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Bilder aus meinem Leben

Charitas Bischoff: Bilder aus meinem Leben - Kapitel 40
Quellenangabe
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typeautobiography
authorCharitas Bischoff
titleBilder aus meinem Leben
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunSechsunddreißigstes Tausend
year1922
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Lille Jakobs Pferd

Es war Herbst, wir hatten Kornlieferung.

Auf dem Pastoratshof war reger Verkehr. Der ganze Hof stand voller Wagen, und in unsrer Wohnstube saßen die Bauern und rauchten, und ich schenkte ihnen ihr Nationalgetränk: Kaffeepunsch. Sie rechneten mit meinem Mann und besprachen nebenher untereinander Dorfneuigkeiten.

Der eine sieht zum Fenster hinaus und sagt zu meinem Mann: »Haben Sie Lille Jakob zum Helfen, Herr Pastor?«

»Jawohl, er hat sich angeboten, möchte sich gern etwas verdienen. Leichte Arbeit ist's heute nicht, den ganzen Tag die gefüllten Kornsäcke von den Wagen zu heben.«

»Wer kauft denn Ihr Korn?«

»Gerste und Roggen kommt nach auswärts, den Hafer möchte Lille Jakob haben.«

Die Bauern nehmen die Pfeifen aus dem Mund und sehen meinen Mann erstaunt an.

»Lille Jakob will den Hafer kaufen? Was denkt denn der?«

»Das wißt Ihr wohl noch gar nicht! Lille Jakob hat sich doch in diesen Tagen ein Pferd gekauft,« sagt Pferdehändler Trulsen.

Nach dieser Mitteilung wird eine Weile tüchtig gequalmt, dann sagt einer: »Lille Jakob mag sich in acht nehmen! Ihm ist, wie er die Stelle angetreten hat, zuerst ein Huhn gestorben. Das bedeutet nichts Gutes! Wie kann der Mann, der nichts hat, sich ein Pferd kaufen! Na, das gibt sicher ein Unglück! Das beste Vieh zieht das Huhn nach sich. Warum konnte denn der nicht weiter graben! Will pflügen wie ein Bauer! Na, wir werden sehen.«

Ein andrer sagt: »Als ob so einer mit 'nem Pferd umzugehen wüßte! Muß den Hafer dafür kaufen, so ein kleiner Mann!«

Pferdehändler Trulsen, der weit herumgekommen ist, ganz bis Hamburg kommt er mit seinem Vieh, der steckt sich ein Streichholz an und sagt in Pausen, während er die Pfeife wieder in Gang bringt: »Na, – so dumm – ist das – nicht! Wenn nicht Malheur dazu kommt, kann er sich damit herauf arbeiten. Ich bin für die Aufklärung! Das mit der Henne ist der reinste Aberglaube. In ganz Hamburg, soviel Menschen, wie da auch sind, da glaubt kein einziger solchen Kram.«

»Na Hamburg! – Das Sündennest! –«

»Bist du da gewesen?«

»Ich danke! Wenn's noch Kopenhagen wär'!«

»Ja, Kopenhagen!« sagen die anderen ehrfurchtsvoll, »da möcht man wohl mal hin. Den König sehen, ja, das wär was! Aber Hamburg? Wer's nicht nötig hat, geht da lieber nicht hin!«

 

Dann kam wieder einmal der Winter. Es schneite, und wie! Der Sturm fuhr mit grimmigem Heulen durch den Schornstein. Er rüttelte an den niedrigen Fenstern, er schüttelte wie in Wut das alte, strohgedeckte Pfarrhaus, so daß es in allen Fugen ächzte und stöhnte. Und draußen wuchs die Schneewand, sie verdunkelte die Fenster. Noch früher als sonst mußten wir die Lampe anzünden. Nirgends war man sicher vor dem durchdringenden Sturm. Besorgt fragen wir uns: »Wenn uns nur nicht das Dach abgedeckt wird!«

Wie lang ist der Abend! Wir haben den Tisch an den Ofen geschoben, schaudernd horchen wir hinaus. Wer heute draußen sein muß! Es ist fast zehn Uhr, wir rüsten uns, zu Bett zu gehen. Was war das?

Schritte? – ! Schwer, langsam arbeitet sich etwas durch den hohen Schnee.

»Gott sei Dank, daß du bei mir bist,« sage ich zitternd, »ich fürchtete sonst, man brächte dich.« Wir öffnen bei dem Sturm nur widerwillig die Tür und horchen ängstlich hinaus. Da – zwei vermummte Gestalten!

»Du sollst doch hoffentlich bei dem Wetter nicht zu einem Kranken!« sage ich seufzend. Die beiden treten mit schweren Holzschuhen in die Küche. Sie sind im Schnee gewesen bis an die Arme, ein Mann und eine Frau. Ich ziehe der Frau das Tuch vom Kopfe.

»Christiane!« rufe ich erschrocken.

Auch der Mann hat ein Tuch um, das er jetzt abnimmt. Jakob! Sie stampfen den Schnee von den Füßen, wir lassen sie herein und setzen Stühle an den Ofen. Beide haben vom Weinen geschwollene Gesichter.

»Reden Sie! Was ist denn passiert?«

Ein Schluchzen ist die Antwort. Auf erneutes Fragen sagt Jakob stockend: »Lise – ist – tot! Ich bin bei dem Wetter in Riepen gewesen, aber es war zu spät!«

»War das die Mittlere?« frage ich voller Teilnahme.

Die beiden sehen mich durch Tränen verständnislos an, endlich schluchzt Christiane: »Lise – ist – unser – Pferd!«

Wir können uns nicht sofort in die Situation finden, aber endlich stellen sich Worte der Teilnahme ein.

Bis nach Mitternacht hatten wir zu tun, ehe die beiden ihre Schneewanderung wieder aufnahmen.

Am nächsten Abend schrieb ich eine Skizze und schickte sie an die Kieler Zeitung. Als das Freiexemplar kam, steckte ich es in ein Kuvert, schrieb dazu einen Brief an Doktor Meyer-Forsteck und bat, das Lesen dieser Skizze mit Gold zu bezahlen, trotzdem sie's nicht wert sei.

Die Zeitung schickte dreißig Mark, und dieselbe Summe erhielt ich von Forsteck, damit ging ich, als der Schnee geschmolzen war, zu Lille Jakob und schlug vor, diese kleine Summe als Fonds für eine Nachfolgerin von Lise anzusehen.

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