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Bilder aus meinem Leben

Charitas Bischoff: Bilder aus meinem Leben - Kapitel 32
Quellenangabe
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authorCharitas Bischoff
titleBilder aus meinem Leben
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunSechsunddreißigstes Tausend
year1922
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correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Besuch der Mutter

Ich litt viel an Kopfschmerzen und Ohnmachten, und als im Sommer der Kreisphysikus in die Schule kam, um die Kinder zu impfen, machte ich es, wie die andern Leute auch, die all ihre Klagen auf diesen Tag aufsparten.

Der Physikus kam mit hinunter, und als er sah, daß wir Schwamm in der Schlafstube hatten, wunderte er sich nicht. Er untersuchte mich und konstatierte hochgradige Bleichsucht, verschrieb mir Pillen und verordnete Ruhe. In dieser Zeit besuchte uns meine Mutter. Sie wurde von uns mit ernsten Vorwürfen empfangen. Unangemeldet, bei glühendem Sonnenbrand, kam sie mit ihrer Reisetasche und einem Plaidbündel von Scherrebeck zu Fuß an. Der Hut war ihr in den Nacken gerutscht, sie selbst war staubbedeckt und von der Hitze und Anstrengung ganz aufgelöst.

»Du kommst zu Fuß!« riefen wir vorwurfsvoll.

»Ach,« sagte sie lachend, »wäre ich nur artig auf der Landstraße geblieben, dann wäre doch wirklich nichts dabei gewesen, aber ich dachte, als ich erst den Kirchturm sah, ich wollte abschneiden, und das ist mir nicht gut bekommen.«

»Na, durchs Heidekraut und auf der schattenlosen Ebene!«

»Mach' doch nicht solches Wesen von dem bißchen Heidekraut, und daß die Sonne brennt, das habe ich noch ganz anders kennen gelernt. Das Schlimme waren die Tümpel und wo Felder waren, die Gräben!«

»Ach, was hast du nur gemacht?« »Was sollte ich machen? Ich warf Tasche und Bündel hinüber, und dann mußte ich hinterherspringen. Aber man ist ja nicht mehr so jung, die Glieder werden steif.«

»Na,« sagte ich zürnend, »ich bin ganz außer mir!«

»Unsinn! Als ob ich nicht ganz andre Wege gemacht hätte!«

»Wenn du's auch deinetwegen kannst, du darfst es aber unsertwegen nicht tun! Was denkst du wohl, was die Leute von uns sagen? Feine Leute holen sie mit dem Wagen, aber die arme, alte Mutter, die kann den Weg zu Fuß machen.«

»Na, da laß sie reden! Wen beleidige ich denn damit, wenn ich euch Umstände und Kosten sparen will?«

Sie war nicht zu überzeugen.

»Habt ihr eigentlich hier immer Wind? Auch wenn es sonst heiß ist?«

Ich nickte. Aber weder Wind noch Sonne hielten sie ab, allerlei Entdeckungsstreifereien zu unternehmen. Interessiert erzählte sie mir, daß sie hier fast Alpenflora fände. Von einer Zwergweide brachte sie Zweige mit zum Beleg. Was mich aber ganz besonders entzückte, das waren die zauberhaft feinen Blüten des Fieberklees: Menyanthes trifoliata.

Ich erinnerte mich nicht, diese Wunderblume je gesehen zu haben.

»Ungesehen und von niemand bewundert, blüht sie da ganz im verborgenen,« sagte sie sinnend.

Solange sie blühte, brachte mir die Mutter täglich einen Strauß.

Da ich viel ruhen sollte, saßen wir, den Kinderwagen mit der ruhigen, freundlichen Charitas an unserer Seite, oft miteinander im Garten, und an den langen Sommertagen sprachen wir viel von unserer fernen Heimat und von der Vergangenheit. Wir lebten ganz in Erinnerungen, und es bewegte die Mutter tief, wenn ich ihr aus meiner Kindheit erzählte, von Zeiten, die sie nicht mit mir durchlebt hatte. Manches wußte sie aber wieder besser und ergänzte das, was mein Gedächtnis mir nur dunkel und verschwommen malte. Bei der Gelegenheit erzählte sie auch ihr eignes, wechselvolles Leben. Wie drastisch und lebhaft schilderte sie Gegenden, Menschen und ihre eigenen Empfindungen.

Diese Ruhetage waren reiche Tage, sie regten mein ganzes Seelenleben an und auf. Bis in meine Träume verfolgten mich die Bilder, die meine Mutter mir in dem stillen Garten zeigte. Wie lebhaft wünschte ich, das alles festzuhalten, was wir miteinander sprachen, ehe die Eindrücke durch die Zeit verblaßten.

Sie war monatelang bei uns, und erst als die kältenden Nebel sich über die Heide senkten, und als der Sturm ums Haus heulte, ging sie wieder nach Hamburg.

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