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Gutenberg > Charitas Bischoff >

Bilder aus meinem Leben

Charitas Bischoff: Bilder aus meinem Leben - Kapitel 5
Quellenangabe
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typeautobiography
authorCharitas Bischoff
titleBilder aus meinem Leben
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunSechsunddreißigstes Tausend
year1922
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Christrosen

Ich war acht Jahre alt, da hörte ich, wie meine Eltern wieder eine Reise planten, sie wollten durch die Lausitz über Böhmen, Schlesien nach Krakau, um ihre botanischen Sammlungen zu verkaufen.

Ich saß in der Vorderstube auf einem Fußbänkchen und weinte leidenschaftlich. Neben mir auf dem Stuhl saß die Mutter und redete mir zu, aber es gelang ihr nicht, mich zu trösten. »Kind,« sagte sie, »mach' mir das Herz nicht so schwer! Ich hoffe, daß wir Weihnachten wieder hier sind. Hör' mal zu! »Wollen wir denn ein Bäumchen anputzen? Sollen wir dir etwas mitbringen? Warte, – ich stricke dir ein paar Müffchen! Mit hübscher, bunter Wolle! Du sollst selbst sagen, wie du sie haben willst. Na, nun sag' mir mal, wie sie sein sollen!«

»Laß nur,« sagte ich weinend, »ich will gar nichts, gar – gar – gar nichts! Nur euch will ich haben. – Bleibt doch bei mir! Warum müßt ihr immer reisen?«

Der Vater richtete sich von seinem Käferkasten in die Höhe und sagte: »Das verstehst du noch nicht!«

In diesem Augenblick klopfte es, und herein trat ein langer, schmalbrüstiger Mann, dessen bartloses Gesicht zwei rote, abgezirkelte Flecken zeigte. Das war der Sattler Triebel, der zur bevorstehenden Reise noch eine Arbeit ablieferte. Die Mutter bot ihm einen Stuhl, während der Vater das Geld auf den Tisch zählte.

»Und morgen soll's losgehen?« sagte de» Mann mit hoher Stimme.

Die Mutter nickte.

»Es hat wohl Haue gegeben,« sagte er, auf mich deutend.

»Mädchen schlägt man doch nicht gern, die müssen aufs Wort gehorchen lernen. Sie weint, weil sie nicht von uns will.«

»Wo kommt sie denn hin?«

»Zur früheren Madame Hänel. Ich würde sie aber lieber wo anders unterbringen, denn Madame Hänel tut es nicht gern, da sie jetzt die Stiefkinder hat.«

»Wieviel geben Sie denn für das Kind?«

Die Mutter zuckte zusammen und sagte kurz: »Wieso?«

»Na, wenn Sie gut zahlen, dann finden sich auch noch andere Leute wie Madame Hänel.«

Der Vater sagte kalt: »Das ist doch kein Geschäft! Wir können nicht viel geben, sie soll aber nur zu Leuten, wo sie es ordentlich hat, die Verständnis für ein Kind haben.«

Der Mann lachte, aber er verharrte bei der Sache. Es wurde erregt hin und her gesprochen, und das Ende war, daß er mich haben wollte.

»Täschen!« sagte die Mutter bittend, »willst du wohl zu dem Manne gehen? Er hat gar keine Kinder und möchte jetzt eins haben. Willst du?«

Ich schüttelte entschieden den Kopf und blieb dabei: »Ich will zu keinen fremden Leuten!«

»Du!« sagte er und rückte näher zu mir heran, »magst du wohl fahren?«

»Ja,« sagt« ich lebhaft, »gewiß, sehr gern.«

»Soll ich dich mal auf dem Schiebbock in die Niederstadt fahren?«

Ich lachte, und die Mutter sagte scherzend:

»Dann fährt mein Kind im Saus
Ganz bis vors Triebelhaus.«

Mit so einem kindlichen Reimchen machte mir die Mutter jedesmal einen großen Spaß. Der Sattler hatte mich!

Während Triebel die Schubkarre holte, suchte die Mutter meine Sachen zusammen, und ich half ihr geschäftig. Hier in der Kammer war die Mutter ganz ernst, sie drückte mich heftig an sich und sagte: »Nicht wahr, du bleibst recht brav und artig? Sei doch recht fröhlich! Wenn du aber Not hast, dann klag' sie dem lieben Gott, er sieht und weiß alle Dinge, er sieht auch deine kleinen Leiden, und wenn du ihn bittest, hilft er dir! Hüte dich nur, daß du niemandem weh tust!«

Mittlerweile war das Gefährt angekommen. Halb lachend, halb weinend nahm ich Abschied von den Eltern. Die Mutter setzte mich fürsorglich auf das Bettbündel, und so fuhr ich den Forsthofberg hinunter. Die Eltern winkten, solange sie mich sehen konnten. Wirklich im Saus ging es den Niederstadtberg hinunter, und ich hielt einen verhältnismäßig vergnügten Einzug. Aber das Lachen hielt nicht lange vor.

Triebels waren der Meinung, ein Kind wisse sein Maß nicht, es müsse recht knapp gehalten werden, sonst verderbe es sich den Magen. Zumal der Mann und seine Mutter waren nach der Seite hin sehr auf meine Gesundheit bedacht. Zum Haushalt gehörten noch die Frau und der Lehrjunge. Die Werkstelle, wo ich schlief, war ein niedriger, dumpfer Raum, wo Berge von verfilzten Haaren, Pferde-Kummete, Leder und allerlei Schrumpel herumlag. Meine Tagesarbeit bestand darin, die Haarpolster, die in alten Möbeln gewesen waren, auseinanderzuzupfen. Die Arbeit ging nicht über meine Kräfte, aber sie war durch den Staub, der damit verbunden war, sehr widerlich. Schlimmer wurde die Sache abends für mich. Da mußte ich dem Meister und dem Lehrjungen bei der Arbeit leuchten. Wenn sie an den schweren, großen Kummeten arbeiteten, mußte der Lichtschein bald von dieser, bald von jener Seite auf die Arbeit fallen. Der Lehrjunge sollte auch möglichst berücksichtigt werden, und da sie in arbeitsreicher Zeit manchmal bis nach Mitternacht arbeiteten, so wußte ich oft nicht, wie ich es vor Überanstrengung aushalten sollte. Ich tat wie die Störche, bald stellte ich mich auf das eine, bald auf das andere Bein. Ich stützte den müden Arm mit dem andern, ich schlief im Stehen ein und wurde dann durch einen Schlag an meine Pflicht erinnert. Triebel war sehr aufgeregt und jähzornig, ich muß zu seiner Entschuldigung annehmen, daß er krank war, und daß er Nahrungssorgen hatte. Viel Worte machte er nicht, er schlug zu. David bekam sein reichlich Teil, ich ging aber auch keineswegs leer aus.

Meine Erholung war die Schule, obgleich ich in der Zeit gewiß die schlechteste Schülerin war. Zu meinem Glück hatten wir gerade damals einen ganz prächtigen Lehrer. Er war ein großer Kinderfreund und hatte ein ganz besonderes Verständnis und großes Erbarmen mit der Not armer Kinder. Er kam gerade vom Seminar, unterrichtete mit Eifer und Begeisterung, um so bewundernswerter war es, daß er für eine so schlaffe, weinerliche Schülerin soviel Nachsicht und Geduld hatte. Ich konnte mich oft beim besten Willen nicht wach halten, mein müder Kopf siel auf den Tisch, und ich schlief ein.

»Laßt sie,« sagte er dann, wenn die andern mich aufrütteln wollten, »sie kann nicht, aber ihr könnt, ihr seid bei euern Eltern. Wenn die erst wieder zu Hause ist, dann sollt ihr mal sehen, dann wird's wieder besser. Mache keine von euch ihr das Leben schwer! Macht, daß sie gern herkommt, daß sie uns alle lieb hat!« Und seine guten Worte blieben nicht ohne Wirkung. Man ging mit mir um, wie etwa mit einer Kranken. Viele wetteiferten, mir Gutes zu tun, und sie entwickelten ordentlich ein Zartgefühl beim Geben. »Komm!« sagten sie, »probier' mal unsere Griebenbemme«, oder: »Hast du schon mal solche Äpfel gegessen?«

Besonders empfänglich für die Worte: »Wohlzutun und mitzuteilen,« wurden alle durch die Vorbereitung auf das nahende Weihnachtsfest. »Bereit' das Herz zur Andacht fein!« Das wurde uns ernst mahnend zugerufen. »Vergeßt über der äußeren Vorbereitung nicht die innere. Richtet eure Wünsche nicht auf sichtbare Gaben, trachtet vielmehr danach, wie ihr den würdig empfangt, der auf Erd' ist kommen arm, daß er unser sich erbarm'! Auch das ärmste Kind hat teil an der ewigen Freude! Es ist aber auch niemand so arm, daß er nicht Weihnachtsfreude verbreiten könnte. Wer nicht Geld und Gut hat, kann durch den guten Willen, durch Fleiß und Freundlichkeit doch beitragen zu dem Wohlgefallen, wovon in der Engelsbotschaft die Rede ist.«

So sprach Herr Dietze zu uns, und unsere kindlichen Kerzen entzündeten sich an den guten Worten. Es entfaltete sich eine Geschäftigkeit, ein Flüstern und Planen wurde hörbar, so daß man fühlte, es liege etwas Ungewöhnliches in der Luft, man warte auf etwas Besonderes. Auch mein Kindesherz wurde von dem Wunsche beseelt, an dem allgemeinen Wohlgefallen zu bauen. Aber was konnte ich tun? Nun, ich konnte dem Sattler die Lampe mit besonderer Geduld und Aufmerksamkeit halten, so daß er nicht zum Zorn gereizt wurde. Das war freilich gar keine sichtbare Gabe, aber es war das, was ein armes Kind geben konnte. So deutete ich mir wenigstens die Worte des Lehrers. Aber ich hatte die Sehnsucht nach der Seligkeit des tatsächlichen Gebens. Dem verehrten Lehrer hätte ich so sehr gern etwas Sicht- und Greifbares geschenkt. Fiel mir denn gar nichts ein? Sollte es mir wohl möglich sein, einen Reim? – Vers? – Gedicht? – zusammenzubringen? Das war freilich ein Unternehmen! Aber wenn ich es nun so gern wollte? Natürlich konnte ich das nur Abends im Bett, wenn es um mich herum ganz still war, wenn nichts mich störte. Wenn ich nun aber darüber einschlief? Oder wenn ich den Reim am Morgen wieder vergessen hatte? Ja, das waren so meine Weihnachtspläne und Weihnachtssorgen!

Am letzten Schultag vor dem Feste sagte mir Wenzel-Emilchen aus Breitenbach, ich möge am ersten Weihnachtstag doch zu ihr hinaus zum Mittagessen kommen. Am Nachmittag gingen sie aus, aber essen könne ich da. Das war ja viel, worauf ich mich freuen konnte! Im Sattlerhause wurde gescheuert, die Ziege war geschlachtet, und Kuchen und Stollen wurden gebacken. Es war der Vormittag vom 24. Dezember. Die alte Frau Triebel hatte mir gesagt, ich möge oben ihr Kämmerchen fegen. Das tat ich, und beim Fegen kam mir ein freudiger Gedanke. Wie, wenn ich außer dem Reim vielleicht noch eine Zeichnung machte für meinen lieben Lehrer? Am liebsten hätte ich ja ein Bild von der Weihnachtsgeschichte gemacht, aber ach! das überstieg bei weitem meine Kräfte! Das konnte ich wohl mit meiner Seele schauen, aber selbst bilden?! Kein Gedanke! Was konnte es denn sonst sein? Beim Vater hatte ich Sonntagsnachmittags zeichnen müssen. Er legte mir dann von unsern gepreßten Pflanzen eine vor, und ich mußte sie nachzeichnen. Also nur eine Blume konnte es werden. – Aber welche? Halt! – Ich hab's! Helleborus niger, die Christrose!

Jetzt schnell hinunter in die warme Stube! Ein Blatt aus dem Heft und ein spitzer Bleistift ist alles, was ich brauche. Mit klopfendem Herzen und glühendem Gesicht gehe ich an die Aufgabe. Daß mich nur niemand stört! Nein, alle sind bei ihrer Arbeit. Die Frau ist am Backofen, die alte Frau Triebel ist auf ihrem Auszugsstübchen oben, und Meister und Lehrling arbeiten in der Werkstatt. Ach! – Nun habe ich keine Vorlage, und nun, da ich bei den Blättern angekommen bin, möchte ich doch gern mal nachsehen! So? – Ist's nicht doch so? Ich halte das Papier in Armeslänge von mir und stelle mir vor, was wohl der Vater dazu sagen würde: »Na – na!?« höre ich ihn fragen und will eben einige Verbesserungen anbringen, als plötzlich die Tür aufgeht. Es ist die alte Frau Triebel! Schnell in die Tasche mit der Zeichnung!

»So?« ruft sie zornig, »hier find' ich dich, du kleiner Spitzbube! Wer heißt dich an meine Mutsche gehen und mir den schönsten Prinzapfel stehlen?«

Mir wird schwarz vor den Augen, die Stube dreht sich mit mir, ich kann nichts sagen. Da stürzt Triebel mit einem Riemen herein.

»Zeig' deine Tasche!« ruft er. Ganz mechanisch ziehe ich meine Zeichnung hervor und kehre die Tasche um. Er wirft einen flüchtigen Blick auf das zerknitterte Papier, öffnet die Ofentür, und ich sehe, wie sich mein Werk in eine rotglühende Asche verwandelt.

»Nicht einen Augenblick darf man sie allein lassen,« schilt Triebel und nimmt mich mit festem Griff beim Handgelenk. Er schleppt mich über den verschneiten Hof in den leeren Ziegenstall und züchtigt mich in so erbarmungsloser Weise, daß endlich auf mein lautes Weinen die Frau hereinstürzt. Sie fällt dem zornigen Mann in den Arm und ruft: » Leberecht! – Laß das! – Hau sie nicht zu schanden! – Es ist ein fremdes Kind! Denk an die Mutter! – Leberecht! – Es ist Weihnachten!!«

Dann gingen beide. Der Mann machte den Pflock vor die Tür.

Wimmernd vor Schmerz lag ich auf der Streu. – Was hatte ich denn getan? Dieb?! Ich ein Dieb?! Und wenn nun das der Lehrer hörte? Ob der es wohl glaubte? Ob die Kinder es glaubten? Ob sie mich nun alle verachteten? Ich weinte schmerzlich. Was würde die Mutter sagen? Die würde mir glauben, die hatte das beste Zutrauen zu mir.

Dunkel und kalt um mich her. Dunkel und kalt in mir! Wann würde der Pflock von der Tür genommen? Und selbst wenn er weg war, – was dann weiter? Du Gott siehst und weißt ja alle Dinge! Du weißt, daß ich kein Dieb bin!

Wie lange ich in Schmerzen und quälenden Gedanken da gelegen hatte, wußte ich nicht, aber ich hörte, daß leise der Pflock gezogen wurde. Es wird Frau Triebel gewesen sein.

Verweint und zerschlagen kam ich ans Tageslicht. Drinnen sah ich, daß sie zu Mittag gegessen hatten.

Als zum Kaffee aufgedeckt wurde, sagte Triebel: »Spitzbuben kriegen in meinem Hause nichts zu essen. Stell' dich dahin, und sieh zu, wie uns der Kuchen schmeckt.«

Nein, ich bekam an dem Tage nichts zu essen. Ich stellte mir vor, wie in der Dämmerung in anderen Häusern die Weihnachtsbäume angezündet wurden. Die Glocken läuteten zum Abendgottesdienst. Die Christenheit feierte überall Weihnachten!

 

Trotzdem ich mich am nächsten Tage noch krank an Leib und Seele fühlte, ging ich doch zum Wenzel-Emilchen nach Breitenbach. Als ich da still und traurig ankam, sagte die gute Bauerfrau: »Du bist ja so blaß? Bist du krank?«

»Du bist so ja still?« sagt« Emilchen, »Was hat dir denn das Christkind gebracht? Du mußt ja auch meine Sachen sehen.«

Da kamen sie wieder hoch, die Tränen! Ich würgte daran. Um sie zu verbergen drehte ich das Gesicht dem Fenster zu. Noch die Tränen in den Augen und in der Stimme, rief ich plötzlich lebhaft und streckte den Finger nach dem Garten: »O, da habt ihr ja Christrosen im Garten!«

»Meinst du die weißen Blumen da drüben? Findest du sie denn hübsch? Sie sind ja nicht bunt, sie sehen fast aus wie der Schnee, so weiß.«

»Ach, Frau Wenzel, bitte schenken sie mir doch eine!« bat ich.

»Ei freilich! Die kannst du gerne kriegen! Ich muß mich nur wundern, wie du so hinter den Blumen her sein kannst! Na, das liegt dir ja wohl so im Blut, von Vater und Mutter her.«

Emilchen und ich gingen hinaus. Da, mitten in Eis und Schnee stand ein ganzer Büschel Christrosen!

»O, Helleborus niger!« rief ich beglückt und breitete gleichsam liebkosend die Hände darüber. Dann schob ich den Schnee etwas zur Seite. War es nicht, als ob die bleichen Blumen gefrorene Tränen an den Bäckchen hätten? Die noch nicht erblühten ließen wie träumend das Köpfchen hängen. An einigen der Blüten zeigte sich eine ganz zarte Andeutung von Rot. O, etwas Zarteres, Lieblicheres konnte man sich kaum denken! Und so unbeachtet, so halb vergraben im kalten Schnee entfalteten sie ihre Schönheit. Mit vor Freude zitternden Händen bog ich die kräftigen Blätter, die die Blumen gleichsam schützend umstanden, ein wenig zur Seite und löste sie vorsichtig von der Wurzel. Eins der grünen kräftigen Blätter nahm ich mit. Drinnen band ich sie mit einem Faden zusammen.

Frau Wenzel sah mir lächelnd, kopfschüttelnd zu. Endlich sagte sie: »Du bist wohl ganz hin in deine Blumen, siehst wohl gar nicht die Puppe, die ich hier für dich hergelegt habe?«

Eine Puppe? Für mich?! Ich war also nicht von der Weihnachtsfreude ausgeschlossen!? Eine liebe, liebe Puppe! Ein Kind, für das ich sorgen mußte, das ich liebhaben durfte, dem ich alles, alles erzählen durfte! Wieder kamen mir die Tränen hoch, aber diesmal waren es Freudentränen. Als ich der Frau und dem Emilchen meinen Dank aussprach, sagte ich zu letzterer: »Wenn die Eltern wiederkommen, schenk' ich dir auch was recht Schönes!«

»Du?! Was denn?« sagte die Frau lachend und verwundert.

»Du kannst dir nur wünschen!« sagte ich großmütig, »Wir haben soviel! Eine schöne Muschel, einen Käfer, einen bunten Schmetterling oder einen schönen Stein! Du kannst nur kommen, ich bitte Vater, daß er dich aussuchen läßt!«

»Das laß nur,« sagte die Frau lachend.

Wieviel hatte ich! Die Puppe für mich, die Blumen?! Das war mein Geheimnis! Als ich das Sträußchen sinnend betrachtete, fiel mir meine Zeichnung ein. Ich mußte wehmütig lächeln und mich fast freuen, daß die Flammen mein Machwerk verzehrt hatten. Wie unaussprechlich gut hatte es Gott mit mir im Sinn, er gab mir statt der stümperhaften, ausdruckslosen Zeichnung seine eigenen holden Blumen!

Nun hatte ich noch ein schweres, wichtiges Stück Arbeit vor, ich mußte meinen Vers niederschreiben, und dazu hatte ich vor innerer Erregung kaum die Ruhe.

Freundlich entlassen, begab ich mich nun auf die Wanderschaft. Breitenbach liegt dicht an Siebenlehn, aber mir kam der Weg durch den Schnee, trotzdem ich in Gesellschaft der Puppe war, recht lang vor. Ich lief in weiten Zickzacklinien so drauf los, wie mir's das Herz eingab. Die Zeit war mein, und ich tat genau damit, was ich wollte; es kümmerte sich auch niemand darum, was ich damit anfing, wenn ich nur am Abend wieder zur Stelle war.

»Sieh,« sagte ich zur Puppe, »nun gehen wir zuerst nach dem Forsthof, da ist ›Daheim‹ – und da lass ich dich! – Ich nehm' dich nicht mit zum Sattler. Warum nicht? – Ach! – Laß nur! – Das verstehst du noch nicht!«

Auf dem Forsthof ging ich mit angehaltenem Atem hinauf vor unsere Stubentür. Ich klinkte am Türdrücker, dann legte ich das Ohr an die Tür, endlich hob ich mich auf die Fußspitzen und guckte durchs Schlüsselloch – lange – lange – immer noch einmal!

»So, jetzt darfst du!« sagte ich schluchzend. »Siehst du was? Nein? Doch – du siehst etwas! Sieh mal ordentlich hin, da steht doch auf dem Tisch die Streichholzbüchse und das Lämpchen!«

Weinend brachte ich die Puppe zur Wirtin. Ich drückte ihr kaltes Köpfchen an mein Gesicht und küßte sie heftig. »Nicht für lange!« sagte ich tröstend, »dann trennen wir uns nie wieder!« – »Frau Claus,« wandte ich mich an die Wirtin, »ich muß aber wissen, wo Sie sie hinlegen!«

»Ja doch, ja! Komm mit an die Lade, sieh, hier leg' ich sie zwischen die Wäsche, du kannst sie dir da selbst wieder wegholen.«

Nun wanderte ich weiter. Bis ich zur Schule kam, war es dämmerig geworden. Auf mein Klopfen erfolgte ein deutliches: »Herein!«

Nun, da der lang ersehnte, bis ins einzelne ausgemalte Augenblick da war, verlor ich fast die Fassung. Was mir so wichtig und so groß erschienen war, das schrumpfte plötzlich in ein Nichts zusammen. Ach, wenn er nur nicht lachte! Nein, nicht lachen! – Nicht lachen!

Da wurde die Tür geöffnet, der volle Lampenschein fiel auf meine dürftige Gestalt, als ich dastand und stumm, mit bittendem Blick, das Sträußchen mit dem Vers hinhielt.

»Ei! – Christrosen!« – rief der Lehrer freundlich. »Komm doch herein, hier setz' dich! Wie geht es dir denn? Und du machst mir solche Freude!«

Da war's, als sollte mir das Herz brechen vor innerer Erregung.

»Diese Blumen,« fuhr Herr Dietze fort, »gehören mit zu meinen Lieblingsblumen. Es ist eine kleine tapfere, standhafte Blume! Wir wollen sie gleich in Wasser setzen, da hält sie sich lange, die ist abgehärtet! Deine freundlichen Worte dazu aber will ich mir aufbewahren. Warte, ich zünde die Spiritusflamme an. Eh' wir's uns versehen, haben wir eine Tasse Kaffee, und in dieser Kiste ist ein schöner Rosinenstollen, den schneiden wir an, und bis das Wasser kocht, singen wir eins von unsern schönen Weihnachtsliedern.« Er holte die Geige von der Wand und stimmte mit seiner kräftigen, jugendlichen Stimme an, und ich fiel mit meiner schwachen schüchtern ein. Wir sangen:

»Es ist ein' Ros entsprungen.
Aus einer Wurzel zart,
Als uns die Alten sungen,
Von Jesse kam die Art,
Und hat ein Blümlein bracht
Mitten im kalten Winter,
Wohl zu der halben Nacht.«

 

Als ich eines Tages aus der Schule kam, fiel es mir auf, daß mich Frau Triebel so sonderbar von der Seite ansah. Ich blickte prüfend an mir herunter, konnte aber nichts Auffallendes bemerken. Da sagte sie: »Hol' die Seife, stell' dich hinter den Ofen und wasch dich gründlich. Hier ist ein neuwaschnes Hemd, das zieh dir an, und kämm' dirs Haar.«

Sehr verwundert tat ich, was sie mir sagte, und als ich fertig war, sagte sie: »So, nun geh' mal auf den Forsthof und sieh wer da ist.«

Da wußte ich es!

Auf dem Hofplatz sah ich den grüngestrichenen Wagen, atemlos stürzte ich die Treppe hinauf, öffnete eilig die Stubentür und rief: »Ach, daß ihr doch endlich da seid! Aber nie in meinem ganzen Leben will ich den Triebel wieder sehen!«

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