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Bilder aus meinem Leben

Charitas Bischoff: Bilder aus meinem Leben - Kapitel 6
Quellenangabe
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typeautobiography
authorCharitas Bischoff
titleBilder aus meinem Leben
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunSechsunddreißigstes Tausend
year1922
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Königschießen

Königschießen! Mit welcher Freude schrieb ich dieses Wort mit steifen Buchstaben in mein Schultagebuch. »Freitag und Sonnabend frei, Königschießen!«

Donnerstag abend war Zapfenstreich, da nahm der Spaß seinen Anfang, von da an war für einige Tage alles auf den Kopf gestellt. Nur meine Eltern machten eine Ausnahme von der allgemeinen Regel. Überall wurde vorher geputzt, gescheuert, die Häuser geweißt, gewaschen und gebacken, konnte doch jeder während der Tage Besuch von auswärts erwarten. Wohin man sah, war freudige Aufregung. Soviel ich auch sonst dem Vater helfen mußte, diese Tage gehörten mir. Nur zu den Mahlzeiten stellte ich mich ein, sonst war ich den lieben, langen Tag beständig auf den Beinen, immer in Aufregung, immer hinter der Musik her, die auf uns Kinder wirkte, wie die Wunderpfeife des Rattenfängers zu Hameln. Entzückt staunten wir die aufgefrischten Häuser und die bunten Girlanden an.

Freitag war der Auszug des alten Königs, das konnte man noch mit frischen Kräften genießen. Da war das gestärkte Kattunkleidchen noch sauber, da war der Mammon, der für die drei Tage bestimmt war, noch fest im geschlossenen Händchen. Was konnte man für Pläne schmieden, auf welche Weise das Kapital am besten zu verwenden sei. Ach, der Lockungen und Versuchungen für ein schwaches Kinderherz gab es nur allzu viele! Mochte man rechnen, wie man wollte, drei Pfennige für drei Tage war nicht viel, man mußte sich weise überlegen, für welche Genüsse man diese Summe opfern wollt«. Da lockte die Musik des Karussells, da wurden Kuchen und Kirschen angepriesen, und weiterhin standen die Tierbuden. Ach, die Verkäufer brauchten gar nicht so freundlich einzuladen, die Lust zu allem war groß genug. War man leichtsinnig und konnte der Versuchung nicht wiederstehen, dann gab's Reue statt Freude, und für die kommenden Tage Entbehrung.

Ach, daß ein Königschießen viel Leid, Tränen und quälende Gewissensbisse bringen kann, das sollte ich erfahren!

Mein Vater hatte mir großmütig gleich alle drei Pfennige ins Händchen gesteckt, die Mutter war bedenklich, sie nahm mich in die Arme und sagte: »Komm, Täschen, laß dir's lieber einteilen, daß du morgen und Sonntag auch noch was hast. Komm' gib mir die zwei Pfennige.«

Ich sah sie bittend an und zögerte, fest schloß ich die Hand. Der Vater sagte: »Laß es ihr! Mag sie uns beweisen, daß sie mit Geld umgehen kann. Erfahrungen muß jeder für sich selbst machen.«

»Na,« sagte die Mutter und sah mich warnend an, »sei doch nur vernünftig! Sei recht vergnügt und froh, und komm nicht zu spät wieder. Du sollst sehen, du bist viel fröhlicher, wenn du zu rechter Zeit ein Ende findest!«

Ha! Als ob es nötig wäre, mir Vergnügen zu wünschen! Diese drei Tage konnte man doch nur vergnügt sein, dazu waren sie ja da! Ich hatte Freiheit und Geld, was wollte ich mehr! Zuerst drängte ich mich mit dem Kinderschwarm nach des Königs Haus. Eine stattliche Ehrenpforte, reich mit Girlanden verziert, zeichnete es vor den anderen aus. Nichts wurde von uns Kindern versäumt oder übersehen. Mit unserer lauten Bewunderung hielten wir nicht zurück.

Der Zug ordnete sich. Allen voran schritt die Musik. Hier nahm unsere Teilnahme besonders der Halbmond mit dem lustigen Glöckchenspiel in Anspruch. Wie die verkörperte Freude lachte er uns entgegen. Halbmond und Glöckchen glänzten in der Sonne, und lustig wehten die stattlichen Roßschweife bei jeder Bewegung. Wie fuhren uns die rauschenden Töne in die Glieder, wenn der Klempner Claus sich schweißtriefend, mit voller Wucht den Stab des Instrumentes gegen den Leib stieß. Seine Tochter Selma hielt sich dicht an den Vater, ihr Gesicht glühte vor Stolz! Zum Blumenstreumädchen hat sie es auch nicht gebracht, aber sie vermißt nichts, denn ihr Vater trägt den Halbmond und triumphierend sieht sie auf uns andere, wenn wir glücklich lächelnd Schritt zu halten suchen und unverfroren unser Tschin-ter-a-ta-ta in die aufwirbelnden Staubwolken schmettern. – Aber was hinter der Musik kam, war nicht minder sehenswert. Das waren unsere weiß gekleideten Schulgefährtinnen, die an dem Tage die Ehre hatten als Blumenstreumädchen dem König voranzugehen. Wie beneidenswert erschienen sie mir, wenn sie in ihren abstehenden Kleidern gespreizt und geziert einherschritten. Das von Pomade glänzende Haar trugen sie in breiten, flachen Zöpfen bogenförmig um den Kopf gesteckt. Aus zierlichen Körbchen streuten sie Blumen auf den Weg. Wer kein Körbchen hatte, trug einen langen, weißen Lilienstengel. Ach, wie ich sie schön fand! Mir ist aber nie das Glück zuteil geworden, je ein Blumenstreumädchen zu werden!

Und nun kam der König! Der Schuster Rost war es in diesem Jahre. Mit dem großen Stern und der breiten, blauseidenen Schärpe sah er gar stattlich aus zwischen seinen beiden Begleitern. Und geladene Begleiter folgten ihm. Dann erst kam der Zug der Schützen in ihren wunderlichen Uniformen. Wie zitterte der alte Schlosser Rößner unter der schweren Fahne! Wie blitzten die Knöpfe an den langschößigen, steifen blauen Fracks, wie schillerten die grünen Federbüsche von den großen Dreimastern!

Die schmetternde Musik noch übertönend erklingt die Stimme des kommandierenden Majors. Es ist der kleine dicke Bäcker Röding, der, stolz und barsch, im Schweiße seines Angesichts, seiner Garde zuruft und mit mächtigen Gebärden den Kommandostab mit dem silbernen Knopfe schwingt.

Wir Kinder suchen in der befremdlichen Kleidung unsere guten Bekannten, wir wagen einen schüchternen Gruß, aber ernst und würdig durchschreiten die Biedermänner das Städtchen. Die Sonne brennt heiß, und wo das Pflaster aufhört, bewegen wir uns in einer Staubwolke; – aber schön ist's doch!

Auf dem Festplatz löste sich der Zug, und ein buntes, vergnügtes Durcheinander wogte summend den gebotenen Genüssen entgegen. Dürstend und heiß stand an der Pumpe eine Gruppe Blumenstreumädchen, belagert von ihren neugierigen, weniger begünstigten Gefährtinnen. Während eine von den Weißgekleideten gierig und vorsichtig ihren Mund an die Röhre legte, pumpte eine von uns anderen und bestürmte die Erquickte mit lebhaften Fragen: »Was hat's denn bei Königs gegeben?«, »Bemmchen mit Zervelatwurst belegt, und für uns Mädchen zum Trinken Limonade!«

Wir horchten gespannt, und ich bewunderte, wie geläufig diese ungewöhnlichen Worte der anderen von den Lippen flossen. Was in aller Welt mochte das für ein wunderbarer Trank sein, der einen so einschmeichelnden Wohllaut hatte! Li–mo–na–de! Ich wiederholte das Wort sinnend bei mir selber.

Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter, und als ich mich erschrocken umdrehe, sehe ich in das bärtige Gesicht des guten Försters Lantsch. Er war ein Freund meiner Eltern und brachte häufig, sorgsam in Moos verpackt, irgend eine Seltenheit mit aus dem Walde. Dieser freundliche, gute Mann stand jetzt vor mir und zog aus seiner Tasche eine grünseidene Geldbörse.

»Sieh mal her, mein kleiner Spiritus, die Waldgeisterchen schicken dir einen kleinen Beitrag fürs Fest. Kauf' dir recht was Schönes, und sei froh mit deinen Freundinnen!«

Der gute Herr Lantsch war in der Menge verschwunden, ich aber sah überrascht in meine Hand. Da lag ein funkelnder Neugroschen und ein winziges Fünfpfennigstück daneben. Fünfzehn Pfennige! Ganz verwirrt schaute ich diesen Reichtum an. Ich öffnete die andere Hand und legte die drei Pfennige vom Vater dazu. Es war kein Traum, da lagen achtzehn Pfennige! Dieser Reichtum! Schnell zur Mutter! Was würde sie nur sagen? Ich schlug schon die Richtung nach dem Forsthof ein, als mich jemand am Kleid zupfte.

»Setz dich in den Keller, daß du so frisch bleibst!« Es war Nagelschmieds Lene, die mich so anredete. Sie war zwei Jahre älter als ich und so klug und sicher in allem. Ich fühlte mich ganz geschmeichelt durch ihre Vertraulichkeit, obgleich meine Mutter nicht gern sah, wenn sie sich mit mir abgab.

Sie schob jetzt ihren Arm in den meinen, beugte ihr Gesicht zu mir herunter, so daß ich ihr gerade in die lachenden schwarzen Augen sah: »Du willst doch nich heem? Jetzt, wo gerade der Hauptspaß losgeht! Was willste denn derheeme?«

»Laß nur,« sagte ich, »ich muß den Eltern was zeigen!«

»Ach tu dich doch nich! Meenste, ich hätte nich gesehen, daß d'r der Lantsch was zum Königschießen gegeben hat? Zeig mal her, wie viel 's is.«

Ich öffnete schweigend die Hand. »Siehste!« sagte sie gönnerhaft, »wie du reich bist, aber wirste heem gehn! Das kommt noch früh genug, wenn der Spaß aus is. Wenn du jetzt heem gehst, da setzt bei Vater dich hinter eenen von den großen, grünen Tischen, und da mußt de Pflanzen einlegen, und deine Mutter steckt die fufzehn Pfennige in den Spartopf. Wirste e Narr sein! Das Geld is deine, das geht niemanden was an, du brauchst's in deinem Leben niemandem zu sagen, uf mich kannste dich verlassen, ich verrat' dich nich. Aber nu komm, wir wollen uns mal umsehen, was es heite gibt.«

Es gesellten sich bald mehrere Freundinnen dazu, und wir brauchten längst nicht den ganzen Nachmittag, um achtzehn Pfennige durchzubringen. Ich war plötzlich der Mittelpunkt, die »Freundinnen« drängten sich an mich, und ich hörte wiederholt mit dem Brustton tiefster Überzeugung: »Ach, was de aber für 'ne gute Charedas bist!«

Ich glaubte alles und genoß meine Beliebtheit in vollen Zügen. Und doch fühlte ich durch all die laute Freude hindurch die Stimme des Gewissens, es war mir nicht unbedingt wohl, trotz Kirschen und Pfefferkuchen und den Schmeicheleien der Gefährtinnen. Flüchtig tauchte das Gesicht meiner Mutter in meinem Innern auf, aber die Erinnerung an sie war mir keine Freude, ich fühlte mich im tiefsten Grunde beunruhigt, und das wurde geradezu zur Pein, als das Geld alle war und meine Freundinnen ganz allmählich in der Menge verschwanden, gerade so von ungefähr, wie sie sich vorher eingefunden hatten. Je später es wurde, desto einsamer und elender fühlte ich mich. Die Karussellmusik machte mich traurig. Ich schlich mich aus der lauten Menge in eine entlegene Ecke des großen Gartens. Hier waren Baumstämme in mäßiger Höhe aufgeschichtet, darauf setzte ich mich, sah mich scheu nach allen Seiten um, und als ich mich überzeugt hatte, daß sich hierher wohl niemand verlieren würde, stützte ich meinen Kopf in die aufgestemmten Hände und weinte, weinte herzbrechend. O, wie einsam fühlte ich mich! Wie schlecht und wie von Gott und aller Welt verlassen! Ich hatte das dunkle Gefühl, daß kein Platz auf der Erde mehr sei, wohin mich verlangte.

Die Abendglocke läutete zwischen all dem lauten Lärm. Ich erschrak. Das war das Zeichen für uns Kinder, nach Hause zu gehen. Wie konnte ich denn nach Hause! Was sollte ich zu Hause? Was würden die Eltern sagen, daß ich so entsetzlich viel Geld durchgebracht hatte? Hinter ihrem Rücken! Und nun kamen die Gedanken, die sich untereinander verklagten und entschuldigten. Ob das wohl möglich war, daß ich es verschwieg? Lene hatte mit großer Bestimmtheit gesagt: »Das Geld ist deine, damit kannst du machen, was du willst.« Ja, es war doch auch mein, ich hatte es doch geschenkt bekommen. Aber wenn nichts Böses dabei war, dann konnte ich es ja auch zu Hause sagen. Hatte meine Mutter nicht immer gesagt: »Wenn du dich freust, freuen wir uns mit!« Nun gut, dann wollte ich bekennen, heute abend, wenn die Mutter zum Abendgebet in die Kammer kam. Schweren Schrittes, wie das verkörperte böse Gewissen, schlich ich den Hügel zum Forsthof hinan, den ich so leichten Herzens vor wenigen Stunden hinabgesprungen war.

»Kommst du auch mal wieder nach Hause!« sagte mein Vater mit gerunzelter Stirn.

Meine Augen suchten das Gesicht meiner Mutter. Als sie sich endlich zu mir wandte, sah sie mich kalt und fremd an. O, wie elend fühlte ich mich, und ich wußte mir gar nicht zu helfen!

»Ich möchte wissen,« sagte meine Mutter mit fremder Stimme, »woher du das viele Geld hast, womit du heute nachmittag deine Freundinnen traktiert hast?«

Sie wußte es schon! Wie konnte sie es denn wissen?

Ich zitterte so, daß ich keinen Ton hervorbringen konnte.

»Oder,« fuhr meine Mutter in demselben kalten, fremden Tone fort, »oder hat Nagelschmieds Lene die Unwahrheit gesagt?«

»Nagelschmieds Lene!« rief ich erstaunt. Nein, das konnte nicht sein! Hatte denn nicht sie gerade mir den Rat gegeben, nichts zu sagen? Und nun?

»Ja,« sagte meine Mutter, »als du nach dem Läuten nicht gleich kamst, ging ich unten ans Pförtchen, um nach dir auszusehen. Da kam Lene und erzählte mir, du habest schrecklich viel gekauft, habest sie alle freigehalten. Ist das wahr, und woher hast du das Geld?«

»Ach, Vater – Mutter –! Es ist alles wahr! – Seid mir doch nicht böse! – Der Lantsch hat mir fünfzehn Pfennige geschenkt –«

»Und das hast du alles durchgebracht?!«

Ich nickte stumm.

»Und die drei Pfennige von uns?«

»Ja– –die – auch –« sagte ich schluchzend.

»Dir kann man Geld anvertrauen!« sagte der Vater scharf.

»Hier,« sagte die Mutter, »nimm deine Bemme, und iß sie draußen. Du hast uns heute nachmittag nicht gebraucht, nun brauchen wir dich auch nicht. Geh!«

Schluchzend und von Reue ganz zerrissen setzte ich mich draußen ans Treppenfenster, alles blühte und grünte, und von ferne tönten die Klänge des Karussels, sie ließen mich erzitternd von neuem aufweinen. Nein, ich wollte nie im Leben wieder Karussel fahren! Und wo ich heute ein Karussell höre, denke ich mit lächelnder Wehmut an dieses Königschießen.

Als ich schon lange im Bett lag, kam doch noch die Mutter. Sie konnte ihre Enttäuschung über meinen Leichtsinn aber noch gar nicht verwinden, sie sah mich seufzend, kopfschüttelnd an. Ich ließ sie nicht eher fort, bis sie mir vergeben hatte.

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