die, welche sich entzweit hatten, traten auf und der Beleidigte nannte aus dem Stegreif die Fehler des Gegners, keck und höhnisch, und alles unter Tanz zur Trommel; der Angeklagte antwortete ebenso schlau, während die Versammlung lachte und das Urteil zwischen ihnen fällte. Die Berge dröhnten, die Gletscher krachten, die großen stürzenden Massen lösten sich im Fall in Staub auf; es war eine grönländische schöne Sommernacht. Hundert Schritte davon, unter dem offenen Zelte aus Fellen, lag ein Kranker, noch strömte das Leben durch sein warmes Blut, aber er mußte doch sterben, denn er glaubte es selbst und alle rings umher glaubten es; deshalb nähte seine Frau bereits den Fellüberzug um ihn fest, um später den Toten nicht berühren zu müssen und sie fragte: ›Willst du auf dem Berge in den festen Schnee begraben werden? Ich werde die Stelle mit deinem Kajak und deinen Pfeilen schmücken! Der Angekok soll drüber hintanzen! Oder willst du lieber ins Meer versenkt werden?‹ – ›Ins Meer!‹ flüsterte er und nickte mit einem wehmütigen Lächeln. ›Das ist ein angenehmes Sommerzelt!‹ sagte die Frau, ›da springen Tausende von Seehunden, da schläft das Walroß zu deinen Füßen und die Jagd ist dort sicher und lustig!‹ Und die Kinder rissen heulend das ausgespannte Fell von dem Fenster, daß der Sterbende zum Meer geführt werden konnte, zum wogenden Meere, das ihm im Leben Nahrung gegeben, nun Ruhe im Tode. Sein Grabdenkmal wurden die schwimmenden Eisberge, die Tag und Nacht wechseln. Der Seehund schlummert auf der Eisscholle, der Sturmvogel fliegt drüber hin.«

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