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Bilder aus meinem Leben

Charitas Bischoff: Bilder aus meinem Leben - Kapitel 35
Quellenangabe
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typeautobiography
authorCharitas Bischoff
titleBilder aus meinem Leben
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunSechsunddreißigstes Tausend
year1922
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correctorreuters@abc.de
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Line Jepsen

Eine schmerzende Unruhe und Sehnsucht trieb mich manchmal hinaus aus dem friedlich umhegten Garten. Meine Seele tastete und suchte, mein Blick ruhte mit stummer Frage auf den weit zerstreuten Strohdächern. Wie lebten die Menschen?

Die Ereignisse, die ich sah, waren Hochzeiten, Kindtaufen und Todesfälle. Zu den betreffenden Festlichkeiten luden sie uns ein, aber ich wollte mehr von ihnen wissen, ich wollte wissen, ob sie mit sich selbst zu kämpfen hatten, ob sie Verständnis für die Unruhe hatten, für das schwere, niederdrückende Gefühl, an dem ich soviel litt, weil ich mich hier in der Fremde fühlte.

»Wir wollen ihnen mit unseren Gaben helfen,« hatte mein Mann gesagt, aber wie war ihnen beizukommen? Für meinen Mann war es leichter, er übte Seelsorge an ihnen, obgleich ich meinte, auch für ihn müsse es schwer sein durch die fremde Sprache.

Hatte ich denn überhaupt etwas in mir, womit ich einem anderen dienen konnte? Bei Schusters hatte ich gesehen, daß sie das neugeborene Kind aufrecht trugen, so daß der zu schwere Kopf hin und her wackelte. Ich hatte sie gewarnt, war denn nicht schon der Peter verwachsen? Aber ich war mit meinen mancherlei Ratschlägen kalt abgewiesen worden. Sie hätte Kinder genug erzogen, sie brauche meinen Rat nicht, hatte die Frau gesagt. Dann hatte ich bei Krankenbetten ändernd einwirken wollen. Ich hatte zu diesem Zwecke das englische Buch der Florence Nightingale sorgfältig durchgelesen. Als ich meine Weisheit auskramte, waren die Frauen beleidigt. Als ich meine Niederlage meinem Mann klagte, sagte er: »Was nützt dein Reden? Du hast keine Geduld! Du willst so vielerlei und fährst unvorsichtig drauf los. Leb' ihnen das vor, worüber du sie belehren willst! Erziehe Kinder! Du gerade sagst ja, nicht durch Worte, sondern durch die Darstellung, durch die Tat, durch das Beispiel erzieht man.«

»Na!« sagte ich erregt, »ich soll erst Kinder groß ziehen, ehe ich ihnen meine Meinung darüber sagen darf? Darüber geht ja ein Menschenleben hin. Soviel Zeit hat man doch nicht!«

»Du bist hier nicht mehr in London, wo Zeit Geld ist. Du weißt doch, was Pestalozzi sagt: ›Seid innerlich aktiv, äußerlich passiv‹. Wenn du doch nur lernen wolltest, äußerlich passiv zu sein! Die Leute sind ja bis jetzt ohne dich fertig geworden, glaub' doch nicht, daß du ihnen nötig bist! Warte es ab, laß sie zu dir kommen, dräng' dich ihnen nicht auf. Lerne ihre Art erst kennen, sie sind ja gut, wenn die Politik sie nicht blind macht.«

Also stille sein und warten!

Ich grübelte lange, und ich dachte: wenn ich nur die Sprache besser beherrschte, würde es auch anders sein, ich konnte nichts ausgleichen und abrunden. Was ich sagte, war eckig und kantig, dadurch blieb ich ihnen die Fremde, Unwissende.

Einmal kam ich aus der Mühle, die im nächsten Dorfe lag. Mein Weg führte mich an einem hoch gelegenen, einsamen Häuschen vorüber. Es stand da so verlassen und kahl. Ein in die Luft ragender Ziehbrunnen hatte durch seine Höhe gar kein Verhältnis zu dem niederen Häuschen. An der Südseite lag ein kleines, nüchternes Gärtchen, auf dessen Erdwall ein paar verkrüppelte Holunderbüsche in beständigem Kampf mit dem Nordwest waren, sie sahen aus wie auf der Flucht. Krumm und geduckt, die nach Westen gerichteten Zweige kahl, so standen sie, ein Symbol beständigen Kampfes.

Line Jebsen d. 13/8 84

Ich trat ein und befand mich in einer äußerst sauberen Küche. Aus der Stube trat eine ältliche Frau. Ihr Gesicht wurde von der weißen Haube mit den buntseidenen Bändern umrahmt. Ihr sympathisches Gesicht trug noch deutlich die Spuren einstiger Schönheit. Ich sagte, wer ich sei, und sie lud mich freundlich ein, näher zu treten. Hier, wie überall sonst auch, peinliche Sauberkeit und Akkuratesse. Die Dielen weiß gescheuert und mit Sand bestreut.

Ob sie ganz allein hier wohne, so fern von allem Verkehr? Sie zeigte auf den Fahrweg und meinte, es sei nicht einsam, die Bauern, die nach Riepen führen, müßten alle hier vorüber; sie wohne übrigens auch nicht allein hier, neben der Küche sei eine Kammer, da wohne Maren Spandet, ich werde ihr wohl auch einen Besuch machen. Maren sei ihre Stütze und ihre Gesellschafterin, aber sie sei nicht von ihr abhängig, o nein, das sei eine fleißige Frau, und sie würde auch sonst unterstützt. Als sie merkte, daß ich manchmal nach dem Ausdruck suchte, sagte sie, ich könne ihretwegen gern Deutsch sprechen, verstehen könne sie es, nur sprechen könne sie es nicht mehr, sie sei ganz aus der Übung gekommen.

Ich war außer mir vor Entzücken!

Deutsch konnte ich sprechen, und ich benahm mich durchaus nicht passiv.

Ich wollte wissen, wo sie Deutsch gelernt hatte. Sie erzählte, in ihrer Jugend sei sie weit herum gekommen, ganz bis Apenrade, da habe sie bei einem deutschen Apotheker gedient, und damals hätte sie fließend sprechen können. Sie zeigte mir ihr Schlafstübchen und ihren Torfraum, dabei kamen wir an die Tür von Maren Spandet. Line Jepsen klopfte, und wir traten in einen Raum, der so klein war, daß wir die Tür offen ließen, um die Küche mit dazu zu nehmen. Der Raum hatte etwas Unfreundliches, er lag nach Norden, der Fußboden war mit gelben Steinen gepflastert, an der Wand stand ein Bett, eine Kommode und in der Ecke ein kleiner Kanonenofen. Vor dem Fenster saß eine große, magere Frau, deren Gesicht ganz mit Sommersprossen bedeckt war. Sie stand einen Augenblick auf und reichte mir die Hand. Ich bat sie, sich nicht stören zu lassen, denn sie saß vor einem Klöppelkissen. Madame Jepsen stellte mir den Küchenstuhl hin und ließ mich mit Maren allein. Sie klöppelte; und ich sah ihr interessiert zu. Das breite, flache Kissen war mit dickem, hartem Leder bezogen, die vielen Klöppel waren mit bunten Perlen verziert. Als ich eine Bemerkung darüber machte, sagte Maren, das seien zum größten Teil Geschenke, Andenken von Jugendfreundinnen. Als sie jung gewesen sei, habe man einander einen Klöppel geschenkt.

Hart schlugen die Klöppel auf das Leder, als sie sie scheinbar ganz willkürlich durcheinander warf. Und doch! Hinter dem Kissen schwebte ein Streifen fertiger Spitze, da sah ich, wie planmäßig und bewußt die Klöppel geworfen wurden, und welch ein zartes und schönes Muster da hinten hing. Ich hatte so meine Gedanken dabei. Beim Aufschauen bemerkte ich an der weiß gekalkten Wand einen eigentümlichen Schmuck, ein eingerahmtes Toilettekissen aus lila Sammet, darauf war mit großen und kleinen weißen Perlen eine Weintraube mit einem Blatt gestickt. Wie kam die Frau zu dem sonderbaren Wandschmuck? Ich fragte sie. Sie ließ die fleißigen Hände ruhen und folgte meinem Blick, dann fuhr sie sich mit der Schürze über die Augen und sagte bewegt: »Der Herr hat mir alle die Meinen genommen. Ich habe nur noch einen Sohn. Er war zu schwach, um bei den Bauern zu dienen, da gab ich ihn zu einem Schneider in die Lehre. Er war ein braver Junge und hat was Tüchtiges gelernt, aber na, – bei den Preußen dienen, – das wollte er nicht, da ist er eines Tages auf und davon, nach Amerika. Aber er ist mir ein guter Sohn, er läßt mich nicht darben, schickt mir immer soviel, wie ich brauche. Ja, und vor ein paar Jahren, denken Sie sich, da hat er mir diesen Staat geschickt und hat mir einen gar wunderbar schönen Brief dazu geschrieben, so schön, der Pastor könnt' ihn nicht schöner schreiben.«

Der Alten brach die Stimme, und ich mußte ihr Zeit lassen, dann fuhr sie fort: »Er schrieb, ich solle nun nicht das Klöppelkissen soviel brauchen, ich solle zu ihm nach Amerika kommen, da will er für ein schönes Ruhekissen sorgen, es soll so schön sein wie das da!« und sie zeigte auf das lila Sammetkissen.

»Ich hab' mich ja so gefreut,« schluchzte sie, »ich hab's mir in Riepen einrahmen lassen, dann hab' ich's doch immer vor Augen, und es leidet nicht, und andere können auch ihre Freude daran haben.«

»Aber nach Amerika wollen Sie doch nicht noch?«

»Doch!« sagte sie, »nur noch nicht gleich, man ist ja nicht so schnell parat. Aber sehen Sie, ich hab's ganz schlimm, ich hab' immer so eine Sehnsucht!«

Ich nickte. »Ja,« sagte ich, »das kenne ich!«

Also hier, in diesem elenden Raum, war auch eine, die kämpfte mit Sehnsucht. Das häßliche, magere Gesicht war durch das starke Gefühl, das in ihr arbeitete, verklärt und sympathisch.

Ich ging nun wieder zu Madame Jepsen, sie saß am Spinnrad, stand aber auf und setzte sich zu mir.

Ich war ganz aufgeregt über meine Erlebnisse und bestürmte meine neue Bekannte, doch recht oft zu uns zu kommen, der Garten sei so schön, und ich wolle ihr gewiß einen guten Kaffee kochen. Madame Jepsen war sehr freundlich, aber sie gab mir keine Zusage. Ich meinte, das sei Bescheidenheit, aber bald erfuhr ich, daß es etwas anderes war. –

Ich war von meinen Erlebnissen so erfüllt, daß ich meinem Mann eine lange, lebhafte Schilderung von meinem Gang zur Mühle machte. –

Eines Tages kam mein Mann mit einer Einladung vom alten dänischen Küster. Wir sollten seinen Geburtstag feiern. Wie ich mich freute! Eine Geburtstagsfeier würde ich lieber mögen als sonstige Festlichkeiten, denn ich nahm an, es würde dabei nicht so formell hergehen.

Mit glücklicher Erregung zog ich mich an.

Wir kamen hin. Die Männer saßen in der einen, die Frauen in der anderen Stube. Ich brauchte heute nicht obenan zu sitzen, ich konnte mich hinsetzen, wohin ich wollte. Das war aber nett! Da saß schon Madame Jepsen in ihrem geblümten, schwarzen Damastkleide. Lebhaft ging ich auf sie zu und begrüßte sie, ich zog einen Stuhl heran und setzte mich zu ihr. Ich machte ihr Vorwürfe, daß sie gar nicht gekommen war.

Aber, was war denn das?

Steif und kalt saß sie da. Sie tat, als hätte sie mich nie im Leben gesehen.

Sie sah in einer so abweisenden Art gerade vor sich hin, daß ich fühlte, wie mir die Tränen hoch kamen. Freiheit, mir einen Platz zu wählen, hatte ich, aber was nutzte mir das, wenn sich keine Beziehung anknüpfen wollte? Von meinem Mann war ich getrennt, nicht einmal einen warmen Blick von ihm konnte ich erhaschen. Es geschah mir recht! Warum wollte ich unter Menschen? Selbst wenn mein Mann mich allein lassen mußte, so hatte ich doch alle meine stummen Freunde, meine Bücher, die mich nicht täuschen und verleugnen würden.

Als ich mein Staunen über Madame Jepsen äußerte, sagte mein Mann: »Sie hat sich vor den anderen gefürchtet, die sollten nicht sehen, daß sie Beziehungen zur deutschen Pastorin hatte.«

Also das war es! Der sichtbare Horizont so weit, der geistige so eng!

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